Dienstag, 22. Juli 2014

Über das Gebet der Sammlung / die Meditation

1.) Warum wir meditieren

(Ich beziehe mich in diesem Artikel vor allem auf die Art der Meditation, wie sie von Thomas Keating und anderen als Centering Prayer gelehrt wird. Weitere Infos zum Beispiel auf der Website www.contemplativeoutreach.org)

Es gibt nicht nur eine Art zu beten, sondern viele, stimmt`s? Manche davon sind sehr verbreitet und werden häufig geübt, andere dagegen weit weniger.

Wir im Westen zum Beispiel kennen vor allem das gesprochene Gebet. Beten ist demnach der Ausdruck unserer Gefühle und Gedanken in Worten vor Gott. Oder einfacher: Beten ist Reden mit Gott (meistens dann doch relativ einseitig verstanden im Sinne von Reden zu Gott).

Das Beten als Stillsein und Sich-Versenken in Gott dagegen, das ich Meditation nenne, ist in den Kirchen des Westens jahrhundertelang gar nicht oder nur sehr wenig gelehrt und geübt worden. Es ist in unsern Gemeinden deshalb heute weitgehend unbekannt.

Dabei hat die Meditation im Christentum eine lange Geschichte. Sie geht zurück auf die Wüstenmütter und -väter des 3. und 4. Jahrhunderts nach Christus. Sie wollten der Lehre Jesu vom Gebet in der Bergpredigt folgen:

"Wenn du betest, dann geh in deine Kammer und schließ die Tür zu. Dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist." (Matthäus 6,6).

Und dort bete dann ohne "viele Worte", denn 

"euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet." (Matthäus 6,7f.)

Konsequent suchten deshalb die Wüstenmütter und -väter die Vereinigung mit Gott in der Stille und im Schweigen oder im beständigen Rezitieren eines einzigen einfachen und schlichten Gebetsrufes. Das, was sie dabei erstrebten, war Hesychia - griechisch für "Ruhe" oder "gelassene Stille" in Gott.

Im Westen jedoch, wie gesagt, blieb diese alte christliche Tradition lange Zeit verborgen. Erst im 20. Jahrhundert, als viele junge Menschen in der westlichen Welt sich in ihrem Hunger nach lebendiger Spiritualität östlichen Meditationspraktiken zuwandten, wurde auch die meditative Tradition des Christentums auf verschiedenen Wegen wiederentdeckt:

  • Das Jesusgebet der Ostkirche verbreitete sich auch im Westen immer mehr, im deutschen Sprachraum v.a. durch das Werk Emmanuel Jungclaussens. Heute beten viele Menschen täglich das "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner" oder den schlichten Ruf "Jesus Christus"
  • Die Bücher von Peter Dyckhoff über das Ruhegebet als Frühform des Jesus- oder Herzensgebetes erfreuen sich v. a. im katholischen Raum großer Beliebtheit. 
  • Das Herzensgebet wird von unterschiedlichen Schulen in Wochenendkursen und Exerzitien gelehrt und findet immer mehr Menschen, die es regelmäßig üben. 
  • Aus der "christlichen Meditation" von John Main, Laurence Freeman und der Weltgemeinschaft für christliche Meditation WCCM sind hunderte Gebetsgruppen in der ganzen Welt entstanden - eine überkonfessionelle Bewegung der Meditation als "Monastery without Walls"
  • Das Gebet der Sammlung oder Centering Prayer von William Menninger, Basil Pennington und heute v.a. Thomas Keating zieht weite Kreise und findet viele Menschen, deren Gebets- und Glaubensleben es bereichert, indem es sie mit dem kontemplativen Gebet vertraut macht. 
Alle diese Formen der Meditation haben im einzelnen unterschiedliche Ansätze. Aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie nehmen die Tradition des kontemplativen Gebetes der Wüstenmütter und -väter auf und entwickeln sie für die Menschen heute zu einer zeitgemäßen Form der christlichen Meditation weiter.

Denn viele von uns heute haben große Sehnsucht nach lebendigen und ganzheitlichen spirituellen Erfahrungen. Sehnsucht nach einer Beziehung zu Gott, die über das Reden und Denken hinausgeht, die auch das Herz und nicht nur den Kopf umfasst - Sehnsucht nach Freundschaft mit ihm, der die Quelle unseres Lebens selbst ist. Und viele von uns, in- und außerhalb unserer Gemeinden, haben Sehnsucht nach echter innerer Ruhe, die aus der Verbindung zu Gott fließt - nach tiefer Ruhe mitten in unserem von Hektik und schnellem Wandel geprägtem Leben. 

