Sonntag, 9. September 2012

Der Glaube Jesu (Teil 1 von 3) - Gott ist der Eine

Predigt in der EmK Detmold am 9. September 2012

Erinnert ihr euch: Vor einigen Wochen haben wir uns hier im Gottesdienst ausgetauscht über die Frage: Was bedeutet Jesus dir persönlich? Was glaubst du, wer Jesus ist? Wir haben uns gegenseitig erzählt, was unser Glaube an Jesus beinhaltet. Ich war beeindruckt, wie unterschiedlich unsere Antworten waren: Vom Retter war da die Rede und vom König und vom Vorbild und vom Lehrer. Ganz unterschiedlich sind unsere Christuserfahrungen. Und das ist gut so. Mein Vorschlag war: Lasst uns (neu) lernen, uns gegenseitig und anderen Menschen zu erzählen, was Jesus für uns ist, wie wir ihn erfahren und glauben.

Bei all den unterschiedlichen Antworten auf die Frage, was Jesus uns bedeutet, stellt sich natürlich automatisch die Frage nach dem Kriterium. Gibt es etwas, an dem sich unsere Antworten messen lassen müssen? Gibt es so was wie einen Rahmen, innerhalb dessen sich unsere Christuserfahrungen bewegen und der uns hilft, zu beurteilen, ob es wirklich Jesus ist, von dem wir da reden?

Ich meine: Ja. Es gibt einen solchen Rahmen. Und das ist der Glaube Jesu selbst. Unser Glaube an Jesus kann nur dann echt sein, wenn er dem Glauben Jesu nicht widerspricht, sondern mit ihm übereinstimmt und sich aus ihm speist. Dass wir so unterschiedliche Christuserfahrungen haben, ist  toll. Es ist kein Mangel, sondern Reichtum. Jesus begegnet unterschiedlichen Menschen unterschiedlich. Aber alle unsere Christuserfahrungen, wenn sie wirklich Erfahrungen Christi sind, stimmen darin überein, dass die dem Glauben Jesu selbst entsprechen. Der Glaube an Jesus ist gebunden an den Glauben Jesu!

Was aber ist der Glaube Jesu? Jesus hat uns ein Bekenntnis seines Glaubens hinterlassen - eine Zusammenfassung dessen, was er für das Wichtigste hält. Wir lesen davon in Markus 12 ab Vers 28. Ein Schriftgelehrter, der viel von Jesus hält und ganz offenbar so von ihm beeindruckt ist, dass er von ihm lernen will, fragt ihn: Welches von allen Geboten ist das wichtigste? Mit anderen Worten: Was zählt wirklich im Leben? Woran glaubst du, Jesus? Und Jesu Antwort lautet:

Das Wichtigste ist dies: Höre, Israel. Der HERR, unser Gott, ist der einzige Herr. Und du sollst den HERRn, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft lieben. Das zweite ist ebenso wichtig: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Kein anderes Gebot - nichts - ist wichtiger als diese beiden.

In wenigen Worten - Zitaten aus der Thora, der Heiligen Schrift Israels - schafft es Jesus, klar darzustellen, was für ihn das Wichtigste ist, worum es für ihn beim Glauben geht.

Ich möchte in einer Predigtreihe dieses Glaubensbekenntnis Jesu mit euch auslegen und bedenken. Immer mit Gedanken im Hinterkopf: Das, was wir glauben, unser Glaube an Jesus, soll mit dem, was Jesus selbst glaubt, übereinstimmen, davon geprägt und inspiriert sein. Denn davon bin ich überzeugt: Diese Worte Jesu können uns wirklich inspirieren zu einem authentischen, lebendigen, mit Jesus verbundenen Glauben. Heute will ich mit euch über den ersten Satz des Glaubensbekenntnisses Jesu nachdenken: Höre Israel: Der HERR, unser Gott, ist der einzige Herr. “Der Glaube Jesu - Gott ist der Eine.” In zwei Wochen ist dann der zweite Satz unser Thema: das Gebot, Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen Gedanken und aller Kraft. “Der Glaube Jesu - Gott ist die Liebe.” Und heute in vier Wochen, am Erntedankfest, beschäftigen wir uns mit dem dritten Satz: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. “Der Glaube Jesu - Gott ist der Andere.”

