Dienstag, 25. Dezember 2012

Weihnachtsansprache: Mach's wie Gott - werde Mensch


Liebe Freunde.

Es war der katholische Bischof Kamphaus, der vor einigen Jahren den Satz prägte, der uns heute am Weihnachtsfest beschäftigt: Mach's wie Gott – werde Mensch. Seitdem hat unser Satz eine ziemliche Erfolgsgeschichte erlebt. Heute ziert er zum Beispiel viele fetzige Weihnachtskarten und dient als Aufhänger von Radioandachten und – wie hier bei uns – Predigten.

Aber Bischof Kamphaus wollte mit seinem Satz nicht nur einen flotten Spruch loslassen. Er wollte ein Umdenken der Kirche provozieren – eine Kehrtwende unseres Denkens in Sachen Mission. „Das Wort Gottes wurde Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ - das sollte der Ausgangspunkt kirchlichen Handelns werden. Was das bedeutet, will ich euch in Form einer kleinen Geschichte erzählen und mit einigen Bildern untermalen. Ähnlichkeiten mit bestehden Personen oder Gemeinden sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Am Anfang der Kirche stand das Ereignis von Weihnachten: Gott wird Mensch. Oder anders ausgedrückt: Am Anfang der Kirche steht die Krippe. Die Menschen sind Gott nicht egal. Im Gegenteil: Sie sind ihm so viel wert und seine Liebe zu ihnen ist so groß, dass er sich nicht mit der Trennung der Menschen von ihm abgefunden hat und... deshalb selbst Mensch wurde in Jesus.

Und Mensch zu werden hieß für Gott wirklich Mensch zu werden – nicht nur scheinbar oder oberflächlich: Gott teilt in Jesus alles mit uns: Angst und Schmerz, Freude und Feiern, Sprache, Kultur, Denkweise – das ganze Leben und sogar Sterben. Gott wurde wirklich Mensch – ganz und gar. Das ist der Anfang. Und aus diesem Anfang entwickelte sich die Kirche: Menschen fühlten sich durch Jesus angezogen. Sie machten die Erfahrung: Er heilt, er bringt unser Leben zurecht, sein Lebensstil verwandelt uns. Mit diesem Gott, der Mensch wird, uns zuliebe, wollen wir leben. So enstand die Kirche: ein wunderbares Gebäude, so richtig schön und feierlich - mit einer Tür, die allerdings meistens geschlossen war, in dem die Jesus-Leute Gottes Menschwerdung sehr feierlich feierten.

Und natürlich wollten sie diese gute Botschaft, dass Gott Mensch wurde, nicht für sich behalten. Auch andere sollten daran teilhaben und die Erfahrung machen, die sie in der Kirche machten. Deshalb wollten sie alle Menschen zu sich in ihre schöne Kirche einladen. Ab und zu öffneten sie also die Tür zu den anderen und luden sie mit einem freundlichen Lächeln ein. Das war ihnen wichtig. Deshalb bemühten sie sich, ein attraktives Programm zu gestalten – so richtig schön:
  • Sie achteten darauf, dass ihre Musik immer perfekt war.
  • Sie engagierten einen gut aussehenden und ganz schön cleveren, anspruchsvollen und manchmal sogar unterhaltsamen Prediger, der immer freundlich predigte und niemandem weh tat.
  • Sie boten auch sonst ein tolles attraktives Programm mit vielen Veranstaltungen für ganz unterschiedliche Zielgruppen an.
  • Sie gaben einen professionellen Gemeindebrief heraus mit den neuesten Sensationen aus der freundlichsten Kirchengemeinde der Welt.
  • Sie alle luden Freunde und Bekannte ein und lernten wichtige Techniken, wie man am besten einlädt in „unsere tolle Kirche“.
Wäre doch gelacht, wenn die Menschen nicht kommen, oder?

Das Resultat war: Einige kamen wirklich. Nicht gerade viele, aber immerhin. Nur: Irgendwie... waren die, die kamen, alle denen sehr ähnlich, sie schon da waren. Sie hatten
  • die gleiche Kultur, zum Beispiel einen ähnlichen Musikgeschmack
  • die gleiche Erziehung und deshalb sehr ähnliche Manieren und Kleidungsstile und Ausdrucksweisen
  • das gleiche Millieau, ähnliche Berufe und einen ähnlichen gesellschaftlichen Status
  • ähnliche Hobbys, denen sie in ihrer Freizeit nachgingen und auch
  • ähnliche Meinungen

Befriedigend war das nicht. Irgendwie... blieben die Leute in der Kirche doch ziemlich unter sich, oder? Und ganz tief unten schlummerte die Erinnerung, dass Gott doch Mensch geworden war, um allen Menschen eine neue Bedeutung für ihr Leben zu geben.

Einige begannen bald, unangenehme Fragen zu stellen: Was ist mit den anderen? Wie erreichen wir die, die nicht so sind wie wir? Nur mit ihnen kriegen wir unsere schöne Gemeinde richtig voll. Und das ist es doch, was wir wollen, oder – dass unsere Kirche richtig voll wird?

