Sonntag, 29. Juli 2012

Königreich Gottes 2.0 - Teil 1 von 2

Predigt in der Immanuelkirche der EmK in Detmold am 29.07.2012

Der Friede Christi sei mit euch allen. Amen

Wir saßen in einem chinesischen Restaurant in Tyson's Corner in Virginia, erzählt Brian Mc Laren, und ich schlürfte gerade meine scharfe, saure Suppe, als mein Freund zu mir sagte: „Ist dir eigentlich bewusst, dass die meisten frommen Leute keinen blassen Schimmer haben, worum es bei der guten Nachricht überhaupt geht?“ Da ich mich selbst durchaus für fromm halte, fühlte ich mich durch seine Behauptung doch ein bisschen herausgefordert. Statt zu antworten starrte ich jedoch auf meine Suppe. Ich hoffte, er würde diese Sache klären, ohne mich nach meiner Meinung zu fragen. Aber dafür war er ein viel zu guter Pädagoge. „Was meinst denn du, was die gute Nachricht ist, Brian?“
Ich antwortete mit Zitaten des Apostels Paulus aus dem Neuen Testament – Aussagen über die Rechtfertigung aus Gnade, über die Erlösung als Geschenk, über Christus, der sich stellvertretend für meine Sünden geopfert hat.
Das ist genau das, was die meisten Frommen sagen,“ entgegnete er lächelnd und ließ die Spannung noch einige Zeit im Raum hängen. Mir kam es jedenfalls sehr sehr lange vor.
Ich sah von meiner Suppe auf und fragte etwas hilflos: „Na gut, und was würdest du sagen? Was ist die Gute Nachricht, wenn nicht das?“ Ich machte mich auf falsche Lehren gefasst – neue Einsichten erwartete ich nicht. Hey, ich bin Pastor oder nicht?
Da antwortete mein Freund: „Die neue Welt Gottes steht vor der Tür. Das war die Botschaft Jesu. Meinst du nicht auch, wir sollten uns von Jesus sagen lassen, was die Gute Nachricht ist?“

Recht hat er – der Freund von Brian Mc Laren. In Markus 1, 14-15 heißt es über das Auftreten Jesu: „Nachdem Johannes verhaftet worden war, ging Jesus nach Galiläa, um dort die Botschaft Gottes zu predigen. Jetzt ist die Zeit gekommen, verkündete er. Das Königreich Gottes ist nahe. Kehrt euch ab von euren Sünden und glaubt an diese gute Nachricht.“

Das ist die gute Nachricht, die Jesus verkündete – durch seine Predigten, durch seine Gleichnisse, durch seinen Lebensstil und durch seine Wunder, durch seinen Tod und seine Auferstehung: Die Königsherrschaft Gottes ist nahe. Inhaltlich, davon bin ich überzeugt, ist das nichts Anderes als das, was Paulus in seinen Briefen von Sünde, von Jesu Opfertod und von der unverdienten Gnade schreibt, die Gott uns anbietet. Aber wir sollten, das habe ich ja in der letzten Woche deutlich zu machen versucht, lernen, Paulus von Jesus her zu interpretieren und nicht umgekehrt. Paulus legt Jesus aus für ganz bestimmte Leute. Aber er will nichts Anderes sagen als Christus selbst. Und genau vor der gleichen Aufgabe wie Paulus stehen auch wir heute: Christus auszulegen für die Menschen unserer Zeit in ihrer/unserer Sprache.

Bei dem Begriff „Königreich Gottes“ als Zentralinhalt der Guten Nachricht wird ganz deutlich, dass wir dabei nicht einfach wiederholen können, was Jesus sagt. Wie Paulus müssen wir Jesu Botschaft übersetzen in unsere Sprache. Jesus sagt: „Glaubt an diese gute Nachricht – das Königreich Gottes ist nahe.“

Wir haben heute mit dem Begriff Königsherrschaft Gottes so unsere Schwierigkeiten. Wir kennen ja gar keine Könige mehr, die wirklich was zu sagen haben, oder? Wir alle sind in einer Republik aufgewachsen. Könige kennen wir nur aus zwei Zusammenhängen:
  • aus dem Fernsehen, wenn über andere Länder berichtet wird. Meist aber sind das dann konstitutionelle Monarchien. Das heißt, der König repräsentiert zwar noch das Land, er steht formal an der Spitze, aber zu sagen hat er nichts mehr. Das macht wie bei uns ein gewähltes Parlament. Oder
  • wir kennen Könige aus dem Geschichtsunterricht. Früher, da herrschten Fürsten und Könige über das Land. Nur: Die Könige, von denen wir da hören, sind oft oder sogar meistens wahre Tyrannen, die mit Gewalt herrschen - und genau das hat Jesus mit seiner Botschaft von der Königsherrschaft Gottes ja gerade nicht gewollt. „So soll es unter euch nicht sein“, hat er gesagt.

Wie also können wir die Gute Nachricht von der Königsherrschaft Gottes, die in Jesus auf die Welt gekommen und angebrochen ist, heute aussagen – so aussagen, dass es in unserer Zeit und unserer Sprache bedeutsam wird? Ich möchte heute und in der nächsten Woche jeweils drei Vorschläge dazu machen.

Mein erster Vorschlag: Gottes Traum

Jesus verkündete: Glaubt an die Gute Nachricht: Gottes Traum für seine Schöpfung ist nahe. Darum geht es doch bei dem, was Jesus bringt: Gottes Traum, seine Vision, wie wirkliches Leben aussieht, wird Wirklichkeit, wo Menschen sich auf Jesus einlassen und ihm erlauben, sie zu prägen und zu verändern. Schon bei der Schöpfung hatte Gott diesen Traum: dass die Menschen in Gemeinschaft untereinander – deshalb Mann und Frau – und mit ihm leben, dass sie echte liebevolle Beziehung leben. Und genau das – dieser Traum – wird mit Jesus Wirklichkeit, gegen alles, was dagegen spricht.
  • Gott träumt von einer Schöpfung, in der Menschen nicht je für sich allein als einsame Monade leben, sondern in echter liebevoller Gemeinschaft. Jesus bringt Menschen zusammen: Alte und Junge, Reiche und Arme, Männer und Frauen, Behinderte und Nicht-Behinderte, Menschen aller Nationen, Bücherwürmer und Smartphone-Junkies und und und. Lebendige Gemeinschaft der Verschiedenen – das ist die Jesus-Bewegung.
  • Gott träumt von einer Schöpfung, in der keiner auf seine Fehler und seine Schuld festgenagelt wird, sondern in der jeder die Chance zu einem Neubeginn bekommt. Jesus spricht vollmächtig ausgewiesenen Sündern Vergebung zu und beruft sie zu einem neuen Leben. Er gibt niemand auf.
  • Gott träumt von einer Schöpfung, in der alle Menschen ihm nahe sind: nicht nur die Frommen oder sowieso Religiösen, sondern gerade die, die sich schwer mit der Religion tun. Jesus lädt alle in Gottes Traum ein: die Pharisäer und Frommen genauso wie die Prostituierten und Zöllner, die Besessenen und die Freigeister.

Ein schönes Bild finde ich: Gottes Traum ist in Jesus nahe gekommen. Und Jesus lädt uns ein, ihn mitzuträumen und den Traum Gottes zu leben. „Glaubt an die Gute Nachricht: Gottes Traum für seine Schöpfung ist nahe.“

Der zweite Vorschlag: Gottes Verschwörung

Jesus verkündete: Glaubt an die Gute Nachricht: Gottes Verschwörung ist schon im Gange.

In der Folge der 68er-Bewegung wurde Jesus oft als Revolutionär gezeichnet und gedeutet. Viele stellten ihn sich so vor wie einen jüdischen sanftmütigen Che Guevara. Und ich will mich darüber gar nicht lustig machen, denn da ist schon was Wahres dran. Die Herrschaft Gottes, wie Jesus sie verkündigt und bringt, ist absolut revolutionär. Nicht mehr exklusiv im Tempel ist Gott zu finden, sondern er ist und kommt jedem Menschen nahe. Im Tempel bringt Jesus alles durcheinander und schmeißt die religiösen Geschäftemacher kurzerhand raus. Gott ist nicht mehr nur bei den Frommen, sondern bei den Leuten auf der Straße – bei denen, die als besessen und irre gelten, bei den Außenseitern und Sexsüchtigen und Kleinkriminellen. Jesus schmeißt die alten Werte dieser Welt gründlich über den Haufen und verkündet einen ziemlich revolutionären Gott – das stimmt. Deshalb ist er ja für die religiöse Hierarchie des Tempels anstößig – so anstößig, dass sie ihn umbringen wollen.

