Donnerstag, 11. Dezember 2014

Trainingslager für Ungeduldige

Vorfreude sei die schönste Freude, sagen manche. Ein beliebtes Sprichwort, das man oft hört. Für mich gilt das nicht. Geduld ist keine meiner herausragenden Gaben, und das Warten auf etwas, auf das ich mich freue, ist für mich kein Vergnügen, sondern oft eine Qual. Warten, das ist für mich im Normalfall nicht Vorfreude, sondern Sehnen, dass das Warten endlich ein Ende hat.

Überhaupt ist Geduld in unserer Gesellschaft ziemlich unmodern geworden. Alles soll schnell gehen und schnell fertig werden. Die Post klagt darüber, dass viel weniger Briefe und Postkarten als früher geschrieben werden. Wir schreiben E-Mails oder Whats-App-Nachrichten. Das geht einfach schneller. Statt „Gute Nacht“ schreib ich dann Gute N8, weils eben schneller geht, und manchmal tuts auch einfach ein Smily, sodass die Nachricht ganz ohne Worte auskommt. Ein Klick, und ich hab mitgeteilt, wie es mir geht. Schade, finde ich: Mit den Briefen, in Handschrift verfasst, also ganz persönlich, zum Anfassen und Aufbewahren in irgendeiner Kiste geht uns was verloren. Ein Stück Kultur, ein Stück Persönlichkeit. Aber diese Entwicklung ist typisch für unsere Zeit: Geduld ist unmodern geworden.

Jakobus allerdings ermahnt die Jesusleute im 5. Kapitel seines Briefes zu genau dem: zur Geduld. Er schreibt: So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“ (Jak 5,7-8)

Mit seinem Beispiel trifft Jakobus ins Schwarze: Ein Landwirt muss in der Tat schon von Berufs wegen geduldig sein. Auf keinen Fall darf zu früh gemäht, Heu eingeholt oder geerntet werden. Davon hängt viel ab. Ein Landwirt braucht Geduld.

Daran, sagt Jakobus, sollen wir uns ein Beispiel nehmen, und geduldig auf den Herrn warten. Jesus hat ja versprochen, dass er wiederkommen wird. Er hat versprochen, dass Gott sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufrichten wird, dass alle Tränen getrocknet und alles Leid ein Ende haben wird.  Da sollen wir, sagt Jakobus, nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen, sondern wie der Bauer geduldig sein. Geduldig warten und hoffen und das unsere dafür tun, dass diese große Vision des Friedens und der Heilung Wirklichkeit wird.

Um so zu leben wie Jesus, um zu vergeben und Frieden zu stiften, um gewaltlos und sanftmütig Unrecht zu überwinden und Gottes Nähe zu allen Geschöpfen zu leben, braucht es Geduld. Es braucht den freiwilligen Verzicht auf schnelle sichtbare Erfolge, es braucht die durchgehaltene Hoffnung gegen allen Augenschein. Vielleicht ist die Adventszeit eine Art Trainingslager für so ungeduldige Leute wie mich. Eine Zeit des Wartens und der Vorfreude auf Weihnachten. Eine Zeit, in der wir lernen können, auch insgesamt adventlicher zu leben – geduldiger und zufriedener mit den langsamen Fortschritten, die Zeit und einen langen Atem brauchen.

Das schenke uns Gott, dass wir wachsen in seiner Liebe, im Vertrauen und in der Geduld.

Montag, 8. Dezember 2014

Sterben und Auferstehen in der Meditation

An excerpt from John Main OSB, “Death and Resurrection,”
MOMENT OF CHRIST (New York: Continuum, 1998), pp. 68-69. Übertragen ins Deutsche.

"Habt den Tod immer vor Augen", lehrte der Benedikt seine Mönche. In der modernen Welt verdrängen wir meist den Gedanken an den Tod, aber die christliche Tradition lehrt uns, dass, wenn wir weise werden wollen, wir uns bewusst werden müssen, dass wir "hier keine bleibende Stadt haben" und also sterben müssen.

Wir müssen darauf hören, was die Weisen der Gegenwart und der Vergangenheit uns zu sagen haben: Um das Leben zu verstehen, müssen wir den Tod verstehen. Die Notwendigkeit, über den Tod nachzudenken und zu reden ist für die "Kinder der Welt" schwer zu verstehen. Die Weisheit der Welt will uns nämlich ständig weismachen, wir seien unsterblich. Sie verführt uns dazu, unsere Augen vor unserer Sterblichkeit und der Endlichkeit unseres Leibes zu verschließen. Benedikt und die ganze christliche Tradition dagegen lehren, dass das Bewusstsein unserer körperlichen Endlichkeit uns hilft, auch unsere spirituelle Verletzlichkeit zu verstehen.

In uns allen - auch in Ihnen - schlummert, wenn auch oft verdrängt und verschüttet, das Wissen, dass wir, um wahrhaft Menschen zu sein, in Beziehung kommen müssen mit der Quelle des Lebens. Wir müssen mit der Kraft Gottes in Beziehung kommen, sozusagen unsere "irdenen Gefäße" öffnen für die ewige Liebe Gottes, die nie erlischt.

Das Ruhegebet, die christliche Meditation, ist ein Weg, unsere Sterblichkeit zu begreifen. Meditation rückt uns unsern Tod in den Blick, denn Meditation führt uns in eine Bewegung über unsern Tod hinaus zur Auferstehung, zu neuem und ewigem Leben, das aus der Einheit mit Gott erwächst.

Das Evangelium lädt uns ein, jetzt und heute diese Erfahrung zu machen. Wir alle sind eingeladen, unser altes Selbst, unser Ego sterben zu lassen: unsere Selbstbezogenheit, unsere Begrenztheit. Wir sind eingeladen, zu sterben und zugleich zu neuem Leben zu erstehen: zu einem Leben der Gemeinschaft, der Vereinigung, zur Fülle des Lebens ohne Furcht.

Wenn wir uns hinsetzen zum Ruhegebet, zur Meditation, begeben wir uns in die Bewegung von Tod und Auferstehung hinein. Wir tun dies, indem wir uns über unser Leben und all seine Begrenzungen hinaus ausstrecken auf das Geheimnis Gottes hin. Wir erleben, jeder von uns in eigener Erfahrung, das Geheimnis Gottes als das Geheimnis der Liebe, der unendlichen Liebe, die alle Furcht austreibt.

(Das englische Original des Textes findet sich hier:
http://us4.campaign-archive1.com/?u=c3f683a744ee71a2a6032f4bc&id=f3bdc5f6ff)


Dienstag, 4. November 2014

Vor 25 Jahren

Es war unser erster gemeinsamer Urlaub als Paar. Vor ziemlich genau 25 Jahren ging es los. In Danis altem R4 brachen wir auf. Unser Ziel: Mücheln (Geiseltal) in der damals noch existierenden DDR - nahe Halle an der Saale. Nachts um 12 passierten wir reichlich nervös die Grenze bei Herleshausen.

Uns erwarteten 10 ungeheuer spannende Tage, die wir bei unsern Verwandten in Mücheln erleben durften. Wir besuchten zusammen wunderschöne Städte: Halle, Leipzig, Naumburg und und und. Überall, wo wir auch hinkamen, wurde diskutiert: über Demokratisierung, über Freiheit, über die Zukunft, über Veränderungen - und auch über Befürchtungen und Ängste. Die politischen Fragen des Landes waren allgegenwärtig - und es roch nach Revolution.

Mitten in unserm Urlaub dann der 9. November: die Grenzöffnung. Waren wir auf dem Hinweg an der Grenze noch streng kontrolliert und ins Verhör genommen worden, wurden wir 10 Tage später von nunmehr beschäftigungslosen Grenzpolizisten nur noch durchgewinkt - zusammen mit vielen Bürgern der DDR, die unterwegs waren zu IHREM Urlaub - in Hessen, Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Tage waren das, die Dani und ich wie so viele andere auch niemals vergessen werden.

Mit diesen Erinnerungen im Sinn lese ich heute die Tageslosung: "Ich, spricht Gott, will euch mehr Gutes tun als je zuvor, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin." Hesekiel 36,11

Montag, 3. November 2014

Schaffet, dass ihr selig werdet - Über geistliche Übungen

(Predigt in der EmK Detmold am 2. November 2014)

Der Predigttext für den Reformationstag, den wir vorgestern gefeiert haben, irritiert mich. Am 31. Oktober erinnern wir uns ja an Martin Luther und die andern Reformatoren und vergewissern uns, was denn an unserer Art zu glauben und mit Jesus zu leben, evangelisch ist. Da geht es dann inhaltlich meistens vor allem um die Rechtfertigung aus Glauben. Also darum, dass wir, um von Gott angenommen zu sein und gerechtgesprochen, nichts bringen müssen: keine guten Werke, keine Frömmigkeit oder Anständigkeit, keine Verdienste. Gott nimmt uns allein um des Glaubens willen an. Das ist die evangelische Kernbotschaft, die normalerweise am Reformationstag im Mittelpunkt der Predigten steht.

In diesem Jahr aber stammt der vorgeschlagene Predigttext aus dem 2. Kapitel des Philipperbriefes. Da schreibt Paulus in den Versen 12 und 13: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“

Ja, denke ich: In dem zweiten Satz, da steckt die reformatorische Botschaft deutlich drin: „Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ Verlass dich also auf Gott – auf ihn allein. ER selbst spricht dich gerecht um Christi willen und ER nimmt dich an, ohne dass du dafür etwas leisten müsstest. Zu ihm kannst du so kommen, wie du bist. Vertraue ihm. Das ist 'ne gute Botschaft. Aus meiner Sicht die beste Botschaft überhaupt. Du bist wertvoll und von Gott geliebt. Und du musst keine frommen Klimmzüge machen dafür, dass Gott dich liebt. Er liebt dich so, wie du bist. Und so, wie du bist, nimmt er dich an.

Was mich irritiert an unserm Predigttext, ist der erste Satz: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ Schaffet! Geht es nicht in der reformatorischen Botschaft gerade darum, das eigene Schaffen mal beiseite zu lassen und Gott machen zu lassen? Ja, darum geht’s, aber...

Unser Text sperrt sich gegen eine Verabsolutierung der reformatorischen Grundbotschaft. Es gilt, und es bleibt dabei: Gott liebt dich ohne fromme Werke, die du vorher tun müsstest. Er liebt dich voraussetzungslos. Das darfst du einfach glauben und dich darauf verlassen, dass er dich annimmt. Punkt. Nur: Damit ist der Glaube eben noch nicht zu Ende. Dass du glaubst allein, ist nicht das Ziel Gottes mit dir. Gott will mehr. Er will dich verwandeln in das Bild Jesu hinein und er will mit dir die Welt verwandeln.

Auf der Welt gibt es schätzungsweise 2,3 Milliarden Christinnen und Christen. 2,3 Milliarden Menschen, die mit Jesus leben. Da fragt man sich doch: Warum sieht die Welt so aus, wie sie ist? Warum gelingt es uns nicht, den Lebensstil Jesu – seine Gewaltlosigkeit und Feindesliebe und Vergebung und Barmherzigkeit – der Welt aufzuprägen? Diese Frage stellte sich auch der amerikanische Philosoph und geistliche Schriftsteller Dallas Willard, der 2013 verstorben ist und den ich sehr schätze. Ich kann jedem nur empfehlen, mal was von Dallas Willard zu lesen. Das lohnt sich. Warum ist die Welt, wie sie ist, obwohl es so viele Christinnen und Christen gibt? Dallas Willards Antwort ist: Weil wir das Evangelium auf die Hälfte verkürzt haben. Weil wir in den evangelischen Kirchen oft nur ein halbes Evangelium lehren und leben.

Wir lehren und leben sozusagen nur den zweiten Satz unseres Predigttextes: Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen, während wir den ersten Satz unterschlagen:  Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Die frühen Christen, die Männer und Frauen, die an Jesus geglaubt haben, nannten sich Jünger. Schüler also. Sie glaubten an Jesus, daran, dass er der Messias, der Weg zu Gott ist. Aber das war nicht alles. Sie wollten als Jünger nun auch von ihm lernen, sich was bei ihm abgucken und ihr Leben so gestalten, wie er es tat. Das ist ein Jünger: jemand, der seinem Meister hinterherläuft und von ihm lernt, um so zu werden wie er. Und diese zweite Hälfte des Evangeliums, so meint Dallas Willard, die genauso wichtig ist wie die erste, die haben wir in den evangelischen Kirchen zumindest teilweise vergessen. Denn Jünger sein und als Jünger leben, das bedeutet systematisch und geplant daran arbeiten – eben zu schaffen - , so zu leben wie der Meister.

