Montag, 24. Februar 2014

Bibellesen im Dialog mit Gott: Die Lectio Divina

(Predigt in der EmK Detmold am 23.02.2014)

Habt ihr den Wochenspruch noch im Ohr, liebe Schwestern und Brüder? “Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.” So die Mahnung aus Hebräer 3,15. Wenn ihr Gottes Stimme also wahrnehmt, dann folgt ihr auch und stellt euch nicht taub.


Ich habe meine Schwierigkeiten mit dieser Ermahnung. Nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil ich den Eindruck habe, sie trifft nicht so richtig unser Problem heute. Das Wort setzt ja voraus, dass wir Gottes Stimme hören und sagt dann: Wenn ihr sie hört, dann folgt ihr auch. Aber stimmt diese Voraussetzung für uns überhaupt noch? Hören wir denn Gottes Stimme? Spricht er überhaupt zu uns? Und wenn ja: Nehmen wir seine Worte wahr? Spricht er unsere Sprache?


Besonders beim Lesen der Bibel scheint mir das unser Problem heute zu sein: Wir vernehmen dabei nur selten, wenn überhaupt, Gottes Wort an uns. Ich höre das zumindest oft so: “Mit der Bibellese tu ich mich im Moment sehr schwer. Die Texte sagen mir nichts.” Oder jemand anders: “Das ist ganz schön weit weg von mir, was ich da lese. Was hat das mit mir zu tun?” Und ein dritter: “Ich geb mir wirklich Mühe, jeden Tag in der Bibel zu lesen, aber dass mir das was bringt, kann ich nicht sagen.”


Das ist die Problemanzeige heute: Wir hören in der Bibel nicht oder nur selten Gottes Wort an uns. Wir lesen die Worte zwar, aber sie treffen uns nicht. Ich glaube, deshalb tun sich viele mit dem täglichen Lesen in der Bibel so schwer.


Ich möchte euch heute eine Technik des Bibellesens vorstellen, die mir persönlich geholfen hat, aus dieser Falle rauszukommen. Es gab Zeiten in meinem Leben, da hab ich morgens schnell die Losungen gelesen, weil man das eben so macht - und 20 Minuten später hatte ich sie wieder vergessen. Dann hab ich mir vorgenommen: Das muss anders werden. Und ich hab mir einen Bibellesekalender gekauft, der der ökumenischen Leseordnung folgt und jeden Tag das kurze Stück Bibel erklärt. Aber wirklich verändert hat das nichts: Jeden Tag las ich das kleine Stück in der Bibel, klappte dann die Bibel zu, las den Kommentar und vergaß dann alles. Mit meinem Leben, mit meinen Fragen und Sorgen und Problemen hatte das alles nichts zu tun. Gottes Wort an mich? Das hörte ich in all dem nicht.


Die Form, Bibel zu lesen, die ich euch heute vorstellen möchte, hat das verändert. Mir hat sie geholfen, mit der Bibel zu leben statt sie nur zu lesen. In ihr nicht immer, aber oft Gottes Wort an mich zu hören, über das Lesen der Bibel mit Gott ins Gespräch zu kommen und mich von ihm verändern zu lassen.


Es geht um die Lectio Divina. Ein lateinischer Name, der nur schwer ins Deutsche zu übersetzen ist. “Göttliche Lesung” müsste man da wohl sagen, wenn man`s wörtlich nimmt. Aber was ist damit gemeint? Mir gefällt als deutsche Übersetzung von Lectio Divina am besten “Betend Bibellesen”. Denn darum geht es: Bibellesen als Gespräch, als Dialog mit Gott.


