Dienstag, 4. November 2014

Vor 25 Jahren

Es war unser erster gemeinsamer Urlaub als Paar. Vor ziemlich genau 25 Jahren ging es los. In Danis altem R4 brachen wir auf. Unser Ziel: Mücheln (Geiseltal) in der damals noch existierenden DDR - nahe Halle an der Saale. Nachts um 12 passierten wir reichlich nervös die Grenze bei Herleshausen.

Uns erwarteten 10 ungeheuer spannende Tage, die wir bei unsern Verwandten in Mücheln erleben durften. Wir besuchten zusammen wunderschöne Städte: Halle, Leipzig, Naumburg und und und. Überall, wo wir auch hinkamen, wurde diskutiert: über Demokratisierung, über Freiheit, über die Zukunft, über Veränderungen - und auch über Befürchtungen und Ängste. Die politischen Fragen des Landes waren allgegenwärtig - und es roch nach Revolution.

Mitten in unserm Urlaub dann der 9. November: die Grenzöffnung. Waren wir auf dem Hinweg an der Grenze noch streng kontrolliert und ins Verhör genommen worden, wurden wir 10 Tage später von nunmehr beschäftigungslosen Grenzpolizisten nur noch durchgewinkt - zusammen mit vielen Bürgern der DDR, die unterwegs waren zu IHREM Urlaub - in Hessen, Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Tage waren das, die Dani und ich wie so viele andere auch niemals vergessen werden.

Mit diesen Erinnerungen im Sinn lese ich heute die Tageslosung: "Ich, spricht Gott, will euch mehr Gutes tun als je zuvor, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin." Hesekiel 36,11

Montag, 3. November 2014

Schaffet, dass ihr selig werdet - Über geistliche Übungen

(Predigt in der EmK Detmold am 2. November 2014)

Der Predigttext für den Reformationstag, den wir vorgestern gefeiert haben, irritiert mich. Am 31. Oktober erinnern wir uns ja an Martin Luther und die andern Reformatoren und vergewissern uns, was denn an unserer Art zu glauben und mit Jesus zu leben, evangelisch ist. Da geht es dann inhaltlich meistens vor allem um die Rechtfertigung aus Glauben. Also darum, dass wir, um von Gott angenommen zu sein und gerechtgesprochen, nichts bringen müssen: keine guten Werke, keine Frömmigkeit oder Anständigkeit, keine Verdienste. Gott nimmt uns allein um des Glaubens willen an. Das ist die evangelische Kernbotschaft, die normalerweise am Reformationstag im Mittelpunkt der Predigten steht.

In diesem Jahr aber stammt der vorgeschlagene Predigttext aus dem 2. Kapitel des Philipperbriefes. Da schreibt Paulus in den Versen 12 und 13: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“

Ja, denke ich: In dem zweiten Satz, da steckt die reformatorische Botschaft deutlich drin: „Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ Verlass dich also auf Gott – auf ihn allein. ER selbst spricht dich gerecht um Christi willen und ER nimmt dich an, ohne dass du dafür etwas leisten müsstest. Zu ihm kannst du so kommen, wie du bist. Vertraue ihm. Das ist 'ne gute Botschaft. Aus meiner Sicht die beste Botschaft überhaupt. Du bist wertvoll und von Gott geliebt. Und du musst keine frommen Klimmzüge machen dafür, dass Gott dich liebt. Er liebt dich so, wie du bist. Und so, wie du bist, nimmt er dich an.

Was mich irritiert an unserm Predigttext, ist der erste Satz: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ Schaffet! Geht es nicht in der reformatorischen Botschaft gerade darum, das eigene Schaffen mal beiseite zu lassen und Gott machen zu lassen? Ja, darum geht’s, aber...

Unser Text sperrt sich gegen eine Verabsolutierung der reformatorischen Grundbotschaft. Es gilt, und es bleibt dabei: Gott liebt dich ohne fromme Werke, die du vorher tun müsstest. Er liebt dich voraussetzungslos. Das darfst du einfach glauben und dich darauf verlassen, dass er dich annimmt. Punkt. Nur: Damit ist der Glaube eben noch nicht zu Ende. Dass du glaubst allein, ist nicht das Ziel Gottes mit dir. Gott will mehr. Er will dich verwandeln in das Bild Jesu hinein und er will mit dir die Welt verwandeln.

Auf der Welt gibt es schätzungsweise 2,3 Milliarden Christinnen und Christen. 2,3 Milliarden Menschen, die mit Jesus leben. Da fragt man sich doch: Warum sieht die Welt so aus, wie sie ist? Warum gelingt es uns nicht, den Lebensstil Jesu – seine Gewaltlosigkeit und Feindesliebe und Vergebung und Barmherzigkeit – der Welt aufzuprägen? Diese Frage stellte sich auch der amerikanische Philosoph und geistliche Schriftsteller Dallas Willard, der 2013 verstorben ist und den ich sehr schätze. Ich kann jedem nur empfehlen, mal was von Dallas Willard zu lesen. Das lohnt sich. Warum ist die Welt, wie sie ist, obwohl es so viele Christinnen und Christen gibt? Dallas Willards Antwort ist: Weil wir das Evangelium auf die Hälfte verkürzt haben. Weil wir in den evangelischen Kirchen oft nur ein halbes Evangelium lehren und leben.

