Dienstag, 29. Mai 2012

Jüngerschaftskreis - Übereinander wachen in Liebe



Jüngerschaftskreis – Übereinander wachen in Liebe

Die Idee (angeregt durch die Themeabende „Typisch methodistisch“):
  • Eine Kleingruppe von Menschen, die verbindlich Christen sein und sich gegenseitig unterstützen wollen, trifft sich Mittwochs für eine Stunde – nicht mehr – in der Kirche.
  • Nach einer kurzen Schriftlesung beantworten wir reihum die Fragen:
  • Wie geht es mir momentan im Glauben? Wo mache ich Fortschritte, was macht mir Kummer? Wo sehe ich Sünde in meinem Leben? Wo und wie arbeitet Gott gerade an mir? 
    Anschließend nehmen wir uns Zeit, miteinander zu beten.

Der Kreis soll ein Ort sein, an dem wir offen, ehrlich und vertraulich über unseren Glauben reden können – auch ein Ort, an dem wir über Sünde oder Zweifel reden können und ein Ort, an dem wir uns gegenseitig die Vergebung Gottes zusprechen. Deshalb ist es wichtig, dass du
  • , wenn du mitmachst, wirklich verbindlich dabei bist (d.h. zum Beispiel Bescheid sagst, wenn du nicht kommen kannst),
  • bereit bist, offen und ehrlich von dir zu reden, anderen zuzuhören, die das auch tun und – vor allem – das Gehörte für dich zu behalten. Es gilt absolute Vertraulichkeit,
  • auch zwischen den Treffen für deine Geschwister betest.

Interessiert? Dann gib deine Antwort an Uwe Hanis oder lege sie in sein Fach.

Ich würde gerne mitmachen. Der Kreis sollte sich mittwochs um ____ Uhr für eine Stunde treffen.

Mein Name: _________________________________

E-Mail: _________________________________

Donnerstag, 10. Mai 2012

Typisch methodistisch ( Teil 9 und Schluss)

(Versuch einer Übertagung der Allgemeinen Regeln)

Auch heute begegnen Menschen dem lebendigen Christus. Auch heute kommen Menschen zum Glauben an ihn und erfahren die Vergebung ihrer Schuld, Erlösung und Gewissheit des Heils. Auch heute beruft Christus Menschen dazu, seine Jünger zu werden, ihm nachzufolgen und sich von ihm verwandeln zu lassen. Diese Menschen erfahren nicht nur Vergebung der Sünden, sondern mehr und mehr auch tatsächliche Befreiung von Sünde in ihrem ganz realen Leben.

Methodisten sind solche Menschen. In der Gemeinde kommen sie zusammen, um Jünger Jesu zu gewinnen und das Gesicht der Welt zu verändern. Sie ermutigen sich gegenseitig dazu, im Glauben zu wachsen und in der Heiligung zuzunehmen. Sie wachen übereinander in Liebe.

Die Leute, die man Methodisten nennt, treffen sich zum Gottesdienst am Sonntag und unter der Woche in Kleingruppen. In diesen Kleingruppen sind nicht mehr als 12 von ihnen wöchentlich für eine Stunde zusammen, um
  • sich kennenzulernen
  • als Geschwister im Glauben zusammenzuwachsen und
  • sich gegenseitig im geistlichen Wachstum zu begleiten, zu ermutigen, zu ermahnen und zu fördern. 
Bei den wöchentlichen Treffen der Kleingruppen fragen sie einander nach und berichten sich gegenseitig offen und ehrlich davon, wie es mit ihrem geistlichen Leben bestellt ist, wo Gott gerade an ihnen wirkt und wo sie merken, dass Gott sie verändert. Sie bekennen sich gegenseitig ihre Schuld, sprechen sich die Vergebung Christi zu und beten miteinander.

Die feste Erwartung, dass Christus seine Jünger mehr und mehr ganz real verwandelt und  von Sünde befreit, bleibt nicht ohne Frucht. Veränderung durch Christus, die wir Heiligung nennen, geschieht tatsächlich.

Deshalb wird es so sein, dass die Leute, die man Methodisten nennt, erstens mehr und mehr lernen, sich von der Welt zu unterscheiden und manches von dem, was in der Welt üblich ist, zu lassen. Dazu gehört zum Beispiel

in Bezug auf Gott,
  • dass sie Gottes Namen nicht mehr zum Fluchen oder sonstwie leichtfertig missbrauchen, sondern ihn im Gebet anrufen und anderen Menschen fröhlich als Herrn und Retter bekennen. 
in Bezug auf ihren Körper,
  • dass sie Süchte und Abhängigkeiten mehr und mehr erkennen und von ihnen frei werden. Methodisten genießen insbesondere Alkohol nur maßvoll oder leben völlig alkoholfrei. 
in Bezug auf ihre Mitmenschen,
  • dass sie andere nicht mehr ausbeuten oder als Mittel zum Zweck betrachten, sondern fair mit ihnen umgehen, weil sie in ihnen Gottes geliebte Kinder sehen.
  • dass sie Missgunst, Hass, Streit und Gewalt überwinden.
  • dass sie nicht mehr unversöhnlich handeln, sondern Unrecht, das ihnen angetan wird, lieber hinzunehmen lernen, als Gleiches mit Gleichem zu vergelten und bereit werden, anderen zu vergeben, wie Christus ihnen vergeben hat. 
  • dass sie liebloses und unnützes Geschwätz, besonders hinter anderer Leute Rücken, vermeiden und nicht schlecht über andere reden, sondern immer mehr das Gute an ihnen suchen und herausstellen. 
  • dass sie andere nicht mehr anders behandeln, als sie von ihnen behandelt werden wollen. 
in Bezug auf ihre Zeit,
  • dass sie sie nicht mehr verschwenden, sondern diszipliniert planen und dabei darauf achten, dass alles, was sie tun zur Ehre Gottes geschehen kann. 
  • dass sie den Sonntag nicht mehr missachten, indem sie ihn verbringen wie andere Tage auch, sondern ihn zum Gottesdienst und zur Erholung nutzen. 
  • dass sie maßlose Vergnügungen und solche Bücher, Filme und Webseiten, die sie in ihrer Liebe zu Gott und zu ihren Mitmenschen behindern, meiden. 
in Bezug auf Geld und Vermögen,
  • dass sie in geschäftlichen Dingen nicht mehr betrügen oder andere übers Ohr hauen, sondern ehrlich und fair handeln und bereit sind, für gute Ware auch einen guten Preis zu zahlen und so zum Beispiel fair gehandelte Produkte zu kaufen. 
  • dass sie keine Steuern, Gebühren oder Zölle hinterziehen, die der Allgemeinheit zustehen. 
  • dass sie sich nicht mehr an der Not anderer bereichern, wenn sie ihnen zum Beispiel etwas leihen, sondern ihnen gerne und großzügig helfen.
  • dass sie Eitelkeit und Prunksucht meiden und stattdessen lernen, einfach und bescheiden zu leben. 
  • dass sie ihr Handeln nicht mehr vom Streben nach Reichtum leiten lassen, sondern von der Lust daran, Gott und den Mitmenschen zu dienen. 
Zweitens wird es so sein, dass die Leute, die man Methodisten nennt, von Christus mehr und mehr in einen neuen Lebensstil hinein verwandelt und Christus selbst ähnlicher werden, indem sie
  • den Menschen, mit denen sie in Kontakt kommen, besonders aber den Armen und Bedürftigen, dienen. Sie werden, wo immer es ihnen möglich ist, Hungrige speisen, Nackte kleiden, Kranke, Gefangene und Einsame besuchen, gastfreundlich sein, solchen, die in Not sind, helfen und ihnen so die Liebe Gottes bezeugen, auch dann, wenn es ihnen Unbequemlichkeit bereitet. Sie werden ihre Zeit so planen, dass der Dienst an andere Menschen eine hohe Priorität in ihrem Leben hat. 
  • ihren Mitmenschen auch geistlich dienen. Sie werden allen, mit denen sie in Kontakt kommen, Christus bezeugen. Sie werden Sünde und Unrecht beim Namen nennen und bezeugen, dass Christus der Retter ist, der Sünde vergeben und uns heilen kann. 
Die Leute, die man Methodisten nennt, werden auch Frucht bringen,
  • indem sie untereinander in geschwisterlicher Liebe solidarisch sind. Sie werden sich gegenseitig aushelfen und unterstützen, wo immer es geht. 
  • indem sie fleißig in ihrem Beruf arbeiten und bescheiden und einfach leben, damit das Evangelium einen guten Ruf in der Welt hat. 
  • indem sie, um Gutes zu tun und Christus zu folgen, auch bereit sind, zu leiden und Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen. 
Schließlich wird es so sein, dass die Leute, die man Methodisten nennt, drittens regelmäßig geistliche Übungen praktizieren, durch die Gott aller Erfahrung nach in besonderer Weise Menschen seine Gnade erfahren lässt und an ihnen arbeitet. Dazu gehören besonders
  • die Teilnahme am öffentlichen Gottesdienst
  • das aufmerksame Hören des Wortes Gottes, wenn es gelesen oder ausgelegt wird
  • die Teilnahme am Abendmahl
  • das Beten mit der Familie und allein
  • das tägliche Studium der Bibel
  • Fasten und Enthaltsamkeit
Wir vertrauen darauf, dass Gottes Geist die Menschen, die zum Glauben kommen, tatsächlich verändert und verwandelt, dass der Glaube Frucht bringt und zu geistlichem Wachstum und Fortschritt in der Heiligung führt. Wir wollen uns gegenseitig nach den Früchten des Glaubens fragen, einander ermahnen, stärken, ermutigen und helfen und so gemeinsam Jünger Jesu sein.

Typisch methodistisch (Teil 8)

(Übertragung des Buches "A Blueprint for Discipleship" von Kevin M. Watson aus dem Englischen)

Teil 8

Sie wachen übereinander in Liebe - Die Gemeinschaft
Die frühe methodistische Praxis, in Liebe übereinander zu wachen, ist für uns heute von großer Relevanz. Übereinander in Liebe zu wachen sollte helfen, die Allgemeinen Regeln in das alltägliche Leben zu bringen.