Trotzdem habe ich Probleme mit dem Begriff Gottes Revolution für die Königsherrschaft Gottes. Mit Revolution verbinden wir einen politischen Umsturz – oft einen gewaltsamen. Die Herrscher werden entmachtet und an Stelle ihrer Herrschaft eine andere Herrschaftsform eingeführt. Aber genau das tut und will Jesus ja nicht. Er ruft nicht dazu auf, die römische Herrschaft zu stürzen, auch nicht dazu, die führenden religiösen Kräfte zu entmachten. Im Gegenteil: Seine Jünger sollen tun, was die Pharisäer (nur) predigen und sollen dem Kaiser geben, was ihm zusteht. Jesu Revolution ist anders als die Revolutionen, die wir kennen. Deshalb schlage ich den Begriff Gottes Verschwörung vor.

Jesus wendet sich im Namen Gottes den Armen zu – und er tut das radikal. Er deckt den Skandal der Armut prophetisch auf. Aber er tut das nicht, indem er nach staatlichen Sozialprogrammen ruft, sondern indem er Gottes neue Welt verkündet, in der eine arme Witwe mit ihren zwei Silbergroschen, die sie gibt, verblüffend radikal teilt, in der Zachäus die Hälfte seines Besitzes den Armen gibt, in der Tausende satt werden, weil Jesus mit ihnen teilt. Versteht ihr, was ich meine?

Die neue Welt Gottes, wie Jesus sie verkündigt, setzt sich nicht wie eine typisce Revolution durch, sondern eher wie eine Verschwörung – indem Menschen anfangen, sich von Jesus verändern zu lassen, indem sie anfangen, anders zu leben, den Lebensstil Jesu nachzuahmen, radikal und risikobereit zu teilen zum Beispiel und sich den Armen zuzuwenden oder Feinde durch Vergebung und Zuwendung zu entfeinden. Wie ein Sauerteig im Brot wirken diese von Jesus veränderten Menschen: Sie durchsäuern und verändern die ganze Gesellschaft mit ihrem neuen, von Jesus inspirierten Lebensstil.

„Glaubt an die Gute Nachricht: Gottes Verschwörung in dieser Welt ist schon im Gange. Macht mit.“

Und der dritte und für heute letzte Vorschlag: Gottes Fest.

Jesus verkündete: Glaubt an die Gute Nachricht und kommt – nehmt teil an Gottes Fest.

Dieses Bild hat Jesus selbst häufig gebraucht: Gottes Königsherrschaft als großes Fest oder Hochzeitsmahl. Gott will ein Fest mit den Menschen feiern, zu dem alle Zutritt haben. Und Jesus selbst konnte auch ganz schön feiern: In Kana hat er Wasser zu Wein gemacht und später hat er sich den Ruf des Fressers und Weinsäufers eingehandelt, weil er – bevorzugt mit zwielichtigen Gestalten und ausgewiesenen Sündern – gegessen und Feste gefeiert hat.

Ich möchte die Gedanken zur Königsherrschaft Gottes und dazu, wie wir sie heute verstehen und aussagen können, für heute abschließen mit einer weiteren Geschichte von Brian Mc Laren, die ihm sein Freund Tony Campolo, ebenfalls Theologe und Pastor einmal erzählt hat:

Mein Freund Tony Campolo erzählte einmal eine wahre Geschichte, die ein wunderbares Bild für Gottes Fest ist: Er war auf Reisen und konnte aufgrund der Zeitverschiebung nicht schlafen. Also schlenderte er lange nach Mitternacht in ein Lokal, merkte aber kurz darauf, dass sich dort, am Ende einer Nacht mit vielen Freiern, auch die Prostituierten der Stadt trafen. So kam es, dass er ein Gespräch zwischen zwei von ihnen mit anhörte. Die eine, eine Frau namens Agnes, sagte: „Weißte was? Morgen hab ich Geburtstag. Ich werde 39.“
Ihre Freundin giftete zurück: „Und was willste jetzt von mir? Eine Geburtstagsparty? Soll ich dir 'n Kuchen backen und Happy Birthday für dich singen oder was?“
Agnes entgegnete: „Och komm schon... Warum musst du jetzt so gemein zu mir sein? Warum machste dich gleich über mich lustig? Ich sag doch nur, dass ich Geburtstag hab. Ich erwarte ja nichts von dir. Ich mein: Warum sollte ich gerade jetzt 'ne Geburtstagsparty kriegen. Ich hab ja im ganzen Leben noch keine gehabt.“
Als sie gegangen waren, hatte Tony eine Idee. Er fragte den Besitzer des Lokals, ob Agnes jede Nacht zu ihm käme, und als dieser das bejahte, lud Tony ihn ein, mit ihm zusammen eine Überraschungsparty vorzubereiten. Sogar die Frau des Besitzers machte mit. Zusammen besorgten sie einen Kuchen, Kerzen und den üblichen Partyschmuck.
Als Agnes in der nächsten Nacht wieder hereinkam, riefen alle: „Überraschung!“, und Agnes konnte ihren Augen kaum trauen. Die Kunden des Lokals sangen, und sie fing an, so hemmungslos zu weinen, dass sie kaum die Kerzen ausblasen konnte. Als es dann so weit war, dass sie den Kuchen anschneiden sollte, fragte sie, ob jemand etwas dagegen hätte, wenn sie ihn mit nach Hause nähme – nur um ihn da eine Zeit lang aufzubewahren und sich an diesen Augenblick erinnern zu können. Dann ging sie – mit ihrem Kuchen, den sie wie einen Schatz festhielt.
Tony sprach mit den Gästen noch ein Gebet für Agnes, und danach meinte der Besitzer des Lokals zu ihm, er hätte ja gar nicht gewusst, dass Tony Pastor wäre. Er erkundigte sich, zu was für einer Gemeinde Tony denn gehöre, und Tony antwortete: „Ich gehöre zu der Gemeinde, die um 3 Uhr 30 morgens Geburtstagspartys für Nutten schmeißt.“
Der Besitzer konnte es kaum glauben: „Nein, das stimmt nicht. Solche Gemeinden gibt es nicht. Wenn es sie gäbe, würde ich sofort beitreten.“
Brian Mc Laren schließt: Leider gibt es wirklich zu wenige Gemeinden wie diese, aber wenn immer mehr Menschen verstehen, worum es bei der Botschaft Jesu wirklich geht, wird sich das bald ändern.

Die gute Nachricht ist: Mit Jesus ist die neue Welt Gottes schon da. Er lädt dich ein, Gottes Traum für seine Schöpfung mitzuträumen und ihn jetzt schon zu leben. Er ruft dir zu: Folge mir nach, lerne von mir, lass dich von mir verändern und werde ein Teil der Verschwörung Gottes, die still und heimlich die ganze Welt verändert und auf den Kopf – oder besser vom Kopf auf die Füße - stellt. Und er verheißt: Dieses Leben der neuen Welt Gottes, das er schenkt, ist ein wirkliches Fest – ein Fest, von dem keiner ausgeschlossen sein soll.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der verwandle und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

(Frei nach Kapitel 16 des Buches „Die geheime Botschaft von Jesus“ von Brian Mc Laren).  

