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Evangelikal? Aber ja doch!

Wer sich als evangelikal outet, macht sich angreifbar, denn Definitionen davon, was evangelikal ist, gibt es mehr als Evangelikale selbst. Jeder hat da so ein Bild im Kopf.

  • Evangelikale, das sind die ernsten und besonders frommen Ultras. 
  • Evangelikale, das sind radikale Christen. 
  • Evangelikale sind Fundamentalisten. 
  • Evangelikale, das sind die Homosexuellen-Hasser. 
  • Evangelikale sind Spaßbremsen, die überall Sünde und Verderbnis wittern. 
  • ...
Dergleichen Bilder meine ich. Und ganz ehrlich: Das alles will ich nicht sein und bin es nicht. Ich will kein Ultra sein, sondern ein besonnener Mensch. Ich will kein Radikaler sein, sondern einer, der ausgleicht und Brücken baut. Ich will kein Fundi sein, sondern ein Realist, der mit beiden Beinen fest auf der Erde steht (und dabei in Christus verwurzelt ist). Ich hasse Homosexuelle nicht, sondern hab sie genauso gern oder nicht gern wie andere Leute. Und Spaß? Spaß ist mir wichtig. Ich feiere gern und liebe gutes Essen, Schokolade und einen guten Gin mit Tonic.

Und doch oute ich mich als Evangelikaler. Für mich bedeutet "evangelikal" dreierlei: 

1.) Die persönliche Beziehung zu Jesus und die Entscheidung für ein Leben mit ihm ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Christsein ist keine Meinung oder Weltanschauung, sondern Freundschaft mit Jesus und Hingabe an ihn. Die Entscheidung für Jesus ist die wichtigste Entscheidung, die ein Mensch in seinem Leben treffen kann und die ich getroffen habe. Jeden Tag mit ihm zu leben, das, was man denkt und fühlt und tut, mit ihm zu besprechen - das ist Christsein. Weil Jesus kein großer Lehrer ist, der vor 2.000 Jahren mal gelebt hat, sondern weil er wirklich lebt und dein und mein Herr und Freund sein will - weil er der lebendige Sohn Gottes ist, der mit dir das Leben teilen will und der für deine Erlösung gelebt und gelitten hat und gestorben und auferstanden ist. 

2.) Die Autorität der Bibel. Ja, die Bibel ist ein historisches Buch. Na klar. Aber sie ist zugleich lebendiges Wort Gottes. In ihr spricht der Allerhöchste. Un aus ihr wissen wir überhaupt von Jesus und von dem, was er wirklich ist. Deshalb lohnt es sich, die Bibel jeden Tag zu lesen und zu studieren und ihr zu folgen. 
Natürlich muss jeder Bibelleser dann unterscheiden: Was von dem, was ich da lese, hat Gott für ganz bestimmte Menschen in einer ganz bestimmten Situation gesagt (z.B. die Speisegebote des Alten Testaments), und was sagt er allen Menschen zu allen Zeiten an allen Orten (z.B. dass er sie unendlich liebt und dass Jesus gestorben ist, um für ihre Schuld zu bezahlen). Diese Unterschiedung ist eine anspruchsvolle Aufgabe und manchmal sind wir Christen uns da gar nicht so einig (zum Beispiel bei der Frage nach Frauen im Predigtamt oder eben nach der Homosexualität). Aber leichter ist die Autorität der Bibel nicht zu haben. Ich jedenfalls mag ohne die Bibel nicht leben - nicht einen einzigen Tag lang, und immer wieder erfahre ich Gottes heilsame Stimme in ihren Worten. Und ich versuche, ihr zu folgen, ganz schlicht gehorsam zu sein. 

3.) Die Freude an Gemeinschaft mit andern Christen. Ich bin Methodist, und ich bin es gerne. ich mag meine Kirche. Von Liebe will ich da nicht sprechen, aber ich mag sie. Aber entscheidend ist das Methodist-Sein für mich nicht. Entscheidend ist, ob jemand Jesus lieb hat, und alle, die Jesus lieb haben, egal in welcher Kirche sie leben, sind für mich Schwestern und Brüder. Mit allen, die ihr Leben ihm anvertraut haben, die Ja zu ihm gesagt haben und in einer persönlichen Beziehung mit ihm leben, will ich gemeinsam in seiner Mission unterwegs sein. Und auch wenn wir das eine oder andere unterschiedlich verstehen und interpretieren und uns darüber herzhaft streiten können, sind wir doch eins in der Liebe zu Jesus und im Leben mit ihm und im Gehorsam gegenüber der Autorität der Bibel. 

Diese drei Dinge bedeuten in meinen Augen evangelikal. Mit anderen Worten: Einen Evangelikalen erkennt man nicht daran, ober er für oder gegen die Segnung homosexueller Paare ist oder für oder gegen die Taufe von Kindern, sondern daran, ob er Jesus lieb hat, ob er mit ihm lebt und ihm dient, ob er der Bibel folgt (nicht meinem Verständnis der Bibel, sondern der Bibel) und ob er Gemeinschaft mit allen denen sucht, die das auch tun. 

In diesem Sinne bin ich evangelikal. Und ich bin es gern. 


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