Sonntag, 27. Januar 2013

Authentische Freude entwickeln


(Predigt vom 20.01.2013)

„Erlöster müssten mir die Christen aussehen,... wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ So Friedrich Nietzsche. Und hat er nicht recht? Spürt man uns die Freude über unseren Erlöser ab? Sehen wir aus wie Leute, die unterwegs sind mit Gott, weil er uns Freude macht? Freude, damit meine ich jetzt mal ganz was anderes als dieses eingefrorene Model-Lächeln aus der Margarine-Werbung. So ein Jörg-Pilawa-Lächeln, das kann man sich einfach antrainieren. Das ist nicht so schwer. Aber mit Freude meine ich jetzt mal echte, von innen kommende, authentische Freude, die das Leben bestimmt. So, dass andere Leute merken: Der Mann, die Frau lebt im Glück. So eine echte Freude von innen heraus kann man sich nicht einfach antrainieren. Aber genau die erwarten Leute wie Friedrich Nietzsche von den Jesus-Leuten – und zwar mit Recht.

Der Bibeltext, den die Evangelische Allianz für den Abschluss der Gebetswoche vorschlägt, erzählt von genau solcher Freude: echt, authentisch, mitreißend. Und er erzählt davon, wie solche Freude entsteht. Wenn wir echte Freude entwickeln wollen, tun wir gut daran, dem Text genau zuzuhören.

Hört Worte aus Nehemia 8:
Und Esra tat das Buch auf vor aller Augen und las daraus vor. Und die Leviten legten das Buch des Gesetzes Gottes klar und verständlich aus, sodass man verstand, was gelesen worden war. Und alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten. Da sagte Nehemia zu ihnen: Geht, gönnt euch zusammen gutes Essen und Trinken und gebt davon auch denen, die nichts haben, denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn. Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke. Und alles Volk ging, um zu essen und zu trinken und davon auszuteilen und ein großes Freudenfest zu feiern; denn sie hatten die Worte verstanden, die man ihnen kundgetan hatte.“

Fünf Tipps hält unser Text für uns bereit, die uns helfen können, echte Freude zu entwickeln:

1.) Hört gemeinsam Gottes Wort und legt es euch gegenseitig aus.

Womit beginnt in unserem Text der Weg zur Freude? Er beginnt damit, dass Esra den Leuten aus der Schrift vorliest und die Leviten das Gelesene verständlich auslegen.

Die Bewegung hin zu echter, authentischer Freude, von der unser Text erzählt, fängt mit nichts anderem an als mit dem Hören auf Gottes Wort. Und zwar – das ist wichtig – mit dem Hören in Gemeinschaft, nicht im stillen Kämmerlein jeder für sich. Alle zusammen versammeln sich und hören gemeinsam die Bibel. Und – ebenso wichtig – die Bibel wird nicht nur vorgelesen, sondern auch ausgelegt, und zwar, das betont der Text, veständlich ausgelegt. Wo geschieht das heute bei uns, dass wir gemeinsam Gottes Wort hören und dass es verständlich ausgelegt wird? Ich sehe da zwei solcher Orte: den Gottesdienst und unsere Hauskreise und Kleingruppen.

Für mich heißt das: Der Gottesdienst und die Hauskreise/Kleingruppen sind die wichtigsten Orte der Gemeinde, wenn es um das Wachsen im Glauben und das Entwickeln echter Freude geht. Oder anders gewendet als Tipp: Wenn es dir darum geht, im Glauben zu wachsen und authentische Freude aus dem Glauben zu entwickeln, dann nimm möglichst regelmäßig an der Gottesdienstgemeinschaft teil und suche dir eine Kleingruppe, zu der du verbindlich gehörst und in der du dich regelmäßig mit anderen triffst, um gemeinsam in der Bibel zu lesen und euch gegenseitig die Bibel auszulegen. Ich wünschte, alle in der Gemeinde wären Teil einer solchen verbindlichen Kleingruppe. Denn damit fängt die Entwicklung zur Freude an. Tipp Nummer

2.) Nimm's persönlich. Es geht um dich.

