Montag, 22. April 2013

Verzagen wir noch oder wachsen wir schon?

Seit einiger Zeit gibt es eine seltsame Entwicklung in unserer Gemeinde. Wir hatten einige Meinungsverschiedenheiten, die sogar dazu geführt haben, dass einige die Entscheidung getroffen haben, sich erstmal zurückzuziehen. Das führte zu großer Verzagtheit und auch zu Angst (auch bei mir).

Gleichzeitig aber kamen plötzlich neue Leute zu uns in die Gottesdienste und fühlten sich dort ganz offensichtlich wohl. Die Gemeinde hat eine seltsame Anziehungskraft auf "bunte Vögel" - so will ich sie mal nennen: Menschen, die eher am Rand leben, Leute, die in Schwierigkeiten sind, Einzelne, die isoliert von anderen leben. Solche Menschen kamen - zunächst vereinzelt, dann regelmäßig. Und: Sie brachten auch mal wen mit. Sie fühlen sich willkommen und angenommen - eine Erfahrung, die sie bisher wohl nicht allzu oft gemacht haben.

Gestern nun nach dem Gottesdienst fiel zum ersten Mal der Satz von einer Mitarbeiterin: "Es scheint, dass die Gemeinde wächst." Ob es schon so weit ist, weiß ich nicht, aber manches deutet darauf hin, dass das möglich sein oder werden könnte. Kann es ein, dass wir zu wachsen beginnen - aber ganz anders, als wir es uns immer gedacht haben und sozusagen ungeplant? Noch sind da mehr Fragen als Antworten, aber das ist wohl normal, wenn man mit Jesus unterwegs ist. Ich bin gespannt, wohin er uns führt...

Sonntag, 21. April 2013

Jesus an der Käsetheke


(Predigt in der EmK Detmold am 21.04.2013)

Und, was habt ihr so getrieben von Montag bis Freitag? Wie war euer Alltag? Hattet ihr Erfolg? War es spannend oder eher langweilig? Ist euch irgendwas besonders gut geglückt? Gab es Misserfolge, die ihr erstmal verdauen müsst? Auf ganz unterschiedliche Weise waren wir in dieser Woche unterwegs: in unseren Familien, in der Nachbarschaft, in Betrieben und Schulen und Ämtern und Vereinen. Wir haben gearbeitet, gefeiert, gelacht und geweint, ferngesehen, Bücher gelesen, Radio gehört, eingekauft und und und. Seid ihr da irgendwo Christus begegnet? Zum Beispiel im Supermarkt, in der Klasse, im Büro oder auf der Straßenkreuzung? Und wie war das? Wie war er?

Wir haben es uns angewöhnt, Gott Räume zuzuweisen, in denen wir besonders damit rechnen, ihm zu begegnen: den Gottesdienst zum Beispiel, die Stille Zeit oder das Gebet, vielleicht noch den ruhigen Spaziergang im Wald. Es sind solche – nennen wir sie – heiligen Räume, in denen wir offen sind für Begegnungen mit Christus. Aber wie wäre es, wenn Christus gar nicht diese heiligen Räume wählt, um uns zu begegnen, sondern eben die Kasse bei dm oder das Büro in der Agentur für Arbeit oder die Buchhandlung, in der wir gerade nach neuem interessantem Stoff für unsere Lektüre suchen? Wie wäre es, wenn es Christus ziemlich schnuppe ist, welche Räume wir für eine Begegnung mit ihm für angemessen halten und wenn er uns einfach frech mitten im Alltag begegnen will? Ganz unerwartet und überraschend, ganz alltäglich eben? Könnt ihr euch das vorstellen, dass Christus plötzlich dasteht – an der Käsetheke, in der Schulklasse oder an der Ampel?

