Sonntag, 10. November 2013

Vom Herzensgebet

(Predigt in der EmK Detmold am 10. November 2013)


Es ist schon ein etwas seltsames Buch, von dem ich euch gern erzählen will. Irgendwie geheimnisvoll und auf jeden Fall ungewöhnlich. Das fängt schon damit an, dass wir den Autor des Buches gar nicht kennen. Es wurde von senem Autor selbst gar nicht veröffentlicht, sondern irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Dritten gefunden, die es dann den Menschen zugänglich machten. Geschrieben wurde das Buch vermutlich um 1850 herum in Russland.

Aber trotz seiner geheinisvollen Entstehung – oder auch gerade deswegen – ist das Buch, um das es geht, eines der meistgelesenen und wirkungsmächtigsten christlichen Bücher der letzten 200 Jahre. In viele Sprachen wurde es übersetzt und viele Menschen haben aus dem Buch Dinge gelernt, die ihr Leben in unglaublicher Weise verändert haben. Im Deutschen liegt uns schon die 18. Auflage vor – herausgegeben vom Benediktinerpater Emmanuel Jungclaussen. Ich rede von den „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“. Jungclaussen schreibt in seinem Vorwort darüber, warum dieses Buch seiner Meinung nach so erfolgreich ist: Im Westen, sagt er, gebe es nach dem gefühlten Ende der Moderne eine riesige Sehnsucht nach echter Spiritualität, danach also, nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen, gleichsam in der Seele, Gott zu erfahren und Gemeinschaft mit hm zu leben. Und in dem Buch, schreibt Jungclaussen, gehe es in der Tat um eine „Spiritualität, die dem Leben einen Sinn gibt und auch zu einer praktischen Lebensgestaltung führt.“

Was ist der Inhalt der Aufrichtigen Erzählungen? Ein Lehrbuch ist es nicht – überhaupt kein irgendwie theoretisches Buch. Eher schon sowas wie ein Abenteuerroman. Es geht, wie der Titel schon sagt, um einen russischen Pilger. Solche Leute, also Menschen, die sich von ihrem Zuhause aufmachen und durch das Land ziehen auf der Suche nach Gott, gab es im Russland Mitte des 19. Jahrhunderts eine ganze Menge. Und dieser eine Pilger, dessen Namen wir in seinen Erzählungen nirgendwo erfahren, erzählt nun in dem Buch all die Abenteuer und Erlebnisse seiner Pilgerschaft – in einer wunderschönen, antik anmutenden Sprache übrigens, die man mit großem Spaß lesen kann.

Der Pilger, damit beginnt das Buch, hört in einem Gottesdienst unterwegs das Wort von Paulus aus dem 1. Thessalonicherbrief, das auch wir vorhin in der Lesung gehrt haben: „Betet ohne Unterlass.“ Und dieses Wort lässt ihn nicht mehr los. Wie soll das gehen, fragt er sich, ohne Unterlass, also immer und überall zu beten? „Dieses Wort“, schreibt der Pilger, „prägte sich mir besonders ein, und ich begann darüber nachzudenken, wie man wohl ohne Unterlass beten könne, wenn doch ein jeder Mensch auch andere Dinge verrichten muss, um sein Leben zu erhalten.“

Schon eine spannende Frage, die der Pilger da stellt oder? Wie geht das: ohne Unterlass beten? Ich erzähle euch das zum einen, weil ich die Frage des Pilgers wirklich für interessant und lohnend halte – auch für uns heute. Haben wir nicht schon Schwerigkeiten, überhaupt mal zum Beten zu kommen, geschweige denn ohne Unterlass zu beten? Das Beten hat bei uns einen ganz schön schweren Stand, finde ich.

Und zweitens erzähle ich euch das, weil es so wunderbar zu dem Predigttext passt, der uns heute aufgegeben ist. Es geht um die sogenannte bittende Witwe in Lukas 18. Jesus erzählt eine Geschichte, und im Einleitungssatz wird uns schon gesagt, warum er sie erzählt. Da heißt es: Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten. Allezeit sollen wir beten und darin nicht nachlassen. Dazu fordert uns Jesus auf. Ihr merkt selbst: Das ist genau das Thema unseres Pilgers. Wie geht das: ohne Unterlass beten oder allezeit beten und darin nicht nachlassen, „wenn doch ein jeder Mensch auch andere Dinge verrichten muss“?

