Donnerstag, 22. November 2012

Zwei Themen fehlen...

... meiner Meinung nach im neuen "Wort zur sozialen Lage" (hier klicken) der Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland.

Darf ein Pastor auf Probe in der lippischen Provinz sich überhaupt kritisch äußern zu einem "Wort zur sozialen Lage" der Zentralkonferenz "an die Gemeinden der Evangelisch-methodistischen Kirche"? Manche werden das vielleicht nicht ganz so gerne sehen. Trotzdem will ich es tun, weil das Thema - bzw. die zwei Themen, die im Sozialwort meiner Meinung nach fehlen - mir wirklich am Herzen liegt bzw. liegen. Und ich hoffe - und bin überzeugt davon -, dass meine Kirche mit solch kritischen Anfragen nicht nur leben kann, sondern eine offene und ehrliche Diskussion über das Sozialwort eigentlich ja auch wünscht.

Zunächst: Ich freue mich über das Sozialwort. Besonders freue ich mich über die glasklare biblische Begründung des Einsatzes für Gerechtigkeit. Wir setzen uns deshalb für Gerechtigkeit ein, weil wir von der Gerechtigkeit Gottes leben, von "Gottes Zuwendung und Leben schenkender Macht, die allen Menschen bedingungslos gilt." Und diese Gerechtigkeit Gottes prägt unser Verständnis von politischer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Wir haben dieses Verständnis nicht aus irgendwelchen anderen Quellen, sondern aus unserer Erfahrung, dass Gott in Christus jedem bedingungslos Gerechtigkeit schenkt, der sich im Vertrauen danach ausstreckt.

Wir werden uns also hüten vor Selbst-Gerechtigkeit und davor, politisch oder wirtschaftlich so zu sprechen oder zu handeln, als wäre eine "perfekte", völlig gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung in dieser Welt möglich und als wüssten wir, wie sie aussähe. Das Leben aus und die Bindung an Gottes Gerechtigkeit in Christus macht uns misstrauisch gegen alle Heilsversprechungen ideologischer Art und gegen die Überhöhung von Wirtschaft- und Gesellschaftssystemen zu Götzen.

Vieles in dem Dokument ist es wirklich wert, in den Gemeinden gelesen, studiert und diskutiert zu werden - vor allem, aber nicht nur diese biblisch-theologische Begründung der Gerechtigkeit am Anfang.

