Donnerstag, 11. Dezember 2014

Trainingslager für Ungeduldige

Vorfreude sei die schönste Freude, sagen manche. Ein beliebtes Sprichwort, das man oft hört. Für mich gilt das nicht. Geduld ist keine meiner herausragenden Gaben, und das Warten auf etwas, auf das ich mich freue, ist für mich kein Vergnügen, sondern oft eine Qual. Warten, das ist für mich im Normalfall nicht Vorfreude, sondern Sehnen, dass das Warten endlich ein Ende hat.

Überhaupt ist Geduld in unserer Gesellschaft ziemlich unmodern geworden. Alles soll schnell gehen und schnell fertig werden. Die Post klagt darüber, dass viel weniger Briefe und Postkarten als früher geschrieben werden. Wir schreiben E-Mails oder Whats-App-Nachrichten. Das geht einfach schneller. Statt „Gute Nacht“ schreib ich dann Gute N8, weils eben schneller geht, und manchmal tuts auch einfach ein Smily, sodass die Nachricht ganz ohne Worte auskommt. Ein Klick, und ich hab mitgeteilt, wie es mir geht. Schade, finde ich: Mit den Briefen, in Handschrift verfasst, also ganz persönlich, zum Anfassen und Aufbewahren in irgendeiner Kiste geht uns was verloren. Ein Stück Kultur, ein Stück Persönlichkeit. Aber diese Entwicklung ist typisch für unsere Zeit: Geduld ist unmodern geworden.

Jakobus allerdings ermahnt die Jesusleute im 5. Kapitel seines Briefes zu genau dem: zur Geduld. Er schreibt: So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“ (Jak 5,7-8)

Mit seinem Beispiel trifft Jakobus ins Schwarze: Ein Landwirt muss in der Tat schon von Berufs wegen geduldig sein. Auf keinen Fall darf zu früh gemäht, Heu eingeholt oder geerntet werden. Davon hängt viel ab. Ein Landwirt braucht Geduld.

Daran, sagt Jakobus, sollen wir uns ein Beispiel nehmen, und geduldig auf den Herrn warten. Jesus hat ja versprochen, dass er wiederkommen wird. Er hat versprochen, dass Gott sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufrichten wird, dass alle Tränen getrocknet und alles Leid ein Ende haben wird.  Da sollen wir, sagt Jakobus, nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen, sondern wie der Bauer geduldig sein. Geduldig warten und hoffen und das unsere dafür tun, dass diese große Vision des Friedens und der Heilung Wirklichkeit wird.

Um so zu leben wie Jesus, um zu vergeben und Frieden zu stiften, um gewaltlos und sanftmütig Unrecht zu überwinden und Gottes Nähe zu allen Geschöpfen zu leben, braucht es Geduld. Es braucht den freiwilligen Verzicht auf schnelle sichtbare Erfolge, es braucht die durchgehaltene Hoffnung gegen allen Augenschein. Vielleicht ist die Adventszeit eine Art Trainingslager für so ungeduldige Leute wie mich. Eine Zeit des Wartens und der Vorfreude auf Weihnachten. Eine Zeit, in der wir lernen können, auch insgesamt adventlicher zu leben – geduldiger und zufriedener mit den langsamen Fortschritten, die Zeit und einen langen Atem brauchen.

Das schenke uns Gott, dass wir wachsen in seiner Liebe, im Vertrauen und in der Geduld.

Montag, 8. Dezember 2014

Sterben und Auferstehen in der Meditation

An excerpt from John Main OSB, “Death and Resurrection,”
MOMENT OF CHRIST (New York: Continuum, 1998), pp. 68-69. Übertragen ins Deutsche.

"Habt den Tod immer vor Augen", lehrte der Benedikt seine Mönche. In der modernen Welt verdrängen wir meist den Gedanken an den Tod, aber die christliche Tradition lehrt uns, dass, wenn wir weise werden wollen, wir uns bewusst werden müssen, dass wir "hier keine bleibende Stadt haben" und also sterben müssen.

Wir müssen darauf hören, was die Weisen der Gegenwart und der Vergangenheit uns zu sagen haben: Um das Leben zu verstehen, müssen wir den Tod verstehen. Die Notwendigkeit, über den Tod nachzudenken und zu reden ist für die "Kinder der Welt" schwer zu verstehen. Die Weisheit der Welt will uns nämlich ständig weismachen, wir seien unsterblich. Sie verführt uns dazu, unsere Augen vor unserer Sterblichkeit und der Endlichkeit unseres Leibes zu verschließen. Benedikt und die ganze christliche Tradition dagegen lehren, dass das Bewusstsein unserer körperlichen Endlichkeit uns hilft, auch unsere spirituelle Verletzlichkeit zu verstehen.

In uns allen - auch in Ihnen - schlummert, wenn auch oft verdrängt und verschüttet, das Wissen, dass wir, um wahrhaft Menschen zu sein, in Beziehung kommen müssen mit der Quelle des Lebens. Wir müssen mit der Kraft Gottes in Beziehung kommen, sozusagen unsere "irdenen Gefäße" öffnen für die ewige Liebe Gottes, die nie erlischt.

Das Ruhegebet, die christliche Meditation, ist ein Weg, unsere Sterblichkeit zu begreifen. Meditation rückt uns unsern Tod in den Blick, denn Meditation führt uns in eine Bewegung über unsern Tod hinaus zur Auferstehung, zu neuem und ewigem Leben, das aus der Einheit mit Gott erwächst.

Das Evangelium lädt uns ein, jetzt und heute diese Erfahrung zu machen. Wir alle sind eingeladen, unser altes Selbst, unser Ego sterben zu lassen: unsere Selbstbezogenheit, unsere Begrenztheit. Wir sind eingeladen, zu sterben und zugleich zu neuem Leben zu erstehen: zu einem Leben der Gemeinschaft, der Vereinigung, zur Fülle des Lebens ohne Furcht.

Wenn wir uns hinsetzen zum Ruhegebet, zur Meditation, begeben wir uns in die Bewegung von Tod und Auferstehung hinein. Wir tun dies, indem wir uns über unser Leben und all seine Begrenzungen hinaus ausstrecken auf das Geheimnis Gottes hin. Wir erleben, jeder von uns in eigener Erfahrung, das Geheimnis Gottes als das Geheimnis der Liebe, der unendlichen Liebe, die alle Furcht austreibt.

(Das englische Original des Textes findet sich hier:
http://us4.campaign-archive1.com/?u=c3f683a744ee71a2a6032f4bc&id=f3bdc5f6ff)