Vielleicht kennt ihr das: Auf der Straße oder auf dem Bolzplatz sind ein paar Kinder zusammen und kicken. Einer ruft : Ich bin Mario Götze. Er imitiert dessen Laufstil und Ballbehandlung, weil er so werden möchte wie er. Ein anderer ruft: Ich bin Mezut Özil. So wie der möchte er nämlich mal werden. Als er das letzte Mal beim Frisör war, hat er ein Foto seines Idols mitgenommen und gesagt: So möchte ich meine Haare auch haben. Er will so werden wie Mezut Özil. Er imitiert ihn, so gut er kann.

Die unangenehme Wahrheit ist: Alleine dadurch, dass dieser Junge so werden will wie sein Idol und sich die Haare so kämmt wie er, wird er es wahrscheinlich nicht werden. Wenn es dabei bleibt, wird er wie ich ein bestenfalls mittelmäßiger Fußballer bleiben.

Wenn der Junge es aber ernst meint und wirklich ein Fußballstar wie Mezut Özil werden will – was braucht es dann dazu? Zwei Dinge:

Erstens: Talent.

Ohne Talent wird niemand ein Fußballstar. Daran ist es bei mir schon gescheitert, und ich wollte doch so gern werden wie Klaus Fischer. Ohne Talent läuft nichts.

Übertragen auf das Evangelium: Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. Das ist die gute Nachricht: Gott schenkt jedem und jeder das Talent, selig zu werden. Heil zu werden. Von Schuld und Angst frei zu werden. Jedem Mann und jeder Frau schenkt Gott dieses Talent nach seinem Wohlgefallen. Gott nimmt dich an, weil er dich liebt. Er vergibt dir deine Schuld, und dafür musst du nichts bringen. Du darfst einfach glauben. Vertrauen auf das, was er in Christus für dich tut.

Aber die zweite Seite gilt eben auch: Talent alleine macht aus dem kleinen Jungen auf dem Bolzplatz noch keinen Fußballstar. Talent kann verkümmern und blass werden, wenn es nicht gepflegt und ausgebaut wird. Schon mancher Mensch, der das Talent hatte, ein großer Pianist oder eine große Schriftstellerin oder eben ein Fußballstar zu werden, ist es dann doch nicht geworden, weil er nichts aus seinem Talent gamacht hat. Denn um ein Fußballstar zu werden braucht es

Zweitens: Systemtisches geplantes Training und viel Übung.

Mich beeindruckt das, was viele Sportler da auf sich nehmen: Sie richten ihre Ernährung, alle ihre Gewohnheiten, ihr ganzes Leben auf ihren Sport aus. Sie trainieren nicht nur hart, sondern auch außerhalb der Trainingszeiten ist alles auf ihren Sport ausgerichtet. Sie verzichten auf Alkohol und Drogen und Partys, weil sie in ihrem Sport weiterkommen wollen. Ungeheuer diszipliniert arbeiten sie an ihrem Ziel.

Übertragen auf das Evangelium: Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern. Gott nimmt dich an, und dafür musst du nichts tun. Du darfst einfach glauben. Aber weil er dich annimmt, will er dich nun auch verwandeln in das Bild Jesu hinein. Er freut sich, wenn du ein Jünger sein und damit so werden willst wie Jesus. Aber so werden wollen alleine hilft dir nicht, es tatsächlich zu werden. Dazu braucht es neben dem Talent, also Gottes Gnade auch, sytematische geplante Übung.

Wie ein Sportler geht es darum, dass wir unser ganzes Leben darauf ausrichten, als Jünger Jesu unserm Meister nachzueifern, von ihm zu lernen und mehr und mehr tatsächlich so zu werden wie er.

So wie der Sportler bestimmte Übungen immer wieder macht und ganz diszipliniert auf sich nimmt, so gibt es auch für Jünger Jesu Übungen, die wir immer wieder tun können. Geistliche Übungen. Wenn wir in den Evangelien lesen, dann lesen wir davon, dass unser Meister selbst auch mit geistlichen Übungen gelebt hat. Um einige Beispiele zu nennen:

a) die Stille.

Jesus ist durch die Dörfer gezogen und hat gepredigt und geheilt. Aber immer wieder und wieder hat er – oft nächtelang – die Stille gesucht. Stille und Einsamkeit sind wichtige geistliche Übungen. Von Jesus können wir sie lernen. Allein sein mit Gott, ihn spüren und sich ihm aussetzen, ihm sozusagen stillhalten damit er wirken kann. Regelmäßige Meditation, Ruhegebet – das sind Instrument für die geistliche Übung der Stille.

b) Bibelstudium.

Jesus konnte zumindest große Teile seiner Bibel auswendig. Er zitiert sie oft. Ganz offensichtlich hat er viel Zeit damit verbracht, seine Bibel zu studieren und ihm wichtige Stellen auch auswendig zu lernen. Sie zu verinnerlichen. Das Studieren und Lernen der Bibel als geistliche Übung.

c) Essen.

Ja, ihr habt ganz richtig gehört. Essen ist eine geistliche Übung. Und zwar: Essen in Gemeinschaft. Jesus lud sich gerne selber zu Essen bei andern ein. Beim Essen kam er andern näher und entdeckte in ihnen Gottes Bild. Und das wichtigste Zeichen seiner Gegenwart, das er uns hinterließ, ist nicht nur zufällig ein Mahl – das Abendmahl oder das Mahl des Herrn. Gemeinsames Essen kann eine geistliche Übung sein.

d) Fasten und Enthaltsamkeit.

Jesus hat gefastet. 40 tage lang in der Wüste. Erst dieses Fasten hat ihn befähigt, dann so aufzutreten und zu leben, wie er gelebt hat. Und er ist ganz selbstverständlich davon ausgegangen: Wenn ich mal nicht mehr auf der Erde sein werde, dann werden meine Jünger auch fasten. Stille, Bibelstudium und Fasten kann man gut miteinander verbinden. Verzichten und Sich-Enthalten – zum Beispiel zeitweise auf Alkohol oder auf Fleisch oder auf Fernsehen verzichten – kann eine hilfreiche geistliche Übung sein.

e) Anbetung.

Immer und immer wieder betet Jesus. Er nennt Gott Abba, seinen lieben Vater und empfiehlt das auch seinen Jüngern. Lobpreis ist ihm wichtig: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ Was für ein Lobpreis Gottes. Oft bittet er Gott ganz einfach und mit kurzen Worten um Hilfe. Sein Lieblingsgebetswort scheint mir „Dein Wille geschehe“ gewesen zu sein. Dieses Wort gab ihm Kraft für seinen Weg ans Kreuz. Gebet - allein und mit andern gemeinsam - , Lobpreis und Anbetung, auch gesungen, Stoßgebete im Alltag und Gebetsworte, die man mitnimmt in die Stille, können wichtige geistliche Übungen sein.

Nur eine kleine Auswahl an geistlichen Übungen, die man bei Jesus beobachten kann in den Evangelien: die regelmäßige Stille und Einsamkeit, das Studieren und Lernen der Bibel, das gemeinsame Essen mit andern, das Fasten und die Enthaltsamkeit, das Beten und Lobpreisen in unterschiedlichen Formen.

Solche geistlichen Übungen gaben Jesus die Kraft, sein Leben zu leben. Für ihn waren sie ganz offensichtlich selbstverständlich. Sind sie das für uns auch? Und wenn nicht: Sollte es uns dann wirklich wundern, wenn wir im Glauben wenig wachsen und wenig Ähnlichkeit mit Jesus an uns spürbar ist?

Unser Predigttext – gerade am Reformationstag – sagt: Das Evangelium hat zwei Seiten, die beide gleich wichtig und bedeutsam sind: Das, was nur Gott tun kann und tut. Er spricht dich gerecht und nimmt dich an ohne Werke und ohne Voraussetzungen. Darauf darfst du dich verlassen und einfach glauben. Gott wirkt in dir beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite aber ist: Das was du tun kannst. Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Werde ein Jünger Jesu, der von ihm lernt und ihm nacheifert. Nutze dein Talent, das Gott dir schenkt und praktiziere regelmäßig die geistlichen Übungen, die du dir bei Jesus abgucken kannst – die regelmäßige Stille, das Forschen in der Schrift, das gemeinsame Essen, das Fasten und die Enthaltsamkeit, das Beten und Gott lobpreisen – mit oder ohne Noten. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam solche geistlichen Übungen neu entdecken und miteinander lernen.

Amen.

Freitag, 17. Oktober 2014

Domführung in Paderborn - Noch Plätze frei

Am kommenden Mittwoch, den 22. Oktober, besuchen wir mit einigen Leuten aus der EmK Detmold den Hohen Dom zu Paderborn. Wir haben eine Führung durch den Dom gebucht, für die noch einige wenige Plätze frei sind. Die Führung beginnt um 15 Uhr 15 und wird pro Teilnehmer(in) etwa 4 bis 5 Euro kosten.

Interessiert? Dann melde dich bei Uwe Hanis, detmold@emk.de oder 05231-23297

Donnerstag, 18. September 2014

Einheit statt Uniformität

Paulus schreibt: „Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Ge­duld. Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einig­keit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“ 
(Epheser 4,1-6)

So richtig gerne ermahnen lassen wir uns nicht, stimmts? Auch nicht von Paulus. Ich zumindest nicht. Ermahnung, das klingt mir zu sehr nach erhobenem Zeige­finger, und ich muss unwillkührlich an meine Mutter denken, die mich nie aus dem Haus gehen ließ ohne die Frage: „Junge, hast du auch ein Unterhemd an?“ Heute kann ich darüber schmunzeln, aber damals...

Trotz meiner Abneigung gegen erhobene Zeigefinger will ich die Worte des Apostels auf mich wirken lassen. Ihm geht es um die Einheit der Gemeinde – um die „Einig­keit im Geist“.

Einigkeit, das bedeutet ja nicht Uniformität und Gleichschritt. Mit Kollektivismus und Zwang hat das paulinische Verständnis von Einheit nichts zu tun. Es geht um die Einheit der Freien, oder besser: um die Einheit der von Christus Befreiten.

Da werden wir nicht in eine Uniform gezwungen (auch nicht geistlich) oder in eine Schablone gepresst, und wir müssen auch nicht in Reih und Glied marschieren. DIESE Einheit, die Einheit in Christus, entsteht, wenn wir so sein dürfen, wie wir sind, und die Freiheit haben, die anderen eben auch so zu lieben, wie sie sind. Dazu ermutigt uns Paulus – einander selbstbewusst zu „ertragen in Liebe“. Was uns verbindet und eins macht, ist ja keine gleichmacherische Ideologie, sondern der eine Herr, der uns zu seinem Leib in der Welt macht: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

So wird dann die Ermahnung für mich bei genauerem Hinsehen zur Ermutigung: Du darfst frei sein, weil Christus dich befreit hat. Mach kräftig Gebrauch von deiner Freiheit und genieße es, andere, die es anders machen, auch zu respektieren. Liebe sie, gerade weil sie anders sind. Du musst sie dir nicht gleich machen wollen, um eins mit ihnen zu sein. Die wahre Einheit liegt in  der liebevoll respektierten Vielfalt.

Dienstag, 9. September 2014

Herzliche Einladung zur Freizeit des Kirchlichen Unterrichts (im Distrikt Essen)

KU-Freizeit Herbst 2014

8.-10. Oktober
in Recklinghausen

„Gemeinsam unterwegs!“


Wann? Mittwoch, 08.10.14, 17 Uhr bis Freitag, 10.10.14, 14 Uhr

Wo? EmK Recklinghausen, Limperstraße 34, 45657 R'hausen

Was? Zusammen singen, beten, feiern, Gemeinschaft finden, reden und und und

Wie teuer? 60 Euro pro Person

Und das Beste ist: DU BIST HERZLICH EINGELADEN!

Die teilnehmenden Jugendlichen sollten gebracht und abgeholt wer­den. Ein Abholdienst vom Bahnhof Recklinghausen ist nach Absprache möglich.

Leitung: Pastorin Ruthild Steinert und Pastor Uwe Hanis, Fon 0163-3736467

Mitzubringen sind:

  • Schlafsack und ggf. Luma
  • Kleidung (auch für Regen), Waschzeug, Handtücher
  • feste Schuhe
  • Hausschuhe
  • Bibel und Schreibzeug
  • Krankenkassenkarte!!

Wenn du ein Instrument spielst, kannst du es gerne mitbringen. Auch  Gesellschaftsspiele sind willkom­men.