Was mich allerdings wundert, ist, dass zwei Themenbereiche in dem Sozialwort komplett fehlen, die meiner Meinung nach doch für ein solches "Wort zur sozialen Lage" hier und heute unentbehrlich sind:
  • Da ist zunächst der ganze Themenbereich Arbeit und Wirtschaft. Der Text beschäftigt sich fast ausschließlich mit Verteilungsfragen: Wer bekommt wie viel vom erwirtschafteten Reichtum ab? Wie kann es gelingen, möglichst allen einen gerechten Anteil an den erwirtschafteten Gütern zu geben - in Form von Teilhabe, Bildung, Einkommen, Rente usw.? Sicher sind diese Fragen ungemein wichtig, aber in dem Sozialwort bleibt die Frage völlig außen vor, wie diese Güter, um deren Verteilung wir uns sorgen, produziert werden. Unternehmer, die phantasievoll und risikobereit gesellschaftlich wichtige Güter und Dienstleistungen produzieren, Arbeitnehmer, die fleißig, flexibel und ebenso phantasievoll Tag für Tag dafür arbeiten, dass es etwas zum Verteilen gibt, kommen in dem Text kaum oder gar nicht vor. Ob das daran liegt, dass an der Formulierung des Sozialwortes nur wenige Unternehmer oder Arbeitnehmer, die nicht im öffentlichen oder kirchlichen Dienst beschäftigt sind, mitgewirkt haben? Ich weiß es nicht. Lediglich einmal im Text gibt es einen Verweis auf ein "Wirtschaften im Dienst des Lebens", wobei in einer Fußnote dann gleich betont wird, dass es dabei keineswegs nur um "ökonomische Faktoren" gehen dürfe. Ein klein wenig Berücksichtigung "ökonomischer Faktoren" hätte ich mir dann aber doch gewünscht. 
  • Das zweite, vielleicht noch wichtigere Thema, das unberücksichtigt bleibt, ist die Schuldenkrise der Wohlfahrtsstaaten, in der wir uns befinden und sind die katastrophalen Auswirkungen, die unser bisheriges Verständnis des Wohlfahrts-, Subventions- und Verteilungsstaates auf die Lebensbedingungen unserer Kinder und Enkel hat. Das Sozialwort wird in einer Zeit veröffentlicht, in der die Wohlfahrtsstaaten des Westens in der wohl größten Krise ihrer Geschichte sind. Jahrzehnte lang haben wir eben nicht gehandelt, wie der weise Josef, der in guten Jahren Erträge des Wirtschaftens zurücklegte, um in schlechten Jahren von ihnen zehren zu können, sondern haben den Staat stetig ein Füllhorn von Leistungen, Wohltaten und Subventionen für alles und jedes und für alle und jeden ausschütten lassen und dieses scheinbar, aber eben wirklich nur scheinbar, nie enden wollende Mehr-und-Mehr an Wohlstand für alle finanzieren lassen mit Schulden zu Lasten der nächsten Generationen. Die einfache (ökonomische!) Regel, nicht mehr auszugeben als wir erwirtschaften können, haben wir dabei ignoriert. Heute sind unsere Staaten deshalb dermaßen überschuldet, dass sie teilweise bereits nicht mehr in der Lage sind, auch nur die Zinsen ihrer Schulden zu bedienen. Wir überlassen die Lasten und Folgen dieser Lebensweise deshalb großzügig unseren Kindern und Enkeln. Auch ein Gerechtigkeitsthema, oder? Vielleicht das wichtigste unserer Zeit. Das Thema Staatsschulden bzw. Krise des Wohlfahrts- und Verteilungsstaates fehlt im Sozialwort aber völlig, genau wie die unverantwortliche Belastung unserer Kinder und Enkel mit den Lasten und Folgen staatlicher Ausgabenfreude heute.
Nochmal: Das Sozialwort ist gut und wichtig zu lesen. Es enthält eine verständliche und nachvollziehbare biblische Begründung unseres Einsatzes für Gerechtigkeit, es enthält viele Vorschläge bzw. Forderungen zu Fragen der gerechten Verteilung, die zu diskutieren und darüber nachzudenken absolut lohnt, und es enthält die wichtige Erinnerung und Ermutigung, als Gemeinden in unserem eigenen Umfeld eine "Kultur der Solidarität und Gerechtigkeit einzuüben". Was mir fehlt, ist die Berücksichtigung ökonomischer Fragen des Wirtschaftens und der Arbeit und - vor allem - das Thema Generationengerechtigkeit und Schuldenstaat. 

Sonntag, 18. November 2012

Mutig für Menschenrechte

(Predigt in der EmK Detmold im Bittgottesdienst für den Frieden am 18.11.2012)


Habt ihr auch solche Texte in der Bibel, mit denen ihr scheinbar nie fertigwerdet? Texte, die ihr schon hunderte Male gelesen habt, aber die in euch immer noch und immer wieder mehr Fragen wecken als Antworten?

Einer der Texte, die für mich zu dieser Kategorie gehören, wurde vom Vorbereitungskreis der Friedensdekade 2012 als Predigttext für diesen Gottesdienst ausgewählt. Ausgerechnet dieser Text. Ich lese Worte aus Markus 7:

Und Jesus stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben,
sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Und sie kam und fiel zu seinen Füßen.
- die Frau war aber eine Griechin aus Syrophönizien – und bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe.
Jesus aber sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder satt werden, Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.
Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja Herr, aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder.
Und Jesus sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin. Der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren.
Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren.

„Mutig für Menschenrechte“ heißt das Motto der Friedensdekade – und ich denke: Na ja, so besonders mutig muss man in unserem Land ja nicht sein, um für Menschenrechte einzutreten. Ja, im Iran und in Nordkorea und auf Guantanamo – immer noch: Da werden die Menschenrechte mit Füßen getreten. Aber hier?