Die meisten stimmten dem zu. Manchmal hatten sie zwar ein bisschen ein mulmiges Gefühl: Wie würde es werden, wenn auch Leute in die Kirche kämen, die ganz anders sind als sie – anders gekleidet, anders sprechend und singend und so? Aber schließlich rang sich die Gemeinde durch und verdoppelte ihre Anstrengungen, einzuladen. Drastisch erhöhten sie ihr Budget für attraktive und einladende Aktivitäten. Niederschwellig sollten sie sein. Sie verschickten professionelle Einladungen an das ganze Viertel – per Post und auch per Mail. In einem besonders verwegenen Moment beschloss der Gemeindevorstand, den Namen der Gemeinde zu ändern. Nicht mehr Evangelisch-methodistische Kirche sollte sie heißen, sondern „The cool and funky church“. Der professionelle Gemeindebrief wurde noch getoppt durch ein 1 a-Facebook-Profil. Bestimmt würden viele dort „Gefällt mir“ klicken. Und man beschloss: In diesem Jahr laden wir ein zu einem ganz besonderen Gottesdienst – dem weltgrößten Event aller Zeiten ein. Dem würde wirklich keiner widerstehen können, oder? Perfekt. Sogar einen Einladungszeppelin ließ man tagelang über der Stadt kreisen. Keine Kosten und Mühen waren zu viel.

Das Problem war: Die Gemeinde war damit ja nicht allein. Die Zeiten hatten sich geändert. Längst besaß die Gemeinde nicht mehr das Monopol auf tolle sinnstiftende Veranstaltungen – die liefen längst jeden Tag im Fernsehen. Bildlich ausgedrückt: Die Gemeinde stand gar nicht mehr mitten in der Stadt, wie sie dachte, sondern war unmerklich an den Rand gedrängt worden. Sie hatten das nur nicht mitgekriegt.

Da begann ein Bischof, umzudenken. Am Anfang, da stand doch, dass Gott Mensch wurde, oder? War dann nicht das ganze Gemeindeprogramm, so wie es jetzt aussah, ein riesiges Missverständnis? Mission war im Verständnis der Gemeinde identisch geworden mit Einladung. Man wollte möglichst viele Menschen einladen mit dem Ziel, dass sie kommen in die schöne Kirche und... werden wie wir.

Aber war das wirklich Gottes Programm? Gott wurde doch Mensch, um die Welt zu verändern. Er ließ sich dafür wirklich auf die Welt ein: auf ihre Sprache, Kultur, ihre Lebensweise, ihre Sorgen und Ängste, ihr Lachen und Weinen, ihr Feiern und Trauern, ihr Leben und Sterben. Er hat der Welt nicht aus der Ferne zugerufen: He, kommt zu mir. Sondern er ist selbst zu den Menschen gekommen und einer geworden wie sie. Sollten wir es da nicht genauso machen?

Mission hieß doch eigentlich nicht Einladung, sondern Sendung. Mach's wie Gott, dachte der Bischof, und werde Mensch. Und später dachte er's nicht nur, sondern sagte es auch: Mach's wie Gott, werde Mensch. Mission heißt Sendung, nicht Einladung.

Und langsam, ganz langsam, begann die Kirche tatsächlich umzudenken. Nicht mehr die Einladung stand im Mittelpunkt der Arbeit, sondern die Sendung. Wir wollen Menschen werden, wie Gott Mensch wurde.


Sie begannen, die Denkrichtung umzukehren. Die Kirche verstanden sie als Kraftzentrum, dass sie schult und sendet und stärkt, um dann rauszugehen und Menschen zu werden – wie Gott. Von der Kirche aus gingen die so Gesandten dann ins Büro, in die Schule, in ihre Nachbarschaften, in Cafes und Kinos und Vereine und... lebten dort mit den anderen. Nicht, um sie einzuladen, sondern um wirklich das Leben mit ihnen zu teilen: ihre Sorgen und Nöte, ihre Freuden, ihre Sprache, ihre Hobbys und und und, so wie Gott es getan hatte. Sie lernten dabei vieles Neue kennen – eine ganz neue Erfahrung für die Kirche: Lernen von anderen.

Und mit der Zeit änderte sich dann auch das Verhältnis der anderen zu den Leuten aus der Kirche. Dann nämlich, als sie merkten: Die kommen gar nicht nur, um uns möglichst geschickt einzuladen, damit wir werden wie sie, sondern die kommen, weil sie sich wirklich für uns interessieren. Die wollen wirklich mit uns leben.

Und dann, dann erzählten die Leute aus der Gemeinde davon, was sie antrieb: Gott ist Mensch geworden wie wir, erzählten sie, und das ist so toll, dass wir auch ganz neu Menschen werden wollen. Wir wollen mit euch leben nach Gottes Art.

Manche von den anderen kamen dann auch mal mit in die Kirche. Das war spannend und schön, aber gar nicht mehr soooo wichtig. Viel wichtiger war: Es bildeten sich an vielen anderen Orten kleine Zellen von Menschen, die angesteckt waren vom Programm des Gottes, der Mensch wurde, sozusagen kleine Kirchen ohne Tür: Eine Zelle traf sich regelmäßig in einem Szenecafe und diskutierte über Jesus und darüber, was sein Leben mit ihrem zu tun hatte. Eine andere Zelle ging zusammen ins Kino und sprach anschließend in der Kneipe gegenüber über den Film. In der Schule trafen sich manche jungen Jesus-Leute wöchentlich in der Pause, um zu beten. In einem Betrieb wurde in der Mittagspause nun oft debattiert über Gottes Willen für die Welt.

