Montag, 2. November 2015

Ganz schön verrückt: Vergebung

(Predigt, gehalten in der EmK Altersbach und der EmK Schmalkalden am 1.11.2015)

Wenn einer mir Unrecht tut - immer wieder - , soll ich ihm dann immer wieder vergeben?, fragt Petrus Jesus. Und Jesus antwortet: Ja, das sollst du. Du sollst ihm nicht nur einmal oder ein paar mal, sondern immer und immer wieder vergeben. Und um zu verdeutlichen, was er damit meint, erzählt Jesus dann ein Gleichnis:

23 Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte.  4 Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. 25 Da er's nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. 26 Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's alles bezahlen. 27 Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch.

28 Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! 29 Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's bezahlen. 30 Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.

31 Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. 32 Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; 33 hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? 34 Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. 35 So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.  (Matthäus 18,23-35)

Was für ein verrückter König… 

Hab ich recht? Eigentlich ist das doch unvorstellbar. Verrückt eben. Der Knecht schuldet seinem König 10.000 Zentner Silber, heißt es in Vers 24. Eine Riesensumme ist das. Heute wäre das wohl einer mit einem großen Schwarzgeldkonto in irgendeinem Steuerparadies. Der „Knecht“ in unserer Geschichte ist jedenfalls kein kleiner Gauner, sondern einer, der richtig was auf dem Kerbholz hat.

Und was macht dieser König? Zuerst macht er das, was man erwartet: Er will die ganze Familie für die Schulden des Knechtes haftbar machen, um wenigstens einen kleinen Teil seines Geldes zurückzubekommen. So weit, so normal in der Welt. Aber dann, als der Knecht ihn anfleht, ihn um Gnade bittet, da wird das Herz des Königs unerwartet weich. Vers 27: Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch.

Was für ein verrückter König. Er verzichtet auf das, was ihm zusteht, zugunsten seines Knechtes. Er verzichtet, obwohl er die Macht und die Möglichkeit hat, es einzufordern. Er verzichtet, allein deshalb, weil der Knecht ihn darum bittet. Verrückte Gnade ist das. Und genau so, sagt Jesus, ist Gott, unser Vater. So ist Gott, wenn es um das geht, was wir ihm schuldig bleiben: unsere ungeteilte Liebe, unsere Hingabe, unsern Gehorsam. So ist Gott, wenn es um unsere Bosheit geht – unsern Jähzorn zum Beispiel, unsere gebrochenen Versprechen, uns zu bessern, unsere Gier, unsern Egoismus, unsere Lieblosigkeit. So ist Gott – ein verrückter König.

Denn Gott macht das, was der verrückte König in unserer Geschichte tat: Wenn wir ihn um Vergebung bitten, dann hat er Erbarmen mit uns und lässt uns frei und unsere Schuld vergibt er uns auch. Gott, der verrückte gnädige König.

Das erste, was wir an unserer Geschichte lernen können, ist also: So ist Gott. Gott, wie Jesus ihn uns nahebringen will, ist positiv verrückt – verrückt vor Liebe zu uns. Gott ist verrückt in dem Sinn, dass er uns tatsächlich alle unsere Schuld vergibt, wenn wir ihn darum bitten. Er verzichtet uns zugute auf das, was ihm eigentlich zusteht – worauf er ein Recht hat.

Gott, sagt Jesus, ist immer bereit zu einem neuen Anfang mit dir, und vielleicht ist heute genau der richtige Moment, um wie der Knecht im Gleichnis, Gott genau darum zu bitten: Ja, ich weiß, dass ich dir schuldig geblieben bin, was dir zusteht. Ich weiß, dass du zornig auf mich bist. Ich hab viel falsch gemacht. Bitte vergib mir. Fang mit mir neu an. Vielleicht, wie gesagt, ist gerade heute der Tag, an dem das für dich dran ist.

Jesus jedenfalls lädt uns alle dazu ein und sagt: Auch wenn du richtig viel auf deinem Kerbholz hast, wird Gott dir vergeben – er wird dir alles vergeben. So ein verrückter König ist Gott. Verrückt vor lauter Liebe zu dir. Er vergibt dir, wenn du ihn darum bittest, und er fängt heute wirklich ganz neu mit dir an.

Aber dann der nächste Abschnitt unseres Gleichnisses:

Was für ein verrückter Knecht…

Da ist dieser Mann gerade eben befreit worden von unvorstellbar hohen Schulden. Eine Millionensumme wurde ihm einfach so erlassen. Man sollte meinen, er weiß gar nicht, wohin mit seinem Glück.

Aber was passiert? Auf der Straße begegnet er einem Nachbarn, der ihm ein paar Euro schuldet. Mehr ist das nicht.  Und was macht der Knecht? Er geht diesem Nachbarn ganz buchstäblich an die Wäsche. Er würgt ihn (Vers 28) und fordert das Geld, das er ihm geliehen hat, unbarmherzig und ohne jede Gnade zurück.

Gerade eben noch hatte der Knecht selbst den König um Gnade angefleht. Jetzt bittet ihn sein Nachbar: Hab doch Geduld mit mir, gib mir noch etwas Zeit, ich will ja bezahlen. Aber der Knecht bleibt hart, unbarmherzig, kalt. Vers 30: Er wollte aber nicht, sondern… warf seinen Schuldner ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte. Er wollte nicht. Das ist alles. Mehr Gründe braucht er nicht.