In gewisser Weise stimmt das: Die Menschen- und Bürgerrechte sind in erster Linie Schutzrechte gegenüber dem Staat. Die Macht des Staates wird durch sie begrenzt. Und in der Tat leben wir in einem Staat, der an das Recht gebunden ist, der nicht machen kann, was er will, sondern der die Menschen und Bürgerrechte achtet.

Aber trotzdem stehen Menschenrechte auch in unserem Land jeden Tag aufs Neue auf dem Spiel – nicht so sehr durch den Staat, sondern durch Fanatiker, Extremisten und Fundamentalisten verschiedenster Art und Weise. Und es braucht deshalb Menschen – auch hier -, die mutig für sie eintreten. Beispiele?
  • Ist euch schon aufgefallen, dass wir auf unseren Straßen nur noch ganz wenigen Menschen mit Downsyndrom begegnen? Warum ist das so? Weil das Downsyndrom heute mit Hilfe vorgeburtlicher Diagnostik schon bei Föten im Mutterleib erkannt werden kann. 90 % der ungeborenen Kinder, bei denen das Downsyndrom diagnostiziert wird, werden straffrei abgetrieben. Wir nehmen ihnen das Recht, ihr Leben zu leben, weil sie eine Behinderung haben. Meiner Meinung nach ist das ein Skandal und ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft: Gilt denn die Würde des Menschen für sie nicht?
  • Menschen mit fremdländischem Aussehen, besonders Farbige, sind immer noch Tag für Tag, missbilligenden Blicken, entwürdigenden Schmähungen und immer wieder auch nackter Gewalt ausgesetzt – nicht nur durch Terrorzellen wie die jüngst aufgeflogene NSU, sondern tagtäglich in weniger extremer Form auf Schulhöfen, in Fabrikhallen und Fußgängerzonen.
  • Dass auf Grund unseres Verständnisses der Menschenrechte auch Muslime das Recht haben, Gotteshäuser zu bauen und sich darin zum Gebet zu versammeln, muss immer wieder gegen wütende Proteste von Anwohnern und islamophoben Aktivisten durchgesetzt werden. Gilt denn für sie die Religionsfreiheit nicht?
  • Immer häufiger kommt es vor, dass Lesungen von Buchautoren mit SA-Methoden verhindert oder gesprengt werden, weil die Haltung der Autoren politischen Aktivisten nicht passt. Schon mal was von Meinungsfreiheit gehört?, möchte ich dann rufen.
  • Und so sehr ich die Religionsfreiheit auch für Muslime in unserem Land verteidige, geben manche von ihnen auch heftigst Anlass zur Sorge: solche, die kein anderes Rechtssystem als die Scharia anerkennen und die offen davon sprechen, die Scharia früher oder später auch hier als politische Ordnung durchzusetzen.

Die Beispiele ließen sich fortführen. Was ich sagen will, ist: Die Menschenrechte stehen auch hier bei uns jeden Tag neu auf dem Spiel – vielleicht nicht so sehr wie anderswo durch den Staat, aber doch in unserem Alltag. Sie brauchen Menschen, die sie verteidigen und mutig für sie eintreten.

Warum sollen Jesus-Leute solche Menschen sein? Warum sollten wir Christen in unseren Gebeten, in unserem politischen Handeln und Reden, aber auch in unserem Alltag in den Schulen, Fabriken, Büros und Vereinen, in denen wir leben, mutig für Menschenrechte eintreten?

Der Predigttext gibt auf diese Frage eine überraschende Antwort: Weil wir mit und wie Jesus von den Opfern der tagtäglichen Menschenrechtsverletzungen herausgefordert werden, unsere Grenzen zu überschreiten.

Denn das ist ja das Anstößige für uns an unserem Text: Jesus muss von der Frau aus Syrien mühsam überzeugt werden, seine Grenzen mutig zu überschreiten und anzuerkennen, dass seine eigene Botschaft von Gottes neuer Welt auch für sie, die Nicht-Jüdin, heilsam und bedeutend ist.

