Sonntag, 29. April 2012

Das Weib schweige? (Teil 2 von 3)


Erinnert ihr euch noch an meine These für diese Predigtreihe zum Thema „Das Weib schweige?“ Sie lautete: Wenn man das biblische Zeugnis zu Männern und Frauen im Zusammenhang liest und als Ganzes wahrnimmt, dann kommt man zu dem Ergebnis:
  • Männer und Frauen sind mit gleicher Würde und zusammen zu Gottes Bild erschaffen. Keiner von beiden ist dem anderen per se untergeordnet oder soll sich dem anderen grundsätzlich unterordnen.
  • Männer und gleichermaßen auch Frauen können von Gott mit den Gaben der Leitung und der Verkündigung beschenkt werden und dürfen und sollen diese Gaben dann auch einsetzen, d.h.
  • Männer und Frauen können dazu begabt sein, zu leiten: in der Gemeinde, in der Gesellschaft und in der Familie.
  • Männer und Frauen können dazu begabt sein und berufen werden, Gottes Wort zu verkündigen.
Wo solche Begabung und Berufung vorliegt und erkennbar ist, sind wir aufgerufen, sie zu pflegen und die Person dazu zu ermutigen, sie einzusetzen.

In einem ersten Schritt haben wir am vergangenen Sonntag meine These überprüft an Hand des Zeugnisses der hebräischen Bibel. Und wir haben festgestellt: Ja, das Erste Testament bezeugt, dass Gott immer wieder in seiner Geschichte mit Israel Frauen genauso wie Männer dazu beruft, Israel zu leiten und Gottes Wort anzusagen und vollmächtig auszulegen. Aus dem Ersten Testament lässt sich nicht ableiten, dass Frauen sich ihren Männern unterordnen sollen oder in der Gemeinde nicht leiten sollen oder dass sie nicht zum Verkündigungsdienst beauftragt werden können.

Heute, am zweiten Sonntag der Reihe, wollen wir uns damit beschäftigen, welche Rolle Frauen im Umfeld Jesu und in der frühen christlichen Gemeinde spielen. Und am nächsten Sonntag wenden wir uns dann zum Abschluss den klassischen Texten in den neutestamentlichen Briefen zu, die von der Unterordnung der Frau und von ihrem Schweigen in der Gemeinde reden und meist zu diesem Thema zitiert werden.

Wie also verhält es sich mit Frauen im Umfeld Jesu und in der frühen Gemeinde nach seiner Auferstehung? Welche Rollen nehmen sie dort ein und welche gerade nicht? Bevor wir uns dazu das biblische Zeugnis ansehen, müssen wir einige kurze Bemerkungen zur Umwelt Jesu und der frühen Gemeinde machen.

Die griechisch-römische Kultur war eine zutiefst patriarchalische Kultur. Die gesamte Gesellschaft war patriarchalisch geprägt. Frauen galten als den Männern untergeordnet und hatten vor allem eine dienende Rolle. Macht, Einfluss, Autorität, Leitungsfunktion, Intellekt, rhetorisches Talent und die Vollmacht zu reden – das alles kam ausschließlich Männern zu. Frauen galten als sinnlich – im negativen Sinne – und deshalb intellektuell weniger leistungsstark als Männer und auch moralisch-ethisch den Männern unterlegen. Es ist wichtig, sich das vor Augen zu halten, dass Jesus in dieser Kultur gelebt hat.

Und auch das Judentum seiner Zeit war beeinflusst und geprägt von dieser griechisch-römischen Kultur. Dass die Schriften Israels von so vielen großen und von Gott begabten vollmächtig leitenden und verkündigenden Frauen erzählt, wie wir es am letzten Sonntag herausgearbeitet haben, spielte keine große Rolle mehr. Auch im Judentum zur Zeit Jesu galten Frauen nicht viel: Sie sollten dienen und das Haus bewirtschaften, sich den Männern aber ansonsten unterordnen und sich aus geistlichen oder gesellschaftlichen Fragen heraushalten. Und auch hier galten Frauen als bestimmt von ihren Sinnen und deshalb besonders anfällig für Sünde und den Männern intellektuell grundsätzlich unterlegen. In geistlichen und theologischen Fragen galt: Männer haben sich damit zu beschäftigen und Frauen haben sich still und fügsam danach zu richten, was die Männer ihnen dann sagen.