Und so ist unmerklich – angestoßen von dem Bischof, der meinte, wir sollten es wie Gott machen und Menschen werden – die Kirche wieder in die Mitte grückt – nicht weil alle ständig dorthin gingen, sondern weil die Leute aus der Kirche rausgingen und ausstrahlten – in die Büros, in die Fabriken, in die Nachbarschaften, Schulen, Unis, Cafes, Kneipen, Kinos, Konzertbühnen und und und.

Mach's wie Gott, werde Mensch – das ist mehr, viel mehr als ein cooler Spruch. Das ist ein Traum der Kirche der Zukunft, wie sie werden und leben könnte, wenn sie nicht bleiben will, was sie heute ist. 

Sonntag, 23. Dezember 2012

Wollt ihr meinen Traum hören?


(Predigt in der EmK Detmold am 23.12.2012)

So gerade eben noch Advent haben wir heute. Morgen schon ist Heiligabend. Wir stehen sozusagen auf der Grenze zwischen Advent, der Zeit des Wartens und Weihnachten, dem großen Fest der Menschwerdung Gottes in dem verwundbaren Kind Jesus.

Auf der Grenze, genau da steht auch Johannes der Täufer. Auf der Grenze zwischen den beiden Teilen der Bibel, die wir Altes und Neues Testament nennen. Auf der Grenze zwischen prophetischer Ankündigung des Messias, des Gesandten Gottes und der Erfüllung dieser Ankündigung in Jesus. Auf der Grenze, genau da steht Johannes.

Im Johannesevangelium lesen wir von ihm:
Aus Jerusalem sandten die jüdischen Behörden Priester und Leviten zu Johannes. Sie sollten ihn fragen: „Wer bist du eigentlich?“ Er antwortete frei heraus und wahrheitsgemäß. Er bekannte: „Ich bin nicht der Christus.“ Da fragten sie ihn: „Wer dann? Bist du Elija?“ Er sagte: „Nein, das bin ich nicht.“ „Bist du der erwartete Prophet?“ Wieder antwortete er: „Nein.“ Sie fragten ihn weiter: „Wer bist du? Wir müssen doch denen, die uns geschickt haben, Auskunft geben. Was sagst du selbst denn über dich?“ Er antwortete: „Ich bin, was der Prophet Jesaja vorausgesagt hat - die Stimme, die in der Wüste ertönt: Macht den Weg bereit für den Herrn.“
Unter den Abgesandten waren auch Pharisäer. Sie fragten ihn: „Warum taufst du überhaupt, wenn du weder der Christus bist noch Elija oder der Prophet?“ Johannes antwortete ihnen: „Ich taufe nur mit Wasser. Aber mitten unter euch steht schon einer, den ihr noch nicht kennt. Er kommt nach mir. Ich bin nicht einmal wert, die Riemen seiner Sandalen aufzuschnüren.“ (aus Johannes 1)

Wort Gottes für das Volk Gottes. Amen.

Das Johannesevangelium ist nicht nach dem Täufer Johannes benannt, sondern nach dem Jünger gleichen Namens. Trotzdem hat Johannes der Täufer hier, im vierten Evangelium, eine ganz besonders wichtige Rolle. Vor einigen Wochen habe ich schon darüber gesprochen: Die ersten Jünger Jesu im Johannesevangelium, unsere ältesten Geschwister sozusagen, sind ursprünglich Johannesjünger, die von ihrem Rabbi Johannes dem Täufer auf Jesus aufmerksam gemacht werden.

Johannes der Täufer ist der erste Zeuge Jesu im Johannesevangelium. Er ist der erste, der bekennt und anderen bezeugt: „Dieser Mann ist der Messias, der Christus. In ihm begegnet uns Gott selbst.“ Johannes ist der erste in der langen Reihe von Menschen - bis heute -, die Zeugnis geben von Jesus Christus und dem Heil, das Gott uns in ihm schenkt.

Viele von uns sind in diesen Tagen noch wie gelähmt. Der Amoklauf in einer Grundschule im amerikanischen Newtown hat uns wieder vor Augen geführt, wozu Menschen fähig sind. Das Leid, das wir sehen, die ermordeten Kinder, die trauernden Familien, macht uns traurig und wütend.

Und doch: Das Zeugnis, das Johannes der Täufer als erstes gegeben hat, das gilt bis heute. Bis heute stimmen Menschen überall auf der Welt in sein Zeugnis ein. Auch ich glaube fest daran: In Jesus begegnet uns Gott selbst, der Schöpfer der Welt. In diesem einen Menschen, wenn wir ihn annehmen und ihm folgen, liegen Heilung, Erneuerung und Verwandlung der ganzen Welt begründet. Jesus kann diese verrückte Welt heilen. Was es dazu braucht, sind viele Menschen, die sich von ihm berühren und hineinnehmen lassen in seine Bewegung, die sich von ihm beschenken lassen mit der Liebe Gottes und die von ihm seinen Lebensstil der Barmherzigkeit und Wahrhaftigkeit und Liebe lernen. Das, nur das, kann und wird die Welt heilen.