Wenn du gerne Mountainbike fährst, dann weißt du, dass es zwei ganz simple, aber unbedingt zu befolgende Regeln für diesen Sport gibt, die sicherstellen sollen, dass dir nichts passiert: 1.) Trage immer, immer, immer einen Helm. Und 2.) Fahre nie, nie, niemals allein mit dem Mountainbike.

Ich weiß: Das Leben als Christ scheint auf den ersten Blick auch nicht annähernd so gefährlich zu sein wie der Mountainbike-Sport. Aber das ist nicht unbedingt wahr. Wenn Christen alleine versuchen, Jünger zu sein, leben sie ganz schön gefährlich. Wenn wir allein unterwegs sind, verlieren wir schnell die Richtung. Wir verlieren uns. Wir vergessen, was Christsein ausmacht. Wenn wir isoliert auf dem Weg sind, können wir - und werden es normalerweise auch - uns in Kompromissen verlieren.

Wesley trat leidenschaftlich dafür ein, dass die Christen in verbindlichen Kleingruppen übereinander in der Liebe wachen. Verbindliche Kleingruppen waren die Grundlage, auf der die Allgemeinen Regeln formuliert wurden. Am Anfang der Allgemeinen  Regeln erzählt Wesley,  wie 8 oder 10 Leute auf der Suche nach Wachstum im Glauben zu ihm kamen. 
Diese und zwei oder drei andere, welche am nächsten Tage noch hinzukamen, baten ihn, dass er einige Zeit mit ihnen im Gebet verbringen und sie unterweisen möge, wie sie dem zukünftigen Zorn entrinnen könnten, den sie stets über ihrem Haupte schweben sahen. Um hierzu mehr Zeit zu gewinnen, bestimmte er ihnen einen Tag, an welchem sie alle zusammenkommen sollten, was sie auch von da an jeden Donnerstagabend taten. Diesen und vielen anderen, welche sich ihnen anschlossen (denn ihre Zahl wuchs täglich), erteilte nun Wesley von Zeit zu Zeit Rat und Unterweisung nach ihren verschiedenen Bedürfnissen. Die Versammlung wurde jedesmal mit einem Gebet beschlossen, das den verschiedenen Bedürfnissen der Versammelten angemessen war.

Dies ist der Ursprung unserer Gemeinschaft, die in Europa ins Leben trat und sich später auch in Amerika verbreitete. Solch eine Gemeinschaft ist nichts anderes als „eine Gruppe von Personen, die die Form der Gottseligkeit besitzen und der Kraft derselben teilhaftig zu werden suchen und sich vereinigt haben, miteinander zu beten, sich ermahnen zu lassen, übereinander in der Liebe zu wachen und dadurch einander in der Ausschaffung ihres Seelenheils behilflich zu sein.

Die Struktur der Kleingruppen, in denen Christen in Liebe übereinander wachen, war das Fundament der Jüngerschaft im wesleyanischen Verständnis. Wann immer Leute zu Wesley kamen und sagten, "Wir sind zum Glauben an Jesus Christus als unseren Herrn und Retter gekommen. Was sollen wir nun tun?", fügte Wesley sie sofort zu Kleingruppen zusammen, in denen sie die Grundlagen des christlichen Glaubens und Lebens kennenlernten und einander halfen, in der Heiligung zu wachsen.

Stillstand im Leben als Christ war für Wesley unvorstellbar. Entweder, meinte er, machst du Fortschritte und wächst in der Heiligung oder du bewegst dich rückwärts und entfernst dich von Gott. Einer der kraftvollsten Wege, auf denen der Heilige Geist in der methodistischen Bewegung am Werk war, war diese Struktur der verbindlichen Kleingruppen, der gegenseitigen Unterstützung der Methodisten in der Heiligung des Herzens und des Lebens. Gott hat unsere Vorfahren eindrucksvoll gesegnet, als sie zusammenkamen, um sich im Glaubenswachstum zu unterstützen und zu ermutigen.Es war ein Markenzeichen des Methodismus, dass die Methodisten so verbindlich ihren Glauben leben wollten, dass sie regelmäßig in Kleingruppen zusammenkamen, um sich persönlich preiszugeben und sich zu erzählen, wie es ihnen in ihrem Alltag gelang oder auch nicht gelang, Gott und den Nächsten zu lieben.

In der methodistischen Erweckung wurde klar, dass, wenn Christen in der verbindlichen Struktur, die Wesley organisierte, zusammenkamen, sie in der Heiligung wachsen konnten. Wenn sie dagegen versuchten, ihren Weg allein zu gehen, verloren sie schnell ihre Begeisterung, dafür, Gott und den Nächsten zu lieben. Schnell lebten sie wieder wie alle anderen auch anstatt so zu leben, wie Christus es von ihnen wollte.

Zurück zu den Wurzeln

Verbindliche Kleingruppen sind das Band, das die Jüngerschaft im wesleyanischen Verständnis zusammenhält. Ohne die Praxis, in Kleingruppen zusammenzukommen, ihre Begeisterung für die Heiligung, ihr Wachstum in der Nachfolge Jesu und ihre Anziehungskraft für andere zu verlieren. Das Schrumpfen der methodistischen Kirchen in Europa und Amerika hat eine Menge damit zu tun, dass die verbindliche Teilnahme an Class Meetings als Voraussetzung für die Gliedschaft in unseren Gemeinden fallengelassen wurde.
Ein Methodist zu sein hieß lange Zeit gleichsam automatisch, am wöchentlichen Gottesdienst teilzunehmen und zu einer Kleingruppe zu gehören, in der man regelmäßig über die eigene Glaubenspraxis sprach, sich gegenseitig Rechenschaft über Fortschritte in der Heiligung ablegte und sich ermutigte, darin fortzufahren. Wie weit haben wir uns heute von dieser Methode entfernt? Viele Methodisten heute denken, dass niemand das Recht dazu hat, sie zu fragen, wie sie sich geistlich entwickeln. Sie denken, es ginge niemanden etwas an, ob sie täglich in der Bibel lesen und beten, ob sie regelmäßig am Gottesdienst teilnehmen oder ob sie Armen helfen, wo immer sie können. Wir motivieren uns nicht mehr, unseren Glauben verbindlich in die Praxis der Jüngerschaft umzusetzen.
Ich bin überzeugt davon, dass die wesleyanische Praxis, übereinander in der liebe zu wachen, eine große Hilfe für die United Methodist Church (Evangelisch-methodistische Kirche) und die Kirche überhaupt sein kann. Die Kleingruppen, um die es hier geht, sind ja nicht zuerst dazu da, miteinander die Bibel zu studieren oder ein Buch durchzuarbeiten. Das kann dort auch geschehen - ja. Aber was viel wichtiger ist, ist, dass wir uns gegenseitig erzählen und Anteil daran geben, auf welchem Weg wir persönlich im Glauben sind, dass wir uns gegenseitig fragen, ob und wie wir unseren Glauben praktisch ausleben, ob wir uns gerade näher zu Gott bewegen oder von ihm weg.
Dahinter steckt die Idee, das zu  praktizieren, was wir in der Bibel im Epheserbrief geschrieben finden. Da schreibt Paulus: "Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe." (Eph. 5,15-16)
Unser Wachstum in der Jüngerschaft hängt von unserer Bereitschaft ab, unseren Schwestern und Brüdern in Christus liebevoll die Wahrheit zu sagen. Das ist sicher nicht einfach. Es braucht dazu Sensibilität und Zuneigung. Aber für sich allein kann niemand von uns ein Jünger Jesu werden. Denn das heißt: zu wachsen und mehr und mehr Jesu Beispiel zu folgen und wie er zu werden.
In mancherlei Hinsicht ist übereinander in Liebe zu wachen gar nicht so schwer wie es vielleicht aussieht.  Die Minigruppen von Neil Cole sind ein aktuelles Beispiel: Menschen schließen einen Bund miteinander, kommen wöchentlich zusammen und wachen übereinander in Liebe - ganz ähnlich wie in der traditionellen methodistischen Klasse.
Es ist auch möglich, dass die Teilnehmer an diesem Kurs sich verabreden, sich nach dem Ende des Kurses wöchentlich für eine Stunde als Bundesgruppe weiterhin zu treffen. Statt dann aber über dieses Buch zu diskutieren, fragen sie sich in dieser Stunde einfach gegenseitig "Wie geht es deiner Seele? Wie arbeitet Gott gerade an dir? Welche Erfahrung machst du gerade mit der Heiligung? Machst du Fortschritte im Leben mit den Allgemeinen Regeln?" und geben sich ehrlich gegenseitig Auskunft darüber, um dann miteinander zu beten. Was haltet ihr von dieser Idee? Vielleicht ist es für manche von euch fruchtbarer, wöchentlich so für eine Stunde mit einer Bundesgruppe zusammenzukommen, um einfach miteinander über die Glaubenspraxis zu sprechen und zu beten, als in einen weiteren Hauskreis oder eine Bibelgruppe zu gehen.
Vielleicht können wir so wieder zu Leuten werden, die man Methodisten nennt, weil sie einer Methode folgen, um einander zu ermutigen und im Glaubenswachstum zu helfen und so den ganzen Segen zu erleben, den Gott in ihrem Leben wirken will.

Fragen zum Gespräch:
1.) Hast du schon einmal versucht, allein als Christ zu leben? Wie war das?
2.) Bist du Teil einer Kleingruppe? Wacht ihr dort übereinander in Liebe? as hindert euch daran? Was könnte man dort ändern?
3.) Wie kann eine verbindliche Kleingruppe dabei helfen, dass wir im Glauben wachsen/in der Heiligung zunehmen?
4.) Diskutiert den Vorschlag am Ende des Kapitels, sich nach Ende des Kurses (vielleicht auch nur mit einem Teil der Teilnehmer) als Bundesgruppe weiterzutreffen. 