Dass Jesus im Inner Circle der Jünger 12 Männer um sich versammelte, die er zu seinen Schülern berief, die von ihm lernten und in seiner Nachfolge geistlich wuchsen und die er dann aussandte, um wie er zu predigen und zu heilen, bedeutet keinesfalls, dass nur Männer Jünger Jesu sein konnten. Ganz im Gegenteil: In Lukas 8 lesen wir: „Und es begab sich danach, dass Jesus durch Städte und Dörfer zog und predigte und das Evangelium vom Reich Gottes verkündigte. Und die Zwölf waren mit ihm und dazu einige Frauen.“ (Lk. 8,1-2) Ganz selbstverständlich berief Jesus Männer und Frauen in seine Nachfolge und machte sie zu seinen Jüngerinnen und Jüngern. Das Argument, nur Männer könnten in der Kirche leiten, denn Jesus habe ja auch nur 12 Männer zu seinen Jüngern berufen, ist nicht stichhaltig. Jesus hat Frauen und Männer zu seinen Jüngerinnen und Jüngern gemacht. Das die Zwölf als Innerster Kreis eine Sonderrolle spielten, dürfte eher ein Zugeständnis an die Zeit sein, in der Jesus lebte und die es schlicht und einfach ganz unmöglich machte, dass ein Rabbi wie Jesus mit einer Schar aus Frauen und Männern in seiner Schule zusammenlebte.

Dass Jesus Frauen in die Jüngerschaft berief und diese dann, genau wie Männer auch, bei ihm in die Schule gingen und in der Nachfolge von ihm als ihrem Rabbi lernten, dafür gibt es noch mehr Hinweise als nur Lukas 8. Ein feststehender Begriff, mit dem das Verhältnis eines Schülers oder Jüngers zu seinem Rabbi bezeichnet wurde, war „Sitzen zu seinen Füßen und ihm zuhören.“ Das war das, was ein Jünger zuallererst zu tun hatte. Wenn der Rabbi lehrte, dann saßen seine Jünger zu seinen Füßen und hörten zu, stellten Fragen und lernten. So funktioniert zuallererst Jüngerschaft – auch heute. Wenn also jemand sagte: „Ich saß zu den Füßen Gamaliels,“ wie Paulus das in Apg. 22 schreibt, dann heißt das: Ich war ein Jünger des Rabbis Gamaliel. Und so lesen wir in der bekannten Geschichte von Maria und Marta in Lukas 10 folgenden Satz: „Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.“ Das heißt nichts anderes als: Maria wurde von Jesus als Jüngerin in seine Schule aufgenommen, sie gehörte nun zu seinen Jüngern. Und: Die Menschen, für die das Lukasevangelium zuallererst geschrieben wurde, seine ersten Leserinnen und Leser, verstanden das ganz genau, als sie diese Worte lasen: Maria war eine Jüngerin Jesu, so wie viele andere Männer und Frauen auch. Und Jesus bestätigt das, indem er sagt: „Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“ (Lk. 10,38ff.) Die Geschichte von Maria und Marta sagt also nicht: Maria wird deshalb von Jesus gesegnet, weil sie so schön devot und still, wie es sich für eine Frau gehört, zu seinen Füßen sitzt. Das Sitzen zu seinen Füßen meint etwas ganz anderes: nämlich dass sie seine Jüngerin war, die von ihm lernte, ihm zuhörte, bei ihm studierte, um dann selbst wie er zu leben und selbst auch das Evangelium von Gottes Herrschaft zu verkündigen und zu verbreiten. Halten wir fest: In einer Zeit, in der es eigentlich für einen Rabbi vollkommen unmöglich war, Frauen als Jüngerinnen zu sich zu nehmen, tut Jesus genau das: Er lehrt eine Frau und nimmt sie als Jüngerin in seine Schule auf.

Jesus verstand sich Zeit seines Lebens ausschließlich „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Hierin sah er seinen Auftrag: die Menschen in Israel zu ihrem Gott, der mit ihnen im Bund ist, zu rufen, diejenigen Juden, die den Kontakt zu Gott verloren hatten, zurückzuführen in eine enge Lebensbeziehung mit ihm. Erst als Auferstandener sendet er seine Jünger aus „in alle Welt“, um das Evangelium „allen Völkern“ zu verkünden und Menschen aus den Völkern – also uns - zu Jüngern zu machen. Mt. 28, 16-20) Während seines irdischen Lebens sah sich Jesus weitgehend als allein zu Israel gesandt. Nur ganz selten scheint er irgendwie zu ahnen, dass da mehr sein könnte, dass er wichtig werden könnte nicht allein für Juden, sondern auch für Menschen aus den Völkern. Ganz selten bricht das ein kleines Stück schon während seines irdischen Lebens durch. Und es ist ausgerechnet eine Frau, eine nicht-jüdische noch dazu, die ihm zu dieser Einsicht verhilft. Wir lesen davon in Matthäus 15. Eine kanaanäische, also nicht jüdische Frau, kommt zu Jesus und schreit: „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Und sie erzählt von ihrer kranken Tochter, die von einem bösen Geist geplagt wird. Die traut sich was, oder? Jesus, der sich ja nur als zu Israel gesandt sieht, will sie wegschicken. „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel,“ sagt er brüsk und, als die mutige Frau nicht locker lässt, fast verletzend: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Aber die kanaanäische Frau ist nicht nur mutig, sondern auch klug, uneitel und kann Verletzungen wie diese wegstecken. Sie erwidert: „Ja Herr, aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Man kann sich beim Lesen förmlich vorstellen, wie die versammelten Männer gespannt den Atem angehalten haben, als sie dies sagte. Würde die Situation eskalieren und es zum offenen Streit kommen? Aber was tut Jesus da? Er gibt nach: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“ (Mt. 15, 21-28). Jesus ist bereit, von der heidnischen Frau zu lernen. Er, der Sohn Gottes, wird von einer klugen Frau mühsam davon überzeugt, dass er das Heil nicht nur Israel bringen soll, sondern Menschen aus allen Völkern. Jesus ist bereit, von einer Frau zu lernen.

