Sonntag, 10. November 2013

Vom Herzensgebet

(Predigt in der EmK Detmold am 10. November 2013)


Es ist schon ein etwas seltsames Buch, von dem ich euch gern erzählen will. Irgendwie geheimnisvoll und auf jeden Fall ungewöhnlich. Das fängt schon damit an, dass wir den Autor des Buches gar nicht kennen. Es wurde von senem Autor selbst gar nicht veröffentlicht, sondern irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Dritten gefunden, die es dann den Menschen zugänglich machten. Geschrieben wurde das Buch vermutlich um 1850 herum in Russland.

Aber trotz seiner geheinisvollen Entstehung – oder auch gerade deswegen – ist das Buch, um das es geht, eines der meistgelesenen und wirkungsmächtigsten christlichen Bücher der letzten 200 Jahre. In viele Sprachen wurde es übersetzt und viele Menschen haben aus dem Buch Dinge gelernt, die ihr Leben in unglaublicher Weise verändert haben. Im Deutschen liegt uns schon die 18. Auflage vor – herausgegeben vom Benediktinerpater Emmanuel Jungclaussen. Ich rede von den „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“. Jungclaussen schreibt in seinem Vorwort darüber, warum dieses Buch seiner Meinung nach so erfolgreich ist: Im Westen, sagt er, gebe es nach dem gefühlten Ende der Moderne eine riesige Sehnsucht nach echter Spiritualität, danach also, nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen, gleichsam in der Seele, Gott zu erfahren und Gemeinschaft mit hm zu leben. Und in dem Buch, schreibt Jungclaussen, gehe es in der Tat um eine „Spiritualität, die dem Leben einen Sinn gibt und auch zu einer praktischen Lebensgestaltung führt.“

Was ist der Inhalt der Aufrichtigen Erzählungen? Ein Lehrbuch ist es nicht – überhaupt kein irgendwie theoretisches Buch. Eher schon sowas wie ein Abenteuerroman. Es geht, wie der Titel schon sagt, um einen russischen Pilger. Solche Leute, also Menschen, die sich von ihrem Zuhause aufmachen und durch das Land ziehen auf der Suche nach Gott, gab es im Russland Mitte des 19. Jahrhunderts eine ganze Menge. Und dieser eine Pilger, dessen Namen wir in seinen Erzählungen nirgendwo erfahren, erzählt nun in dem Buch all die Abenteuer und Erlebnisse seiner Pilgerschaft – in einer wunderschönen, antik anmutenden Sprache übrigens, die man mit großem Spaß lesen kann.

Der Pilger, damit beginnt das Buch, hört in einem Gottesdienst unterwegs das Wort von Paulus aus dem 1. Thessalonicherbrief, das auch wir vorhin in der Lesung gehrt haben: „Betet ohne Unterlass.“ Und dieses Wort lässt ihn nicht mehr los. Wie soll das gehen, fragt er sich, ohne Unterlass, also immer und überall zu beten? „Dieses Wort“, schreibt der Pilger, „prägte sich mir besonders ein, und ich begann darüber nachzudenken, wie man wohl ohne Unterlass beten könne, wenn doch ein jeder Mensch auch andere Dinge verrichten muss, um sein Leben zu erhalten.“

Schon eine spannende Frage, die der Pilger da stellt oder? Wie geht das: ohne Unterlass beten? Ich erzähle euch das zum einen, weil ich die Frage des Pilgers wirklich für interessant und lohnend halte – auch für uns heute. Haben wir nicht schon Schwerigkeiten, überhaupt mal zum Beten zu kommen, geschweige denn ohne Unterlass zu beten? Das Beten hat bei uns einen ganz schön schweren Stand, finde ich.

Und zweitens erzähle ich euch das, weil es so wunderbar zu dem Predigttext passt, der uns heute aufgegeben ist. Es geht um die sogenannte bittende Witwe in Lukas 18. Jesus erzählt eine Geschichte, und im Einleitungssatz wird uns schon gesagt, warum er sie erzählt. Da heißt es: Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten. Allezeit sollen wir beten und darin nicht nachlassen. Dazu fordert uns Jesus auf. Ihr merkt selbst: Das ist genau das Thema unseres Pilgers. Wie geht das: ohne Unterlass beten oder allezeit beten und darin nicht nachlassen, „wenn doch ein jeder Mensch auch andere Dinge verrichten muss“?

Aber hören wir zunächst auf die Geschichte, die Jesus erzählt:
In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.
Und der Herrr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?

So weit die Geschichte, die Jesus erzählt, um uns, wie es heißt, zu helfen, allezeit, also ohne Unterlass zu beten und darin nicht nachzulassen.

Ich möchte den Predigttext anhand des Buches, von dem ich euch erzählt habe – anhand der „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ auslegen. Es ist nämlich verblüffend, wie nah sich Jesu Geschichte von der Bittenden Witwe und das Buch sind. Aber seht selbst.

Welcher Art ist das Beten, das allezeit geschieht? Was für Antworten finden wir auf diese Frage in der Geschichte von Jesus?
1. Dieses Beten ist penetrant bis zum Äußersten.

Damit meine ich: Es geschieht, wie Jesus sagt, immer wieder. Jeden Tag aufs Neue – unabhängig davon, dass es zunächst scheinbar keine positive Resonanz findet. Die Witwe bringt ihre Bitte hartnäckig und penetrant jeden Tag aufs Neue vor.

„Gestern habe ich meine Bitte vorgetragen – genau so eindringlich und ernst wie vorgestern und am Tag davor und davor und überhaupt alle Tage – und es hat nichts genützt. Was tue ich also heute? Ich stehe auf wie immer, gehe zu diesem Richter und trage ihm meine Bitte wieder vor.“ So denkt die Witwe. Sie lässt sich nicht irre machen von scheinbarem Misserfolg. „Irgendwann muss er mich doch hören“.

Mich beeindruckt das – dieses unverschämte Immer-und-immer-wieder-Bitten, ohne mit einem Erfolg rechnen zu können.

Auch der Pilger in den Aufrichtigen Erzählungen hat zunächst keinen Erfolg mit seiner Frage, wie Beten ohne Unterlass wohl geht. Er fragt schlaue Leute, denen er begegnet, und Geistliche aller Art danach, aber eine befriedigende Antwort bekommt er von ihnen allen nicht.

Erst nach vielen Misserfolgen trifft er schließlich auf einen Starez - also einen weisen alten Mann und Lehrer des Glaubens -, der ihm tatsächlich helfen kann. Der Starez macht ihn mit dem Herzensgebet bekannt. Er lehrt unseren Pilger ein einfaches Gebetswort: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner. Das ist ein ganz altes Gebet aus der christlichen Tradition – viele Jahrhunderte alt. Es geht zurück bis auf die Bibel selbst. Man nennt es auch das Jesusgebet. Seit vielen hunderten von Jahren wird es in der Christenheit gebetet, und wenn du es betest - Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner -, dann kannst du dir sicher sein: Irgendwo auf der Welt, mindestes rund um den Berg Athos, wo das Jesusgebet besonders gepflegt wird, werden Menschen sein, die es mit dir gerade jetzt in diesem Moment gemeinsam beten. Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.

Aber ich will mit euch nicht über den Text des Herzensgebetes, wie der Pilger es lernt, nachdenken – nicht über das Jesusgebet als solches. Darauf kommt es heute nicht an. Hier kommt es mir darauf an, wie der Pilger denn sein Gebet lernt und was es zum Herzensgebet macht. Der Starez lehrt unseren Pilger, mehrmals am Tag, möglichst oft, folgendes zu tun: „Setz dich still und einsam hin, neige den Kopf, schließe die Augen; atme recht leicht... Beim Atmen sprich, leise die Lippen bewegend oder nur im Geiste“ dein Gebetswort. „Gib dir Mühe, alle fremden Gedanken zu vertreiben. Sei nur still und habe Geduld und wiederhole diese Beschäftigung recht häufig.“

Unser Pilger lernt also, genau wie die bittende Witwe in Jesu Geschichte, sein kurzes Gebetswort – Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner – immer und immer wieder zu wiederholen, jeden Tag aufs Neue, ganz penetrant, und sich dabei ganz in seinem Wort in Gottes Gegenwart zu sammeln. Zunächst wiederholt er das Wort mündlich, später im Geist, sanft und innerlich, immer und immer wieder, und schließlich - nach langer Übung - wird es tatsächlich sein inneres unablässiges Gebet. Es begleitet ihn - und davon erzählt er wunderbar - bei allem, was er tut. Es ist sozusagen von seinem Kopf in sein Herz gewandert, das nun tatsächlich unablässig betet.

Viele Menschen - auch heute - machen mit dem Herzensgebet ganz ähnliche Erfahrungen, wenn sie sich darauf einlassen. Sie beginnen damit, ein einfaches Gebetswort regelmäßig in der Stille immer wieder und wieder sanft innerlich zu wiederholen und sich dabei der Gegenwart Gottes bewusst zu sein. Sie tun das zum Beispiel in ihrer täglichen Stillen Zeit - eine Viertelstunde am Tag - oder auch an der Bushaltestelle beim Warten auf den Bus oder danach, wenn sie im Bus sitzen. Sie tun das, wenn sie im Stau stehen oder wenn sie in ihrem Lieblingscafe sitzen oder wenn sie spazierengehen. Innerlich wiederholen sie ihr Gebetswort und versenken sich darin in die Gegenwart Gottes – sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf Gott. Und sie merken nach einiger Zeit, wie das Gebetswort durch diese Übung - oder besser: durch Gottes Gnade – tatsächlich zu ihrem Herzensgebet wird, wie es sie von innen mit der Gegenwart Gottes erfüllt, sodass sie wirklich mit ihrem Herzensgebet leben und so im Grunde allezeit – ohne Unterlass – beten. Ihr Gebetswort wird zur Bitte um Beistand, wenn sie in der Klemme sitzen, zum Dank, wenn ihnen etwas Schönes passiert und zum Trost, wenn die Angst sie überkommt. Es begleitet ihr ganzes Leben - Stunde für Stunde, Tag für Tag.

Erstens also: Das Beten in Jesu Geschichte ist unverschämtes Beten – penetrant, immer und immer wieder. Es lebst aus der Wiederholung, aus der täglichen Übung.

