Montag, 10. März 2014

Wüstenzeiten

(Predigt in der EmK Detmold am 09.03.2014)

Um die Wüste geht es im Evangelium für den heutigen ersten Sonntag der Passionszeit. Ich lese Matthäus 4,1-11:

“(1) Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt. Dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. (2) Als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. 
(3) Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiel, dass aus diesen Steinen Brot wird. (4) Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. 
(5) Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel (6) und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab. Denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. (7) Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. 
(8) Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg. Er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht (9) und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. (10) Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. 
(11) Darauf ließ der Teufel von ihm ab und es kamen Engel und dienten ihm.” 

So weit der Bericht von Jesu Wüstenerfahrung. Es ist ja schon bemerkenswert, eine wie wichtige Rolle die Wüste in der gesamten Bibel spielt:


  • Denken wir zum Beispiel an Mose. In der Wüste begegnet er am Horeb Gott. Der beruft ihn und teilt ihm seinen geheimnisvollen Namen mit. 



  • Oder Israel. Nach der Befreiung aus Ägypten wandert das Volk Gottes 40 Jahre durch die Wüste, bevor es ins Gelobte Land einziehen darf. Hier ist die Wüste der Ort der Läuterung und der Erziehung des Volkes durch Gott, zugleich aber auch der Weg in die Freiheit. Beides gehört in Israels Geschichte zusammen: Es gibt keinen anderen Weg in die Freiheit als den durch die Wüste. Ohne Wüstenerfahrung kein gelobtes Land. 



  • Denken wir an Johannes den Täufer. Er bereitet dem Herrn den Weg, indem er die Menschen zur Umkehr und zum Neubeginn mit Gott aufruft. Und wie macht er das? Indem er sie in die Wüste ruft. Die Menschen sollen raus aus ihrem Alltag in die Wüste kommen, um umzukehren zu Gott. 



  • Oder als letztes Beispiel Paulus: Als er berufen wurde, die Botschaft von Jesus auch zu den nichtjüdischen Völkern zu bringen, da ging er als erstes - na wohin? - in die Wüste. Er zog sich zurück aus der Welt und ging in die Wüste. Allein mit sich und mit Gott, um sich seines Auftrags gewiss zu werden. 


Eigentlich kein Wunder also, dass Jesus, bevor er öffentlich auftritt, “vom Geist (Gottes) in die Wüste geführt” wird, wie Matthäus es schreibt. Die Einsamkeit, Kargheit und Abgeschiedenheit der Wüste ist ganz offenbar der bevorzugte Ort Gottes, wenn es darum geht, dass Menschen sich ihrer Berufung - oder Gottes oder des Sinns ihres Lebens bewusst werden. Bewusstwerdung - das findet in der Wüste statt.

Vielleicht ist das ein Trost für die, die gerade unfreiwillig eine Wüstenerfahrung machen. Vielen geht es ja so: Unfreiwillige Wüstenerfahrungen machen zum Beispiel viele Trauernde oder Kranke, die sich allein und einsam fühlen oder die schwermütig sind. Die sich mit Fragen nach dem Sinn ihres Lebens plagen, auf die sie keine rechte Antwort wissen. Das sind solche unfreiwilligen Wüstenerfahrungen. “Ich komme abends nicht in der Schlaf”, sagen die dann oft, “weil ich immer so viel grübeln muss.” Vielleicht ist das tatsächlich ein Trost, zu wissen: Es kann sein, dass Gott gerade die Wüstenerfahrung nutzt, damit du neue Klarheit gewinnst: Klarheit über dich selbst, über dein Leben und über deine Beziehung zu andern und zu Gott. Bewusstwerdung - das findet in der Wüste statt.

Was wir dann über die 40 abgeschiedenen Tage Jesu in der Wüste lesen, kennen wir unter dem Begriff “Versuchung”: Nach 40 Tagen des Fastens sieht sich Jesus dem Teufel, dem Bösen in Person also, ausgesetzt. Und der versucht ihn. Interessant ist der Vers 1. Da heißt es: “Dort (in der Wüste) sollte Jesus vom Teufel in Versuchung geführt werden.” Er sollte. Gott wollte das so. Deshalb wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt.

