Mittwoch, 30. April 2014

Christliche Meditation nach John Main - Teil 1

(Aus dem Buch "Radical Simplicity" von John Main - übersetzt von Uwe Hanis)

Wie du meditieren kannst

Um zu meditieren, musst du lernen, still zu sein. Meditation ist absolute Stille in Leib und Geist.

Die Stille des Leibes erreichen wir einfach dadurch, dass wir still sitzen. Wenn du also mit der Meditation beginnst, nimm dir zuerst einen Moment Zeit, um dich bequem hinzusetzen. Die einzige unverzichtbare Regel dabei ist, dass du mit aufrechtem Rücken sitzt. Das erste, was du zu lernen hast, ist, völlig still zu dazusitzen. Deine Augen sollten dabei sanft geschlossen sein.

Dann die Stille des Geistes. Der Weg zu dieser Stille besteht darin, innerlich, in der Tiefe deines Geistes, ein Wort oder einen kurzen Vers zu sprechen und fortwährend und treu zu wiederholen. Das Wort, das ich dir dafür empfehle, ist das aramäische Wort "Maranatha". (1)

Sprich es rein innerlich, d.h. bewege dabei nicht deine Lippen. Wiederhole dein Wort von Anfang bis Ende der Meditation. Lass all deine Gedanken, Ideen und Vorstellungen einfach gehen. Folge deinen Gedanken nicht. Gebrauche keine anderen Wörter als nur dein eines Wort. Sprich einfach sanft dein Wort - in der Tiefe deines Geistes - und höre ihm zu. Richte deine Aufmerksamkeit ganz auf dein Wort. "Ma-ra-na-tha." Das ist alles, was du tun musst.


(1) Anmerkung UH: Andere Möglichkeiten aus der christlichen Tradtition sind z.B. Gebetsworte wie Abba, Jesus Christus, Jesus Messias, Jesus, Jeschuah, Immanuel oder Amen. Du kannst auch einen kurzen Psalmvers wählen, der dir besonders wichtig ist oder ein einprägsames Bibelwort wie "Mein Herr und mein Gott". Ich selbst meditiere mit dem Jesusgebet, das uns aus den orthodoxen Kirchen überliefert wurde: "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner." Dieses kurze Gebet begleitet mich jeden Tag und hilft mir, meine Freundschaft mit Christus mehr und mehr zu vertiefen. Zum Jesusgebet siehe auch eine Predigt von mir hier.

Montag, 21. April 2014

Hoffnung für Loser

(Predigt, gehalten im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Detmold gpz am Ostermontag 2014)

Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Meine Lieblings-Satirezeitschrift „Der Postillon“ titelte in dieser Woche: 97 % aller Deutschen sind dankbar dafür, dass Jesus für ein extralanges Wochenende gestorben ist. Das klingt zunächst mal ziemlich blasphemisch und einigermaßen geschmacklos. Ich weiß. Aber irgendwie stellt es mich auch in Frage: Was bedeutet mir denn Ostern wirklich? Was ist Ostern denn mehr als ein extralanges Wochenende?

Für mich ist Ostern mehr. Für mich ist Ostern - zusammen mit Weihnachten - das wichtigste Fest des Jahres. Warum das so ist und was Ostern für mich bedeutet, das kann ich am besten anhand der Ostergeschichte erklären, die wir gerade in der Lesung gehört haben.

„Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht. Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat.“ (Matthäus 28)

1.) Ostern ist ein Fest der Bewegung

Zwei Frauen sind es, die das leere Grab entdecken. Zwei Frauen, die nicht frustig zuhause gesessen haben, weil Jesus gestorben war, sondern die sich aufgemacht haben zum Grab, um „nach dem Gab zu sehen“. Zwei Frauen also, die in Bewegung, die aktiv geblieben sind.

Für mich ist Ostern wichtig, weil es mich in Bewegung hält und weil es die Bewegung in meinem Leben widerspiegelt. Ostern besteht ja nicht nur aus einem Sonntag und einem Montag, sondern ist eine Kirchenjahreszeit, die eigentlich schon mit dem Aschermittwoch in den Blick kommt. 7 Wochen lang denken wir über unser Leben nach. Wir fasten und fragen uns selbst: Wo läuft mein Leben gerade schief? Wo täte mir eine Umkehr gut? Es ist gut, dass wir solche Zeiten des Nachdenkens, solche Auszeiten haben.

Und dann kommt die Karwoche. In den englischsprachigen Ländern heißt sie „Holy Week“ - die heilige Woche. Wir stellen uns dem Leiden Jesu und erblicken in ihm auch unser eigenes Leiden und sehen ihm ins Auge: unsere Krankheiten, unsere Schuld, unsere Ängste, unsere Einsamkeit und unsere Gottverlassenheit. Die Karwoche mitfeiern heißt: dem Leiden und Sterben nicht aus dem Weg gehen, sondern es aushalten, in Bewegung aushalten – wie Jesus es ausgehalten hat.

Und dann erst kommt das eigentliche Osterfest – das Fest der Auferstehung. Ja, Jesus ist auferstanden. „Er ist nicht hier im Grab“, wie der Engel sagt. Das Leiden und der Tod haben eben nicht das letzte Wort, sondern das Leben siegt.