Johannes jedenfalls hat die religiösen Führer seines Volkes, die frommen Autoritäten, ganz offensichtlich ziemlich nervös gemacht. Sie waren überhaupt nicht begeistert von dem Prediger Gottes in der Wüste, der die Menschen zur Umkehr zu Gott eingeladen hat. Auch heute sollten wir nicht damit rechnen, dass echtes Jesuszeugnis und authentische radikale Nachfolge immer auf Zustimmung und Beifall der Frommen oder der Kirchenführer stößt. Schminkt euch das lieber gleich ab. Johannes hat die religiösen Führer so nervös gemacht, dass sie eine Abordnung zu ihm sandten. Sie sollten herausfinden, was das für einer ist, der da tauft und so viele Menschen anzieht.

Johannes, selbst Sohn eines Priesters, wusste ganz genau: Das waren richtig wichtige Leute, die da zu ihm kamen. Eine Delegation aus Priestern und Leviten – also Priesterhelfern. Echte Autoritäten in Sachen Lehre und Gottesdienst. Wer bist du?, fragen sie ihn streng – und wohl ziemlich misstrauisch. Und sie selbst geben zwei mögliche Antworten vor. Bist du Elija? Oder bist du der angekündigte Prophet?

  • Von Elija, dem beeindruckenden Propheten, von dem die hebräische Bibel erzählt, wird gesagt: Er wird wiederkommen und Versöhnung bringen, bevor der jüngste Tag kommt. Elija wird dem jüngsten Gericht nach der jüdischen Tradition vorausgehen.
  • Und mit dem angekündigten Propheten ist der „neue Mose“ gemeint, den 5. Mose 18,15 ankündigt. Da sagt Mose zu Israel: Einen Propheten wie mich wird die der HERR, dein Gott, erwecken...; dem sollt ihr gehorchen.“

Man kann sich gut vorstellen, wie die Tempelautoritäten von Johannes und dem großen Zulauf, den er hatte, gehört haben, wie sie das misstrauisch gemacht hat und wie sie beraten haben. Das wird doch nicht etwa... Und wahrscheinlich sind sie zu dem Schluss gekommen: Entweder ist dieser Prediger ein großer Scharlatan und Verführer oder er ist wirklich ein Mann Gottes, so einer wie Elija eben oder der angekündigte Prophet. Also schickten sie diese Delegation zu ihm, um ihn zu fragen.

Johannes aber... sagt: Nein, das alles bin ich nicht – weder Elija noch der Prophet. Und dann sagt er drei ganz bemerkenswerte Dinge:

1. Ich bin nicht der Christus.

Dieser Satz ist viel wichtiger, finde ich, als es zunächst den Anschein hat. Ich bin nicht der Christus, das heißt: Ich kann mich nicht selbst erlösen, ich kann mich nicht selbst heilen. Ich bin nicht unfehlbar, nicht ohne Sünde. Mit Johannes dürfen wir uns das immer mal wieder bewusst machen: Wir selbst sind nicht der Christus. Wir sind und bleiben angewiesen auf Vergebung, Heilung, Erneuerung durch ihn, der allein helfen kann. Und er allein gibt uns das, was wir uns nicht selbst geben können: Vergebung, Heilung und Verwandlung. Ich bin nicht der Christus.

2. Ich bin Wegweiser auf Christus hin.

„Ich bin die Stimme, die in der Wüste ertönt: Macht den Weg bereit für den Herrn.“ Soll ich euch einen Traum verraten, den ich manchmal träume? Der geht so: Die Leute, die man Methodisten nennt, in Detmold, werden ein bisschen so wie Johannes. Ihr Lebensstil mitten im Alltag, von Jesus angeregt, ist so aufregend anders, der Umgang, den sie untereinander haben, ist so liebevoll und ihr Dienst an anderen, besonders an Bedürftigen, so heilsam, dass sie zum Gesprächsthema in der Stadt werden. Wie kommt das, dass die so sind, wie sie sind? Was ist dran an diesen Leuten? Und dann kommen die Menschen und fragen: Wer seid ihr? Was macht euch so anders, und sie antworten: Das sind nicht wir, das ist Jesus. Wir sind seine Leute, wir weisen nur auf ihn hin. Das ist mein Traum. Träumt ihr ihn mit? Und noch ein drittes sagt Johannes:

3. Christus wirkt schon unter euch, auch wenn ihr es jetzt noch nicht seht.

„Mitten unter euch steht schon einer, den ihr noch nicht kennt.“ Daran glaub ich ganz fest: Jesus wirkt schon – auch in unserer Stadt. Er ist schon an der Arbeit, auch wenn wir bisher nur davon träumen, wie Johannes ans Werk zu gehen. Jesus wirkt bereits in dieser Stadt, auch ohne uns, an Menschen und durch Menschen, die ihn vielleicht noch gar nicht kennen. Wo jemand ehrlich ist und das zu viel ausgezahlte Wechselgeld der Kassiererin zurückgibt, wo Leute sich nach einem bösen Streit versöhnen und sich wirklich vergeben, wo einer sich erbarmen lässt und einem Armen überraschend großzügig Hilfe leistet, wo eine ihrem einsamen Nachbarn eine Freude macht und ihn zum Tee einlädt – überall da ist Jesus schon bei der Arbeit – als der, den „ihr noch nicht kennt.“ Dass sie ihn kennenlernen, dazu braucht es dann nicht mehr als ein paar mutige Jünger, die ein bisschen sind wie Johannes, die ansteckend leben und dann frei und offen bezeugen, wer sie so leben macht. Menschen also, die Wegweiser sind auf Christus hin.