„Alles Volk weinte, als die das Wort des Gesetzes hörten“, heißt es in unserem Text. So ergriffen waren sie vom Wort Gottes. Sie hörten der Bibel und ihrer Auslegung nicht zu, wie man bei einer Kulturveranstaltung zum Beispiel einem Gedichtvortrag zuhört, sondern sie ließen sich wirklich vom Wort Gottes treffen. Aus den vorgelesenen Buchstaben, Wörtern und Sätzen wurden im Vollzug des Hörens Worte Gottes selbst an seine Hörer ganz persönlich.

Dass das geschieht, dass Gottes Wort selbst an uns persönlich erklingt, wenn wir die Predigt im Gottesdienst hören oder uns im Hauskreis über einen Bibeltext austauschen, das kann man nicht „machen“. Auch der beste Prediger kann das nicht, auch ein noch so lebendiger Hauskreis kann das nicht. Aber: Es geschieht. Je und dann wird aus einem Bibelwort in der Auslegung ein persönliches Wort Gottes an Menschen, die es gerade hören. Wenn Jesus dann dem Gelähmten sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben,“ dann höre ich das als Wort direkt an mich: Dir, Uwe, sind deine Sünden vergeben. Wenn er der Ehebrecherin sagt: „Geh, ich verurteile dich nicht. Lebe von nun an anders,“ dann wird das zum Wort für mich ganz persönlich. Das geschieht. Wirklich. Welch ein Wunder.

Wie gesagt: „Machen“ können wir das nicht. Aber wir können es Gott leichter machen, uns persönlich anzusprechen und zu verändern durch sein Wort. Wir können es Gott leichter machen, indem wir in der festen Erwartung in den Gottesdienst oder in den Hauskreis gehen, dass Gott das tut. Wir sollten nicht die Predigt hören oder in den Hauskreis gehen mit der Erwartung eines Theaterkritikers oder Kinozuschauers. Sondern wir sollten in der gespannten Erwartung kommen, dass wir selbst auf dem Spiel stehen und dass Gott uns selbst nicht immer Beruhigendes und Schönes, ganz sicher aber Neues, Überraschendes, Befreiendes zu sagen hat. Tipp Nummer

3.) Lass dich einfach von Gott beschenken

Die Israeliten haben damals eine ganze Weile gebraucht, bis sie begriffen haben, dass Gottes Wort sie nicht verurteilen oder überfordern, sondern ihnen Befreiung von Schuld und einen neuen Anfang schenken will. Zuerst haben sie geheult, so verzweifelt und betroffen waren sie von Gottes Wort. Aber irgendwann, im Gespräch mit Esra und Nhemia und den Leviten, da hat es klick gemacht, und sie haben begriffen. Ganz plötzlich wussten sie, dass Nehemia Recht hat: Gott will uns nicht demütigen und klein machen, sondern er will uns Vergebung und Umkehr und einen neuen Anfang schenken. Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.

Gott will uns freisprechen von Schuld und uns – den Israeliten damals und uns hier und heute – einen neuen Anfang schenken. Echte Freude ist nicht erarbeitete oder erlernte, sondern geschenkte Freude. Freude daran, dass Gott mich annimmt ohne Bedingungen und ohne, dass ich es irgendwie verdient hätte. Freude daran, dass ich Gott so wichtig bin, dass er um meinetwillen selbst Mensch wurde und lebte und starb und auferstand.

Die Israeliten haben es damals begriffen, dass Gott sie einfach beschenken will, und wir werden ermutigt, es auch zu begreifen: Gott will uns mit Freude beschenken, indem er uns vergibt, uns einen neuen Anfang ermöglicht und uns verwandelt zu neuen Menschen – Stück für Stück. Das einzige, was wir tun müssen, ist, ihm zu vertrauen und uns von ihm beschenken zu lassen. Wir sind nicht stark, aber die Freude am Herrn, an dem, was er uns schenkt, die macht uns stark. Wenn wir das einmal begreifen, dann kommt der nächste Tipp uns ganz logisch vor.

4.) Feier mit andern zusammen, was das Zeug hält, dass Gott dich annimmt.