Sicher - das haben wir vorhin in der Lesung aus dem Jakobusbrief gehört: Gott will nicht, dass Menschen zum Bösen verführt werden. Gott ist keiner, der mit uns spielt. Aber Gott will diese Wüstenerfahrung Jesu - auch für uns. Er will, dass wir uns den zentralen Fragen des Lebens aussetzen, damit wir uns selbst und unsere Beziehung zu Gott finden.

Denn hinter den drei Versuchungen Jesu verbergen sich drei ganz zentrale Lebensfragen:

Die erste Frage in den Versen 3 bis 4 ist die Frage nach den Werten: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiel, dass aus diesen Steinen Brot wird. Mit andern Worten: Was im Leben ist dir wirklich wichtig? Diese Frage steckt hinter der Versuchung. Wovon lebst du? Woran hängt dein Herz? Wirst du am Ende aufgefressen von der ständigen Sorge um dein leibliches Wohlergehen? Bist du gefangen in Äußerlichkeiten und hast schon längst deine Seele daran verloren? Welche Werte zählen für dich? Was ist dir wirklich wichtig? Eine ganz entscheidende Lebensfrage - diese Frage nach den Werten, die sich Jesus - und uns - in der Wüste stellt.

Die zweite Frage in den Versen 5 bis 7 ist die Frage nach dem Glauben. Seinen Engeln befiehlt Gott, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Also stürz dich doch hinunter, meint der Teufel. Woran glaubst du? Worauf verlässt du dich im Leben? Bist du besessen von Angst und von dem Gedanken, für dich selbst sorgen zu müssen? Ist der Glaube für dich nur ein Spiel? Oder traust du dich, im Vertrauen darauf, dass Gott für dich sorgt, dich mutig von ihm führen zu lassen? Kann Glauben, Vertrauen zu deinem Lebensstil werden? Vertrauen auf Gott, auf deine Frau oder deinen Mann, auf deine Freunde? Die Frage nach dem Glauben - Worauf vertraust du? - stellt sich Jesus und uns in der Wüste.

Und die dritte Frage in den Versen 8-10 ist die Frage nach der Macht. Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Wie wichtig ist dir die Macht? Was bist du bereit, dafür zu tun? Zum Beispiel deine Macht in der Familie oder auch in der Gemeinde, am Arbeitsplatz und und und. Brauchst du Macht für dein Ego? Sehnst du dich danach? Gebrauchst du sie gerne? Gehst du verantwortungsvoll damit um und nutzt sie für andere? Oder nutzt du sie nur aus, um dich selbst durchzusetzen? Die dritte wichtige Lebensfrage, die sich in der Wüste stellt.

Drei zentrale Lebensfragen kommen also dort - in der Wüste - hoch: die Frage nach den Werten (Was ist dir wirklich wichtig in deinem Leben?) , die Frage nach dem Glauben (Worauf und auf wen vertraust du?) und die Frage nach der Macht (Wozu lebst du?). Jesus findet auf alle drei Fragen Antworten, die seine Verkündigung und sein ganzes Leben anschließend, wenn er aus der Wüste zurückkehrt, prägen werden und für die er schließlich leiden und sterben und auferstehen wird. Jesus findet durch die Auseinandersetzung mit den entscheidenen Lebensfragen in der Wüste zu sich selbst. Also auch hier: Bewusstwerdung in der Wüste.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass wir die Wüste brauchen, um uns über die entscheidenden Lebensfragen bewusst zu werden. Sogar Jesus ging das so. Wie war das? Ohne Wüste kein Weg in die Freiheit. Ohne die Erfahrung der Einsamkeit, des Alleinseins, des Leerwerdens keine Bewusstwerdung meiner selbst und Gottes und des Lebens. Wir brauchen die Wüste als Ort der Bewusstwerdung.