2. Dieses Beten ist Bitten um das Eine, das Not tut.

Die Witwe in Jesu Gleichnis erzählt dem Richter nicht ihre ganze Lebensgeschichte. Vermutlich kennt er sie als zuständiger Stadtrichter sowieso. Sie bittet ihn auch nicht um dies und das, sondern immer nur – jeden Tag wieder – um das Eine, das wirklich Not tut: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind! Da ist also jemand, der die Witwe übervorteilt – sie nennt ihn Feind. Dieser andere nutzt die schlechte Situation der Witwe als alleinstehender Frau aus und tut ihr offenbar großes Unrecht. Viele Ausleger vermuten hinter den Worten in unserem Text eine Erbstreitigkeit – und da hatten in der Antike Witwen ganz schlechte Karten, weil die Erbfähigkeit weitgehend an das männliche Geschlecht gebunden war. Verschaff mir Recht, das ist die Bitte der Witwe – immer und immer wieder diese eine Bitte. Sie bittet nicht um Vieles oder dies und jenes, sondern um das Eine. Beten ist Bitten um das Eine, das Not tut.

Und genauso ist es auch bei unserem Pilger in dem Buch. Jesus hat davor gewarnt, beim Beten viele Worte zu machen. Euer Vater weiß schon, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet. Ihn müsst ihr nicht vollquatschen. So betet der Pilger sein Herzensgebet, Tag für Tag: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner. Diese sechs Worte drücken für ihn aus, was Not tut. Sie sagen: Gott, sei mir nah, ich will mich dir hingeben, eins werden mit dir. Oder wie Emmanuel Jungclaussen es übersetzt: Nimm mich, wie ich bin und mach mich so, wie du mich haben willst.

Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner. Ich persönlich finde dieses alte Gebet wunderbar und kann es gut mitsprechen, mich darin wiederfinden. Ich bete gern mit dem Jesusgebet. Aber ich verstehe gut, dass diese alten Worte manchen unter uns ganz schön schwer fallen. Das fängt schon mit dem Wort Herr an, das bei manchen ganz negative Assoziationen hervorruft. Und mit Erbarmen verbinden viele heute eher das Adjektiv „erbärmlich“ als das, was eigentlich damit gemeint ist: die liebevolle Fürsorge einer Mutter für ihr Kind. Verstehen kann ich das.

So gibt es heute viele, die das Herzensgebet erlernen und üben wollen, aber andere Worte wählen als das Jesusgebet. Das ist o.k. Worauf es ankommt, das ist nicht die genaue Wortwahl, sondern das ist die Intention, die Absicht des Gebetsrufes: Gott, ich will dir nah sein, ich will mich dir ganz hingeben. Manche beten nur mit dem Namen „Jesus Christus“ oder „Jesus Messias“, manche wählen einen Psalmvers wie „O Gott, komm mir zu Hilfe“ oder „Du bist meine Zuflucht“, manche beten „Dein Wille geschehe“ oder ein anderes für sie besonderes und insofern heiliges Gebetswort. Der Möglichkeiten sind viele. Eingelegt ins Programm findet ihr eine kleine Auswahl von Gebetsworten von Peter Dyckhoff.

Worauf es ankommt ist: Gebet ist nicht nur, Gott zu sagen, was wir denken – ihm unseren Dank, unsere Bitten und Fürbitten und Sorgen und Nöte mit Worten zu bringen. Auch das ist o.k. und soll durch das Herzensgebet auf gar keinen Fall abgewertet oder verdrängt werden. Aber es lohnt sich eben wirklich, auch ganz anders zu beten - ohne viele Worte - mit deinem persönlichen Herzensgebet immer wieder still und sanft um das Eine zu beten, was Not tut: Nimm mich, wie ich bin, Gott, sei mir nah, erfülle mich und mach mich so, wie du mich haben willst.

Erstens also: Gebet ist hartnäckig und lebt aus der Wiederholung. Beten lernt man tatsächlich beim Beten. Und zweitens: Gebet ist in seinem Kern Beten um das Eine, das Not tut. Und

3. und letztens: Dieses Gebet ist Vertrauen.

Wenn wir beten, sagt Jesus, dann sitzen wir eben keinem ungerechten Richter gegenüber, der Gott nicht fürchtet und auf keinen Menschen Rücksicht nimmt. Beim Gebet geht es uns besser als der Witwe in der Geschichte. Wir sitzen Gott gegenüber, Abba, wie wir ihn nennen dürfen, unserem uns mütterlich und väterlich liebenden Schöpfer, der voller Erbarmen und Liebe auf uns sieht und uns unendlich nahe ist – näher als wir uns selbst.

Das dürfen wir wissen und deshalb voll Vertrauen beten. Das Ziel des Herzensgebetes, wie der Pilger es erlernt, ist nichts anderes als Gott nahe zu sein und ganz in seiner Gegenwart zu leben – immer, allezeit, ohne Unterlass. Letztlich wird so das ganze Leben selbst zum Gebet, und wir spüren und erleben Gott geheimnisvoll in allem, was ist. In den Erzählungen des Pilgers heißt es: „Zu jeder Zeit, allerorten und bei jeder Verrichtung kannst du Gottes gedenken. Wenn du etwas tust, sollst du den Schöpfer aller Dinge in der Erinnerung haben; wenn du das Licht siehst, so erinnere dich dessen, der es dir geschenkt hat; siehst du den Himmel, die Erde, das Meer und alles, was darinnen ist, so staune und preise ihn, der das geschaffen hat; wenn du dir deine Kleider anziehst, so denke daran, wessen Gabe sie sind, und danke ihm, der für dein Leben sorgt... Eine jegliche Bewegung … (kann) dir Anlass geben, Gottes zu gedenken und ihn zu preisen... Da seht nun, wie bequem es ist,... unablässig zu beten. Es ist leicht und für jeden erreichbar...“

Ohne Unterlass beten, oder wie Jesus sagt, allezeit und ohne darin nachzulassen, das heißt nichts anderes als in der ständigen liebevollen Gegenwart des gütigen Gottes leben, Gott erleben, der uns ganz nahe ist in allem, was ist und geschieht. Das zu lernen und zu erfahren, ist ein Prozess, ein Weg. Es ist nichts, was wir selbst irgendwie machen können. Aber anfangen, den ersten Schritt tun, das können wir – zum Beispiel, indem wir uns unseren persönlichen Gebetsruf wählen, der uns begleiten soll und indem wir, wie der Pilger, täglich üben, unser Herzensgebet zu sprechen – indem wir still und sanft innerlich unser Gebet immer und immer wieder sprechen – vielleicht am Anfang eine Viertelstunde am Tag. Wie unendlich viele Menschen vor uns dürfen auch wir darauf vertrauen, dass Gottes Geist in uns aus unserem einfachen Gebet etwas macht. Gott kann das. Wir dürfen darauf vertrauen, dass uns das Gebet nach und nach wirklich ins Herz gehen und unser ganzes Leben mit der liebevollen und zärtlichen Gegenwart Gottes durchdringen wird.

Zitate aus:
  • Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers; Hrsg. Emmanuel Jungclaussen; Herder Verlag Freiburg, 18. Auflage 2012
  • Emmanuel Jungclaussen; Unterweisung im Herzensgebet; Eos-Verlag; 3. Auflage 2008

Mittwoch, 6. November 2013

Die Macht der Vergebung


(Predigt in der EmK Detmold, gehalten am 27.10.2013)

„Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“ Psalm 130,4

Katys Geschichte beginnt zu Silvester 1997. Aus dem Nachbarhaus dröhnt noch im Morgengrauen laute Musik. Katy ist genervt, genau wie ihr Ehemann. Irgendwann hält der es nicht mehr aus. Er steht auf und geht zur Tür. Katy fragt: „Was hast du vor?“ „Nichts weiter“, antwortet ihr Mann, „ich gehe nur rüber und werde die jungen Leute ganz höflich um Ruhe bitten.“ Katys Mann kommt nicht mehr wieder. Er wird auf der Party des Nachbarsjungen erschlagen. Erst vier Jahre später wird der Täter gefasst: ein junger Mann namens Ryan. Er gesteht schließlich, Katys Mann die tödlichen Fußtritte versetzt zu haben und kommt wegen Totschlags für fünf Jahre ins Gefängnis.

Katy erzählt: „Etwa eine Stunde nachdem Bob ermordet worden war, stand ich in der Notaufnahme neben seinem toten Körper. Dann ging ich nach Hause, um meinen vierjährigen Zwillingen Emma und Sam zu sagen, dass ihr Vater tot ist. Im Ort galt ein Gesetz des Schweigens. Niemand rief die Polizei. Keiner erzählte die Wahrheit. Der Mord war entsetzlich. Aber noch schlimmer war dieses Schweigen. Ich musste fortziehen.
Vier Jahre später wurde Ryan endlich verhaftet..., und all die Jahre der Trauer und der Angst fielen von mir ab.
Ryan verblüffte die Polizei mit der Bitte, mich zu treffen. Mit diesem Satz begann ein Heilungsprozess. Einen Tag nach seiner Verhaftung stand ich (also) dem Mann gegenüber, der meinen Mann ermordet hatte.
Zu vergeben ist schwer. Es wäre einfacher, Psychopharmaka zu schlucken. Aber ich war es meinem Mann schuldig, mit meiner Geschichte andere Menschen zum Nachdenken zu bringen. Und das wollte ich gemeinsam mit Ryan tun. Ob Opfer oder Täter – ein Mensch zu sein bedeutet auch zu versuchen, Schäden wiedergutzumachen.“ So weit Katys Bericht.

Sie schaffte es also tatsächlich, dem jungen Mann, Ryan, dem Mörder ihres Mannes, zu vergeben.

Vergebung hat eine große Macht, denke ich. Vergebung hat die Macht, Ehen zu retten, den Frieden in einem Betrieb wieder herzustellen, Gemeinden wie unsere zu erneuern und Freundschaften neu zu begründen. Ich möchte noch weiter gehen: Vergebung hat die Macht, Kriege zu vermeiden und verfeindete Völker einander nahezubringen. Erinnert ihr euch an das Bild von Francois Mitterand und Helmut Kohl Hand in Hand? Eine wunderbare Geste der Vergebung. Oder an das Bild von Willy Brandts Kniefall? Die Bitte um Vergebung – nicht nur ausgesprochen, sondern mit dem ganzen Leib ausgedrückt. Wie sähe Europa heute aus ohne diese Gesten der Vergebung? Ja, Vergebung hat eine große Macht. Und deshalb möchte ich uns heute Mut machen, Vergebung zu leben – das heißt sie zu suchen, um sie zu bitten und sie zu gewähren.