Von genau so einer Begegnung des Auferstandenen mit einigen seiner Jünger erzählt der Bibeltext, über den ich heute mit euch nachdenken möchte. Es geht um Johannes 21,1-14. Aber bevor wir ihn lesen, will ich euch warnen: Johannes erzählt von dieser Christusbegegnung mit einem Augenzwinkern, mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht und gar nicht bierernst mit heiligem Gesichtsausdruck, wie wir es vielleicht erwarten. Wir müssen, wenn wir ihn richtig verstehen wollen, uns dieses schelmische Lächeln beim Hören des Textes immer mitdenken. Johannes hat Humor. Und dann, wenn wir das beachten, dann kann's losgehen in die Zeit direkt nach der Auferstehung Jesu. Jesus hatte sich also für drei Tage das Grab des Josef von Arimathäa ausgeliehen und war dann auferstanden. Er hatte den Tod besiegt, hinter sich gelassen und war Maria und ein paar Frauen und auch den Jüngern, sogar dem alten Zweifler Thomas erschienen, um ihnen zu sagen: Hey Leute, der Tod hat keine Macht mehr. Die Liebe Gottes hat gewonnen. Gottes neue Welt ist auf der Überholspur und ihr dürft daran mitwirken, dass sie sich immer mehr ausbreitet. So war das, und dann geschah folgendes:

Simon Petrus und Thomas, der Zwilling, Nathanael aus Kana, die beiden Zebedäus-Söhne und zwei andere Jünger saßen am See Genezareth zusammen. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Da antworten sie ihm: Gut, wir kommen mit. Also gingen sie los und stiegen in das Boot. In dieser Nacht fingen sie nichts.

Ich finde, das ist wirklich ein Brüller: Da war ihr Rabbi vom Tod auferstanden – das größte und wichtigste Ereignis der Weltgeschichte. Er war ihnen tatsächlich begegnet und hatte ihnen gesagt: So wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich nun euch. Setzt meine Mission fort. Und was machen diese Jünger? Sie bauen keine Kathedralen oder planen Missionseinsätze. Sie machen... Ja, was denn? Sie machen das, was sie eben können. Ich geh dann mal fischen, sagt Petrus, der gelernte Fischer. Und seine Freunde sagen: O.k., wir sind dabei. Merkt ihr die feine Ironie, mit der Johannes das erzählt?

Mit Jesus leben, sein Jünger sein und seine Mission leben, das geschieht eben nicht nur und nicht zuerst durch Außergewöhnliches, durch heldenhafte Taten, sondern es geschieht mitten im Alltag – im Beruf, in der Ausbildung, in der Familie, in der Nachbarschaft, im Verein und und und. Mitten in dem, was wir eben sowieso machen und können. Jesus will uns nicht aus unserem Alltag herausreißen, sondern er will unseren Alltag verwandeln zu einem Alltag mit ihm, indem er uns verwandelt. Das ist Jüngerschaft. Heilig sind nicht besondere Räume und Taten – das ist ein Missverständnis. Heilig will Jesus unser ganzes alltägliches Leben machen. Die Antwort eines Jüngers auf Jesu Sendung heißt: Ich geh dann mal fischen. Oder: Ich geh dann mal ins Büro. Ich mache dann mal einen Ausflug mit meiner Familie. Ich geh dann mal ins Kino... Oder oder oder.

Aber lesen wir weiter: Petrus und die anderen 6 Jünger legen also eine Nachtschicht ein und fischen, haben aber in dieser Nacht keinen Erfolg. Ich stelle mir vor, wie sie je länger je mehr unzufrieden und ziemlich frustig werden. Und da, genau da, geschieht es:

Als der Morgen anbrach, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten: Nein.

Johannes erzählt mit genau dem gleichen schelmischen Lächeln weiter: Am Ufer steht Jesus – wie ein Tourist, der zu einer Wandertour aufgebrochen ist – und sieht den Jüngern zu. Ist euch schonmal aufgefallen, dass der Auferstandene nie sofort erkannt wird? Wenn er Menschen begegnet, dann halten sie ihn zuerst immer für irgendwen: für den Gärtner zum Beispiel oder, wie hier, für einen freundlichen, aber ein bisschen neugierigen Touristen.

