Mittwoch, 14. August 2013

Eine Frau zeigt ihre Liebe. Und du?

(Predigt in der EmK Detmold am 11. August 2013)

Es ist nicht weniger als ein handfester Skandal, von dem Lukas erzählt. Eine echte Ungeheuerlichkeit. Und zugleich ist es eine Begebenheit, die uns hilft, unseren Blick auf uns selbst zu richten, uns sozusagen mit den Augen Jesu zu sehen. Es geht um zwei Personen:

Zum Einen ist da Simon. Simon ist ein Pharisäer, ein frommer und gottesfürchtiger Mann. Und Simon ist auch einer, der einen offenen Sinn für Neues hat. Er verlässt sich nicht auf das, was er so hört. Er glaubt nicht den Gerüchten über andere. Er lehnt Jesus nicht ab, nur weil er einen schlechten Ruf hat. Nein, er will diesen Rabbi persönlich kennenlernen, sich davon überzeugen, was das für einer ist. Also: Ein gebildeter, frommer und offener Mensch begegnet uns in Simon.

Und dann ist da eine Frau. In unserer Erzählung wird sie nicht mit Namen vorgestellt. Nennen wir sie deshalb einfach Miriam. Von Miriam wird gesagt, sie sei eine Sünderin. Die meisten Ausleger vermuten in ihr eine stadtbekannte Prostituierte. Und sie, diese Prostituierte Miriam sorgt für den Skandal. Ich lese aus Lukas 7.

36 Jesus ging in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. 37 Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl 38 und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. 39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist.

Jesus ist also zum Abendessen bei Simon. Der hat ihn eingeladen, um diesen Rabbi, über den alle so aufgeregt debattieren, näher kennenzulernen. Er will sich selbst seine Meinung bilden und nicht Gerüchten folgen. Und beim Essen, so hofft er, wird sich dann bestimmt ein erhellendes Gespräch entwickeln, durch das er erfährt, wie dieser Rabbi tickt, was ihn bewegt und was er lehrt. Ich kann das gut nachvollziehen. Beim gemeinsamen Essen kommt man sich ja schnell näher, und tatsächlich öffnet der Gaumen auch den Mund und vor allem das Herz, und es entwickeln sich oft richtig gute und interessante Gespräche. So sitzen sie also und essen miteinander: Simon, seine Familie, vielleicht ein paar interessierte Freunde und Jesus mit einigen seiner Jünger. Und da passiert es.

Miriam sorgt für den Skandal: Sie kommt in den Raum mit einem Alabastron in der Hand. So eine Flasche mit Salböl soll damals 400 Denare gekostet haben. Das ist so viel, wie ein Tagelöhner im ganzen Jahr verdient. Sündhaft teuer. Aber Miriam scheint ganz gut zu verdienen, sodass sie sich das leisten kann. Sie also, als Frau, kommt ungefragt und uneingeladen in die Runde. Das an sich ist schon skandalös. Sie sagt kein Wort. Aber was sie tut, reicht völlig aus, um alle Anwesenden aus der Fassung zu bringen. Miriam sucht Jesu Nähe. Ganz nah tritt sie an ihn heran – an seine Füße, genauer gesagt. Sie kauert sich zu seinen Füßen hin und weint. Miriams Tränen tropfen auf Jesu Füße. Da löst sie ihr Haar – etwas, was eine Frau nur und ausschließlich in Gegenwart ihres Mannes tun darf, wenn sie mit ihm intim ist. Sie beugt sich mit dem Kopf so nah an Jesu Füße heran, dass sie sie berührt und trocknet ihre Tränen mit ihrem Haar ab. Sie beginnt sogar, die Füße dieses Mannes, der nicht der ihre ist, zu küssen und salbt sie dann mit dem wertvollen Öl.

Wenn jemand von euch das alles ausgesprochen erotisch findet, dann hat er oder sie ganz bestimmt recht damit. Es knistert ganz gewaltig zwischen Jesus und dieser Frau. Und genau das ist ja der Skandal. Wenn eine anständige Frau mit ihrem ebenso anständigen Mann allein ist, dann mag das ja noch angehen. Aber dass Miriam als Prostituierte sich so Jesus, dem Rabbi nähert, mitten in dieser intellektuellen frommen Abendgesellschaft – das ist wirklich unglaublich. Simon reagiert ganz schlüssig: Wenn Jesus wirklich ein Prophet wäre, denkt er, dann wüsste er doch, dass das hier nun wirklich nicht geht. Er wüsste, dass sie eine Sünderin ist und würde sie bestimmt und streng zurechtweisen. Aber was macht dieser Kerl? Er isst einfach weiter und lächelt. Es scheint ihm fast zu gefallen, was Miriam da tut. Genießt er etwa diese Nähe und zügellose Zärtlichkeit der schönen unmoralischen Frau? Was tut Jesus?