Der Wochenspruch aus Psalm 130 sagt: Bei dir, Gott, ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Drei Gedanken dazu möchte ich gern mit euch teilen:
1. Gottes Wesen ist Vergebung.
2. Vergebung will erfahren sein.
3. Gott lieben heißt vergeben.

Erstens also: Gottes Wesen ist Vergebung.

Der Psalmist sagt nicht nur: Du, Gott vergibst. Sondern er sagt: Bei dir ist Vergebung. Vergebung, das ist nicht nur etwas, was Gott tut, sondern Vergebung ist ständig bei Gott. Vergebung gehört zu Gottes Wesen.

Die ganze Bibel ist voll von Vergebungserfahrungen mit Gott. Gott kann nämlich ganz schön zornig werden, und er hat immer und immer wieder auch allen Grund dazu. Aber sein Zorn ist nie sein letztes Wort – das erfährt Israel immer wieder. Gott vergibt, Gott fängt neu mit seinem Volk an. Darauf ist Verlass.

Und Jesus, der menschgewordene Sohn Gottes, lebt die Vergebung Tag für Tag. Dir sind deine Sünden vergeben. Das sagt er unglaublich vielen Menschen ins Gesicht. Dir sind deine Sünden vergeben. Was für eine Befreiung: Du kannst neu anfangen.

Habt ihr schonmal jemanden richtig verletzt und dann die Erfahrung machen dürfen, dass der euch sagt: Ich hab dir vergeben? Dann könnt ihr nachempfinden, wie befreiend das ist.

Zugleich sehen wir in den Evangelien, was diese Vergebung, die Jesus zuspricht, dann bewirken kann, welche Macht sie tatsächlich hat. Menschen, denen Jesus zusagt: Dir sind deine Sünden vergeben, verwandeln sich. Aus dem schlitzohrigen und raffgierigen Zöllner Levi wird ein rechtschaffener Mann, der großzügig teilt. Menschen werden seelisch und körperlich heil durch Vergebung. Vergebung verwandelt. Vergebung heilt.

So ist Gott. Bei ihm ist Vergebung. Er kann und er will jedem Menschen vergeben. Ich hab einmal eine Predigt in einem Familiengottesdienst gehört, von der eine Formulierung mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Der Prediger sprach immer wieder von „dem, was Gott am liebsten tut“ – und er meinte damit: Menschen, die auf dem falschen Weg sind, Feinden, schlimmen Fingern und Sündern aller Art großzügig zu vergeben. Vergebung, das ist „das, was Gott am liebsten tut“. Bei dir, Gott, ist die Vergebung.

Der zweite Gedanke: Vergebung will erfahren sein.

Wie kommt es zu dieser Verwandlung und Befreiung durch Vergebung wie bei Levi? Wie entfaltet Vergebung ihre Macht? Dadurch, dass sie geschieht. Dadurch, dass sie aktuell wird. Dadurch, dass aus dem Wesen Gottes – bei dir ist die Vergebung – eine lebendige und persönliche Erfahrung – mir geschieht Vergebung - wird. Israel bittet Gott um Vergebung und um sein Erbarmen, immer wieder, und Gott versagt die Vergebung nicht, sondern schenkt sie. Der Zöllner Levi sucht Jesus und will ihn unbedingt sehen, und Jesus heilt ihn von seiner dunklen Vergangenheit. Vergebung will persönlich erfahren sein, damit sie ihre Macht entfalten kann.

Gottes Wesen ist Vergebung – darauf kannst du dich verlassen. Deine Vergangenheit kann noch so dunkel und deine Schuld noch so groß sein. Sie ist nie so groß, dass Gott sie dir nicht vergeben könnte. Gott will dir vergeben – alles, ganz und gar. Aber das Wissen darum allein kann dich nicht heilen. Heilung geschieht, wenn du Vergebung tatsächlich erfährst, und nicht nur von ihr weißt.

Und das ist wirklich möglich. Mein Rat ist: Geh zu einem Bruder oder einer Schwester im Glauben, zu jemandem, dem du vertrauen kannst. Das kann der Pastor sein, ich, das muss ich aber nicht sein. Geh und bitte darum, einmal deine Schuld vertraulich offenzulegen. Erzähl sie dir buchstäblich von der Seele. Natürlich muss das alles vertraulich bleiben – unter uns. Und dann bitte darum, dass die Vertrauensperson dir die Vergebung Gottes zuspricht – ganz persönlich, sodass du nicht nur theoretisch um die Vergebung weißt, sondern sie wirklich erfährst. Das kann der erste Schritt der Heilung sein.

Gottes Wesen ist Vergebung. Das war das erste. Und: Diese Vergebung will persönlich erfahren sein, damit sie ihre Macht der Heilung entfalten kann.

Und der dritte Gedanke: Gott lieben heißt selbst auch vergeben.

Bei dir ist die Vergebung, betet der Psalmist, und dann weiter: dass man dich fürchte. Davon ist in der Bibel ja ganz oft die Rede – dass wir Gott fürchten sollen. „Jareh“ heißt das hebräische Wort dafür. Das wird oft missverstanden, als meine es, wir sollten vor Gott Angst haben. „Fürchten“, das ist ja in unserem Sprachgebrauch identisch mit „Angst haben“. Ich fürchte mich vor Spinnen. Ich habe Angst vor ihnen. „Jareh“ aber meint etwas anderes. Es gibt keinen Grund, vor Gott Angst zu haben. Die Kirche hat viel Schuld auf sich geladen, weil sie vielen Menschen Angst gemacht hat vor Gott. Der liebe Gott sieht alles, und wenn du nicht machst, was ich will, kommst du in die Hölle und wirst ewig dort schmoren und leiden. Das ist nicht der Gott der Bibel, nicht der Gott Israels und nicht der Gott Jesu, vor dem man Angst haben muss. Der Gott, von dem die Bibel zeugt, ist der, dessen Wesen Vergebung ist, der, der nichts lieber tut als dir zu vergeben und dich und deine Beziehungen zu heilen. Vor Gott muss niemand Angst haben.

Ich bin entschieden für theologische Weite. In der Gemeinde sollen unterschiedliche theologische Meinungen und Haltungen ihren Platz haben und respektiert werden. An dieser Stelle aber möchte ich euch ermutigen, wirklich wachsam und sehr deutlich zu sein: Wo jemand predigt oder den Eindruck erweckt, man müsse vor unserem Gott Angst haben, da wollen wir entschieden widersprechen. Vor dem Gott Jesu Christi, dem Gott Israels, der der Gott der Liebe und Vergebung ist, muss sich niemand fürchten.

„Jareh“ in der Bibel meint nicht „Angst haben“, sondern „Ehrfurcht (oder Respekt) haben“, „für voll nehmen“ oder „groß halten“. Bei dir ist die Vergebung, damit wir deine Größe sehen, ist also gemeint, nicht damit wir uns vor dir fürchten. Ich möchte so übersetzen: „Dein Wesen, Gott, ist Vergebung. Das ist deine Größe.“

Gott fürchten, im biblischen Sinne, das heißt, seine Größe wahrnehmen und auch heute mit seiner Gegenwart rechnen. Gott ist nicht nur Vergangenheit und Zukunft, sondern er ist gegenwärtig – um uns herum und auch in uns. Er ist allem, was lebt, nahe – uns näher als unser eigener Atem. Damit zu rechnen, mit Gottes lebendiger, vergebender, liebevoller und wunderbarer Gegenwart zu rechen – das heißt ihn fürchten.

Und das wiederum hat Einfluss auf unser Verständnis von Vergebung. Wenn wir verstehen, dass Gottes Wesen Vergebung ist und die Erfahrung machen – zum Beispiel in der Beichte, wie ich sie oben beschrieben habe -, dass diese Vergebung uns ganz persönlich gilt, dann heißt Gottes lebendige Gegenwart in allem, was lebt, auch in uns, dass auch wir eingeladen und gerufen sind, zu vergeben.

Wir tun ja nicht nur Unrecht, sondern uns geschieht auch Unrecht. Das kann ein großes Unrecht sein – so wie bei Katy, deren Mann von Ryan erschlagen wurde. Da werden Menschen verletzt, gedemütigt, misshandelt, geschlagen. Und das können weniger drastische Formen von Unrecht sein: dass ein böses Wort uns verletzt, dass schlecht über uns geredet wird, dass Menschen auf uns herabsehen oder uns ungerechtfertigte Vorwürfe machen. Für jede und jeden von uns gilt: Wir tun nicht nur Unrecht, sondern uns geschieht auch Unrecht.

Wenn nun aber der Gott der Vergebung in allem, was lebt, gegenwärtig ist, auch in uns, dann bedeutet das doch: Wir sind gerufen, selbst auch zu vergeben. Nicht nur Vergebung zu empfangen im Gebet oder in der Beichte, kann uns heilen. Für unsere Heilung ist es genauso wichtig, dass wir den Mut und die Kraft aufbringen, selbst auch zu vergeben. Gottes Geist in uns kann uns diesen Mut und diese Kraft geben.

Jesus betet: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Und er sagt anschließend: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ Gott will dir vergeben, aber seine Vergebung braucht auch deine Bereitschaft, zur Macht der Vergebung ja zu sagen, und also selbst auch zu vergeben. So wie Katy, die dem Mörder ihres Mannes vergeben hat.

Vergebung und Versöhnung haben ungeheure Macht. Sie können die Welt wirklich verwandeln, damit Gottes Wille geschieht, „wie im Himmel, so auf Erden,“ damit Gottes Reich wirklich sichtbar kommt. Davon bin ich überzeugt. Vielleicht hat nur die Vergebung diese Macht. Aber dazu braucht es unseren Mut und unsere Kraft, selbst auch zu vergeben, wie Gott uns vergibt.