Aber hören wir zunächst auf die Geschichte, die Jesus erzählt:
In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.
Und der Herrr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?

So weit die Geschichte, die Jesus erzählt, um uns, wie es heißt, zu helfen, allezeit, also ohne Unterlass zu beten und darin nicht nachzulassen.

Ich möchte den Predigttext anhand des Buches, von dem ich euch erzählt habe – anhand der „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ auslegen. Es ist nämlich verblüffend, wie nah sich Jesu Geschichte von der Bittenden Witwe und das Buch sind. Aber seht selbst.

Welcher Art ist das Beten, das allezeit geschieht? Was für Antworten finden wir auf diese Frage in der Geschichte von Jesus?
1. Dieses Beten ist penetrant bis zum Äußersten.

Damit meine ich: Es geschieht, wie Jesus sagt, immer wieder. Jeden Tag aufs Neue – unabhängig davon, dass es zunächst scheinbar keine positive Resonanz findet. Die Witwe bringt ihre Bitte hartnäckig und penetrant jeden Tag aufs Neue vor.

„Gestern habe ich meine Bitte vorgetragen – genau so eindringlich und ernst wie vorgestern und am Tag davor und davor und überhaupt alle Tage – und es hat nichts genützt. Was tue ich also heute? Ich stehe auf wie immer, gehe zu diesem Richter und trage ihm meine Bitte wieder vor.“ So denkt die Witwe. Sie lässt sich nicht irre machen von scheinbarem Misserfolg. „Irgendwann muss er mich doch hören“.

Mich beeindruckt das – dieses unverschämte Immer-und-immer-wieder-Bitten, ohne mit einem Erfolg rechnen zu können.

Auch der Pilger in den Aufrichtigen Erzählungen hat zunächst keinen Erfolg mit seiner Frage, wie Beten ohne Unterlass wohl geht. Er fragt schlaue Leute, denen er begegnet, und Geistliche aller Art danach, aber eine befriedigende Antwort bekommt er von ihnen allen nicht.

Erst nach vielen Misserfolgen trifft er schließlich auf einen Starez - also einen weisen alten Mann und Lehrer des Glaubens -, der ihm tatsächlich helfen kann. Der Starez macht ihn mit dem Herzensgebet bekannt. Er lehrt unseren Pilger ein einfaches Gebetswort: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner. Das ist ein ganz altes Gebet aus der christlichen Tradition – viele Jahrhunderte alt. Es geht zurück bis auf die Bibel selbst. Man nennt es auch das Jesusgebet. Seit vielen hunderten von Jahren wird es in der Christenheit gebetet, und wenn du es betest - Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner -, dann kannst du dir sicher sein: Irgendwo auf der Welt, mindestes rund um den Berg Athos, wo das Jesusgebet besonders gepflegt wird, werden Menschen sein, die es mit dir gerade jetzt in diesem Moment gemeinsam beten. Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.

Aber ich will mit euch nicht über den Text des Herzensgebetes, wie der Pilger es lernt, nachdenken – nicht über das Jesusgebet als solches. Darauf kommt es heute nicht an. Hier kommt es mir darauf an, wie der Pilger denn sein Gebet lernt und was es zum Herzensgebet macht. Der Starez lehrt unseren Pilger, mehrmals am Tag, möglichst oft, folgendes zu tun: „Setz dich still und einsam hin, neige den Kopf, schließe die Augen; atme recht leicht... Beim Atmen sprich, leise die Lippen bewegend oder nur im Geiste“ dein Gebetswort. „Gib dir Mühe, alle fremden Gedanken zu vertreiben. Sei nur still und habe Geduld und wiederhole diese Beschäftigung recht häufig.“

Unser Pilger lernt also, genau wie die bittende Witwe in Jesu Geschichte, sein kurzes Gebetswort – Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner – immer und immer wieder zu wiederholen, jeden Tag aufs Neue, ganz penetrant, und sich dabei ganz in seinem Wort in Gottes Gegenwart zu sammeln. Zunächst wiederholt er das Wort mündlich, später im Geist, sanft und innerlich, immer und immer wieder, und schließlich - nach langer Übung - wird es tatsächlich sein inneres unablässiges Gebet. Es begleitet ihn - und davon erzählt er wunderbar - bei allem, was er tut. Es ist sozusagen von seinem Kopf in sein Herz gewandert, das nun tatsächlich unablässig betet.