Sonntag, 15. Juli 2012

Gemeinde am Rand


Ich wurde gewarnt von Leuten, die sich auskennen. „Im ersten Jahr“, sagten sie, „kannst du dich eingewöhnen, die Gemeinde kennenlernen, ihre Situation verstehen, dir alles ansehen. Das ist o.k. Aber wenn du ein Jahr da bist, dann erwarten die Leute von dir Führung – und das heißt Antworten.“ Ich wurde gewarnt, und tatsächlich: Jetzt, wo wir ziemlich genau ein Jahr hier sind, häufen sich die Fragen. Wohin soll die Gemeinde gehen? Welche Strategie schlägst du vor? Was ist deine Zielgruppe? Willst du eher Senioren ansprechen oder junge Familien? Welche Art Gemeindeaufbau-Programm schwebt dir vor? So oder ähnlich höre ich es immer öfter.

Es wird euch vielleicht nicht überraschen, dass ich der Meinung bin: Es gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten. Und es wird euch vielleicht auch nicht überraschen, dass ich Gemeindeaufbau-Programmen gegenüber eher misstrauisch bin. Ich bin auch nicht dafür, dass wir uns zuerst hinsetzen und überlegen, welche Zielgruppen wir haben, wie wir sie am besten erreichen und welche Methoden wir dazu anwenden müssen. Das ist nicht mein Stil. Es kommt mir vor, als würden wir, wenn wir das alles täten, das Pferd von hinten aufzäumen.

Dass Änderungen und ein neuer gemeinsamer Aufbruch in unserer Gemeinde nötig sind, das ist mir klar. Und euch sicher auch. Die Fakten sprechen für sich: Wir sind eine immer älter werdende Gemeinde, unsere Jungendlichen und auch manche junge Familien haben sich lange enttäuscht von uns abgekehrt. Hier hat sich schon seit Jahren keiner mehr bekehrt, die letzte Gliederaufnahme ist schon lange her. Gäste verirren sich selten in unseren Gottesdienst oder in unsere Veranstaltungen. Ja, ein Aufbruch ist sicher nötig, und ich bin wild entschlossen – das will ich euch sagen – so gut ich kann an ihm mitzuwirken. Versprochen.

Aber statt nun Strategien und Programme zu entwickeln, schlage ich etwas ganz anderes vor: Lasst uns auf die Bibel hören und unser eigenes Leben mit Christus erneuern. Lasst uns unsere Verbindung zu Christus ganz neu erleben, erfahren und ins Gespräch bringen. Lasst uns ganz neu seine Nähe suchen und in seine Schule gehen. Und dann, davon bin ich ganz fest überzeugt, wird er uns neu in Dienst nehmen und gebrauchen können für die Arbeit an seinem Reich.

Was ich meine, möchte ich mit einer kleinen Bibelarbeit zum heutigen Predigttext verdeutlichen. Ich lese Apostelgeschichte 8,26-38:
26 Ein Engel des Herrn aber redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf den Weg, der von Jerusalem nach Gaza hinabführt! Der ist öde.
27 Und er stand auf und ging hin.
Und siehe, ein Äthiopier, ein Eunuch, ein Gewaltiger der Kandake, der Königin der Äthiopier, der über ihren ganzen Schatz war, war gekommen, um zu Jerusalem anzubeten;
28 und er war auf der Rückkehr und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Tritt hinzu und schließe dich diesem Wagen an!
30 Philippus aber lief hinzu und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen und sprach: Verstehst du auch, was du liest?
31 Er aber sprach: Wie könnte ich denn, wenn nicht jemand mich anleitet? Und er bat den Philippus, dass er aufsteige und sich zu ihm setze.
32 Die Stelle der Schrift aber, die er las, war diese: „Er wurde wie ein Schaf zur Schlachtung geführt, und wie ein Lamm stumm ist vor seinem Scherer, so tut er seinen Mund nicht auf.
33 In seiner Erniedrigung wurde sein Gericht weggenommen. Wer aber wird sein Geschlecht beschreiben? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.“
34 Der Eunuch aber antwortete dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet dies? Von sich selbst oder von einem anderen?
35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit dieser Schrift an und verkündigte ihm das Evangelium von Jesus.
36 Als sie aber auf dem Weg fortzogen, kamen sie an ein Wasser. Und der Eunuch spricht: Siehe, Wasser! Was hindert mich, getauft zu werden?
38 Und er befahl, den Wagen anzuhalten. Und sie stiegen beide in das Wasser hinab, sowohl Philippus als auch der Eunuch, und er taufte ihn.

Ein langer Text. Ich hab ihn euch allen einmal ausgedruckt, damit ihr der Bibelarbeit folgen könnt.

Philippus, so sagt es uns der Vers 26, wird herausgerissen aus seiner erfolgreichen Arbeit in Samaria. Dort hatte er erfolgreich eine große Gemeinde Jesu gegründet. „Es war große Freude in jener Stadt“, heißt es in Vers 8, und bis nach Jerusalem sprach sich laut Vers 14 herum, dass „Samaria das Wort Gottes angenommen hatte.“ Wow, ein erfolgreicher Gemeindegründer ist das also, unser Philippus, sowas wie ein Star der jungen Jesus-Bewegung.

Aber nun wird er genau aus dieser erfolgreichen Arbeit herausgerissen. Ein Bote Gottes erscheint ihm und schickt ihn weg von Samaria. Er soll dahin gehen, wo es unbequem ist: auf die öde, heiße Wüstenstraße von Jerusalem nach Gaza. Was wir so harmlos mit „nach Süden“ übersetzen, heißt im Griechischen auch „in der Mittagshitze“. Also: Der erfolgreiche Philippus bekommt den Auftrag, aus der Metropole Samaria wegzugehen in die Wüste auf eine verlassene öde Straße – und das zur heißesten Zeit des Tages. Und was macht Philippus? „Er stand auf und ging hin.“ (V 27)

Das ist wichtig: Philippus hat keine Strategie, kein Evangelisationsprogramm, er weiß auch von keiner Zielgruppe für das Reich Gottes, aber er folgt dem Ruf Gottes dahin, wohin er ihn schickt – auch wenn das ganz schön unbequem ist. Und der Weg, den Gott ihn schickt, ist raus aus der Metropole an den Rand der Gesellschaft, dahin, wohin man so ungerne geht.

Mir scheint es, als schreit der Text uns zu: Macht euch auf raus aus eurer Komfortzone, raus aus eurer Mittelstands-Bequemlichkeit und geht an die Ränder eurer Lebenswelt. Geht dorthin, wohin man nicht gerne geht. Gott zeigt euch dann SEINE Zielgruppen – aber eben SEINE. Aber das kann er nur, wenn wir es auch machen wie Philippus: „Er stand auf und ging hin.“ Der Weg der Nachfolge ist der Weg an die Ränder. Fragt sich: Wer ist unser Bote Gottes? Wer ist es, der uns wie Philippus klarmacht, dass wir uns bewegen müssen raus aus der Bequemlichkeit und hinein in das Leben der anderen an den Rändern?

Philippus jedenfalls geht. Und dort, am Rand, trifft er eine ganz schön schillernde Gestalt. Es ist ein Eunuch, ein „Verschnittener“, ein hoher Beamter der äthiopischen Königin, der Kandake. Der, so heißt es, „war gekommen, um in Jerusalem anzubeten“, hat sich dort ein Exemplar des Buches Jesaja gekauft und las es nun interessiert und voller Fragen auf dem Nachhauseweg. Dieser Eunuch ist auf der Suche nach Gott und deshalb nach Jerusalem gekommen. Aber weil er eben Eunuch ist, kann er nie und immer Jude werden. An der institutionellen Verehrung Gottes durch und in Israel kann er nicht teilhaben. Er darf als Verschnittener auch nicht in den Tempel, sondern nur in den Vorhof. So siehts aus.

Ich denke, diese schillernde Gestalt des Eunuchen steht stellvertretend hier für viele Menschen, die wir an den Rändern treffen werden, wenn wir denn dort hingehen: Menschen auf der Suche nach Gott, die weite Wege auf sich nehmen für diese Suche, die aber mit der Institution Kirche nicht klarkommen. Leute, die Gott suchen und sich nach echtem Leben in der Gegenwart Gottes sehnen, die aber von der Kirche – bisher - die kalte Schulter bekommen. Solche Leute treffen wir an den Rändern. Und manche von ihnen sind voller Fragen. Wie sollte ich denn verstehen, was ich lese, fragt der Eunuch, wenn es mir keiner erklärt? (V. 31)

Und wie begegnet nun unser Philippus diesem Suchenden, dieser schillernden Gestalt, der er auf der Wüstenstraße begegnet?