„Geht, esst und trinkt gut und feiert miteinander ein Freudenfest,“ empfiehlt Nehemia. Es gibt viele Gründe, zu feiern: Geburtstage, Hochzeitstage, Hochzeiten, Taufen, Geburten, Schulabschlüsse, Schalke-Siege und und und. Aber keiner, wirklich keiner von ihnen ist ein so guter Grund wie der, den du hast, wenn du dich von Gott beschenken lässt. Du darfst Gott vertrauen, dass er dich annimmt, nicht nur trotz, sondern mit allen deinen Ecken und Kanten und Macken und Spleens und Fehlern. Du darfst Gott vertrauen, dass er dir vergibt, dass er alle deine Schuld, all den Mist, den du gebaut hast, all die Katastrophen, die du angerichtet hast, durchstreicht um Jesu willen. Und du darfst Gott vertrauen, dass er dir vertraut, dir etwas zutraut und dich verwandeln und in seinen Dienst nehmen will – auch wenn du dir selbst gar nichts mehr zutraust. Wenn das kein Grund zum Feiern ist... Und der fünfte und letzte Tipp:

5.) Vergiss beim Feiern die Armen nicht.

Geht und esst und trinkt und feiert miteinander und nehmt auch die dazu, die nichts beitragen können. Das klingt wie ein Nebengleis in unserem Text, ist es aber nicht. Im Gegenteil: Es ist ungeheuer wichtig. Die Armen gehören dazu, und zwar unverzichtbar. Für sie zuerst schenkt Gott uns die gute Nachricht. Sie sind mit in Gottes neue Welt eingeladen. Ihnen gilt seine besondere Liebe und Solidarität. Deshalb ist es unverzichtbar, dass bei unsern Feiern der neuen Welt Gottes die Armen eingeladen und dabei sind.

In der Welt, wie sie ist, ist immer der eine oder andere ausgeschlossen. Das stimmt. Kein Schalker – zumindest keiner mit Verstand – geht im blau-weißen Dress auf die Südtribüne im Signal Iduna Park. Keiner kommt in kurzen Hosen und mit zerrisenem T-Shirt ins Landestheater und kein Sandalenträger in die Edel-Disco. Da gibt es Türsteher, die sortieren dich aus. Arme kennen das ganz gut, dieses Gefühl. Sie sind von vielem ausgeschlossen, einfach deshalb, weil es Geld kostet. Aber hier, bei der großen Freudenfeier der neuen Welt Gottes, da darf und wird das nicht so sein. Sonst feiern wir irgendwas anderes – im Zweifel uns selbst - , aber nicht die neue Welt Gottes. Hier gehören alle dazu.

Und deshalb ist der Dienst an den Armen nicht nur löblich oder sinnvoll, sondern nicht weniger als eine geistliche Übung. Dienst an den Armen – das ist kein bisschen weniger wichtig als Beten oder Bibellesen oder der Gottesdienst oder das Abendmahl. Wenn du also echte und authentische Freude am Glauben entwickeln willst, dann übe dich im regelmäßigen Dienst an den Armen – möglichst praktisch und möglichst konkret.

Wie gesagt: Echte Freude, die von innen kommt, kann man nicht trainieren wie ein Reklame-Lächeln. Man kann sie nicht machen oder herstellen. Gott will sie uns schenken. Aber unser Text gibt uns fünf wertvolle Tipps, die uns helfen, echte Freude zu entwickeln:

1. Hört gemeinsam Gottes Wort und legt es euch gegenseitig aus. Oder: Besuche den Gottesdienst und suche dir eine verbindliche Kleingruppe in der Gemeinde.
2. Nimm's persönlich. Es sind mehr als schöne Worte, denn es geht um dich. Höre Gottes Wort nicht als Theaterkritiker, sondern in der festen Erwartung, dass er dir Neues zu sagen hat.
3. Lass dich von Gott beschenken mit einem Neuanfang. Er nimmt dich so, wie du bist und will die vergeben und dich verwandeln. Gott traut dir was zu.
4. Feier mit andern zusammen, was das Zeug hält, dass Gott dich annimmt. Und
5. Vergiss die Armen nicht, sondern übe dich im regelmäßigen Dienst an ihnen.

Und dann gilt: Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.