  

Dienstag, 8. Mai 2012

Typisch methodistisch (Teil 7)

(Übertragung des Buches "A Blueprint for Discipleship" von Kevin M. Watson aus dem Englischen)

Teil 7

Das Gleichgewicht finden

Während meiner aktiven Baseball-Zeit spielte ich eine ganze Zeit lang die Position des Pitchers. Das wichtigste für einen Pitcher ist es, das Gleichgewicht zu halten. Es ist sehr anspruchsvoll, den eigenen Schwerpunkt zu finden und so genau zu halten, dass man während des Spiels das Gleichgewicht hält. Um ein guter Pitcher zu werden, musste ich zuerst lernen, meinen Schwerpunkt zu spüren und das Gleichgewicht zu halten.

In den vergangenen drei Kapiteln haben wir die drei Allgemeinen Regeln diskutiert, die Wesley im frühen Methodismus eingeführt hat, um den Methodisten im Wachstum in der Heiligung zu helfen. Weil das Gewinnen von Jüngern die vornehmste Aufgabe der Evangelisch-methodistischen Kirche ist, können wir auch heute von den Allgemeinen Regeln eine Menge lernen. Die erste Regel lautet: "Tue nichts Böses" oder "Tue nichts, was dich von Gott wegtreibt". Du kannst keine Fortschritte machen, solange du rückwärts rollst. Die zweite Regel lautet: "Tue Gutes, so viel du kannst." Wir haben uns dazu das Gebot Jesu, Gott und unsere Mitmenschen zu lieben angesehen - und seine Erklärung, was das heißt: die Hungrigen zu sättigen, die Nackten zu kleiden und die Kranken und Gefangenen zu besuchen. Die dritte Allgemeine Regel, die Gnadenmittel zu gebrauchen, bedeutet, wie sollen geistliche Übungen fleißig nutzen: den öffentlichen Gottesdienst, das Wort Gottes, das Gebet allein und mit der Familie, das Abendmahl, das Forschen in der Schrift und das Fasten. Die dritte Regel ist ein Weg des Gehorsams gegenüber dem ersten Teil des Gebotes Jesu, Gott zu lieben. So sind die Allgemeinen Regeln eine Art Landkarte, wie wir der Lehre Jesu gehorchen und verbindliche Christen werden können.

Die richtige Balance

Einer der größten Vorteile, wenn wir uns verpflichten, nach den Allgemeinen Regeln zu leben, wird es sein, dass sie uns helfen können, die richtige Balance in unserem Leben zu finden. Denn wie bei einem Pitcher ist es auch bei den Leuten, die mit Jesus gehen, wichtig, dass sie ihr Gleichgewicht finden und halten. In unserer Zeit, in der wir wie alle Leute um uns herum auch, mehr Aktivitäten und Hektik erfahren als je zuvor, ist Gleichgewicht wichtiger als je.

Bevor wir weitergehen, müssen wir sicherstellen, dass wir das gleiche meinen, wenn wir von Gleichgewicht reden. Es gibt Wege, über Gleichgewicht zu reden, die mit der Lehre Jesu übereinstimmen, aber es gibt auch eine Art, über Gleichgewicht zu reden, die so etwas wie ein Abwehrmechanismus ist, der uns davor schützt, eine echte Entscheidung zu treffen, ob wir mit Jesus gehen.  Jesus sagt:

"Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren. Und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?" (Markus 8,34-37)

Ich will es deutlich sagen. Wenn du das, was ich sage, zum Anlass nimmst, in deinem Leben nach dem Gleichgewicht von Kirche und Unterhaltung oder etwas anderem zu suchen, dann missverstehst du mich. Durch alle Zeiten hindurch sind Christen zwischen Extremen hin- und hergeschwankt. Ein Extrem betont den Glauben so sehr, dass es die Werke ausschließt, während das andere Extrem die Werke als Mittel zu Erlösung betrachtet. Glaube oder Werke so stark zu betonen, dass das jeweils andere ausgeschlossen wird, ist eine Verkürzung des Christseins. Den Glauben auf Kosten der Werke zu betonen, führt oft zu einem passiven Christsein, das in der Praxis eher dem Zeitgeist folgt als der Lehre Jesu. Es führt zu Kulturchristen, die in der Praxis eigentlich Atheisten sind.

Andererseits: Die Werke auf Kosten des Glaubens zu betonen führt zu selbstgewissen Christen, die die Notwendigkeit, gerettet zu werden, gar nicht mehr wahrnehmen. Es führt dazu, dass die Leute verzweifelt arbeiten, um sich selbst zu retten. Sie versuchen, gut zu sein, damit Gott sie annimmt.

In den Allgemeinen Regeln bietet Wesley uns eine kraftvolle Lösung für den Streit zwischen Glaube und Werken an. Die Allgemeinen Regeln helfen uns, ein Gleichgewicht zu finden, das beides realisiert: dass die Rettung allein aus Gnade durch Glauben geschieht und das Glaube ohne Werke tot in sich selber ist. Anders gesagt: Wenn du das Evangelium ganz und glaubwürdig bekennen willst, musst du verstehen, dass Jesus schon alles getan hat, um dich von der Sklaverei der Sünde und des Todes zu befreien und dass er dich zugleich in einen neuen Lebensstil einlädt. Jesus bietet uns nicht an, einfach bei ihm das Ticket in den Himmel zu lösen. Sondern er bietet uns an, von ihm das Geschenk neuen Lebens zu empfangen.

Zweimal Gleichgewicht

Die Allgemeinen Regeln helfen uns, die Balance zu finden und zu halten in zweierlei Hinsicht: Balance zwischen Glaube und Werken und Balance zwischen persönlicher Frömmigkeit und sozialer Aktion oder zwischen Gottes- und Nächstenliebe.

Glaube und Werke

Zu diesem Thema habe ich nun schon einiges gesagt. Ich denke, es ist klargeworden, dass ich nicht eines der beiden Themen für schriftgemäß halte und das andere nicht. Beides - Glaube und Werke - sind biblisch begründet. Wenn wir den Konflikt zwischen Glaube und Werken dadurch zu lösen versuchen, dass wir eines der beiden wählen, wenn wir darin enden, einem Teil des biblischen Zeugnisses zu folgen, indem wir den anderen übersehen. Das aber kann ja nicht unser Ziel sein.

Manchmal betonen Christen die Rechtfertigung allein durch den Glauben so sehr, dass dadurch jede eigene Beteiligung des Menschen an seiner Rettung ausgeschlossen wird. Oft in der Kirchengeschichte wurden Menschen sogar hart angegriffen wegen ihrer guten Werke. Auch zu Wesleys Zeiten war das weit verbreitet. Manche seiner Leute haben ihn später verlassen und bildeten mit anderen, zum Beispiel von den Herrnhutern, die Gruppe der Quietisten, die lehrten, dass es buchstäblich nicht nur nicht nötig, sondern sogar schädlich war, etwas zur eigenen Rettung beitragen zu wollen. Und sie schlossen daraus, dass, wenn Menschen erweckst wurden und ihre Angewiesenheit auf Gottes Gnade erkannten, sie anzuweisen seien, nichts weiter zu tun als still zu warten. Wesley hatte viel mit dem Quietismus zu kämpfen.

Stell dir vor, du erkennst, dass du auf dem geraden Weg in die Hölle bist und dir wird gesagt: Tue nichts als still zu warten. Das ist, wie wenn jemand erfährt, dass er an Krebs erkrankt ist und gesagt bekommt, er solle still auf eine Heilung warten, obwohl es verschiedene Optionen für eine effektive Behandlung gibt. Wesley glaubte daran, dass die Menschen geistliche Übungen auch deshalb praktizieren sollten, um daran mitzuwirken, was Gott in ihrem Leben schaffen wollte.

Christlicher Glaube führt zur Aktion, zur Praxis. Es ist wichtig, dass wir tun, was wir glauben. Wesley gebrauchte das Wort "Gnadenmittel", um die Dinge zu bezeichnen, die Christen für ihr Wachstum in der Heiligung tun können. Sie sind die gewöhnlichen Wege, auf denen Gott uns mit seiner vorlaufenden, rechtfertigenden und heiligenden Gnade erreicht. Deshalb sind sie so wichtig.

Werke sind also wichtig. Aber wir dürfen auch sie nicht auf Kosten des Glaubens überbetonen. Unsere Rettung ist wirklich ein Geschenk Gottes und wir können nichts tun, um sie zu erzwingen. Wir können uns nicht selbst retten, nur Gott kann das. Gottes Gnade ist unglaublich, und er schenkt uns umsonst seine Liebe. Diese Liebe gibt uns erst die Kraft, ihr zu antworten.

Nutzen wir doch die Allgemeinen Regeln, um zu einem Gleichgewicht von Glaube und Werken zu gelangen.

Persönliche Frömmigkeit und soziale Aktion

Die Allgemeinen Regeln helfen uns auch, ein Gleichgewicht zwischen persönlicher Frömmigkeit und sozialer Aktion zu finden. Wenn wir zustimmen, dass beides - Glaube und Werke - wichtig ist, dann werden wir fragen: Welche Werke? Anders gefragt: Was sollen Nachfolger Jesu Christi tun, um im Glauben zu wachsen? Jesu Doppelgebot der Liebe lehrt uns dabei, nach Dingen zu suchen, die unsere Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen ausdrücken.

Oft sind Christen in die Falle getappt, die persönliche Frömmigkeit auf Kosten der Werke der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit überzubetonen, oder aber umgekehrt Werke der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit auf Kosten der persönlichen Frömmigkeit überzubetonen. Wenn Christen die persönliche Frömmigkeit überbetonen, neigen sie dazu, die individuelle Beziehung zu Jesus Christus stark herauszustellen, aber zu übersehen, welche Rolle wir im Leib Christi einzunehmen berufen sind. Andererseits: Die in der Kirche, die sich ganz auf die Werke der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit fokussieren, vernachlässigen oft die Bedeutung der persönlichen Beziehung zu Jesus Christus. Wir sollten daran denken, dass Christus seinen Jüngern geboten hat, beides zu tun. Die Schrift lädt uns ein, eine persönliche Beziehung zu Christus zu entwickeln und unsere Mitmenschen aktiv zu lieben. Das eine soll nicht ohne das andere sein.