Wir lehren und leben sozusagen nur den zweiten Satz unseres Predigttextes: Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen, während wir den ersten Satz unterschlagen:  Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Die frühen Christen, die Männer und Frauen, die an Jesus geglaubt haben, nannten sich Jünger. Schüler also. Sie glaubten an Jesus, daran, dass er der Messias, der Weg zu Gott ist. Aber das war nicht alles. Sie wollten als Jünger nun auch von ihm lernen, sich was bei ihm abgucken und ihr Leben so gestalten, wie er es tat. Das ist ein Jünger: jemand, der seinem Meister hinterherläuft und von ihm lernt, um so zu werden wie er. Und diese zweite Hälfte des Evangeliums, so meint Dallas Willard, die genauso wichtig ist wie die erste, die haben wir in den evangelischen Kirchen zumindest teilweise vergessen. Denn Jünger sein und als Jünger leben, das bedeutet systematisch und geplant daran arbeiten – eben zu schaffen - , so zu leben wie der Meister.

Vielleicht kennt ihr das: Auf der Straße oder auf dem Bolzplatz sind ein paar Kinder zusammen und kicken. Einer ruft : Ich bin Mario Götze. Er imitiert dessen Laufstil und Ballbehandlung, weil er so werden möchte wie er. Ein anderer ruft: Ich bin Mezut Özil. So wie der möchte er nämlich mal werden. Als er das letzte Mal beim Frisör war, hat er ein Foto seines Idols mitgenommen und gesagt: So möchte ich meine Haare auch haben. Er will so werden wie Mezut Özil. Er imitiert ihn, so gut er kann.

Die unangenehme Wahrheit ist: Alleine dadurch, dass dieser Junge so werden will wie sein Idol und sich die Haare so kämmt wie er, wird er es wahrscheinlich nicht werden. Wenn es dabei bleibt, wird er wie ich ein bestenfalls mittelmäßiger Fußballer bleiben.

Wenn der Junge es aber ernst meint und wirklich ein Fußballstar wie Mezut Özil werden will – was braucht es dann dazu? Zwei Dinge:

Erstens: Talent.

Ohne Talent wird niemand ein Fußballstar. Daran ist es bei mir schon gescheitert, und ich wollte doch so gern werden wie Klaus Fischer. Ohne Talent läuft nichts.

Übertragen auf das Evangelium: Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. Das ist die gute Nachricht: Gott schenkt jedem und jeder das Talent, selig zu werden. Heil zu werden. Von Schuld und Angst frei zu werden. Jedem Mann und jeder Frau schenkt Gott dieses Talent nach seinem Wohlgefallen. Gott nimmt dich an, weil er dich liebt. Er vergibt dir deine Schuld, und dafür musst du nichts bringen. Du darfst einfach glauben. Vertrauen auf das, was er in Christus für dich tut.

Aber die zweite Seite gilt eben auch: Talent alleine macht aus dem kleinen Jungen auf dem Bolzplatz noch keinen Fußballstar. Talent kann verkümmern und blass werden, wenn es nicht gepflegt und ausgebaut wird. Schon mancher Mensch, der das Talent hatte, ein großer Pianist oder eine große Schriftstellerin oder eben ein Fußballstar zu werden, ist es dann doch nicht geworden, weil er nichts aus seinem Talent gamacht hat. Denn um ein Fußballstar zu werden braucht es

Zweitens: Systemtisches geplantes Training und viel Übung.

Mich beeindruckt das, was viele Sportler da auf sich nehmen: Sie richten ihre Ernährung, alle ihre Gewohnheiten, ihr ganzes Leben auf ihren Sport aus. Sie trainieren nicht nur hart, sondern auch außerhalb der Trainingszeiten ist alles auf ihren Sport ausgerichtet. Sie verzichten auf Alkohol und Drogen und Partys, weil sie in ihrem Sport weiterkommen wollen. Ungeheuer diszipliniert arbeiten sie an ihrem Ziel.

Übertragen auf das Evangelium: Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern. Gott nimmt dich an, und dafür musst du nichts tun. Du darfst einfach glauben. Aber weil er dich annimmt, will er dich nun auch verwandeln in das Bild Jesu hinein. Er freut sich, wenn du ein Jünger sein und damit so werden willst wie Jesus. Aber so werden wollen alleine hilft dir nicht, es tatsächlich zu werden. Dazu braucht es neben dem Talent, also Gottes Gnade auch, sytematische geplante Übung.

Wie ein Sportler geht es darum, dass wir unser ganzes Leben darauf ausrichten, als Jünger Jesu unserm Meister nachzueifern, von ihm zu lernen und mehr und mehr tatsächlich so zu werden wie er.