40 Da wandte sich Jesus an Simon und sagte: Ich möchte dir etwas sagen. Simon erwiderte: Sprich, Meister. 41 Jesus sagte: Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner. Der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. 42 Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? 43 Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht.

Was denkt ihr: Bevor Jesus spricht – auf wen sind da die Augen der ganzen Abendgesellschaft gerichtet? Richtig: auf Miriam, diese aufreizend laszive Frau. Alle Augen blicken auf sie – manche vielleicht lüstern, manche amüsiert, die meisten aber ganz sicher empört über ihre anzügliche Zärtlichkeit. Und auf wen, denkt ihr, sind die Augen nun gerichtet – nachdem Jesus etwas gesagt hat? Genau: auf Simon, den Gastgeber. Unglaublich ist das, wie einfach Jesus hier die Frau aus der Schusslinie nimmt, indem er die ganze Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf Simon lenkt. Nicht mehr Miriam, die Sünderin, steht im Mittelpunkt, sondern Simon, der Pharisäer.

Aber Jesus tut das, die Aufmerksamkeit auf Simon lenken, auf ganz besondere Art und Weise. Er will Simon nicht demütigen. Zwar weist er die Frau nicht zurecht, wie Simon es wohl gerne hätte, aber die Art, wie Jesus die Aufmerksamkeit auf Simon richtet, zeigt, dass er ihn nicht demütigen oder bloßstellen, sondern wirklich gewinnen will. Jesus erzählt Simon eines seiner Gleichnisse und fragt ihn, den Pharisäer, nach seiner Meinung dazu. Jesus überlässt sozusagen Simon die Pointe, um ihn für die Liebe und Zärtlichkeit Miriams zu gewinnen. Der Pharisäer ist für Jesus kein hoffnungsloser Fall, sondern ein respektiertes Gegenüber, das zu gewinnen ist für die Revolution der Liebe, die das Reich Gottes bringt.

Das Gleichnis, das Jesus erzählt, spricht für sich. Es soll die subversive Zärtlichkeit Miriams, der Sünderin, erklären. Alle sind schuldig vor Gott, sagt das Gleichnis: Prostituierte und Pharisäer, schlimme Finger und fromme Intellektuelle. Wir sind allzumal Sünder, wie Paulus es später ausdrückt. Da ist keiner, der Gott nichts schuldet, auch nicht einer. Es mag sein, dass sich unsere Schuld quantitaiv unterscheidet – wie bei den Schuldnern des Geldverleihers. Aber schuldig vor Gott sind wir alle. Wir alle sind darauf angewiesen, dass Gott uns vergibt, so wie der Geldverleiher im Gleichnis seinen Schuldnern die Schulden erlässt. Und natürlich: Wem Gott besonders überraschend und besonders viel vergibt, der wird ihm besonders dankbar sein und ihn lieben.

Das erkennt auch Simon, und Jesus respektiert und würdigt das: Du hast recht, sagt er zum Pharisäer.

Und dann macht Jesus deutlich, was das Gleichnis über Miriam und ihre anstößige Zärtlichkeit Jesus gegenüber aussagt:

44 Da wandte Jesus sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. 45 Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst. 46 Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. 47 Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. 48 Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. 49 Da dachten die andern Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt? 50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden.

Jesus verurteilt Simon nicht, sondern will ihn gewinnen für Miriam, diese Frau, die verrückt ist vor Liebe zu Jesus. Aber Jesus verurteilt auch Miriam nicht. Er weiß, woher ihre Liebe kommt. Er weiß, was sie dazu treibt, so hemmungslos zärtlich zu sein: Es ist die Liebe, die sie erfahren hat und die einfach raus muss. Sie kann gar nicht anders. Ob Miriam Jesus vor diesem Abend schon begegnet war, oder ob sie ihn nur beobachtet und von ihm gehört hatte, erfahren wir nicht. Aber wie dem auch sei: Sie, Miriam, die Prostituierte, hat erfahren, persönlich erfahren, was Jesus verkörpert und wer er ist: die Liebe Gottes in Person. Die Liebe Gottes, die jeden Menschen annimmt und ihm Vergebung zuspricht, wie groß seine Sünde auch sei. Miriam hat gespürt, was Jesus am Ende auch ausspricht: Deine Sünden sind dir vergeben.