Erstens: Er steigt zu ihm auf den Wagen. (V 29,31) Das heißt, er nimmt am Leben des Eunuchen wirklich teil, er begleitet ihn auf seinem Weg. Philippus stellt sich nicht an den Wegesrand und sagt: Wenn du Gott suchst, dann halte an und komm zu mir. Sondern Philippus steigt zum Eunuchen auf dessen Wagen. Gottes Weg ist der Weg der In-Karnation. Gott, wie wir ihm in Jesus begegnen, ist Gott, der Fleisch, der Mensch geworden ist. Und dieser Gott will sich auch heute noch in-karnieren, er will am Leben derer, nach denen er sich ausstreckt, wirklich teilhaben.

Das ist ein Hinweis an uns: Wenn wir als Jünger Jesu Gottes Geist folgen wollen wie Philippus, dann führt uns das nicht nur als Touristen an die Ränder unserer Lebenswelt, sondern dann führt uns Gottes Geist dazu, am Leben der Menschen um uns herum wirklich teilzuhaben und Gott dadurch auch heute zu in-karnieren. Denn In-Karnation, Fleischwerdung, Menschwerdung ist ein Wesenszug Gottes in Christus. Also: Lasst uns mit heißem Herzen und Lust am Leben der Menschen um uns herum teilnehmen und damit Christus in ihr Leben bringen.

Und zweitens: Philippus erzählt dem Eunuchen von Jesus. (V 35) Er legt nicht nur die Verse aus Jesaja 53 aus, die dem Eunuchen unklar sind, sondern er „tut seinen Mund auf und verkündigt das Evangelium von Jesus.“ Der Geist Gottes schickt Philippus nicht zum Eunuchen auf die Wüstenstraße, damit er dessen Theologieprofessor wird, der alle Unklarheiten logisch beseitigt, sondern damit er dessen Hebamme wird, damit er ihn mit Jesus bekanntmacht – und zwar mit dem Evangelium von Jesus, das heißt mit Jesus, der uns rettet und heil macht.

Philippus erzählt dem Eunuchen von Jesus – davon, was Jesus ihm bedeutet, davon, wie er Jesus begegnet ist und wie er mit ihm lebt. Er erzählt davon, dass und wie Jesus für ihn Gott ist. Davon, wie er echtes, sinnvolles, wildes und spannendes Leben in Jesu Nachfolge findet.

Auch das ist ein Hinweis an uns: Mir scheint, wir müssen das neu lernen. Uns und anderen zu erzählen von unseren Christus-Erfahrungen. Davon, was Christus uns bedeutet, wie er uns annimmt, Gott-für-uns ist und uns verwandelt.

Das jedenfalls, dieses Erzählen von Jesus, ist genau das, was der Eunuch braucht. „Was hindert mich, getauft zu werden? Und er taufte ihn.“ (V 37,38) Bei Jesus findet der Eunuch das, was er bei der Institution Tempel oder auch Kirche nicht finden kann: Annahme, vollwertige, bedingungslose und liebevolle Annahme durch Gott. Das will er nun dingfest, spruchreif und öffentlich machen: Ich gehöre dazu, zu diesen Jesus-Leuten. Jesus hat mein Leben heil und voll gemacht. Und dann, wenn er weiterfährt, hat auch er eine Christus-Erfahrung zu erzählen. Aus dem Gott-Suchenden ist einer geworden, der in Jesus Gott gefunden hat.

Wohin also geht unsere Gemeinde? Wie ist unsere Strategie, unser Programm? Und was sind unsere Zielgruppen? Wie gesagt: Ich bin kein Fan von Gemeindeaufbau-Strategien. Mein Vorschlag ist ganz einfach und doch ziemlich unbequem, und letztendlich müsst ihr entscheiden, ob ihr ihm folgt oder nicht. Er lautet: Lasst uns den Weg nachzeichnen, den wir bei Philippus sehen. Lasst uns konsequent in der Nachfolge Jesu leben und seine Jünger sein oder werden. Lasst uns den Weg in unsere Gesellschaft hinein und vor allem an ihre Ränder gehen und sehen, wem uns Gott dort begegnen lässt.

Lasst uns am Leben der Menschen um uns herum wirklich teilhaben, es in vollen Zügen mitleben – nicht nur sie zu uns einladen, sondern zu ihnen gehen und Teil ihres Lebens werden, auf ihren Wagen aufsteigen – und lasst uns (das müssen wir neu lernen) ihnen von Jesus erzählen – und zwar persönlich erzählen, davon, warum und wie er für uns wichtig ist, was er uns bedeutet, was er in unserem Leben verändert und wie er uns beschenkt und reich macht.

Klar, ein fertiges Programm ist das nicht. Aber es ist ein Weg, ein anstrengender, herausfordernder, spannender und aufregender Weg, den wir zusammen mit Philippus und vielen anderen Jesus-Leuten in Seiner (Jesu) Nachfolge gehen können.

Dienstag, 10. Juli 2012

Ökumenischer Gottesdienst zum Tag der Schöpfung

Am 22. September ist es so weit: "Siehe, ich will ein Neues schaffen" (Gott) - Unter diesem Mottto feiern die Gemeinden der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Lippe (ACK Lippe) dann um 15 Uhr einen Open-Air-Gottesdienst direkt am Fuß der Externsteine. Worum es dabei geht:
  • Die gute Schöpfung Gottes live erleben
  • Gott, den Schöpfer preisen und feiern
  • Miteinander singen und beten
  • Darüber nachdenken, was Gott Neues schafft
  • Einheit über Kirchengrenzen hinweg erleben und feiern
Zur ACK Lippe gehören
  • die evangelische Lippische Landeskirche
  • die römisch-katholische Kirche
  • die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche
  • der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten)
  • die Evangelisch-methodistische Kirche
An der Vorbereitung des Gottesdienstes beteiligt sich außerdem Pastor Jakob Wiebe von der Detmolder Mosaik-Church. 

Ich freu mich drauf...

Sonntag, 8. Juli 2012

"Gebt ihr ihnen zu essen"

So hat es Jesus zu seinen Leuten gesagt: "Gebt ihr ihnen zu essen." Und es reichte tatsächlich. Ja, es war mehr als genug für alle.

Immer Freitags ab 19 Uhr verteilt der Förderverein zur Hilfe Bedürftiger in der Immanuelkirche Lebensmittel an Arme. Der Verein aus Bielefeld sammelt tagsüber in Lebensmittelmärkten Waren ein, die sonst weggeschmissen würden - z.B. weil das Mindesthaltbarkeitsdatum bald endet. Abends verteilen die Mitarbeiter diese Waren dann an Menschen, die Bedarf haben. Jeden Tag arbeitet der Verein in einer anderen Stadt.

Wir freuen uns sehr, dass wir mit dem Förderverein zusammenarbeiten können und überlassen ihm Freitags gerne unsere Räume.

Für die Menschen, die dann auf die Lebensmittelausgabe warten, aber nicht nur für sie, öffnen wir von 18 bis 20 Uhr auch immer unseren Gottesdienstraum. Hier finden alle, die das wollen, einen Ort der Stille. Sie können zur Ruhe kommen, eine Kerze anzünden, beten oder das Gespräch mit dem Pastor suchen. So weit möglich bieten zeitgleich qualifizierte Mitarbeiter aus unserer Gemeinde eine Sozialberatung an.

"Gebt ihr ihnen zu essen," hat Jesus gesagt. Es scheint, als meinte er uns.

Kinder im Gottesdienst während der Ferien

In den Sommerferien findet Sonntags zwar kein Kindergottesdienst statt, wohl aber eine Kinderbetreuung. Kinder werden sich also gewiss nicht langweilen und Familien können getrost zusammen am Sonntag kommen, denn unterschiedliche spannende Ativitäten stehen jeweils ab 10 Uhr für unsere Kids auf dem Programm. 

Nach den Ferien gibt es dann wieder parallel zu jedem Gottesdienst einen Kindergottesdienst und eine Betreuung der Kleinkinder im Spieleraum.