Anmeldung:

Die verbindliche Anmeldung kann bis zum 30. September per Telefon oder E-Mail – gerne auch durch die Pastorin oder den Pastor – bei

Uwe Hanis
Mühlenstraße 16
32756 Detmold
05231-23297
detmold@emk.de
erfolgen.

Bei Ankunft in Recklinghausen soll­test du dann den Teilnahmebeitrag von 60 € und die ausgefüllte und un­terzeichnete Anmeldung (Rückseite) dabeihaben.

Dienstag, 26. August 2014

Was bedeutet für uns in der Immanuelkirche Detmold "Evangelisch-methodistische Kirche"?

Evangelisch-methodistisch: 
Was ist das denn? 

Evangelisch ist ja noch klar: Wir verstehen uns als Teil der evangelischen Kirchenfamilie, die in der Reformation ihren Ausgang nahm. Aber methodistisch? Was soll das heißen?

Methodistisch, das war zunächst eine spöttische Bezeichnung für eine Gruppe von Studenten um John und Charles Wesley in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England. Die Gruppe fiel durch einen konsequenten Lebensstil und eine hohe Disziplin auf. Neben intensivem Bibelstudium und gemeinsamem Beten waren ihnen vor allem die praktischen Dienste an Armen, Kranken, Arbeitslosen und Gefangenen wichtig. Deshalb wurden sie als Methodisten ver­spottet.

Aus der kleinen Studentengruppe wurde bald eine Erweckungsbewe­gung, die das Leben vieler Men­schen veränderte. Innerhalb weni­ger Jahrzehnte entstand daraus eine weltweite Kirche.

Heute gehören mehr als 70 Millio­nen Menschen weltweit zu einer methodistischen Kirche. Unsere Gemeinde gehört der United Me­thodist Church an, die sich im deutschen Sprachraum Evange­lisch-methodistische Kirche nennt.

Typisch methodistisch

Der Methodismus ist

  • eine Missionsbewegung

Die Liebe Gottes will alle Men­schen erreichen. Deshalb verste­hen wir es als unsere wichtigste Aufgabe, neue Menschen mit der Liebe Got­tes in Berührung zu bringen. Das ist unsere Mission, also unsere Sendung. Unser Gemein­deleben soll dem Ziel dienen, Men­schen mit der Liebe Gottes zu er­reichen. Ob es das tut, ist eine kritische Anfrage, die wir immer wieder an uns selbst richten wollen.

  • eine soziale Bewegung

Von Anfang an kennzeichnet es die methodistische Bewegung, dass Glaube und soziales Engagement zusammengehören. Die Menschen mit der Liebe Gottes in Verbindung bringen – das heißt für uns auch, uns für Kranke, Arme und Ausge­grenzte einzusetzen und  praktisch zu helfen, wo immer wir es kön­nen.

  • eine Heiligungsbewegung

Wir sind überzeugt davon (und erfahren es an uns selbst), dass Gottes Geist jeden Menschen im Sinne der Liebe Jesu verändern kann. Diese Veränderung nennen wir Heiligung. Niemand muss blei­ben, was er jetzt gerade ist.

Und: Gottes Geist verändert nicht nur Einzelne, sondern durch sie auch die Ge­sellschaft. Persönliche und soziale Heiligung gehören für uns deshalb zusam­men.

„Die Kirche hat den Auftrag, Men­schen zu Jüngern und Jüngerinnen Jesu Christi zu machen, damit durch sie die Welt verändert wird.“ (Verfassung, Lehre und Ordnung der Evang.-meth. Kirche)

Was unsere Gemeinde ausmacht

Wichtig ist uns vor allem: Uns sind alle Menschen willkom­men: gleich ob Christen oder Nichtchristen, Alte oder Junge, Behinderte oder Nichtbehinderte, Familien oder Singles, Wohlhabende oder Arme... Wir wollen ein Ort der Begegnung auf Augenhöhe und der Freundschaft sein. Unser Ziel ist es, dass Menschen bei uns die Erfahrung machen, von Gott angenommen und gewollt zu sein.

Lust, vorbeizukommen?

  • Gottesdienst für alle Gene­rationen an jedem Sonntag um 10 Uhr
  • Kostenloses Mittagessen für alle an jedem 1. Sonntag im Monat um 11 Uhr 45
  • Kostenloses Abendessen für alle an jedem Donners­tag um 18 Uhr
  • Viele Kleingruppen (Chor, Hauskreise, Seniorenkreis, Frauenfrühstück...), in de­nen man andern begegnen und Freunde finden kann.

Dienstag, 22. Juli 2014

Über das Gebet der Sammlung / die Meditation

1.) Warum wir meditieren

(Ich beziehe mich in diesem Artikel vor allem auf die Art der Meditation, wie sie von Thomas Keating und anderen als Centering Prayer gelehrt wird. Weitere Infos zum Beispiel auf der Website www.contemplativeoutreach.org)

Es gibt nicht nur eine Art zu beten, sondern viele, stimmt`s? Manche davon sind sehr verbreitet und werden häufig geübt, andere dagegen weit weniger.

Wir im Westen zum Beispiel kennen vor allem das gesprochene Gebet. Beten ist demnach der Ausdruck unserer Gefühle und Gedanken in Worten vor Gott. Oder einfacher: Beten ist Reden mit Gott (meistens dann doch relativ einseitig verstanden im Sinne von Reden zu Gott).

Das Beten als Stillsein und Sich-Versenken in Gott dagegen, das ich Meditation nenne, ist in den Kirchen des Westens jahrhundertelang gar nicht oder nur sehr wenig gelehrt und geübt worden. Es ist in unsern Gemeinden deshalb heute weitgehend unbekannt.

Dabei hat die Meditation im Christentum eine lange Geschichte. Sie geht zurück auf die Wüstenmütter und -väter des 3. und 4. Jahrhunderts nach Christus. Sie wollten der Lehre Jesu vom Gebet in der Bergpredigt folgen:

"Wenn du betest, dann geh in deine Kammer und schließ die Tür zu. Dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist." (Matthäus 6,6).

Und dort bete dann ohne "viele Worte", denn 

"euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet." (Matthäus 6,7f.)

Konsequent suchten deshalb die Wüstenmütter und -väter die Vereinigung mit Gott in der Stille und im Schweigen oder im beständigen Rezitieren eines einzigen einfachen und schlichten Gebetsrufes. Das, was sie dabei erstrebten, war Hesychia - griechisch für "Ruhe" oder "gelassene Stille" in Gott.

Im Westen jedoch, wie gesagt, blieb diese alte christliche Tradition lange Zeit verborgen. Erst im 20. Jahrhundert, als viele junge Menschen in der westlichen Welt sich in ihrem Hunger nach lebendiger Spiritualität östlichen Meditationspraktiken zuwandten, wurde auch die meditative Tradition des Christentums auf verschiedenen Wegen wiederentdeckt:

  • Das Jesusgebet der Ostkirche verbreitete sich auch im Westen immer mehr, im deutschen Sprachraum v.a. durch das Werk Emmanuel Jungclaussens. Heute beten viele Menschen täglich das "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner" oder den schlichten Ruf "Jesus Christus"
  • Die Bücher von Peter Dyckhoff über das Ruhegebet als Frühform des Jesus- oder Herzensgebetes erfreuen sich v. a. im katholischen Raum großer Beliebtheit. 
  • Das Herzensgebet wird von unterschiedlichen Schulen in Wochenendkursen und Exerzitien gelehrt und findet immer mehr Menschen, die es regelmäßig üben. 
  • Aus der "christlichen Meditation" von John Main, Laurence Freeman und der Weltgemeinschaft für christliche Meditation WCCM sind hunderte Gebetsgruppen in der ganzen Welt entstanden - eine überkonfessionelle Bewegung der Meditation als "Monastery without Walls"
  • Das Gebet der Sammlung oder Centering Prayer von William Menninger, Basil Pennington und heute v.a. Thomas Keating zieht weite Kreise und findet viele Menschen, deren Gebets- und Glaubensleben es bereichert, indem es sie mit dem kontemplativen Gebet vertraut macht. 
Alle diese Formen der Meditation haben im einzelnen unterschiedliche Ansätze. Aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie nehmen die Tradition des kontemplativen Gebetes der Wüstenmütter und -väter auf und entwickeln sie für die Menschen heute zu einer zeitgemäßen Form der christlichen Meditation weiter.

Denn viele von uns heute haben große Sehnsucht nach lebendigen und ganzheitlichen spirituellen Erfahrungen. Sehnsucht nach einer Beziehung zu Gott, die über das Reden und Denken hinausgeht, die auch das Herz und nicht nur den Kopf umfasst - Sehnsucht nach Freundschaft mit ihm, der die Quelle unseres Lebens selbst ist. Und viele von uns, in- und außerhalb unserer Gemeinden, haben Sehnsucht nach echter innerer Ruhe, die aus der Verbindung zu Gott fließt - nach tiefer Ruhe mitten in unserem von Hektik und schnellem Wandel geprägtem Leben. 

Der Glaube lehrt uns: Gott, der im Geist seines Sohnes in uns ist und in uns wirkt, streckt sich uns voller Sehnsucht entgegen. Er ist uns nahe - er ist überall um uns herum und er ist in uns -, uns näher als wir selbst es sind. Er ist tatsächlich erfahrbar und er will uns die Ruhe, nach der wir uns so sehnen, schenken - tiefe innere Ruhe in der Freundschaft zu ihm -, wenn wir nur still werden und lernen, auf unsere Gedanken und Worte zu verzichten und uns der Kraft der Liebe zu öffnen und anzuvertrauen, die von ihm ausgeht. "Sei still und erkenne, dass ich Gott bin," nennt das der Psalmbeter (Psalm 46,10) Genau darum aber geht es in der Meditation. 

2.) Was Meditation nicht ist

Meditation ist kein Ersatz für andere Formen christlicher Praxis. Sie will auch andere Formen des Betens nicht ausschließen, sondern im Gegenteil sie beleben und in neuem Licht erstrahlen lassen. Sie gehört ihrem Wesen nach immer in den Gesamthorizont christlichen Lebens und kann nur dann reifen und uns verwandeln, wenn sie begleitet ist vom Lesen und Bedenken der Bibel, von der Teilhabe an christlicher Gemeinschaft und am Gottesdienst und von tätiger Liebe zu unsern Mitgeschöpfen. Mit anderen Worten: Kontemplation, die Versenkung in Gott im Gebet der Sammlung, und Aktion als aktives Leben des Glaubens gehören notwendig zusammen. 

3.) Wie wir meditieren können

Meditation ist ihrem Wesen nach einfach. Jeder Mensch kann meditieren. Alles, was wir dazu brauchen, ist unser Wille, es regelmäßig zu tun - am besten täglich, wenn möglich einmal am Morgen und einmal am Abend für jeweils etwa 20 Minuten. 

Diese Zeit schenken wir Gott und der Vertiefung unserer Freundschaft zu ihm. Wir wollen in dieser Zeit nichts erreichen und nichts erbitten, sondern einfach bei ihm sein - in Liebe und Zuneigung mit ihm zusammensein und ihn in uns wirken lassen. Meditation heißt: sich selbst loslassen und sich Gott, der Quelle des Lebens, hinhalten, ohne etwas erreichen zu wollen. Das tun wir, indem wir sowohl an unserm Leib, als auch an unserm Geist still werden. 

a) Aufrecht dasitzen

Wir beginnen die Meditationszeit, indem wir uns aufrecht hinsetzen und, wenn wir wollen, uns bekreuzigen "im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Dann können wir Gott kurz mit einem freien Gebet ansprechen, zum Beispiel: "Lieber Vater, danke, dass du mir nah bist und in mir wirkst. Die nächsten 20 Minuten will ich ganz dir schenken. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Mache mit mir, was du willst. Amen."

Dann sitzen wir einfach still und mit aufrechtem Rücken da. Wir schließen sanft die Augen und legen buchstäblich die Hände in den Schoß. Jetzt müssen wir nichts leisten. Wir sind einfach da vor Gott. Einfach bei ihm, unserm guten Freund. So wird unser Leib still. 

b) Ein Gebetswort innerlich sprechen

Um ungeteilt bei Gott zu sein und nicht von Gedanken, Geräuschen oder anderen Dingen abgelenkt zu werden, nehmen wir ein einfaches und kurzes Gebetswort mit in die Meditation. Das kann zum Beispiel eine Anrede Gottes oder des Sohnes Gottes sein, die uns besonders zusagt: "Jesus", "Christus", "Jesus Christus", "Adonaj", "Vater" oder "Abba"... Wir entscheiden uns für ein Gebetswort. Indem wir es innerlich sprechen und wiederholen, richten wir unser Inneres während der Meditation immer wieder neu auf Gott aus.