Jesu erste Antwort auf die Bitte der Frau um Heilung für ihre Tochter ist mir – und euch vielleicht auch – anstößig. „Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.“ Das passt so gar nicht zu dem Jesus, den wir kennen, oder? Ich bin von Jesus begeistert und liebe ihn dafür und ich folge ihm nach, weil er für Gottes neue Welt steht, sie verkündet und lebt – für die unglaublich großartige Botschaft, dass Gott Gemeinschaft mit allen sucht und um alle wirbt, um das Vertrauen der Frommen und der Sünder, der Gebildeten und der Ungebildeten, der Kranken und der Gesunden, der Behinderten und der Nichtbehinderten, der Prostituierten und der Finanzmarktjongleure und und und. Sie alle lädt Jesus in Gottes neue Welt ein. Ihnen allen spricht er zu: Gott will dich annehmen aus lauter Liebe. Vertraue ihm einfach. Wie großartig.

Aber dann das: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.“ Nur weil die Frau, die ihn anspricht, keine Jüdin ist, sondern eine Heidin, will sie Jesus abweisen. Für mich ist und bleibt das unbegreiflich.

Aber diese Frau: Was für eine Frau! Welche Liebe zu ihrer Tochter, welches Vertrauen zu Jesus, welche Demut und Treue und Hartnäckigkeit. Sie reagiert nicht so, wie man es erwarten würde. Sie geht nicht enttäuscht weg – enttäuscht von diesem Mann, in den sie so viel Hoffnung gesetzt hatte. Nein, sie bleibt dran – mit den unglaublichen Worten: „Ja Herr, aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder.“ Eine faszinierende Frau. Sie spricht nicht nur das aus – als Heidin -, was so wenige begreifen: dass Jesus der Herr ist, der Kyrios. Sondern sie bringt Jesus dazu, seine Antwort zu revidieren, indem sie ihn lehrt – unglaublich, aber wahr – dass Gottes Reich wirklich für alle da ist, dass wirklich alle in Gottes neue Welt eingeladen sind – auch sie, die Jesus so demütigend mit einem Hund verglichen hat. Was für eine phantastische, im Wortsinn wunderbare Frau das ist.

Und Jesus, das versöhnt mich ein wenig, lernt von ihr. Später, nach seinem Tod und seiner Auferstehung, wird er seine Jünger in alle Welt und zu allen Völkern schicken, um Menschen in Gottes neue Welt einzuladen. In der Zeit seines Lebens auf Erden war er überzeugt, nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt zu sein. Hier aber scheint, mitten in Jesu irdischem Leben, herausgefordert von der mutigen wunderbaren Frau, erstmals auf: Gottes Liebe gilt allen, wirklich allen Menschen gleichermaßen. Quasi geschuppst von ihr überschreitet Jesus seine Grenzen. Die Einladung in Gottes neue Welt der Liebe an alle, die lebt Jesus nun, herausgefordert durch diese Frau, auch über Israel hinaus, indem er die Tochter der Frau heilt. Fast möchte man in abgewandelter Form die Worte der ersten Mondlandung zitieren: Ein kleiner Schritt für Jesus, aber ein großer Schritt für die Menschheit.

Und so wie Jesus sich von der Frau aus Syrien daran erinnern ließ, dass Gottes Liebe allen, wirklich allen, gleichermaßen gilt und sich von ihr ermutigen ließ, seine Grenzen zu überschreiten, indem er die Einladung zu Gott auch den Nichtjuden gegenüber lebte und verkörperte, so sind auch wir als seine Jünger eingeladen, unsere Grenzen zu überschreiten und mutig für das gleiche Recht und die gleiche Würde aller einzutreten, wo und von wem immer sie in Frage gestellt wird.