Der Glaube lehrt uns: Gott, der im Geist seines Sohnes in uns ist und in uns wirkt, streckt sich uns voller Sehnsucht entgegen. Er ist uns nahe - er ist überall um uns herum und er ist in uns -, uns näher als wir selbst es sind. Er ist tatsächlich erfahrbar und er will uns die Ruhe, nach der wir uns so sehnen, schenken - tiefe innere Ruhe in der Freundschaft zu ihm -, wenn wir nur still werden und lernen, auf unsere Gedanken und Worte zu verzichten und uns der Kraft der Liebe zu öffnen und anzuvertrauen, die von ihm ausgeht. "Sei still und erkenne, dass ich Gott bin," nennt das der Psalmbeter (Psalm 46,10) Genau darum aber geht es in der Meditation. 

2.) Was Meditation nicht ist

Meditation ist kein Ersatz für andere Formen christlicher Praxis. Sie will auch andere Formen des Betens nicht ausschließen, sondern im Gegenteil sie beleben und in neuem Licht erstrahlen lassen. Sie gehört ihrem Wesen nach immer in den Gesamthorizont christlichen Lebens und kann nur dann reifen und uns verwandeln, wenn sie begleitet ist vom Lesen und Bedenken der Bibel, von der Teilhabe an christlicher Gemeinschaft und am Gottesdienst und von tätiger Liebe zu unsern Mitgeschöpfen. Mit anderen Worten: Kontemplation, die Versenkung in Gott im Gebet der Sammlung, und Aktion als aktives Leben des Glaubens gehören notwendig zusammen. 

3.) Wie wir meditieren können

Meditation ist ihrem Wesen nach einfach. Jeder Mensch kann meditieren. Alles, was wir dazu brauchen, ist unser Wille, es regelmäßig zu tun - am besten täglich, wenn möglich einmal am Morgen und einmal am Abend für jeweils etwa 20 Minuten. 

Diese Zeit schenken wir Gott und der Vertiefung unserer Freundschaft zu ihm. Wir wollen in dieser Zeit nichts erreichen und nichts erbitten, sondern einfach bei ihm sein - in Liebe und Zuneigung mit ihm zusammensein und ihn in uns wirken lassen. Meditation heißt: sich selbst loslassen und sich Gott, der Quelle des Lebens, hinhalten, ohne etwas erreichen zu wollen. Das tun wir, indem wir sowohl an unserm Leib, als auch an unserm Geist still werden. 

a) Aufrecht dasitzen

Wir beginnen die Meditationszeit, indem wir uns aufrecht hinsetzen und, wenn wir wollen, uns bekreuzigen "im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Dann können wir Gott kurz mit einem freien Gebet ansprechen, zum Beispiel: "Lieber Vater, danke, dass du mir nah bist und in mir wirkst. Die nächsten 20 Minuten will ich ganz dir schenken. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Mache mit mir, was du willst. Amen."

Dann sitzen wir einfach still und mit aufrechtem Rücken da. Wir schließen sanft die Augen und legen buchstäblich die Hände in den Schoß. Jetzt müssen wir nichts leisten. Wir sind einfach da vor Gott. Einfach bei ihm, unserm guten Freund. So wird unser Leib still. 

b) Ein Gebetswort innerlich sprechen

Um ungeteilt bei Gott zu sein und nicht von Gedanken, Geräuschen oder anderen Dingen abgelenkt zu werden, nehmen wir ein einfaches und kurzes Gebetswort mit in die Meditation. Das kann zum Beispiel eine Anrede Gottes oder des Sohnes Gottes sein, die uns besonders zusagt: "Jesus", "Christus", "Jesus Christus", "Adonaj", "Vater" oder "Abba"... Wir entscheiden uns für ein Gebetswort. Indem wir es innerlich sprechen und wiederholen, richten wir unser Inneres während der Meditation immer wieder neu auf Gott aus.