Genau deshalb mag ich die Passions- und Fastenzeit. Nicht als Zeit des Verzichts um seiner selbst willen, sondern als Chance auf eine Wüstenerfahrung. Ich möchte die Passionszeit nutzen, mich den Lebensfragen zu stellen, denen ich sonst gerne ausweiche: Was ist mir wirklich wichtig? Worauf vertraue ich? Woran hängt mein Herz? Wo erliege ich ungesunden und schädlichen Abhängigkeiten? Und vor allem: In welchen Lebensbereichen wäre eine Umkehr gut für mein Leben und für meine Beziehungen zu Gott und zu den Menschen? Wo brauche ich Umkehr? Von dieser Frage möchte ich mich in den 40 Tagen der Passionszeit begleiten lassen. Wo brauche ich Umkehr?

Eine Hilfe, um Antworten auf diese Frage zu finden, kann dann tatsächlich das Fasten, der Verzicht sein: 7 Wochen ohne - wie es viele in der Passionszeit tun. Oder auch das Neulernen des Fastens, wie es in der Bibel beschrieben wird: einmal in der Woche einen Tag lang ganz auf feste Nahrung verzichten, um leer zu werden für Gott, um mir meiner Abhängigkeit von Gott neu bewusst zu werden - und sich an diesem Tag sozusagen in die Wüste führen zu lassen. Dahin, wo die Fragen sind, an den Ort der Bewusstwerdung.

Mittwoch, 5. März 2014

Eine Frau voller Liebe

"Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll kostbarem wohlriechendem Öl zu ihm und goss es über sein Haar. Die Jünger wurden unwillig, als die das sahen, und sagten: Wozu diese Verschwendung? Man hätte das Öl teuer verkaufen und das Geld den Armen geben können. Jesus bemerkte ihren Unwillen und sagte zu ihnen: Warum  lasst ihr die Frau nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer. Als sie das Öl über mich goss, hat sie meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat." (Matthäus 26,4-13)

Gewalt, Vernichtung, Verrat und Machmissbrauch. Darum geht es in Matthäus 26 und auch in der heutigen Tagesschau. Die Mächtigen wollen Jesus aus dem Weg haben - diesen Störenfried - , ihn endlich zum Schweigen bringen. Dazu wird am Ende Blut fließen müssen - so viel scheint schon jetzt klar. Die Mächtigen nehmen das bewusst in Kauf.

Aber mitten darin, zwischen all der Gewalt, lesen wir von verschwenderischer Liebe, von Zuneigung und Zärtlichkeit. Die einzige Frau, von der in Matthäus 26 die Rede ist, sorgt für diesen Bruch im Text. Zärtlich salbt sie Jesus mit wohlriechendem Öl. Sie ahnt wohl, dass er sterben muss, weil die Mächtigen das so wollen - weil sie seine unkonventionelle und radikale Liebe nicht ertragen. Deshalb bringt sie ihm ihre ganze Zärtlichkeit. Vor all den Männern um ihn herum salbt sie ihn. Was für eine mutige, zärtliche und ganz buchstäblich liebe-volle Frau. Liebevoll - voll mit Liebe.

Wie dankbar ich bin, dass von ihr in der Bibel eben auch die Rede ist. Aus Liebe tut sie, was sie tut. Voller Hingabe, voller Zärtlichkeit - und ohne irgendwelche Worte. Sie wehrt sich nicht, als sie angefeindet wird von den Männern um Jesus herum.

Für wen steht diese Frau? Sie steht für all die, die auch heute der Gewalt und dem Hass ihre Zärtlichkeit und Liebe entgegensetzen. Ohne große Worte zu machen. Sie steht für all die, die sich nicht anstecken lassen von der Hysterie und Machtgeilheit derer, die das Sagen haben. Sie steht für all die, die versuchen, die Liebe mitten in all dem Hass einfach zu leben. Sie steht für all die, die den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und für die “Erfolg” eben nicht die entscheidende Kategorie ist. Für all diese Menschen steht diese eine Frau mit ihrer Geschichte in der Bibel.