Ostern mag ich, weil es diese Bewegung nacherzählt, die ja letztlich die Bewegung meines Lebens ist. Ostern stellt mich vor die Frage: Wo stehe ich in alledem? Und wo stehst du? Wo stehen Sie? Stehen wir oder sind auch wir in Bewegung wie die beiden Frauen?. Mein Leben ist so ein Karsamstagsleben: Es ist noch nicht so richtig Ostern, aber ich hoffe doch, dass das Leben siegt. Ich bin noch gezeichnet vom Karfreitag – vom Leiden, von der Angst. Aber ich weiß doch, dass es auch in meinem Leben auf Ostern zugeht und dass am Ende das Leben siegen wird. Ostern – das ist das Fest der Bewegung.

2.) mag ich Ostern so, weil es ein Fest für Loser wie mich ist.

Der Engel nennt Jesus „den Gekreuzigten“ - auch nach seiner Auferstehung. Jesus bleibt „der Gekreuzigte“, der Loser. Der da auferstanden ist, das ist kein mächtiger Herrscher, der nach langem und erfülltem Leben, in dem er viel bewegt hat, alt und lebenssatt gestorben ist und nun dafür von Gott mit der Auferstehung belohnt wurde. Das wäre langweilig. Und Langeweile mag der Gott Israels gar nicht. Nein, der Auferstandene ist ein ausgemachter Verlierer, der Auferstandene ist der Gekreuzigte.

Der da hingerichtet wurde, weil er als Gottes Sohn galt, der bespuckt und ausgelacht und niedergemacht wurde – der ist auferstanden, der ist wirklich Gottes Sohn. Er wurde von Gott zum Herrn der Welt gemacht. Und er wird einmal alle Menschen richten – aufrichten nämlich wird er sie mit seiner abgrundtiefen Liebe, die ihn ans Kreuz gebracht hat.

Das macht mir Mut: Die Welt bleibt nicht, wie sie ist. Gott hebt buchstäblich unsere Welt aus den Angeln. Er liebt eben das Kleine, das Unscheinbare, das Schwache und die Schwachen. Gott hat ein großes Herz für alle Loser dieser Welt, sogar für mich. Sie werden leben – mit Jesus, dem Ersten von ihnen. Deshalb sagt der Engel als erstes: „Fürchtet euch nicht.“ Ostern heißt: Fürchtet euch nicht.

Und 3.) und letztens ist mir Ostern so wichtig, weil es mich herausfordert.

Beweisen kann man es ja nicht. Und es gibt ganz sicher gute Gründe dafür, anzunehmen, dass die Auferstehung ein Mythos ist und so, wie sie erzählt wird, gar nicht stattgefunden hat. Gelegentlich versucht mal jemand, mit mir über diese Frage zu diskutieren. Glaubst du wirklich, dass das Grab leer war, dass Jesus tot war und auferstanden ist?

Ich sag es Ihnen ganz ehrlich: Ich lass mich auf diese Diskussion nicht ein. Für die Wahrheit von Ostern gibt es keine Argumente. Ich glaube und ich weiß ganz sicher, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist und dass er lebt – auch heute. Ich glaube und ich weiß ganz sicher, dass er mein Freund und auch Ihr Freund sein möchte. Dass er sich sehnlich die Freundschaft mit ihnen wünscht. Aber argumentieren kann ich dafür nicht.

Die Wahrheit der Auferstehung, die Wahrheit der Aussage, dass Jesus tatsächlich lebt und unter uns unterwegs ist, die liegt auf einer ganz andern Ebene als auf der von Argumenten. Wie sagt der Engel zu den Frauen: „Kommt her und seht selbst.“ Einen andern Weg, die Wahrheit der Auferstehung zu erfahren, gibt es nicht. Nur den einen: Kommt her und seht. Nehme ich – und nehmen Sie – diese Herausforderung an?

Kommt her und seht, das heißt: Ihr müsst es schon ausprobieren, wenn ihr wissen wollt, ob Jesus wirklich lebt. Sucht ihn, dann werdet ihr ihn finden, denn er sucht schon lange nach euch. Bittet ihn ernsthaft darum, sich euch zu zeigen als der, der euch helfen und heil machen kann, dann wird er es tun.

Jesus als den Lebendigen zu erfahren – das kann man nicht erzwingen oder sich rational irgendwie erklären. Aber man kann sich öffnen für ihn und für seine Gegenwart. Indem man zum Beispiel die Stille des Gebetes sucht. Indem man die Evangelien langsam und aufmerksam liest und die alten Geschichten auf sich wirken lässt, sich ihnen stellt. Wie überraschend und provozierend sie oft sind. Oder indem man Gottesdienst feiert mit einer Gemeinde. Oder indem man die Nähe der Armen sucht, in denen Jesus uns ganz besonders gegenwärtig ist.

Kommt her und seht, sagt der Engel. Probiert es aus. Wenn ihr nach dem lebendigen Jesus sucht, dann wird er sich euch zeigen, dann werdet ihr ihn auch finden.

97 % der Deutschen, schreibt die Satirezeitschrift Postillon, sind Jesus dankbar dafür, dass er für ein extralanges Wochenende gestorben ist. Vielleicht kommt das der Wahrheit erschreckend nahe. In Wirklichkeit aber ist da mehr, denn Ostern ist ein ganz besonders Fest. Für mich das wichtigste überhaupt, weil es ein Fest der Bewegung ist, weil es Losern wie mir Hoffnung macht, dass das Leben siegt und weil es mich herausfordert, den lebendigen Jesus heute zu suchen und ihn zu entdecken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.