In methodistischem Verständnis gehören persönliche Frömmigkeit - die lebendige Beziehung des Einzelnen zu Christus - und die Werke der Barmherzigkeit - der praktische Dienst an den Armen - untrennbar zusammen.

Fragen zum Gespräch:

1.) Wie findest du Gleichgewicht in deinem Leben? Spiegeln sich deine Prioritäten darin wieder, wie du deine Zeit verbringst oder wie du dein Geld ausgibst?

2.) Warum ist es wichtig, eine Balance zwischen Glaube und Werken zu finden? Neigst du dazu, eines auf Kosten des anderen überzubetonen? Welches?

3.) Warum ist es wichtig, eine Balance zwischen persönlicher Frömmigkeit und sozialer Aktion zu finden? Neigst du dazu, entweder die Werke der Frömmigkeit oder die Werke der Barmherzigkeit überzubetonen? Was kannst du tun, um stärker ein Gleichgewicht zu finden?

4.) Wie können die Allgemeinen Regeln dir helfen, Balance zu gewinnen?


Sonntag, 6. Mai 2012

Das Weib schweige? (3)


(Predigt in der EmK Detmold am 06. Mai 2012)

Erinnert ihr euch noch an meine These aus der ersten Predigt zu unserer kleinen Reihe „Das Weib schweige?“ ? Wir wollten zeigen, dass wir nicht gegen die Schrift, sondern mit der Schrift gehen, wenn wir die Ansicht vertreten, dass Frauen und Männer dazu aufgerufen sind, sich gegenseitig einander unterzuordnen, nicht aber Frauen sich grundsätzlich nur den Männern unterordnen sollen. Wir wollten zeigen, dass es Gehorsam gegenüber der Schrift ist und nicht Abkehr von der Schrift, wenn wir als Kirche Frauen ordinieren und dafür sind, dass Frauen wie Männer predigen und auch Leitungsfunktionen in der Gemeinde und in der Gesellschaft einnehmen können. Im Gehorsam gegen de Schrift sehen wir das so, nicht gegen sie. Nimmt man diese These allein, könnte nach der Predigt vom vergangenen Sonntag bereits Schluss sein.

Denn, was wir gezeigt haben ist: Ein breiter und mächtiger Strom des Zeugnisses der ganzen Bibel beider Testamente misst Frauen und Männern gleiche Würde und gleiches Recht zu. Die Überordnung des Mannes gegenüber der Frau ist biblisch gesehen keine Schöpfungsordnung Gottes, sondern Fluch der Sünde, die zu überwinden Christus in die Welt gekommen ist. Und Gott beschenkt in seiner Bundesgeschichte mit uns Menschen immer wieder Frauen genauso wie Männer mit den Gaben der Leitung und der Verkündigung und gebraucht sie dazu, seine Gemeinde zu führen und sein Wort vollmächtig zu verkünden.

Jesus macht Frauen stark, nimmt sie ernst und beruft sie wie Männer in seine Nachfolge. Er macht sie wie Männer zu seinen Jüngern – radikal gegen den Zeitgeist, der Frauen klein halten will, der sie gegenüber Männern gering achtet und sie besonders von Bildung, Leitung und allen geistlichen und intellektuellen Bereichen ausschließt. Jesus war in dieser Frage wirklich revolutionär und Frauen in seinem Umfeld erlebten ihre Begegnung mit Christus zurecht als Befreiung auch von der Geschlechterrolle, auf die sie durch die Gesellschaft festgelegt waren.

Das, so haben wir gezeigt, ist der breite Strom des biblischen Zeugnisses, dem wir gehorchen wollen. Und wie gesagt: Damit könnte auch Schluss der Predigtreihe sein. Denn es ist klar: Die Stellen in den Briefen des Neuen Testaments, in denen die Frauen aufgefordert werden, sich ihren Männern unterzuordnen und in denen sie ermahnt werden, in der Gemeinde still zu sein und zu schweigen, sind gegenüber diesem breiten mächtigen Strom des Zeugnisses der ganzen Bibel ein kleines Rinnsal.

Damit, mit dieser Feststellung könnten wir die Predigtreihe also beenden. Das will ich aber nicht tun. Es befriedigt mich nicht. Ich will verstehen, was Paulus vor allem dazu bringt, so gegen den großen Strom des sonstigen biblischen Zeugnisses zu schreiben, wie er es scheinbar tut. Ich will ihn ernstnehmen, auch auf ihn hören und versuchen, nachzuvollziehen, was er uns sagen will. Wir wollen die ganze Schrift hören uns ernstnehmen und nicht nur das, was uns passt, oder?

Also will ich mich heute den Stellen, die meistens zitiert werden, wenn es darum geht, dass Frauen sich Männern unterordnen sollen und darum, dass sie nicht predigen und leiten sollen, einmal genauer zuwenden und einige Gedanken dazu mit euch teilen.

Zunächst 1. Korinther 11,3-16. Da schreibt Paulus: „Ich lasse euch aber wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, der Mann aber ist das Haupt der Frau; Gott aber ist das Haupt Christi. Ein jeder Mann, der betet oder prophetisch redet und hat etwas auf dem Haupt, der schändet sein Haupt. Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt. … Denn der Mann ist nicht von der Frau, sondern die Frau von dem Mann. Und der Mann ist nicht geschaffen um der Frau willen, sondern die Frau um des Mannes willen. Darum soll die Frau eine Macht auf dem Haupt haben um der Engel willen. Doch in dem Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann, noch der Mann etwas ohne die Frau...“

Zunächst müssen wir uns klar machen, um welches Thema es in diesem Text eigentlich geht. Es geht nicht darum, wie das Verhältnis von Mann und Frau zueinander ist oder welche Rolle Frauen in der Familie oder Gemeinde spielen sollen. Das Thema, zu dem Paulus schreibt ist: Wie sollen Männer und Frauen auf dem Kopf gekleidet sein, wenn sie in der Gemeinde beten oder verkündigen? Und seine Forderung ist: Männer sollen ohne Kopfbedeckung und Frauen mit Kopfbedeckung auftreten, wenn sie in der Gemeinde einen herausragenden Dienst versehen. Er begründet das später im Text ausdrücklich mit der damals in Korinth üblichen „Sitte“ (V. 16), mit dem damals üblichen Anstand: „Urteilt bei euch selbst, was sich ziemt.“ (V. 13)

Interessant für unser Thema ist dabei, dass Paulus damit ja ausdrücklich den öffentlichen Dienst von Frauen in der Gemeinde, indem sie beten und verkündigen, bestätigt. Das ist das eigentlich Revolutionäre, das Neue an diesem Text, denn diese Praxis der Gemeinde, dass Frauen öffentlich beten und vollmächtig verkündigen, steht dem Zeitgeist diametral entgegen. Paulus findet das o.k. Und steht damit ganz in der Linie des gesamtbiblischen Zeugnisses und von Galater 3,28: Hier ist nicht Mann noch Frau, sondern sie sind allesamt eins in Christus Jesus. Das gilt es zunächst festzuhalten.

Aber dann begründet Paulus seine Haltung, dass Frauen bei der Ausübung ihres neuen Rechtes, öffentlich in der Gemeinde zu beten und zu verkündigen, eine Kopfbedeckung tragen sollen, mit der gesellschaftlich üblichen Sitte und mit biblisch-theologischen Argumenten. Beides ist in dem Text schwer auseinanderzuhalten. „Der Mann ist das Haupt der Frau“, schreibt Paulus, und „um seinetwillen wurde die Frau geschaffen.“ So interpretiert Paulus die Schrift, daran gibt es nichts wegzudeuten. Wie kommt es, dass er mit dieser Argumentation dann scheinbar doch Frauen den Männern grundsätzlich unterordnet, obwohl er doch weiß, dass, wie er ebenfalls schreibt, „in dem Herrn weder die Frau etwas ohne den Mann noch der Mann etwas ohne die Frau“ ist?

Ich kann das nur so verstehen: Paulus weiß, das zeigt der Vers 11, den ich gerade zitiert habe und das zeigt auch Galater 3,28, dass die Herrschaft der Männer über die Frauen in Christus überwunden ist, dass Christus den Fluch der Sünde weggenommen hat und dass es deshalb in der Gemeinde keine grundsätzliche Überordnung eines Geschlechtes über das andere mehr geben kann. Deshalb stimmt er dem Brauch in Korinth, dass Frauen öffentlich beten und lehren, grundsätzlich zu. Zugleich aber ist er, und dieses Thema prägt ja weite Teile des 1. Korintherbriefes, unbedingt darauf bedacht, dass es in der Gemeinde ordentlich zugeht, dass Sitte und Anstand der damaligen Zeit gewahrt werden und dass die Gemeinde nicht in ihrem Enthusiasmus über die Befreiung, die sie in Christus erfahren hat, so euphorisch handelt, dass sie schließlich in der Öffentlichkeit als Verein von Spinnern dasteht. Alles soll in der Ordnung geschehen und so, dass die Gemeinde keinen Anstoß erregt. Paulus wagt deshalb eine Gratwanderung: Er stimmt zu, dass Frauen nun in der Gemeinde öffentlich beten und verkündigen dürfen, und zugleich mahnt er, die überkommene traditionelle Ordnung so weit wie möglich zu wahren und sich an sie zu halten. Um des Friedens willen erkennt er die traditionell herrschende Ordnung, wonach die Frau dem Mann untergordnet ist, an.

Das aber kann heute ganz sicher kein Grund für uns sein, darauf zu beharren, dass der Mann das Haupt der Frau ist, denn herrschende Ordnung ist das ja schon lange nicht mehr. Paulus ist der Organisator der Gemeinden, der sich einerseits an der befreienden Begegnung so vieler Menschen mit Christus freut, der aber eben auch die Gemeinden so organisieren will, dass sie von der Öffentlichkeit nicht für Narren gehalten werden. Und um das zu gewährleisten, mahnt er, bei allen Neuerungen, die er grundsätzlich anerkennt, auch die traditionellen Rollen von Frau und Mann anzuerkennen.