Ryan, der Mörder von Katys Mann, hat auch was zu sagen, und damit möchte ich diese Predigt enden lassen. Ryan, der Totschläger, soll das letzte Wort haben:

Katys Vergebung ist das Unglaublichste, was mir je ein Mensch gegeben hat. Ohne sie wäre mein Leben noch heute voll Wut und Gewalt.
Silvester 1997 gab ein Freund eine Party. Er hatte sturmfrei.
Wir nahmen Drogen und tranken. Streitereien brachen aus. Da kam ein Fremder die Treppe hoch und sagte, wir sollten alle gehen. Mein Freund schlug ihn, er stürzte, und ich trat viermal auf seinen Kopf ein. Dann zog ich zur nächsten Party, ohne zu wissen, dass ich den schlimmsten Fehler meines Lebens begangen hatte.
Die Untersuchungen liefen, und das Geheimnis meines Verbrechens begann mich zu zerstören.
Vielleicht hätte ich mich umgebracht, wenn ich mein Schweigen nicht gebrochen hätte.
Ich wollte mich entschuldigen, von Angesicht zu Angesicht. Mit Katys Vergebung (aber) habe ich nicht gerechnet. Ich an ihrer Stelle hätte den Täter gehasst.
Eine Gefängnisstrafe ist leicht zu ertragen im Vergleich zu der Schuld, mit der ich leben muss. Aber dank der Vergebung von Katy werde ich mir vielleicht eines Tages auch selbst vergeben können.“

Die Macht der Vergebung.

Quelle für Katys und Ryans Geschichte: Focus-Website vom 25.10.2013: http://www.focus.de/panorama/reportage/tid-13824/reportage-teil-2-die-macht-der-vergebung_aid_385716.html

Sonntag, 8. September 2013

Ein Lob des Kleinglaubens

Predigt in der EmK Detmold am 8. September 2013

Hört den Predigttext für den heutigen Sonntag aus Lukas 17,5-6:
Die Apostel baten den Herrn: Stärke unsern Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Stärke unseren Glauben! So bitten die Apostel. Wie gut ich diese Bitte nachvollziehen kann. Ihr auch? Stärke unsern Glauben!

Ich denke da zum Beispiel an Ulla. Ulla ist Jahrgang 1948 und Lehrerin. Heute ist sie außer Dienst und lebt mal hiervon und mal davon. Sie hat ihr Leben nie so richtig in den Griff bekommen. Als 20-Jährige hat sie an der Uni die 68er-Studentenbewegung voll mitbekommen. Und sie hat kräftig mitgemischt. Ulla ist eine ausgesprochen sozial denkende Intellektuelle, bis heute. Nur auf dem Marsch durch die Institutionen ist sie nie angekommen, sondern irgendwie verlorengegangen. Ulla besucht ziemlich regelmäßig den Gottesdienst. Mit diesem Jesus kann sie viel anfangen. Er fasziniert sie – seine Gewaltlosigkeit, seine Barmherzigkeit, seine radikale Liebe. Aber glauben – das kriegt sie nicht richtig hin. Die Gottesbeweise der großen Denker hat sie alle studiert: von den alten Griechen über Anselm bis zu Immanuel Kant. Aber sie kennt auch die Zweifler: Nietzsche und Feuerbach und Sartre. Sie kennt sie nur zu genau. Gerne würde sie glauben, aber sie kann es nicht. Stärke unsern Glauben!, bitten die Jünger Jesus.

Und ich denke an Frank. Ihn sieht man seltener im Gottesdienst. Er genießt es, wenigstens an einem Tag in der Woche auszuschlafen und mit seiner Familie zu frühstücken – auch wenn er deshalb manchmal ein schlechtes Gewissen hat. Frank ist erfolgreicher Geschäftsmann. Er hat es richtig zu was gebracht. Sie leben gut – er und seine Frau, seine zwei Kinder, in diesem großen Haus mit ihren zwei Autos und einem bisschen Luxus. Nur, für all das zahlt Frank einen mächtig hohen Preis. Er ist überlastet, immer im Stress, er zweifelt an sich, und oft leidet er unter Depressionen. Zweimal schon musste er sich für ein halbes Jahr krankschreiben lassen, weil es einfach nicht mehr ging. Frank möchte gerne glauben. Er interessiert sich für seine Gemeinde und hält, so gut es eben geht, Kontakt zu ihr. Er weiß, dass er einen anderen Sinn für sein Leben braucht als nur den Erfolg und das kleine private Glück. Aber glauben? Wie soll das gehen? Stärke unseren Glauben!, bitten die Jünger Jesus.

Und ich denke an Maike, die Oberstufenschülerin. Sie wurde, wie man das so schön nennt, kirchlich sozialisiert: Jungschar, Sonntagsschule, Kirchlicher Unterricht und und und. Irgendwie glaubt sie an Gott und an Jesus, aber irgendwie auch nicht. Immer wieder bohren diese Zweifel in ihr: Kann es, bei all dem Elend in der Welt, Gott wirklich geben? Sieh doch nur nach Syrien. Und dann sieht sie als Kirchenprofi auch manches, was vielen anderen verborgen bleibt: die Heuchelei und manchmal auch richtige Verlogenheit in der Kirche. Von wegen Liebe und Vergebung und so. Maike hätte gerne einen stärkeren Glauben, aber da ist so vieles, was sie davon abhält. Stärke unseren Glauben!, bitten die Jünger Jesus.

Stärke unseren Glauben! Ich kann diese Bitte gut nachvollziehen.

Das Überraschende in unserem Text ist: Jesus weist die Bitte seiner Jünger zurück – ganz entschieden, ziemlich brüsk sogar. Er erwiderte, heißt es in unserem Text. Er widersprach ihnen. Das überrascht mich. Warum tut Jesus ihnen nicht den Gefallen und stärkt ihren Glauben. Will er nicht, dass sie einen starken Glauben haben? Oft lobt er doch den Glauben, den Menschen ihm entgegenbringen. Dein Glaube hat dir geholfen, sagt er dann zum Beispiel. Aber hier... Jesus stärkt den Glauben der Jünger nicht, obwohl sie ihn darum bitten. Er folgt ihrer Bitte nicht. Er weigert sich einfach.

Stattdessen beginnt er ein Lob des Kleinglaubens. Er lobt den kleinen Glauben, den, der gerade mal so groß wie ein Senfkorn ist – also winzigklein. Wenn ihr nur den hättet, sagt Jesus den Jüngern, den senfkorn-kleinen Glauben von Ulla, Frank und Maike, dann könntet ihr Großes bewegen. Nichts wäre euch unmöglich, sagt Jesus, sogar so unsinnige Sachen nicht, wie einen Maulbeerbaum ins Meer zu verpflanzen. Jesus lobt den Kleinglauben, den Senfkornglauben.

Ich komme gerade aus dem Urlaub in Italien und kann mich nicht dagegen wehren, dass da in meinem Kopf Bilder entstehen. Wir sind auf dem Rückweg über den St. Bernard gefahren: ein beeindruckender Berg in den Schweizer Alpen. Riesengroß, wuchtig, ein echter Riese. Wünsche ich mir meinen Glauben so groß wie den St. Bernard? Oder in Carrara, da, wo man den Marmor für die ganze Welt abbaut, da hab ich riesige LKWs gesehen, mit Marmorbrocken beladen, die zum Hafen fuhren. Die Marmorbrocken, die waren so groß, dass gerade mal zwei Stück auf den LKW passten. Wünsche ich mir einen Glauben, der so große und stark ist wie ein solcher Marmorbrocken?

Ich stelle mir die drei nebeneinander vor: den Alpenberg St. Bernard, den riesig dicken Marmorblock und das winzigkleine Senfkorn. Und Jesus sagt: Wenn ihr doch nur Glauben hättet, wie ein Senfkorn – nichts wäre euch unmöglich.

Der Glaube, den Jesus in uns wecken will und zu dem er uns einlädt, ist Senfkornglaube. Er ist nicht riesig groß und stark und unbeweglich, sondern so klein uns unscheinbar wie ein Senfkorn. Zu diesem Glauben macht Jesus uns Mut. Was ist es, was das Senfkorn dem Marmorblock voraushat? Drei Dinge:

1. Das Senfkorn lebt.

Es stimmt schon: Im Verhältnis zum St. Bernard oder zu den Marmorblöcken von Carrara ist so ein Senfkorn winzig und ziemlich unscheinbar. Man übersieht es schnell. Keiner kommt auf die Idee, Fotos davon zu machen und sie stolz vorzuzeigen.

Aber: Das Senfkorn lebt. Es atmet. In ihm ist dynamisches, kraftvolles Leben. Und so ist auch der Glaube, den Jesus in uns wecken will: klein zwar, aber voller Dynamik und Leben – nicht riesengroß, aber tot wie ein Marmorblock, sondern klein, aber lebendig wie ein Senfkorn. Leben, das hat das Senfkorn dem Stein und dem Berg voraus. Und

2. Das Senfkorn bringt Frucht.

Weil es lebt, kann das Senfkorn wachsen. Es kann sich verändern und es kann Früchte tragen. Mit anderen Worten: Das Senfkorn hat eine Geschichte. So ist der Glaube, zu dem Jesus uns einlädt. Er verändert sich – und uns. Er hat eine Geschichte und: Er kann Früchte tragen. Das sieht man am Anfang nicht. Eigentlich kann man es kaum glauben, so wie Ulla und Frank und Maike kaum sehen, dass der Glaube irgendwas für sie verändern könnte. Aber am Ende trägt der kleine Senfkorn Früchte. Senfkornglaube lebt, er bringt Frucht und

3. Das Senfkorn ist Beziehung.

Ohne Beziehung ist so ein Senfkorn wertlos. Wenn es einfach irgendwo im Keller liegt, dann vertrocknet es. Das war´s . Aber in Beziehung – wenn es in die Erde kommt und Wasser bekommt und Luft und Sonne und vielleicht sogar Dünger, dann kann Großes daraus wachsen. Dann erst entwickelt es seine Dynamik und sein Leben.

So, sagt Jesus, ist das auch mit dem kleinen Glauben. Für sich allein vertrocknet er. Aber in Beziehung, wenn er gehegt und gepflegt wird, dann kann er wachsen und leben und sich und uns verändern und Frucht bringen.