Was für ein verrückter Knecht. Alles, sein Leben, seine Familie, seine Freiheit, verdankt er ausschließlich der Barmherzigkeit des verrückten Königs, der ihm seine Millionenschulden großmütig erlassen hat. Aber statt nun seinerseits dem Nachbarn die paar Euro gutzuschreiben, die er ihm geliehen hat, bleibt er hart und unnachgiebig und bringt seinen Schuldner sogar ins Gefängnis. Verrückt – diesmal nicht im positiven, sondern im negativen Sinn des Wortes. Verrückt vor Rechthaberei ist der Knecht.

Und genau so, sagt Jesus, so sind wir oft auch. Und er meint damit uns Fromme. Alles verdanken wir der Gnade Gottes: unser Leben, unsern Glauben – einfach alles. Wenn Gott uns nicht gnädig wäre, uns nicht vergeben hätte, dann wäre es aus mit uns. Wenn Gott nicht für uns auf alles verzichtet hätte, was ihm zusteht, dann wären wir für ewig von ihm und vom Leben getrennt.

Und was machen wir? Wie der Knecht im Gleichnis bestehen wir auf unser Recht, anstatt selbst auch gnädig mit andern zu sein. Gott ist so verschwenderisch mit seiner Güte und Vergebung – so verschwenderisch, dass er sogar mich angenommen hat, dass ich aufrecht leben darf trotz aller Schuld, die ich getan habe. Und was mach ich? Ich trag den andern ihre Fehler nach und werf sie ihnen manchmal noch nach Jahren vor. Gnadenlos sehe ich auf die Schwächen der andern, statt sie – wie Gott es mit mir tut – aufzurichten und stark zu machen. Eigentlich müsste ich doch vor Glück kaum laufen können: Gott hat mir vergeben, hat mich angenommen und will was mit mir anfangen. Ich müsste doch nun eigentlich rumlaufen und selbst auch vergeben und nachsehen und andere aufrichten, was das Zeug hält. Verrückt, dass ich so oft nicht bereit bin, zu vergeben und stattdessen auf mein Recht bestehe. Ich scheine wirklich nicht mehr zu retten zu sein.

Aber unsere Geschichte geht ja noch weiter:

Was für ein verrückter Jesus...

Eigentlich sind wir doch alle hoffnungslose Fälle. Gott vergibt uns alles, er opfert seinen eigenen Sohn, um uns zu vergeben, und wir sind nicht in der Lage, einander unsere Fehler und Schwächen nachzusehen. Gott ist unglaublich barmherzig uns gegenüber, und wir gehen so ungnädig miteinander um. Eigentlich hoffnungslose Fälle…

Aber nicht für Jesus. Jesus gibt einfach nicht auf. Er warnt und mahnt und lockt und ermutigt und kämpft um uns – um dich und mich – wie ein Löwe. Für Jesus gibt es definitiv keine hoffnungslosen Fälle. Er stellt uns die Frage: Was wäre denn, wenn Gott dir gegenüber so unbarmherzig wäre wie du es andern gegenüber bist? Jesus setzt darauf, dass sogar wir es lernen können, Vers 35, einander zu vergeben, ein jeder seinem Bruder.

Der Jesus, der unser Gleichnis erzählt, das ist ja der, der noch am Kreuz für seine Folterer gebetet hat: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das ist der Jesus, dem wir nachfolgen, dessen Jünger wir sind und von dem wir lernen dürfen und wollen. Und er macht uns Mut, dass das wirklich geht.

Ein Freund, der von sich selbst meint, dass er nicht glaubt, hat mit vor kurzem, als wir zusammensaßen, gesagt: Weißt du, was mich wirklich beeindruckt hat, war, dass Erich Honecker damals, als er entmachtet war, ausgerechnet von einem Pastor bei sich zuhause aufgenommen wurde. Das hat mich beeindruckt. Da stand einer, Pastor Uwe Holmer ist sein Name, demonstrativ ein für Vergebung und Versöhnung, für Gnade. Ganz offenbar hatte er unser Gleichnis gründlich gelesen und verinnerlicht. Pastor Holmer begründete sein Verhalten nämlich so: „Ohne Vergebung gibt es kein Leben.“ Auch wenn das schon 25 Jahre her ist, erinnern sich noch viele an diese Demonstration der Vergebung.

Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass es wirklich geht. Vergebung kann man lernen und Vergebung kann man leben. Jesus jedenfalls ist so verrückt, gerade uns das zuzutrauen.

Und mal ehrlich: Wie würde unsere Welt wohl aussehen, wenn wir Christen damit endlich ernstmachten und mit Vergebung so großzügig und verschwenderisch umgingen wie unser Herr es tut. Es wäre bestimmt eine andere Welt – davon bin ich überzeugt.

Für einen kurzen Moment der Stille nach der Predigt möchte ich euch einladen, an jemanden zu denken, der euch Unrecht getan oder euch verletzt hat. Jemanden, über den ihr euch geärgert habt oder auf den ihr sauer seid. Bestimmt gibt’s da wen. Und dann lasst uns in der Stille vor Gott diesen Menschen vergeben. Fangen wir einfach damit an.

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