Noch deutlicher wird das in 1. Korinther 14, 34-35. Da schreibt Paulus: „Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in der Gemeindeversammlung; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht der Frau schlecht an, in der Gemeinde zu reden.“

Harter Tobak, oder? Wie man's nimmt. Zunächst fällt ja auf, dass das, was Paulus hier sagt, auf den ersten Blick dem, was er in Kapitel 11 gesagt hat, widerspricht. Dort hat er anerkannt, dass Frauen in der Gemeinde beten und weissagen, hier sagt er, sie sollen still sein und schweigen. Scheinbar ein krasser Widerspruch, aber eben nur scheinbar. Warum?

Zum ersten Mal ist es so, dass Frauen lernen dürfen. Sie sind Jüngerinnen Jesu und als solche bekommen sie erstmals Zugang zu Bildung. Sie gehen bei Jesus in die Schule. Das ist das Neue, Revolutionäre, Begeisternde, dem Paulus in keiner Weise widerspricht. Das Ziel ist, dass auch Frauen genau wie Männer öffentlich die gute Botschaft verkündigen. Sie sollen nicht mehr von Bildung ferngehalten werden.

Nun will er aber nicht, dass das Lernen im Gottesdienst geschieht. Im ganzen Kapitel 14 geht es darum, dass Paulus mahnt: Der Gottesdienst muss seine Ordnung haben. Da muss es so zugehen, dass auch Außenstehende, auch Gäste nicht abgestoßen werden und uns nicht für Spinner halten. Deshalb mahnt er hier zum Beispiel auch zur Zurückhaltung beim Gebrauch der Zungenrede. Paulus will die Ordnung des Gottesdienstes wahren. Deshalb sagt er: Zwar dürfen und sollen Frauen jetzt lernen. Auch dazu hat Christus uns befreit. Sie stehen den Männern nicht mehr nach. Aber: Der richtige Ort dafür ist gewiss nicht der Gottesdienst. Hier sollen nicht Zwischenfragen hineingerufen werden, wenn jemand predigt, hier soll nicht alles ausdiskutiert oder gar über die Predigt gestritten werden. Das Lernen geschieht sinnvoll nur außerhalb des Gottesdienstes. Und dann, zu Hause, da können Mann und Frau dann auch herzhaft diskutieren. Ja, die Fauen sollen lernen, aber nicht so, dass es den Gottesdienst stört – das sagt Paulus in 1. Korinther 14.

Die gleiche Linie verfolgt er in 1. Timotheus 2,8-15. In Vers 11 schreibt Paulus dort: „Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung.“ Ja, sagt Paulus. Frauen sollen jetzt lernen dürfen. Das ist sogar im Imperativ formuliert: Ihr Frauen, lernt! Das ist jetzt euer Recht, also tut es auch. Ihr habt jetzt Zugang zu Bildung, den ihr nutzen sollt. Aber: Tut es nicht so, dass es den Gottesdienst stört, sondern in der Stille. Und tut es in der Haltung des Lernenden, mit Respekt vor dem Lehrer und vor dem, was ihr lernt – also in Unterordnung. Meiner Meinung nach meint Paulus hier mit dem Wort „Unterordnung“ nicht die Unterordnung gegenüber dem Mann, sondern eben die Haltung des Lernenden gegenüber dem Lehrer und dem Lehrstoff.

Und dann Vers 12: „Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still.“ Hier steht kein Imperativ, kein Befehl, sondern ein Indikativ. Einer Frau gestatte ich (jetzt) nicht, dass sie lehre. Erst, sagt Paulus, kommt das Lernen, dann das Lehren. Ein Schritt nach dem anderen bitte.

Also: Auch hier finde ich die Haltung des Paulus' nachvollziehbar. Gegenüber dem Zeitgeist, gegenüber der Umwelt der Gemeinde hat die Begegnung mit Christus unerhört Neues gebracht: Frauen haben jetzt Zugang zur Bildung, sie dürfen und sollen lernen, denn Christus ruft, begabt und braucht auch sie genau wie Männer für sein Reich. Aber: Alles soll in der Ordnung geschehen, nicht auf chaotische Art und Weise. Alles soll Schritt für Schritt geschehen und so, dass der öffentliche Gottesdienst nicht gestört wird, dass Gäste sich in der Gemeinde wohlfühlen und zurechtfinden und sie nicht für einen Verein von Narren, Fanatikern oder Enthusiasten halten. So verstehe ich Paulus. Er widerspricht damit in meinen Augen nicht dem breiten Strom des biblischen Zeugnisses, von dem ich anfangs gesprochen habe.

Es gibt also meiner Meinung nach keinen Grund, die Haltung des Paulus in seinen Briefen sozusagen als Minderheitenmeinung eines Chauvis beiseite zu schieben und sich damit zu begnügen, dass es auch ganz andere Zeugnisse über die Rolle von Frauen in der Bibel gibt. Das würde Paulus nicht gerecht, denn der ist gewiss kein Chauvi. Im Gegenteil: Er steht ganz in der Linie des biblischen Zeugnisses, die wir an den letzten drei Sonntagen betrachtet haben. Nur hat er eine besondere Aufgabe: Er ist der Organisator des Gemeindebaus und will die neu entstandenen Gemeinden Christi etablieren in ihren Städten. Deshalb sagt er: Ja, gewiss, für euch Frauen ist die Botschaft von Christus auf ganz besondere Art und Weise eine Befreiung. Ihr seid in der Gemeinde nun nicht mehr benachteiligt. Ihr dürft und sollt, wie die Männer auch, bei Jesus in die Schule gehen, seine Jünger werden und lernen. Und manche von euch werden sicher auch von ihm berufen und begabt, eine Leitungsfunktion wahrzunehmen und/oder sein Wort in der Predigt zu verkündigen. Nur passt auf, dass ihr in eurer Begeisterung für all diese neuen Perspektiven nicht alles durcheinander bringt. Der Gottesdienst muss ungestört sein, für jeden und jede verständlich und soll keinen Anstoß erregen. Dass noch viele Menschen von Christus erfahren und dann dazu kommen und mitmachen beim Bau seines Reiches, das ist es wert, sich zurückzunehmen und langsam Schritt für Schritt nach vorne zu gehen.

An das Ende dieser Predigt und der Predigtreihe möchte ich einen persönlichen Wunsch stellen. Wir sind hier in Detmold als Kirche Jesu Christi ein ganz schön buntes Völkchen. Und das ist gut so. Wir als Methodisten sind ein Zweig der Gemeinde Jesu in dieser Stadt. Nicht weniger, aber auch nicht mehr: ein Zweig seiner Gemeinde. Und als solcher Zweig stellen wir fest, dass nicht nur unsere katholischen Geschwister, sondern auch viele freikirchliche Gemeinen in Sachen Frauen eine ganz andere Haltung haben als wir. Viele unserer Geschwister in den russlanddeutschen Gemeinden interpretieren die Schrift so, dass sie sagen: Frauen sollen sich ihren Männern unterordnen, und Frauen dürfen in der Gemeinde öffentlich nicht predigen und keine Leitungsfunktion versehen. Alles andere widerspreche, sagen sie, der Schrift und der Schöpfungsordnung Gottes. Ich respektiere das, und ich hoffe und bitte euch darum, dass wir diese Haltung auch gemeinsam als Gemeinde respektieren.

Aber – und das ist mein Wunsch: Lasst uns bei allem Respekt auch gemeinsam offen sagen, dass wir eine andere Haltung haben und zu ihr stehen. Ich bin froh über meine Kirche und darüber, dass sie schon seit so langer Zeit die Frauenordination zulässt und Frauen ermutigt, Begabungen zur Leitung und Verkündigung zu entdecken, zu kultivieren und fruchtbar werden zu lassen. Ich wünsche mir, dass wir bei allem Respekt für andere Traditionen zu dieser unserer Tradition offen und fröhlich stehen, und dass wir deutlich machen: Für uns ist das keine Abkehr von biblischer Lehre, sondern ganz im Gegenteil Gehorsam gegenüber dem breiten Strom des biblischen Zeugnisses, der Frauen stark macht.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Typisch methodistisch (Teil 6)

(Übertragung des Buches "A Blueprint for Discipleship" von Kevin M. Watson aus dem Englischen)


Teil 6


Praktiziere die geistlichen Übungen


Übung macht den Meister. Na ja, vielleicht nicht immer, aber schaden kann Übung nicht, oder? Ich lernte die Bedeutung des Übens in meiner Kindheit kennen. Ich war dem Baseball verfallen. Jahr für Jahr stieg meine Leidenschaft für diesen Sport. Ich wollte der beste Baseball Spieler werden, den es je gab.


Zwei harte Lektionen hatte ich zu lernen, die weit über den Baseball-Sport hinaus Bedeutung haben: Zunächst lernte ich, dass die Leute dich oft nach anderen Kriterien beurteilen als nach deiner Leistung. Als wir in eine andere Stadt umzogen, musste ich feststellen, dass Reputation eine große Bedeutung hat. Meinen guten Ruf konnte ich beim Umziehen nicht mitnehmen. Und dann lernte ich, dass dich die Leute oft nach dem Äußeren beurteilen. Mein neuer Coach nach dem Umzug sagte mir, ich sei zu klein für Baseball. Deshalb, sagte er, hätte ich keine realistische Chance, zur Stammmannschaft zu gehören.


Ich entschied, so hart wie möglich zu arbeiten, um ihn ins Unrecht zu setzen. Jeden Tag trainierte ich eine oder zwei Stunden. Das war harte Arbeit, aber ich liebte sie, weil ich Baseball liebte.


Und schließlich zahlte sich das ganze Üben aus und ich schaffte es ins Team. Trotzdem musste ich mich beweisen, denn ich wollte es in die Startaufstellung schaffen. Also musste ich weiter üben, üben, üben. Irgendwann schaffte ich auch das. Rückblickend ist natürlich klar, dass das viele Üben mir den Erfolg keineswegs garantierte. Aber nicht zu üben hätte mir garantiert, dass ich keinen Erfolg gehabt hätte.