Deshalb also lobt Jesus den kleinen Glauben, den Senfkornglauben. Der ist zwar nicht so groß wie der St. Bernard und nicht so mächtig und stark wie ein Marmorbrocken, aber er ist lebendig und dynamisch, er kann Frucht bringen und er ist auf Beziehung angelegt. Das ist der Glaube, zu dem Jesus uns einlädt, und deshalb weist er seine Jünger zurück, als sie ihn bitten: Stärke unsern Glauben! Ihr braucht keinen starken Glauben, sagt er, sondern einen vielleicht nur kleinen, aber lebendigen, dynamischen Glauben, der euch miteinander in Beziehung bringt und der wachsen und schließlich Früchte tragen kann.

Und was heißt das nun für uns – und für unsere Freunde: Ulla, die kämpferisch-zweifelnde Intellektuelle, Frank, den erfolgreichen, aber ausgebrannten Geschäftsmann und Maike, die Jugendliche mit ihren vielen Fragen? Ich denke, es kann uns Mut machen.

Jesus rückt unsere Perspektive zurecht. Suche nicht nach dem starken, dem mächtigen und großen Glauben, sondern suche in dir nach dem kleinen Senfkornglauben. Den wirst du vielleicht in dir finden: das kleine bisschen Vertrauen auf Gott, dass du aufbringen kannst. Wenn du, Ulla, sagst: Mit Jesus kann ich eine Menge anfangen, ist das dann nicht schon solch ein Senfkorn? Wenn du, Frank sagst: Ich weiß ja, dass ein Leben mehr Sinn braucht als Erfolg und privates Glück, bist du dann nicht schon ganz nah dran an deinem persönlichen Senfkorn? Und du, Maike: Du möchtest gerne glauben, aber hast so viele Fragen und Zweifel. Darf ich dich erinnern an den Mann, sagt Jesus, der mich einmal angefleht hat: Ich glaube, Herr. Hilf meinem Unglauben.? Das war sein Senfkorn – und es war genug. Kann das nicht auch dein Senfkorn sein?

Wir sehnen uns vielleicht wie die Jünger nach dem starken Glauben, dem Marmorblock-Glauben: stark, hart, seiner selbst sicher und gegen alle Widerstände gefeit. Und wir sind traurig und frustig, weil wir diesen Glauben oft nicht aufbringen. Aber Jesus macht uns Mut: Du brauchst keinen Glauben wie ein Marmorblock, sagt er. Alles, was du brauchst, ist der Glaube eines kleinen Senfkorns – klein und unscheinbar, aber dynamisch-lebendig, der wachsen und Frucht bringen kann und der dich in Beziehung bringt. Entdecke dein Senfkorn und pflege es. Pflanz es ein in dein Leben. Und bring es in Beziehung zu anderen. Suche die Gemeinschaft mit anderen im Gottesdienst, im Hauskreis und bring das bisschen Senfkorn-Glauben ein, das du hast. Das ist das, was dein Senfkorn braucht, um sich zu entwickeln und zu wachsen.

Dann, sagt Jesus, wird dein kleiner Glaube nicht verkümmern, sondern er wird eine Geschichte anfangen mit dir, eine lebendige dynamische Geschichte, dann wird er sich und dich verwandeln, er wird wachsen und du wirst wahre Wunder mit ihm erleben.


Du kannst also aufhören, dich zu verstecken, weil du so wenig Glauben hast. Bring deinen kleinen Glauben ein in das Beziehungsnetz der Gemeinde. Bring ihn mit anderen in Beziehung. Das ist die Luft und das Wasser, die er braucht, um sich zu entwickeln.  

Mittwoch, 14. August 2013

Eine Frau zeigt ihre Liebe. Und du?

(Predigt in der EmK Detmold am 11. August 2013)

Es ist nicht weniger als ein handfester Skandal, von dem Lukas erzählt. Eine echte Ungeheuerlichkeit. Und zugleich ist es eine Begebenheit, die uns hilft, unseren Blick auf uns selbst zu richten, uns sozusagen mit den Augen Jesu zu sehen. Es geht um zwei Personen:

Zum Einen ist da Simon. Simon ist ein Pharisäer, ein frommer und gottesfürchtiger Mann. Und Simon ist auch einer, der einen offenen Sinn für Neues hat. Er verlässt sich nicht auf das, was er so hört. Er glaubt nicht den Gerüchten über andere. Er lehnt Jesus nicht ab, nur weil er einen schlechten Ruf hat. Nein, er will diesen Rabbi persönlich kennenlernen, sich davon überzeugen, was das für einer ist. Also: Ein gebildeter, frommer und offener Mensch begegnet uns in Simon.

Und dann ist da eine Frau. In unserer Erzählung wird sie nicht mit Namen vorgestellt. Nennen wir sie deshalb einfach Miriam. Von Miriam wird gesagt, sie sei eine Sünderin. Die meisten Ausleger vermuten in ihr eine stadtbekannte Prostituierte. Und sie, diese Prostituierte Miriam sorgt für den Skandal. Ich lese aus Lukas 7.

36 Jesus ging in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. 37 Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl 38 und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. 39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist.

Jesus ist also zum Abendessen bei Simon. Der hat ihn eingeladen, um diesen Rabbi, über den alle so aufgeregt debattieren, näher kennenzulernen. Er will sich selbst seine Meinung bilden und nicht Gerüchten folgen. Und beim Essen, so hofft er, wird sich dann bestimmt ein erhellendes Gespräch entwickeln, durch das er erfährt, wie dieser Rabbi tickt, was ihn bewegt und was er lehrt. Ich kann das gut nachvollziehen. Beim gemeinsamen Essen kommt man sich ja schnell näher, und tatsächlich öffnet der Gaumen auch den Mund und vor allem das Herz, und es entwickeln sich oft richtig gute und interessante Gespräche. So sitzen sie also und essen miteinander: Simon, seine Familie, vielleicht ein paar interessierte Freunde und Jesus mit einigen seiner Jünger. Und da passiert es.

Miriam sorgt für den Skandal: Sie kommt in den Raum mit einem Alabastron in der Hand. So eine Flasche mit Salböl soll damals 400 Denare gekostet haben. Das ist so viel, wie ein Tagelöhner im ganzen Jahr verdient. Sündhaft teuer. Aber Miriam scheint ganz gut zu verdienen, sodass sie sich das leisten kann. Sie also, als Frau, kommt ungefragt und uneingeladen in die Runde. Das an sich ist schon skandalös. Sie sagt kein Wort. Aber was sie tut, reicht völlig aus, um alle Anwesenden aus der Fassung zu bringen. Miriam sucht Jesu Nähe. Ganz nah tritt sie an ihn heran – an seine Füße, genauer gesagt. Sie kauert sich zu seinen Füßen hin und weint. Miriams Tränen tropfen auf Jesu Füße. Da löst sie ihr Haar – etwas, was eine Frau nur und ausschließlich in Gegenwart ihres Mannes tun darf, wenn sie mit ihm intim ist. Sie beugt sich mit dem Kopf so nah an Jesu Füße heran, dass sie sie berührt und trocknet ihre Tränen mit ihrem Haar ab. Sie beginnt sogar, die Füße dieses Mannes, der nicht der ihre ist, zu küssen und salbt sie dann mit dem wertvollen Öl.

Wenn jemand von euch das alles ausgesprochen erotisch findet, dann hat er oder sie ganz bestimmt recht damit. Es knistert ganz gewaltig zwischen Jesus und dieser Frau. Und genau das ist ja der Skandal. Wenn eine anständige Frau mit ihrem ebenso anständigen Mann allein ist, dann mag das ja noch angehen. Aber dass Miriam als Prostituierte sich so Jesus, dem Rabbi nähert, mitten in dieser intellektuellen frommen Abendgesellschaft – das ist wirklich unglaublich. Simon reagiert ganz schlüssig: Wenn Jesus wirklich ein Prophet wäre, denkt er, dann wüsste er doch, dass das hier nun wirklich nicht geht. Er wüsste, dass sie eine Sünderin ist und würde sie bestimmt und streng zurechtweisen. Aber was macht dieser Kerl? Er isst einfach weiter und lächelt. Es scheint ihm fast zu gefallen, was Miriam da tut. Genießt er etwa diese Nähe und zügellose Zärtlichkeit der schönen unmoralischen Frau? Was tut Jesus?

40 Da wandte sich Jesus an Simon und sagte: Ich möchte dir etwas sagen. Simon erwiderte: Sprich, Meister. 41 Jesus sagte: Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner. Der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. 42 Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? 43 Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht.

Was denkt ihr: Bevor Jesus spricht – auf wen sind da die Augen der ganzen Abendgesellschaft gerichtet? Richtig: auf Miriam, diese aufreizend laszive Frau. Alle Augen blicken auf sie – manche vielleicht lüstern, manche amüsiert, die meisten aber ganz sicher empört über ihre anzügliche Zärtlichkeit. Und auf wen, denkt ihr, sind die Augen nun gerichtet – nachdem Jesus etwas gesagt hat? Genau: auf Simon, den Gastgeber. Unglaublich ist das, wie einfach Jesus hier die Frau aus der Schusslinie nimmt, indem er die ganze Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf Simon lenkt. Nicht mehr Miriam, die Sünderin, steht im Mittelpunkt, sondern Simon, der Pharisäer.

Aber Jesus tut das, die Aufmerksamkeit auf Simon lenken, auf ganz besondere Art und Weise. Er will Simon nicht demütigen. Zwar weist er die Frau nicht zurecht, wie Simon es wohl gerne hätte, aber die Art, wie Jesus die Aufmerksamkeit auf Simon richtet, zeigt, dass er ihn nicht demütigen oder bloßstellen, sondern wirklich gewinnen will. Jesus erzählt Simon eines seiner Gleichnisse und fragt ihn, den Pharisäer, nach seiner Meinung dazu. Jesus überlässt sozusagen Simon die Pointe, um ihn für die Liebe und Zärtlichkeit Miriams zu gewinnen. Der Pharisäer ist für Jesus kein hoffnungsloser Fall, sondern ein respektiertes Gegenüber, das zu gewinnen ist für die Revolution der Liebe, die das Reich Gottes bringt.