Thorsten Leißer hat Recht, wenn er schreibt:
„Das Beispiel der syrophönizischen Frau macht Mut, sich für den Schutz der Menschenwürde einzusetzen, besonders da, wo diese Würde mit Füßen getreten wird... Die Liste der Verletzungen der Menschenwürde reicht weit und wird immer bedrängender... Flüchtlinge und Arme, Kranke und Entrechtete, Fremde und Fremdgemachte – für sie alle wirft sich die verzweifelte fremde Frau Jesus zu Füßen. Für sie alle ringt sie ihm eine Würde ab, die nicht mit Geld erworben oder durch … Leistungen verdient werden kann.
Christinnen und Christen tun gut daran, sich immer wieder einmal gegenseitig daran zu erinnern, dass Würde keine Frage der Ehre ist, sondern ein Geschenk Gottes. Unverfügbar und doch einklagbar. Der Syrophönizierin sei Dank!“   

Sonntag, 4. November 2012

Das Gute woll'n, das Böse tun - ein Naturgesetz?

Predigt in der EmK Detmold am 04. November 2012


Ich hab es doch nur gut gemeint... Ziemlich bedeppert steht er da, der sonst so coole, nie um einen lockeren Spruch verlegene Mick Briskau. Kennt ihr Mick Briskau, den „Letzten Bullen“ (so heißt die Serie) aus Essen? Klasse Typ, fast schon kultig im Fernsehen. Ich finde ihn höchst amüsant mit seinen Cowboystiefeln und dem 80er-Jahre-Macho-Outfit und -Gehabe. Aber diesmal hat es ihn erwischt bzw.: Seine Freundin hatte es erwischt. Sie wurde angeschossen, hat aber glücklicherweise überlebt. Während ihrer Zeit in der Reha hat Mick all das getan, was ein Macho wie er eben tut für die Frau, die er liebt. Er hat – wie er es ausdrückt – „Verantwortung für sie“ übernommen und 50 Sitzungen beim Psychotherapeuten seiner Wahl für sie gebucht, damit sie ihr Trauma überwinden kann. Er hat, ziemlich liebenswert, eine große Überraschungsparty in seiner Stammkneipe für den Tag ihrer Entlassung organisiert. Und er hat auch gleich mit ihrem Chef gesprochen und mit ihm ausgehandelt, dass sie nach ihrer Entlassung nicht sofort wieder arbeitet, sondern noch ein paar Wochen Auszeit bekommt, um sich zu schonen.

Was Mick ziemlich kalt erwischt, ist: Sie schätzt das alles überhaupt nicht. Klar freut sie sich über die Party – auch wenn sie selbst wohl nicht seine Lieblings-Raucherkneipe als Location dafür ausgewählt hätte -, aber alles andere ärgert sie fürchterlich. Sie ist eine Frau von heute – selbstbewusst und frei von alten Rollenklischees. Sie fühlt sich durch Micks Fürsorge und „Verantwortung“ übergangen, bevormundet. Und das sagt sie ihm auch und verlässt vorzeitig wütend die Party. Und Mick? Wie gesagt: Ziemlich bedeppert steht er da, der sonst so coole, nie um einen lockeren Spruch verlegene „letzte Bulle“. Ich hab es doch nur gut gemeint.

Kennt ihr das? Wir meinen es eigentlich gut, aber wir erreichen das Gegenteil. Oder: Wir wollen das Gute tun – und wir wissen auch ganz genau, was das Gute ist -, aber wir schaffen es nicht, es wirklich zu tun, sondern tun am Ende das Gegenteil. Gute Vorsätze lösen sich in Luft auf – trotz Aufbietung all unserer Willenskraft. Kennt ihr das?

Paulus jedenfalls kennt das ganz genau. Und er schreibt davon im 7. und 8. Kapitel seines Briefes an die Römer:
(12) So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.
(14) Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist, ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.
(19) Denn das Gute, das ich will, tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
(22) Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.
(23) Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde.
(24) Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?
(25) Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!
(8,1) So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
(2) Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Wollt ihr mal zählen, wie oft das Wort „Gesetz“ in diesen Versen von Paulus vorkommt? Es sind 8 mal. 8 mal „Gesetz“ in 9 Versen. Paulus kennt unsere Situation ganz genau. Er weiß, wie das ist: das Gute zu wollen, aber es nicht hinzukriegen und trotz aller guter Absichten nichts Gutes auf die Kette zu kriegen. Das kennt er – wie wir auch. Und er meint ganz offensichtlich, das alles hat etwas zu tun mit dem Gesetz. Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Dass das so ist, liegt, so meint Paulus, am Gesetz. Aber was ist das für ein Gesetz, das Paulus meint.