Viele Menschen - auch heute - machen mit dem Herzensgebet ganz ähnliche Erfahrungen, wenn sie sich darauf einlassen. Sie beginnen damit, ein einfaches Gebetswort regelmäßig in der Stille immer wieder und wieder sanft innerlich zu wiederholen und sich dabei der Gegenwart Gottes bewusst zu sein. Sie tun das zum Beispiel in ihrer täglichen Stillen Zeit - eine Viertelstunde am Tag - oder auch an der Bushaltestelle beim Warten auf den Bus oder danach, wenn sie im Bus sitzen. Sie tun das, wenn sie im Stau stehen oder wenn sie in ihrem Lieblingscafe sitzen oder wenn sie spazierengehen. Innerlich wiederholen sie ihr Gebetswort und versenken sich darin in die Gegenwart Gottes – sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf Gott. Und sie merken nach einiger Zeit, wie das Gebetswort durch diese Übung - oder besser: durch Gottes Gnade – tatsächlich zu ihrem Herzensgebet wird, wie es sie von innen mit der Gegenwart Gottes erfüllt, sodass sie wirklich mit ihrem Herzensgebet leben und so im Grunde allezeit – ohne Unterlass – beten. Ihr Gebetswort wird zur Bitte um Beistand, wenn sie in der Klemme sitzen, zum Dank, wenn ihnen etwas Schönes passiert und zum Trost, wenn die Angst sie überkommt. Es begleitet ihr ganzes Leben - Stunde für Stunde, Tag für Tag.

Erstens also: Das Beten in Jesu Geschichte ist unverschämtes Beten – penetrant, immer und immer wieder. Es lebst aus der Wiederholung, aus der täglichen Übung.

2. Dieses Beten ist Bitten um das Eine, das Not tut.

Die Witwe in Jesu Gleichnis erzählt dem Richter nicht ihre ganze Lebensgeschichte. Vermutlich kennt er sie als zuständiger Stadtrichter sowieso. Sie bittet ihn auch nicht um dies und das, sondern immer nur – jeden Tag wieder – um das Eine, das wirklich Not tut: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Da ist also jemand, der die Witwe übervorteilt – sie nennt ihn Feind. Dieser andere nutzt die schlechte Situation der Witwe als alleinstehender Frau aus und tut ihr offenbar großes Unrecht. Viele Ausleger vermuten hinter den Worten in unserem Text eine Erbstreitigkeit – und da hatten in der Antike Witwen ganz schlechte Karten, weil die Erbfähigkeit weitgehend an das männliche Geschlecht gebunden war. Verschaff mir Recht, das ist die Bitte der Witwe – immer und immer wieder diese eine Bitte. Sie bittet nicht um Vieles oder dies und jenes, sondern um das Eine. Beten ist Bitten um das Eine, das Not tut.

Und genauso ist es auch bei unserem Pilger in dem Buch. Jesus hat davor gewarnt, beim Beten viele Worte zu machen. Euer Vater weiß schon, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet. Ihn müsst ihr nicht vollquatschen. So betet der Pilger sein Herzensgebet, Tag für Tag: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner. Diese sechs Worte drücken für ihn aus, was Not tut. Sie sagen: Gott, sei mir nah, ich will mich dir hingeben, eins werden mit dir. Oder wie Emmanuel Jungclaussen es übersetzt: Nimm mich, wie ich bin und mach mich so, wie du mich haben willst.

Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner. Ich persönlich finde dieses alte Gebet wunderbar und kann es gut mitsprechen, mich darin wiederfinden. Ich bete gern mit dem Jesusgebet. Aber ich verstehe gut, dass diese alten Worte manchen unter uns ganz schön schwer fallen. Das fängt schon mit dem Wort Herr an, das bei manchen ganz negative Assoziationen hervorruft. Und mit Erbarmen verbinden viele heute eher das Adjektiv „erbärmlich“ als das, was eigentlich damit gemeint ist: die liebevolle Fürsorge einer Mutter für ihr Kind. Verstehen kann ich das.

So gibt es heute viele, die das Herzensgebet erlernen und üben wollen, aber andere Worte wählen als das Jesusgebet. Das ist o.k. Worauf es ankommt, das ist nicht die genaue Wortwahl, sondern das ist die Intention, die Absicht des Gebetsrufes: Gott, ich will dir nah sein, ich will mich dir ganz hingeben. Manche beten nur mit dem Namen „Jesus Christus“ oder „Jesus Messias“, manche wählen einen Psalmvers wie „O Gott, komm mir zu Hilfe“ oder „Du bist meine Zuflucht“, manche beten „Dein Wille geschehe“ oder ein anderes für sie besonderes und insofern heiliges Gebetswort. Der Möglichkeiten sind viele. Eingelegt ins Programm findet ihr eine kleine Auswahl von Gebetsworten von Peter Dyckhoff.

Worauf es ankommt ist: Gebet ist nicht nur, Gott zu sagen, was wir denken – ihm unseren Dank, unsere Bitten und Fürbitten und Sorgen und Nöte mit Worten zu bringen. Auch das ist o.k. und soll durch das Herzensgebet auf gar keinen Fall abgewertet oder verdrängt werden. Aber es lohnt sich eben wirklich, auch ganz anders zu beten - ohne viele Worte - mit deinem persönlichen Herzensgebet immer wieder still und sanft um das Eine zu beten, was Not tut: Nimm mich, wie ich bin, Gott, sei mir nah, erfülle mich und mach mich so, wie du mich haben willst.

Erstens also: Gebet ist hartnäckig und lebt aus der Wiederholung. Beten lernt man tatsächlich beim Beten. Und zweitens: Gebet ist in seinem Kern Beten um das Eine, das Not tut. Und

3. und letztens: Dieses Gebet ist Vertrauen.

Wenn wir beten, sagt Jesus, dann sitzen wir eben keinem ungerechten Richter gegenüber, der Gott nicht fürchtet und auf keinen Menschen Rücksicht nimmt. Beim Gebet geht es uns besser als der Witwe in der Geschichte. Wir sitzen Gott gegenüber, Abba, wie wir ihn nennen dürfen, unserem uns mütterlich und väterlich liebenden Schöpfer, der voller Erbarmen und Liebe auf uns sieht und uns unendlich nahe ist – näher als wir uns selbst.

Das dürfen wir wissen und deshalb voll Vertrauen beten. Das Ziel des Herzensgebetes, wie der Pilger es erlernt, ist nichts anderes als Gott nahe zu sein und ganz in seiner Gegenwart zu leben – immer, allezeit, ohne Unterlass. Letztlich wird so das ganze Leben selbst zum Gebet, und wir spüren und erleben Gott geheimnisvoll in allem, was ist. In den Erzählungen des Pilgers heißt es: „Zu jeder Zeit, allerorten und bei jeder Verrichtung kannst du Gottes gedenken. Wenn du etwas tust, sollst du den Schöpfer aller Dinge in der Erinnerung haben; wenn du das Licht siehst, so erinnere dich dessen, der es dir geschenkt hat; siehst du den Himmel, die Erde, das Meer und alles, was darinnen ist, so staune und preise ihn, der das geschaffen hat; wenn du dir deine Kleider anziehst, so denke daran, wessen Gabe sie sind, und danke ihm, der für dein Leben sorgt... Eine jegliche Bewegung … (kann) dir Anlass geben, Gottes zu gedenken und ihn zu preisen... Da seht nun, wie bequem es ist,... unablässig zu beten. Es ist leicht und für jeden erreichbar...“