Wir lesen also von Jesus, dass er a) Frauen wie Männer in seine Jüngerschaft ruft und zu seinen Schülern macht und dass er b) – völlig ungewöhnlich und fast ein Skandal in seiner Zeit – bereit ist, mit Frauen über geistliche Fragen zu diskutieren und von ihnen zu lernen. Auch Johannes 4, die bekannte Geschichte von Jesus und der Frau am Brunnen, macht das klar: Für Jesus sind Frauen – und das ist sehr ungewöhnlich für die Zeit, in der er lebte - Gesprächspartnerinnen, die er ernst nimmt genau wie er auch Männer ernstnimmt. „Die Jünger,“ heißt es dort, „waren erstaunt, ihn im Gespräch mit einer Frau zu sehen.“ (Joh. 4,27)

Jesus also, so sehen wir, steht voll und ganz in der Linie, die wir im 1. Testament gesehen haben: Er nimmt Frauen ernst, sieht sie als voll- und gleichwertige Gesprächspartner an, lernt von ihnen und beruft sie ganz selbstverständlich so wie Männer auch in seine Nachfolge, in die Jüngerschaft.

In der frühen Gemeinde nach Jesu Tod und Auferstehung setzt sich diese Haltung Jesu zunächst fort. In Apostelgeschichte 1,14-15 lesen wir, wer zu den leitenden Personen der Jerusalemer Gemeinde gehörte: Aufgezählt werden die verbliebenen Jünger, und dann wird gesagt: „Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ Männer und Frauen sind es gleichermaßen, mit denen zusammen der auferstandene Jesus seine Gemeinde baut. Ganz entsprechend zitiert Petrus in seiner Pfingstpredigt eine Weissagung aus der hebräischen Bibel aus Joel 2, in der es heißt: „In den letzten Tagen (die jetzt angebrochen sind), spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch. Und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen...“ (Apg. 2,17). Wie um alles in der Welt kann man, wenn man das gelesen hat und davon ergriffen wurde, auf die Idee kommen, dass Frauen nicht zum Verkündigungsdienst geeignet sein sollen?

Überhaupt die Apostelgeschichte. Sie erzählt von der Entstehung der frühen Gemeinden Christi und davon, wie ganz selbstverständlich Frauen dabei wichtige Rollen spielten. Da ist die Rede von den vier Töchtern des Philippus. Sie „waren Jungfrauen und weissagten.“ (Apg. 21,9) Was heißt das anderes, als das diese jungen Frauen Gottes Wort verkündigten? Da ist mehrfach die Rede von Priszilla und Aquila, die gemeinsam, als Ehepaar, als Evangelisten und Prediger tätig sind. (Apg.18 u.ö.) Da ist die Rede von Lydia, einer Unternehmerin (Purpurhändlerin) in Philippi, die sich taufen ließ „mit ihrem ganzen Haus“. Was heißt das anderes, als dass sie, die Frau, das Familienoberhaupt ist? Und als sie sich hat taufen lassen, trifft sich in ihrem Haus die entstehende Gemeinde Philippis. Ganz offenbar ist sie, Lydia, die Leiterin der jungen Christen in Philippi. (Apg. 16,14-15) Das ist kein Zufall: Nach dem, was wir von Jesus und seinem Umgang mit Frauen gehört haben, ist es klar: Diese Frau, die in ihrem Umfeld aufgefallen sein muss wie der sprichwörtliche bunte Hund – als Unternehmerin, als Oberhaupt eines großen Hauses, das sie führt - , die fühlt sich natürlich besonders positiv angesprochen von dem Evangelium von Jesus, der Frauen ernstnahm, sie stark machte und sie genau wie Männer zum Glauben an den Gott Israels und in seine Nachfolge rief.