Das ist der Kern der Botschaft Jesu. Immer wieder sagt er das – auch heute – zu Sündern wie wir es sind. Deine Sünden sind dir vergeben. Wenn du begriffen hast, was das Gleichnis sagt – dass es zwar vielleicht große und kleine Sünder gibt, aber ganz gewiss niemanden, der kein Sünder wäre – und wenn du deine Sünden bereust und unter ihnen leidest, dann darfst zu du Jesus fliehen, egal wie schwer deine Sünde wiegt. Du darfst dich an ihn wenden, und er sagt dir das, was er Miriam sagt: Deine Sünden sind dir vergeben. Jesus ist die Vergebung in Person.

Deshalb liebt Miriam ihn so. Deshalb verehrt sie ihn so intensiv mit abgrundtiefer Zärtlichkeit. Sie kann nicht anders, den sie weiß, was auch wir wissen dürfen: Dieser Mensch, Jesus von Nazareth, ist Gottes Liebe in Person, ist Gottes Vergebung, ist meine Annahme. Dieser Mensch richtet uns auf hin zu Gott, der uns liebt und nur darauf wartet, dass wir Jesus annehmen, ihm vertrauen und zu ihm kommen. Ach wenn doch nur alle diese Erfahrung Miriams selbst machen würden. Ich durfte sie machen und: Für mich ist es das Zentrum meines Lebens, ja, die Ermöglichung des Lebens überhaupt: Gott nimmt mich in Jesus an.

Die subversive Zärtlichkeit Miriams, diese unbändige Liebe, die sie Jesus zeigt, ist keine Provokation. Sie tut das alles nicht, um die noble Gesellschaft zu stören oder zu provozieren. Sie muss einfach raus, die Liebe zu ihrem Retter, zu dem Mann, der ihre Annahme bei Gott ist. Als Prostituierte hat diese Frau wohl von niemandem Respekt und Achtung und echte menschliche Annahme erfahren. Aber von ihm, von diesem einen Mann, Jesus, hat sie all das erfahren. Deshalb liebt sie ihn so. Und auch du, das will ich sagen, kannst diese Miriam-Erfahrung machen, wenn du dich Jesus anvertraust.

So ist der vermeintliche Skandal in den Augen Gottes alles andere als ein Skandal. Er ist die Liebe, die Gott den Menschen in Jesus zeigt, die zum Ziel kommt. Diese Liebe Gottes kommt zum Ziel immer dann, wenn Menschen die Erfahrung machen, die Miriam gemacht hat: Ich bin geliebt, trotz allem. Gott verstößt mich nicht, auch dann nicht, wenn alle anderen mich verstoßen und auf mich herabsehen. Gott nimmt mich an, vergibt mir, richtet mich auf und macht mich neu. Deshalb darf, ja muss ich Gott auch lieben, Jesus lieben, der mir Gottes Liebe gebracht hat und die Menschen lieben , so wie er sie liebt – leidenschaftlich, zärtlich und radikal.

Offen bleibt, wie die Geschichte weitergeht. Sie hat kein echtes Ende. Geh in Frieden, sagt Jesus zu Miriam. Sei der Vergebung Gottes gewiss und lebe die Liebe weiter, lass dich vom Heiligen Geist verändern und verwandeln in Gottes Bild hinein.

Aber was wird aus Simon? Dazu schweigt der Evangelist. Versteht er Jesus? Dann hätte sich der Abend gelohnt. Er wollte ja wissen, wie dieser Rabbi tickt. Nun weiß er es: Jesus steht für die Liebe und Vergebung Gottes, dafür, dass Gott jeden Sünder annimmt, der zu ihm kommt und alle Schuld vergibt. Und Jesus entfesselt mit dieser Botschaft unendlich produktive, subversive und zärtliche Gegenliebe – die Liebe der von Gott Geliebten, die manchmal ganz schön skandalös sein kann.


Ob Simon sich darauf einlässt? Ob er erkennt, dass auch er wie wir alle ein Sünder ist? Ob auch er die Erfahrung macht: In Jesus, im Vertrauen auf ihn, wird mir meine Schuld vergeben? Vielleicht nehmt ihr die Geschichte mit nach Hause, lest sie in den nächsten Tagen nochmal nach und erzählt sie euch selbst zu Ende. Meine Hoffnung ist, meine Phantasie, dass Simon sich auf Jesus einlässt, ihm traut und die Liebe Gottes selbst erfährt, die uns verwandeln kann wie Miriam. Ich würde es ihm gönnen – und dir auch.