Die Lectio Divina ist eine sehr alte Methode des Bibellesens. Sie ist in der Alten Kirche entstanden, etwa im 4.Jahrhundert zur Zeit der Wüstenväter und -mütter. Gepflegt und angewandt wurde sie immer in den Klöstern von Nonnen und Mönchen. Aber auch evangelische Theologen wie August Herrmann Francke haben sie praktiziert und für sie geworben. In den letzten Jahren gewinnt sie immer mehr Anhänger - vielleicht deshalb, weil wir eben nicht allein sind mit unserm Problem: dass wir so selten Gottes Wort an uns persönlich vernehmen, wenn wir in der Bibel lesen. Wir teilen dieses Problem mit vielen Menschen unserer Zeit. Und die Lectio Divina ist eine Möglichkeit, Hilfe zu finden.


Was schlägt die Lectio Divina also vor? Wie rät sie mir, die Bibel zu lesen.


Als erstes raten die Alten: Wenn du wirklich Gott hören willst, dann musst du vorher erst einmal zur Ruhe kommen. Still werden. Stell Radio und Fernseher aus, mach das Handy lautlos und setz dich still hin. Gönn dir ein paar Minuten, um zur Ruhe zu kommen. Manchen hilft es, bewusst auf ihren Atem zu achten. Manche schließen eine Weile die Augen. Eine gute Vorbereitung auf das Lesen der Heiligen Schrift ist die Meditation oder zum Beispiel das Jesusgebet. Anleitungen dazu könnt ihr gerne von mir bekommen. Wie auch immer: Wichtig ist, dass du erstmal zur Ruhe kommst, bevor du liest. Denn wie war das bei Elia, als er Gottes Stimme nicht mehr hörte? Gott lud ihn ein, sich auf den Berg zu stellen. Dann kam ein großer Sturm und zog vorbei - aber Gott war nicht im Sturm. Dann kam ein Erdbeben - aber Gott war nicht im Erdbeben. Dann kam ein Feuer - aber Gott war nicht im Feuer. Und erst dann kam Gott - nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern als sanftes, leises Säuseln. (1. Könige 19,10-13) So redet Gott, so sanft und leise. Wenn wir ihn hören wollen, dann müssen wir zuerst ruhig, ganz still werden.


Und dann, wenn wir still sind, dann schlagen uns die Alten in der Lectio Divina 4 Schritte vor, um über das Lesen der Bibel mit Gott ins Gespräch zu kommen:
1. die Lectio - das Lesen
2. die Meditatio - das Besinnen
3. die Oratio - das Beten und
4. die Contemplatio - das Schauen als Beginn des neuen Handelns


Erstens also: Lectio - Lesen.


Das ist einfach, denkt ihr jetzt vielleicht. Also schnell weiter zum zweiten Schritt. Das ist ein Irrtum. Denn die Lectio, die die Alten vorschlagen, hat nichts mit dem Tempolesen zu tun, das wir uns angewöhnt haben. Es geht nicht um ein schnelles Überfliegen und Aufnehmen der wesentlichen Informationen des Textes, sondern um echtes, aufmerksames, langsames Lesen. In Psalm 85,9 heißt es: “Ich will hören, was der Herr spricht.” Das ist die Haltung, mit der wir lesen.


Welchen Text du dabei liest, ist ganz offen. Das kann der Abschnitt sein, aus dem die Tageslosung oder der Lehrvers des Tages stammt, das kann die Lesung nach dem Kirchenjahr sein (zu jedem Tag unten links im Losungsbuch) oder die fortlaufende Bibellese (unten rechts im Losungsbuch) oder auch auch ein ganz anderer Text. Ich empfehle gerne die fortlaufende Bibellese, der auch die Bibellesehilfen folgen, die wir zum Jahreswechsel hier verkauft haben. Warum? Erstens, weil sie einem ökumenischen Leseplan folgt. Ich lese also jeden Tag mit vielen Christen aus verschiedenen Kirchen den gleichen Text. Und zweitens, weil sie in 4 Jahren in kleinen Portionen durch fast die ganze Bibel führt. Alle Bücher der Bibel, auch die schwierigen, lernst du kennen, wenn du ihr folgst. Aber das ist nur eine Empfehlung.