Heute also wollen wir uns ganz konzentrieren auf den ersten Satz des Glaubensbekenntnisses Jesu: Das wichtigste, sagt Jesus, ist dies: Höre, Israel. Der HERR, unser Gott, ist der einzige Herr.

Zunächst ist hier zu sagen: Jesus spricht hier ganz und gar als Jude. Die Kirche hat viele Jahrhunderte lang das Jude-Sein Jesu viel zu wenig bedacht und in ihren Glauben an Jesus einbezogen. Aber Jesus, das wird hier bei seinem eigenen Glaubensbekenntnis ganz deutlich, war ganz und gar Jude. Er zitiert, gefragt nach seinem eigenen  Glauben, das Glaubensbekenntnis Israels, das Sch’ma Jisrael. Für fromme Juden ist der erste Teil des Glaubensbekenntnisses Jesu von jeher Bestandteil ihres täglichen Gebetes: Höre Israel, Adonaj, unser Gott, ist der einzige Herr. Und du sollst Adonaj, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft lieben. Jesus teilt dieses Glaubensbekenntnis Israels. Und: Wenn er seinen eigenen Glauben bekennt, verändert er es nicht, sondern zitiert es wortwörtlich.

Wir werden im zweiten und dritten Teil der Predigtreihe sehen, dass Jesus das Sch’ma Jisrael zwar nicht verändert, aber bemerkenswert vollmächtig neu versteht, revolutionär lebt und ergänzt. Aber zuerst sehen wir und sollten festhalten: Jesus verändert das Glaubensbekenntnis Israels nicht, sondern spricht seinen Glauben als Jude aus: ohne jegliche Abstriche.

Das zu verstehen hat Folgen: Wenn unser Glaube an Jesus sich am Glauben Jesu messen lassen und orientieren muss, dann kann uns als Jüngern Jesu Israel als Volk Gottes nicht gleichgültig sein. Wer mit Jesus geht und lebt und ihm nachfolgt, muss geradezu selbstverständlich an Israels Seite stehen.

Und das sind keine theologisch-abstrakten folgenlosen Überlegungen. Jünger Jesu, die sich dieses Zusammenhangs bewusst sind und mit Jesu Glaubensbekenntnis leben, werden ganz praktisch an der Seite der Juden stehen und die Verbundenheit und Solidarität mit ihnen leben - gerade dann, wenn das unbequem ist.

Ihr wisst, dass ich zurückhaltend bin mit tagespolitischen Meinungsbekundungen in meinen Predigten. Manche von euch begrüßen das, manche kritisieren das. Heute will ich das tun: Wenn in unserem Land der Schutz von Kindern gegen die Möglichkeit von Juden, ihren Glauben inklusive der Beschneidung offen zu leben, gegeneinander ausgespielt werden, dann werden Jünger Jesu, der ja selbst beschnitten war, dem energisch widersprechen und sich für das Recht der Juden, ihren Glauben zu leben, einsetzen. Die Beschneidung ist für lebendiges jüdisches Leben konstitutiv und nicht verzichtbar. Für mich ist es undenkbar, widerspruchslos zuzusehen, wenn mit dem Verbot der Beschneidung jüdisches Leben in Deutschland wieder kriminalisiert oder unmöglich gemacht wird. Als Gemeinde Jesu müssen wir hier widersprechen und für unsere jüdischen Geschwister einstehen.

Jesus als war Jude und teilt in vollem Umfang das Sch’ma, das Glaubensbekenntnis Israels. Und das heißt zuerst: Höre Israel, der HERR, unser Gott, ist der einzige Herr. Gott ist der Eine.