Das Gleichnis, das Jesus erzählt, spricht für sich. Es soll die subversive Zärtlichkeit Miriams, der Sünderin, erklären. Alle sind schuldig vor Gott, sagt das Gleichnis: Prostituierte und Pharisäer, schlimme Finger und fromme Intellektuelle. Wir sind allzumal Sünder, wie Paulus es später ausdrückt. Da ist keiner, der Gott nichts schuldet, auch nicht einer. Es mag sein, dass sich unsere Schuld quantitaiv unterscheidet – wie bei den Schuldnern des Geldverleihers. Aber schuldig vor Gott sind wir alle. Wir alle sind darauf angewiesen, dass Gott uns vergibt, so wie der Geldverleiher im Gleichnis seinen Schuldnern die Schulden erlässt. Und natürlich: Wem Gott besonders überraschend und besonders viel vergibt, der wird ihm besonders dankbar sein und ihn lieben.

Das erkennt auch Simon, und Jesus respektiert und würdigt das: Du hast recht, sagt er zum Pharisäer.

Und dann macht Jesus deutlich, was das Gleichnis über Miriam und ihre anstößige Zärtlichkeit Jesus gegenüber aussagt:

44 Da wandte Jesus sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. 45 Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst. 46 Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. 47 Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. 48 Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. 49 Da dachten die andern Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt? 50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden.

Jesus verurteilt Simon nicht, sondern will ihn gewinnen für Miriam, diese Frau, die verrückt ist vor Liebe zu Jesus. Aber Jesus verurteilt auch Miriam nicht. Er weiß, woher ihre Liebe kommt. Er weiß, was sie dazu treibt, so hemmungslos zärtlich zu sein: Es ist die Liebe, die sie erfahren hat und die einfach raus muss. Sie kann gar nicht anders. Ob Miriam Jesus vor diesem Abend schon begegnet war, oder ob sie ihn nur beobachtet und von ihm gehört hatte, erfahren wir nicht. Aber wie dem auch sei: Sie, Miriam, die Prostituierte, hat erfahren, persönlich erfahren, was Jesus verkörpert und wer er ist: die Liebe Gottes in Person. Die Liebe Gottes, die jeden Menschen annimmt und ihm Vergebung zuspricht, wie groß seine Sünde auch sei. Miriam hat gespürt, was Jesus am Ende auch ausspricht: Deine Sünden sind dir vergeben.

Das ist der Kern der Botschaft Jesu. Immer wieder sagt er das – auch heute – zu Sündern wie wir es sind. Deine Sünden sind dir vergeben. Wenn du begriffen hast, was das Gleichnis sagt – dass es zwar vielleicht große und kleine Sünder gibt, aber ganz gewiss niemanden, der kein Sünder wäre – und wenn du deine Sünden bereust und unter ihnen leidest, dann darfst zu du Jesus fliehen, egal wie schwer deine Sünde wiegt. Du darfst dich an ihn wenden, und er sagt dir das, was er Miriam sagt: Deine Sünden sind dir vergeben. Jesus ist die Vergebung in Person.

Deshalb liebt Miriam ihn so. Deshalb verehrt sie ihn so intensiv mit abgrundtiefer Zärtlichkeit. Sie kann nicht anders, den sie weiß, was auch wir wissen dürfen: Dieser Mensch, Jesus von Nazareth, ist Gottes Liebe in Person, ist Gottes Vergebung, ist meine Annahme. Dieser Mensch richtet uns auf hin zu Gott, der uns liebt und nur darauf wartet, dass wir Jesus annehmen, ihm vertrauen und zu ihm kommen. Ach wenn doch nur alle diese Erfahrung Miriams selbst machen würden. Ich durfte sie machen und: Für mich ist es das Zentrum meines Lebens, ja, die Ermöglichung des Lebens überhaupt: Gott nimmt mich in Jesus an.

Die subversive Zärtlichkeit Miriams, diese unbändige Liebe, die sie Jesus zeigt, ist keine Provokation. Sie tut das alles nicht, um die noble Gesellschaft zu stören oder zu provozieren. Sie muss einfach raus, die Liebe zu ihrem Retter, zu dem Mann, der ihre Annahme bei Gott ist. Als Prostituierte hat diese Frau wohl von niemandem Respekt und Achtung und echte menschliche Annahme erfahren. Aber von ihm, von diesem einen Mann, Jesus, hat sie all das erfahren. Deshalb liebt sie ihn so. Und auch du, das will ich sagen, kannst diese Miriam-Erfahrung machen, wenn du dich Jesus anvertraust.

So ist der vermeintliche Skandal in den Augen Gottes alles andere als ein Skandal. Er ist die Liebe, die Gott den Menschen in Jesus zeigt, die zum Ziel kommt. Diese Liebe Gottes kommt zum Ziel immer dann, wenn Menschen die Erfahrung machen, die Miriam gemacht hat: Ich bin geliebt, trotz allem. Gott verstößt mich nicht, auch dann nicht, wenn alle anderen mich verstoßen und auf mich herabsehen. Gott nimmt mich an, vergibt mir, richtet mich auf und macht mich neu. Deshalb darf, ja muss ich Gott auch lieben, Jesus lieben, der mir Gottes Liebe gebracht hat und die Menschen lieben , so wie er sie liebt – leidenschaftlich, zärtlich und radikal.

Offen bleibt, wie die Geschichte weitergeht. Sie hat kein echtes Ende. Geh in Frieden, sagt Jesus zu Miriam. Sei der Vergebung Gottes gewiss und lebe die Liebe weiter, lass dich vom Heiligen Geist verändern und verwandeln in Gottes Bild hinein.

Aber was wird aus Simon? Dazu schweigt der Evangelist. Versteht er Jesus? Dann hätte sich der Abend gelohnt. Er wollte ja wissen, wie dieser Rabbi tickt. Nun weiß er es: Jesus steht für die Liebe und Vergebung Gottes, dafür, dass Gott jeden Sünder annimmt, der zu ihm kommt und alle Schuld vergibt. Und Jesus entfesselt mit dieser Botschaft unendlich produktive, subversive und zärtliche Gegenliebe – die Liebe der von Gott Geliebten, die manchmal ganz schön skandalös sein kann.


Ob Simon sich darauf einlässt? Ob er erkennt, dass auch er wie wir alle ein Sünder ist? Ob auch er die Erfahrung macht: In Jesus, im Vertrauen auf ihn, wird mir meine Schuld vergeben? Vielleicht nehmt ihr die Geschichte mit nach Hause, lest sie in den nächsten Tagen nochmal nach und erzählt sie euch selbst zu Ende. Meine Hoffnung ist, meine Phantasie, dass Simon sich auf Jesus einlässt, ihm traut und die Liebe Gottes selbst erfährt, die uns verwandeln kann wie Miriam. Ich würde es ihm gönnen – und dir auch.  

Sonntag, 28. Juli 2013

Wer sucht hier eigentlich wen?

(Predigt in der EmK Detmold am 28. Juli 2013)

Ein unerwarteter Fund

Das passiert schonmal, oder? Das große Glück, dass wir was finden, was für uns sehr wertvoll ist. Und manchmal passiert es sogar gerade dann, wenn wir gar nicht damit rechnen – geschweige denn auf der Suche sind. Plötzlich hat es zwischen Dani und mir gefunkt, damals im Frühsommer 1989. Gerechnet haben wir damit beide nicht. Wir kannten uns schon lange und waren sehr vertraut – aber dass wir ein Paar werden... Es war wie in dem Lied: Tausendmal berührt, tausendmal ist nix passiert, tausend und eine Nacht, und es hat Zoom gemacht. So ist das manchmal, wenn wir unerwartet Wertvolles finden. Genau von so einem Fund erzählt Jesus in unserem Predigttext.

Ich lese Matthäus 13,44: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß und kaufte den Acker.“

Eine tolle Geschichte, oder? Ich stelle mir einen Tagelöhner zur Zeit Jesu vor. Er freut sich, dass er heute eine Arbeit gefunden hat. Das allein ist schon ein Segen. Heute Abend wird er sich und seiner Familie was zu essen kaufen können. Den Acker soll er umgraben. Harte Arbeit, aber immerhin Arbeit. Da stößt er plötzlich auf etwas Hartes im Acker – ein Tongefäß. Er wird nervös und buddelt das Gefäß vorsichtig mit den Händen aus. Dann kann er seinen Augen kaum trauen: In dem Tonkrug befindet sich ein wertvoller Schatz. Damit hat er nicht gerechnet. Vor lauter überraschter Freude verbuddelt er den Schatz wieder. Hier in der Erde ist er schließlich sicher. Dann kratzt er alles zusammen, was er hat und kauft davon den Acker. Nun ist er also ein reicher Mann. Er und seine Familie – sie sind reich. Wer hätte das heute Morgen noch für möglich gehalten?

So, sagt Jesus, so wie der Schatz in dieser Geschichte, ist das Reich Gottes – das Himmelreich. Es ist verborgen in unserer Welt – genau wie der Schatz verborgen im Acker war. Man sieht es nicht immer, aber es ist da. Und es kann sein, dass du ihm ganz unerwartet mitten im mühevollen Alltag begegnest.
  • Da war dieses Gespräch, dass ich schon so lange vor mir hergeschoben hatte. Irgendwie war es mir unbewusst unangenehm. Und dann, ganz unerwartet, wurde es ein Gespräch voller Segen. Wir spürten, dass der Geist Gottes da war. Wir wurden reich beschenkt durch das Gespräch.
  • Da nagt der Frust in dir. Mach ich denn alles falsch? Warum hacken immer alle auf mir rum? Es scheint, als kriege ich in meinem Leben gar nichts richtig gut auf die Reihe. Und plötzlich steht sie da, lächelt dich an und lobt dich. Du, das wollte ich dir unbedingt mal sagen. Das da hast du richtig gut gemacht. Danke dafür.

Reich-Gottes-Momente will ich das einmal nennen. Kennst du auch solche Momente? Teilen, das zum Segen wird. Ein Gebet mit jemandem zusammen, bei dem ihr Gottes Nähe spürt. Die unerwartete Solidarität der Kollegen mit einem, der gemobbt wird. Eine, die einen tröstet im Leid. Die Versöhnung nach einem bitteren Streit. Reich-Gottes-Momente. Es ist immer da, das Reich Gottes, sagt Jesus – wie ein verborgener Schatz im Acker. Und manchmal passiert es wirklich, dass ein Tagelöhner wie wir ganz unerwartet auf das Reich Gottes stößt und den Schatz findet. Und dann, wenn er das merkt, der Tagelöhner, dann ist die Freude groß. Ich bin reich. Kaum zu fassen. Unsagbar reich beschenkt. So ist das mit dem Reich Gottes.