Wichtig ist, dass du wirklich aufmerksam liest. Schlage den Text auf und lies ihn langsam und aufmerksam - am besten sprichst du beim Lesen mindestens halblaut mit. Dann lies ihn nochmal von vorn - ebenso langsam, und dann nochmal. Wenn du ihn dreimal gelesen hast, dann solltest du langsam vertraut mit dem Text werden. Versuch aufzunehmen, was der Text sagt, und beim dritten Lesen frage dich, welches Wort oder welcher Satz dir besonders ins Auge fällt. An welchem Wort oder Satz bleibst du persönlich hängen. Was spricht zu dir?


Denn dann kommt der zweite Schritt: die meditatio - das Bedenken.


Dieser zweite Schritt hat besondere Bedeutung. Er ist besonders wichtig. Das Lesen war geprägt von der Frage: Was sagt der Text? Das Meditieren folgt der Frage: Was sagt der Text mir?


Die Wüstenväter und -mütter raten: Nimm das Wort oder den Satz, der dich besonders angesprochen hat und “ruminiere” ihn. “Ruminare” heißt “wiederkäuen”. Schließe die Augen und lass das Wort oder den Satz auf dich wirken. Wiederhole den Satz still immer wieder, lass ihn auf dich einwirken, in dir nachlingen und denke über ihn nach. Mach ihn dir zueigen. Was hat der Satz mit deinem Leben zu tun? Was bedeutet er dir? Was bringt er in dir zum Schwingen? Fordert er dich heraus? Was könnte Gott dir ganz persönlich mit diesem Satz heute sagen wollen?
Nimm dir etwas Zeit für diesen zweiten Schritt - einige Minuten mit geschlossenen Augen nur für dich und deinen Satz oder dein Wort. Hier kann es geschehen, dass du tatsächlich - wie damals Elia - Gottes leises Reden zu dir vernimmst. Meditatio - Bedenken.


Wir dürfen bei diesem zweiten Schritt darauf vertrauen, dass der Heilige Geist in uns am Werk ist. Wir dürfen uns vom Heiligen Geist leiten lassen, durch den Jesus gegenwärtig ist. Vertrauen wir einfach darauf. Als, wie Lukas 24 erzählt, einmal zwei Jünger unterwegs waren und der auferstandene Jesus, ohne dass sie ihn erkannten, ihnen den Sinn der Schrift erklärte, da bezeugten sie hinterher: “Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?” (Lukas 24,32) Darauf dürfen auch wir hoffen, dass Jesus uns durch seinen Geist den Sinn der Schrift erschließt.


Aus diesem zweiten Schritt folgt fast natürlich der dritte: die Oratio.


Oratio heißt Beten. Gemeint ist: Wir antworten Gott auf das, was er uns in der Meditatio gesagt hat. Wir treten mit Gott in den Dialog. Wir formulieren unsere Fragen zu dem Wort oder Satz, den wir meditiert haben, wir sagen, was uns bewegt, was wir uns vielleicht vornehmen wollen, was wir erwarten und erhoffen oder wofür wir dankbar sind. Betend antworten und so im Gespräch mit Gott sein.


Wir sind es gewohnt, zu reden. Viel zu reden. Deshalb besteht heute die Gefahr, dass wir zu früh, zu schnell von der Meditatio, in der wir den Satz oder das Wort, das uns besonders anspricht, auf uns wirken lassen zur Oratio, zum Antworten, übergehen. Also: Bremsen wir uns da ein wenig. Erst hören, dann antworten.


Aber dann auch wirklich antworten - beten. Es hilft, wenn wir das, was uns bewegt an dem Text, was uns herausfordert oder wichtig ist, auch in Worte fassen und Gott zurückspiegeln. Das Formulieren hilft - auch wenn es nur ein Stammeln  und alles andere als druckreif ist. Das ist gar nicht schlimm.


Wenn wir so unsere Antworten an Gott formuliert und ausgesprochen haben, dann sagen die Alten: Steh jetzt noch nicht auf und geh los, sondern gönn dir den vierten Schritt: die Contemplatio - das Ruhen in Gott.


