Sonntag, 8. September 2013

Ein Lob des Kleinglaubens

Predigt in der EmK Detmold am 8. September 2013

Hört den Predigttext für den heutigen Sonntag aus Lukas 17,5-6:
Die Apostel baten den Herrn: Stärke unsern Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Stärke unseren Glauben! So bitten die Apostel. Wie gut ich diese Bitte nachvollziehen kann. Ihr auch? Stärke unsern Glauben!

Ich denke da zum Beispiel an Ulla. Ulla ist Jahrgang 1948 und Lehrerin. Heute ist sie außer Dienst und lebt mal hiervon und mal davon. Sie hat ihr Leben nie so richtig in den Griff bekommen. Als 20-Jährige hat sie an der Uni die 68er-Studentenbewegung voll mitbekommen. Und sie hat kräftig mitgemischt. Ulla ist eine ausgesprochen sozial denkende Intellektuelle, bis heute. Nur auf dem Marsch durch die Institutionen ist sie nie angekommen, sondern irgendwie verlorengegangen. Ulla besucht ziemlich regelmäßig den Gottesdienst. Mit diesem Jesus kann sie viel anfangen. Er fasziniert sie – seine Gewaltlosigkeit, seine Barmherzigkeit, seine radikale Liebe. Aber glauben – das kriegt sie nicht richtig hin. Die Gottesbeweise der großen Denker hat sie alle studiert: von den alten Griechen über Anselm bis zu Immanuel Kant. Aber sie kennt auch die Zweifler: Nietzsche und Feuerbach und Sartre. Sie kennt sie nur zu genau. Gerne würde sie glauben, aber sie kann es nicht. Stärke unsern Glauben!, bitten die Jünger Jesus.

Und ich denke an Frank. Ihn sieht man seltener im Gottesdienst. Er genießt es, wenigstens an einem Tag in der Woche auszuschlafen und mit seiner Familie zu frühstücken – auch wenn er deshalb manchmal ein schlechtes Gewissen hat. Frank ist erfolgreicher Geschäftsmann. Er hat es richtig zu was gebracht. Sie leben gut – er und seine Frau, seine zwei Kinder, in diesem großen Haus mit ihren zwei Autos und einem bisschen Luxus. Nur, für all das zahlt Frank einen mächtig hohen Preis. Er ist überlastet, immer im Stress, er zweifelt an sich, und oft leidet er unter Depressionen. Zweimal schon musste er sich für ein halbes Jahr krankschreiben lassen, weil es einfach nicht mehr ging. Frank möchte gerne glauben. Er interessiert sich für seine Gemeinde und hält, so gut es eben geht, Kontakt zu ihr. Er weiß, dass er einen anderen Sinn für sein Leben braucht als nur den Erfolg und das kleine private Glück. Aber glauben? Wie soll das gehen? Stärke unseren Glauben!, bitten die Jünger Jesus.

Und ich denke an Maike, die Oberstufenschülerin. Sie wurde, wie man das so schön nennt, kirchlich sozialisiert: Jungschar, Sonntagsschule, Kirchlicher Unterricht und und und. Irgendwie glaubt sie an Gott und an Jesus, aber irgendwie auch nicht. Immer wieder bohren diese Zweifel in ihr: Kann es, bei all dem Elend in der Welt, Gott wirklich geben? Sieh doch nur nach Syrien. Und dann sieht sie als Kirchenprofi auch manches, was vielen anderen verborgen bleibt: die Heuchelei und manchmal auch richtige Verlogenheit in der Kirche. Von wegen Liebe und Vergebung und so. Maike hätte gerne einen stärkeren Glauben, aber da ist so vieles, was sie davon abhält. Stärke unseren Glauben!, bitten die Jünger Jesus.

Stärke unseren Glauben! Ich kann diese Bitte gut nachvollziehen.