Am Anfang unserer Praxis dürfen wir dabei ruhig ein wenig experimentieren, bis wir unser Gebetswort gefunden haben. Dann aber sollten wir dabei bleiben und es nicht allzuoft wechseln, damit es in unsern Herzen Wurzeln schlagen kann. 

Dabei müssen wir unser Gebetswort während der Meditation nicht mechanisch in einem bestimmten Rhythmus wiederholen, sondern dürfen es einfach innerlich sanft und liebevoll so sprechen, wie es zu uns passt. Am Anfang der Meditationszeit wird das vielleicht häufiger und in einem schnelleren Rhythmus sein, nach einigen Minuten vielleicht langsamer und mit größeren Pausen. Vielleicht entgleitet uns das Wort irgendwann auch für einige Zeit ganz und macht tiefer innerer Ruhe Platz. Wie auch immer. Wir überlassen uns unserm Wort und in ihm Gott selbst, und wir erleben, wie es uns in immer tiefere Ruhe führt.

c) Gedanken ziehen lassen

Wichtig ist nur: Immer dann, wenn uns Gedanken, Geräusche, Vorstellungen oder Gefühle ablenken, wenn wir also merken, dass wir irgendwelchen Ablenkungen nachgehen oder uns in sie verlieren, kommen wir einfach sanft zu unserm Gebetswort zurück und nehmen es wieder auf, indem wir es erneut innerlich sprechen.

Dass in der Stille Gedanken kommen, ist ganz natürlich und unvermeidlich. Wir sollten deshalb nicht gegen sie kämpfen oder versuchen, sie zu unterdrücken. Das wäre sinnlos und würde uns außerdem erst recht ablenken. Aber wir sollten uns eben auch nicht auf die Gedanken einlassen und ihnen nachgehen, sondern wir dürfen sie einfach ziehen lassen und uns erneut innerlich ganz Gott zuwenden. Das tun wir, indem wir immer dann, wenn wir uns in Gedanken vorfinden, wieder sanft zu unserm Gebetswort zurückkehren und es innerlich sprechen und wiederholen. 

So sitzen wir da - still und ruhig - nur wir mit unserem Gebetswort vor Gott. Immer, wenn wir abgelenkt werden, kehren wir zurück in die Stille vor Gott, indem wir unser Wort innerlich wieder aufnehmen. 

d) Die Meditation beenden

Am Ende der Meditation, also nach etwa 20 Minuten, lassen wir unsere Augen noch einen Moment geschlossen. Wir hören auf, innerlich unser Gebetswort zu sprechen, aber wir genießen noch einen Moment die Stille. Vielleicht wollen wir jetzt langsam und aufmerksam ein Vaterunser sprechen oder Gott in freien Worten danken für seine Gegenwart und Nähe. Vielleicht ist die Zeit nach der Meditation der richtige Moment, um die Losungen oder einen andern Bibeltext zu lesen und in uns aufzunehmen. Was auch immer unser Weg ist: Der Übergang von der Meditation zum tätigen Leben sollte nicht schlagartig und plötzlich erfolgen, sondern ruhig und langsam, um möglichst viel von der Ruhe der Meditation mit in den Alltag zu nehmen. 

4.) Was Meditation bewirkt

Meditation, wenn wir sie täglich üben, kann uns verändern. Sie kann uns ruhiger und gelassener werden lassen und sie kann dazu beitragen, dass uns Gottes Gegenwart in unserm Leben und seine Freundschaft immer bewusster wird. Gott kann unser Stillhalten in der Meditation nutzen, um an uns zu arbeiten und uns zu prägen, uns immer mehr mit seiner Liebe zu durchdringen. Die Verbundenheit mit der Quelle des Lebens, die wir in der Meditation erfahren, wirkt sich in unserem Leben aus. Aber all das braucht Zeit - Zeit regelmäßiger Übung. 

Wir sollten die Meditation deshalb nicht nach einer Übung oder nach ein paar Tagen auswerten und beurteilen, sondern eine Zeit lang einfach regelmäßig üben und warten, was Gott durch sie mit uns macht. Meine Erfahrung ist: Ganz von allein sprechen uns nach einer Weile Menschen an, die bemerken, dass wir uns verändert haben - ruhiger geworden sind oder gelassener oder liebevoller, weniger reizbar oder ähnliches. Versuch es einfach, hab Geduld mit dir und vertraue auf die Kraft der Stille, in der Gott an dir handelt. 

Freitag, 30. Mai 2014

Über das Gebet der Sammlung - Von Basil Pennington

Von Basil Pennington, übersetzt von Uwe Hanis
Quelle: http://imagodeicommunity.ca/on-spiritual-issues/on-centering-prayer-by-fr-basil-pennington/

Das Gebet der Sammlung ist ein sehr einfacher Gebetsweg. Er kann von allen Menschen gegangen werden, die mit Gott zusammensein und seine Liebe und Gegenwart erfahren wollen. Das Beten führt uns auf einen Weg vom Verlangen nach Gemeinschaft mit Gott zur Erfahrung Seiner Gegenwart.

Als erstes setzen wir uns ruhig hin. Die meisten von uns können am besten im Sitzen beten. Es ist dir aber freigestellt, die Gebetshaltung zu wählen, die dir zusagt. Der Rücken sollte dabei möglichst gerade aufgerichtet sein. Wenn wir dann sanft unsere Augen schließen, beginnen wir sofort, ruhiger zu werden. Eine große Menge psychischer Energie verbrauchen wir nämlich normalerweise beim Sehen.

Wenn wir so sitzen und etwas ruhiger geworden sind, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Herrn, der in uns gegenwärtig ist. Wir wissen, dass Er in uns ist, weil wir es glauben. Wir wissen es, weil Er es gesagt hat. In Liebe wenden wir uns Ihm zu. Für zwanzig Minuten gehören wir allein Ihm. Er kann mit uns tun, was Er will. Dieses Gebet ist reines Geschenk: Wir schenken Ihm uns selbst in Liebe.

Um ruhig und aufmerksam bei unserem Geliebten verweilen zu können, gebrauchen wir ein Wort der Liebe, ein einfaches Gebetswort. Es soll unser Verlangen danach, mit dem Herrn zusammen zu sein, unsere Liebe zu Ihm ausdrücken. Dazu eignet sich gut der Name des Herrn, der uns am liebsten ist: Jesus, Herr, Vater, Liebe... - der Name, der uns am bedeutsamsten ist. Wir lassen das Wort einfach innerlich da sein, um unsere Aufmerksamkeit bei Ihm zu halten. Nicht als angestrengtes Rufen oder krampfhaft wiederholtes Mantra, sondern mehr wie ein leiser Seufzer oder ein liebevolles Murmeln. Das Wort darf einfach da sein.

Wann immer während der Gebetszeit wir auf irgendetwas anderes aufmerksam werden, gebrauchen wir einfach unser Wort, um zum Herrn zurückzukehren. An manchen Tagen werden wir es fast ständig gebrauchen müssen, weil eine Menge Aufregung um uns herum oder in uns ist. Das macht nichts. Wann immer wir unser Wort gebrauchen und zu Ihm zurückkehren, ist das ein vollkommenes Geschenk unser selbst an Ihn in Liebe. An anderen Tagen werden wir unser Wort kaum gebrauchen müssen. Auch gut. Das macht wirklich keinen Unterschied. Diese zwanzig Minuten gehören ganz einfach Ihm, um damit zu tun, was Er will. Wir suchen darin nichts für uns selbst und erwarten nichts. Das Gebet ist reines Geschenk. Wir wollen in diesen zwanzig Minuten nichts erleben. Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt Ihm. Außerhalb der Gebetszeit werden wir den Unterschied sehen. Wir werden sehen, wie die Früchte des Geistes wie Liebe, Frieden, Freude und Freundlichkeit beginnen, sich in unserem Leben auszubreiten.

Am Ende unserer zwanzig Minuten wollen wir nicht hektisch in unsere Aktivitäten zurückspringen. Unser Gebet hat uns in die Tiefe geführt, auch wenn wir das vielleicht gar nicht deutlich gemerkt haben. Deshalb wollen wir es möglichst sanft beenden. Ich schlage vor, innerlich ganz langsam das Vaterunser zu beten. Sprich jedes Wort langsam und aufmerksam und mach dir seine ganze Bedeutung bewusst. Der Herr kann uns mit dem Vaterunser eine Menge lehren. Und der tiefe Frieden des Gebets der Sammlung wird sich in unser aktives Leben hinein ausbreiten.

Das Gebet der Sammlung ist ein Gebet der Erfahrung. Wir können es nur durch Erfahrung kennenlernen. Triff am besten eine Vereinbarung mit dir selbst, dass du das Gebet treu, zweimal am Tag, dreißig Tage lang übst. Dann frage dich ehrlich, ob das Gebet Frucht in deinem Leben trägt. Vielleicht nimmst du einen Freund dazu, denn andere sehen manchmal mehr als wir selbst. Wenn die Art und Weise, in der du vorher gebetet hast, mehr Frucht getragen hat, dann kehre zu ihr zurück. Aber wenn das einfache Gebet des Hörens, der aufmerksamen Liebe einen guten Einfluss auf dich hat, dann mach damit weiter. Wichtig ist, dass wir regelmäßig beten und Gott erlauben, das zu sein, was er sein will: die Quelle der Liebe, des Lebens, des Friedens und des Glücks für jeden von uns.

Donnerstag, 1. Mai 2014

Christliche Meditation nach John Main - Teil 2

(Aus dem Buch "Radical Simplicity" von John Main - übersetzt von Uwe Hanis)

Die Berührung mit deinem Geist

Mehr und mehr Männer und Frauen in unserer Gesellschaft beginnen, zu verstehen, dass unsere persönlichen Probleme, genau wie die, denen wir als Gesellschaft gegenüberstehen, im Kern spiritueller Natur sind. Sie sehen, dass der menschliche Geist in materiellem Erfolg oder materiellem Wohlstand allein keine Erfüllung findet. Materieller Erfolg und Wohlstand sind nicht schlecht an und für sich, aber sie reichen einfach nicht aus, um den Menschen die Antworten zu geben, die sie brauchen. 

Viele empfinden, dass der Materialismus, in dem wir leben, ihren Geist förmlich erstickt. Viele sind frustriert, weil sie genau fühlen: Wir leben für Besseres als das. Wir wurden für Größeres erschaffen als dazu, nur zu überleben. 

Um uns selbst kennenzulernen, um uns zu verstehen, um dadurch fähig zu werden, unsere Probleme wirklich anzugehen, müssen wir in Berührung mit unserem Geist kommen. Erst wenn wir uns als spirituelle Wesen verstehen, verstehen wir uns selbst. Nur die Berührung mit unserem Geist kann uns die Tiefe und die Breite geben, die wir brauchen, um die Bedeutung unserer Erfahrungen zu verstehen. Erfahrung ist nur dann nützlich und hilft uns weiter, wenn wir sie auswerten können. Aber oft genug machen wir Erfahrungen, die uns eigentlich helfen könnten, aber können sie nicht auswerten und fruchtbar machen. 

Die monastische Tradition hat dazu etwas zu sagen: Wenn wir uns selbst verstehen und wissen wollen, wer wir wirklich sind, dann müssen wir in Kontakt mit unserem inneren Zentrum kommen. Solange wir nicht auf diesem Weg zu unserem Zentrum sind, bleiben alle Erfahrungen nur oberflächlich.

Der Weg  in unsere Mitte ist nicht schwer. Er ist sogar sehr leicht. Er braucht nur unser ernsthaftes Wollen und Engagement. Der Weg der Meditation ist einfach. Alles, was von uns verlangt wird, ist mit Leib und Geist so still wie möglich zu sein. 

Den Leib bringen wir in die Stille, indem wir einfach still dasitzen. Also: Wenn du mit der Meditation beginnst, nimm die einen Moment Zeit, um dich bequem hinzusetzen. Nur halte deinen Rücken dabei so aufrecht wie möglich. Dann beginnt der Weg zur Stille des Geistes, indem du lernst, innerlich, in der Tiefe deines Geistes dein Wort oder deinen kurzen Vers zu sagen. 