Bleib noch ein wenig sitzen, lass die Augen geschlossen und schweige. Sage nichts und erwarte nichts, sondern schweige einfach in dem Bewusstsein, dass Gott da ist. Genieße diese Gegenwart vor Gott.


Wir müssen wissen, dass die Kontemplation, dieses schweigende Ruhen in Gott, für die Alten kein Gegensatz zur Aktion, zum aktiven Handeln war. Im Gegenteil: Die Alten waren der Meinung: Kontemplation ist die Voraussetzung für zielgerichtetes Handeln. Nur wer die Ruhe vor Gott genießt und auskostet, der kann danach auch losgehen und aus seiner Beziehung zu Gott heraus leben und handeln.


Also gönn sie dir ruhig, diese Zeit des Ruhens und Schweigens und Schauens und des Genießens der Gegenwart Gottes.


Gott hören beim Lesen der Schrift - Gottes Wort an mich persönlich vernehmen beim Bibellesen - das ist möglich. Vielleicht ist es heute schwerer geworden, als es zu früheren Zeiten war, aber es ist immer noch möglich. Eine Hilfe dabei kann die Lectio Divina sein, mit der wir anknüpfen an die Art und Weise, in der unsere Mütter und Väter im Glauben die Bibel gelesen haben: sehr alt und doch sehr tauglich für unsere Zeit:


Komm zur Ruhe und dann tritt über den Bibeltext ein in einen Dialog zu Gott in vier Schritten:
1. Lectio - Lies den Text laut und langsam und aufmerksam mindestens 3 mal.
2. Meditatio - Nimm das Wort oder den Satz, der dich besonders anspricht, und meditiere ihn. Lass dir Zeit, die Worte in dich aufzunehmen, wiederhole sie immer wieder, sinne ihnen nach, lass sie in Ruhe auf dich wirken. Was haben sie mit deinem Leben heute zu tun? Was könnte Gott dir mit ihnen sagen wollen?
3. Oratio - Antworte Gott, indem du ihm deine Gedanken sagst. Sprich mit ihm. Und
4. Contemplatio - Steh jetzt nicht sofort auf und geh, sondern gönn dir einige Augenblicke der Stille vor Gott, des Ruhens in ihm. Dieses Ruhen bereitet dich auf dein - durch Gottes Wort erneuertes Handeln - vor.


Vielleicht probiert ihr es ja mal aus. Ich wünsche mir, dass ihr so gute Erfahrungen mit dieser alten Methode macht wie ich.

Amen.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Eine kurze Anleitung zur Meditation


(von Uwe Hanis, zusammengestellt aus Material der Weltgemeinschaft für christliche Meditation WCCM)

1.) Warum wir meditieren

Die Praxis der christlichen Meditation geht auf Jesus selbst zurück. Jesus lehrt uns in der Berg­predigt, wie wir beten sollen. Dabei lehrt er:

a) die Innerlichkeit des Betens. „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden.“ Stattdessen: „Wenn du aber betest, geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“ (Mt. 6,5f.)

Der lebendige dreieinige Gott ist in uns – in jedem von uns. Er lebt und ist uns nah – näher als wir selbst uns sind. Deshalb geschieht rechtes Beten innerlich. Jesus lehrt

b) die Bedeutung der Stille beim Beten. „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Hei­den; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Mt. 6,7f.)

Viele unserer Gebete sind voll von Bitten und Fürbitten. Wir bitten Gott wortreich um dieses oder jenes. Aber wenn Gott doch immer schon weiß, was wir brauchen, dann geht es im Gebet nicht darum, Gottes Aufmerksamkeit für unsere Wünsche und Nöte zu gewinnen. Stattdessen lehrt uns das Gebet in der Stille, jenseits der Worte, wie wir aufmerksam für Gott sein kön­nen. Jesus lehrt,

c) dass es möglich ist, im Gebet die eigenen Ängste und Sorgen hinter sich zu lassen. „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anzie­hen werdet.“ (Mt. 6,25)

Wir verschwenden so viel Zeit damit, Essen und Trinken und Kleidung und allerhand anderes zu kaufen und darüber nachzudenken. Jesus sagt: Lasst euch von diesen Dingen nicht auffressen. Er sagt nicht, wir sollen uns um diese Dinge nicht kümmern – um unser physisches Wohlergehen und, vielleicht noch wichtiger als das, um das Wohlergehen anderer. Aber wir sollen uns davon nicht auffressen lassen.