So wie der Sportler bestimmte Übungen immer wieder macht und ganz diszipliniert auf sich nimmt, so gibt es auch für Jünger Jesu Übungen, die wir immer wieder tun können. Geistliche Übungen. Wenn wir in den Evangelien lesen, dann lesen wir davon, dass unser Meister selbst auch mit geistlichen Übungen gelebt hat. Um einige Beispiele zu nennen:

a) die Stille.

Jesus ist durch die Dörfer gezogen und hat gepredigt und geheilt. Aber immer wieder und wieder hat er – oft nächtelang – die Stille gesucht. Stille und Einsamkeit sind wichtige geistliche Übungen. Von Jesus können wir sie lernen. Allein sein mit Gott, ihn spüren und sich ihm aussetzen, ihm sozusagen stillhalten damit er wirken kann. Regelmäßige Meditation, Ruhegebet – das sind Instrument für die geistliche Übung der Stille.

b) Bibelstudium.

Jesus konnte zumindest große Teile seiner Bibel auswendig. Er zitiert sie oft. Ganz offensichtlich hat er viel Zeit damit verbracht, seine Bibel zu studieren und ihm wichtige Stellen auch auswendig zu lernen. Sie zu verinnerlichen. Das Studieren und Lernen der Bibel als geistliche Übung.

c) Essen.

Ja, ihr habt ganz richtig gehört. Essen ist eine geistliche Übung. Und zwar: Essen in Gemeinschaft. Jesus lud sich gerne selber zu Essen bei andern ein. Beim Essen kam er andern näher und entdeckte in ihnen Gottes Bild. Und das wichtigste Zeichen seiner Gegenwart, das er uns hinterließ, ist nicht nur zufällig ein Mahl – das Abendmahl oder das Mahl des Herrn. Gemeinsames Essen kann eine geistliche Übung sein.

d) Fasten und Enthaltsamkeit.

Jesus hat gefastet. 40 tage lang in der Wüste. Erst dieses Fasten hat ihn befähigt, dann so aufzutreten und zu leben, wie er gelebt hat. Und er ist ganz selbstverständlich davon ausgegangen: Wenn ich mal nicht mehr auf der Erde sein werde, dann werden meine Jünger auch fasten. Stille, Bibelstudium und Fasten kann man gut miteinander verbinden. Verzichten und Sich-Enthalten – zum Beispiel zeitweise auf Alkohol oder auf Fleisch oder auf Fernsehen verzichten – kann eine hilfreiche geistliche Übung sein.

e) Anbetung.

Immer und immer wieder betet Jesus. Er nennt Gott Abba, seinen lieben Vater und empfiehlt das auch seinen Jüngern. Lobpreis ist ihm wichtig: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ Was für ein Lobpreis Gottes. Oft bittet er Gott ganz einfach und mit kurzen Worten um Hilfe. Sein Lieblingsgebetswort scheint mir „Dein Wille geschehe“ gewesen zu sein. Dieses Wort gab ihm Kraft für seinen Weg ans Kreuz. Gebet - allein und mit andern gemeinsam - , Lobpreis und Anbetung, auch gesungen, Stoßgebete im Alltag und Gebetsworte, die man mitnimmt in die Stille, können wichtige geistliche Übungen sein.

Nur eine kleine Auswahl an geistlichen Übungen, die man bei Jesus beobachten kann in den Evangelien: die regelmäßige Stille und Einsamkeit, das Studieren und Lernen der Bibel, das gemeinsame Essen mit andern, das Fasten und die Enthaltsamkeit, das Beten und Lobpreisen in unterschiedlichen Formen.

Solche geistlichen Übungen gaben Jesus die Kraft, sein Leben zu leben. Für ihn waren sie ganz offensichtlich selbstverständlich. Sind sie das für uns auch? Und wenn nicht: Sollte es uns dann wirklich wundern, wenn wir im Glauben wenig wachsen und wenig Ähnlichkeit mit Jesus an uns spürbar ist?

Unser Predigttext – gerade am Reformationstag – sagt: Das Evangelium hat zwei Seiten, die beide gleich wichtig und bedeutsam sind: Das, was nur Gott tun kann und tut. Er spricht dich gerecht und nimmt dich an ohne Werke und ohne Voraussetzungen. Darauf darfst du dich verlassen und einfach glauben. Gott wirkt in dir beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite aber ist: Das was du tun kannst. Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Werde ein Jünger Jesu, der von ihm lernt und ihm nacheifert. Nutze dein Talent, das Gott dir schenkt und praktiziere regelmäßig die geistlichen Übungen, die du dir bei Jesus abgucken kannst – die regelmäßige Stille, das Forschen in der Schrift, das gemeinsame Essen, das Fasten und die Enthaltsamkeit, das Beten und Gott lobpreisen – mit oder ohne Noten. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam solche geistlichen Übungen neu entdecken und miteinander lernen.

Amen.