Ohne Unterlass beten, oder wie Jesus sagt, allezeit und ohne darin nachzulassen, das heißt nichts anderes als in der ständigen liebevollen Gegenwart des gütigen Gottes leben, Gott erleben, der uns ganz nahe ist in allem, was ist und geschieht. Das zu lernen und zu erfahren, ist ein Prozess, ein Weg. Es ist nichts, was wir selbst irgendwie machen können. Aber anfangen, den ersten Schritt tun, das können wir – zum Beispiel, indem wir uns unseren persönlichen Gebetsruf wählen, der uns begleiten soll und indem wir, wie der Pilger, täglich üben, unser Herzensgebet zu sprechen – indem wir still und sanft innerlich unser Gebet immer und immer wieder sprechen – vielleicht am Anfang eine Viertelstunde am Tag. Wie unendlich viele Menschen vor uns dürfen auch wir darauf vertrauen, dass Gottes Geist in uns aus unserem einfachen Gebet etwas macht. Gott kann das. Wir dürfen darauf vertrauen, dass uns das Gebet nach und nach wirklich ins Herz gehen und unser ganzes Leben mit der liebevollen und zärtlichen Gegenwart Gottes durchdringen wird.

Zitate aus:
  • Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers; Hrsg. Emmanuel Jungclaussen; Herder Verlag Freiburg, 18. Auflage 2012
  • Emmanuel Jungclaussen; Unterweisung im Herzensgebet; Eos-Verlag; 3. Auflage 2008

Mittwoch, 6. November 2013

Die Macht der Vergebung


(Predigt in der EmK Detmold, gehalten am 27.10.2013)

„Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“ Psalm 130,4

Katys Geschichte beginnt zu Silvester 1997. Aus dem Nachbarhaus dröhnt noch im Morgengrauen laute Musik. Katy ist genervt, genau wie ihr Ehemann. Irgendwann hält der es nicht mehr aus. Er steht auf und geht zur Tür. Katy fragt: „Was hast du vor?“ „Nichts weiter“, antwortet ihr Mann, „ich gehe nur rüber und werde die jungen Leute ganz höflich um Ruhe bitten.“ Katys Mann kommt nicht mehr wieder. Er wird auf der Party des Nachbarsjungen erschlagen. Erst vier Jahre später wird der Täter gefasst: ein junger Mann namens Ryan. Er gesteht schließlich, Katys Mann die tödlichen Fußtritte versetzt zu haben und kommt wegen Totschlags für fünf Jahre ins Gefängnis.

Katy erzählt: „Etwa eine Stunde nachdem Bob ermordet worden war, stand ich in der Notaufnahme neben seinem toten Körper. Dann ging ich nach Hause, um meinen vierjährigen Zwillingen Emma und Sam zu sagen, dass ihr Vater tot ist. Im Ort galt ein Gesetz des Schweigens. Niemand rief die Polizei. Keiner erzählte die Wahrheit. Der Mord war entsetzlich. Aber noch schlimmer war dieses Schweigen. Ich musste fortziehen.
Vier Jahre später wurde Ryan endlich verhaftet..., und all die Jahre der Trauer und der Angst fielen von mir ab.
Ryan verblüffte die Polizei mit der Bitte, mich zu treffen. Mit diesem Satz begann ein Heilungsprozess. Einen Tag nach seiner Verhaftung stand ich (also) dem Mann gegenüber, der meinen Mann ermordet hatte.
Zu vergeben ist schwer. Es wäre einfacher, Psychopharmaka zu schlucken. Aber ich war es meinem Mann schuldig, mit meiner Geschichte andere Menschen zum Nachdenken zu bringen. Und das wollte ich gemeinsam mit Ryan tun. Ob Opfer oder Täter – ein Mensch zu sein bedeutet auch zu versuchen, Schäden wiedergutzumachen.“ So weit Katys Bericht.

Sie schaffte es also tatsächlich, dem jungen Mann, Ryan, dem Mörder ihres Mannes, zu vergeben.