Ich wünsche euch allen diesen Moment. Diesen Moment, in dem ihr plötzlich merkt: ich bin reich, weil ich das Reich Gottes gefunden habe, diesen verborgenen Schatz im Acker. Ich bin reich, weil Gott mich annimmt. Weil er mir meine Schuld vergibt. Weil er mich trotz aller meiner Macken und Kanten und Fehler unendlich liebt. Ich bin reich.

Und wenn ich suche, aber nichts finde?

Was ist mit denen, die zwar nach Gott suchen, aber nicht finden? Viele beschreiben sich ja heute so: So richtig gläubig bin ich nicht. Ungläubig bin ich auch nicht. Ich bin ein Suchender, ein Mensch auf der Suche nach Gott.

Ich kann das gut verstehen. Das Evangelium von Jesus ist kein Hopp-oder-Topp-Evangelium, kein Friss-oder-stirb-Vogel. Und manchmal bin ich auch so ein Suchender. Manchmal bin ich wirklich wie der Tagelöhner, der gerade den Schatz gefunden hat: voller Freude und Überschwang des Glaubens und absolut gewiss: Ich bin reich, weil ich Jesus, das Reich Gottes, gefunden habe. Aber ich kenne auch Zeiten des Zweifels, des Fragens, des Suchens. Und um ganz ehrlich zu sein: Leute, Geschwister im Glauben, die das nicht kennen, die keine Brüche und Fragen kennen, die machen mich meist mehr misstrauisch als froh. Was also ist mit den Suchenden, die die Freude des Tagelöhners über das gefundene Reich Gottes nicht oder nicht immer oder noch nicht teilen können?

Unser Predigttext geht ja noch weiter. Jesus erzählt noch ein Gleichnis. Ich lese die Verse 45 bis 46: „Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.“

Wer sucht hier wen?

Die meisten Ausleger sagen: Hier wird das gleiche wie im ersten Gleichnis noch einmal erzählt. Jesus erzählt das gleiche nochmal ganz anders – mit einem andern Bild. Auf den ersten Blick ist das auch so. Aber trotzdem glaube ich das nicht. Ein kleines grammatisches Detail in Vers 45 spricht dagegen. Im ersten Gleichnis hieß es: Das Himmelreich ist wie ein Schatz, den jemand überraschend findet. Aber hier heißt es eben nicht: Das Himmelreich ist wie eine wertvolle Perle, sondern: Das Himmelreich ist wie ein Kaufmann, der eine solche Perle findet. Kaufleute gehörten in Jesu Zeit zu den eher wohlhabenden Leuten – ganz anders als Tagelöhner. Und dieser Kaufmann findet nicht etwa zufällig oder überraschend eine Perle, sondern er ist ganz gezielt auf der Suche danach. Aber beachtet: Nicht das Himmelreich ist die Perle, sondern der Kaufmann. Das Himmelreich in diesem zweiten Gleichnis wird nicht gefunden, sondern es sucht und es findet. Meiner Meinung nach erzählt Jesus hier also nicht einfach das gleiche nochmal, sondern er wechselt bewusst die Perspektive. Er macht aus dem Gefundenen des ersten Gleichnisses (dem Reich Gottes) ein Suchendes.

So wie ein Kaufmann, der auf der Suche nach schönen Perlen ist und dann eine ganz besonders wertvolle findet, so, sagt Jesus mit diesem Bild, steht das Reich Gottes zu dir. Du bist vielleicht eine Suchende, die das Reich Gottes nicht oder noch nicht gefunden hat. Aber lass dir deshalb nicht einreden, du wärst ein Christ zweiter Klasse oder so. Denn noch bevor du überhaupt suchst, hat Gott dich schon gefunden, weil auch er – und zwar lange vor uns – auf der Suche ist nach dir.

Vorlaufende Gnade

In der methodistischen Tradition heißt das, worum es meiner Meinung nach hier geht, vorlaufende Gnade. In Bezug auf Gott gibt es nicht nur ein Drinnen oder Draußen, Glauben oder Nicht-Glauben, Hopp oder Topp. Gott ist immer auf der Suche nach jedem Menschen – auch nach dir. Deshalb rechnen wir zum Beispiel damit, dass Gott auch außerhalb der Kirche Gutes tun und Menschen ansprechen kann. Deshalb rechnen wir damit, dass Gott Menschen bewegt, die keine oder noch keine Christen sind – lange bevor sie es werden. Vorlaufende Gnade.

Ich bin froh, dass es dieses zweite Gleichnis vom Kaufmann und der wertvollen Perle gibt. Jesus hat uns Suchenden was zu sagen, nicht nur denen, die das Reich Gottes gefunden haben. Auch wenn du nicht oder noch nicht im Reich Gottes den Schatz deines Lebens gefunden hast, sagt Jesus dir: Für Gott bist du - jetzt schon - eine ganz besonders wertvolle Perle. Gott ist immer schon auf der Suche nach schönen Perlen, er ist immer schon auf der Suche nach dir. Und du – du bist in seinen Augen die eine, die ganz besonders wertvolle Perle.

Zusammenfassung

Nochmal: Ich wünsche jedem von euch die Tagelöhner-Erfahrung aus dem ersten Gleichnis. Die Erfahrung: Im Reich Gottes, in der bedingungslosen Annahme, die Gott mir schenkt, in Gottes Gnade und Vergebung habe ich den Schatz meines Lebens gefunden. Nichts und niemand kann mir diesen Schatz nehmen. Ich bin reich. Das ist 'ne tolle Erfahrung. Ich bin dankbar, dass ich sie machen durfte.


Aber wie viele andere auch kenne ich auch das andere: Wir sind Menschen auf der Suche. Da ist nicht immer nur Gewissheit und Freude und Sicherheit, das Reich Gottes gefunden zu haben, sondern da sind manchmal auch Fragen und Zweifel und Unsicherheit. Dann hilft es mir, mir das zu sagen, was Jesus im zweiten Gleichnis erzählt: Bevor ich Gott suche, hat Gott mich – und dich – schon längst gefunden. Gott ist immer auf der Suche nach uns. Das ist seine Persönlichkeit. Und: In seinen Augen ist jeder und jede von uns die eine ganz besonders wertvolle Perle, für die er alles aufgibt, sogar sich selbst. Das ist das Geheimnis des Glaubens. Gott sucht dich, und er findet dich, denn du bist für ihn unendlich wertvoll – unendlich geliebt.

Montag, 8. Juli 2013

Therapie gegen die Furcht

(Predigt in der EmK Detmold am 07. Juli 2013)

Furcht – wer von uns kennt sie nicht? Die harmlose Furcht vor dem Zahnarzt, aber auch die Furcht vor Entlassung und Arbeitslosigkeit, die Furcht vor einem unangenehmen Gespräch, die Furcht vor dem Alleinsein, vor dem Rausgehen im Dunkeln, vor dem Sterben...

Furcht – das ist was anderes als Angst. Angst ist ein unangenehmes Gefühl ohne reale Ursache. Furcht dagegen hat immer einen realen Grund. Sie ist begründbar und angebracht. Das macht sie so schlimm. Ich habe Furcht vor dem Zahnarzt, weil ich genau weiß: Es wird weh tun. Ich habe Furcht vor der Entlassung, weil tatsächlich welche anstehen im Betrieb...

Furcht kann lähmen. Dann kriegst du nicht mehr auf die Reihe wegen deiner Furcht. Ein gutes Beispiel dafür sind die Leute, von denen manche Schuldnerberater erzählen: Aus Furcht vor den Rechnungen haben sie sie jahrelang ignoriert, bis es eben nicht mehr ging und die Pfändung vor der Tür stand. Statt mit ihren Gläubigern das Gespräch zu suchen und zum Beispiel Ratenzahlungen auszuhandeln, waren sie immer dann, wenn wieder eine Mahnung kam, wie gelähmt, und haben sie deshalb erst gar nicht aufgemacht. Gelähmt von ihrer Furcht. So zerstört die Furcht Existenzen.

Was aber kann man machen gegen die Furcht? Kann man sie sich abtrainieren? Klar, da gibt es Wege – in einer Therapie zum Beispiel. Mühevolle, aber gute Wege.

Einer kann und will uns die Furcht nehmen, uns davon befreien, damit wir nicht mehr gelähmt sind. Darum geht es heute in meiner Predigt.

Denn auch Israel, Gottes Volk, kennt die Furcht. Damals im Exil haben sie sie kennengelernt. Die Furcht davor, von Gott verlassen zu sein. Denn genau danach sah es ja tatsächlich aus. Fern der Heimat waren sie, Sklaven der Siegermacht, ohne Aussicht auf Befreiung und Heimkehr. Hatte Gott sie verstoßen? Hatte er sie verlassen?

Wir kennen diese Furcht, oder? Mir jedenfalls ist sie gut bekannt. Hat nicht am Ende jede Furcht – egal ob vor dem Zahnarzt oder vor der Mahnung im Briefkasten – etwas damit zu tun? Mit dieser Furcht davor, von Gott verlassen zu sein? Vielleicht ist das die Grundfurcht, die alle anderen Furcht-Ausprägungen erst hervorbringt.

Israel jedenfalls fürchtete sich im Exil vor der Gottverlassenheit. Und da trat er auf – der Prophet. Wir nennen ihn Deuterojesaja, den anderen Jesaja, weil wir seine Reden in einem Anhang zum Buch Jesaja in der Bibel finden. Er war der Mutmachprophet Israels im Exil. Er tritt also auf (Jesaja 43) und teilt dem Volk, das voller Furcht ist, Folgendes mit:

1. Jetzt aber – so spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.
2. Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen.
3. Denn ich, der Herr, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, bin dein Retter. Ich gebe Ägypten als Kaufpreis für dich, Kusch und Seba gebe ich für dich.
4. Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich für dich ganze Länder und für dein Leben ganze Völker.
5. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Vom Osten bringe ich deine Kinder herbei, vom Westen her sammle ich euch.
6. Ich sage zum Norden: Gib her, und zum Süden: Halt nicht zurück! Führe meine Söhne heim aus der Ferne, meine Töchter vom Ende der Erde!
7. Denn jeden, der nach meinem Namen benannt ist, habe ich zu meiner Ehre erschaffen, geformt und gemacht.