Die Kunst der Meditation liegt einfach darin, dass du lernst, dein Wort immer und immer wieder zu sagen. Bewege dabei nicht deine Lippen, sondern wiederhole es rein innerlich. Es ist wichtig, dass du dein Wort von Anfang bis Ende der Meditation wiederholst. 

Meditieren lernen heißt lernen, die eigenen Gedanken, Ideen und Vorstellungen gehen zu lassen und in der Tiefe deines Seins zu ruhen - wach, aber still. Versuche, dir das immer zu merken. Denke nicht nach und gebrauche keine anderen Wörter als dein Gebetswort. Stell dir nichts vor. Sprich einfach sanft dein Wort in der Tiefe deines Geistes und höre ihm zu. Richte d eine ganze Aufmerksamkeit auf dein Wort. 

Warum hat das so viel Kraft? Weil es uns den Raum gibt, den unser Geist braucht, um zu atmen. Es gibt uns den Raum, indem wir wir selbst sein können. Wenn du meditierst, musst du dich für dich selbst nicht entschuldigen und du musst dich nicht rechtfertigen. Du kannst einfach du selbst sein. 

Mittwoch, 30. April 2014

Christliche Meditation nach John Main - Teil 1

(Aus dem Buch "Radical Simplicity" von John Main - übersetzt von Uwe Hanis)

Wie du meditieren kannst

Um zu meditieren, musst du lernen, still zu sein. Meditation ist absolute Stille in Leib und Geist.

Die Stille des Leibes erreichen wir einfach dadurch, dass wir still sitzen. Wenn du also mit der Meditation beginnst, nimm dir zuerst einen Moment Zeit, um dich bequem hinzusetzen. Die einzige unverzichtbare Regel dabei ist, dass du mit aufrechtem Rücken sitzt. Das erste, was du zu lernen hast, ist, völlig still zu dazusitzen. Deine Augen sollten dabei sanft geschlossen sein.

Dann die Stille des Geistes. Der Weg zu dieser Stille besteht darin, innerlich, in der Tiefe deines Geistes, ein Wort oder einen kurzen Vers zu sprechen und fortwährend und treu zu wiederholen. Das Wort, das ich dir dafür empfehle, ist das aramäische Wort "Maranatha". (1)

Sprich es rein innerlich, d.h. bewege dabei nicht deine Lippen. Wiederhole dein Wort von Anfang bis Ende der Meditation. Lass all deine Gedanken, Ideen und Vorstellungen einfach gehen. Folge deinen Gedanken nicht. Gebrauche keine anderen Wörter als nur dein eines Wort. Sprich einfach sanft dein Wort - in der Tiefe deines Geistes - und höre ihm zu. Richte deine Aufmerksamkeit ganz auf dein Wort. "Ma-ra-na-tha." Das ist alles, was du tun musst.


(1) Anmerkung UH: Andere Möglichkeiten aus der christlichen Tradtition sind z.B. Gebetsworte wie Abba, Jesus Christus, Jesus Messias, Jesus, Jeschuah, Immanuel oder Amen. Du kannst auch einen kurzen Psalmvers wählen, der dir besonders wichtig ist oder ein einprägsames Bibelwort wie "Mein Herr und mein Gott". Ich selbst meditiere mit dem Jesusgebet, das uns aus den orthodoxen Kirchen überliefert wurde: "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner." Dieses kurze Gebet begleitet mich jeden Tag und hilft mir, meine Freundschaft mit Christus mehr und mehr zu vertiefen. Zum Jesusgebet siehe auch eine Predigt von mir hier.

Montag, 21. April 2014

Hoffnung für Loser

(Predigt, gehalten im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Detmold gpz am Ostermontag 2014)

Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Meine Lieblings-Satirezeitschrift „Der Postillon“ titelte in dieser Woche: 97 % aller Deutschen sind dankbar dafür, dass Jesus für ein extralanges Wochenende gestorben ist. Das klingt zunächst mal ziemlich blasphemisch und einigermaßen geschmacklos. Ich weiß. Aber irgendwie stellt es mich auch in Frage: Was bedeutet mir denn Ostern wirklich? Was ist Ostern denn mehr als ein extralanges Wochenende?

Für mich ist Ostern mehr. Für mich ist Ostern - zusammen mit Weihnachten - das wichtigste Fest des Jahres. Warum das so ist und was Ostern für mich bedeutet, das kann ich am besten anhand der Ostergeschichte erklären, die wir gerade in der Lesung gehört haben.

„Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht. Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat.“ (Matthäus 28)

1.) Ostern ist ein Fest der Bewegung

Zwei Frauen sind es, die das leere Grab entdecken. Zwei Frauen, die nicht frustig zuhause gesessen haben, weil Jesus gestorben war, sondern die sich aufgemacht haben zum Grab, um „nach dem Gab zu sehen“. Zwei Frauen also, die in Bewegung, die aktiv geblieben sind.

Für mich ist Ostern wichtig, weil es mich in Bewegung hält und weil es die Bewegung in meinem Leben widerspiegelt. Ostern besteht ja nicht nur aus einem Sonntag und einem Montag, sondern ist eine Kirchenjahreszeit, die eigentlich schon mit dem Aschermittwoch in den Blick kommt. 7 Wochen lang denken wir über unser Leben nach. Wir fasten und fragen uns selbst: Wo läuft mein Leben gerade schief? Wo täte mir eine Umkehr gut? Es ist gut, dass wir solche Zeiten des Nachdenkens, solche Auszeiten haben.

Und dann kommt die Karwoche. In den englischsprachigen Ländern heißt sie „Holy Week“ - die heilige Woche. Wir stellen uns dem Leiden Jesu und erblicken in ihm auch unser eigenes Leiden und sehen ihm ins Auge: unsere Krankheiten, unsere Schuld, unsere Ängste, unsere Einsamkeit und unsere Gottverlassenheit. Die Karwoche mitfeiern heißt: dem Leiden und Sterben nicht aus dem Weg gehen, sondern es aushalten, in Bewegung aushalten – wie Jesus es ausgehalten hat.

Und dann erst kommt das eigentliche Osterfest – das Fest der Auferstehung. Ja, Jesus ist auferstanden. „Er ist nicht hier im Grab“, wie der Engel sagt. Das Leiden und der Tod haben eben nicht das letzte Wort, sondern das Leben siegt.

Ostern mag ich, weil es diese Bewegung nacherzählt, die ja letztlich die Bewegung meines Lebens ist. Ostern stellt mich vor die Frage: Wo stehe ich in alledem? Und wo stehst du? Wo stehen Sie? Stehen wir oder sind auch wir in Bewegung wie die beiden Frauen?. Mein Leben ist so ein Karsamstagsleben: Es ist noch nicht so richtig Ostern, aber ich hoffe doch, dass das Leben siegt. Ich bin noch gezeichnet vom Karfreitag – vom Leiden, von der Angst. Aber ich weiß doch, dass es auch in meinem Leben auf Ostern zugeht und dass am Ende das Leben siegen wird. Ostern – das ist das Fest der Bewegung.

2.) mag ich Ostern so, weil es ein Fest für Loser wie mich ist.

Der Engel nennt Jesus „den Gekreuzigten“ - auch nach seiner Auferstehung. Jesus bleibt „der Gekreuzigte“, der Loser. Der da auferstanden ist, das ist kein mächtiger Herrscher, der nach langem und erfülltem Leben, in dem er viel bewegt hat, alt und lebenssatt gestorben ist und nun dafür von Gott mit der Auferstehung belohnt wurde. Das wäre langweilig. Und Langeweile mag der Gott Israels gar nicht. Nein, der Auferstandene ist ein ausgemachter Verlierer, der Auferstandene ist der Gekreuzigte.

Der da hingerichtet wurde, weil er als Gottes Sohn galt, der bespuckt und ausgelacht und niedergemacht wurde – der ist auferstanden, der ist wirklich Gottes Sohn. Er wurde von Gott zum Herrn der Welt gemacht. Und er wird einmal alle Menschen richten – aufrichten nämlich wird er sie mit seiner abgrundtiefen Liebe, die ihn ans Kreuz gebracht hat.

Das macht mir Mut: Die Welt bleibt nicht, wie sie ist. Gott hebt buchstäblich unsere Welt aus den Angeln. Er liebt eben das Kleine, das Unscheinbare, das Schwache und die Schwachen. Gott hat ein großes Herz für alle Loser dieser Welt, sogar für mich. Sie werden leben – mit Jesus, dem Ersten von ihnen. Deshalb sagt der Engel als erstes: „Fürchtet euch nicht.“ Ostern heißt: Fürchtet euch nicht.

Und 3.) und letztens ist mir Ostern so wichtig, weil es mich herausfordert.

Beweisen kann man es ja nicht. Und es gibt ganz sicher gute Gründe dafür, anzunehmen, dass die Auferstehung ein Mythos ist und so, wie sie erzählt wird, gar nicht stattgefunden hat. Gelegentlich versucht mal jemand, mit mir über diese Frage zu diskutieren. Glaubst du wirklich, dass das Grab leer war, dass Jesus tot war und auferstanden ist?

Ich sag es Ihnen ganz ehrlich: Ich lass mich auf diese Diskussion nicht ein. Für die Wahrheit von Ostern gibt es keine Argumente. Ich glaube und ich weiß ganz sicher, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist und dass er lebt – auch heute. Ich glaube und ich weiß ganz sicher, dass er mein Freund und auch Ihr Freund sein möchte. Dass er sich sehnlich die Freundschaft mit ihnen wünscht. Aber argumentieren kann ich dafür nicht.

Die Wahrheit der Auferstehung, die Wahrheit der Aussage, dass Jesus tatsächlich lebt und unter uns unterwegs ist, die liegt auf einer ganz andern Ebene als auf der von Argumenten. Wie sagt der Engel zu den Frauen: „Kommt her und seht selbst.“ Einen andern Weg, die Wahrheit der Auferstehung zu erfahren, gibt es nicht. Nur den einen: Kommt her und seht. Nehme ich – und nehmen Sie – diese Herausforderung an?

Kommt her und seht, das heißt: Ihr müsst es schon ausprobieren, wenn ihr wissen wollt, ob Jesus wirklich lebt. Sucht ihn, dann werdet ihr ihn finden, denn er sucht schon lange nach euch. Bittet ihn ernsthaft darum, sich euch zu zeigen als der, der euch helfen und heil machen kann, dann wird er es tun.

Jesus als den Lebendigen zu erfahren – das kann man nicht erzwingen oder sich rational irgendwie erklären. Aber man kann sich öffnen für ihn und für seine Gegenwart. Indem man zum Beispiel die Stille des Gebetes sucht. Indem man die Evangelien langsam und aufmerksam liest und die alten Geschichten auf sich wirken lässt, sich ihnen stellt. Wie überraschend und provozierend sie oft sind. Oder indem man Gottesdienst feiert mit einer Gemeinde. Oder indem man die Nähe der Armen sucht, in denen Jesus uns ganz besonders gegenwärtig ist.

Kommt her und seht, sagt der Engel. Probiert es aus. Wenn ihr nach dem lebendigen Jesus sucht, dann wird er sich euch zeigen, dann werdet ihr ihn auch finden.

97 % der Deutschen, schreibt die Satirezeitschrift Postillon, sind Jesus dankbar dafür, dass er für ein extralanges Wochenende gestorben ist. Vielleicht kommt das der Wahrheit erschreckend nahe. In Wirklichkeit aber ist da mehr, denn Ostern ist ein ganz besonders Fest. Für mich das wichtigste überhaupt, weil es ein Fest der Bewegung ist, weil es Losern wie mir Hoffnung macht, dass das Leben siegt und weil es mich herausfordert, den lebendigen Jesus heute zu suchen und ihn zu entdecken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.


Montag, 10. März 2014

Wüstenzeiten

(Predigt in der EmK Detmold am 09.03.2014)

Um die Wüste geht es im Evangelium für den heutigen ersten Sonntag der Passionszeit. Ich lese Matthäus 4,1-11:

“(1) Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt. Dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. (2) Als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. 
(3) Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiel, dass aus diesen Steinen Brot wird. (4) Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. 
(5) Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel (6) und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab. Denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. (7) Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. 
(8) Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg. Er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht (9) und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. (10) Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. 
(11) Darauf ließ der Teufel von ihm ab und es kamen Engel und dienten ihm.” 

So weit der Bericht von Jesu Wüstenerfahrung. Es ist ja schon bemerkenswert, eine wie wichtige Rolle die Wüste in der gesamten Bibel spielt:


  • Denken wir zum Beispiel an Mose. In der Wüste begegnet er am Horeb Gott. Der beruft ihn und teilt ihm seinen geheimnisvollen Namen mit. 