Die Einzigkeit Gottes ist Israels Grunderfahrung. Israel lebt - wie wir - in einer Welt voller Götter bzw. voller Mächte, die behaupten, Götter zu sein. Jesus glaubt - mit seinem Volk - daran, dass Gott der Eine ist, neben dem es keine anderen Götter gibt. Das hieß zu seiner Zeit auf der Erde zum Beispiel: Die Macht Roms ist nicht die höchste Macht. Der Cäsar ist nicht Gott. Gott ist nur Einer: Adonaj.

Jesu Predigt vom Reich Gottes, von Gottes neuer Welt, meint: Gott beansprucht nicht nur einen Bereich der Welt für sich - etwa den Tempel oder heute die Kirche, sondern Gott will die ganze Welt verwandeln und erneuern. Warum? Weil Gott der Eine ist.

Wer erfährt, dass Gott der Eine ist und dass dieser eine ein Projekt hat - die neue Welt Gottes - und uns einlädt, bei diesem großen Projekt mitzumachen, dessen Leben wird verwandelt. Jesus lädt uns ein, Gott als den Einen zu entdecken und uns auf eine lebenverändernde Reise zu machen, die in einer lebendigen Beziehung zu diesem Einen gründet. Ich will zwei Bereiche nennen, in denen das für mich wichtig geworden ist:

1. der Bereich der Politik

Wenn Gott der Eine ist und die ganze Welt verwandeln will, dann macht mich das misstrauisch gegen alle möglichen politischen Ideologien. Meist fangen ihre Namen mit irgendwas an und hören mit -ismus auf: Nationalismus, Sozialismus, Kapitalismus... Wo immer sich Menschen selbst im Namen einer solchen Ideologie zu Gott aufschwingen, werden wir als Christen widersprechen: egal ob es um das vermeintliche Recht auf Abtreibung geht, um einen ungerechten Krieg oder um eine Ideologie, die uns weismachen will, eine Gruppe von Menschen - Behinderte, Ausländer, Bänker - sei schuld an allen Problemen.

Politik ist wichtig, und ich freue mich über jeden, der sich einmischt und engagiert, um die Welt ein bisschen friedlicher, gerechter, freier und schöner zu machen.

Aber wenn Gott, dem wir dienen und von dessen Zuwendung wir leben, der Eine ist, wie Jesus sagt, dann verlieren politische Ideologien für uns ihre Macht und haben nur noch relative Bedeutung. Wir leben vielleicht in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die Vorteile und Nachteile hat. Darüber können wir streiten. Aber vergöttern werden wir weder diese Ordnung, wie sie ist, noch eine andere, die wir vielleicht als Alternative zu ihr erstreben. Und für das “Ende der Geschichte” werden wir sicher keine politische oder Wirtschaftsordnung halten. Warum? Weil Gott der Eine ist.  Und im Zweifel werden wir auch in politischen Fragen ihm, dem Einen,  mehr gehorchen als den Menschen.

2. der persönliche Bereich

Weil Gott der Eine ist, erleben wir Gottes Reich, seine Herrschaft, mit Jesus nicht dualistisch, sondern messianisch. Das klingt kompliziert, ich will es aber erklären:

  • Ein dualistisches Verständnis des Reiches Gottes sagt: Es gibt bestimmte Bereiche, da geht es um Gott und in denen will Gott wirken und herrschen und seine neue Welt durchsetzen.
    • Sonntags geht es um Gott, Montags bis Freitags um Arbeit und Freizeit und Geld.
    • Im Gottesdienst geht es um Gott, danach um die Familie.
    • In der Stillen Zeit geht es um Gott, danach gelten andere Maßstäbe.
Das ist ein dualistisches Verständnis des Reiches Gottes. Es trennt zwischen heiligen und profanen oder weltlichen Bereichen, in denen andere als Gottes Maßstäbe gelten. Aber dieses Verständnis wiederspricht dem Reichtum des Glaubens an den einen Gott.
  • Wenn Gott einer ist, dann erfasst seine neue Welt alle Lebensbereiche - nicht nur den Tempel. Das ist messianisch. Das hat Jesus gelebt. Er hat die Grenzen zwischen dem, was heilig und dem, was profan ist, zwischen dem, was rein und dem, was unrein ist, zwischen Tempel und Alltag, aufgehoben. Der eine Gott will diese Grenzen nicht.