Freitag, 18. Januar 2013

"Nah" und "Fern" statt "In" und "Out"


Viel zu lange schon haben die Kirchen des Westens viel zu sehr in den Kategorien von „in“ und „out“ gedacht: Danach gibt es die Einen, die dazugehören – also zum Beispiel den rechten Glauben haben, Kirchenmitglied sind oder ähnliches – und die Anderen, die draußen sind – Heiden, Ungläubige, Andersgläubige. „In“ und „out“ - das ist typisch westliches Denken. Erst in den letzten Jahren dämmert es uns, dass Jesus ganz anders denkt und tickt. Er, der alle in die neue Welt Gottes einlädt und dabei ständig Grenzen von rein und unrein, gerecht und sündig, jüdisch und heidnisch sprengt, denkt nicht in den Kategorien „in“ und „out“, sondern vielmehr in denen von „nah“ und „fern“. Auch Paulus, der große Interpret Jesu im Neuen Testament, tut das, so zum Beispiel in dem Vers, zu dem ich heute Abend mit euch einige Gedanken teilen möchte: Epheser 2,13. Da heißt es: „In Christus Jesus seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Christi.“

Das ist eine großartige Zusammenfassung dessen, was Jesus bewirkt: Er macht aus Fernen Nahe. Und darauf kommt es an. Nicht, dass wir perfekte Christen sind, dass alles schon optimal ist und keine Sünde mehr da. Wenn wir uns so sehen, dann sind alle anderen out. Darauf aber kommt es an, dass wir in die richtige Richtung gehen, dass sich unser Leben auf die neue Welt Gottes hin, auf Jüngerschaft hin bewegt und nicht davon weg. Wie nah wir dran sind, dass wird dann bei uns allen je unterschiedlich sein. Und es wird auch Phasen in unserem Leben geben, in denen wir Stillstand erleben oder gar eine Zeit lang neue Entfernung. Aber wichtig ist, dass wir uns auf den Weg gemacht haben und insgesamt in die richtige Richtung orientiert sind – auf Jesus hin. Dieses Denken befreit vom „in“ und „out“, das wir gewohnt sind.

Wie also macht Jesus aus Fernen Nahe? Er tut das in dreierlei Weise.

1.) Jesus macht aus Gottfernen Gottnahe.

In den Evangelien lesen wir das immer wieder – zum Beispiel beim Zöllner Zachäus. Den – ausgerechnet dieses Schlitzohr, diesen Zocker mit anderer Leute Geld – lädt Jesus ins Reich Gottes ein. Und Zachäus wird dadurch - durch die Begegnung mit Jesus - von einem Gottfernen zum Gottnahen. Er kommt dem Leben mit Gott näher. So nah, dass er beschließt, sein Leben grundlegend zu ändern.

Für mich persönlich gilt: Wäre Jesus nicht, dann wäre ich Atheist. An ein irgendwie geartetes höheres Wesen – allmächtig und allweise – würde ich nicht glauben wollen. Einem solchen Gott, der dem Treiben auf der Welt zusieht oder es gar selbst wirkt – den Kriegen, den Vergewaltigungen, dem Hunger, der Unterdrückung – könnte ich nicht vertrauen. Ihr etwa? Gott vertrauen kann ich nur, weil es Jesus gibt. Weil Gott mir in ihm begegnet. Weil Gott selbst in ihm Mensch wird, sich klein macht, ohnmächtig an der Seite der Ohnmächtigen lebt und stirbt. Diesem Gott, der mitlebt und mitgeht und mitleidet und sogar mitstirbt, dem kann ich vertrauen. Zu ihm kann ich „Vater“ sagen. Durch Jesus werde ich vom Gottfernen zum Gottnahen.

2.) Jesus macht aus Israelfernen Israelnahe.

Das ist der Zusammenhang, in dem Paulus unseren Vers schreibt. Jesus überwindet die Trennung zwischen Israel und der Völkerwelt, den Zaun zwischen Gottes Volk und den Völkern – auch so eine Trennung also von „in“ und out“. Die Botschaft von Gottes Reich greift in Jesus auf alle Völker über, sie sucht Bürger dieses Reiches in allen Ländern und Sprachen. Der Gott Israels kommt in Jesus uns Heiden ganz nah, sodass wir von Fernen zu Nahen werden.