All das gehört zu den wertvollsten Erfahrungen meiner Kindheit. Diese Erfahrungen haben mich zu dem Mann gemacht, der ich heute bin. Ich lernte, mir das durch Übung zu erarbeiten, was mir nicht von allein zufiel.

Was hat wirklich Priorität?

Hast du schon einmal bemerkt, dass die Dinge, mit denen wir uns am meisten beschäftigen, die in uns am meisten Leidenschaft wecken, oft nicht die gleichen sind wie die, von denen wir sagen, dass sie uns am wichtigsten seien? Hier kommt ein radikaler Vorschlag: Christen sollten mehr Leidenschaft, mehr Energie, mehr Hingabe auf die Praxis ihres Glaubens verwenden als auf alles andere. Für Christen sollte die Praxis des Glaubens die Nummer-Eins-Priorität in ihrem Leben sein.

Praxis des Glaubens

Bisher haben wir die ersten beiden Allgemeinen Regeln diskutiert: Tue nichts Böses und tue Gutes, so viel du kannst. In diesem Kapitel geht es um die dritte Allgemeine Regel, die uns daran erinnert, unseren Glauben mit Leidenschaft und Hingabe zu praktizieren.

In den allgemeinen Regeln schreibt Wesley:

Endlich wird von allen, welche in unserer Gemeinschaft bleiben wollen, erwartet, dass sie ihr Verlangen nach Seligkeit beweisen drittens durch den Gebrauch aller von Gott verordneten Gnadenmittel, als da sind:
  • der öffentliche Gottesdienst
  • das Hören des Wortes Gottes, es werde solches gelesen oder ausgelegt
  • das Abendmahl des Herrn
  • das Beten mit der Familie und im Verborgenen
  • das Forschen in der Schrift
  • Fasten und Enthaltsamkeit
In der ersten Allgemeinen Regel "Tue nichts Böses" hat Wesley zahlreiche konkrete Beispiele dafür aufgelistet, was wir nicht tun sollen. Einige von ihnen scheinen manchem heute sicher ziemlich altmodisch zu sein. Ich denke, seine Liste würde vielleicht ein wenig anders aussehen, wenn er sie heute zusammenstellen würde. Aber zu dieser dritten Regel, denke ich, würde seine Liste auch heute noch weitgehend gleich aussehen. Lass uns einen genaueren Blick auf diese zentralen geistlichen Praktiken werfen.  

Die erste Übung, die Wesley aufzählt, ist "der öffentliche Gottesdienst". Das ist genauso gemeint wie es da steht. Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, werden zusammenkommen, um Gottesdienst zu feiern. An jedem Ort den Gottesdienst aufrecht zu erhalten, ist eine der zentralen Aufgaben der christlichen Gemeinden. Wenn eine Gemeinde aufhört, öffentlichen Gottesdienst zu feiern, ist sie geistlich tot und sollte nicht mehr christliche Gemeinde genannt werden.

Das ist so selbstverständlich - und doch: Wie viele Leute, die sich selbst für Glieder einer Gemeinde halten, feiern nicht regelmäßig Gottesdienst mit ihren Glaubensgeschwistern? Die frühen Methodisten haben es Leuten, die nicht regelmäßig am Gottesdienst teilgenommen haben, nicht erlaubt, sich Methodisten zu nennen. Eines der deutlichsten Zeichen, wie wenig ernst wir die Gliedschaft in der Evangelisch-methodistischen Kirche nehmen, ist wohl die große Zahl der Leute, die wir immer noch als Glieder der Kirche betrachten, obwohl sie schon seit Jahren nicht mehr am Gottesdienst der Gemeinde, deren "Glieder" sie sind, teilgenommen haben.

Interessanterweise gebraucht Wesley das Wort "öffentlich", um den Gottesdienst, über den er redet, näher zu beschreiben. Zusammen Gottesdienst zu feiern war den frühen Methodisten wichtig, weil es die Glaubenden näher zu Gott und zueinander brachte. Im Gottesdienst sangen sie Hymnen, beteten, lasen in den Schriften, hörten Predigten und empfingen das Sakrament der Heiligen Kommunion - wenn ein ordinierter Pastor anwesend war. Weil ein neuer Glaubender durch all das also mit den anderen geistlichen Übungen bekanntgemacht wurde, war der Gottesdienst von Anfang an die zentrale geistliche Übung. Viele Menschen kamen in den Gottesdienst erstmals mit dem Evangelium in Kontakt und wurden zum Glauben an die erlösende Botschaft Christi erweckt.

Methodisten waren besonders bekannt für ihren Mut und die Praxis, das Evangelium öffentlich zu verkünden. Wesley predigte oft draußen zu den Menschen auf dem Markt. Viele Menschen wurden durch diese Predigten unter freiem Himmel erweckt. Unglücklicherweise kommen wir heute mehr und mehr in einem sehr privaten Setting zusammen, anstatt wirklich öffentlich als Leib Christi den Gottesdienst miteinander zu feiern. Die Erinnerung, den "öffentlichen Gottesdienst" zu praktizieren, ist heute so relevant wie eh und je.

De zweite Übung, die Wesley aufzählt, ist "das Hören des Wortes Gottes, es werde solches gelesen oder ausgelegt". Auch diese Praxis sollte den meisten Christen recht vertraut sein. Aber während sich wohl alle Gemeinden zur Bedeutung der Schrift in orten bekennen, scheint es doch in vielen von ihnen ein wachsendes biblisches Analphabetentum zu geben. Auch die Predigt hat sicher in unseren Gottesdiensten einen wichtigen Platz. Aber wie oft kommt es denn vor, dass Menschen der Predigt zuhören und tatsächlich bereit sind, wirklich ihre Meinung oder ihr Verhalten auf Grund der Predigt zu verändern? Es würde Wesley gefallen, dass wir in unseren Gottesdiensten immer noch predigen und Abschnitte aus der Bibel lesen, aber er würde darauf bestehen, dass wir das gehörte dann auch in der Praxis umzusetzen bereit sind.

Die nächste Übung, die Wesley aufzählt, ist das Mahl des Herrn oder die Heilige Kommunion. Für Wesley und die frühen Methodisten repräsentiert das Mahl des Herrn den unendlichen Fluss der Gnade, in dem wir jedesmal, wenn wir zum Tisch des Herrn kommen, zu schwimmen eingeladen sind.

Das Sakrament des Abendmahls ist wichtig für die Jügerschaft, weil es der offensichtlichste Ort ist, an dem Christen erwarten können, der Gnade Gottes auf sinnlich erfahrbare und das Leben verändernde Art und Weise zu begegnen. Die Kommunion war für Wesley eine der Schlüssel-Übungen, die uns befähigt, in der Gnade zu wachsen und in der Heiligung zuzunehmen. Ich denke, Wesley wäre überrascht und traurig darüber, dass die meisten Gemeinden der Evangelisch-methodistischen Kirche das Mahl des Herrn nicht öfter als einmal im Monat feiern. Denn das Sakrament des Abendmahls ist einer der Ecksteine des Wesleyanischen Bauplans für die Jüngerschaft.

Das nächste, was Wesley als wichtige geistliche Übung aufzählt, ist "das Beten mit der Familie und im Verborgenen". Wesleys eigenes Gebetsleben war ein erstaunliches Beispiel für Hingabe, Treue und Disziplin. Jeden Morgen stand er um 4 Uhr auf und verbrachte die erste Stunde seines Tages auf den Knien mit Gebet und Bibellesen. Das Gleiche tat er am Abend, bevor er ins Bett ging.

Die Wichtigkeit des Gebetes für das Christsein muss ich sicher nicht groß begründen, oder? Die meisten Christen stimmen sicher zu, dass das Gebet wichtig ist. Das Gebet ist der Weg, auf dem wir mit Gott kommunizieren. Wenn wir beten, bringen wir unser Leben vor Gott und hören auf das, was er will. Wir bringen unsere Freuden, Sorgen und Nöte, Ängste und Befürchtungen vor Gott - jeden Teil unsere Lebens.

Oft trägt unser Gebet nicht sofort Früchte. Wir sind es gewohnt, unmittelbar Resultate unseres Handelns zu sehen. Beim Gebet ist das oft nicht so. Deshalb ist das Gebet als geistliche Übung für manche frustrierend und unbefriedigend. Manche verwenden mehr Zeit darauf, sich schuldig zu fühlen, weil sie so wenig beten, als darauf, tatsächlich zu beten.

Bitte versteh das Gebet nicht als die Zeit, in der du Gott deine To-do-Liste bringst, sondern als Zeit des Gesprächs mit Gott. Gebet beinhaltet das Zuhören - das Hören auf Gottes Leitung und das Suchen danach, von Gott geformt zu werden, sodass wir Christus immer ähnlicher werden.

Als ich an der Uni war, lud einer meiner Professoren einmal meine Frau und mich zum Abendessen ein. Sie hatten drei wundervolle, noch sehr kleine Kinder. As es Zeit für die Kinder war, ins Bett zu gehen, luden unsere Gastgeber Melissa und mich ein, an ihrem Familiengebet teilzunehmen. Jeden Abend vor der Schlafenszeit beteten sie zusammen. An diesem Abend lernte ich, dass, um das Gebet wirklich zu einer festen Gewohnheit zu machen, es einer der besten Wege ist, regelmäßig als Familie zusammen zu beten. Mit kleinen Kindern zu beten, ist total chaotisch, aber es ist auch eine wirkliche Gnadenerfahrung. Als Melissa und ich an diesem Abend heimfuhren, sprachen wir im Auto darüber, eine wie tolle Erfahrung es war, zu sehen, wie diese kleinen Kinder bereits so früh in ihrem Leben begannen, eine Beziehung zu Gott zu entwickeln. Und deutlich war auch, dass das Familiengebet die ganze Familie irgendwie zusammenschweißte.