Wir sehen also im Neuen Testament, dass Jesus wie sonst auch ganz in einer Linie mit der Lehre des 1. Testaments steht. Seine Botschaft richtet sich an Frauen und Männer gleichermaßen. Beide will er einladen zur Teilhabe am Reich Gottes in der Welt. Beiden gilt die gute Botschaft, die er verkündet: Die Herrschaft Gottes ist nah. Darum kehrt um und kommt zum Vertrauen. Frauen wie Männer beruft er in seine Nachfolge und nimmt sie als Jüngerinnen und Jünger in seine Schule. Bei ihm und von ihm lernen sie und werden dann selbst ausgesandt, den Menschen die gute Botschaft weiterzusagen und ihnen das Heil zu bringen. Und auch in der jungen Gemeinde, die nach Jesu Tod und Auferstehung von ihm gerufen wird, spielen Frauen genau wie Männer eine wichtige Rolle. Sie leiten und sie verkündigen, wenn sie denn Gabe und Berufung dazu vom Herrn der Gemeinde haben.

Genau wie bei unserer Reise durch die hebräische Bibel können wir heute, nachdem wir uns die Rolle von Frauen im Umfeld Jesu und in der jungen Gemeinde angesehen haben, den Schluss ziehen:

Mit der Schrift und nicht gegen sie dürfen wir bekennen, dass Frauen und Männer gleich an Würde und gemeinsam zu Gottes Ebenbild geschaffen sind und dass Gott sowohl Frauen als auch Männern die Gaben der Leitung in Gemeinde, Gesellschaft und Familie und der Verkündigung seines Wortes verleiht und sie zur Ausübung der entsprechenden Dienste beruft und befähigt.

Wir erkennen dankbar, dass Frauen Jesu Umgang mit ihnen in ihrer patriarchalisch geprägten Umwelt als Befreiung erlebt haben und wir dürfen hoffen, dass das auch heute noch geschieht. Ganz in dieser Linie ist es, wenn Paulus in Galater 3,28 schreibt: Hier, in der Gemeinde Christi, ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Frau noch Mann, sondern wir sind allesamt eins in Christus Jesus. Wo das geschieht, wird Wirklichkeit, was wir in der letzten Woche gesagt haben: Christus ist gekommen, den Fluch der Sünde, und dazu gehört auch die Herrschaft des Mannes über die Frau, zu überwinden und uns zu verwandeln, sodass wir neu bei ihm lernen, der Bestimmung gemäß zu leben, zu der Gott uns geschaffen hat: gemeinsam sein Bild zu sein.

Dienstag, 24. April 2012

Typisch methodistisch (Teil 4)

(Übertragung des Buches "A Blueprint for Discipleship" von Kevin M. Watson aus dem Englischen)

Kapitel 4

Die erste Regel: Tue nichts Böses

Aus Kindern werden Eltern

Kinder reagieren nicht immer positiv auf Regeln und Regulierungen, oder? Sie haben sowas wie eine innere Stimme, Regeln auf ihre Grenzen hin zu überprüfen und die Grenzen wo immer möglich zu erweitern. Bis heute erzählt meine Mutter gerne, dass ich, wann immer sie mich ermahnt hat, irgendetwas nicht anzufassen, ich es prompt angefasst habe, um die Regel meiner Mutter auszutesten.

Eltern sind da oft in einem Dilemma. Entweder werden sie böse und versuchen, alle möglichen Erziehungstechniken ins Feld zu führen, um den Regeln Nachdruck zu verleihen, oder sie geben irgendwann auf und konstatieren resigniert: "Kinder bleiben eben Kinder." Fragst du dich auch manchmal, ob "eben Kinder" nicht das Gleiche meint wie "eben Nervensägen"?

Jede Familie hat Regeln und Regulierungen. Aber wer macht die Regeln und wer setzt sie durch? Sind das die Eltern oder die Kinder?

Während ich das schreibe, sitze ich in einem Cafe und beobachte nebenher eine Mutter, die mit ihrer Freundin und ihren Kindern auch hier ist. Alle Vier sitzen am gleichen Tisch. Die zwei Frauen sind angeregt miteinander im Gespräch, während die Kinder - ein Junge und ein Mädchen - eher gelangweilt aussehen. Der Junge versetzt ab und zu aus lauter Langeweile einem Stofftier, das seiner Schwester gehört einen Schlag. Die Mutter ignoriert das, solange es ihre Geduld und Langmut ihr erlaubt. Dann ermahnt sie die Kinder streng: "Lasst das jetzt." Danach ignoriert sie die Kids wieder, während diese exakt da weitermachen, wo ihre Mutter sie kurz unterbrochen hat. Ein paar Minuten später ist die Geduld der Mutter wieder aufgebraucht und sie raunzt ihre Kinder ziemlich grob an: "Haltet jetzt endlich die Klappe." Ich sehe auf - einige andere in dem Cafe auch - , nur die Kinder majchen einfach weiter, so, als hätten sie ihre Mutter gar nicht gehört. Dann hat sie eine blendende Idee. Sie gibt ihren Kindern ein wenig Geld und schickt sie kurzerhand ins Cafe nebenan.