Meet the Pastor

Seit Oktober 2011 bin ich nun Pastor der EmK in Detmold. Manche mögen es gerne, wenn ich sie zu Hause besuche und laden mich gern mal auf einen Kaffee zu sich ein. Aber viele würden lieber in einem anderen Kontext mit mir ins Gespräch kommen. Und für die möchte ich eine Möglichkeit schaffen, ihren Pastor ganz anders zu treffen und zu sprechen.

Natürlich gilt: Ich freue mich über jeden, der das Gespräch sucht. Für Gespräche und Fragen erreicht man mich am besten telefonisch unter 05231-23297 oder per E-Mail an uwe.hanis@emk.de. 

Aber es gibt auch eine andere Mäglichkeit. Kommen Sie doch einfach in meine Sprechstunde. Die findet in der Regel zweimal in der Woche statt und ist offen für alle:

  • Dienstags von 10 Uhr bis 11 Uhr 30 als "Meet the Pastor" im Cafe' Pompano in der Krummen Straße. Hier können wir ganz unkompliziert bei einem Cafe' ins Gespräch kommen.
  • Freitags von 18 bis 20 Uhr in der Immanuelkirche. Unsere Kirche ist in dieser Zeit immer offen für alle, die ein bisschen Ruhe suchen, die beten oder nachdenken wollen - und eben auch für die, die ein persönliches Gespräch mit dem Pastor suchen. Also: Kommen Sie einfach vorbei!

Kirchenkids - Die Jungschar

An jedem Mittwoch - außer in der Ferien - ist das Gemeindezentrum an der Immanuelkirche fest in Kinderhand. Von 16 bis 17 Uhr treffen sich dann die Kirchenkids - unsere Jungschar. Eingeladen sind alle Kinder vom Grundschulalter an bis zu 12 Jahren.

Und was gibt's am Mittwoch immer? Lustige Spiele, spannende Geschichten von Jesus, kreative Aktionen, fröhliche Lieder... - ein buntes Programm, das den Kids reichlich Spaß macht. Vorbereitet und geleitet werden die Kirchenkids von Renate Müller und ihrem Assistenten Willi (einer Handpuppe, die zugleich der heimliche Star der Kids ist) und von Heike Driemeier-Lenhard.

Die Kirchenkids freuen sich immer über Verstärkung. Also, Kinder: Ihr seid herzlich willkommen. 

Nachmittag der Begegnung

Nicht nur, aber in erster Linie die Generation 60+ trifft sich zweimal im Monat am Mittwoch im Gemeindezentrum. Von 15 bis 17 Uhr stehen dann zuerst ein gemütliches Kaffeetrinken und dann ein abwechslungsreiches Unterhaltungs- und Bildungsprogramm an. Die Senioren freuen sich über neue Teilnehmer - und zwar auch über Jüngere. 
Die nächsten Termine:
22.08.: Thema "Mit Onkel Bräsig in Berlin" (S. Soberger)
12.09.: Thema "William Booth: Vom Methodismus zur Heilsarmee" (W. Berchter)
26.09.: Thema "Methodisten heute in Kaliningrad-Oblast" (U. Hanis)
10.10.: Reisebericht "Auf Trackingtour durch Israel" (R. Kirchof)
24.10.: Thema "Als Klavierstimmer im Dienst großer Pianisten" (S. Soberger)
04.11.: Thema "Eine Begegnung mir R.M.Rilke" (S. Hofmann)
28.11.: Thema "Dostojewski - Schwermut als Lebensgepäck?" (M. Krüger)
12.12.: Advents- und Weihnachtsfeier (W. Berchter)

Being in mission - Trau dich!


„So geht!“ Mit diesen Worten leite ich in jedem Gottesdienst den Segen ein. „So geht!“ Manche haben mich schon gefragt, warum ich immer diese Worte benutze. Die Antwort ist: Für mich ist der Gottesdienst neben manchem anderen ganz wesentlich auch Sendung. Sendung in den Alltag hinein – in die Nachbarschaft, in die Familie, in den Beruf, in die Schule, an die Uni... Gottesdienst ist – auch – Sendung. So eine Gemeinde wie wir – das sind ganz viele Missionare, und der Gottesdienst sendet uns aus in unser Missionsgebiet.

Manche drücken das mit dem Bild der Tankstelle aus. Dieses Bild begegnet mir öfter. Sie sagen dann: Im Gottesdienst, da tanke ich auf, da bekomme ich neue Kraft für die Woche. Das ist schön und freut mich natürlich sehr, wenn ich einen Gottesdienst vorbereitet habe und das dann höre. Wichtig ist nur: Wenn wir ordentlich getankt haben – am besten vollgetankt -, dann sollten wir den Wagen auch mal so richtig ausfahren. Volltanken und dann den Wagen erstmal in die Garage stellen macht wenig Sinn, oder?

Deshalb die Segenseinleitung: „So geht!“ Das heißt: Macht euch auf und fahrt den vollgetankten Wagen jetzt mal richtig aus. Geht als Missionare in euer Missionsfeld – Schule, Beruf, Nachbarschaft, Verein, Partei oder was auch immer – und lebt dort eure Mission.

Dieses Gehen gehört untrennbar zum Glauben dazu. Ein Glaube ohne Gehen ist kein Glaube an den Gott Jesu Christi. Wir lesen von diesem Gehen durch die ganze Bibel hindurch und das schon ganz von Anfang an. Ich lese Worte aus Genesis 12:

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. Wort Gottes für das Volk Gottes. Amen.

Abraham geht also. Er zieht mit seiner Frau Sarah mit 75 Jahren weg aus Haran in das Land, das Gott ihm zeigen will. Er geht. Aber wie kommt es zu diesem Wahnsinn – denn das ist es ja eigentlich?

Abraham hört Gott zu. Wenn er das nicht getan hätte, wäre er auch nicht gegangen. Das ist was, was ich von Abraham lernen möchte: Gott zuhören, aufmerksam sein auf das, was er mir ganz persönlich jetzt, hier und heute, vielleicht durch diese Predigt sagt. Abraham hatte eine Beziehung zu Gott, die so war, dass Gott ihm sagen konnte, was er von ihm will – und zwar so sagen konnte, dass Abraham das auch gehört hat. Das setzt voraus, dass Abraham damit vertraut war, zu Gott zu reden und auf Gott zu hören. Es setzt voraus, dass Abraham die Stille vor Gott kannte, das Gespräch mit Gott, das Hören auf Gott. Denn wenn Gott spricht, wie hier zu Abraham, dann geschieht das nur selten mit Donnerhall und Posaunenschall – zumindest bei mir ist das so. Gott spricht ganz anders, viel leiser und so, dass es allzu leicht ist, ihn zu überhören:
  • Er spricht durch Dani, Lea oder andere Leute. Und das meistens unerwartet. Oft wird mir erst viel später klar, dass der Einwand, die Frage, die Bitte oder die Idee von Gott kam.
  • Er spricht durch die Bibel. Das geschieht manchmal, nicht immer, wenn ich in der Bibel lese und sie studiere, dass mir plötzlich ganz klar ist: Da bin ich gemeint. Das, was Jesus da sagt, gilt mir. Oft lese ich die Bibel so, dass Gott gar nicht zu Wort kommt. Aber wenn ich sie wirklich betend lese und Gott darum bitte, mich ganz persönlich anzusprechen, dann geschieht das manchmal wirklich, dass er spricht und ich ihn auch höre.
  • Er spricht in der Stille. Wenn ich mir Zeit nehme, vor Gott still zu sein, dann geschieht es manchmal, dass er durch Gedanken zu mir spricht. Mir fällt das schwer, das Still-sein. Es bedeutet: kein Facebook, kein Radio, keine Mails, kein Telefon, kein Fernsehen – offline für alle anderen, aber online mit Gott. Eine Zeit lang wirklich echte Stille und das stille Gebet: Herr, sprich du zu mir, ich höre. Macht ihr das manchmal? Ich lerne das gerade wieder neu und es ist unglaublich: Gott spricht wirklich.
Lasst uns das von Abraham abgucken: Gott spricht leise, aber wenn wir wirklich aufmerksam sind, dann werden wir ihn hören, wie er auch zu uns spricht und wie er auch uns – ganz wie Abraham – sagt, was er von uns will.