Nach dem Gebet ist die nächste geistliche Übung in den Allgemeinen egeln das "Forschen in der Schrift". Gemeint ist das gezielte Lesen der Bibel, um Gottes Führung und Leitung in ihr zu entdecken. Es ist interessant, dass Wesley einen Unterschied macht zwischen dem "Hören des Wortes Gottes" im Zusammenhang des Gottesdienstes oder der Andacht und dem gezielten "Forschen in der Schrift". Für Wesley schien es nicht genug, einmal in der Woche in der Kirche durch zwei Schriftlesungen und eine Predigt mit dem Wort Gottes in Kontakt zu kommen. Das reicht nicht, um die Bibel wirklich kennenzulernen. Wesley erwartete von den Christen, dass sie auch allein in der Schrift forschen, sie studieren und in ihr nach Gottes Willen und Leitung suchen.

Die Schrift hatte wirklich einen wichtigen Platz in Wesleys Zugang zum Thema Jüngerschaft. Forschen in der Schrift hieß für ihn, die Bibel zu lesen, nicht nur, um Informationen zu bekommen, sondern um von Gott durch die Bibel verändert zu werden. So die Bibel zu lesen setzt voraus, in ihr nach Gottes Weisheit und Leitung wirklich zu suchen und das, was man dabei lernt, unmittelbar auch im Leben umzusetzen.

Zuletzt zählt Wesley "Faste und Enthaltsamkeit" als geistliche Übungen auf. Fasten meint, für eine gewisse Zeit nichts zu essen. Wesley fastete sein ganzes Leben lang regelmäßig, einmal und manchmal auch zweimal in der Woche. Enthaltsamkeit meint, auf etwas zu verzichten. Viele werden dabei zuerst an sexuelle Enthaltsamkeit denken. Aber es gibt noch viele andere Dinge, auf die wir (generell oder eine Zeit lang) verzichten können, um uns auf unsere Beziehung zu Gott zu fokussieren. Viele fasten während der Passionszeit und verzeichten für sieben Wochen auf etwas, das ihnen lieb geworden ist. Viele Methodisten verzichten grundsätzlich auf Alkohol und Zigaretten. Fasten und Enthaltsamkeit sollen nicht dazu dienen, dass wir einmal so richtig schlecht fühlen. Stattdessen sollen sie uns an unsere Angewiesenheit auf Gott erinnern. Und sie können zu einem ganz konkreten Hinweis in unserem Leben werden, dass es wirklich möglich ist, unsere leiblichen Bedürfnisse unserem Willen und Verlangen, Gott zu folgen, unterzuordnen.

Wir könnten noch mehr geistliche Übungen anführen und diskutieren. Wichtig ist, dass wir die geistlichen Übungen, die uns helfen, in unserem Glauben und unserer Beziehung zu Gott zu wachsen, nicht nur kennen, sondern auch wirklich praktizieren. Sie helfen uns, in unserem Leben die richtigen Prioritäten zu setzen und uns nicht ablenken zu lassen von unserem Weg mit Gott.

Petrus lernte, als er übers Wasser ging, dass es entscheidend war, die Augen auf Jesus gerichtet zu haben, sich auf ihn zu fokussieren. Genau dazu helfen uns die geistlichen Übungen. Wenn wir sie vernachlässigen, werden wir schnell von Jesus abgelenkt und beginnen wie Petrus zu sinken. Aber wenn wir unseren Glauben leidenschaftlich praktizieren und üben, werden wir Gottes Liebe tiefer und tiefer in uns aufnehmen und nach einer Zeit in der Lage sein, mitten in den Stürmen des Alltags unsere Augen immer auf Jesus zu richten.

Wenn wir uns wirklich verpflichten, nichts Böses zu tun, Gutes zu tun, so viel wir können und die geistlichen Übungen zu praktizieren, wird es uns immer besser gelingen, Jesu Gebot, Gott und unsere Mitmenschen zu lieben, umzusetzen. Wir werden feststellen, dass wir mit Gottes heiligender Gnade zusammenarbeiten, die uns Jesus immer ähnlicher macht. Wir werden feststellen, dass wir, indem wir diese Gewohnheiten einüben, es Gott erlauben, uns heilig zu machen. Wir werden Leute werden, die sich nicht nur Christen nennen, sondern die einen lebendigen, aktiven und verändernden Glauben praktizieren. Nach solchem Glauben hingert die Welt.

Fragen zum Gespräch:

1.) Gibt es einen Unterschied zwischen den Dingen, die du für am wichtigsten hältst und denen, mit denen du die meiste Zeit verbringst?

2.) Welche geistlichen Übungen praktizierst du zurzeit? Welche fallen dir besonders leicht? Warum ist das so?

3.) Welche geistlichen Übungen hältst du für am schwierigsten? Warum?

4.) Gibt es eine geistliche Übung, die du nicht praktizierst, die dir aber helfen würde, in der Liebe zu Gott und zu deinen Mitmenschen zu wachsen? Welche? Würdest du dich heute verpflichten, mit ihr zu beginnen? Gibt es jemanden, der dich dabei begleiten und dich danach fragen könnte, welche Fortschritte du machst?

Mittwoch, 2. Mai 2012

Typisch methodistisch (Teil 5)

(Übertragung des Buches "A Blueprint for Discipleship" von Kevin M. Watson aus dem Englischen)

Kapitel 5

Tue Gutes, soviel du kannst

Oft sind Christen eher dafür bekannt, wogegen sie eintreten, nicht aber dafür, wofür sie sich stark machen: gegen Abtreibung, gegen die Ehe von Schwulen und Lesben, gegen Sex vor der Ehe, gegen Alkohol, gegen das Rauchen...

Manchmal, wenn Leute eine Idee haben und einen Vorschlag machen, um etwas zu bewegen, kommen wir ganz schnell auf viele Gründe, warum die Idee nicht funktionieren kann. Vielleicht sollten wir uns grundsätzlich darauf einigen, dass, wenn jemand einen Vorschlag macht, um im Leben anderer Menschen etwas positiv zu bewegen, niemand anders etwas negatives über die Idee sagt - außer Vorschläge, sie weiter zu verbessern. Das bewahrt uns davor, so lange nach der perfekten guten Tat Ausschau zu halten, dass wir schließlich gar nichts mehr tun. Denn der einzige Weg, auf dem wir garantiert nichts positives bewirken, ist es, nichts zu tun.

Dieses Buch soll ein konstruktiver Vorschlag sein, wie wir sichtbar Fortschritte im Christsein erleben können. Die frühen Methodisten gebrauchten eine spezielle Methode, um sicherzustellen, dass alle ihre Anhänger nicht nur dem Namen nach Christen waren, sondern wirklich zu Jüngern wurden. Diese Methode war vielleicht nicht perfekt, aber sie bewirkte etwas im Leben derer, die sie anwandten. Heute sehen wir uns die Allgemeinen Regeln neu an mit der Hoffnung, dass Gott sie gebraucht, um unser Leben zu verändern.

Im letzten Kapitel ging es um die erste Allgemeine Regel: Tue nichts Böses. Du hast erfahren, dass du nicht vorwärts kommen wirst, bevor du aufhörst, dich rückwärts zu bewegen. Manchmal hattest du vielleicht den Eindruck, die erste Allgemeine Regel sei noch so eine Liste der Dinge, die du besser nicht tun solltest. Aber: Das ist nur der Anfang. Wir müssen aufhören, uns rückwärts zu bewegen, damit wir nun auch wirklich vorwärts kommen. Deshalb geht es in diesem Kapitel nun um die zweite Allgemeine Regel: Tue Gutes, so viel du kannst. Ich will in diesem Kapitel beweisen, dass zum Christsein viel mehr gehört, als nur gegen dieses oder jenes zu sein. Vor allem heißt Christsein, mit Leib und Seele Gott und die Mitmenschen zu lieben. Das ist das Zentrum des christlichen Lebens: Gott lieben und den Mitmenschen wie sich selbst. Und das ist die Grundlage, auf der Wesley die Allgemeinen Regeln entwickelt hat.

In den Allgemeinen Regeln schrieb Wesley:

Ferner wird von denjenigen, welche in der Gemeinschaft bleiben wollen, erwartet, dass sie ihr Verlangen nach Seligkeit beweisen zweitens dadurch, dass sie Gutes tun; in jeder Hinsicht nach ihrem Vermögen sich barmherzig erweisen und bei jeder Gelegenheit Gutes aller Art, so weit die Kräfte reichen, allen Menschen erzeigen.

Wesley führt die zweite Regel ganz anders aus als die erste. Er zählt zwei konkrete Wege auf, auf denen wir Gutes tun sollen. Als erstes

Indem sie, hinsichtlich des Leibes, nach dem Vermögen, welches ihnen Gott gibt, die Hungrigen speisen, die Nackenden kleiden, Kranke und Gefangene besuchen und ihnen behilflich sind. Und zweitens

Hinsichtlich der Seele, indem sie alle, mit denen sie Umgang haben, belehren, zurechtweisen und ermahnen.

Erinnerung hilft

Bevor wir weitergehen, möchte ich daran erinnern, dass die Allgemeinen Regeln nicht für Pastoren, Missionare oder "Superchristen" geschrieben wurden, sondern als Hilfe für jede einzelne Person, die sich Methodist nennt. Wesley nahm die Allgemeinen Regeln so ernst, dass er sich oft in den Gemeinschaften nach jeder einzelnen Person erkundigte - und danach, ob sie diesen Lebensstil auch praktizierten. Wenn jemand ständig gegen die Allgemeinen Regeln gelebt hat, wurde er von der Mitgliederliste gestrichen.  Mitgliedschaft in einer methodistischen Gemeinschaft hieß wirklich etwas, während John Wesley noch lebte. Methodisten waren per definitionem die Leute, die diesen Lebensstil, diese Methode praktizierten.

