Freitag, 31. Januar 2014

Jesus und die Meditation


Jesus – der Lehrer des Gebets (von Laurence Freeman)1

Lehrer. Mit diesem Namen wird Jesus in den Evangelien häufiger als mit jedem anderen angesprochen: Meister, Rabbi, Lehrer. Das ist die häufigste Bezeichnung Jesu in den Evangelien.

Was aber bedeutet das? Was lehrt uns denn Jesus? Lehrt er uns Regeln und Gesetze? Oder lehrt er uns die besten Methoden, um die Gebote Gottes zu halten?

Mehr als alles andere ist Jesus ein Lehrer der Kontemplation2. Sie ist eines seiner wichtigsten Unterrichtsfächer. Das will ich in diesem Aufsatz zeigen, und das scheint mir sehr wichtig zu sein. Und doch wird diesem Thema häufig wenig Bedeutung beigemessen, wenn wir über Jesus nachdenken oder sprechen oder schreiben.

Wenn du die Evangelien aufmerksam liest, und darin besonders auf das achtest, was Jesus über das Gebet sagt, dann erkennst du ganz deutlich, dass und wie er uns das kontemplative Gebet lehrt. Nehmen wir zum Beispiel Jesu Worte in der Bergpredigt in Matthäus 5-7:

1. Innerlichkeit
Als erstes warnt uns Jesus vor äußerlicher Religion. Äußerliche Religion kann einfach Eitelkeit sein. Jesus sagt: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden.“3 Betet also nicht äußerlich, für die Leute, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, um euer Ansehen oder euren Ruhm bei ihnen zu steigern. Stattdessen: „Wenn du aber betest, geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“4 Geh in dein Inneres und bete zu deinem himmlischen Vater, der an diesem geheimen Ort ist. Geheim – geheimnisvoll – mystisch5.

In der Meditation können wir lernen: Wir selbst sind ein Geheimnis, Gott ist ein Geheimnis, und die Tiefen unseres Geheimnisses, wenn wir in sie hineingehen, öffnen uns für das Geheimnis Gottes.

Also: Das erste Element der Lehre Jesu über das Gebet ist Innerlichkeit. Im Gebet geht es um Innerlichkeit statt äußerlicher Religion.

2. Stille 

Dann lehrt uns Jesus die Stille: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.“6 Das ist sehr wichtig für das christliche Verständnis des Gebetes. Wir neigen nur allzu oft dazu, unglaublich viele Worte zu machen. Wir füllen unsere Gottesdienste mit schier unendlich vielen Worten – und oft auch mit wunderschönen Gebeten. Aber wir verlieren dabei die Stille. Jesus dagegen betonte sehr klar die Bedeutung der Stille im Gebet.

Und Jesus sagt, der Grund dafür ist: „Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“7 Gott weiß schon, was ihr braucht, bevor ihr es ihm erzählt. Viele unserer Gebete sind voll von Bitten und Fürbitten. Wir bitten Gott wortreich darum, dieses oder jenes zu tun. Aber wenn Gott doch immer schon weiß, was wir brauchen, bevor wir ihn bitten, verändert das die Art und Weise, in der wir unsere Bitten und Fürbitten vor Gott bringen.

Wir müssen nicht durch unser Beten Gottes Aufmerksamkeit gewinnen. Wir müssen Gott nicht dazu bewegen, seine Meinung zu ändern. Wir müssen Gott nicht dazu bringen, zu unseren Gunsten zu handeln.

Denn Gott weiß schon, was wir brauchen, bevor wir ihn bitten. Das zu lernen kann uns ungeheures Vertrauen geben, um still vor Gott zu sein, um im Gebet einfach still ganz in seiner Gegenwart zu sein. Statt dass wir Gottes Aufmerksamkeit für uns gewinnen, geht es dann im Gebet darum, dass wir lernen, aufmerksam für Gott zu sein.

3. Loslassen 

Das nächste Element der Lehre Jesu über das Gebet handelt davon, Ängstlichkeit und Sorgen hinter sich zu lassen. Jesus sagt: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.“8
Wir verwenden so viel Zeit darauf, Essen und Trinken und Kleidung und allerhand anderes zu kaufen und darüber nachzudenken. Jesus sagt: Lasst euch von diesen Dingen nicht auffressen. Er sagt nicht, wir sollen uns um diese Dinge nicht kümmern – um unser physisches Wohlergehen und, vielleicht noch wichtiger als das, um das Wohlergehen anderer. Aber wir sollen uns davon nicht auffressen lassen. Lasst euch nicht vom Kunsumterror gefangen nehmen - davon, immer das neueste und beste haben zu müssen.