Ich denke, Paulus bezeichnet in unserem Text mit dem gleichen Wort Gesetz – nomos – drei unterschiedliche Dinge. Und es ist wichtig, damit wir Paulus nicht falsch verstehen, diese drei Arten von Gesetz zu unterscheiden.

Da ist zum Einen das Gesetz Gottes, die Thora. Gott findet sich nicht damit ab, dass wir Menschen ihm und dem Leben in Einklang mit ihm als unserem Schöpfer entfremdet sind. Er beginnt mit Israel seine Heilsgeschichte mitten in der ihm entfremdeten Welt, um uns – alle Menschen - liebevoll zurückzugewinnen. Und dazu, um das zu erreichen, gibt er Israel - durch Mose - und allen Menschen - durch ihr Gewissen - sein Gesetz. Uns begegnet dieses Gesetz Gottes zum Beispiel – und das in einzigartig schöner Weise – in den 10 Geboten Israels: Das Leben ist heilig, deshalb sollen wir nicht töten oder Menschen verletzen, sondern so leben, dass wir andere fördern, statt ihnen zu schaden. Wir wissen das, oder? Das Eigentum sollen wir respektieren – nicht nur unseres, sondern auch das der anderen – und deshalb nicht stehlen, sondern anderen helfen, wo immer wir können. Wir wissen das. Gott liebt die Wahrheit, und deshalb sollen wir wahrhaftig leben, statt falsches Zeugnis zu geben. Wir wissen das. Eine Ehe ist kein Spaß, sondern eine aus Liebe geschlossene und auf Dauer und Treue angelegte Lebensgemeinschaft. Deshalb sollen wir unsere Ehe und die anderer nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, sondern verantwortungsvoll mit Sexualität und Liebe umgehen. Das wissen wir. Und so weiter – ihr kennt die Gebote.

Dieses Gesetz Gottes, sagt Paulus, ist gut für uns. Es gehört zum Heilsplan Gottes für die Welt. Es soll uns nicht knechten oder überfordern, sondern uns die Weisungen Gottes für gelingendes Leben – Leben in Gemeinschaft mit Gott und miteinander – aufzeigen. Es soll Leben ermöglichen gegen den Tod und gegen alles, was gutes Leben verhindert. Deshalb nennt Paulus dieses Gesetz Gottes „heilig, gerecht und gut.“ Wir kennen das Gesetz Gottes und wir wissen: Es wäre gut, wenn wir nach seinen Maßstäben leben würden. Wir wollen so leben – integer, treu, wahrhaftig, heil. Stimmt's? Wir wollen „mit Gott wandeln“, wie es die Bibel nennt.

Was hindert uns daran? Was führt dazu, dass wir nicht das Gute tun, das wir wollen, sondern das Böse, das wir nicht wollen? Paulus sagt: Es gibt da noch ein anderes Gesetz „in unseren Gliedern“, also ein Gesetz, das unser alltägliches Handeln bestimmt und prägt: das Gesetz der Sünde. Dieses Gesetz mögen wir nicht und wir wollen ihm auch nicht folgen, aber es ist trotzdem da und es hat Macht über unser Handeln. Es widerstreitet dem guten Gesetz Gottes, seiner heilvollen Weisung, der wir folgen wollen. Und doch: Faktisch unterstehen wir diesem Gesetz und können nicht ausbrechen aus seiner Macht. Es „hält mich gefangen“, schreibt Paulus.

Das ist unsere Situation, die Paulus ganz realistisch beschreibt, und es gehört Mut dazu, sich ihr zu stellen und sie nicht zu leugnen: Wir sind faktisch gefangen in diesem anderen Gesetz. Und deshalb gelingt es uns nicht, unseren guten Absichten zu folgen und so integer und glaubwürdig zu leben, wie wir es wollen. Und: Wir haben nicht die Macht, uns von diesem anderen Gesetz selbst zu befreien.