Stattdessen: „Seht die Vögel unter dem Himmel an.“ Und „schaut die Lilien auf dem Feld an.“ (Mt. 6,26 ff.) Betrachtet die Schönheit der Welt, in der ihr lebt. Die Schönheit und Bedürfnislosig­keit der Blumen auf dem Feld und der Vögel am Himmel. Diese Schönheit aufmerksam wahrzu­nehmen, kann uns helfen, von der Besessenheit durch unsere Begierden frei zu werden. Und Jesus lehrt

d) die Bedeutung der Sammlung, der Aufmerk­samkeit für Gott beim Beten. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerech­tigkeit, so wird euch alles andere zufallen.“ (Mt.6,33) Richtet eure Aufmerksamkeit ganz auf Gott. Er ist die ultimative Realität. Aufmerksam­keit und Sammlung, darum geht es beim Beten.

Ganz im Jetzt und Hier sein. „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Sei­ne sorgen.“ (Mt.6,34) Im Gebet dürfen wir unse­re Sorgen, Ängste, Wünsche, Pläne und Gedan­ken loslassen und uns ganz in Gottes Gegenwart sammeln. Genau das aber ist Meditation.

2.) Die Wiederentdeckung christlicher Meditation

Jesus selbst lehrt uns also das kontemplative (schauende) Gebet. Er ist unser Lehrer.

Und doch war die Meditation viele Jahrhunderte lang im westlichen Christentum kaum verbreitet – ja, sie galt oft sogar als ausgesprochen ver­dächtig.

Meditation gibt es ja auf der ganzen Welt – in al­len Kulturen und Religionen. In allen großen Re­ligionen wird sie gelehrt und praktiziert. Sie ist ein einfacher Weg, durch Stille und ruhige Auf­merksamkeit über die Ebene des Verstandes hin­aus zum Herzen zu gelangen. Jeder Mensch kann meditieren!

Im westlichen Christentum wurde die Meditati­on als geistliche Übung erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt – obwohl sie in der frühen Kir­che weit verbreitet war. Das hing zusammen mit einer Wiederentdeckung der Lehren frühchristli­cher Mönche über das Gebet, der sogenannten Wüstenväter und -mütter. Sie hatten an die Leh­re Jesu angeknüpft und pflegten in der Wüste das kontemplative, also das innerlich schauende Gebet der Ruhe.

Eine wichtige Rolle bei dieser Wiederentde­ckung der kontemplativen Tradition des Chris­tentums spielte John Main. Er hat beschrieben, wie einfach wir die Meditation lernen können.

3.) Wie wir meditieren

Nach John Main ist Meditation bemerkenswert einfach. Alles, was wir tun müssen, ist:

  • Setze dich hin. Sitze ruhig da mit möglichst aufrechtem Rücken. Schließe sanft die Au­gen.
  • Dann beginne damit, innerlich und still ein Wort zu rezitieren – dein Gebetswort oder Mantra. Wir empfehlen das alte christliche Gebetswort „Maranatha“. Sprich es inner­lich in vier gleich langen Silben aus: Ma-ra-na-tha. Atme ganz normal und rich­te deine ganze Aufmerksamkeit auf das Wort, in­dem du es innerlich immer wieder sagst: ruhig, sanft, treu und vor allem ein­fach. Der Kern der Meditation ist Einfach­heit.
  • Bleibe bei dem glei­chen Gebetswort wäh­rend der ganzen Meditation und Tag für Tag. Stelle es dir nicht vor, sondern höre gleichsam das Wort, wenn du es innerlich sprichst.
  • Lass alle Gedanken (auch die guten!), alle Vorstellungen und alle anderen Worte bei­seite. Kämpfe nicht gegen Ablenkungen, sondern lass sie gehen, indem du treu, sanft und aufmerk­sam dein Wort sagst und deine Aufmerksamkeit immer wieder auf dein Wort richtest. Kehre einfach so­fort zu ihm zu­rück, immer wenn du merkst, dass du aufgehört hast, es innerlich zu wiederholen oder dass deine Aufmerksam­keit von etwas anderem abgelenkt wird.