Und deshalb ist es gut, was Jesus über sie sagt: “Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an diese Frau erinnern und erzählen, was sie getan hat.” (Vers 13, Einheitsübersetzung)

Sonntag, 2. März 2014

... und zog in unsere Nachbarschaft

"Und das Wort Gottes wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut und zog in unsere Nachbarschaft"
(Johannes 1,14 - The Message, ins Deutsche übertragen)

(Predigt, gehalten in der EmK Detmold am 02. März 2014)

“Dass in unserer Gemeinde gerade etwas aufbricht, merke ich,” sagt sie, als wir uns gegenübersitzen. “Ich spüre, dass da gerade was Neues entsteht, dass sich was bewegt. Aber ich weiß noch nicht so richtig, wohin uns das führt. Mir ist nicht nicht klar, wohin Gott mit uns geht.” Ich höre ihr zu und stelle fest: Mir geht es ganz ähnlich. Gott ist mit uns unterwegs. Wir spüren, dass er uns an die Hand nimmt und uns einen Weg zeigen will, den Menschen in Detmold zu dienen. Aber wie dieser Weg genau aussieht, das wissen wir noch nicht. Ein paar Tage später hab ich am Schreibtisch gesessen und auf der Website von Fresh Expressions gestöbert. Eine Menge Mutmachgeschichten gibt es da - deshalb besuche ich diese Website sehr gerne. Und eine davon hat mich an diesem Tag besonders angesrochen, weil sie fast sowas wie eine Antwort ist auf das Gespräch ein paar Tage vorher. Es ist die Geschichte aus der englischen Stadt Cirencester. Dort gibt es ein Programm der örtlichen anglikanischen Kirchengemeinde, das sich UpperRoom nennt – das obere Zimmer also. Ich möchte in dieser Predigt vom „Cafe Hinterzimmer“ sprechen. Gegründet wurde das „Cafe Hinterzimmer“ im Jahr 2008 von Leuten aus der Kirche. Die Geschichte auf der Website stammt von Kim Hartshorne, der Leiterin des Programms. Sie erzählt, was das “Cafe Hinterzimmer” für die Mitarbeitenden und vor allem für die Menschen in der Stadt bedeutet. Für mich war die Geschichte von Kim so ermutigend und bestärkend, dass ich beschlossen habe, sie ins Deutsche zu übersetzen und zu einem Brief an uns hier in der EmK Detmold umzuformulieren. Hört also den Brief von Kim Hartshorne an uns: „Liebe Detmolder Geschwister. Ich habe gehört, dass ihr euch aufgemacht habt zu den Menschen in eurer Stadt, um dem Ruf Jesu zu folgen. Ihr probiert eine Menge aus - unter anderm einen “Offenen Donnerstag”, an dem ihr eure Kirche für Ruhe-Suchende öffnet und zusammen mit allen, die das wollen, zu Abend esst, spielt und betet. Und ihr seid unsicher, wohin euch dieser Weg noch führt. Stimmts? Deshalb schreibe ich euch. Ich möchte euch erzählen von unserem “Cafe Hinterzimmer”, um euch Mut zu machen und euch zu stärken. Das Ziel des “Cafe Hinterzimmer” ist es, Menschen, die sonst nichts mit der Kirche zu tun haben, mit der Liebe Gottes in Verbindung zu bringen. Die Leute kommen ja nicht mehr selbstverständlich in die Kirche. Also müssen wir mit der Liebe Gottes eben zu ihnen gehen. Bei uns im „Cafe Hinterzimmer“ gibt es eine Regel. Und die heißt: Jeder ist willkommen und wird so akzeptiert, wie er ist. Punkt. Darüber gibt es keine Debatten. Das gilt. Unsere Gesellschaft hat sich ja in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Sie entwickelt sich immer schneller und schneller – und viele Menschen leben isoliert von diesen Entwicklungen. Sie werden nicht gehört und haben nicht teil an der Gesellschaft. Besonders vielen Armen geht das so. Sie sind abgehängt. Wir in der Gemeinde hatten das Gefühl, dass Jesus gerade diese Leute willkommen geheißen hätte. Und so beschlossen wir, seine Hände und Füße zu sein. Wir versuchen also, wie Jesus den Menschen Gottes Liebe zu zeigen, indem wir ihnen deutlich machen, dass jeder von ihnen einzigartig ist, wertvoll, schön