Ich bin sicher: Nicht nur ich war recht froh, die Kinder das Cafe verlassen zu sehen. Zugleich tat mir der Besitzer des Cafes nebenan leid, den die beiden Kids nun terrorisieren würden - und das ohne anwesende Mutter.

Was mich aber wirklich beschäftigte, war, dass die Kinder hier eindeutig die Chefs waren. Die Mutter hat ihre Autorität aufgebenen, und die Kinder haben entschieden, dass die Mutter sich nach ihren Regeln zu richten habe: Wenn sie ein Gespräch mit ihrer Freundin führen wollte, dann musste sie das Gezeter und Gestreite der Kinder übertönen. Und das Genialste: Die Kinder hatten ausßerdem beschlossen, dass die Mutter, wenn sie denn wirklich zeitweilig Ruhe für das Gespräch haben wollte, buchstäblich dafür bezahlen musste.

Nun, ich weiß: Es ist viel einfacher, in einem Cafe zu sitzen, Eltern zu beobachten und ihr Verhalten zu beurteilen, als selbst Regeln zu setzen und durchzusetzen. Es war deutlich sichtbar, dass die Kinder, obwohl sie die Chefs waren, nicht glücklich waren. Sie genossen es nicht, sich als Ungeheuer aufzuführen, aber sie wussten nichts anderes mit sich anzufangen. Sie wussten nicht, wie sie sich kontrollieren konnten. Sie brauchten eine Autorität, die sie die Selbstkontrolle lehrt. Kinder bedanken sich nicht bei dir, wenn du als Mutter der Vater Regeln aufstellst und sie durchsetzt. Aber wir wissen beide: Kinder brauchen diese Regeln, oder?

Wir brauchen Leitung, Richtung und Ordnung

So ganz anders als unsere Kinder sind wir Erwachsenen da nicht. Wir haben nur teurere Spielzeuge. Wir mögen es nicht, wenn uns jemand sagt, was wir tun sollen. Der Hauptunterschied ist vielleicht, dass wir uns weigern können, der Autorität anderer zu folgen. Aber wie Kinder, brauchen auch wir Leitung, Richtung und Ordnung. Innerhalb sicherer Grundregeln haben wir die Freiheit, zu lernen, zu wachsen, zu entdecken, wer wir sind und wozu uns Gott geschaffen hat.

Die Allgemeinen Regeln bieten exakt die Art von Leitung und Richtung, die wir brauchen, um die Freiheit zum Wachstum in der Heiligung zu haben. Die erste Allgemeine Regel ist so offensichtlich richtig, dass auch Nicht-Christen ihr im Allgemeinen sicher zustimmen können - zumindest im Prinzip. Den Rest des Kapitels werden wir deshalb damit verbringen, daran zu arbeiten, dass das offensichtlich Wahre, ganz Einfache so tief in unser Inneres kommt, dass es beginnen kann, uns wirklich zu verändern.

Wesley beginnt mit den Allgemeinen Regeln, indem er die Grundvoraussetzungen des Methodismus darstellt:

Von denen, die in die Gemeinschaft aufgenommen werden wollen, wird als erstes nur erwartet, dass sie ein Verlangen haben, dem zukünftigen Zorn zu entfliehen und von Sünden erlöst zu werden. 

Anders gesagt: Es war leicht, Methodist zu werden. Alles, was man dazu tun musste, war, ein Verlangen zu haben, von Sünden erlöst zu werden. Das mag für Christen heute schwieriger sein als es das damals war. Wir sind Profis darin geworden, unsere Sünden zu verniedlichen, zu rechtfertigen und zu verbergen, sodass sie sozial akzeptiert werden und in der Kirche kaum zur Sprache kommen. Das wirft eine wichtige, aber komplizierte Frage auf: Wie kann man wissen, ob jemand wirklich ein Verlangen hat, dem zukünftigen Zorn zu entfliehen und von Sünden erlöst zu werden? Mit anderen Worten: Wie erkennt man den Unterschied zwischen denen, die nur "mit den Lippen bekennen", aber das, was sie bekennen, nicht ihre Herzen erreichen lassen, und denen, die wirklich bereit sind, alles zu tun, was es braucht, um von Sünden erlöst zu werden?