Jesus lehrt uns: „Seht die Vögel unter dem Himmel an.“9 Und „schaut die Lilien auf dem Feld an.“10 Betrachtet die Schönheit der Welt, in der ihr lebt. Die Schönheit und Bedürfnislosigkeit der Blumen auf dem Feld und der Vögel am Himmel. Diese Schönheit zu betrachten und aufmerksam wahrzunehmen, kann uns helfen, von der Besessenheit durch unsere Begierden frei zu werden.

4. Aufmerksamkeit 

Jesus lehrt uns: Seid aufmerksam – gesammelt. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“11 Richtet eure Aufmerksamkeit auf Gottes Reich, das die ultimative Realität ist, mehr als auf alles andere. Aufmerksamkeit. Also nicht unentwegt von einem Gedanken zum nächsten springen oder von einer Aktivität zur nächsten, sondern aufmerksam sein für das Reich Gottes unter uns und in uns. Aufmerksam sein – darum geht es im kontemplativen Gebet.

5. Ganz da sein

Und zuletzt lehrt Jesus: Seid ganz im Jetzt. „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“12 Seid ganz im Jetzt, seid aufmerksam und lernt im Gebet, eure Sorgen und Ängste und Gedanken loszulassen.

Über das Wortemachen hinausgehen in eine vertrauende liebende Aufmerksamkeit hinein. Den inneren Raum finden, in dem unser Herz offen ist für das Geheimnis Gottes in uns. Darum, so lehrt uns Jesus, geht es im Gebet.

Wie kann diese Lehre Jesu über die Kontemplation zu unserer Praxis werden? Durch Meditation empfangen wir das Geschenk der Kontemplation. Meditation ist ein Weg, zur Kontemplation zu gelangen. Ein einfacher Weg, zu dem jede und jeder von uns in der Lage ist. Wenn du mit einem sechsjährigen Kind meditierst, dann merkst du, wie einfach und natürlich die Meditation ist.

Lernen zu meditieren heißt, lernen zu sein. Es heißt, ganz zu leben, in Beziehung zu mir selbst und in Beziehung zur Welt um mich herum. Es heißt, mir selbst zu erlauben, das Geheimnis Gottes zu berühren, in dem wir jeden Tag und jeden Moment sind und leben und uns bewegen. 

1Übertragung ins Deutsche eines Videos von Laurence Freeman, das hier zu finden ist: http://www.youtube.com/watch?v=4ZYxN6dK-ZM
2Von lat. contamplare = anschauen, betrachten meint die mystische Schau Gottes in Ruhe und sanfter Aufmerksamkeit.
3Mt 6,5
4Mt 6,6
5Griechisch mystikos = geheimnisvoll
6Mt 6,7
7Mt 6,8
8Mt 6,25
9Mt 6,26
10Mt 6,28
11Mt 6,33
12Mt 6,34

Mittwoch, 29. Januar 2014

Einführung ins Jesusgebet - Teil 1


Warum lohnt es sich, sich mit dem Jesusgebet zu beschäftigen? Reichen uns die Formen des Betens nicht, die wir lange kennen und praktizieren? 
  • Da ist das Nachbeten von Psalmen und anderen guten geschriebenen Gebeten – von Jörg Zink zum Beispiel oder von Kurt Marti. 
  • Wir haben das Vaterunser, das Gebet Jesu, von dem Er gesagt hat: „So sollt ihr beten.“ (Mt 6,9). 
  • Und gerade bei uns in den Freikirchen soll doch auch das freie Gebet, das ungezwungene selbst formulierte spontane Anrufen Gottes mit Dank und Lobpreis, Bitte und Fürbitte eingeübt und gelebt werden – sowohl für sich allein, als auch in Gemeinschaft mit anderen.
All das ist richtig. Und es ist wichtig, gleich am Anfang klarzustellen: Das Jesusgebet soll andere Formen des Betens nicht ersetzen oder an den Rand drängen. Meine Erfahrung ist das Gegenteil: Das Jesusgebet gibt auch den anderen Formen des Betens neue Kraft und tieferen Sinn.

Es gibt gute Gründe, sich mit dem Jesusgebet zu beschäftigen:

Erstens ist es ein Geschenk der Orthodoxie an die ganze Christenheit. 

Was bedeutet für uns Ökumene? Wie und wo wird sie wirklich gelebt? Doch wohl vor allem da, wo wir aufeinander hören und auch bereit sind, voneinander zu lernen. Da, wo wir uns die Erfahrungen und die Spiritualität der anderen mit offenen Herzen ansehen und wo wir versuchen, sie nachzuvollziehen. Emmanuel Jungclaussen schreibt richtig: „Der entscheidende Schritt zur Einigung der Christenheit ist die Erkenntnis, dass die verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften in der Verwirklichung des Christusgeheimnisses voneinander lernen und sich dadurch im geistlichen Leben gegenseitig bereichern können.“i Das Jesusgebet ist etwas, was wir im Westen von unsern orthodoxen Schwestern und Brüdern lernen können. Es ist wesentlicher Bestandteil orthodoxer Spiritualität und verleiht als Herzensgebet oder Gebet der Ruhe vor Gott dem Leben eine geistliche Dimension, die wir im Westen weitgehend verloren haben.