Und der Friede Gottes, der unseren Intellekt weit übersteigt, der heile und stärke eure Herzen und Hände. Amen.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Wer ist der König?


(Eine ungehaltene Adventsandacht)

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.

Wer ist der König der Ehre?

Philipp ist Ingenieur. Genau gesagt: Straßenbau-Ingenieur. Der Firma, in der Philipp arbeitet, geht es gut. Nun bauen wir in Deutschland ja kaum noch neue Straßen. Aber im Ausland, da sieht das ganz anders aus, in Afrika zum Beispiel. Und die Zuverlässigkeit, Phantasie und Tatkraft deutscher Ingenieure – die ist dort sehr gefragt.

Deshalb arbeitet Philipp für seine Firma zurzeit in Liberia. Im Auftrag der Regierung dieses armen westafrikanischen Landes bauen sie dort Straßen quer durch das kaum erschlossene Land. Bezahlt wird seine Arbeit von der Europäischen Union – also von unseren Steuergeldern.

Als Philipp am Flughafen in Monrovia aus der Maschine aussteigt, wird er vom Bauminister Liberias begrüßt. In einer Limousine wird er zu seinem Hotel gefahren. Ein gutes Hotel mit allem Comfort und Klimaanlage in allen Zimmern, mitten in Monrovia. Die Fahrt führt vorbei an den Slums, an dem regen Treiben auf den Straßen, an Wellblechhütten und zahllosen Feuern aus Autoreifen, in denen die Bürger Monrovias ihren Müll verbrennen. Der Eingang des Hotels wird streng bewacht von Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag. Philipp, sagt der Bauminister, soll sich erstmal vom Flug erholen – immerhin saß er 8 Stunden im Flieger. Abends dann würden sie sich wiedersehen zum Dinner im hoteleigenen Restaurant.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.

Wer ist der König der Ehre?

Am Abend im Restaurant wird Philipp von einem Kellner im Frack höflich begrüßt. Der Bauminister wartet schon am Tisch direkt am großen Außenfenster auf ihn. Philipp setzt sich und studiert die Karte. Er ist beeindruckt: Auf der Karte findet er alles, aber wirklich alles, was sein Gourmet-Herz so begehrt.

Während Philipp und der Bauminister die Karte studieren, sammelt sich vor dem Fenster, an dem die beiden sitzen, eine große Menge Kinder. Die meisten von ihnen barfuß und mit freiem Oberkörper. Manche haben ein schmutziges und zerfetztes T-Shirt übergeworfen. Sie tanzen vor dem Fenster hin und her und sehen durch das Glas Philipp und den Baumnister mit flehendem Blick an. Philipp ist irritiert und kann sich nicht recht auf die Speisekarte konzentrieren. Er kann dem flehenden Blick der Kinder nicht ausweichen. Dem Bauminister geht das anders. Erst nach einer ganzen Weile bemerkt er die Kinder überhaupt, sieht kurz auf, lächelt Philipp an und sagt zu ihm: Don't be bothered. They are just begging for something. Lassen Sie sich nicht stören. Die betteln nur. Dann winkt er dem Kellner, dem mit dem altmodischen Frack, tuschelt ihm etwas ins Ohr, woraufhin der den großen dunklen Vorhang zuzieht, damit seine Gäste die Kinder nicht mehr sehen müssen.

Philipp kämpft mit sich. Sein Appetit ist ihm vergangen. Irgendwann nimmt er all seinen Mut zusammen. Er weiß, dass er sich damit in den Augen des Bauministers und der Hotelangestellten zum Idioten machen wird. Er weiß, dass alle denken werden: Jaja, diese sentimentalen Europäer, diese sozialen Weicheier. Und doch muss er es einfach tun: Er steht auf und schiebt die Vorhänge zur Seite. Dann setzt er sich wieder hin. Den Kindern kann er im Moment nicht helfen. Er kann ihnen nichts geben. Das Fenster trennt sie voneinander. Und doch: Es verbindet sie auch. Philipp will sich dem Blick der Kinder aussetzen, er will das Elend aushalten und nicht vor ihm fliehen.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.

Wer ist der König der Ehre?

Im Advent denken wir daran, das Christus kommt.
  • Wir erinnern uns daran: In Bethlehem kommt er – und in ihm Gott selbst – zur Welt in einem Stall.
  • Wir halten die Hoffnung wach, dass er wiederkommt und Gottes neue Welt der Vergebung, des Rechts und des Friedens vollendet.
  • Wir nehmen wahr, wie er jetzt in unser Leben kommt: mit seinem Geist uns anspricht, anrührt, heilt und verwandelt.