Mitten in ihrer Arbeit also ist dieser Typ – es ist Jesus, aber das wissen und erkennen sie nicht – plötzlich da. Wie ist das bei euch, liebe Freunde: Kann es sein, dass Jesus auch in deinem Alltag einfach da steht, und du weißt nicht, dass es Jesus ist? Kann es sein, dass die freundliche Kassiererin im Supermarkt oder der nervige Arbeitskollege Jesus für dich ist? Dass die Nachbarin, die deine Hilfe braucht, Jesus für dich ist? Hast du darüber schonmal nachgedacht?

Und was sagt Jesus? Er gibt sich nicht sofort zu erkennen: Ich bins, Friede sei mit euch. Nichts von alledem. Jesus sagt das, was man zu Fischern eben so sagt – völlig unspektakulär: Na, was gefangen heute?, ruft er ihnen vom Ufer aus zu. Ich finde das genial. Jesus, wenn er seinen Leuten begegnet, ist absolut unreligiös. Er fragt: Na, wie läufts denn so? Oder: Wie isset? Alles klar im Job? Wie war die Klassenarbeit? Hat dir der Film gut getan? Wie ist das Buch? Solche Frage stellt Jesus.

Kann es sein, dass Jesus mit dir über deinen Alltag ins Gespräch kommen will? Er interessiert sich dafür, wie es dir geht bei deiner Arbeit, ob du Erfolg hast und was das denn ist: Erfolg. Er interessiert sich dafür, wie du deinen Alltag gestaltest: was du isst und mit wem, wo und was du einkaufst, was du liest und fernsiehst und und und. Er will all das mit dir teilen und fragt dich danach. Schon mal gemerkt?

Erst jetzt, nachdem die Jünger dem neugierigen Fremden mitgeteilt haben, dass sie nichts im Netz haben, gibt Jesus sich zu erkennen:

Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da sprach der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. Die anderen Jünger kamen mit dem Boot nach. Sie waren nicht fern vom Land – keine 100 Meter.

Der Jünger, den Jesus besonders lieb hatte – vielleicht meint Johannes sich selbst, das wissen wir nicht – ist in mehreren Erzählungen des Johannesevangeliums ein ziemlicher Schnellmerker. Und so eben auch hier. Als erster der Sieben kapiert er: Das ist der Herr. Der neugierige Fremde da ist gar kein Tourist, sondern es ist Jesus selbst.

Wahrscheinlich hat ihn der Tipp Jesu: Werft das Netz nochmal an der anderen Seite aus. Dann fangt ihr bestimmt was., an die Berufung des Petrus erinnert. Wie oft nämlich hatte der in den letzten Jahren beim Lagerfeuer abends von seinem sensationellen Fischzug erzählt: Auf dein Wort hin, hatte er zu Jesus gesagt, will ich's wagen und nochmal rausfahren. Und dann: Einen richtig fetten Fang hatte er gemacht, und es war klar: Diesem Rabbi wollte er von nun an folgen und von ihm lernen. Sein Schüler, sein Jünger sein. Oft hatte Johannes diese Geschichte gehört, und da er eben ein Schnellmerker ist, versteht er nun als erster: Das muss Jesus sein, und sagt es Petrus.

Ich stelle mir vor, wie Jesus bei seiner Anweisung, die Netze auf der anderen Seite auszuwerfen, verschmitzt lächelt: Na, ob sie nun begreifen, dass ich es bin? Ja, sie begreifen. Und was macht Petrus: Er denkt sich: Nix wie hin. Wenn das Jesus ist, dann muss ich einfach so schnell wie möglich zu ihm. Das Boot ist da viel zu langsam. Also schwingt er sich schnellstmöglich in seine Klamotten und springt ins Wasser, um die 100 Meter ans Ufer zu schwimmen. So begeistert ist er.

