Freitag, 28. Juni 2013

Feindesliebe! Feindesliebe?


Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Töchter und Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“
Jesus nach Matthäus 5

Taugt die Bergpredigt für das alltägliche Leben? Ich meine: Ja. Die Bergpredigt ist der Unterrichtsstoff, den Jesus für seine Jüngerinnen und Jünger vorsieht.

Ein Leben in der Schule Jesu, ein Leben mit der Bergpredigt, ist nicht das krampf­hafte Einhalten der Gebote Jesu. Die Bergpredigt zielt nicht auf Gesetzlichkeit. Sie zielt darauf, dass die Welt von der Liebe Gottes erfüllt wird.

Genau darum geht es auch beim Gebot der Feindesliebe. Feindesliebe ist radikali­sierte, auf die Spitze getriebene Nächstenliebe. Aber wer ist der Nächste?

Der Nächste ist der, der mich gerade jetzt braucht. Ich kann ihn mir nicht aussu­chen. Er ist einfach da. Er steht vor meiner Haustür oder begegnet mir in der Fuß­gängerzone. Er sitzt am Schreibtisch gegenüber oder kommt gerade in den Laden.

Jetzt ist der Nächste, den mir Gott vor die Füße gelegt hat, vielleicht mein Feind. Er geht mir auf die Nerven, provoziert mich, ist eingebildet oder behandelt mich mies. Und genau da setzt die Bergpredigt an. Was habe ich jetzt im Geist der Liebe zu tun?

Das ist nicht das Normale – es ist das Besondere. So wie Liebe in einer Welt der Ge­walt und Selbstbezogenheit immer das Besondere ist. Ich kann mir diese Liebe nicht aus den Rippen schneiden. Aber ich kann Jesus um seinen Geist und um diese Liebe bitten, die ich brauche, damit Gott durch mich in dieser Welt gegenwärtig wird.



Gott der grenzenlosen Liebe. Du lässt deine Sonne über allen Menschen aufgehen. Niemanden schließt du aus deiner Liebe aus. Leih uns deinen Blick, damit wir fähig werden, Feindbilder aufzubrechen und in der Liebe zu wachsen. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der jeden Menschen in deine Liebe hineinnimmt. Amen.   

Sonntag, 16. Juni 2013

Warum ausgerechnet die? - Die verlorenen Töchter und Söhne Gottes

(Predigt in der EmK Detmold am 16.06.2013)


Warum ausgerechnet die?, fragen die Frommen. Dass Jesus so ein ausgemachtes Feierbiest ist und so gerne mit anderen isst und trinkt... O.k., akzeptiert. Dass er das gemeinsame Essen am Tisch als Grundsymbol des Reiches Gottes ausgesucht hat und deshalb ständig Leute einlädt ... In Ordnung. Kein Problem. Aber warum um Himmels willen ausgerechnet die? Müsste er nicht mit uns essen und trinken – mit den Frommen, den Religiösen, den Anständigen und Gewissenhaften? Aber nein: Da sitzt er Abend für Abend und isst und trinkt und feiert mit denen: mit schlitzohrigen Geschäftemachern, halbseidenen Frauen, mit Huren, Verbrechern und Säufern. Das kann doch nicht im Sinne Gottes sein, oder? Warum ausgerechnet die?

In Lukas 15,1-2 heißt es: „Alle Zöllner und Sünder kamen zu Jesus, um ihn zu hören. Darüber empörten sich die Pharisäer und Schriftgelehrten und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.“ Warum ausgerechnet die?

Das gleiche Problem haben manche heute. Da betet man jahrelang um Wachstum für die Gemeinde, darum, dass endlich neue Leute kommen und dazustoßen – und dann das: Sie kommen tatsächlich, aber es sind andere als erwartet. Da finden sich dann offensichtlich psychisch Kranke ein, der eine oder andere Obdachlose und vielleicht sogar manche, die eine ziemlich dunkle Vergangenheit haben. Und da stehen wir: die Religiösen, Frommen und Anständigen und fragen uns: Warum ausgerechnet die?