Dieses andere Gesetz ist quasi ein Naturgesetz, so wie zum Beispiel das Gesetz der Schwerkraft. Diese Packung Tempos hier wird nach unten fallen – zwangsläufig. Das sagt das Gesetz der Schwerkraft. Ich kann die Packung nach oben werfen und damit dem Gesetz der Schwerkraft ein Schnäppchen schlagen. Aber trotzdem fällt die Packung nach ganz kurzer Zeit wie der nach unten. Da bin ich machtlos. Und selbst wenn ich all meine Kraft aufwende und sie so fest ich kann nach oben werfe – sie fällt wieder herunter. Ich kann die Tempos festhalten, stimmt's? Aber auch das geht nicht ewig. Irgendwann muss ich sie loslassen und dann – fallen sie nach unten. So ist das mit Naturgesetzen. Wir haben über sie keine Macht, wir können sie nicht dauerhaft durchbrechen. Jeder Versuch dazu ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Und so, sagt Paulus, ist das auch mit dem Gesetz der Sünde, dem anderen Gesetz in unsern Gliedern, das dazu führt, dass wir das Böse tun, obwohl wir das Gute tun wollen. Wir können es nicht durchbrechen. Jeder Versuch dazu ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wir können uns bemühen, das Gute zu tun, wir können es uns ganz fest vornehmen und alle unsere Kraft dazu aufwenden. Am Ende tun wir es nicht. Das andere Gesetz ist ein Naturgesetz, das wir nicht durchbrechen können. Wir sind ihm gegenüber vollkommen machtlos – so machtlos wie Mick Briskau oder wie die Alkoholikerin, die sich Abend für Abend vornimmt: Ab morgen bin ich trocken. Ihr Mann hat es ihr gesagt, ihre Kinder haben es ihr gesagt, und sie weiß es auch selbst: Der Alkohol ist Gift für sie. Sie ist abhängig davon, nicht mehr Herrin ihrer selbst. Ihre Leber ist krank, und Abend für Abend, wenn sie ihren Pegel erreicht hat, ist sie nicht mehr sie selbst. Die freundliche und ausgeglichene Frau, sie sie eigentlich ist, wird durch das Trinken zu einem jähzornigen, leicht erregbaren Nervenbündel. Sie weiß das alles – und wieder liegt sie im Bett neben dem Mann, der sie liebt, dämmert vor sich hin und denkt: Ab morgen... Und dieser Morgen kommt wie jeder Morgen – und bevor sie überhaupt gefrühstückt hat, hat sie das erste Glas Wein des Tages schon intus. So ist das mit dem anderen Gesetz in unseren Gliedern. Wir wollen das Gute, aber wir tun das Böse.

Wer sich diesem Naturgesetz stellt und den Mut hat, seiner Macht ins Auge zu sehen, der kann gar nicht anders, als mit Paulus auszurufen: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“

Ja, wer? Wer könnte das – uns von diesem Naturgesetz befreien? Einer kann es und tut es – und von dem schreibt Paulus auch. Er schreibt davon wieder, indem er das Wort „Gesetz“ gebraucht, aber diesmal meint er nicht das gute Gesetz Gottes und auch nicht das ihm widerstreitende andere Gesetz in unseren Gliedern, das Naturgesetz der Sünde, sondern er schreibt vom „Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus“. Dieses dritte Gesetz, das Gesetz des Geistes Jesu, das kann – anders als wir selbst, uns frei machen vom Gesetz der Sünde. Es ist stärker als dieses Naturgesetz. Wer sich dem Geist Jesu anvertraut, wer sich entschließt, mit Jesus zu leben, der erfährt, dass Befreiung vom Gesetz, immer nur Böses hinzukriegen, obwohl man das Gute will, wirklich möglich ist. Und wie geschieht das? Auf dreierlei Weise:

1. Jesus ermöglicht dir einen Neuanfang.

Das Problem mit dem Gesetz der Sünde ist, dass es uns festlegt auf unsere Vergangenheit: So wie wir sind, sind wir geworden, und so werden wir auch morgen sein. Die Handlungsmuster unserer Vergangenheit prägen unser Handeln jetzt und werden es auch morgen prägen. So flüstert es uns das Gesetz der Sünde ein. Mick Briskau kann nicht anders handeln, als er es tut. Aber Jesus schenkt Vergebung. Er sagt: Wenn du zu mir kommst und wirklich umkehren und neu anfangen willst - die Bibel nennt das Buße -, dann vergebe ich dir alle deine Schuld. Ich streiche sie durch. Du kannst neu anfangen, als sei alles Vergangene gar nicht geschehen. So ist die Vergebung, die Jesus schenkt. Sie ist nicht nur ein lasches und halbherziges „Lass mal gut sein“ oder ein „So bist du eben, da kann man nichts machen“, sondern sie ermöglicht dir einen echten Neuanfang. Denn Jesus weiß: So bist du eben nicht. Gott hat dich ganz anders gemeint und gewollt und geschaffen. Jesus sieht in dir nicht den, der du geworden bist, sondern immer schon den, der du sein könntest. Deshalb gibt es keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Und

2. Jesus macht aus dem „Ich muss“ des Gebotes ein „Ich darf.“

Jesus ist die personifizierte Gnade Gottes. So wie Gott dir in Jesus Vergebung schenkt, umsonst aus Gnade, so schenkt er dir in Jesus auch Veränderung und Erneuerung, umsonst aus Gnade. Die Gebote Gottes sind dann nicht mehr das, was du alles tun musst, sondern sie sind die Chancen, die Gott dir gibt, Veränderung wirklich zu erleben. Sie werden vom „Ich muss“ zum „Ich darf“.

Der Mensch ohne Christus ist wie ein Hamster in seinem Rad. Er strampelt sich jeden Tag ab, ein guter Mensch zu sein – integer zu leben, aber er merkt jeden Tag neu: Ich krieg das nicht hin. Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Der Mensch, der Jesus vertraut und mit ihm lebt, der erfährt: Alles ist Gnade. Nicht ich muss strampeln wie der Hamster in seinem Rad, sondern Jesus nimmt mich aus dem Hamsterrad heraus und verändert mich durch seinen Geist. So wie die Vergebung als Neuanfang, den mir Jesus ermöglicht, ein Geschenk ist, echte Gnade, so ist es auch die Verwandlung. Jesus verändert mich - Schritt für Schritt -, indem ich von ihm lerne, wie gutes Leben wirklich funktioniert – aber eben nicht durch mein tägliches Kämpfen und Mich-Abmühen, sondern durch seinen Geist. Jesus schreibt mir keine To-do-Liste mit Geboten: Das musst du tun und das und das und das. Sondern er wartet jeden Tag neu auf mich in seinem Wort, um mich durch das Leben zu begleiten und mir Chancen aufzuzeigen, mich von seinem Geist verwandeln zu lassen. Und das heißt

3. Jesus macht dich wirklich frei

Jünger Jesu sind freie Menschen. Sie sind frei von den Festlegungen ihrer Vergangenheit. Jesus hat sie davon befreit durch seine Vergebung. Und sie sind frei vom Naturgesetz der Sünde. Auch in ihrem Leben passiert das, dass sie nicht das Gute hinkriegen, das sie tun wollen, sondern nur das Böse, das sie nicht wollen. Aber sie wissen dann: Mir ist vergeben. Das Gesetz der Sünde hat keine Macht mehr über mich. Es kann mich nicht festlegen, sondern Jesus arbeitet schon an mir und verwandelt mich. Seine Gnade ist bei mir schon am Werk, sein Geist prägt meinen Geist und – langsam, ganz langsam – erneuert und verwandelt er mich – jeden Tag ein bisschen. Und manchmal, vielleicht zunächst nur selten, aber dann doch mehr und mehr erleben Jünger Jesu dann mitten in ihrem Alltagsleben auch, wie das wirklich passiert: Nicht das Böse, das ich nicht will, tue ich, sondern das Gute, das ich will, das gelingt mir auch – aus Gottes Gnade.