  • Oder Israel. Nach der Befreiung aus Ägypten wandert das Volk Gottes 40 Jahre durch die Wüste, bevor es ins Gelobte Land einziehen darf. Hier ist die Wüste der Ort der Läuterung und der Erziehung des Volkes durch Gott, zugleich aber auch der Weg in die Freiheit. Beides gehört in Israels Geschichte zusammen: Es gibt keinen anderen Weg in die Freiheit als den durch die Wüste. Ohne Wüstenerfahrung kein gelobtes Land. 



  • Denken wir an Johannes den Täufer. Er bereitet dem Herrn den Weg, indem er die Menschen zur Umkehr und zum Neubeginn mit Gott aufruft. Und wie macht er das? Indem er sie in die Wüste ruft. Die Menschen sollen raus aus ihrem Alltag in die Wüste kommen, um umzukehren zu Gott. 



  • Oder als letztes Beispiel Paulus: Als er berufen wurde, die Botschaft von Jesus auch zu den nichtjüdischen Völkern zu bringen, da ging er als erstes - na wohin? - in die Wüste. Er zog sich zurück aus der Welt und ging in die Wüste. Allein mit sich und mit Gott, um sich seines Auftrags gewiss zu werden. 


Eigentlich kein Wunder also, dass Jesus, bevor er öffentlich auftritt, “vom Geist (Gottes) in die Wüste geführt” wird, wie Matthäus es schreibt. Die Einsamkeit, Kargheit und Abgeschiedenheit der Wüste ist ganz offenbar der bevorzugte Ort Gottes, wenn es darum geht, dass Menschen sich ihrer Berufung - oder Gottes oder des Sinns ihres Lebens bewusst werden. Bewusstwerdung - das findet in der Wüste statt.

Vielleicht ist das ein Trost für die, die gerade unfreiwillig eine Wüstenerfahrung machen. Vielen geht es ja so: Unfreiwillige Wüstenerfahrungen machen zum Beispiel viele Trauernde oder Kranke, die sich allein und einsam fühlen oder die schwermütig sind. Die sich mit Fragen nach dem Sinn ihres Lebens plagen, auf die sie keine rechte Antwort wissen. Das sind solche unfreiwilligen Wüstenerfahrungen. “Ich komme abends nicht in der Schlaf”, sagen die dann oft, “weil ich immer so viel grübeln muss.” Vielleicht ist das tatsächlich ein Trost, zu wissen: Es kann sein, dass Gott gerade die Wüstenerfahrung nutzt, damit du neue Klarheit gewinnst: Klarheit über dich selbst, über dein Leben und über deine Beziehung zu andern und zu Gott. Bewusstwerdung - das findet in der Wüste statt.

Was wir dann über die 40 abgeschiedenen Tage Jesu in der Wüste lesen, kennen wir unter dem Begriff “Versuchung”: Nach 40 Tagen des Fastens sieht sich Jesus dem Teufel, dem Bösen in Person also, ausgesetzt. Und der versucht ihn. Interessant ist der Vers 1. Da heißt es: “Dort (in der Wüste) sollte Jesus vom Teufel in Versuchung geführt werden.” Er sollte. Gott wollte das so. Deshalb wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt.

Sicher - das haben wir vorhin in der Lesung aus dem Jakobusbrief gehört: Gott will nicht, dass Menschen zum Bösen verführt werden. Gott ist keiner, der mit uns spielt. Aber Gott will diese Wüstenerfahrung Jesu - auch für uns. Er will, dass wir uns den zentralen Fragen des Lebens aussetzen, damit wir uns selbst und unsere Beziehung zu Gott finden.

Denn hinter den drei Versuchungen Jesu verbergen sich drei ganz zentrale Lebensfragen:

Die erste Frage in den Versen 3 bis 4 ist die Frage nach den Werten: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiel, dass aus diesen Steinen Brot wird. Mit andern Worten: Was im Leben ist dir wirklich wichtig? Diese Frage steckt hinter der Versuchung. Wovon lebst du? Woran hängt dein Herz? Wirst du am Ende aufgefressen von der ständigen Sorge um dein leibliches Wohlergehen? Bist du gefangen in Äußerlichkeiten und hast schon längst deine Seele daran verloren? Welche Werte zählen für dich? Was ist dir wirklich wichtig? Eine ganz entscheidende Lebensfrage - diese Frage nach den Werten, die sich Jesus - und uns - in der Wüste stellt.

Die zweite Frage in den Versen 5 bis 7 ist die Frage nach dem Glauben. Seinen Engeln befiehlt Gott, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Also stürz dich doch hinunter, meint der Teufel. Woran glaubst du? Worauf verlässt du dich im Leben? Bist du besessen von Angst und von dem Gedanken, für dich selbst sorgen zu müssen? Ist der Glaube für dich nur ein Spiel? Oder traust du dich, im Vertrauen darauf, dass Gott für dich sorgt, dich mutig von ihm führen zu lassen? Kann Glauben, Vertrauen zu deinem Lebensstil werden? Vertrauen auf Gott, auf deine Frau oder deinen Mann, auf deine Freunde? Die Frage nach dem Glauben - Worauf vertraust du? - stellt sich Jesus und uns in der Wüste.

Und die dritte Frage in den Versen 8-10 ist die Frage nach der Macht. Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Wie wichtig ist dir die Macht? Was bist du bereit, dafür zu tun? Zum Beispiel deine Macht in der Familie oder auch in der Gemeinde, am Arbeitsplatz und und und. Brauchst du Macht für dein Ego? Sehnst du dich danach? Gebrauchst du sie gerne? Gehst du verantwortungsvoll damit um und nutzt sie für andere? Oder nutzt du sie nur aus, um dich selbst durchzusetzen? Die dritte wichtige Lebensfrage, die sich in der Wüste stellt.

Drei zentrale Lebensfragen kommen also dort - in der Wüste - hoch: die Frage nach den Werten (Was ist dir wirklich wichtig in deinem Leben?) , die Frage nach dem Glauben (Worauf und auf wen vertraust du?) und die Frage nach der Macht (Wozu lebst du?). Jesus findet auf alle drei Fragen Antworten, die seine Verkündigung und sein ganzes Leben anschließend, wenn er aus der Wüste zurückkehrt, prägen werden und für die er schließlich leiden und sterben und auferstehen wird. Jesus findet durch die Auseinandersetzung mit den entscheidenen Lebensfragen in der Wüste zu sich selbst. Also auch hier: Bewusstwerdung in der Wüste.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass wir die Wüste brauchen, um uns über die entscheidenden Lebensfragen bewusst zu werden. Sogar Jesus ging das so. Wie war das? Ohne Wüste kein Weg in die Freiheit. Ohne die Erfahrung der Einsamkeit, des Alleinseins, des Leerwerdens keine Bewusstwerdung meiner selbst und Gottes und des Lebens. Wir brauchen die Wüste als Ort der Bewusstwerdung.

Genau deshalb mag ich die Passions- und Fastenzeit. Nicht als Zeit des Verzichts um seiner selbst willen, sondern als Chance auf eine Wüstenerfahrung. Ich möchte die Passionszeit nutzen, mich den Lebensfragen zu stellen, denen ich sonst gerne ausweiche: Was ist mir wirklich wichtig? Worauf vertraue ich? Woran hängt mein Herz? Wo erliege ich ungesunden und schädlichen Abhängigkeiten? Und vor allem: In welchen Lebensbereichen wäre eine Umkehr gut für mein Leben und für meine Beziehungen zu Gott und zu den Menschen? Wo brauche ich Umkehr? Von dieser Frage möchte ich mich in den 40 Tagen der Passionszeit begleiten lassen. Wo brauche ich Umkehr?

Eine Hilfe, um Antworten auf diese Frage zu finden, kann dann tatsächlich das Fasten, der Verzicht sein: 7 Wochen ohne - wie es viele in der Passionszeit tun. Oder auch das Neulernen des Fastens, wie es in der Bibel beschrieben wird: einmal in der Woche einen Tag lang ganz auf feste Nahrung verzichten, um leer zu werden für Gott, um mir meiner Abhängigkeit von Gott neu bewusst zu werden - und sich an diesem Tag sozusagen in die Wüste führen zu lassen. Dahin, wo die Fragen sind, an den Ort der Bewusstwerdung.

Mittwoch, 5. März 2014

Eine Frau voller Liebe

"Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll kostbarem wohlriechendem Öl zu ihm und goss es über sein Haar. Die Jünger wurden unwillig, als die das sahen, und sagten: Wozu diese Verschwendung? Man hätte das Öl teuer verkaufen und das Geld den Armen geben können. Jesus bemerkte ihren Unwillen und sagte zu ihnen: Warum  lasst ihr die Frau nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer. Als sie das Öl über mich goss, hat sie meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat." (Matthäus 26,4-13)

Gewalt, Vernichtung, Verrat und Machmissbrauch. Darum geht es in Matthäus 26 und auch in der heutigen Tagesschau. Die Mächtigen wollen Jesus aus dem Weg haben - diesen Störenfried - , ihn endlich zum Schweigen bringen. Dazu wird am Ende Blut fließen müssen - so viel scheint schon jetzt klar. Die Mächtigen nehmen das bewusst in Kauf.

Aber mitten darin, zwischen all der Gewalt, lesen wir von verschwenderischer Liebe, von Zuneigung und Zärtlichkeit. Die einzige Frau, von der in Matthäus 26 die Rede ist, sorgt für diesen Bruch im Text. Zärtlich salbt sie Jesus mit wohlriechendem Öl. Sie ahnt wohl, dass er sterben muss, weil die Mächtigen das so wollen - weil sie seine unkonventionelle und radikale Liebe nicht ertragen. Deshalb bringt sie ihm ihre ganze Zärtlichkeit. Vor all den Männern um ihn herum salbt sie ihn. Was für eine mutige, zärtliche und ganz buchstäblich liebe-volle Frau. Liebevoll - voll mit Liebe.

Wie dankbar ich bin, dass von ihr in der Bibel eben auch die Rede ist. Aus Liebe tut sie, was sie tut. Voller Hingabe, voller Zärtlichkeit - und ohne irgendwelche Worte. Sie wehrt sich nicht, als sie angefeindet wird von den Männern um Jesus herum.

Für wen steht diese Frau? Sie steht für all die, die auch heute der Gewalt und dem Hass ihre Zärtlichkeit und Liebe entgegensetzen. Ohne große Worte zu machen. Sie steht für all die, die sich nicht anstecken lassen von der Hysterie und Machtgeilheit derer, die das Sagen haben. Sie steht für all die, die versuchen, die Liebe mitten in all dem Hass einfach zu leben. Sie steht für all die, die den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und für die “Erfolg” eben nicht die entscheidende Kategorie ist. Für all diese Menschen steht diese eine Frau mit ihrer Geschichte in der Bibel.