Kennst du diese Begeisterung auch? Wann hast du zum letzten Mal so für Jesus gebrannt wie Petrus hier am See Genezareth? Wann hast du zum letzten Mal buchstäblich alles stehn und liegen lassen, um zu Jesus zu kommen? Vielleicht ist es höchste Zeit, sich diese Begeisterung von Petrus abzugucken und sie wieder (neu) zu lernen. Denn sein wir mal ehrlich: Es ist doch wirklich ein Wunder und mehr als genug Grund, begeistert zu sein, dass Jesus dir und mir, uns ungehobelten Klötzen begegnen und Gemeinschaft mit uns haben will. Er will wirklich unser Freund und Lehrer sein. Wenn das kein Grund für Petrus-mäßige Begeisterung ist... Also los: Schnell ein Hemd überziehen und nix wie hin, oder?

Und wie geht’s dann weiter? Was macht Jesus mit den Jüngern, als sie am Ufer ankommen? Feiert er einen Gottesdienst mit ihnen? Fallen sie alle auf die Knie für eine Gebetsgemeinschaft? Stimmt er Psalmen und Lobgesänge an? Hört selbst:

Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt. Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische – hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl. Niemand aber unter den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.

Bemerkenswert, oder? Keine Lobpreisparty, noch nicht mal eine Predigt. Jesus sagt: Kommt erstmal frühstücken, Leute. Ich hab den Grill schon mal angeworfen. Jesus sucht die Begegnung mit seinen Jüngern mitten in ihrem Alltag nicht, um sie dann aus diesem Alltag herauszureißen, sondern um mit ihnen ganz alltäglich zusammenzusein.

Auch wir stellen bei unserem monatlichen offenen Mittagessen nach dem Gottesdienst fest: So ist Gemeinde. Einfach miteinander essen. Oder: Miteinander einfach essen. Einfach. Die Mahlgemeinschaft konstituiert Gemeinde, Gemeinschaft mit Jesus und untereinander.

Und: Die Jünger sind Jesu Gäste. Er ist der Grillmeister hier. Aber doch dürfen und sollen sie auch was beitragen – von ihrem Fang. 153 Fische haben sie gefangen. Nicht ungefähr 150 oder so, sondern genau auf den Kopf 153 Fische. Ich sehe Johannes direkt schmunzeln, als er diese Zahl aufschreibt. Hundertdreiundfünfzig – keinen weniger und keinen mehr. Vielleicht hat Johannes sich ausgemalt, was spätere Theologen so alles in diese Zahl hineininterpretieren: Gab es 153 Fischarten in der Antike, sodass die 153 Fische für die ganze Schöpfung stehen? Oder muss man die Quersumme aller Ziffern zwischen 1 und 53 teilen durch...? Aber lassen wir das. Meiner Ansicht nach ist das alles Quatsch. Ganz offenbar haben die Jünger, während Jesus grillte, die Fische gezählt, und zwar ganz genau gezählt, wie es Fischer eben tun, um sie dann fair unter sich aufzuteilen. Noch mehr Alltag in der Begegnung mit Jesus geht nicht, oder? Und dann sitzen sie mit ihm zusammen und grillen und frühstücken und erzählen und teilen eben dadurch ihren Alltag mit ihm.

Ich liebe diese Erzählung in Johannes 21. Das habt ihr wahrscheinlich schon gemerkt. Ich finde sie ganz wunderbar – im wahrsten Sinne des Wortes wunder-bar, und ich liebe die feine Ironie, das schelmische Lächeln, mit dem Johannes sie erzählt.