Und was sagt er zu Abraham? Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

Wir stehen hier an einem ersten ungemein wichtigen Wendepunkt der biblischen Geschichte. In den ersten elf Kapiteln des Buches Genesis war von der Urgeschichte die Rede. Es wurde erzählt, wie gut Gott die Welt, die Natur und uns geschaffen hat und wie sehr diese gute Schöpfung Gottes sich von ihrem Schöpfer entfremdet hat. Urgeschichte, die erzählen will, warum die Welt so krank ist, wie sie ist. Jetzt, ab Kapitel 12, beginnt etwas völlig Neues: die Heilsgeschichte, die Geschichte des Handelns Gottes an der Welt, mit dem er uns aus dieser Entfremdung von ihm wieder herausholen will. Es beginnt die Geschichte der Missio Dei.

Wir haben uns angewöhnt, das Wort Mission in dem Sinn zu gebrauchen, als bezeichne es das Handeln der Kirche, als hätten wir als Kirche eine Mission. In Wirklichkeit aber meint Mission die Missio Dei, die Mission Gottes mit der Welt. Gott findet sich mit der Entfremdung der Welt nicht ab. Gott sieht nicht zu, wie wir in unser Unglück rennen und das Leben aus der Fülle, das er uns schenken will, verfehlen. Gott sieht nicht zu, wie wir die lebendige, spannende und erfüllende Beziehung zu ihm, zu der er uns geschaffen hat, verpassen. Er sieht nicht zu, sondern beginnt – an dieser Stelle – eine Geschichte mit den Menschen, die dazu dient, uns aus der Entfremdung zu sich zurückzuholen. Das – diese Geschichte – ist Gottes Mission, die Missio Dei.

Und nun sagt Gott zu Abraham: Geh. Lass dich von mir einspannen in diese Mission. Ich kann und will dich brauchen. Damit beginnt die Heilsgeschichte Gottes mit der Welt, Gottes Mission. Aus Abraham und Sarah wird Israel, das Volk des Bundes. Aus Israel kommt Jesus, der Messias der Welt, der auch uns einlädt, ihm zu folgen und selbst auch Teil der Mission Gottes zu werden.

Das, was Gott zu Abraham und durch Jesus auch zu uns sagt, hat zwei Seiten.

Die erste: Ich kann dich brauchen. Abraham ist 75 und kinderlos. Seine Frau ist schon lange über die Wechseljahre hinaus. Und doch sagt Gott: Ich mache dich zu einem großen Volk, aus dem heraus letztlich alle Völker der Erde Segen empfangen. Das ist ein Wunder – anders kann man das wohl nicht sagen. Und genau so ein Wunder ist es, dass Gott in Christus nun auch zu mir und dir sagt: Ich kann dich brauchen für meine Mission.

Ich will das konkretisieren:
  • Du bist behindert und leidest darunter, dass du dich unfähig und schwach fühlst? Meistens denkst du, du störst die anderen nur. Du denkst: Was soll ich schon bewirken können? Gott sagt: Er kann dich brauchen für seine Mission. Du kannst, wenn du seine Liebe erfährst, sie weitergeben und wirst staunen, wie er Menschen durch dich glücklicher macht.
  • Du hast eine schlimme Geschichte von Alkohol und Gewaltexzessen hinter dir? Du brauchst selbst Hilfe und denkst: Was soll Gott mit mir schon anfangen können? Gott sagt: Ich will dich zu einem Mitarbeiter in meiner Mission machen. Ich will dich brauchen als Missionar. Wer könnte besser als du anderen bezeugen, welche Stütze und Hilfe Gott sein kann?
  • Du bist schon alt, schon Jahrzehnte in der Gemeinde und hast sie schrumpfen und schrumpfen sehen über viele Jahre hinweg und denkst: Was soll ich denn noch beitragen können in meinem Alter zu einem neuen Aufbruch der Methodisten in Detmold? Sieh dir mal den Abraham an. Als der verheißene Sohn endlich geboren wurde, war er hundert Jahre alt. Gott konnte ihn brauchen und hat seine Zusage erfüllt: Aus Abrahams Samen kommt der Segen für alle Völker. Und das letzte Beispiel:
  • Du bist dir gar nicht sicher, ob du wirklich glaubst? Du spürst manchmal mehr Zweifel als Vertrauen, wenn du die Bibel liest? Deine kritischen Fragen sind viele, deine Gewissheit ist klein? Lass dir sagen: Gott will und kann dich brauchen. Glaube entsteht manchmal im Gehen. Jesus hat Petrus und Andreas und wie sie alle heißen nicht erst berufen, als er sie gründlich geprüft hatte, ob ihr Glaube auch groß und fest und sicher genug war. Nein, er hat sie gesehen und nur gesagt: Komm mit, folge mir nach, lerne von mir. Und dann haben sie gelernt: zu vertrauen, wie Jesus zu leben und dann rauszugehen und die Welt zu verändern. Und so, genauso, ruft Jesus auch dich.

Was es auch ist, dein ganz persönliches „Aber“: Ich bin zu alt, zu behindert, zu sündig, zu schwierig, zu behäbig, zu untauglich... Was es auch ist. Gott sagt: Ich kann dich brauchen. Ich nehme dich an und stelle dich ein als Mitarbeiter in meiner Mission. Ich verändere dich, präge dich, verwandle dich und baue mit dir zusammen an meinem Reich in der Welt. Was für eine Ehre. Das ist die eine Seite.

Die andere: Gott sagt „Geh“. Er nimmt Abraham vorbehaltlos an trotz allem, was dagegen spricht. Und genauso nimmt er in Christus dich vorbehaltlos an trotz allem, was bei dir dagegen spricht. Aber nun sollst du auch „gehen“. Und das heißt: vertrauen darauf, dass Gott dich wirklich brauchen kann und dann losgehen und mitarbeiten an Gottes Mission - und zwar an dem Ort, an den er dich stellt.

Abraham und Sarah tun das. Auch sie haben Zweifel wie du vielleicht auch, aber sie wagen es, Gott zu vertrauen, packen in diesem Vertrauen ihre sieben Sachen, geben alles auf und ziehen in das Land, das sie noch nicht kennen, um mitzuarbeiten an Gottes Mission.

Um in unserem Bild zu bleiben: Gott kann dich brauchen und nimmt dich vorbehaltlos an und in seinen Dienst, in den Dienst der missio Dei. Bei Gott kannst du volltanken. Aber nun fahr den Wagen auch aus. Geh los und sei Missionar in dem Land, das Gott dir zeigen wird. Manche, wenige von uns, werden zum Missionar in Indien, in Mosambik oder sonstwo. Aber alle, die wir mit Christus leben und von ihm entflammt wurden für die missio Dei, sind wir Missionare. Christus sagt auch zu uns: Geh. Sei Missionar. Bau mit am Reich Gottes. Lebe Gottes Liebe, die du empfangen hast, lade andere dazu ein und wirke heilsam auf ihr Leben. Du sollst ein Segen sein. Das ist die Mission, die missio die, deren Teil du sein oder werden kannst.

Dein Missionsfeld ist vielleicht nicht Indien oder Mosambik, sondern deine Nachbarschaft, deine Schule, deine Uni, dein Arbeitsplatz, deine Partei oder Bürgerinitiative. Da, in dem Land, das Gott dir zeigen wird, bist du Gottes Missionar. Da will Gott durch dich sein Reich bauen und dich zum Segen machen für alle Völker. In deinem Alltag bist du Gottes Missionar.