So also die Situation in Lukas 15. Und was macht Jesus? Er macht das, was er meistens tut, wenn er was erklären will. Er erzählt eine Geschichte. Und was für eine Geschichte. Eine über Menschen, über solche und solche, und über Gott. Jesus sind die, die skeptisch abseits stehen, während er mit seinen höchst zweifelhaften Freunden isst und trinkt, nicht etwa egal. Er sagt nicht: Denkt doch, was ihr wollt. Ich mach hier mein Ding und fertig. Nein, er meint das ernst: Alle sind an Gottes Tisch – in Gottes neue Welt – geladen. Sogar die Frommen. Und weil er sie gewinnen will für sein Projekt namens Reich Gottes, darum erzählt er eben diese Geschichte. Und die geht so:

(Lukas 15, ab Vers 11) „Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. “ So weit erst mal.

So sieht Jesus seine gefährlichen Freunde, mit denen er so gerne isst und trinkt. Und so schildert er sie den Frommen und Religiösen. Es ist, als riefe Jesus ihnen zu: Ihr müsst sie mit anderen Augen sehen – mit meinen Augen. Es stimmt schon, ihr habt ja Recht: Sie sind fern von Gott und wollten mal ohne ihn leben. Sie sind alles andere als fromm. Sie wollten alles, und das sofort, das ganze Leben in vollen Zügen. Sie haben sich selbst überschätzt, als sie dachten, sie kämen ohne Gott aus. Sie sind Sünder und unrein – Schweine stehen in jüdischen Ohren für die Unreinheit schlechthin. Mit all dem habt ihr Recht. Das seht ihr ganz richtig.

Aber wenn ihr sie mit meinen Augen sehen könntet, sagt Jesus, dann würdet ihr noch was ganz anderes sehen: Auch als Verlorene, die auf einem falschen Weg sind, bleiben sie Töchter und Söhne Gottes. Sie alle. Die Hure, der Verbrecher, der schlitzohrige Geschäftemacher, der Dieb, der Säufer, die Spielerin. Sie alle sind verloren, d.h. auf einem falschen Weg, auf dem sie am Ende sich selbst verlieren. Aber trotzdem bleiben sie Töchter und Söhne Gottes. Verlorene zwar, aber doch seine Töchter und Söhne.

Und noch etwas könnt ihr sehen, wenn ihr sie mit meinen Augen anschaut: Sie sehnen sich – offen oder insgeheim – nach Gemeinschaft mit Gott und mit euch. Sie sehnen sich danach, umzukehren und neu anzufangen. Manche wissen das vielleicht selbst nicht, aber tief drin sehnen sie sich nach Gott zurück. Sie wollen als seine Töchter und Söhne leben.

Gott zwingt sich niemandem auf. Er lässt dich gehen, wenn du gehen willst. Er hält dich nicht zurück. Aber auch, wenn du gehst, sieht Jesus in dir den Sohn, die Tochter Gottes. Auch wenn du ohne Gott ganz unten bist, bei den Schweinen sozusagen, bleibst du in Jesu Augen Gottes Kind. Ein verlorenes Kind Gottes. Und Jesus sieht in dir deine Sehnsucht danach, zu Gott zurückzukommen. Er sieht sie auch dann, wenn sie dir selbst verborgen ist.

Wenn ihr wirklich wissen wollt, sagt Jesus, warum ich so gerne mit diesen zwielichtigen Leuten zusammen bin und esse und trinke und sie annehme, dann versucht sie mal mit meinen Augen zu sehen. Seht in ihnen die verlorenen Kinder Gottes, und seht ihre heimliche Sehnsucht nach Gott und nach Gemeinschaft mit ihm und mit euch.

Und Jesus erzählt weiter:

„Da brach der verlorene Sohn auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder. Er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.“ Bis hierhin.

Jesus für Fortgeschrittene sozusagen. Den ersten Schritt, liebe fromme Freunde, habt ihr jetzt vielleicht gemacht, sagt Jesus: Ihr seht die, die ihr Sünder nennt, mit meinen Augen – als verlorene, aber geliebte Kinder Gottes. Jetzt folgt der zweite Schritt. Auch Gott solltet ihr mit anderen Augen als bisher sehen. Er ist nämlich ganz anders.

