Mittwoch, 20. Februar 2013

Frag nach bei Bruder John (1) - Ökumenische Gesinnung

Immer und überall gehören Methodistinnen und Methodisten zu denen, die die ökumenische Bewegung mittragen und mitgestalten. Ökumene gehört sozusagen zur methodistischen DNA. Wir verstehen uns selbst nicht als die Kirche, sondern als „ein Zweig der Kirche Christi“ - wohl mit eigenen Akzenten und Betonungen in Traditionen,  Lehre und Praxis, aber doch eben nicht besser oder mehr Kirche als andere  Deshalb suchen wir die geschwisterliche Gemeinschaft mit allen. Man kann wohl sagen: Typisch methodistisch ist ökumenische Offenheit und ökumenisches Engagement.

John Wesley schreibt dazu:

Ich maße mir nicht an, meine Form der Glaubensausübung irgendjemand anderem aufzuzwingen. Ich denke zwar, sie ist wirklich urchristlich und apostolisch. Aber meine Überzeugung ist kein Maßstab für andere.
Daher frage ich keinen, mit dem ich Gemeinschaft im Geist christlicher Liebe pflegen will: Gehörst du zu meiner Kirche, zu meiner Gemeinde? Hältst du dieselbe Form... und dieselben... Ämter wie ich für richtig? Verwendest du dieselbe Form des Gebetes wie ich?...
Lass das alles vorerst beiseite! Darüber wollen wir, wenn es nötig ist, zu einer gelegeneren Zeit reden. Heute frage ich nur: Ist dein Herz mir gegenüber ebenso aufrichtig wie mein Herz dir gegenüber? Ich stelle keine weitere Frage. Wenn es so ist, dann gib mir deine Hand. Wegen unterschiedlicher Meinungen oder Standpunkte wollen wir das Werk Gottes nicht zerstören.
Liebst du Gott, dienst du ihm? Das genügt. Ich reiche dir die rechte Hand zum Zei­chen unserer Gemeinschaft. 


(John Wesley in seiner Lehrpredigt 39)

Samstag, 16. Februar 2013

7 Wochen Demut lernen

Ein Versuch - mehr nicht. Aber vielleicht prägt es mich ja.

7 Wochen lang Kritik anhören und darüber nachdenken, ohne zurückzuschlagen. Auch dann, wenn sie mir unfair oder unangebracht erscheint. Auf eigene Kritik an anderen verzichten, ihnen vergeben, ohne dass sie darum bitten. Nachsichtig und geduldig sein. Gerade denen, die mir nicht gut gesonnen sind, freundlich begegnen, ihnen bewusst dienen. 7 Wochen lang nicht den eigenen Kopf durchsetzen, sondern Demut lernen.

Denn
"Die Liebe ist geduldig.
 Gütig ist sie, die Liebe.
Die Liebe ereifert sich nicht.
Sie prahlt nicht
und spielt sich nicht auf.
Sie ist nicht taktlos.
Sie sucht nicht den eigenen Vorteil.
Sie ist nicht reizbar.
Sie trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht,
wenn Unrecht geschieht.
Aber sie freut sich,
wenn die Wahrheit siegt.
Sie erträgt alles.
Sie glaubt alles.
Sie hofft alles.
Sie hält allem stand." (1. Korinther 13, 1-7)

Montag, 11. Februar 2013

Gemeinde mitten im Sturm


Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, befindet sich in schwerem Sturm. Darüber besteht kein Zweifel. Es ist ganz schön ungemütlich auf Deck – kalt, nass, rutschig, stürmisch. Durch den Starkregen ist die Fahrrinne kaum noch zu erkennen. Es zeigen sich erste Risse im Boot, der eine oder andere Raum droht vollzulaufen, Mannschaft und Passagiere geraten in Panik. Sind überhaupt noch alle an Bord? Wir tun, was wir können, wissen dabei aber nicht mehr sicher, ob es gut geht oder ob wir absaufen. So könnte es einem manchmal vorkommen in der Kirche, stimmt's?

Da tut es gut, zu wissen, dass das für die Kirche keine ganz ungewöhnlich Situation ist. Ich möchte so weit gehen, zu sagen: Das Schiff im Sturm ist eine ganz typische Situation der Kirche. Das ist von Anfang an so. Die Geschichte der Jesus-Leute hat wenig gemeinsam mit einer gemütlichen Butterfahrt nach Helgoland oder einer Kaffeefahrt mit der Weißen Flotte am Sonntagnachmittag über den Baldeneysee. Sie ist in ihren wesentlichen Teilen gefährliche, aufregende und nervenaufreibende Fahrt mitten durch den Sturm.