Unser Prophet spricht im Namen Gottes: So spricht der Herr (Vers 1). Gott, sagt er, will euch helfen, eure Furcht zu besiegen. Gott sagt: Fürchte dich nicht. Gleich zweimal sagt er das: Fürchte dich nicht – in Vers 1 und in Vers 5. So wichtig ist es ihm. Aber kann man das denn – die Furcht einfach abstellen? Gehe nicht bei Rot über die Ampel. Das kann ich – mit ein bisschen Mühe zumindest. Aber: Fürchte dich nicht? Geht das so einfach? Natürlich nicht.

Aber Gott hat eine Therapie gegen die Furcht. Die Furcht hat ja eigentlich – so haben wir vorhin gesagt – mehr oder weniger verborgen – immer denselben Gegenstand: Sie ist im Kern Furcht davor, von Gott verlassen und allein gelassen zu sein. Diese Furcht treibt Israel um – und uns auch. Wie sieht Gottes Therapie gegen diese Furcht aus?

Gott gibt drei Tipps für Schritte auf dem Weg, die Furcht zu besiegen.

1. Denk daran: Gott ist dein Schöpfer.
2. Denk daran: Gott ist dein Retter. Und
3. Denk daran: Gott ist Immanuel

1. Denk daran: Gott ist dein Schöpfer.

Das ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Furcht heraus: Erinnere dich daran, dass Gott dich geschaffen hat. Geschaffen und geformt, heißt es in Vers 1. Das heißt: Gott hat dich gewollt, und er will dich noch. Du bist kein Produkt des Zufalls, sondern Ergebnis der schöpferischen Liebe Gottes.

Das tut gut, sich daran zu erinnern. Israel im Exil tat es gut. Der Prophet nennt hier in Vers 1 sowohl den Namen Jakob als auch den Namen Israel. Damit erinnert er daran: Gott hat aus dem Betrüger Jakob seinen Liebling Israel gemacht. So viel liegt ihm an euch. Glaubt ihr im Ernst, er würde euch jetzt allein lassen oder gar fallen lassen? Ich bin sicher: Diese Botschaft tat dem furchtsamen Israel Exil gut.

Und uns Furchtsamen kann sie auch gut tun: Du fürchtest, dass Gott dich verlassen hat oder dass er dich verlassen könnte? Dann denk daran: Gott hat dich geschaffen und dich gewollt, weil er dich liebt. Du, wie es in dem Lied heißt, bist ein Gedanke Gottes – und ein schöner noch dazu. Er hat dich bei deinem Namen gerufen. Er kennt dich und liebt dich. Deshalb wird er dich nie verlassen. Du, sagt Gott in Vers 4, bist in meinen Augen teuer und wertvoll, weil ich dich liebe. Gibt es eine schönere Liebeserklärung? Am liebsten wäre mir, wir Furchtsamen würden uns das alle an den Spiegel im Badezimmer kleben, damit wir es jeden Morgen sehen, bevor wir den Tag beginnen. Gott spricht: Du, Sonja, du, Gustav, du, Birgit, du, Werner, du, Else bist in meinen Augen teuer und wertvoll, weil ich dich liebe. Das ist Therapie gegen die Furcht.

2. Denk daran: Gott ist dein Retter

Vers 3: Ich, der Heilige Israels, bin dein Retter. Mag sein, dass ihr keine Hoffnung mehr habt, jemals aus der Gefangenschaft erlöst zu werden und wieder nach Hause zu kommen. Aber erinnert euch daran: Ich bin euer Retter. Ich kann euch befreien. Ich werde, Vers 6, alle meine Töchter und Söhne nach Hause, nach Israel zurückholen.

Das ist kein leeres Versprechen. Gott hat das tatsächlich gemacht. Der Tag kam, an dem das Exil zu Ende war und Israel nach Hause kam. Gott hält sein Versprechen. Er rettet. Das heißt nicht, dass es kein Unglück im Leben gibt. Man muss nur Vers 2 lesen. Auch denen, die sich auf Gott verlassen, kann das Wasser manchmal buchstäblich bis zum Hals stehen. Auch in ihrem Leben kann es lichterloh brennen. Aber sie wissen: Gott hält sein Versprechen. Er rettet. So wie er damals und bis heute immer wieder Israel gerettet hat, so auch uns. Darauf kann ich mich und kannst du dich wirklich verlassen. So ist Gott.

Der, der uns hier zusammenführt, Jesus, hat das im Namen. Jesus, Jehoschua, heißt: Gott rettet. Für mich ist dieser Jesus der Retter der Welt. Ihm vertrauen, mit ihm leben, von ihm lernen und in seiner Spur durchs Leben gehen – das bewahrt mich jeden Tag vor der Furcht, von Gott verlassen zu sein. Jesus ist für mich die ständige Versicherung: Gott lässt dich nicht fallen und verlässt dich nicht. In Jesus gibt er sich selbst für dich. Ich wünsche euch allen so sehr, dass ihr in Jesus wirklich den Jehoschua findet, den, der Gottes Rettung für euch verkörpert. Denn ich weiß: Das – oder besser: er – treibt die Furcht aus.

Und der dritte Schritt der Therapie gegen die Furcht:

3. Denk daran: Gott ist Immanuel.

Jesaja, auf den sich unser Prophet ja bezieht, hat in Kapitel 7 von diesem besonderen Namen gesprochen. Immanuel, das heißt „Gott ist mit uns“. Der andere Jesaja, Deuterojesaja, nimmt das mitten im Exil hier wieder auf. Vers 2: Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir. Und Vers 5: Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir.

Immanuel, Gott ist mit uns, das ist Gottes Name. Gott rettet seine Töchter und Söhne nicht so, dass er sie aus allen Gefahren und Leiden herausholt oder sie davor bewahrt. Nein, sonst hätte es kein Exil gegeben. Aber: Gott geht mit. Auch im Exil bleibt er Immanuel. Wenn du durchs Wasser gehst, dann stapfe ich an deiner Seite. Ich bin mit dir. Israel braucht sich nicht davor zu fürchten, von Gott fallen gelassen oder allein gelassen zu werden. Gott ist immer mit dabei – auch im Exil.

Als ich 15 oder 16 war, habe ich mal an einer Podiumsdiskussion mit einem jüdischen KZ-Überlebenden teilgenommen. Das war sehr beeindruckend. Und irgendwann kam die Frage: Wo war denn Gott da, in Auschwitz? Eine schwierige Frage – für mich eine der schwierigsten überhaupt. Ich bin noch lange nicht mit ihr fertig – und werde es wahrscheinlich nie. Aber die Antwort des alten jüdischen Mannes hat mich fasziniert und hat mein Verständnis von Gott zutiefst bis heute geprägt: Er ist mit den Gefangenen in die Gaskammer gegangen. Gott ist Immanuel, er geht immer mit seinen Töchtern und Söhnen mit – auch ins Leiden.

Auf diesen Namen Gottes – Immanuel – bezieht sich Matthäus im ersten Kapitel seines Evangeliums. Gott ist mit uns. Ihn sieht Matthäus in einzigartiger Weise in Jesus verkörpert. In ihm, dem Immanuel, wagt es Gott, ganz und gar bis zur letzten Konsequenz mit uns zu sein. Er wird selbst Mensch und gibt sich ganz hin in unser Leben hinein. So radikal ist Gott Immanuel, Gott mit uns, dass er selbst in Jesus für uns Mensch wird und mit uns und für uns lebt und feiert und leidet und stirbt.

Immanuelkirche. In ihr feiern wir heute Gottesdienst. Ich liebe diesen Namen. Dass Gott mit uns ist, in Jesus, das führt uns zusammen. Dieser Immanuel macht uns zur Gemeinde. Immanuel – Gott ist mit uns.

So also sieht Gottes Therapie gegen die Furcht vor der Gottverlassenheit aus. Für Israel und für uns. Er ermutigt uns, uns immer wieder zu sagen: Gott ist unser Schöpfer. Er hat dich und mich geschaffen, weil wir in seinen Augen wertvoll sind und weil er uns liebt. Gott ist unser Retter. Jehoschua. Er wird uns befreien aus dem, wovor wir uns fürchten. Gott steht zu seinen Versprechen. Am Ende wird er alles in allem sein. Und Gott ist Immanuel. Er ist wirklich mit uns und geht an unserer Seite auch durch das Leiden, das uns solche Furcht macht.

Jesus, der für mich diese drei Eigenschaften Gottes – seine Schöpferliebe, sein Retter-Sein und sein Mit-uns-Sein – verkörpert, kann so tatsächlich die Furcht besiegen und vertreiben. Er wird zur Therapie gegen die Furcht und setzt an ihre Stelle das Vertrauen zu Gott, den ewigen Schöpfer, Retter und Immanuel.


Donnerstag, 4. Juli 2013

Monatsthema Heidelberger Katechismus

Nachmittage der Begegnung im Juli

Er ist sicher der bedeutendste deutschsprachige Katechismus der reformierten Tra­dition und wird in diesem Jahr 450 Jahre alt: der Heidelberger Katechismus. Anlass genug für uns, ihn etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Im Juli laden wir des­halb in der Immanuelkirche in Detmold zu zwei Nachmittagen der Begegnung über den Heidelberger ein:

Themenmonat „Der Heidelberger Katechismus“
Herzliche Einladung

10.07.13 15-17 Uhr: Themen-Café
„Was ist dein einziger Trost? - Eine Einführung in den Heidelberger Katechismus“
Ort: Immanuelkirche Detmold


24.07.13 15-18 Uhr: Ausflug nach Schötmar
Besichtigung der Kilianskirche und Besuch der Wanderausstellung „450 Jahre Heidelberger Katechismus“
Treff: 15 Uhr an der Immanuelkirche zum Bilden von Fahrgemeinschaften


Kontakt: Uwe Hanis, Tel. 05231-23297, detmold@emk.de