Wesley hat diese Frage geahnt und deshalb in den Allgemeinen Regeln hinzugefügt:

Wo aber dieses Verlangen wirklich im Herzen wohnt, wird es sich durch seine Früchte offenbaren.

Die einfachste Art, zu erfahren, ob es jemand ernst meint mit seiner Bindung an Jesus, ist der Blick auf die Früchte, die er in seinem Leben bringt. Das führt zu einer anderen Frage: Wie sehen solche Früchte des ehrlichen Verlangens, von Sünden erlöst zu werden, denn aus? Das ist genau die Frage, die Wesley mit den drei Allgemeinen Regeln beantwortet. Wesley wollte, dass die, die verbindlich Jünger Jesu sein wollen, in den Regeln eine Hilfe haben, die ihren Lebensstil durch Gottes Gnade formen und verändern kann.

Einer der Gründe, warum die Allgemeinen Regeln so viel für die christliche Praxis im 21. Jahrhundert austragen können, ist, dass sie sich ideal dazu eignen, Menschen von einem nur nominellen Glauben zur Heiligung zu bewegen. Die Allgemeinen Regeln motivieren stagnierende und geistlich sterbende Gemeinden und einzelne Christen, zu entdecken, das ihr Christsein unendlich viel mehr bereithält als sie bisher dachten. Also ist eine der wichtigsten Rollen, die die Allgemeinen Regeln heute in unseren Gemeinden spielen kann, die, nominelle Christen dazu anzuregen, sich damit auseinanderzusetzen, wie sie ihren Glauben in ihrem Leben aktiv praktizieren können. Zu lange hat die United Methodist Church (die Evangelisch-methodistische Kirche) es toleriert und sogar gefördert, das Christen fruchtlos leben. Die Gliedschaft in der EmK wurde so entleert, dass sie heute quasi völlig bedeutungslos geworden ist. Die Zeit ist gekommen, dass wir die Menschen aufrufen, ihren Glauben in aktiver Jüngerschaft zu praktizieren oder aber aufzuhören, sich weiter Methodisten zu nennen. 

Wesley erwartete, dass die Methodisten das Verlangen danach haben, ihren Glauben praktisch auszuleben. Deshalb schrieb er:

Es wird daher von allen, welche Mitglieder der Gemeinschaft sein und bleiben wollen, erwartet, dass sie ihr Verlangen nach Seligkeit stets dadurch beweisen, dass sie erstens: Nichts Böses tun, sondern Böses aller Art meiden, besonders solche Sünden, welche am meisten verübt werden. 

Das erste also, was Wesley von denen erwartete, die Methodisten sein und bleiben wollten, war es, mit all dem aufzuhören, was Schaden und Leid verursachte. Falls du dich jetzt fragst, was Wesley denn mi den "Bösen", das "am meisten verübt" wird, meint: Er ist bereit, nicht weniger als 15 konkrete Beispiele aufzuführen. Das reicht von "Missbrauch des Namens Gottes", "Entheiligung" des Sonntags, "Trunkenheit" und "Schlägereien" bis zum Kaufen und Verkaufen von Waren, ohne sie zu verzollen, zum "lieblosen oder unnützen Geschwätz" und - mein persönliches Lieblingsbeispiel - dem Tragen von Gold und kostbaren Kleidern.

Die biblische Begründung der Allgemeinen Regeln

Eine gute Frage an dieser Stelle könnte sein: Was ist die Begründung aus der Bibel für diese Regeln? Im ersten Kapitel haben wir herausgestellt, dass das christliche Leben angefangen und durchgängig ermöglicht wird durch Gnade? Haben wir nicht unser ganzes Leben lang in der Kirche gehört, dass wir aus Glauben durch Gnade gerecht werden und nicht aus Werken? Wenn das so ist: Warum brauchen wir dann solche Regeln? Und warum fangen wir mit so einem negativen Fokus wie "Tue nichts Böses" an?

Im nächsten Kapitel werden wir diese Fragen ausführlicher behandeln, aber schon ein kurzer Blick in die Bibel zeigt uns zwei Dinge: Erstens ist das Neue Testament keine Abschaffung aller Regeln. Und zweitens: Jesus gibt seinen Jüngern ständig konkrete Anweisungen, wie sie leben sollen - eingeschlossen Anweisungen darüber, was sie unterlassen sollen.