Wir können aus ihr lernen, wie Christus uns begegnen will – und das ist ganz schön unkonventionell.
  • Jesus will uns nicht (nur) an besonderen Orten oder zu besonderen Zeiten begegnen, sondern mitten in unserem Alltag – bei dem, was wir sowieso machen. Jesus will uns begegnen, wenn wir arbeiten und ausruhen, wenn wir einkaufen und Auto fahren, wenn wir ins Theater gehen oder fernsehen.
  • Jesus begegnet seinen Leuten oft in ganz normalen Menschen. Ja, er kann uns auch in einer Vision begegnen, in einem Bibelwort, einer Predigt oder einem Lobpreislied. Aber eben genauso auch in der freundlichen Frage der Verkäuferin im Supermarkt oder im Smalltalk des Arbeitskollegen oder im Spaß, den unser Kind oder Enkel sich mit uns erlaubt. Jesus begegnet uns offenbar besonders gerne in ganz normalen Menschen, sodass wir ihn zuerst gar nicht erkennen. Lasst uns aufmerksam sein für solche Jesus-Begegnungen.
  • Jesus fragt uns: Na, was gefangen? Er begegnet uns nicht nur im Alltag, sondern er interessiert sich wirklich für unseren Alltag. Wichtiger als, was wir am Sonntag anziehen und singen, ist ihm, was wir von Montag bis Samstag so machen. Ihn interessiert das wirklich: Wo und was kaufst du ein? Was bedeutet deine Arbeit für dich? Wie verbringst du deine Freizeit? Er will dabeisein und unseren Alltag prägen. Und
  • Jesus lädt auch uns ein: Kommt jetzt zum Mahl. Jesus liebt das gemeinsame Essen und Trinken und Feiern mit uns. Wenn wir gleich das Mahl des Herrn feiern, dann ist Jesus dabei. Das hat er versprochen. Er gibt sich uns in diesem Mahl und will uns so erfüllen, von innen heraus, wie das Brot und der Saft uns erfüllen. Im Mahl kommt Jesus in uns hinein, wenn wir ihn denn lassen. Und er schweißt uns, indem wir gemeinsam seine Gäste sind, zu einer echten und ganz besonderen Gemeinschaft zusammen – zur Gemeinschaft seiner Jüngerinnen und Jünger heute in Detmold, die zugleich Teil ist der großen Gemeinschaft der Jesusleute an allen Orten und zu allen Zeiten. Und: Auch wenn wir nachher miteinander Mittag essen, ist Jesus dabei. Er liebt solche Sachen. Das zeigt Johannes 21. Ihm ist das wichtig. Er will mit uns essen und trinken und zusammensein. Und er will, dass wir zusammen essen und trinken und feiern – miteinander und mit ihm. Ist das nicht großartig?

Sonntag, 7. April 2013

Auferstehungsglaube - Ein Weg und kein Zustand

Predigt in der EmK Detmold am 7. April 2013


War das Grab wirklich leer? Auch rund um das diesjährige Osterfest wurden wir von der unsäglich langweiligen Diskussion um diese Frage nicht verschont. Sie geisterte wie immer, wie in jedem Jahr, sowohl durch die christlichen als auch überhaupt durch die Magazine und Fernsehsender.

Und wie jedes Jahr möchte ich am liebsten schreien: Hallo? Merkt ihr eigentlich noch irgendwas? Wie ist denn das Wetter auf dem Planeten, auf dem ihr lebt? Glaubt ihr wirklich, irgendjemand interessiert sich ernsthaft für die x-te Wiederholung der ewig gleichen Argumente? Ihr liefert dort Antworten auf Fragen, die wirklich niemand mehr stellt.

Oder kennt ihr irgendjemanden, der sich ernsthaft für die Diskussion der Leeres-Grab-Frage interessiert und der erwartet, dazu irgendwas neues zu hören? Ob das Grab leer war oder nicht – diese Diskussion geht an den Fragen unserer Zeit gnadenlos vorbei. Thema verfehlt, sechs, setzen!, möchte man da sagen.

Die Menschen heute fragen uns Christen doch nicht wirklich, ob das Grab Jesu physisch leer war oder nicht. Sie haben ganz andere, viel drängendere Fragen an uns: Wie begegnest du – heute! - Christus? Wie erfährst du ihn als Lebendigen, der etwas mit deinem Leben zu tun hat? Wie sieht authentisches Christsein heute aus? Welche Werte lebt eure Gemeinde? Was ändert Jesus in eurem Leben? Und was ändert er in unserer Welt? Das sind doch die Fragen, die uns und unsere Zeitgenossen wirklich interessieren, oder?