Am Anfang unserer Praxis dürfen wir dabei ruhig ein wenig experimentieren, bis wir unser Gebetswort gefunden haben. Dann aber sollten wir dabei bleiben und es nicht allzuoft wechseln, damit es in unsern Herzen Wurzeln schlagen kann. 

Dabei müssen wir unser Gebetswort während der Meditation nicht mechanisch in einem bestimmten Rhythmus wiederholen, sondern dürfen es einfach innerlich sanft und liebevoll so sprechen, wie es zu uns passt. Am Anfang der Meditationszeit wird das vielleicht häufiger und in einem schnelleren Rhythmus sein, nach einigen Minuten vielleicht langsamer und mit größeren Pausen. Vielleicht entgleitet uns das Wort irgendwann auch für einige Zeit ganz und macht tiefer innerer Ruhe Platz. Wie auch immer. Wir überlassen uns unserm Wort und in ihm Gott selbst, und wir erleben, wie es uns in immer tiefere Ruhe führt.

c) Gedanken ziehen lassen

Wichtig ist nur: Immer dann, wenn uns Gedanken, Geräusche, Vorstellungen oder Gefühle ablenken, wenn wir also merken, dass wir irgendwelchen Ablenkungen nachgehen oder uns in sie verlieren, kommen wir einfach sanft zu unserm Gebetswort zurück und nehmen es wieder auf, indem wir es erneut innerlich sprechen.

Dass in der Stille Gedanken kommen, ist ganz natürlich und unvermeidlich. Wir sollten deshalb nicht gegen sie kämpfen oder versuchen, sie zu unterdrücken. Das wäre sinnlos und würde uns außerdem erst recht ablenken. Aber wir sollten uns eben auch nicht auf die Gedanken einlassen und ihnen nachgehen, sondern wir dürfen sie einfach ziehen lassen und uns erneut innerlich ganz Gott zuwenden. Das tun wir, indem wir immer dann, wenn wir uns in Gedanken vorfinden, wieder sanft zu unserm Gebetswort zurückkehren und es innerlich sprechen und wiederholen. 

So sitzen wir da - still und ruhig - nur wir mit unserem Gebetswort vor Gott. Immer, wenn wir abgelenkt werden, kehren wir zurück in die Stille vor Gott, indem wir unser Wort innerlich wieder aufnehmen. 

d) Die Meditation beenden

Am Ende der Meditation, also nach etwa 20 Minuten, lassen wir unsere Augen noch einen Moment geschlossen. Wir hören auf, innerlich unser Gebetswort zu sprechen, aber wir genießen noch einen Moment die Stille. Vielleicht wollen wir jetzt langsam und aufmerksam ein Vaterunser sprechen oder Gott in freien Worten danken für seine Gegenwart und Nähe. Vielleicht ist die Zeit nach der Meditation der richtige Moment, um die Losungen oder einen andern Bibeltext zu lesen und in uns aufzunehmen. Was auch immer unser Weg ist: Der Übergang von der Meditation zum tätigen Leben sollte nicht schlagartig und plötzlich erfolgen, sondern ruhig und langsam, um möglichst viel von der Ruhe der Meditation mit in den Alltag zu nehmen. 

4.) Was Meditation bewirkt

Meditation, wenn wir sie täglich üben, kann uns verändern. Sie kann uns ruhiger und gelassener werden lassen und sie kann dazu beitragen, dass uns Gottes Gegenwart in unserm Leben und seine Freundschaft immer bewusster wird. Gott kann unser Stillhalten in der Meditation nutzen, um an uns zu arbeiten und uns zu prägen, uns immer mehr mit seiner Liebe zu durchdringen. Die Verbundenheit mit der Quelle des Lebens, die wir in der Meditation erfahren, wirkt sich in unserem Leben aus. Aber all das braucht Zeit - Zeit regelmäßiger Übung. 

Wir sollten die Meditation deshalb nicht nach einer Übung oder nach ein paar Tagen auswerten und beurteilen, sondern eine Zeit lang einfach regelmäßig üben und warten, was Gott durch sie mit uns macht. Meine Erfahrung ist: Ganz von allein sprechen uns nach einer Weile Menschen an, die bemerken, dass wir uns verändert haben - ruhiger geworden sind oder gelassener oder liebevoller, weniger reizbar oder ähnliches. Versuch es einfach, hab Geduld mit dir und vertraue auf die Kraft der Stille, in der Gott an dir handelt.