Kein Wunder, dass dies eine so kraftvolle Bewegung war. Kannst du dir vorstellen, was eine Gemeinde heute bewegen könnte, wenn sie nur 100 Leute hätte, die so verbindlich leben, dass sie sich verpflichten und gegenseitig Rechenschaft darüber ablegen, anderen Gutes zu tun, so viel sie können? Ich hoffe und bete, dass diese Lebensregel und wieder zu dem macht, was wir einmal waren: Leute, die dafür bekannt sind, glaubwürdige und verbindliche Christen zu sein. Wenn wir darüber nachdenken, was es praktisch bedeutet, Christ zu sein, können uns die Allgemeinen Regeln helfen, von einem konsum-orientierten, passiven (passive), tatenlosen Glauben zu einem geist-orientierten, leidenschaftlichen (passionate), aktiven Glauben zu kommen. In anderen Worten: Die Allgemeinen Regeln erinnern uns daran, dass der Glaube keine Sammlung von Ideen ist, denen sich Christen verpflichtet fühlen. Glaube führt zur Heiligung, und Heiligung ist das Ziel. Der Glaube führt uns zu einem neuen Lebensstil.

Aber: Zuerst sind wir Christen und erst zweitens Methodisten. Unser Erbe as Christen und Methodisten ermutigt uns, Leute zu sein, die Gutes tun, indem sie die Hungrigen sättigen, die Nackten kleiden und Kranke und Gefangene besuchen und ihnen helfen. Unser Erbe ermutigt uns, Leute zu sein, die Gutes an den Seelen anderer Menschen tun, indem sie sie belehren, zurechtweisen und ermahnen.

Nochmal: Wir tun gut daran, uns zu erinnern, dass Wesley diesen Standard nicht erfunden oder aus der Luft gegriffen hat. Wesleys Ideen darüber, was es heißt, ein Christ zu sein, kommen aus der Bibel, die er durch Lesen und Studieren sorgsam erforscht hat. Es ist Zeit für uns Methodisten, den Götzen, dem so viele Christen - auch wir selbst - so lange nachgejagt sind, umzustoßen: die Idee, dass ein Christ nicht so leben muss, wie Jesus es gelehrt hat, weil die Erlösung ein freies Geschenk sei, das aus Gnade und nicht durch Werke geschehe. Natürlich ist die Erlösung ein freies Geschenk. Aber Gott erwartet, dass, wenn wir dieses Geschenk annehmen, wir ihm erlauben, unser Leben zu verändern. Wenn wir das Geschenk der Erlösung aus Gnade durch Glauben annehmen, ohne ihm zu erlauben, uns zu verändern, dann sind wir wie ein Kind, das zu Weihnachten das lang ersehnte Fahrrad bekommt und sich darüber freut, aber nie auf ihm fährt.

Die Schrift erforschen

Lass uns in die Schrift sehen. Das meiste, von dem Wesley in der zweiten Allgemeinen Regel sagt, dass wir es tun sollen, stammt aus dem Gleichnis, das Jesus in Matthäus 25 erzählt. "Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters. Ererbst das Reich, das euch beeitet ist von Anbeginn der Welt. Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." (Mt. 25, 31 ff.)

Die Schrift lehrt klar, dass Glaube zur Tat führt. Glaube an Jesus soll uns dazu führen, anderen Gutes zu tun.

Wesley versuchte nicht, irgendetwas Neues zu tun. Er predigte einfach Christus. Also: Mein erstes Interesse ist es nicht, dich davon zu überzeugen, ein Jünger John Wesleys zu werden. Ich möchte dich ermutigen, ein verbindlich lebender Jünger Jesu Christi zu werden. Die Allgemeinen Regeln sind ein Modell, Jesu Zusammenfassung des Gesetzes Gottes, Gott und den Mitmenschen zu lieben, praktisch anzuwenden.

Unglücklicherweise glauben einige Nachfolger Christi scheinbar nicht, dass Christen irgendetwas tun müssen, um wirklich Christen zu sein. Einige argumentieren, dass Christus doch gekommen sei, um das Gesetz zu erfüllen und uns von ihm zu befreien. Aber Paulus schreibt in Römer 3, 28-31: "So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja, gewiss, auch der Heiden. Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben. Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf!"

Der Glaube hebt das Gesetz nicht auf. Wenn wir zu Jesus zurückkehren, finden wir in der Bergpredigt eine Stelle, in der Jesus ausdrücklich über das Verhältnis des Glaubens an ihn zum Gesetz spricht: " Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen." (Mt. 5,17ff.)

Glaube ohne Werke ist tot. (Jak. 2,14-17) Wenn unser Glaube nur aus Gedanken besteht, aus Ideen, die unser Leben nicht berühren, dann ist unser Glaube tot. Er ist wertlos. 

Berufen, einen Unterschied zu machen

Wenn wir darüber nachdenken, unsere Mitmenschen wie uns selbst zu lieben, werden wir es nicht schaffen, alle Probleme der Welt zu lösen. Aber wir sind dazu berufen, zu tun, was wir können und auf Gottes Gnade zu Hilfe zu setzen. Beginnen können wir, indem wir den Instinkt, den wir manchmal haben, uns selbst und unseren Besitz vor anderen zu beschützen, bekämpfen. Wir können daran arbeiten, andere zu segnen, wie Gott uns gesegnet hat. Eine der größten Stärken des frühen Methodismus war, dass wirklich alle dabei engagiert waren. Die Allgemeinen Regeln sind dazu gemacht, allen Methodisten zu helfen, ihren Glauben in die Praxis umzusetzen. Niemand unter uns soll ein passiver Christ sein, alle sollen aktive Christen sein.

Herausfordernd für uns ist, dass wir oft lieber nichts tun, weil wir Angst davor haben, das Falsche zu tun. Oft wissen die, die wirklich gewillt sind, etwas zu bewirken, einfach nicht, wo sie anfangen sollen. Ich habe da ein paar Vorschläge:

Erstens: Unterstütze deine Gemeinde. Ich glaube daran, dass Christen dazu berufen sind, großzügig zugunsten anderer zu geben. Oft können Christen schon dadurch, dass sie ihre Kirche in ihren Diensten großzügig unterstützen, Hungrige sättigen, Nackte kleiden und Kranke besuchen.

Zugleich sollten die Gemeinden sich immer wieder daran erinnern, dass es ihre Verantwortung ist, gute Haushalter der Gaben zu sein, die ihnen anvertraut werden. Zu viele Gemeinden geben fast alles Geld, das sie bekommen, für sich selbst aus. Viele Gemeinden sind so auf sich selbst fokussiert, dass sie eher zum Geisz als zur Großzügigkeit neigen.

Zweitens: Unterstütze Organisationen, die Bedürftigen helfen. Denke zum Beispiel an die EmK-Weltmission oder an die Diakonie deiner Kirche. Es gibt viele Organisationen, die Gutes tun. Es wird dir sicher nicht gelingen, die "perfekte" Hilfsorganisation zu finden. Jede Organisation kann verbessert werden. Manchmal sehen wir zu sehr auf die Schwächen statt auf die Stärken einer Gruppe, die versucht, Gutes zu tun. Ich ermutige dich, zu beten und Gott zu fragen, wo du etwas tun kannst - und es dann auch zu tun.

Drittens: Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dich an einem Kurzzeit-Missionseinsatz oder einem Workteam zu beteiligen? Aus unserer Komfortzone auszubrechen und ein Risiko auf uns zu nehmen - ist es nicht genau das, was wir lernen müssen? Ich habe noch nie jemanden sagen hören, dass er es bereut, an einem Kurzzeit-Missionseinsatz teilgenommen zu haben.

Solche Einsätze helfen anderen. Aber die, die am meisten davon profitieren, sind oft die, die gehen.

Und meine letzte Empfehlung: Lerne die Bedürfnisse der Menschen an deinem Ort kennen. Meiner Meinung nach ist das die allerwichtigste Empfehlung. Unsere Mitmenschen sehen und beobachten uns. Die meiste Zeit sehen sie, wie wir uns selbst lieben und uns selbst dienen. Ich frage mich, ob es ihnen nicht leichter fiele, zu glauben, dass Gott sie liebt, wenn es uns gelänge, sie im Namen Jesu zu lieben. Den Empfehlungen 1 bis 3 zu folgen, ist sicher ein Segen. Aber es gibt keinen Ersatz dafür, nichts, was wichtiger sein könnte, als die ganz konkreten Bedürfnisse der Menschen an deinem Ort kennenzulernen. Viele Gemeinden haben die Möglichkeiten, auf wunderbare Weise das Leben an ihrem Ort zu beeinflussen. Ich bin überzeugt: Große Dinge würden geschehen, wenn Menschen in allen Gemeinden unserer Kirche darin übereinkommen, als Gemeinschaft des Glaubens, Gutes zu tun, so viel sie können - an gerade dem Ort, an dem sie leben.

Also geh los im Glauben und liebe deinen Nachbarn wie dich selbst. Tue Gutes, so viel du kannst. Jesu Gebot, deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst, ist keine Strafe. Es soll eine Hilfe sein, das Leben so zu leben, wie Gott es gemeint hat. Du wirst unglaublichen Segen und große Freude dabei erfahren. Höre im Gebet, was Gott genau von dir will - an wen genau er dich weist. Und dann geh. Gott will uns gebrauchen, um das Leben anderer Menschen positiv zu verändern. Erlaubst du es ihm?

Fragen zum Gespräch:

1.)  Ist die christliche Praxis für dich im Moment eher Last oder Leidenschaft?

2.) Unterstützt du deine Gemeinde und unterstützt du zurzeit Hilfsorganisationen? Welche und warum gerade die? Könntest du mehr tun? Weißt du, was deine Kirche mit deinen Beiträgen tut, um das Leben anderer Menschen positiv zu verändern?

3.) Kannst du dir vorstellen, an einem Kurzzeit-Missionseinsatz teilzunehmen? Warum? Oder warum nicht?

4.) Was kannst du an deinem Ort konkret und für wen Gutes tun?

5.) Wozu hat Gott dich berufen, es zu tun, aber du hast es nicht getan? Welche Schritte kannst du unternehmen, um Gottes Ruf zu folgen?