Nach dem Matthäusevangelium sagt Jesus: "Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, sie aufzulösen, sondern, sie zu erfüllen." (Mt. 5,17) Das offensichtlichste Beispiel von regeln, nach denen Gottes Leute leben sollen, in der Bibel sind wohl die 10 Gebote. Das sind 10 Regeln. Und 8 von ihnen sind Anweisungen, was wir nicht tun sollen. Unser Unbehagen bei solchen Anweisungen, was wir lassen sollen, hat wohl eine Menge mit dem Mangel an Ordnung in der Kirche unserer Zeit zu tun.

Als Jesus gefragt wurde, was denn das wichtigste Gebot in der Schrift sei, antwortete er: " Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten." (Mt. 22,37-40) Einer der Hauptgründe dafür, dass die Allgemeinen Regeln für unsere Kirche heute wichtig sein können, ist, dass sie Basisregeln sind, die uns helfen können, dem großen Gebot, das Jesus uns gab, zu folgen.

Entferne dich nicht von Gott

Die erste Allgemeine Regel lautet: "Tue nichts Böses." Das heißt schlicht und einfach: Wenn wir darin fortfahren wollen, Gott und unseren Mitmenschen zu lieben, müssen wir als erstes aufhören, Dinge zu tun, die uns von Gott entfernen. Wenn wir vorwärts fahren wollen, müssen wir den Rückwärtsgang rausnehmen. Wenn wir also die erste Allgemeine Regel für das 21. Jahrhundert übersetzen wollen, können wir sagen: "Tue nichts, was dich zurück führt oder tue nichts, was dich von Gott entfernt."

Ich erinnere mich gut daran, wie es war, als ich das Autfahren gelernt habe. Ich hatte einen guten Lehrer und es dauerte nicht lang, bis ich ziemlich sicher fuhr und überzeugt davon war, ein toller Autofahrer zu sein. Ich liebte es. Es war großartig, bis ich zum ersten Mal gezwungen war, an einer starken Steigung anzuhalten, weil eine Ampel auf Rot sprang. Hinter mir bildete sich eine Schlange. Als die Ampel wieder auf Grün schaltete, nahm ich den Fuß langsam von der Bremse, um Gas zu geben. Aber bevor ich das konnte, rolte ich rückwärts. Und das wiederholte sich so oft, bis ich begriff, dass ich mit gezogener Handbremse anfahren musste. Ich lernte eine wichtige Lektion: Wenn du an einem Hügel dein Auto vorwärtsbewegen willst, musst du zuerst sicherstellen, dass es nicht rückwärts rollt.

Die erste Regel also erinnert uns daran, darauf zu achten, dass wir uns nicht von Gott entfernen. Wie einzelne Christen diese Regel verstehen, wird davon abhängen, wo in ihrem Leben und auf ihrer Glaubensreise sie sich gerade befinden. Für einige, die an einer Sucht leiden, wird die Regel sofort und ganz offensichtlich eine große Herausforderung darstellen. Sie werden Gott Tag für Tag um seine Hilfe bitten. Wenn wir unsere Beziehung zu Gott ernstnehmen, werden wir die nötigen Schritte tun - einen nach dem anderen -, um der Regel zu folgen. Für andere wird diese Regel erstmal ganz einfach zu befolgen aussehen. Ein kurzes Resümee ihres bisherigen Lebens wird sie vielleicht bestätigen, dass sie noch nie bewusst Böses getan haben. Sie werden versucht sein, vorschnell einen Erledigt-Haken an diese Regel u machen.

Wesley ermutigt uns, einen genaueren Blick auf unser Leben zu tun. Er bittet uns, unsere Beziehung zu Gott so ernst zu nehmen, dass wir etwas wagen, was in unserer Kultur heute ziemlich radikal erscheint. Er will von uns, dass wir gründlich über alles nachdenken, was wir tun und uns fragen, ob es uns dazu dient, Gott zu lieben. Alles, was wir tun. Wenn etwas, was wir tun, dazu dient, dass wir Gott oder unseren Mitmenschen lieben, dann sollten wir es tun. Wenn nicht, dann sollten wir es nicht tun. So einfach ist das. 

Wir können uns das ansehen und dann denken: "Was für ein lächerlicher Anspruch." Manche mögen denken: Wenn ich das tue, dann lebe ich ein eintöniges und langweiliges Leben. Vielleicht traust du dich nicht, das laut in der Kirche zu sagen, weil du fürchtest, dass das Kirchendach dann auf dich herabstürzt. Trotzdem werden das manche denken, die diese Zeilen lesen.

Aber was, wenn das eine große Lüge ist? Was, wenn es schlicht und einfach nicht stimmt, dass unser Leben langweiliger wird, wenn wir es zuerst für Gott leben?