Wie sieht das konkret aus – das Leben eines Missionars im Alltag? Abraham ist dafür ein gutes Beispiel. Du lebst mitten unter den Menschen, die Gott nicht kennen. Abraham zog in das Land Kanaan, mitten unter die Leute, die Gott nicht kennen. Und das tun auch die Missionare des Alltags heute. Zuerst heißt es: Mach's wie Jesus und werde Mensch. Nimm teil an dem Leben der anderen, an ihrem Lachen, Trauern, Feiern, Arbeiten, Leiden und Leben. Und dann: Sei anders. Lebe die Barmherzigkeit, die du bei Gott erfahren hast. Wie das geht, habe ich in der Predigt am vergangenen Sonntag besprochen. Sie steht in meinem Blog und da kannst du sie nachlesen. Unterscheide dich mitten unter den anderen und an ihrer Seite von ihnen. In der Nachfolge Jesu lernst du Schritt für Schritt, anders zu leben, Jesus ähnlich zu werden. Und dann: Bezeuge den Menschen auch durch Worte, was dich anders macht. Abraham hat nicht jedem, der es gar nicht wissen wollte, unter die Nase gehalten: Ich bin im Namen Gottes unterwegs. Aber er ist aufgefallen, weil Gott ihn verändert hat. Und dann, dann hat er auch bezeugt: Es ist der Gott des Himmels und der Erde, der das tut. Und so wollen auch wir Missionare sein: Mitten unter den Menschen leben, aber anders leben, wie wir es von Jesus lernen und dann, wenn wir gefragt werden, warum wir so leben, bezeugen, wer uns verwandelt und wie gut das tut, sich von ihm verwandeln zu lassen.

Wenn es also auch am Ende dieses Gottesdienstes heißt: „So geht“, dann wollen wir gehen, vollgetankt mit Gottes Mission in unseren Alltag. Und dann wollen wir dort, in dem Land, das Gott uns zeigen will, seine Missionare sein.

Mittwoch, 4. Juli 2012

3. Oktober: Tag des Gebets


Tag des Gebets in der Immanuelkirche Detmold
Mittwoch, 3. Oktober 2012
Du bist herzlich eingeladen!
  • 09.30 Uhr Ankommen, Steh-Cafe'
  • 10.00 Uhr Lobpreis und Anbetung
  • 11.15 Uhr Stille vor Gott erleben
  • 12.00 Uhr Snacks
  • 13.00 Uhr Gebetsspaziergänge und Gespräche
  • 14.30 Uhr Kaffee
  • 15.15 Uhr Gebetsgemeinschaften
  • 16.30 Uhr Abendmahlsfeier
Erlebe einen besonderen Tag vor Gott: in der Stille, im Singen, im Gebet und in Gemeinschaft mit Menschen, die du kennst oder auch noch nicht kennst.
Anmeldung erbeten per Post oder E-Mail an detmold@emk.de
Ich komme:
Name: ______________________________
E-Mail: ______________________________

Sonntag, 1. Juli 2012

Seid barmherzig

(Predigt in der EmK Detmold - Immanuelkirche am 01.07.2012)


Mit der Herrschaft Gottes ist es so wie mit der älteren Dame im grauen Kostüm, die vor dem Frankfurter Hauptbahnhof stand, um in der Wartezeit auf ihren Anschlusszug eine Zigarette zu rauchen. Als sie dort so stand und rauchte, beobachtete sie einen jungen Mann, der ziemlich abgewrackt aussah: Er trug alte und schäbige Klamotten und abgewetzte Schuhe, war unrasiert - und der Art, wie er sich bewegte, sah man an, dass er unter Alkoholeinfluss stand. Die ältere Dame beobachtete, wie der junge Mann von einem zum anderen ging, den herumstehenden Rauchern die rechte Hand mit der Handfläche nach oben entgegenhielt und mit flehendem Gesichtsausdruck etwas sagte. Einer nach dem anderen der von dem jungen Mann Angesprochenen schüttelte den Kopf – manche bedauernd, manche zynisch grinsend, manche taten so, als bemerkten sie gar nicht, dass sie angesprochen wurden. Was gesagt wurde, konnte die ältere Dame nicht verstehen, aber sie schloss aus dem, was sie sah, dass der junge Mann um Geld bettelte. Schließlich, ohne bei den anderen irgendeinen Erfolg gehabt zu haben, kam der junge Mann zu ihr. „Tschuldigung, haben Sie vielleicht einen Euro oder so für mich? Ich hab mein Portemonnaie verloren und muss zurück zu meinem Bruder nach Wiesbaden, und die Fahrkarte kostet 7 Euro 20. Können Sie mir vielleicht helfen?“ Für einen Moment stutzte die ältere Dame: Sicher, es kann sein, vielleicht ist es sogar wahrscheinlich, dass der junge Mann Blödsinn erzählt und eigentlich nur Geld für den nächsten Schnaps braucht. Aber was hatte sie noch heute Morgen in der Radioandacht gehört? Jesus schärfte seinen Leuten ein: Seid barmherzig, wie Gott euch barmherzig ist. Richtet nicht, verurteilt nicht, vergebt und seid freigiebig. Was also, wenn ihr Vorurteil und das der anderen Leute gar nicht stimmt? Was, wenn der junge Mann wirklich kein Geld mehr hat und eine Fahrkarte braucht? Selbst wenn er durch eigene Schuld in diese Lage gekommen ist: Ist das nicht genau die Situation, die Jesus meint, wenn er sagt: „Seid barmherzig“ und „verurteilt nicht“? „Wie viel Geld haben Sie denn schon beisammen?“, fragte die Dame den jungen Mann. „3 Euro“, antwortete der traurig mit deutlich merkbarem lallenden Ton. Da kramte die ältere Dame ihr Portemonnaie heraus und drückte dem jungen Mann 5 Euro in die Hand. „Ich wünsche Ihnen, nicht mir, dass Sie sich dafür wirklich eine Fahrkarte kaufen,“ meinte sie noch. Der junge Mann war sichtlich überrascht, dass ausgerechnet die alte Dame, die so spießig aussah, ihm half und ging, nachdem er sich bedankt hatte, nachdenklich in den Bahnhof. So ist es mit der Herrschaft Gottes.

Ich lese Worte aus Lukas 6: Jesus gab seinen Jüngern Unterricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Der Jünger steht nicht über dem Meister. Wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. Was nennt ihr mich aber „Herr“ und tut nicht, was ich euch sage?

Meiner Meinung nach, liebe Freunde, ist es ein großes Versagen der Kirche und der Theologie, Jüngerschaft und Glauben voneinander getrennt zu haben. Viel zu lange haben wir so getan, als wäre unser Glaube alles, was Jesus will – als wäre unser individueller Glaube das Ziel Jesu. Und meiner Meinung nach ist es genau diese künstliche Trennung von Glaube und Jüngerschaft, die uns heute vielen so unglaubwürdig macht und die mit für den Niedergang der christlichen Kirchen des Westens in den letzten Jahrzehnten verantwortlich ist.

Denn die Generationen der Postmoderne, die Leute, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurden, fragen nicht mehr zuerst „Was glaubst du?“ oder „Woran glaubst du?“, sondern „Wie lebst du?“ und „Warum lebst du so?“ Ich wünschte, wir würden mehr, viel mehr, in den Evangelien lesen, wie Jesus war, wie er gelebt und was er gelehrt hat. Dann, da bin ich sicher, würden wir wiederentdecken, wie revolutionär, wild und herausfordernd Jesus für unsere Zeit ist. Denn der Jesus, von dem die Evangelien erzählen, will unseren Glauben, unser Vertrauen – aber er will auch viel mehr: Er will die Welt umgestalten, er will Gottes Herrschaft über die ganze Welt verkünden und leben.

Was Jesus bringt, ist keine Religion und schon gar keine Institution, sondern eine Bewegung. Die Jesus-Bewegung will Menschen zu Jüngern machen und das Gesicht der Welt verändern. Das ist die Mission Jesu, liebe Freunde. Mit weniger gibt er sich nicht zufrieden. Jesus sucht keine Leute, die selig werden, weil sie „Herr“ zu ihm sagen, sondern Jesus sucht Jüngerinnen und Jünger: Menschen mit Mut und Courage, die sich auf ihn und das Reich Gottes, das er bringt, einlassen, Menschen, die sich von ihm rufen lassen, die ihm vertrauen, sich von ihm verändern lassen und dann bei ihm in die Lehre gehen und sehen und hören und lernen, was echtes Leben in der Gegenwart Gottes bedeutet. Menschen, die dann losgehen und so leben, wie sie es bei ihm lernen – Learning by Doing – und eben dadurch zur Jesus-Bewegung werden, die – von ihm inspiriert – das Reich Gottes in der Welt lebt und in die Welt bringt. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch,“ sagt Jesus, und „Lernt von mir.“ Das Ziel ist klar: So zu werden wie er, ihm ähnlich werden mehr und mehr. So, mit ihm, in seiner Nachfolge, erleben diese Menschen gelingendes, authentisches, freies und volles Leben – Leben in der Gegenwart Gottes und unter seinem Segen. Dieses Leben ist unkonventionell. Es ist ganz anders als der Common Sense es vorsieht, es ist wild, spannend, manchmal gefährlich und: erfüllend. Zu diesem Leben laden wir alle ein, wenn wir sagen: Entscheide dich für ein Leben mit Jesus.