Auch das zeigt sich schon in den Berichten über Jesu Leben in den Evangelien. Immer wieder begegnen uns da Heiden, die in Jesus dem Gott Israels erkennen und lernen, ihm zu vertrauen: der Hauptmann von Kapernaum zum Beispiel oder die kanaanäische Frau.

Auch ich persönlich werde durch mein Leben als Jünger Jesu vom Israelfernen und Israelnahen. Ich fühle mich Israel verbunden. Gott, dem ich durch Jesus vertraue, ist kein anderer als der Gott Israels. Ich sehe in den Geschichten aus der Frühzeit Israels im Alten Testament diesen Gott am Werk und sehe, wie er immer schon die ganze Welt im Sinn hat, wenn er an Israel handelt. Ich sehe, wie die ganze Geschichte auf Jesus zuläuft und in ihm ihre Mitte hat. Und

3.) Jesus macht aus Menschenfernen Menschennahe.

Im Leben mit Jesus lernen wir als seine Jünger das Leben mit anderen. Jesus bringt uns zusammen und macht uns zu Nahen – über alle Unterschiede hinweg: Alte und Junge, Wohlhabende und Bedürftige, Menschen aus dem Norden und Menschen aus dem Süden und und und. Die Unterschiede zwischen uns werden unwichtig – gemessen an dem, was uns eint: die Begeisterung, das Brennen für Jesus und das Leben mit ihm.

Auch hier: Das kann man in den Evangelien lesen. Seht euch nur die Jünger an, die uns da begegnen. Was sind da für Typen dabei: Fromme und Frömmelnde, zelotische Widerstandskämpfer, Zöllner, die mit den Römern kollaborieren, stadtbekannte Sünderinnen und und und. Aus ihnen allen macht Jesus sein Team der neuen Welt Gottes. Wow.

Und ich persönlich? Ich lerne, Jesus in anderen Menschen zu begegnen. Wenn ihr was für mich tun wollt, sagt Jesus, dann tut es den Hungernden und Dürstenden, den Armen und Nackten, den Heimatlosen, den Losern. Was ihr ihnen tut, das habt ihr mir getan. So macht Jesus auch aus mir, der ich eigentlich ein Einzelgänger-Typ bin, ein Menschenferner also, einen Menschennahen.

Deshalb sitze ich hier heute Abend, als Methodist, der ziemlich verliebt ist in den Methodismus. Ich sitze hier zusammen mit Baptisten, Freien Evangelischen, Gemeinschaftlern, Lutheranern und Reformierten und was weiß ich was für Geschwistern. Aber das ist es ja: Durch Jesus sind wir Geschwister. Er bringt uns zusammen und macht aus Fernen Nahe, die gemeinsam zu ihm beten. Er hat dafür teuer bezahlt, am Ende mit seinem Leben, damit wir aus Gottfernen zu Gottnahen, aus Israelfernen zu Israelnahen und aus Menschenfernen zu Menschennahen werden. Und es stimmt:

„In Christus Jesus seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Christi.“

(Andacht beim Allianz-Gebetsabend am 17.01.2013 in der EFG Detmold)

Sonntag, 13. Januar 2013

Die Freiheit der Kinder Gottes


(Andacht in der EmK Detmold am 13.01.2013)

Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, schreibt Paulus den Jesus-Leuten in Rom ins Stammbuch (Röm. 8,15). Wie muss das in ihren Ohren geklungen haben – dort in der Hauptstadt des Römischen Weltreiches. Wir dürfen davon ausgehen, dass zur Gemeinde Jesu in Rom nicht zuerst die Reichen und Mächtigen zählten, die es dort im Zentrum der Macht gab, sondern die Unterprivillegierten, die Abhängigen, die kleinen Leute und... auch eine Menge Sklaven.

Denen schreibt nun Paulus: Mag sein, dass ihr gegenüber euren irdischen Herren abhängig seid, Knechte eben, Sklaven. Gott gegenüber aber seid ihr durch den Geist Jesu freie Leute. Er will nicht über euch herrschen wie ein Herr über seine Sklaven, sondern er will euer lieber Vater sein. Ihr dürft Abba, also Papa zu ihm sagen. Ziemlich revolutionär.