Das ist so typisch für die Kirche, dass uns schon die Evangelien davon erzählen: „Einmal, in diesen Tagen,“ heißt es da, „stieg Jesus mit seinen Jüngern in ein Boot. Er sagte zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer des Sees fahren. So legten sie vom Land ab.
Unterwegs schlief Jesus ein. Plötzlich wühlte ein Sturm den See auf, ein Fallwind von den Bergen. Wasser schlug in das Boot und sie waren in großer Gefahr. Die Jünger gingen zu Jesus und weckten ihn: Meister, Meister! Wir gehen unter. Jesus stand auf und bedrohte den Wind und die Wellen. Da hörten sie auf zu toben und es wurde ganz still.
Jesus fragte die Jünger: Wo ist euer Glaube geblieben? Da fürchteten sie sich und staunten zugleich. Sie fragten sich: Wer ist er eigentlich? Er befiehlt dem Wind und den Wellen und sie gehorchen ihm.“ (Lukasevangelium 8,22-25 nach der Basisbibel)

Was sagt uns dieser Text über die „Kirche mitten im Sturm“?

1.) Alles beginnt mit Jesu Ruf auf den See.

Eigentlich fühlten sich die Jünger am Ufer ganz wohl. Gerade noch hatten sie erlebt, wie Jesus sie feierlich zu seiner Familie erklärt hatte. Das war ein großer Moment in ihrem Leben. Sie waren durch all das, was sie mit Jesus erlebt hatten, zu einer Familie geworden. Und sie fühlten sich wohl dabei. Wer will es ihnen verdenken...

Aber Jesus wollte dabei nicht stehen bleiben. Auf geht’s zu neuen Ufern, war sein Ruf. Es mag noch so gemütlich und behaglich und familiär sein hier am sicheren Ufer. Meine Mission geht weiter.

Jesus wusste, wie gefährlich der See sein konnte. Er wusste das genau. Und doch: Um seine Mission zu leben, brauchte es immer wieder den Aufbruch zu neuen Ufern und das Wagnis, auf den See hinauszufahren.

Auch das ist typisch für die Kirche. Um an der Missio Dei, der Sendung Gottes teilzuhaben und so ihren Auftrag zu erfüllen, muss sie immer wieder aufbrechen zu neuen Ufern. Sie muss immer wieder den Weg aus dem sicheren Hafen heraus über den See wagen. Die Reformatoren hatten dafür ein schönes Wort: Ecclesia semper reformanda est. Die Kirche ist immer zu reformieren, oder wie ich es lieber übersetze: Kirche ist immer Jesus in Bewegung. Nicht, weil es ihr im sicheren Hafen nicht gefiele, sondern weil ihr Herr noch lange nicht fertig ist mit der Welt und ihr immer wieder zuruft: Auf geht’s zu neuen Ufern.

Auch in unserer Zeit haben sich viele Gemeinden auf den Weg gemacht zu neuen Ufern und wagen die Reise über den gefährlichen See, weil Jesus sie ruft: Da finden Gottesdienste an öffentlichen Orten statt, da entstehen Ladenkirchen, da werden Arbeiten mit Obachlosen begonnen, Kneipengottesdienste, Treffpunkte für Migrantenkinder mit Hausaufgabenbetreuung und und und. „Fresh expressions of church“ nennen wir das – neue Ausdrucksformen von Kirche.

Und auch wir hier bei uns mit unserer kleinen Kraft wagen uns auf den Weg zu neuen Ufern. Wir haben neue Kleingruppen gegründet, Zellgruppen des Reiches Gottes sozusagen: unsere Hauskreise und den Jüngerschaftskreis. Wir haben das Musikteam gegründet, das andere Lieder anders singt und unsere Gemeinde musikalisch und – viel wichtiger noch – geistlich damit bereichert, ohne den Chor dadurch zu vernachlässigen. Wir haben unsere Gottesdienste behutsam verändert: Wir feiern in vielfältigeren Formen, ohne alle alten Traditionen deshalb gleich über Bord zu werfen. Und: Wir haben uns auf den Weg gemacht, eine Gemeinde zu sein, in der Arme und Wohlhabende sich begegnen und miteinander Christus feiern. Für manche von uns – mich eingeschlossen – ist das eine ganz zentrale Vision von Gemeinde: dass Menschen aus unterschiedlichen Millieus zusammenkommen und miteinander Christus begegnen und ihn feiern.

Bei all dem rede ich bewusst von „wir“ und nicht von „ich“. Es könnte ja der Eindruck entstehen, es sei der neue Pastor, der diesen Weg geht, und alle anderen müssen ihm folgen. Aber dieser Eindruck ist falsch. Wir gehen diesen Weg zu neuen Ufern gemeinsam. Alle diese Veränderungen bespreche ich regelmäßig mit den Mitarbeitern der Gemeinde. Wir hören gemeinsam Jesu Ruf zum Aufbruch zu neuen Ufern und wollen ihm mutig folgen. Alles beginnt mit Jesu Ruf auf den See.

2.) Wie ein Naturgesetz kommt der Sturm.

Wo immer Menschen so aufbrechen zu neuen Ufern, bleibt der Sturm nicht aus. Auch in unserer Erzählung nicht. Ein Sturm wühlt den See auf, Wasser schlägt in das Boot, die Jünger und Jesus sind in großer Gefahr.