Und was wir da lernen als Jünger unseres Meisters, der will, dass wir werden wie er, ist zuerst „Barmherzigkeit“. Barmherzigkeit, die wir erfahren und auch selbst leben dürfen. Barmherzigkeit – das hört sich harmlos an, ist aber alles andere als das. Barmherzigkeit, wie Jesus sie verkündet, ist revolutionär, ein Ärgernis in der Welt, aber ein solches Ärgernis, das allein in der Lage ist, unsere kaputte Welt zu heilen.

Erstens also: Bei Jesus erfahren wir selbst Barmherzigkeit. Gott, sagt Jesus, kann dich brauchen – gerade dich. Ich will euch Zeugnis geben, liebe Freunde: Für mich persönlich ist das die größte Barmherzigkeit, die ich je erfahren durfte. Jesus sagt: Du, Uwe, folge mir nach, werde mein Jünger. Gott will dich brauchen, um an seiner Herrschaft in der Welt mitzubauen. Das ist pure Barmherzigkeit. Das ist, als wenn er sagt: Es mag ja sein, Uwe Hanis, dass du Ecken und Kanten und Fehler hast. Du bist wahrlich kein Ruhmesblatt für Gottes gute Schöpfung. Ich weiß, du bist jähzornig und ungeduldig und schnell beleidigt. Ich sehe, wie du deine Kinder anschreist wegen kleinster Kleinigkeiten, ich sehe deine Eitelkeit und deinen Hochmut und dein Versagen. All das sehe ich. Aber Gott will dich brauchen und ich, Jesus, rufe dich in meine Nachfolge. Komm mit, geh mir nach und werde mein Jünger. Lerne von mir. Du kannst mithelfen bei meiner Mission. Wow, das ist Barmherzigkeit, oder? Gott richtet mich nicht, sondern lädt mich trotz aller meiner Fehler zu sich und in seinen Dienst ein. Gott verurteilt mich nicht, sondern spricht mich frei und gibt meinem Leben einen unglaublich aufregenden Sinn. Gott nagelt mich nicht auf mein Versagen fest, sondern vergibt mir und arbeitet an mir, verändert mich und traut mir etwas zu, nämlich in der Nachfolge Jesu mitzubauen an seinem Reich in der Welt. Gott gibt das, was ihm am liebsten ist, seinen Sohn, für mich – und dich – hin. Das ist Barmherzigkeit und die darfst auch du bei Jesus erfahren, wenn du seinen Ruf in die Nachfolge hörst.

Und dann lernst du bei ihm, auch barmherzig zu sein. Und du lernst, wie aufregend das Leben in der Barmherzigkeit, die er lehrt und lebt, ist. Denn Barmherzigkeit, das heißt:

  • Nicht richten, sondern aufrichten. Der Richtgeist ist der größte Feind der Barmherzigkeit: das Andere-Abschätzen, In-Schubladen-Stecken und Mit-dem-Finger-Zeigen. Bei Jesus und von Jesus lernst du, nicht darauf zu sehen, was jemand für Klamotten trägt, ihn nicht zu richten, weil er kein ordentliches Deutsch spricht oder arm oder reich oder spießig oder gammelig oder oder oder ist. Bei Jesus und von Jesus lernst du, andere nicht zu richten, sondern aufzurichten, ihnen Mut zu machen, ihnen offen zu begegnen und in ihnen das zu sehen, was sie wirklich sind: Gottes geliebte Kinder. Barmherzigkeit, das heißt:
  • Nicht verdammen, sondern vergeben. Ich bin überzeugt, dass die Vergebung die größte Macht der Weltgeschichte ist. Wenn ihr mal wirklich in überraschte, ungläubig staunende Augen blicken wollt, die kaum fassen können, was gerade geschieht, dann geht zu jemandem hin, der euch feind ist oder mit dem ihr euch gestritten habt oder der euch beleidigt hat, und sagt ihm: Ich vergebe dir. Von meiner Seite aus steht nichts zwischen uns. Ihr werdet staunen, wie der guckt. Denn das ist das Ungewöhnlichste, Mutigste, die Welt, wie sie ist, auf den Kopf stellendste, was er je erlebt hat. Jesus hat vielen Menschen, die alles andere als das erwartet haben, auf den Kopf zu gesagt: Dir ist vergeben. Das steht so häufig in den Evangelien, dass wir es schon gar nicht mehr wahrnehmen. Jünger Jesu soll man auch daran erkennen, dass sie vergeben. Denn sie sind sind Leute, die selbst das Unfassbare erfahren haben: Gott vergibt mir. Und deshalb gehen sie los und lernen im Leben mit Jesus, das auch zu tun: vergeben ohne Bedingungen. Lasst uns solche Leute werden, Leute, die mutig dies Ungewöhnliche tun und vergeben. Ich bin sicher: Wir werden damit viele Überraschungen erleben. Und Barmherzigkeit, das heißt
  • Nicht raffen, sondern geben. Wer in der Nachfolge Jesu lebt und bei ihm erfährt, dass es Größeres gibt als Besitz und Lifestyle, der ist so frei, dass er geben kann. Mit anderen Worten: Er wird frei-giebig. Jesu Jünger lernen bei ihrem Meister, Gott so zu vertrauen, dass sie in der Gewissheit leben: Alles, was ich brauche, wird mir Gott geben. Natürlich müssen auch sie arbeiten für ihren Lebensunterhalt und dafür, dass es ihnen und ihrer Familie gut geht. Sie müssen fleißig sein und ordentlich haushalten wie alle anderen auch. Aber sie wissen: Gott wird für mich sorgen, und das macht sie frei, zu geben. Nicht Almosen, nicht das, was übrigbleibt am Ende des Monats, sondern großzügig, fröhlich, risikobereit und voller Vertrauen, dass Geben glücklich macht. Denn das stimmt: Geben macht glücklich. Jesus ist auch hier Vorbild für seine Jünger: Er gibt alles, was da ist und letztlich sogar sich selbst für andere.

Barmherzigkeit ist es, die wir als Jünger, wenn wir uns in die Nachfolge rufen lassen, bei Jesus erfahren und von Jesus lernen. Barmherzigkeit, die sich konkret äußert in diesen drei Haltungen: Nicht richten, sondern aufrichten, nicht verdammen, sondern vergeben, nicht raffen, sondern geben. Ein aufregendes Leben ist das, das Leben eines Jüngers: ein Leben, in dem wir täglich dazulernen, überrascht werden, reifer werden. Ein spannendes, erfülltes, reiches Leben, zu dem Jesus uns alle einlädt.

Ein junger Soldat, der sich schlecht benommen hatte, wurde einmal zu Alexander dem Großen gebracht. „Wie heißt du?“, fragte der ihn. „Alexander“ war die Antwort. „Was? Alexander?“, erschrak der Feldherr: „Dann flehe ich dich an. Entweder ändere deinen Namen oder dein Benehmen.“ Ein Name, lehrt uns diese Geschichte, ist auch eine Verpflichtung. Und das gilt auch für den Ehrennamen Jesu, den wir Christen tragen. Das Schöne ist: Es macht Spaß und erfüllt, von Jesus zu lernen.

Jesus gab seinen Jüngern Unterricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Der Jünger steht nicht über dem Meister. Wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. Was nennt ihr mich aber „Herr“ und tut nicht, was ich euch sage?

Also los. Amen.