und dazu geschaffen, Gottes Ebenbild zu sein. Über einem Laden in der Marktstraße - mitten im Ort - haben wir eine leere Wohnung gemietet und darin unser „Cafe Hinterzimmer“ eröffnet. Immer montags bis freitags haben wir am Vormittag offen und heißen jeden und jede mit einem Pott Kaffee oder Tee willkommen. Bezahlen muss man dafür nichts. Außerdem bieten wir nachmittags Meditationskurse an, essen zusammen und unterstützen Bürgerinitiativen am Ort, indem wir ihnen unsere Räume für ihre Versammlungen zur Verfügung stellen. Viele, die den Weg zu uns finden, um bei uns einen Kaffee zu trinken oder an einem Kurs teilzunehmen, haben keinen kirchlichen Hintergrund. Wenn sie ein Problem haben und mit uns darüber sprechen, bieten wir ihnen natürlich an, für sie oder mit ihnen zu beten. Wir erklären, dass Jesus sich für die kleinen Dinge des täglichen Lebens tatsächlich interessiert. Wir reden auch über das, was die Bibel sagt, und über unsern Glauben, aber wir legen Wert darauf, dass die Atmosphäre es erlaubt, auch ganz anderer Meinung zu sein oder eine skeptische Haltung zu Gott insgesamt zu vertreten. So versuchen wir, den Leuten zu helfen, sich auf den Weg des Glaubens zu machen – nicht von oben herab, sondern als Weggefährten – auf Augenhöhe. Auf manche kleine und große Gebete hin haben wir schon Antworten erlebt – manchmal beeindruckende Antworten. Trotzdem fällt uns auf, dass sich die persönliche Situation vieler unserer Gäste in Bezug auf ihr finanzielles Auskommen, ihre Familienprobleme und ihre psychische Verfassung in den letzten Jahren verschlechtert hat. Begonnen hat 2008 alles damit, dass einige aus unserer Gemeinde sich getroffen haben, um miteinander zu beten. Für unsere Stadt haben wir gebetet und darauf gehofft, Wege zu finden, als Gemeinde auf die Straße zu gehen und in die Stadt hinein zu wirken. Wir hatten Sehnsucht danach, dienend für die Menschen in der Stadt und mit ihnen unterwegs zu sein – und von dieser Sehnsucht haben wir Gott in unsern Gebeten erzählt. „Wie und wo willst du, Gott, dass wir den Menschen in unserer Stadt dienen?“ Irgendwann erfuhren wir von einigen leeren Räumen direkt in der Marktstraße. Wir besorgten uns die Schlüssel vom Eigentümer und trafen uns dort, um direkt vor Ort zusammen zu beten. 12 Leute waren wir, und wir spürten sehr deutlich Gottes Gegenwart, als wir dort zusammenkamen. Das schien der richtige Ort für unsere Mission zu sein. Und so fingen wir dann einfach an. Unser „Cafe Hinterzimmer“ wird angenommen von Leuten, die oft mit der traditionellen Kirche nichts anfangen können. „Kirche,“ denken sie, „das ist nichts für Leute wie uns. Das ist mehr was für saubere und adrette Leute in schicken Klamotten, aber nichts für uns.“ Viele unserer Gäste sind Obdachlose oder Süchtige oder psychisch Kranke. Ich glaube, die traditionelle Kirche funktioniert für diese Menschen zu sehr über den Kopf, über das Denken. Sie aber müssen das Evangelium nicht nur hören, sondern sehen und vor allem anfassen können, damit sie es glauben. Also kommen sie vorbei, um einen Kaffee oder Tee zu trinken und mit uns über das zu reden, was gerade in ihrem Leben passiert. Wir bieten ihnen an, mit ihnen zu beten, aber wir helfen ihnen auch zum Beispiel bei Briefen an Ämter, die sie schreiben müssen oder gehen mit ihnen zusammen hin, um sie zu unterstützen und ihnen den Rücken zu stärken. Diese praktischen Dinge gehören für uns zum Evangelium dazu. Wenn Jesus zu jemandem kommt, dann dürfen wir erwarten, dass sich etwas ganz praktisch in seinem Leben verändert. Also versuchen wir, herauszufinden, wo Jesus anfangen will, den Menschen, die zu uns kommen, zu dienen. Und dann machen wir eben mit. Deshalb haben wir zum Beispiel einen Alphabetisierungskurs begonnen. Einige unserer Gäste konnten nämlich nicht lesen. Jetzt können sie es im “Cafe Hinterzimmer” lernen. Die Message-Bibelübersetzung sagt in Johannes 1,14: „Das Wort wurde Fleisch und zog in unsere Nachbarschaft.