Der zweite Grund, sich mit dem Jesusgebet zu beschäftigen, liegt in der Beobachtung: Unsere Zeit ist zutiefst geprägt von der Sehnsucht vieler Menschen, vor allem junger Menschen, nach echter und innerlicher Spiritualität. 

Viele Menschen unserer Zeit sind der verkopften rationalen westlichen Tradition in Theologie und Frömmigkeit müde geworden und sehnen sich nach Innerlichkeit, nach innerer Aufmerksamkeit und Ganzheit, nach mystischer Erfahrung Gottes in der eigenen Seele. Wo in unserer kirchlichen Praxis kann man das finden? „In unserer Zeit herrscht eine große spirituelle Sehnsucht. Viele Menschen wissen aber nicht, an wen sie sich mit ihrer Sehnsucht nach Innerlichkeit wenden sollen. Das Jesusgebet kann eine Antwort auf diese Sehnsucht sein.“ii

Und schließlich ist das Jesusgebet in der frühen Christenheit nicht einfach so entstanden oder entdeckt worden, sondern ist ein Weg des Gehorsams gegenüber der Bibel.

 „Wenn du aber betest“, sagt Jesus, „so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“ (Mt 6,6) Die frühen christlichen Mönche in der ägyptischen Wüste haben diese Worte Jesu sehr ernst genommen. Beten braucht Stille vor Gott, es braucht das Abwenden von den Gedanken und Bildern, die uns sonst immerzu beschäftigen, das schlichte Zur-Ruhe-Kommen in Gottes Gegenwart, in dem unsere Wünsche und Vorstellungen und Phantasien schweigen und wir ganz für Gott da sind. Das Kämmerlein ist dann nicht nur der stille Raum, in dem ich bete, sondern es wird zum Bild für mein Herz. Dort soll ich hineingehen, in mich selbst und in mein Herz hinein, und dort soll ich beten und die Tür zu machen – d.h. alles andere als Gott einmal draußen lassen.

Gott hat es nicht nötig, dass ich ihm meine Gedanken und Bitten und Wünsche sage. „Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Mt 6,8) Das Jesusgebet ist reines Anbeten, reines Dasein in Gottes Gegenwart. Es ist ein Gebet der Hingabe und des Loslassens: Meinen eigenen Willen, meine Wünsche und alles, was mich beschäftigt, lasse ich los und richte meine ganze Aufmerksamkeit auf Jesus. Ich sammle mich ganz in ihm.

Das Jesusgebet wird auch immerwährendes Gebet genannt. Auch hier ist der Hintergrund biblisch. Jesus ermahnt seine Jünger, dass sie „allezeit beten und nicht nachlassen sollten“ (Lk 18,1), und Paulus schreibt das bekannte Wort: „Betet ohne Unterlass“ (1 Thess 5,17). Nicht nur zu bestimmten Zeiten sollen wir beten, sondern immer und überall. Das Jesusgebet geht genau diesen Weg. Es ist nicht beschränkt auf die formale Gebetszeit, sondern es soll auf Dauer übergehen in das Herz. Das Jesusgebet lehrt uns, mit jedem Atemzug den Namen Jesu anzurufen und in seiner Gegenwart zu sein: beim Einkaufen und Arbeiten, beim Essen und Schlafen, beim Warten auf den Bus und beim Spazierengehen. Betend gehen wir durchs Leben, und das verändert uns. Jesus kommt mitten hinein in unseren Alltag. Das Gebet beginnt wirklich, uns zu prägen und zu verwandeln. Aber dazu später mehr. 

Wir sehen: Es gibt gute Gründe, sich mit dem Jesusgebet zu beschäftigen, danach zu fragen, was es für uns und unsere eigene Spiritualität bedeuten kann. Das wollen wir tun – mit offenen Herzen für etwas, was uns vielleicht tatsächlich bereichern kann. Vorher aber wollen wir einen Blick auf die Geschichte dieses Gebetes werfen. 

iEmmanuel Jungclaussen (Hg.), Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers, Freiburg 18. Aufl. 2012, S. 7. Im Folgenden: Aufrichtige Erzählungen.
iiDaniel Tibi OSB, Auf der Suche nach dem unablässigen Gebet – Eine Hinführung zum Jesusgebet, Abtei Michaelsberg Siegburg, 2008, S. 5.