All das ist gut.

Aber Jesus selbst hat noch von einer ganz anderen Art gesprochen, in der er zu uns kommt. Er kommt zu uns in den Hungernden, Dürstenden, Kranken und Obdachlosen.

  • Christus kommt zu uns in Gestalt des immer etwas angetrunken wirkenden jungen Mannes, der sonntags in unseren Gottesdienst geht, weil er das kleine bisschen Freundlichkeit, das wir für ihn aufbringen, für nicht weniger als ein Wunder hält.
  • Christus kommt zu uns in Gestalt der verzweifelten Frau, die den Glauben an das Gute gerade verloren hat, nicht mehr aus noch ein weiß und nicht mehr von uns erwartet als eine liebevolle Umarmung und ein bisschen Freundschaft.
  • Christus kommt zu uns in Gestalt des langhaarigen und schlecht riechenden Bettlers, der in der Kälte zusammengesunken an der Fensterscheibe des Buchhauses am Markt lehnt und um Almosen bettelt, so lange, bis ihn die Angestellten des Buchladens wegjagen.

Auch so kommt Christus zu uns, in Gestalt derer, die er in besonderer Weise seine geringsten Brüder und Schwestern genannt hat. Und wir haben die Wahl: Wollen wir Vorhang-auf-Christen oder Vorhang-zu-Christen sein? Wollen wir eine Vorhang-auf-Gemeinde oder eine Vorhang-zu-Gemeinde sein? Ich wünsche uns den Mut, den Philipp hatte – den Mut, den Vorhang aufzuziehen.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.

Wer ist der König der Ehre?

Lasst uns beten:

Der du in tiefster Nacht erschienen bist,
wir danken dir für das Licht deiner neuen Welt,
das seit Jesus scheint mitten in der Finsternis.
Oft ist es kaum mehr als der schwache sanfte Schein einer Kerze in der Nacht.
Aber es ist da, dieses Licht,
es leuchtet und wärmt uns.
Hilf uns, dein kleines Licht nicht zu übersehen,
nicht achtlos daran vorbeizugehen und einen Lichtschalter zu suchen.
Hilf uns, dein Licht wahrzunehmen, zu genießen,
uns von ihm wärmen zu lassen.
Mit deinem sanften schwachen Licht willst du unsere Hoffnung stärken.
Der du in tiefster Nacht erschienen bist,
gibst uns Hoffnung und Mut,
dass unsre Nacht nicht endlos sein kann.
Amen.   

Sonntag, 2. Dezember 2012

Jünger wird man unterwegs


(Predigt in der EmK Detmold am 1. Advent 2012)

Ein ganz schön bunter Haufen sind wir, oder? Müsste man uns beschreiben, dann könnte das zum Beispiel so klingen: Wir, die EmK in Detmold, sind zwischen 1 und 105 Jahren alt, wir sind mehr Frauen als Männer. Wir singen gerne, deshalb haben wir einen Chor und einen Männerchor und ein Musikteam, aber manche von uns können und wollen auch gar nicht singen. Manche von uns leben von Hartz IV, manche sind Arbeitnehmer, manche sind Lehrer (gut, Lehrer haben wir ein paar mehr), manche Hausfrau, manche Rentner, Unternehmer, Freiberufler... Wir haben Menschen mit Behinderung unter uns und solche ohne. Es gibt eigentlich nichts, was es bei uns nicht gibt. Manche machen sich für den Sonntagsgottesdienst gerne schick, andere kommen lieber in Alltagskleidung. Und unsere Frömmigkeit? Wie können wir die beschreiben? Naja, wir sind evanglikal-charismatisch-konservativ-liberal-links-bibeltreu-politisch.

Ein ganz schön bunter Haufen. Wären wir keine Gemeinde, dann kämen viele von uns wahrscheinlich nicht auf die Idee, sich mal zum Kaffee zu treffen oder was zusammen zu unternehmen. Aber: Wir sind eine Gemeinde. Wir haben etwas, oder besser jemanden, der uns, gerade uns, zusammenbringt: Jesus. Wir sind begeistert von Jesus. Und der, Jesus, der bringt das fertig, was sonst wohl keiner schafft, noch nicht mal „Wetten dass?“: Er macht aus so unterschiedlichen Leuten, wie wir es sind, eine echte liebevolle Gemeinschaft.

Wie er das macht, davon erzählt der Predigttext, über den ich heute mit euch nachdenken will. Es ist die Erzählung des Johannesevangeliums darüber, wie Jesus seine ersten Jünger beruft. Johannes erzählt davon ein bisschen anders als die anderen Evangelien der Bibel. Aber hört selbst (Johannes 1, 35ff):

Am nächsten Tag stand Johannes der Täufer abermals da, und zwei seiner Jünger, und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und gingen Jesus nach.