Aber nicht nur an den Fragen unserer Zeit geht sie vorbei – die Diskussion um das leere Grab. Sie verfehlt auch das biblische Zeugnis. So zumindest meine These. Ich will versuchen, diese These zu begründen, indem ich mit euch meine Gedanken zu zwei Fragen teile:
1.) Wie entsteht im Neuen Testament der Auferstehungsglaube? Und
2.) Was ist der Auferstehungsglaube und wie äußert er sich praktisch?

1. also: Wie entsteht Auferstehungsglaube? Wir hören nochmal auf die neutestamentliche Lesung aus Markus 16 – zunächst die Verse 9-14: …

Das erste, was uns auffällt, wenn wir diese Verse hören, ist: Der Glaube an den Auferstandenen entsteht ganz offensichtlich nicht am leeren Grab. Ganz im Gegenteil: Das leere Grab weckt in den Zeugen Furcht, Entsetzen und Flucht. Allein das sollte denen, die so leidenschaftlich über die Frage des leeren Grabes diskutieren, zu denken geben. Das leere Grab weckt allein definitiv keinen Glauben – zumindest nicht im Markusevangelium.

Das zweite, was auffällt: Der Glaube entsteht nicht durch Hörensagen. Maria von Magdala gibt mutig Zeugnis von ihrer Erfahrung, dass Christus lebt, aber sie findet keinen Glauben. Und auch die Emmausjünger, denen sich Jesus als Auferstandener offenbarte, geben Zeugnis und berichten davon. Und auch sie finden keinen Glauben.

Der Auferstehungsglaube entsteht nicht durch das evangelistische Zeugnis derer, denen Jesus schon begegnet ist. Das, denke ich, sollte uns allen miteinander zu denken geben. Kann es sein, dass wir das evangelistische Zeugnis mit Worten überschätzen? Unsere Worte, so legt jedenfalls das Markusevangelium nahe, wecken keinen Glauben an den Auferstandenen.

Wie aber entseht der Auferstehungsglaube dann? „Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen“. Das heißt: Der Glaube an den auferstandenen Christus entsteht allein durch die persönliche Begegnung mit ihm – nicht durch das leere Grab und auch nicht durch das evangelistische Zeugnis von Menschen, die ihm schon begegnet sind. Glaube an Christus entsteht immer da, wo Menschen ihm selbst begegnen.

Interessant ist, dass es dazu offenbar keiner besonderen heiligen Orte und Zeiten bedarf: Die Elf saßen zu Tisch, sie aßen miteinander – Mittag- oder Abendbrot - und plötzlich... war Jesus da.

So kann es sein und so geschieht es auch heute: Menschen haben Gemeinschaft miteinander, essen und feiern zusammen und plötzlich... ist Christus da. Menschen nehmen am Abendmahl teil und plötzlich... ist Christus da. Menschen tauchen ein in die spirituelle und meditative Atmosphäre einer Taizéandacht und plötzlich... ist Christus da. Menschen, die krank und einsam sind, werden unerwartet besucht und plötzlich... ist Christus da. Menschen erleben, wie sie anders als gewohnt angenommen und akzeptiert werden - mit ihren Spleens und Ecken und Kanten - und plötzlich... ist Christus da. Menschen, die um ein Almosen betteln, erfahren, wie sie jemand nicht einfach mit einem Euro abspeist, den er ihnen mehr hinwirft als gibt, sondern sie anspricht und sich wirklich für sie interessiert und plötzlich... ist Christus da.

So entsteht Glaube an den Auferstandenen – wenn Menschen wirklich Christus begegnen. Und Gemeinde, die Gemeinde der Jesus Leute, das sind die, die solche Orte der Christusbegegnung mitten in der Welt eröffnen. Und das ist kein Traum und keine Zielbestimmung, sondern das geschieht wirklich – mitten unter uns, durch euch. Ihr eröffnet durch euer Verhalten, durch euren Lebensstil, mitten in der Welt, Räume für die Christuserfahrung – heute. So entsteht Auferstehungsglaube. Und

Was ist Auferstehungsglaube? Wie äußert er sich? Lesen wir dazu Markus 16 weiter – nun die Verse 15-20...