Ihr denkt: Wenn so ein verlorenes Kind Gottes mit seinem Vater ins Reine kommen will, dann stellt Gott erstmal ganz viele Fragen: Bereust du wirklich? Tust du Buße? Hast du jetzt eingesehen, dass ich im Recht und dass dein Weg falsch war? Hast du auch ein ordentliches Übergabegebet gesprochen? Willst du dich bessern?

Da kennt ihr Gott aber schlecht. Seht ihn mit meinen Augen, sagt Jesus. Gott fragt nichts. Im Gegenteil: Kaum macht sich ein verlorenes Kind Gottes zu ihm auf und gibt seiner Sehnsucht nach ihm ein wenig nach, schon steht Gott da mit ausgebreiteten Armen und kann es kaum erwarten, seine Tochter, seinen Sohne in die Arme zu schließen. So sehe ich Gott. Der erwartet keine vollendete Bekehrung oder irgendwelche Formalia, sondern der sehnt sich so nach seinen Kindern, dass er den ganzen Tag nichts anderes tut als auf sie zu warten. Wenn ihr Gott mit meinen Augen seht, sagt Jesus, dann wisst ihr: Er tut nichts lieber, wirklich nichts, als seinen Kindern zu vergeben und sie bei sich willkommen zu heißen. So ist Gott.

Versteht ihr jetzt? Versteht ihr, warum ich so gerne mit ihnen allen esse und trinke und rede und höre – mit den Huren und Betrügern und den Säufern? Versteht ihr jetzt? Ja?

Denkt nicht, das sei alles, scheint Jesus dann zu sagen. Eins fehlt noch. Ich habe euch gezeigt, wie es ist, wenn ihr die Sünder mit meinen Augen seht – als verlorene Kinder Gottes. So solltet ihr sie sehen. Und ich habe euch gezeigt, wie es ist, wenn ihr Gott mit meinen Augen seht – als liebevollen Vater, der seine verlorenen Kinder ohne zu zögern in die Arme schließt und mit ihnen feiert. So solltet ihr Gott sehen. Aber nun, als drittes, will ich euch noch was zeigen. Auch euch selbst solltet ihr mit andern, mit meinen Augen sehen. Hört zu:

„Der ältere Sohn des Vaters war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde der Sohn zornig und wollte nicht hingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern. Denn dein Bruder war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden worden.“

Wenn ihr die verlorenen Kinder Gottes mit meinen Augen sehen könnt, sagt Jesus, und wenn ihr Gott mit meinen Augen sehen könnt, dann ist es Zeit, auch euch selbst neu zu sehen. Klar, ich sehe eure Eifersucht, und ich weiß, dass ihr denkt: Eigentlich müsste der sich doch viel mehr um uns kümmern, mit uns feiern und essen und trinken und nicht mit denen da – mit den Sündern. Aber denkt nicht, dass sei alles, was ich in euch sehe. Ich sehe in euch mehr, viel mehr. Ich sehe in euch Kinder Gottes, die eigentlich, tief drinnen, nicht abseits stehen wollen. Ich sehe in euch die Sehnsucht danach, mitzufeiern. Eigentlich wollt ihr doch Teil der großen Party sein, oder? Teil des Festessens, das Gott veranstaltet für alle seine verlorenen Kinder. Also kommt doch und feiert mit. Springt über euren Schatten und lasst euch einladen, mitzufeiern. Feiert das Fest der neuen Welt Gottes mit: zusammen mit Gott und allen seinen Kindern, den Frommen und den Zweifelnden, den Suchenden und den Sicheren, den kleinen und den großen Gaunern, den trockenen und den noch nicht trockenen Süchtigen und und und.

Ob die Pharisäer und Schriftgelehrten diese Einladung Jesu an den älteren Sohn angenommen haben – dazu zu kommen, mit zu feiern? Die Bibel schweigt dazu. Was meint ihr? Aber viel wichtiger ist vielleicht die Frage: Ob wir seine Einladung annehmen? Ob wir abseits stehen bleiben und fragen: Warum ausgerechnet die? Oder ob wir uns daran freuen und mitfeiern, wenn die verlorenen Kinder Gottes da sind, wo sie wirklich hingehören – am Tisch mit Jesus bei ihrem Vater, der sie liebt?