Die ersten also, die es mit Jesus zu tun bekommen und die bald nicht mehr Johannes', sondern Jesu Jünger sein werden, sind Suchende, Neugierige, die diesem fremden Rabbi einfach mal nachgehen, weil Johannes etwas an ihm findet. Johannesjünger, das sind Leute, die ein Gespür dafür haben, dass das Leben, wie es ist und die Welt, wie sie ist, nicht in Ordnung sind. Ihr Weg, Jünger Jesu zu werden – das ist mir wichtig – beginnt nicht erst damit, dass sie Jesus begegnen und ihn annehmen, sondern er beginnt bereits damit, dass sie Sinn und echtes Leben und Gott suchen. Dafür steht Johannes der Täufer in unserer Erzählung.

Das gilt auch heute noch. Ich halte überhaupt nichts davon, es abzuwerten oder geringzuachten, wenn jemand von sich sagt: Ich bin auf der Suche nach Gott. Ich sehne mich nach echtem Leben mit Sinn, oder: Ich möchte so gerne glauben. Wenn jemand von uns zu denen gehört, die sich so sehen, dann sagt das Johannesevangelium hier: Das ist gut. Du bist auf dem richtigen Weg. Die methodistische Tradition nennt das „vorlaufende Gnade“, und das meint: Die Gnade Gottes ist nicht erst bei denen am Werk, die glauben, sondern schon da, wo Menschen sich aufmachen, zu suchen, wo Menschen unzufrieden sind und spüren: Es gibt mehr als das Leben, das ich zurzeit führe. Schon da ist Gottes Gnade bei der Arbeit. Aber wie geht es nun weiter? Wie werden die beiden Suchenden zu Jesusleuten, zu Jüngern?

Jesus aber wandte sich um und sah sie, wie sie ihm nachgingen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt Lehrer -: Wo wohnst du? Jesus sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen es und blieben diesen Tag bei ihm.

Diese Zeilen sind so wichtig, dass ich sie nochmal lesen will:

Jesus sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi: Wo wohnst du? Jesus sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen es und blieben diesen Tag bei ihm.

So also werden die beiden Suchenden zu Jüngern. Nicht durch einen Vertrag, den sie unterschreiben – unten rechts bitte und gut durchdrücken - , auch nicht, indem Jesus ihnen ganz genau erklärt, wie Gott ist und wie ein Leben in seiner Nachfolge aussieht, auch nicht, indem sie sich Jesus vorstellen, vor ihm auf die Knie fallen und die Entscheidung treffen, von nun an ganz ihm zu gehören. Nein, nichts von alledem geschieht hier. Die beiden Suchenden werden zu Jüngern durch, ja durch was? Dadurch, dass sie es, von Jesus ermutigt, einfach versuchen – nur für einen Tag versuchen, mit ihm zu leben.

Die Schlüsselworte spricht Jesus selbst: Kommt und seht! Probiert es einfach aus, mit mir zu leben, macht Erfahrungen mit mir. So beginnt im Johannesevangelium Jüngerschaft. Was muss ich tun, um durch das große Becken zu schwimmen? Jesus erklärt nicht genau, wie die Schwimmbewegungen funktionieren oder wie du am besten atmest. Jesus sagt: Was du tun musst ist nur dies: Stoß dich vom Rand ab und bewege dich. Den Rest übernehme ich.

Ist das nicht großartig? Für mich gehört dieser kurze Dialog zwischen Jesus und den zwei Suchenden zu den schönsten Stellen der Bibel. Jünger wird man unterwegs. Jüngerschaft entsteht, indem mutige Suchende es einfach versuchen, sich vom Rand abstoßen – mehr nicht. Und siehe... sie schwimmen.

Jesus stülpt ihnen nicht ein Glaubensbekenntnis über als kurze Zusammenfassung der Wahrheit. Die Wahrheit, sagt Jesus, die kann man gar nicht zusammenfassen und objektiv beschreiben. Die Wahrheit ist nämlich ein Geheimnis. Deshalb spricht Jesus davon so viel in Bildern. Ich bin das Brot das Lebens, sagt er dann oder: Ich bin der Weg, oder: Ich bin das Licht der Welt. Die Wahrheit über Gott und die Welt und den Menschen, über dich als Person – die kann man nicht objektiv-sachlich beschreiben, die kann man nur bezeugen und einladen, sich auf sie einzulassen, denn die Wahrheit erschließt sich in der Begegnung mit Jesus selbst: Kommt und seht. Esst vom Brot des Lebens, macht euch mit mir auf den Weg, lasst euch vom Schein meines Lichtes erleuchten. Und sei es erstmal nur für einen Tag.

Die beiden Suchenden jedenfalls haben den Mut und bleiben bei Jesus. Sie probieren es einfach aus, wie es ist, seine Jünger zu sein. Ohne Garantien blieben sie diesen einen Tag bei ihm.

Und was finden sie bei ihm? Sie werden bleiben – nicht nur für diesen einen Tag, sondern für immer. Und später werden sie in Worte fassen, was sie bei Jesus gefunden haben:

Wir haben den Messias gefunden (V. 41)

sagt der eine. Mit anderen Worten: Wir haben in Jesus den gefunden, der uns rettet, der uns das wahre Leben in Einklang mit Gott zeigt und uns befähigt, es zu leben. Jesus ist unser König, Priester und Prophet.

Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben (V. 45)

sagt der andere. Jesus ist der, der uns zeigt und lehrt, was Gott will und welche Pläne Gott mit uns und mit der Welt hat. Jesus lässt uns die Bibel verstehen und damit auch unser Leben, heißt das.

Und einer wird sagen:

Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel.

Was für ein Bekenntnis: In dir begegnet uns Gott selbst in Person. Was du uns schenkst, ist nicht weniger als lebendige Gemeinschaft mit dem Höchsten selbst.

Mich beeindruckt, wie unterschiedlich diese Bekenntnisse sind. Jesus begegnet diesen mutigen Leuten, die sich auf ihn einlassen, ganz unterschiedlich. Er schert sie nicht alle über einen Kamm, sondern nimmt sie als Person wahr und ernst und begegnet jedem einzelnen von ihnen auf besondere Weise. Für alle wird er bedeutsam und lebenswendend wichtig. Er wird zum Inhalt ihres Lebens, aber alle beschreiben das je anders, weil sie Jesus auf unterschiedliche Art und Weise als Christus erfahren.

Deshalb, liebe Freunde, sind wir zusammen eine Gemeinschaft als so bunter Haufen. Jesus kennt uns als Person und er nimmt jeden einzelnen und jede einzelne von uns individuell wichtig. Aber für uns alle wird er – auf unterschiedliche Art und Weise – zum Christus. Die Christuserfahrung ist es, die uns eint, aber bei verschiedenen Leuten drückt sie sich auf verschiedene Art und Weise aus.

Einer erfährt in Christus vor allem die Vergebung seiner Sünde und Schuld, die andere die Befreiung von einer Sucht. Eine findet in der Stille mit Jesus die Kraftquelle für ihren aufreibenden Alltag, für einen anderen ist sein politisches Engagement Folge der Nachfolge Jesu.

Deshalb auch feiern wir unseren Gottesdienst so bunt und vielfältig, wie wir ihn feiern. Christus feiern, das heißt für uns als bunte Gemeinschaft von Jesus-Leuten, dass wir Lobpreislieder miteinander singen und dabei aufstehen und (manche vielleicht) auch die Hände zur Anbetung erheben und dass wir Freude an evangelischen Chorälen von Paul Gerhard haben und ihren Tiefgang betend nachsingen. Das heißt für uns, dass ruhige, feierliche Liturgie mit alten schönen Worten ihren Platz hat und das spontane Zeugnis in der Zeit der Gemeinschaft gleichermaßen. Das heißt, dass wir lebendige und freie Gebetsgemeinschaften erleben und rhythmisch formulierte Fürbittgebete. Und so weiter und so fort. Die Buntheit unseres Gottesdienstes bedeutet eben gerade nicht, dass wir aus der Not unserer Verschiedenheit eine Tugend machen, sondern dass wir die vermeintliche Not selbst als Tugend, oder besser als Geschenk Gottes erleben. Christus macht aus ganz verschiedenen Menschen Geschwister – Schwestern und Brüder, weil und indem er sie zu Jüngern macht.

Und nun wird im Rest des Johannesevangeliums erzählt, was diese Jünger mit ihrem Rabbi alles erleben: Sie werden ihm zuhören und ihn verstehen (manchmal auch nicht), sie werden ihn bewundern und ihn vieles fragen, sie werden ihn begleiten und unterstützen als Schüler und Helfer und sie werden viele große Dinge von ihm lernen. Und in all dem werden sie in ihm dem Christus Gottes begegnen, der ihr Leben heil macht und ihnen Sinn und Richtung und wahres Glück schenkt.

Auch wir sind – auch du bist – dazu eingeladen, Jesu Jünger zu sein. Es braucht dazu nicht viel: Du musst kein Glaubensbekenntnis unterschreiben und keine Voraussetzungen mitbringen, du musst keine Leistungen vorweisen und keine Lehre verstehen. Alles, was es braucht, ist ein bisschen Mut, es, wie die zwei Neugierigen in Johannes 1 zu versuchen für einen Tag. Jesus sagt: Komm und sieh. Alles andere wird sich geben.

Übrigens... Eine Bemerkung am Schluss: Das erste, was die neuen Jünger Jesu im Johannesevangelium tun, noch bevor sie irgendwelche großen Dinge mit Jesus erlebt haben, ist es, andere einzuladen: Andreas läuft zu Petrus und führt ihn zu Jesus, Philippus zu Nathanael und so weiter. Ich habe gerade erzählt, wie sehr ich den Gottesdienst mit euch schätze: seine Buntheit und Vielfalt, in der wir auf unterschiedliche Art und Weise Christus begegnen und ihn feiern. Und ich weiß, dass viele von euch ihn genauso schätzen. Manche sagen mir das, und mich freut das sehr. Was ich mir wünsche, ist dass wir nun das machen, was Andreas und Philippus getan haben: hingehen und andere einladen, damit diese Bänke hier mal wieder voll werden. Kommt und seht selbst. Wir müssen niemanden bekehren und auch niemandem den Glauben erklären. Kommt und seht und vielleicht begegnet ihr Christus, das reicht. Wäre das was, wenn wir die Adventsgottesdienste nutzten, um das zu tun?