Das Überraschende in unserem Text ist: Jesus weist die Bitte seiner Jünger zurück – ganz entschieden, ziemlich brüsk sogar. Er erwiderte, heißt es in unserem Text. Er widersprach ihnen. Das überrascht mich. Warum tut Jesus ihnen nicht den Gefallen und stärkt ihren Glauben. Will er nicht, dass sie einen starken Glauben haben? Oft lobt er doch den Glauben, den Menschen ihm entgegenbringen. Dein Glaube hat dir geholfen, sagt er dann zum Beispiel. Aber hier... Jesus stärkt den Glauben der Jünger nicht, obwohl sie ihn darum bitten. Er folgt ihrer Bitte nicht. Er weigert sich einfach.

Stattdessen beginnt er ein Lob des Kleinglaubens. Er lobt den kleinen Glauben, den, der gerade mal so groß wie ein Senfkorn ist – also winzigklein. Wenn ihr nur den hättet, sagt Jesus den Jüngern, den senfkorn-kleinen Glauben von Ulla, Frank und Maike, dann könntet ihr Großes bewegen. Nichts wäre euch unmöglich, sagt Jesus, sogar so unsinnige Sachen nicht, wie einen Maulbeerbaum ins Meer zu verpflanzen. Jesus lobt den Kleinglauben, den Senfkornglauben.

Ich komme gerade aus dem Urlaub in Italien und kann mich nicht dagegen wehren, dass da in meinem Kopf Bilder entstehen. Wir sind auf dem Rückweg über den St. Bernard gefahren: ein beeindruckender Berg in den Schweizer Alpen. Riesengroß, wuchtig, ein echter Riese. Wünsche ich mir meinen Glauben so groß wie den St. Bernard? Oder in Carrara, da, wo man den Marmor für die ganze Welt abbaut, da hab ich riesige LKWs gesehen, mit Marmorbrocken beladen, die zum Hafen fuhren. Die Marmorbrocken, die waren so groß, dass gerade mal zwei Stück auf den LKW passten. Wünsche ich mir einen Glauben, der so große und stark ist wie ein solcher Marmorbrocken?

Ich stelle mir die drei nebeneinander vor: den Alpenberg St. Bernard, den riesig dicken Marmorblock und das winzigkleine Senfkorn. Und Jesus sagt: Wenn ihr doch nur Glauben hättet, wie ein Senfkorn – nichts wäre euch unmöglich.

Der Glaube, den Jesus in uns wecken will und zu dem er uns einlädt, ist Senfkornglaube. Er ist nicht riesig groß und stark und unbeweglich, sondern so klein uns unscheinbar wie ein Senfkorn. Zu diesem Glauben macht Jesus uns Mut. Was ist es, was das Senfkorn dem Marmorblock voraushat? Drei Dinge:

1. Das Senfkorn lebt.

Es stimmt schon: Im Verhältnis zum St. Bernard oder zu den Marmorblöcken von Carrara ist so ein Senfkorn winzig und ziemlich unscheinbar. Man übersieht es schnell. Keiner kommt auf die Idee, Fotos davon zu machen und sie stolz vorzuzeigen.

Aber: Das Senfkorn lebt. Es atmet. In ihm ist dynamisches, kraftvolles Leben. Und so ist auch der Glaube, den Jesus in uns wecken will: klein zwar, aber voller Dynamik und Leben – nicht riesengroß, aber tot wie ein Marmorblock, sondern klein, aber lebendig wie ein Senfkorn. Leben, das hat das Senfkorn dem Stein und dem Berg voraus. Und

2. Das Senfkorn bringt Frucht.

Weil es lebt, kann das Senfkorn wachsen. Es kann sich verändern und es kann Früchte tragen. Mit anderen Worten: Das Senfkorn hat eine Geschichte. So ist der Glaube, zu dem Jesus uns einlädt. Er verändert sich – und uns. Er hat eine Geschichte und: Er kann Früchte tragen. Das sieht man am Anfang nicht. Eigentlich kann man es kaum glauben, so wie Ulla und Frank und Maike kaum sehen, dass der Glaube irgendwas für sie verändern könnte. Aber am Ende trägt der kleine Senfkorn Früchte. Senfkornglaube lebt, er bringt Frucht und

3. Das Senfkorn ist Beziehung.

Ohne Beziehung ist so ein Senfkorn wertlos. Wenn es einfach irgendwo im Keller liegt, dann vertrocknet es. Das war´s . Aber in Beziehung – wenn es in die Erde kommt und Wasser bekommt und Luft und Sonne und vielleicht sogar Dünger, dann kann Großes daraus wachsen. Dann erst entwickelt es seine Dynamik und sein Leben.