Meditiere möglichst zweimal am Tag für 15, spä­ter 30 Minuten. Es braucht vielleicht einige Zeit, bis du dich an diese tägliche Übung gewöhnst. Sei geduldig mit dir selbst. Wenn du die tägliche Me­ditation einmal oder eine Weile lang versäumt hast, fange einfach von neuem damit an.

4.) Das Gebetswort

John Main und auch sein Schüler und Nachfolger in der Leitung der Weltgemeinschaft für christli­che Meditation Laurence Freeman empfehlen für die christliche Meditation das Gebetswort oder Mantra „Maranatha“. (1. Kor.16,22) Dabei handelt es sich um einen Gebetsruf in aramäi­scher Sprache, also in der Muttersprache Jesu, der in etwa „Komm, Herr“ bedeutet.

Welches Gebetswort du wählst, hängt aber ganz von dir ab. Es sollte ein Wort aus der christlichen Tradition sein, das zu dir passt und das für dich zum Symbol deiner Aufmerksamkeit für Gott werden kann. Eine Auswahl möglicher Gebets­worte für die Meditation findest du hinten am Ende dieses Artikels. 

5.) Der Zusammenhang der Meditation mit dem christlichen Lebensvollzug

Die Meditation sollte immer eingefügt sein in das gesamte Leben des Glaubens. Andere geistliche Übungen sollen keinesfalls ersetzt werden, sondern können und sollen im Gegen­teil im Licht der Meditation frischen Sinn bekom­men: das regelmäßige Lesen der Bibel, der Got­tesdienst, das Abendmahl und andere Formen des Gebetes. Christliche Meditation ist recht ver­standen immer ein Teil des gesamten christli­chen Glaubensvollzugs.

Wir meditieren, um unsere Aufmerksamkeit von uns selbst weg und auf Gott hin zu richten. Medi­tation ist also eine Tat der Liebe zu Gott und der Hingabe an ihn. Deshalb überrascht es nicht, wenn wir durch die regelmäßige Meditation mehr und mehr von der Liebe geprägt werden. Das wird sich mit der Zeit auf all unsere Bezie­hungen auswirken. Und es wird uns dazu führen, anderen zu dienen – vor allem denen, die in Not sind.

Und jetzt? Wähle dein Gebetswort und kehre dann einfach zu Punkt 3.) zurück und versuch es selbst. Fang einfach an.



Eine Auswahl möglicher Gebetsworte für die Meditation:

O Gott, komm mir zu Hilfe. Herr, eile mir zu helfen
Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner
Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner
Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner
Jesus Christus, erbarme dich meiner
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes
Jesus – Ich in dir und du in mir
Jesus, Messias, Sohn Gottes
Jesus Christus, Sohn Gottes
Jesus, erbarme dich meiner
Mein Gott und mein Alles
Dein Wille geschehe
Herr Jesus Christus
Herr, erbarme dich
Komm, Herr Jesus
Jesus Erbarmen
Christe eleison
Jesus Christus
Kyrie eleison
Jesus Liebe
Herr Jesus
Maranatha
Immanuel
Jesus, du
Christos
Adonai
Jesus
Abba


Probiere am Anfang ruhig einige Gebetsworte aus. Auf Dauer solltest du jedoch ein Wort fin­den, das zu dir passt und zu deinem ganz persön­lichen Gebetswort wird, und bei ihm bleiben.

Weitere Infos: www.wccm.org
www.wccm.de