Wieder möchte ich zuerst sagen, was Glaube nicht ist: Glaube ist kein Für-wahr-Halten von Glaubenstatsachen. Das ist ja eine weit verbreitete Auffassung: Glaube sei das Für-wahr-Halten von wissenschaftlich nicht beweisbaren und höchst unwahrscheinlichen Tatsachen. Es sei zum Beispiel Glaube, wenn jemand gegen allen Augenschein, alle Wissenschaft und alle Erfahrung an der Jungfrauengeburt festhalte oder daran, dass das Grab leer gewesen sei oder daran, dass Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen habe. Nach unserem Text aus dem Markusevangelium jedenfalls ist dieser Glaube mit dem Auferstehungsglauben nicht gemeint.

Andere sagen: Glaube sei mehr als dieses Für-wahr-Halten. Glaube sei eine Herzenseinstellung. Glaube sei, wenn jemand es wagt, sich ganz auf Gott zu verlassen und aus diesem Vertrauen zu leben. Glaube sei die persönliche Entscheidung: Ich verlasse mich einzig und allein auf dich, Gott. Das ist die reformatorische Antwort auf die Frage, was Glaube ist. Ich teile diese Antwort.

Aber trotzdem sehe ich: Mit dem Auferstehungsglauben in Markus 16 ist noch was ganz anderes gemeint als die persönliche Herzenseinstellung eines Einzelnen. Und irgendwie habe ich das Gefühl: Auch dieses reformatorische Verständnis des Glaubens greift letztlich zu kurz. Ist sie nicht stärker von einer individualistischen Philosophie geprägt als von der Bibel? Verkürzt sie nicht den Menschen auf den einsamen Einzelnen, der wir doch eigentlich nie sind? Und, so möchte ich fragen: Was antworten wir mit diesem Verständnis des Glaubens den Vielen, denen wir heute begegnen, die uns fragen: Was ist, wenn ich nicht glauben kann? Ich kenne viele, die gegenüber diesem Verständnis des Glaubens über sich selbst sagen: Ich bin kein Glaubender, ich kann mich nicht ganz auf Gott oder Christus verlassen. Ich bringe diese Herzenseinstellung nicht auf und kann diese Entscheidung für den Glauben nicht treffen. Aber ich bin auch kein Ungläubiger. Es ist nicht so, dass ich mit Jesus nichts anfangen kann oder Gott ablehne. Ganz und gar nicht. Nur das, wovon du da redest, dieser Glaube – das bin ich nicht. Ich kenne viele, die so denken und das auch sagen. Ihr auch? Was antworten wir denen?

Das Verständnis von Auferstehungsglaube in Markus 16 ist ein anderes. Hier ist der Glaube weder ein Für-wahr-Halten noch eine individuelle Herzensentscheidung des Einzelnen. Markus versteht den Auferstehungsglauben nicht von einem griechisch-philosophischen Denken her, sondern vom hebräischen Denken Jesu her. Seine Erzählung lässt ein hebräisches Verständnis des Glaubens sichtbar werden. Hier, wie im Leben und der Gotteserfahrung Israels und Jesu, ist Glaube kein Zustand, sondern ein Weg. Das ist kein Friss-oder-stirb-Glaube, sondern einer, der sagt: Mach dich auf den Weg. Jesu erstes Wort, nachdem er sich den Jüngern offenbart hat, heißt: Geht! Auferstehungsglaube ist ein Gehen, ein Weg des Lernens von und Lebens mit Jesus.