Und deshalb ist es gut, was Jesus über sie sagt: “Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an diese Frau erinnern und erzählen, was sie getan hat.” (Vers 13, Einheitsübersetzung)

Sonntag, 2. März 2014

... und zog in unsere Nachbarschaft

"Und das Wort Gottes wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut und zog in unsere Nachbarschaft"
(Johannes 1,14 - The Message, ins Deutsche übertragen)

(Predigt, gehalten in der EmK Detmold am 02. März 2014)

“Dass in unserer Gemeinde gerade etwas aufbricht, merke ich,” sagt sie, als wir uns gegenübersitzen. “Ich spüre, dass da gerade was Neues entsteht, dass sich was bewegt. Aber ich weiß noch nicht so richtig, wohin uns das führt. Mir ist nicht nicht klar, wohin Gott mit uns geht.” Ich höre ihr zu und stelle fest: Mir geht es ganz ähnlich. Gott ist mit uns unterwegs. Wir spüren, dass er uns an die Hand nimmt und uns einen Weg zeigen will, den Menschen in Detmold zu dienen. Aber wie dieser Weg genau aussieht, das wissen wir noch nicht. Ein paar Tage später hab ich am Schreibtisch gesessen und auf der Website von Fresh Expressions gestöbert. Eine Menge Mutmachgeschichten gibt es da - deshalb besuche ich diese Website sehr gerne. Und eine davon hat mich an diesem Tag besonders angesrochen, weil sie fast sowas wie eine Antwort ist auf das Gespräch ein paar Tage vorher. Es ist die Geschichte aus der englischen Stadt Cirencester. Dort gibt es ein Programm der örtlichen anglikanischen Kirchengemeinde, das sich UpperRoom nennt – das obere Zimmer also. Ich möchte in dieser Predigt vom „Cafe Hinterzimmer“ sprechen. Gegründet wurde das „Cafe Hinterzimmer“ im Jahr 2008 von Leuten aus der Kirche. Die Geschichte auf der Website stammt von Kim Hartshorne, der Leiterin des Programms. Sie erzählt, was das “Cafe Hinterzimmer” für die Mitarbeitenden und vor allem für die Menschen in der Stadt bedeutet. Für mich war die Geschichte von Kim so ermutigend und bestärkend, dass ich beschlossen habe, sie ins Deutsche zu übersetzen und zu einem Brief an uns hier in der EmK Detmold umzuformulieren. Hört also den Brief von Kim Hartshorne an uns: „Liebe Detmolder Geschwister. Ich habe gehört, dass ihr euch aufgemacht habt zu den Menschen in eurer Stadt, um dem Ruf Jesu zu folgen. Ihr probiert eine Menge aus - unter anderm einen “Offenen Donnerstag”, an dem ihr eure Kirche für Ruhe-Suchende öffnet und zusammen mit allen, die das wollen, zu Abend esst, spielt und betet. Und ihr seid unsicher, wohin euch dieser Weg noch führt. Stimmts? Deshalb schreibe ich euch. Ich möchte euch erzählen von unserem “Cafe Hinterzimmer”, um euch Mut zu machen und euch zu stärken. Das Ziel des “Cafe Hinterzimmer” ist es, Menschen, die sonst nichts mit der Kirche zu tun haben, mit der Liebe Gottes in Verbindung zu bringen. Die Leute kommen ja nicht mehr selbstverständlich in die Kirche. Also müssen wir mit der Liebe Gottes eben zu ihnen gehen. Bei uns im „Cafe Hinterzimmer“ gibt es eine Regel. Und die heißt: Jeder ist willkommen und wird so akzeptiert, wie er ist. Punkt. Darüber gibt es keine Debatten. Das gilt. Unsere Gesellschaft hat sich ja in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Sie entwickelt sich immer schneller und schneller – und viele Menschen leben isoliert von diesen Entwicklungen. Sie werden nicht gehört und haben nicht teil an der Gesellschaft. Besonders vielen Armen geht das so. Sie sind abgehängt. Wir in der Gemeinde hatten das Gefühl, dass Jesus gerade diese Leute willkommen geheißen hätte. Und so beschlossen wir, seine Hände und Füße zu sein. Wir versuchen also, wie Jesus den Menschen Gottes Liebe zu zeigen, indem wir ihnen deutlich machen, dass jeder von ihnen einzigartig ist, wertvoll, schön und dazu geschaffen, Gottes Ebenbild zu sein. Über einem Laden in der Marktstraße - mitten im Ort - haben wir eine leere Wohnung gemietet und darin unser „Cafe Hinterzimmer“ eröffnet. Immer montags bis freitags haben wir am Vormittag offen und heißen jeden und jede mit einem Pott Kaffee oder Tee willkommen. Bezahlen muss man dafür nichts. Außerdem bieten wir nachmittags Meditationskurse an, essen zusammen und unterstützen Bürgerinitiativen am Ort, indem wir ihnen unsere Räume für ihre Versammlungen zur Verfügung stellen. Viele, die den Weg zu uns finden, um bei uns einen Kaffee zu trinken oder an einem Kurs teilzunehmen, haben keinen kirchlichen Hintergrund. Wenn sie ein Problem haben und mit uns darüber sprechen, bieten wir ihnen natürlich an, für sie oder mit ihnen zu beten. Wir erklären, dass Jesus sich für die kleinen Dinge des täglichen Lebens tatsächlich interessiert. Wir reden auch über das, was die Bibel sagt, und über unsern Glauben, aber wir legen Wert darauf, dass die Atmosphäre es erlaubt, auch ganz anderer Meinung zu sein oder eine skeptische Haltung zu Gott insgesamt zu vertreten. So versuchen wir, den Leuten zu helfen, sich auf den Weg des Glaubens zu machen – nicht von oben herab, sondern als Weggefährten – auf Augenhöhe. Auf manche kleine und große Gebete hin haben wir schon Antworten erlebt – manchmal beeindruckende Antworten. Trotzdem fällt uns auf, dass sich die persönliche Situation vieler unserer Gäste in Bezug auf ihr finanzielles Auskommen, ihre Familienprobleme und ihre psychische Verfassung in den letzten Jahren verschlechtert hat. Begonnen hat 2008 alles damit, dass einige aus unserer Gemeinde sich getroffen haben, um miteinander zu beten. Für unsere Stadt haben wir gebetet und darauf gehofft, Wege zu finden, als Gemeinde auf die Straße zu gehen und in die Stadt hinein zu wirken. Wir hatten Sehnsucht danach, dienend für die Menschen in der Stadt und mit ihnen unterwegs zu sein – und von dieser Sehnsucht haben wir Gott in unsern Gebeten erzählt. „Wie und wo willst du, Gott, dass wir den Menschen in unserer Stadt dienen?“ Irgendwann erfuhren wir von einigen leeren Räumen direkt in der Marktstraße. Wir besorgten uns die Schlüssel vom Eigentümer und trafen uns dort, um direkt vor Ort zusammen zu beten. 12 Leute waren wir, und wir spürten sehr deutlich Gottes Gegenwart, als wir dort zusammenkamen. Das schien der richtige Ort für unsere Mission zu sein. Und so fingen wir dann einfach an. Unser „Cafe Hinterzimmer“ wird angenommen von Leuten, die oft mit der traditionellen Kirche nichts anfangen können. „Kirche,“ denken sie, „das ist nichts für Leute wie uns. Das ist mehr was für saubere und adrette Leute in schicken Klamotten, aber nichts für uns.“ Viele unserer Gäste sind Obdachlose oder Süchtige oder psychisch Kranke. Ich glaube, die traditionelle Kirche funktioniert für diese Menschen zu sehr über den Kopf, über das Denken. Sie aber müssen das Evangelium nicht nur hören, sondern sehen und vor allem anfassen können, damit sie es glauben. Also kommen sie vorbei, um einen Kaffee oder Tee zu trinken und mit uns über das zu reden, was gerade in ihrem Leben passiert. Wir bieten ihnen an, mit ihnen zu beten, aber wir helfen ihnen auch zum Beispiel bei Briefen an Ämter, die sie schreiben müssen oder gehen mit ihnen zusammen hin, um sie zu unterstützen und ihnen den Rücken zu stärken. Diese praktischen Dinge gehören für uns zum Evangelium dazu. Wenn Jesus zu jemandem kommt, dann dürfen wir erwarten, dass sich etwas ganz praktisch in seinem Leben verändert. Also versuchen wir, herauszufinden, wo Jesus anfangen will, den Menschen, die zu uns kommen, zu dienen. Und dann machen wir eben mit. Deshalb haben wir zum Beispiel einen Alphabetisierungskurs begonnen. Einige unserer Gäste konnten nämlich nicht lesen. Jetzt können sie es im “Cafe Hinterzimmer” lernen. Die Message-Bibelübersetzung sagt in Johannes 1,14: „Das Wort wurde Fleisch und zog in unsere Nachbarschaft.“ Das ist eine gute Übersetzung. Jesus verändert die Nachbarschaft, wenn er kommt. Deshalb arbeiten wir auch zusammen mit Initiativen und Vereinen und andern Gemeinden und eben allen, die auch versuchen, Brücken für die Menschen ins Reich Gottes zu bauen. Was ist das „Cafe Hinterzimmer“ heute, nach 5 Jahren? Ich denke, es ist eine Art Mini-Sozialberatung, kombiniert mit einer kleinen Volkshochschule, einem Gebetsraum und einem Café. Es ist eine Fortsetzung der Kirche mit anderen Mitteln, die heute einfach dran sind – so wie die Methodisten in der Viktorianischen Zeit Schulen eingerichtet und die Sklaverei bekämpft haben. Es ist eine Form von Kirche, die aufgehört hat, die Menschen immer und immer wieder vergeblich zu sich einzuladen. Stattdessen haben wir angefangen, zu den Menschen hinzugehen und uns mit ihnen – da, wo sie leben – aufzumachen in die neue Welt Gottes. „Das Wort wurde Fleisch und zog in unsere Nachbarschaft.“ Die ganze Welt gehört ja Gott – alles. Deshalb sind wir Kirche mitten in der Welt. Bisher haben wir kein Treffen am Sonntag – keinen eigenen Gottesdienst. Aber es scheint, dass Gottes Geist uns gerade dahin drängt, darüber nachzudenken. Wir beten und warten, wohin Gott uns führt. Ich bin sicher, dass sich da etwas entwickelt. Wir wissen noch nicht, wie das aussehen wird – unser Team wartet noch, aber Gott ist unterwegs mit uns und hat einen Plan. Unsere Leute entwickeln mehr und mehr ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie freuen sich, einander und uns zu begegnen und haben das Gefühl, dazuzugehören. Manchmal höre ich Sätze wie: „Warum gehen wir nicht mal zusammen ins Kino?“ oder „Sollen wir den Geburtstag von … nicht hier zusammen feiern?“ Zu Ostern habe ich deshalb beschlossen, alle zu mir nach Hause zu einem Grillnachmittag einzuladen. Wir wollen feiern, dass wir zusammengehören - und dass wir zu Jesus gehören. Dazugehören – das ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft heute. Viele werden von den Entwicklungen in der Gesellschaft abgehängt und haben eben nicht mehr das Gefühl, dazuzugehören. Im „Cafe Hinterzimmer“ erfahren sie etwas anderes. Da gehören sie dazu. Wenn wir Menschen helfen können, teilzuhaben und dazuzugehören, sich sicher zu fühlen und Teil einer Gemeinschaft zu sein, dann sind wir mitten auf dem Weg des Evangeliums hinein in die Welt, in die Nachbarschaft, mitten auf dem Weg der Mission Gottes. Liebe Geschwister in Detmold. Ich schreibe euch das nicht, um euch neidisch auf unser Programm zu machen. Und auch nicht, damit ihr das gleiche macht wie wir. Das “Cafe Hinterzimmer” scheint das zu sein, was zu uns passt. Das, womit wir den Menschen hier in unserer Stadt dienen können. Bei euch kann es ähnlich sein - oder auch was ganz anderes. Ich schreibe euch das, um euch Mut zu machen. Ihr habt euch aufgemacht in die Nachbarschaft, aber ihr wisst noch nicht, wohin euch Gott damit führt. Ihr habt noch kein Bild vor Augen, wie eure Mission am Ende genau aussehen wird. Vertraut darauf, dass Gott euch führt, und bringt ihm eure Fragen. Betet darum, dass er euch zeigt, wie ihr am besten den Menschen dienen könnt. Er wird es tun, denn sein Weg heißt: “Das Wort Gottes wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut und zog in unsere Nachbarschaft.” Herzlich eure Kim Hartshorne” (Der Originalbericht über das Programm UpperRoom findet sich auf der Website: https://www.freshexpressions.org.uk/stories/upperroom)

Montag, 24. Februar 2014

Bibellesen im Dialog mit Gott: Die Lectio Divina

(Predigt in der EmK Detmold am 23.02.2014)

Habt ihr den Wochenspruch noch im Ohr, liebe Schwestern und Brüder? “Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.” So die Mahnung aus Hebräer 3,15. Wenn ihr Gottes Stimme also wahrnehmt, dann folgt ihr auch und stellt euch nicht taub.


Ich habe meine Schwierigkeiten mit dieser Ermahnung. Nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil ich den Eindruck habe, sie trifft nicht so richtig unser Problem heute. Das Wort setzt ja voraus, dass wir Gottes Stimme hören und sagt dann: Wenn ihr sie hört, dann folgt ihr auch. Aber stimmt diese Voraussetzung für uns überhaupt noch? Hören wir denn Gottes Stimme? Spricht er überhaupt zu uns? Und wenn ja: Nehmen wir seine Worte wahr? Spricht er unsere Sprache?


Besonders beim Lesen der Bibel scheint mir das unser Problem heute zu sein: Wir vernehmen dabei nur selten, wenn überhaupt, Gottes Wort an uns. Ich höre das zumindest oft so: “Mit der Bibellese tu ich mich im Moment sehr schwer. Die Texte sagen mir nichts.” Oder jemand anders: “Das ist ganz schön weit weg von mir, was ich da lese. Was hat das mit mir zu tun?” Und ein dritter: “Ich geb mir wirklich Mühe, jeden Tag in der Bibel zu lesen, aber dass mir das was bringt, kann ich nicht sagen.”