Auch heute gilt das: Wir haben nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass wir uns vor Gott fürchten müssten, sondern wir haben einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater. Dieser kindliche Geist, den Jesus uns schenkt, prägt unsere Beziehung zu Gott.

Und das hat Folgen:

  • Erstens: Wenn immer Christen den Menschen Angst machen wollen - vor Gott, vor dem Jüngsten Gericht, vor der Hölle -, um sie zu bekehren, dann werden wir widersprechen. Denn durch Jesus wissen wir: Die Botschaft von Gottes Reich ist Evangelium, gute Nachricht. Sie will Menschen einladen, nicht ihnen Angst machen. Jesus will alle Menschen retten und befreien aus ihrem alten Leben in eine von Liebe geprägte Beziehung zu Gott und zu ihren Mitmenschen. Wir müssen uns vor Gott nicht fürchten, sondern wir dürfen ihn lieben lernen.
  • Zweitens: Der kindliche und nicht knechtische Geist macht uns misstrauisch und kritisch gegenüber allen anderen Knechtschaftsverhältnissen. Manche denken, heute gäbe es keine Sklaverei mehr, wie damals in Rom. Aber das ist ein Irrtum. Da sind die Sexsklavinnen in unseren Nachtclubs und in den Wohnwagen an unseren Landstraßen, auch hier bei uns, da sind die Hausmädchen-Sklavinnen aus Fernost und viele andere, für die wir unsere Stimme erheben wollen. Und dann sind da die Versklavung durch Rauschmittel, durch zu viel Arbeit, durch Internet-Pornographie und und und... Dann ist da auch eine Politik und ein Selbstverständnis des Staates, der mehr und mehr in das Privatleben der Menschen hineinregiert, sie bevormunden und ihren Lebensstil bestimmen will. Wir haben gute Nasen, um Knechtschaften aufzuspüren, aufzudecken und gegen sie unsere Stimme zu erheben.
  • Und drittens und letztens: Der Geist der Kindschaft, den Jesus uns schenkt, ermöglicht es uns, „Du“ zu Gott zu sagen. Sicher habt ihr die Diskussion um das Zeit-Interview unserer Familienministerin Schröder verfolgt. Man könne die Kinder auch lehren, dass man „das Gott“ sage statt „der Gott“, meint sie, denn Gott sei doch kein Mann und auch keine Frau. Das ist wohl richtig, sagen wir: Gott ist kein „Er“ und keine „Sie“. Zumindest ist Gott nicht nur ein „Er“. Aber ganz gewiss wissen wir seit Jesus, dass Gott kein „Es“ ist. Gott ist nämlich ein „Du“, eine Person, ein lebendiges Gegenüber, das uns liebt und sich nach uns sehnt und Gemeinschaft mit uns leben will.

Also: Lasst uns unsere Freiheit leben und andere in diese Freiheit einladen – die Freiheit der Kinder Gottes, zu denen Jesus uns macht. Denn wir haben nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass wir uns vor Gott fürchten müssten, sondern wir haben einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater.

Sonntag, 6. Januar 2013

Mit Jesus draußen vor der Stadt


(Predigt in der EmK Detmold am 06.01.2013)

Wenn man aus dem Ruhrgebiet nach Detmold umzieht, so wie wir als Familie es vor eineinhalb Jahren getan haben, dann fällt einem ziemlich schnell auf, wie stolz die Detmolder auf ihre Stadt sind. Und womit sind sie das? Mit Recht. Denn es ist ja tatsächlich so: Detmold ist nicht nur schön und gemütlich mit seiner Fachwerk-Altstadt, dem Schloss und den vielen Sehenswürdigkeiten, sondern hat für eine Stadt dieser Größe auch eine Menge an Kultur, Unterhaltung, Cafes, Kneipen und und und zu bieten. Es fällt nicht schwer, sich hier heimisch und wohl zu fühlen.