Dieses biblische Verständnis des Glaubens ist, anders als die traditionellen individualistischen Definitionen, meiner Meinung nach sprachfähig in unserer Zeit. Es fällt dir schwer, wissenschaftlich nicht nachvollziehbare Berichte für wahr zu halten? Das ist nicht das, was Jesus zuerst von dir will. Das ist nicht Glaube, auch wenn Kreationisten zum Beispiel manchmal so tun. Du hältst viel von Jesus, bist von ihm fasziniert, aber du weißt nicht, ob du jetzt eine Lebensentscheidung für ihn treffen willst? Du weißt nicht, ob du wirklich glaubst oder doch nicht und es ist dir irgendwie zuwider, dich als wiedergeborener Christ zu bezeichnen? Jesus denkt nicht so. Er denkt nicht in Kategorien wie drinnen und draußen. Ihm geht es darum, dass du dich auf den Weg machst und den nächsten Schritt mit ihm gehst. Glaube, das ist Gehen, das ist ein Weg – ein Weg des Lernens und Lebens mit Jesus. Das ist ein viel dynamischeres Verständnis des Glaubens als das der Tradition.

Und wie sieht dieser Weg aus? Es ist der Weg, von Jesus Schritt für Schritt zu lernen, ihm ähnlicher zu werden, das zu tun, was Jesus auch getan hat. Er besteht aus zwei Dingen:

1. Die Jesusleute auf dem Weg sagen die Botschaft von Gottes neuer Welt weiter. Sie haben ja selbst erfahren, dass Gottes neue Welt kommt und schon angefangen hat. Sie sind Christus begegnet und das sagen sie den anderen Menschen. Ein anderes Leben ist möglich, weil Jesus auferstanden ist. Gott findet sich nicht ab mit der Welt, wie sie ist, sondern er baut an seiner neuen Welt des Friedens, der Versöhnung, der Vergebung und der Barmherzigkeit. In Jesus ist diese neue Welt schon da, und wir alle werden von ihm eingeladen, an ihr teilzuhaben. Das, liebe Freunde, ist die beste Botschaft der Welt, die wir da haben. Und deshalb sagen wir sie weiter. Und

2. Die Jesusleute auf dem Weg des Glaubens leben diese neue Welt Gottes jetzt schon. Das ist mit den Zeichen in Markus 16 gemeint. Sie machen die neue Welt Gottes jetzt schon erfahrbar. Das heißt nicht, dass sie perfekt sind. Sie sind ja miteinander auf dem Weg. Aber zeichenhaft – je und dann – wird unter ihnen Gottes neue Welt erfahrbar, sichtbar, begreifbar: Menschen werden frei – zum Beispiel von einer Sucht oder von Schuld, die sie drückt. Grenzen von rein und unrein, heilig und profan, fromm und nicht fromm werden eingerissen, Kranke und Einsame und Ausgegrenzte haben plötzlich Freunde, die sie besuchen und den Kontakt mit ihnen pflegen. In solchen Zeichen wird Gottes neue Welt jetzt schon erfahrbar.

Das ist kein harmloser Weg, der Weg mit dem Auferstandenen. Ganz bestimmt nicht. In Markus 16 ist die Rede von Schlangen und tödlichen Getränken. Aber es ist der Weg des Lebens und der Liebe und der neuen Welt Gottes.

Also liebe Freunde: Lasst uns aufhören mit den endlosen Diskussionen um das leere Grab. Nicht nur, weil es langweilig und müßig ist, nicht nur um unsertwillen, sondern auch um des Auferstehungsglaubens, wie die Bibel ihn bezeugt, selbst willen. Denn Auferstehungsglaube, das ist was ganz anderes als das Für-wahr-Halten von Glaubenstatsachen und viel mehr als eine individuelle Herzenseinstellung.

Auferstehungsglaube, das ist der Weg, der eröffnet wird, wo Menschen heute, mitten in der Welt, Christus begegnen. Auferstehungsglaube ist der gefährliche, abenteuerliche, spannende und oft überraschende Weg des Lernens von Jesus und des Lebens mit Jesus, des Zeugnisses von Gottes neuer Welt und des zeichenhaften Jetzt-schon-Lebens dieser neuen Welt.

Ich bin überzeugt: Wenn wir diesen Auferstehungsglauben wagen und kultivieren, indem wir den nächsten Schritt an der Seite Jesu gehen, dann gilt uns der Vers 20 als Verheißung: „Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.“