Mit Jesus leben heißt dann nicht zuerst, am Sonntag in die Kirche zu gehen und auch nicht, jeden Tag eine halbe Stunde zur “heiligen” Zeit zu erklären und ansonsten nach anderen Maßstäben und Werten zu leben, sondern mit Jesus leben heißt, Gott in allen Lebensbereichen zu erfahren und seiner neuer Welt immer auf der Spur zu sein: in der Familie, auf der Arbeit, in der Freizeit, im Stadion, beim Fernsehen...

Beispiele:
  • Einem dualistisch verstanden Gott wäre es egal, was wir fernsehen, wenn noch Raum für unsere Stille Zeit davor oder danach bleibt, der eine Gott interessiert sich dafür und fragt, wie wir unsere Freizeit verbringen.
  • Einem dualistisch verstandenen Gott wäre es wurscht, wie wir unsere Karriere organisieren, solange wir am Sonntag in den Gottesdienst gehen, der eine Gott will uns helfen, auch in der Arbeitswelt heile Beziehungen zu leben und zu erleben und durch unsere Arbeit an seinem Reich mitzubauen.
  • Ein dualistisch verstandener Gott interessiert sich nicht dafür, wie wir unsere Kinder erziehen, solange wir sie dazu anhalten in die Gemeinde zu kommen und in der Bibel zu lesen, der eine Gott hilft uns, mit ihnen die Liebe und seine neue Welt im Alltag zu leben.
  • Einem dualistisch verstandenen Gott wäre es egal, wie wir mit unserem Geld umgehen, solange wir etwas für die Kirche übrig haben, der eine Gott ermutigt uns, jeden einzelnen Euro als Geschenk anzusehen, das wir so gebrauchen können und sollen, dass es seiner neuen Welt dient.   

Versteht ihr? Glaube an Gott, der sich an Jesu Glaube orientiert, verträgt sich nicht mit Dualismus, mit der Trennung von Heilig und Profan, sondern geht aufs Ganze. Glaube an Gott, das ist die abenteuerliche Reise, auf die wir uns machen, durch die Gott unser ganzes Leben verwandeln will. Warum? Weil Gott der Eine ist, der mit seiner neuen Welt alle Lebensbereiche erfassen und durchdringen und heil machen will.

Jesus lädt uns ein, mit ihm gemeinsam den Glauben an den einen Gott zu leben. Die dualistische Trennung von Rein und Unrein, von heiligen und profanen Orten und Zeiten hebt Jesus auf. Er macht sich selbst unrein - durch seine Gemeinschaft mit Zöllnern und Sündern - und macht die Unreinen rein. Er verkündet und lebt Gottes neue Welt mitten im Alltag und nicht nur am Sabbat, auf den Straßen und nicht nur im Tempel. Und er ermutigt uns dazu, uns anstecken zu lassen von seinem Glauben an den Einen, der die Welt verwandeln will.

Im Abendmahl, das wir gleich miteinander feiern, will uns Jesus seine Gegenwart schenken, nicht als heiligen Moment, der schnell vergeht, und danach leben wir wieder nach ganz anderen Maßstäben, sondern als Kraftquelle für unsere Reise mit dem einen Gott. Ich wünsche uns allen, dass wir den Reichtum und die verwandelnde Kraft, die im Glauben Jesu an den Einen liegen, heute erfahren und mitnehmen.


(Die Predigtreihe "Der Glaube Jesu" basiert auf Gedanken nach dem Lesen des Buches "The Jesus Creed" von Scot McKnight.)