Ziemlich unvermittelt und befremdlich kommt da die Jahreslosung für das Jahr 2013 daher. Sie stammt aus dem Hebräerbrief, Kapitel 13, Vers 14: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“, lesen wir da, „sondern die zukünftige suchen wir.“ Gar zu wohnlich und gemütlich sollten sich die Jesus-Leute also, glaubt man dem Hebräerbrief, nicht einrichten in der Gegenwart, in der Stadt, in der sie leben. Denn bleibend ist sie nicht.

Zunächst irritiert mich das. Ich habe ja ein schönes Leben, mit dem ich ganz zufrieden bin, nicht nur, was die Stadt angeht, in der ich lebe. Ich habe eine tolle Frau und drei ziemlich nette Kinder. Wir leben in einer großen gemütlichen Wohnung. Unser kleines Häuschen in Erkenschwick betrachten wir als ganz ordentliche Altersvorsorge. Ich darf in dem Beruf arbeiten, der mein Traumberuf ist, und das auch noch in einer wirklich netten, bunten und spannend-herausfordernden Gemeinde. Wir haben ein Auto und zu Weihnachten habe ich mein heiß ersehntes Tablet bekommen. Sogar unser nächster Sommerurlaub ist schon gebucht und angezahlt, und das Geld für die Restzahlung liegt sicher auf einem Unterkonto unserer Hausbank bereit.

Wenn ich das Wort „Stadt“, wie es im Hebräerbrief gebraucht wird, als Bild verstehe für die Welt, wie sie ist, dann muss ich sagen: Ich hab mich in dieser Stadt ganz schön wohnlich eingerichtet.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, meint nun der Hebräerbrief. Ich empfinde das als wohltuende Störung. Das gibt es ja: Störungen, die nicht destruktiv sind, sondern die uns eigentlich guttun, indem sie uns aus unserer Routine mal herausreißen, uns zum Nachdenken bringen und uns so die Möglichkeit eröffnen, unser Leben zu überdenken und vielleicht auch zu ändern. So eine wohltuende Störung, das ist für mich die Jahreslosung.

Denn sie erinnert mich daran: Jesus-Leute waren zu allen Zeiten von einer Art heiliger Unruhe beseelt. So richtig häuslich eingerichtet haben sie sich in ihrer jeweiligen Gegenwart nie. Immer haben sie die Glut der Unzufriedenheit mit der Welt, wie sie ist, wachgehalten. Mal war das deutlicher, mal weniger deutlich, aber ganz ausgelöscht wurde diese Glut nie. Die Welt, wie sie ist, ist nur vorläufig, sagen die Jesus-Leute. Das, was kommt, was wir noch nicht haben, aber wonach wir uns sehnen und ausstrecken in unserem Leben, das ist von ganz anderer Qualität.

Warum ist das so? Warum sind Christen nie so ganz zufrieden mit dem Hier und Jetzt? Warum leben sie immer in dieser Spannung des Wartens und Hoffens und Ausstreckens nach einer noch ganz anderen Welt? Der Hebräerbrief meint: Das hat seinen Grund in Jesus selbst. Er, so heißt es im Vers vor unserer Jahreslosung, hat gelitten „draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“

Jesus hat gelitten draußen vor dem Tor. Es stimmt, Jesus war Mensch ganz und gar, Existenz mitten in der Zeit: Jude, Mann, Zimmermann, Kenner der Heiligen Schriften, guter Freund, Lehrer, Rabbi, Prediger, Heiler und so weiter. Es ist nicht so, dass er nur scheinbar Mensch gewesen wäre. Nein. Aber zugleich hat er immer eine kritische Distanz zum sicheren Lager seiner Zeit gewahrt. Er lebte wohl in seiner Zeit, aber er ist nicht darin aufgegangen. Er „kam in das Seine, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“, heißt es im Johannesevangelium. Im Gegenteil: Tatsächlich ist er einen Tod gestorben draußen vor der Stadt, zusammen mit Verbrechern und Aufrührern.