Vergebung hat eine große Macht, denke ich. Vergebung hat die Macht, Ehen zu retten, den Frieden in einem Betrieb wieder herzustellen, Gemeinden wie unsere zu erneuern und Freundschaften neu zu begründen. Ich möchte noch weiter gehen: Vergebung hat die Macht, Kriege zu vermeiden und verfeindete Völker einander nahezubringen. Erinnert ihr euch an das Bild von Francois Mitterand und Helmut Kohl Hand in Hand? Eine wunderbare Geste der Vergebung. Oder an das Bild von Willy Brandts Kniefall? Die Bitte um Vergebung – nicht nur ausgesprochen, sondern mit dem ganzen Leib ausgedrückt. Wie sähe Europa heute aus ohne diese Gesten der Vergebung? Ja, Vergebung hat eine große Macht. Und deshalb möchte ich uns heute Mut machen, Vergebung zu leben – das heißt sie zu suchen, um sie zu bitten und sie zu gewähren.

Der Wochenspruch aus Psalm 130 sagt: Bei dir, Gott, ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Drei Gedanken dazu möchte ich gern mit euch teilen:
1. Gottes Wesen ist Vergebung.
2. Vergebung will erfahren sein.
3. Gott lieben heißt vergeben.

Erstens also: Gottes Wesen ist Vergebung.

Der Psalmist sagt nicht nur: Du, Gott vergibst. Sondern er sagt: Bei dir ist Vergebung. Vergebung, das ist nicht nur etwas, was Gott tut, sondern Vergebung ist ständig bei Gott. Vergebung gehört zu Gottes Wesen.

Die ganze Bibel ist voll von Vergebungserfahrungen mit Gott. Gott kann nämlich ganz schön zornig werden, und er hat immer und immer wieder auch allen Grund dazu. Aber sein Zorn ist nie sein letztes Wort – das erfährt Israel immer wieder. Gott vergibt, Gott fängt neu mit seinem Volk an. Darauf ist Verlass.

Und Jesus, der menschgewordene Sohn Gottes, lebt die Vergebung Tag für Tag. Dir sind deine Sünden vergeben. Das sagt er unglaublich vielen Menschen ins Gesicht. Dir sind deine Sünden vergeben. Was für eine Befreiung: Du kannst neu anfangen.

Habt ihr schonmal jemanden richtig verletzt und dann die Erfahrung machen dürfen, dass der euch sagt: Ich hab dir vergeben? Dann könnt ihr nachempfinden, wie befreiend das ist.

Zugleich sehen wir in den Evangelien, was diese Vergebung, die Jesus zuspricht, dann bewirken kann, welche Macht sie tatsächlich hat. Menschen, denen Jesus zusagt: Dir sind deine Sünden vergeben, verwandeln sich. Aus dem schlitzohrigen und raffgierigen Zöllner Levi wird ein rechtschaffener Mann, der großzügig teilt. Menschen werden seelisch und körperlich heil durch Vergebung. Vergebung verwandelt. Vergebung heilt.

So ist Gott. Bei ihm ist Vergebung. Er kann und er will jedem Menschen vergeben. Ich hab einmal eine Predigt in einem Familiengottesdienst gehört, von der eine Formulierung mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Der Prediger sprach immer wieder von „dem, was Gott am liebsten tut“ – und er meinte damit: Menschen, die auf dem falschen Weg sind, Feinden, schlimmen Fingern und Sündern aller Art großzügig zu vergeben. Vergebung, das ist „das, was Gott am liebsten tut“. Bei dir, Gott, ist die Vergebung.

Der zweite Gedanke: Vergebung will erfahren sein.

Wie kommt es zu dieser Verwandlung und Befreiung durch Vergebung wie bei Levi? Wie entfaltet Vergebung ihre Macht? Dadurch, dass sie geschieht. Dadurch, dass sie aktuell wird. Dadurch, dass aus dem Wesen Gottes – bei dir ist die Vergebung – eine lebendige und persönliche Erfahrung – mir geschieht Vergebung - wird. Israel bittet Gott um Vergebung und um sein Erbarmen, immer wieder, und Gott versagt die Vergebung nicht, sondern schenkt sie. Der Zöllner Levi sucht Jesus und will ihn unbedingt sehen, und Jesus heilt ihn von seiner dunklen Vergangenheit. Vergebung will persönlich erfahren sein, damit sie ihre Macht entfalten kann.