“ Das ist eine gute Übersetzung. Jesus verändert die Nachbarschaft, wenn er kommt. Deshalb arbeiten wir auch zusammen mit Initiativen und Vereinen und andern Gemeinden und eben allen, die auch versuchen, Brücken für die Menschen ins Reich Gottes zu bauen. Was ist das „Cafe Hinterzimmer“ heute, nach 5 Jahren? Ich denke, es ist eine Art Mini-Sozialberatung, kombiniert mit einer kleinen Volkshochschule, einem Gebetsraum und einem Café. Es ist eine Fortsetzung der Kirche mit anderen Mitteln, die heute einfach dran sind – so wie die Methodisten in der Viktorianischen Zeit Schulen eingerichtet und die Sklaverei bekämpft haben. Es ist eine Form von Kirche, die aufgehört hat, die Menschen immer und immer wieder vergeblich zu sich einzuladen. Stattdessen haben wir angefangen, zu den Menschen hinzugehen und uns mit ihnen – da, wo sie leben – aufzumachen in die neue Welt Gottes. „Das Wort wurde Fleisch und zog in unsere Nachbarschaft.“ Die ganze Welt gehört ja Gott – alles. Deshalb sind wir Kirche mitten in der Welt. Bisher haben wir kein Treffen am Sonntag – keinen eigenen Gottesdienst. Aber es scheint, dass Gottes Geist uns gerade dahin drängt, darüber nachzudenken. Wir beten und warten, wohin Gott uns führt. Ich bin sicher, dass sich da etwas entwickelt. Wir wissen noch nicht, wie das aussehen wird – unser Team wartet noch, aber Gott ist unterwegs mit uns und hat einen Plan. Unsere Leute entwickeln mehr und mehr ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie freuen sich, einander und uns zu begegnen und haben das Gefühl, dazuzugehören. Manchmal höre ich Sätze wie: „Warum gehen wir nicht mal zusammen ins Kino?“ oder „Sollen wir den Geburtstag von … nicht hier zusammen feiern?“ Zu Ostern habe ich deshalb beschlossen, alle zu mir nach Hause zu einem Grillnachmittag einzuladen. Wir wollen feiern, dass wir zusammengehören - und dass wir zu Jesus gehören. Dazugehören – das ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft heute. Viele werden von den Entwicklungen in der Gesellschaft abgehängt und haben eben nicht mehr das Gefühl, dazuzugehören. Im „Cafe Hinterzimmer“ erfahren sie etwas anderes. Da gehören sie dazu. Wenn wir Menschen helfen können, teilzuhaben und dazuzugehören, sich sicher zu fühlen und Teil einer Gemeinschaft zu sein, dann sind wir mitten auf dem Weg des Evangeliums hinein in die Welt, in die Nachbarschaft, mitten auf dem Weg der Mission Gottes. Liebe Geschwister in Detmold. Ich schreibe euch das nicht, um euch neidisch auf unser Programm zu machen. Und auch nicht, damit ihr das gleiche macht wie wir. Das “Cafe Hinterzimmer” scheint das zu sein, was zu uns passt. Das, womit wir den Menschen hier in unserer Stadt dienen können. Bei euch kann es ähnlich sein - oder auch was ganz anderes. Ich schreibe euch das, um euch Mut zu machen. Ihr habt euch aufgemacht in die Nachbarschaft, aber ihr wisst noch nicht, wohin euch Gott damit führt. Ihr habt noch kein Bild vor Augen, wie eure Mission am Ende genau aussehen wird. Vertraut darauf, dass Gott euch führt, und bringt ihm eure Fragen. Betet darum, dass er euch zeigt, wie ihr am besten den Menschen dienen könnt. Er wird es tun, denn sein Weg heißt: “Das Wort Gottes wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut und zog in unsere Nachbarschaft.” Herzlich eure Kim Hartshorne” (Der Originalbericht über das Programm UpperRoom findet sich auf der Website: https://www.freshexpressions.org.uk/stories/upperroom)