Das ist die Problemanzeige heute: Wir hören in der Bibel nicht oder nur selten Gottes Wort an uns. Wir lesen die Worte zwar, aber sie treffen uns nicht. Ich glaube, deshalb tun sich viele mit dem täglichen Lesen in der Bibel so schwer.


Ich möchte euch heute eine Technik des Bibellesens vorstellen, die mir persönlich geholfen hat, aus dieser Falle rauszukommen. Es gab Zeiten in meinem Leben, da hab ich morgens schnell die Losungen gelesen, weil man das eben so macht - und 20 Minuten später hatte ich sie wieder vergessen. Dann hab ich mir vorgenommen: Das muss anders werden. Und ich hab mir einen Bibellesekalender gekauft, der der ökumenischen Leseordnung folgt und jeden Tag das kurze Stück Bibel erklärt. Aber wirklich verändert hat das nichts: Jeden Tag las ich das kleine Stück in der Bibel, klappte dann die Bibel zu, las den Kommentar und vergaß dann alles. Mit meinem Leben, mit meinen Fragen und Sorgen und Problemen hatte das alles nichts zu tun. Gottes Wort an mich? Das hörte ich in all dem nicht.


Die Form, Bibel zu lesen, die ich euch heute vorstellen möchte, hat das verändert. Mir hat sie geholfen, mit der Bibel zu leben statt sie nur zu lesen. In ihr nicht immer, aber oft Gottes Wort an mich zu hören, über das Lesen der Bibel mit Gott ins Gespräch zu kommen und mich von ihm verändern zu lassen.


Es geht um die Lectio Divina. Ein lateinischer Name, der nur schwer ins Deutsche zu übersetzen ist. “Göttliche Lesung” müsste man da wohl sagen, wenn man`s wörtlich nimmt. Aber was ist damit gemeint? Mir gefällt als deutsche Übersetzung von Lectio Divina am besten “Betend Bibellesen”. Denn darum geht es: Bibellesen als Gespräch, als Dialog mit Gott.


Die Lectio Divina ist eine sehr alte Methode des Bibellesens. Sie ist in der Alten Kirche entstanden, etwa im 4.Jahrhundert zur Zeit der Wüstenväter und -mütter. Gepflegt und angewandt wurde sie immer in den Klöstern von Nonnen und Mönchen. Aber auch evangelische Theologen wie August Herrmann Francke haben sie praktiziert und für sie geworben. In den letzten Jahren gewinnt sie immer mehr Anhänger - vielleicht deshalb, weil wir eben nicht allein sind mit unserm Problem: dass wir so selten Gottes Wort an uns persönlich vernehmen, wenn wir in der Bibel lesen. Wir teilen dieses Problem mit vielen Menschen unserer Zeit. Und die Lectio Divina ist eine Möglichkeit, Hilfe zu finden.


Was schlägt die Lectio Divina also vor? Wie rät sie mir, die Bibel zu lesen.


Als erstes raten die Alten: Wenn du wirklich Gott hören willst, dann musst du vorher erst einmal zur Ruhe kommen. Still werden. Stell Radio und Fernseher aus, mach das Handy lautlos und setz dich still hin. Gönn dir ein paar Minuten, um zur Ruhe zu kommen. Manchen hilft es, bewusst auf ihren Atem zu achten. Manche schließen eine Weile die Augen. Eine gute Vorbereitung auf das Lesen der Heiligen Schrift ist die Meditation oder zum Beispiel das Jesusgebet. Anleitungen dazu könnt ihr gerne von mir bekommen. Wie auch immer: Wichtig ist, dass du erstmal zur Ruhe kommst, bevor du liest. Denn wie war das bei Elia, als er Gottes Stimme nicht mehr hörte? Gott lud ihn ein, sich auf den Berg zu stellen. Dann kam ein großer Sturm und zog vorbei - aber Gott war nicht im Sturm. Dann kam ein Erdbeben - aber Gott war nicht im Erdbeben. Dann kam ein Feuer - aber Gott war nicht im Feuer. Und erst dann kam Gott - nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern als sanftes, leises Säuseln. (1. Könige 19,10-13) So redet Gott, so sanft und leise. Wenn wir ihn hören wollen, dann müssen wir zuerst ruhig, ganz still werden.


Und dann, wenn wir still sind, dann schlagen uns die Alten in der Lectio Divina 4 Schritte vor, um über das Lesen der Bibel mit Gott ins Gespräch zu kommen:
1. die Lectio - das Lesen
2. die Meditatio - das Besinnen
3. die Oratio - das Beten und
4. die Contemplatio - das Schauen als Beginn des neuen Handelns


Erstens also: Lectio - Lesen.


Das ist einfach, denkt ihr jetzt vielleicht. Also schnell weiter zum zweiten Schritt. Das ist ein Irrtum. Denn die Lectio, die die Alten vorschlagen, hat nichts mit dem Tempolesen zu tun, das wir uns angewöhnt haben. Es geht nicht um ein schnelles Überfliegen und Aufnehmen der wesentlichen Informationen des Textes, sondern um echtes, aufmerksames, langsames Lesen. In Psalm 85,9 heißt es: “Ich will hören, was der Herr spricht.” Das ist die Haltung, mit der wir lesen.


Welchen Text du dabei liest, ist ganz offen. Das kann der Abschnitt sein, aus dem die Tageslosung oder der Lehrvers des Tages stammt, das kann die Lesung nach dem Kirchenjahr sein (zu jedem Tag unten links im Losungsbuch) oder die fortlaufende Bibellese (unten rechts im Losungsbuch) oder auch auch ein ganz anderer Text. Ich empfehle gerne die fortlaufende Bibellese, der auch die Bibellesehilfen folgen, die wir zum Jahreswechsel hier verkauft haben. Warum? Erstens, weil sie einem ökumenischen Leseplan folgt. Ich lese also jeden Tag mit vielen Christen aus verschiedenen Kirchen den gleichen Text. Und zweitens, weil sie in 4 Jahren in kleinen Portionen durch fast die ganze Bibel führt. Alle Bücher der Bibel, auch die schwierigen, lernst du kennen, wenn du ihr folgst. Aber das ist nur eine Empfehlung.


Wichtig ist, dass du wirklich aufmerksam liest. Schlage den Text auf und lies ihn langsam und aufmerksam - am besten sprichst du beim Lesen mindestens halblaut mit. Dann lies ihn nochmal von vorn - ebenso langsam, und dann nochmal. Wenn du ihn dreimal gelesen hast, dann solltest du langsam vertraut mit dem Text werden. Versuch aufzunehmen, was der Text sagt, und beim dritten Lesen frage dich, welches Wort oder welcher Satz dir besonders ins Auge fällt. An welchem Wort oder Satz bleibst du persönlich hängen. Was spricht zu dir?


Denn dann kommt der zweite Schritt: die meditatio - das Bedenken.


Dieser zweite Schritt hat besondere Bedeutung. Er ist besonders wichtig. Das Lesen war geprägt von der Frage: Was sagt der Text? Das Meditieren folgt der Frage: Was sagt der Text mir?


Die Wüstenväter und -mütter raten: Nimm das Wort oder den Satz, der dich besonders angesprochen hat und “ruminiere” ihn. “Ruminare” heißt “wiederkäuen”. Schließe die Augen und lass das Wort oder den Satz auf dich wirken. Wiederhole den Satz still immer wieder, lass ihn auf dich einwirken, in dir nachlingen und denke über ihn nach. Mach ihn dir zueigen. Was hat der Satz mit deinem Leben zu tun? Was bedeutet er dir? Was bringt er in dir zum Schwingen? Fordert er dich heraus? Was könnte Gott dir ganz persönlich mit diesem Satz heute sagen wollen?
Nimm dir etwas Zeit für diesen zweiten Schritt - einige Minuten mit geschlossenen Augen nur für dich und deinen Satz oder dein Wort. Hier kann es geschehen, dass du tatsächlich - wie damals Elia - Gottes leises Reden zu dir vernimmst. Meditatio - Bedenken.


Wir dürfen bei diesem zweiten Schritt darauf vertrauen, dass der Heilige Geist in uns am Werk ist. Wir dürfen uns vom Heiligen Geist leiten lassen, durch den Jesus gegenwärtig ist. Vertrauen wir einfach darauf. Als, wie Lukas 24 erzählt, einmal zwei Jünger unterwegs waren und der auferstandene Jesus, ohne dass sie ihn erkannten, ihnen den Sinn der Schrift erklärte, da bezeugten sie hinterher: “Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?” (Lukas 24,32) Darauf dürfen auch wir hoffen, dass Jesus uns durch seinen Geist den Sinn der Schrift erschließt.


Aus diesem zweiten Schritt folgt fast natürlich der dritte: die Oratio.


Oratio heißt Beten. Gemeint ist: Wir antworten Gott auf das, was er uns in der Meditatio gesagt hat. Wir treten mit Gott in den Dialog. Wir formulieren unsere Fragen zu dem Wort oder Satz, den wir meditiert haben, wir sagen, was uns bewegt, was wir uns vielleicht vornehmen wollen, was wir erwarten und erhoffen oder wofür wir dankbar sind. Betend antworten und so im Gespräch mit Gott sein.


Wir sind es gewohnt, zu reden. Viel zu reden. Deshalb besteht heute die Gefahr, dass wir zu früh, zu schnell von der Meditatio, in der wir den Satz oder das Wort, das uns besonders anspricht, auf uns wirken lassen zur Oratio, zum Antworten, übergehen. Also: Bremsen wir uns da ein wenig. Erst hören, dann antworten.


Aber dann auch wirklich antworten - beten. Es hilft, wenn wir das, was uns bewegt an dem Text, was uns herausfordert oder wichtig ist, auch in Worte fassen und Gott zurückspiegeln. Das Formulieren hilft - auch wenn es nur ein Stammeln  und alles andere als druckreif ist. Das ist gar nicht schlimm.


Wenn wir so unsere Antworten an Gott formuliert und ausgesprochen haben, dann sagen die Alten: Steh jetzt noch nicht auf und geh los, sondern gönn dir den vierten Schritt: die Contemplatio - das Ruhen in Gott.


Bleib noch ein wenig sitzen, lass die Augen geschlossen und schweige. Sage nichts und erwarte nichts, sondern schweige einfach in dem Bewusstsein, dass Gott da ist. Genieße diese Gegenwart vor Gott.


Wir müssen wissen, dass die Kontemplation, dieses schweigende Ruhen in Gott, für die Alten kein Gegensatz zur Aktion, zum aktiven Handeln war. Im Gegenteil: Die Alten waren der Meinung: Kontemplation ist die Voraussetzung für zielgerichtetes Handeln. Nur wer die Ruhe vor Gott genießt und auskostet, der kann danach auch losgehen und aus seiner Beziehung zu Gott heraus leben und handeln.


Also gönn sie dir ruhig, diese Zeit des Ruhens und Schweigens und Schauens und des Genießens der Gegenwart Gottes.


Gott hören beim Lesen der Schrift - Gottes Wort an mich persönlich vernehmen beim Bibellesen - das ist möglich. Vielleicht ist es heute schwerer geworden, als es zu früheren Zeiten war, aber es ist immer noch möglich. Eine Hilfe dabei kann die Lectio Divina sein, mit der wir anknüpfen an die Art und Weise, in der unsere Mütter und Väter im Glauben die Bibel gelesen haben: sehr alt und doch sehr tauglich für unsere Zeit:


Komm zur Ruhe und dann tritt über den Bibeltext ein in einen Dialog zu Gott in vier Schritten:
1. Lectio - Lies den Text laut und langsam und aufmerksam mindestens 3 mal.
2. Meditatio - Nimm das Wort oder den Satz, der dich besonders anspricht, und meditiere ihn. Lass dir Zeit, die Worte in dich aufzunehmen, wiederhole sie immer wieder, sinne ihnen nach, lass sie in Ruhe auf dich wirken. Was haben sie mit deinem Leben heute zu tun? Was könnte Gott dir mit ihnen sagen wollen?
3. Oratio - Antworte Gott, indem du ihm deine Gedanken sagst. Sprich mit ihm. Und
4. Contemplatio - Steh jetzt nicht sofort auf und geh, sondern gönn dir einige Augenblicke der Stille vor Gott, des Ruhens in ihm. Dieses Ruhen bereitet dich auf dein - durch Gottes Wort erneuertes Handeln - vor.


Vielleicht probiert ihr es ja mal aus. Ich wünsche mir, dass ihr so gute Erfahrungen mit dieser alten Methode macht wie ich.

Amen.