Gottes Wesen ist Vergebung – darauf kannst du dich verlassen. Deine Vergangenheit kann noch so dunkel und deine Schuld noch so groß sein. Sie ist nie so groß, dass Gott sie dir nicht vergeben könnte. Gott will dir vergeben – alles, ganz und gar. Aber das Wissen darum allein kann dich nicht heilen. Heilung geschieht, wenn du Vergebung tatsächlich erfährst, und nicht nur von ihr weißt.

Und das ist wirklich möglich. Mein Rat ist: Geh zu einem Bruder oder einer Schwester im Glauben, zu jemandem, dem du vertrauen kannst. Das kann der Pastor sein, ich, das muss ich aber nicht sein. Geh und bitte darum, einmal deine Schuld vertraulich offenzulegen. Erzähl sie dir buchstäblich von der Seele. Natürlich muss das alles vertraulich bleiben – unter uns. Und dann bitte darum, dass die Vertrauensperson dir die Vergebung Gottes zuspricht – ganz persönlich, sodass du nicht nur theoretisch um die Vergebung weißt, sondern sie wirklich erfährst. Das kann der erste Schritt der Heilung sein.

Gottes Wesen ist Vergebung. Das war das erste. Und: Diese Vergebung will persönlich erfahren sein, damit sie ihre Macht der Heilung entfalten kann.

Und der dritte Gedanke: Gott lieben heißt selbst auch vergeben.

Bei dir ist die Vergebung, betet der Psalmist, und dann weiter: dass man dich fürchte. Davon ist in der Bibel ja ganz oft die Rede – dass wir Gott fürchten sollen. „Jareh“ heißt das hebräische Wort dafür. Das wird oft missverstanden, als meine es, wir sollten vor Gott Angst haben. „Fürchten“, das ist ja in unserem Sprachgebrauch identisch mit „Angst haben“. Ich fürchte mich vor Spinnen. Ich habe Angst vor ihnen. „Jareh“ aber meint etwas anderes. Es gibt keinen Grund, vor Gott Angst zu haben. Die Kirche hat viel Schuld auf sich geladen, weil sie vielen Menschen Angst gemacht hat vor Gott. Der liebe Gott sieht alles, und wenn du nicht machst, was ich will, kommst du in die Hölle und wirst ewig dort schmoren und leiden. Das ist nicht der Gott der Bibel, nicht der Gott Israels und nicht der Gott Jesu, vor dem man Angst haben muss. Der Gott, von dem die Bibel zeugt, ist der, dessen Wesen Vergebung ist, der, der nichts lieber tut als dir zu vergeben und dich und deine Beziehungen zu heilen. Vor Gott muss niemand Angst haben.

Ich bin entschieden für theologische Weite. In der Gemeinde sollen unterschiedliche theologische Meinungen und Haltungen ihren Platz haben und respektiert werden. An dieser Stelle aber möchte ich euch ermutigen, wirklich wachsam und sehr deutlich zu sein: Wo jemand predigt oder den Eindruck erweckt, man müsse vor unserem Gott Angst haben, da wollen wir entschieden widersprechen. Vor dem Gott Jesu Christi, dem Gott Israels, der der Gott der Liebe und Vergebung ist, muss sich niemand fürchten.

„Jareh“ in der Bibel meint nicht „Angst haben“, sondern „Ehrfurcht (oder Respekt) haben“, „für voll nehmen“ oder „groß halten“. Bei dir ist die Vergebung, damit wir deine Größe sehen, ist also gemeint, nicht damit wir uns vor dir fürchten. Ich möchte so übersetzen: „Dein Wesen, Gott, ist Vergebung. Das ist deine Größe.“

Gott fürchten, im biblischen Sinne, das heißt, seine Größe wahrnehmen und auch heute mit seiner Gegenwart rechnen. Gott ist nicht nur Vergangenheit und Zukunft, sondern er ist gegenwärtig – um uns herum und auch in uns. Er ist allem, was lebt, nahe – uns näher als unser eigener Atem. Damit zu rechnen, mit Gottes lebendiger, vergebender, liebevoller und wunderbarer Gegenwart zu rechen – das heißt ihn fürchten.