So, sagt Jesus, ist das auch mit dem kleinen Glauben. Für sich allein vertrocknet er. Aber in Beziehung, wenn er gehegt und gepflegt wird, dann kann er wachsen und leben und sich und uns verändern und Frucht bringen.

Deshalb also lobt Jesus den kleinen Glauben, den Senfkornglauben. Der ist zwar nicht so groß wie der St. Bernard und nicht so mächtig und stark wie ein Marmorbrocken, aber er ist lebendig und dynamisch, er kann Frucht bringen und er ist auf Beziehung angelegt. Das ist der Glaube, zu dem Jesus uns einlädt, und deshalb weist er seine Jünger zurück, als sie ihn bitten: Stärke unsern Glauben! Ihr braucht keinen starken Glauben, sagt er, sondern einen vielleicht nur kleinen, aber lebendigen, dynamischen Glauben, der euch miteinander in Beziehung bringt und der wachsen und schließlich Früchte tragen kann.

Und was heißt das nun für uns – und für unsere Freunde: Ulla, die kämpferisch-zweifelnde Intellektuelle, Frank, den erfolgreichen, aber ausgebrannten Geschäftsmann und Maike, die Jugendliche mit ihren vielen Fragen? Ich denke, es kann uns Mut machen.

Jesus rückt unsere Perspektive zurecht. Suche nicht nach dem starken, dem mächtigen und großen Glauben, sondern suche in dir nach dem kleinen Senfkornglauben. Den wirst du vielleicht in dir finden: das kleine bisschen Vertrauen auf Gott, dass du aufbringen kannst. Wenn du, Ulla, sagst: Mit Jesus kann ich eine Menge anfangen, ist das dann nicht schon solch ein Senfkorn? Wenn du, Frank sagst: Ich weiß ja, dass ein Leben mehr Sinn braucht als Erfolg und privates Glück, bist du dann nicht schon ganz nah dran an deinem persönlichen Senfkorn? Und du, Maike: Du möchtest gerne glauben, aber hast so viele Fragen und Zweifel. Darf ich dich erinnern an den Mann, sagt Jesus, der mich einmal angefleht hat: Ich glaube, Herr. Hilf meinem Unglauben.? Das war sein Senfkorn – und es war genug. Kann das nicht auch dein Senfkorn sein?

Wir sehnen uns vielleicht wie die Jünger nach dem starken Glauben, dem Marmorblock-Glauben: stark, hart, seiner selbst sicher und gegen alle Widerstände gefeit. Und wir sind traurig und frustig, weil wir diesen Glauben oft nicht aufbringen. Aber Jesus macht uns Mut: Du brauchst keinen Glauben wie ein Marmorblock, sagt er. Alles, was du brauchst, ist der Glaube eines kleinen Senfkorns – klein und unscheinbar, aber dynamisch-lebendig, der wachsen und Frucht bringen kann und der dich in Beziehung bringt. Entdecke dein Senfkorn und pflege es. Pflanz es ein in dein Leben. Und bring es in Beziehung zu anderen. Suche die Gemeinschaft mit anderen im Gottesdienst, im Hauskreis und bring das bisschen Senfkorn-Glauben ein, das du hast. Das ist das, was dein Senfkorn braucht, um sich zu entwickeln und zu wachsen.

Dann, sagt Jesus, wird dein kleiner Glaube nicht verkümmern, sondern er wird eine Geschichte anfangen mit dir, eine lebendige dynamische Geschichte, dann wird er sich und dich verwandeln, er wird wachsen und du wirst wahre Wunder mit ihm erleben.


Du kannst also aufhören, dich zu verstecken, weil du so wenig Glauben hast. Bring deinen kleinen Glauben ein in das Beziehungsnetz der Gemeinde. Bring ihn mit anderen in Beziehung. Das ist die Luft und das Wasser, die er braucht, um sich zu entwickeln.