Das ist wie ein Naturgesetz. Wo immer die Gemeinde aufbricht zu neuen Ufern, kommt der Sturm. Darauf können wir uns verlassen. Es ist der Sturm aus Selbstzweifeln, Ängsten, der Frage, ob man nicht doch besser im sicheren Hafen geblieben wäre, der Schwierigkeit, sich in der neuen Situation zu orientieren und und und. Es gibt keine Veränderung ohne Schmerzen.

Manche haben den Eindruck, mir mache das alles nichts aus, ich sei sozusagen wie Jesus in Lukas 8, liege unter Deck und schliefe gelassen des Schlaf des Vertrauens. Aber das ist ganz und gar nicht so. Ich kann eure Ängste und Zweifel und Fragen nicht nur nachfühlen, sondern ich teile sie mit euch. Ich weine, wenn ich an die denke, die über Bord gegangen sind im Sturm, oder die beschlossen haben, auf eigene Faust lieber zurückzuschwimmen als weiter mit uns gemeinsam im Boot den schwierigen Weg durch den Sturm zu suchen. Ich teile eure Ängste, dass wir den richtigen Kurs verlieren oder dass gar das Boot entzweigehen könnte. Glaubt mir das.

Aber ich muss mir von unserer Geschichte eben auch sagen lassen: Wer ans andere Ufer will, der muss über den See. Ohne die Gefahr des Sturmes geht es nicht. Und bei allem Kummer bin ich so froh darüber, dass ich nicht allein an Deck bin – und auch nicht allein auf der Brücke. Dass ihr da seid und mit anpackt und Wasser schöpft und rudert und kämpft und bangt und hofft. Das macht mir Zuversicht, dass wir wirklich ankommen werden, dass unser Weg nicht vergeblich ist, dass der Einsatz sich lohnt.

3.) Jesus schläft

Das ist ein echtes Skandalon, ein Ärgernis. Die Jünger kämpfen panisch gegen den Sturm mit allem, was sie haben, und Jesus, der sie auf den See gerufen hat – schläft.

Warum erzählt Lukas das? Weil es so ist. Jesus ist da. Darauf ist Verlass. Er hat das Boot nicht verlassen. Er ist da und fährt mit. Schließlich ist es sein Boot. Das müssen wir uns immer mal wieder klarmachen. Es ist sein Boot und er ist da. Für uns sieht es manchmal so aus, als wären wir allein, aber das sind wir nicht. Er ist da.

Aber anders als wir weiß er schon, dass wir ankommen werden. Anders als wir kann er völlig vertrauen – ohne Angst und ohne Panik. Er ist da.

4.) Wir lernen zu vertrauen


Unsere Geschichte hat zwei Happy Ends, das ist ungewöhnlich. Das erste: Die Jünger wenden sich in ihrer Panik schließlich an Jesus. Sie wecke ihn auf und flehen ihn um Hilfe an. Und er hilft. Er "bedrohte den Wind und die Wellen. Da hörten sie auf zu toben und es wurde ganz still." Aber damit ist unsere Geschichte noch nicht zu Ende. Es folgt das zweitem vielleicht erst das eigentliche Happy End: Jesus hinterfragt das Verhalten der Jünger: "Wo ist euer Glaube geblieben?"

Für mich heißt das: Jesus gibt uns nicht auf. Er setzt darauf, dass wir von ihm Vertrauen lernen können. Trotz und gegen unsere Angst. "Wo ist euer Glaube geblieben?", fragt er auch uns. 


Wir lernen zu vertrauen, das heißt:


  • Wir rudern weiter, auch im Sturm. Weil wir wissen, dass es Jesus ist, der uns auf den See hinaus zu neuen Ufern ruft. Und weil wir wissen, dass wir mit unserer gefährlichen Reise teilhaben an seiner Mission in der Welt. 
  • Wir helfen denen, die über Bord zu gehen drohen. Das ist ganz wichtig: Wir geben niemanden auf. Wir wollen um sie werben. Es ist uns nicht egal, wenn manche beschließen, aus dem Bott zu springen und ans Ufer zurückzuschwimmen. Sie sollen wissen, dass wir sie vermissen und uns bemühen wollen, sie zurückzugewinnen. Die Strickleiter am Bug darf auf keinen Fall eingeholt werden. Dafür will ich stehen. 
  • Wir wenden uns an Jesus. Wir beten für die Gemeinde und für Seine Mission in der Welt. Wir vergewissern uns im Gebet und beim Lesen der Schrift immer wieder, ob wir noch auf Seinem Kurs sind. Denn zu leicht kommen wir sonst davon ab. Wir stellen uns auch immer wieder die selbstkritische Frage: " Ist es wirklich das, was Jesus jetzt von uns will?", und wir befragen darüber gemeinsam die Bibel. Nicht selbst-gewiss wollen wir sei, sondern glaubens-gewiss. 
Und dann, da bin ich sicher, werden wir zu neuen Ufern gelangen und in neuer Weise teilhaben an  der Mission Gottes in der Welt. Wir werden es erleben, dass Seine Vision von Gemeinde wahr wird. Und wir werden staunend feststellen: "Er befiehlt dem Wind und den Wellen, und sie gehorchen ihm."