Und das wiederum hat Einfluss auf unser Verständnis von Vergebung. Wenn wir verstehen, dass Gottes Wesen Vergebung ist und die Erfahrung machen – zum Beispiel in der Beichte, wie ich sie oben beschrieben habe -, dass diese Vergebung uns ganz persönlich gilt, dann heißt Gottes lebendige Gegenwart in allem, was lebt, auch in uns, dass auch wir eingeladen und gerufen sind, zu vergeben.

Wir tun ja nicht nur Unrecht, sondern uns geschieht auch Unrecht. Das kann ein großes Unrecht sein – so wie bei Katy, deren Mann von Ryan erschlagen wurde. Da werden Menschen verletzt, gedemütigt, misshandelt, geschlagen. Und das können weniger drastische Formen von Unrecht sein: dass ein böses Wort uns verletzt, dass schlecht über uns geredet wird, dass Menschen auf uns herabsehen oder uns ungerechtfertigte Vorwürfe machen. Für jede und jeden von uns gilt: Wir tun nicht nur Unrecht, sondern uns geschieht auch Unrecht.

Wenn nun aber der Gott der Vergebung in allem, was lebt, gegenwärtig ist, auch in uns, dann bedeutet das doch: Wir sind gerufen, selbst auch zu vergeben. Nicht nur Vergebung zu empfangen im Gebet oder in der Beichte, kann uns heilen. Für unsere Heilung ist es genauso wichtig, dass wir den Mut und die Kraft aufbringen, selbst auch zu vergeben. Gottes Geist in uns kann uns diesen Mut und diese Kraft geben.

Jesus betet: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Und er sagt anschließend: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ Gott will dir vergeben, aber seine Vergebung braucht auch deine Bereitschaft, zur Macht der Vergebung ja zu sagen, und also selbst auch zu vergeben. So wie Katy, die dem Mörder ihres Mannes vergeben hat.

Vergebung und Versöhnung haben ungeheure Macht. Sie können die Welt wirklich verwandeln, damit Gottes Wille geschieht, „wie im Himmel, so auf Erden,“ damit Gottes Reich wirklich sichtbar kommt. Davon bin ich überzeugt. Vielleicht hat nur die Vergebung diese Macht. Aber dazu braucht es unseren Mut und unsere Kraft, selbst auch zu vergeben, wie Gott uns vergibt.

Ryan, der Mörder von Katys Mann, hat auch was zu sagen, und damit möchte ich diese Predigt enden lassen. Ryan, der Totschläger, soll das letzte Wort haben:

Katys Vergebung ist das Unglaublichste, was mir je ein Mensch gegeben hat. Ohne sie wäre mein Leben noch heute voll Wut und Gewalt.
Silvester 1997 gab ein Freund eine Party. Er hatte sturmfrei.
Wir nahmen Drogen und tranken. Streitereien brachen aus. Da kam ein Fremder die Treppe hoch und sagte, wir sollten alle gehen. Mein Freund schlug ihn, er stürzte, und ich trat viermal auf seinen Kopf ein. Dann zog ich zur nächsten Party, ohne zu wissen, dass ich den schlimmsten Fehler meines Lebens begangen hatte.
Die Untersuchungen liefen, und das Geheimnis meines Verbrechens begann mich zu zerstören.
Vielleicht hätte ich mich umgebracht, wenn ich mein Schweigen nicht gebrochen hätte.
Ich wollte mich entschuldigen, von Angesicht zu Angesicht. Mit Katys Vergebung (aber) habe ich nicht gerechnet. Ich an ihrer Stelle hätte den Täter gehasst.
Eine Gefängnisstrafe ist leicht zu ertragen im Vergleich zu der Schuld, mit der ich leben muss. Aber dank der Vergebung von Katy werde ich mir vielleicht eines Tages auch selbst vergeben können.“

Die Macht der Vergebung.

Quelle für Katys und Ryans Geschichte: Focus-Website vom 25.10.2013: http://www.focus.de/panorama/reportage/tid-13824/reportage-teil-2-die-macht-der-vergebung_aid_385716.html