Und: Dieser Tod passte zu seinem Leben: Der Grundinhalt seiner Botschaft war das Reich Gottes, das „ nicht von dieser Welt“ ist. Oder anders ausgedrückt: Er lehrte und lebte die neue Welt Gottes, die sich am Ende durchsetzen wird. Das, dieses Lehren und Leben der neuen Welt Gottes, hat Jesus seiner Zeit, seiner „Stadt“ immer fremd sein lassen.
  • Während in der Welt, wie sie ist, immer streng unterschieden wurde (und wird) zwischen rein und unrein, heilig und profan, drinnen und draußen, lud er alle in Gottes neue Welt ein: auch und gerade die Unreinen und die offensichtlichen Sünder. Den scheinbar Reinen und Gerechten hat er gesagt: Ihr seid wie weißgetünchte Gräber, außen hui, aber innen...
  • Während in der Welt, wie sie ist, galt und gilt: Wer Schuld auf sich lädt, muss büßen und die Folgen tragen, verkündete und lebte er die Macht der Vergebung.
  • Während in der Welt, wie sie ist, jeder seines eigenen Glückes Schmid war und ist, machte Jesus Hoffnung auf die unverdiente Annahme eines jeden durch den Gott, der die Kraft hat, Menschen zu verwandeln und zu beflügeln.
  • Während in der Welt, wie sie ist, genau darauf geachtet wurde und wird, dass in die Synagoge oder Kirche nur die Wohlanständigen und Ordentlichen kommen, hat er einfach alle an Gottes Tisch eingeladen, wirklich alle, selbst die, die mit Synagoge oder Kirche gar nichts mehr zu tun haben wollen. Mag sein, dass da kein Platz für dich ist, aber an Gottes Tisch – da bist du willkommen und Gott lädt dich ein.
In der Tat: Zu diesem aufregenden Leben, das Jesus lebte, passt der Tod „draußen vor der Stadt“ ziemlich gut.

Wirklich heilsam, diese Störung meiner Ruhe durch die Jahreslosung. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Denn: Kann es sein, dass diese Ruhe im Hier und Jetzt längst zur Grabesruhe geworden ist, aus der Jesus mich herausrufen – befreien – will? Vielleicht will Jesus mir mit dem neuen Jahr und dieser Jahreslosung einen echten Neuanfang schenken. Einen Neuanfang, der viel mehr ist als ein „Frohes neues Jahr“, das längst zu einem sinnfreien „Frohes Neues“ geworden ist.

Hört ihr das auch – diesen Ruf? Du, fang dein Leben mit mir ganz neu an. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Lass dich stören in deiner gemütlichen Welt, in der du es dir so schön eingerichtet hast. Ich, Jesus, lade dich ganz neu ein: Folge mir nach. Lass dich anstecken von Gottes neuer Welt der Gnade, der entwaffnenden Liebe, der Vergebung. Lass dich neu hineinziehen in die Bewegung der heiligen Unruhe gegenüber den Verhältnissen, wie sie sind. Lass dich ganz neu einladen an den Tisch Gottes, an dem alle willkommen sind zum großen Fest der Gnade Gottes. Lerne von mir, ganz neu, was es heißt, Jünger Jesu zu sein. Lebe mit mir ganz neu dieses aufregende, spannende Leben in der Nähe Gottes. Lass dich von mir zu einem Agenten des Reiches Gottes machen. Hört ihr das auch – diesen Ruf?

Dann will ich gerne mit euch zusammen die Gelegenheit ergreifen und neu anfangen mit Jesus. Wir je für uns, als Einzelne, aber auch wir zusammen als Gemeinde. Dann wollen wir uns „erneut Gott hingeben, auf seine Verheißungen vertrauen und uns auf seine Gnade verlassen“ und dann gleich in der Feier der Bundeserneuerung gemeinsam sprechen: „Ich gehöre nicht mehr mir, sondern dir. Stelle mich, wohin du willst. Geselle mich, zu wem du willst. Lass mich wirken, lass mich dulden. Brauche mich für dich oder stelle mich für dich beiseite. Erhöhe mich für dich, erniedrige mich für dich. Lass mich erfüllt sein, lass mich leer sein. Lass mich alles haben, lass mich nichts haben. In freier Entscheidung und von ganzem Herzen überlasse ich alles deinem Willen und Wohlgefallen.“ Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Amen.