Ein kurzer Blick auf ein normales Leben unserer Zeit lässt es nicht besonders spannend und erstrebenswert erscheinen. Es wirkt nicht sonderlich lustig. Ist Scheidung lustig? Ist eine sexuell übertragene Krankheit lustig? Ist Alkoholismus oder die Abhängigkeit von Drogen oder Pornographie lustig? Ist Überschuldung lustig? Ist es lustig, dass du daran zweifelst, ob du ein Vorbild für deine Kinder bist, dem sie in allen Fragen des Lebensstils folgen können?

Die erste Regel meint: Denke bei allem, was du tust, darüber nach, ob es dich in der Liebe zu Gott oder zum Nächsten stärkt oder ob es dich von ihm entfernt. Und wenn es dich entfernt: Lass es sein. Stell dir selbst folgende Fragen: Ist mein Leben, wie es jetzt ist, wirklich das, was Gott für mich will? Ist das das gute Leben? Oder ist da noch mehr?

Eine wichtige Übung, um uns daran zu erinnern, was wirklich wichtig ist, kann es sein, sorgfältig darüber nachzudenken, womit wir unsere Zeit verbringen. Niemand von uns weiß, wie lange er leben wird. Das einzige, was wir wissen, ist, dass unsere Zeit auf der Erde begrenzt ist. Eines Tages wird sie zu Ende sein. Das sollte uns zu der Frage führen: Verbringen wir unsere Zeit auf eine Weise, die Gott die Ehre gibt oder auf eine Weise, die dazu führt, dass wir Gott vergessen?

Es geht hier nicht darum gesetzlich zu sein, sondern darüber nachzudenken, was wir tun und warum wir es tun. Ich denke, wir würden alle zustimmen, dass die Regel "Tue nichts Böses" eine wichtige Regel für alle Christen ist. Ganz sicher wäre es zu unserem Besten, wenn wir all die Dinge, die uns von Gott entfernen, lassen würden, oder?

Wir sind heute umgeben von tausenden von Dingen, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Alle wollen sie unsere Loyalität. So viele Dinge wollen hinein in unser Herz, und viele dieser Dinge sind nicht hilfreich. Wir müssen aufmerksam sein, damit wir die Dinge bemerken, die uns - langsam  und kaum merkbar - von Gott entfernen.

Kraftvoll werde ich daran jedesmal erinnert, wenn ich im Matthäusevangelium die Geschichte von Petrus lese, der über's Wasser geht. Die Jünger haben gerade die Speisung der 5000 erlebt. Jesus lässt seine Jünger dann ins Boot steigen. Sie sollen vorfahren auf die andere Seite des Sees, während er die Menschen verabschiedet. Danach steigt Jesus allein auf einen Berg, um zu beten. Das dauerte so lange, dass, als er mit dem Beten zu Ende war, das Boot schon ziemlich weit weg vom Ufer und starkem Wellengang ausgesetzt war. Jesus entschied sich, übers Wasser zu den Jüngern zu gehen.

Ist das nicht großartig? Die Schrift bezeugt, dass Jesus über's Wasser ging. Die Jünger waren natürlich überrascht. Sie dachten, Jesus wäre ein Geist und erschraken. Jesus versuchte, sie zu beruhigen und sagte: "Habt keine Angst. Ich bin's."

Der faszinierendste Teil der Geschichte für mich ist Petrus' Antwort: "Herr, wenn du es bist, sag mir, dass ich zu dir kommen soll auf dem Wasser."  Ich bin nicht sicher, ob ich so regiert hätte. Aber das ist exakt das, was Petrus tat. Und Jesus antwortet einfach: "Komm." Also steigt Petrus aus dem Boot und geht über's Wasser auf Jesus zu. Petrus geht mit Jesus über's Wasser. Wow. Kaum zu glauben. Und Petrus kann das tun - genau so lange, wie er seinen Blick auf Jesus gerichtet hält. Als der Wind Petrus ablenkt, beginnt er sofort zu sinken und ruft: "Rette mich."

Vielleicht ist diese Geschichte so ungewöhnlich, dass wir das Offensichtliche für unseren Alltag in ihr übersehen. Wenn wir uns vom Wind oder von sonst etwas ablenken lassen, verlieren wir die Spur Jesu und beginnen zu sinken. Wir werden rückwärts gehen. Die Geschichte erinnert uns daran: Halte deine Aufmerksamkeit auf Jesus gerichtet und lass dich nicht ablenken. Das ist das, was die Allgemeinen Regeln auch sein wollen: Erinnerungen daran, was wirklich wichtig ist. Diejenigen, die sich verpflichten, die erste Regel zu halten, werden feststellen, dass das schwieriger ist, als es zuerst zu sein scheint. Es erfordert Anstrengung.

Versuche einmal, Christus für einen einzigen Tag komplett im Zentrum deines Denkens zu haben. Das ist schwierig. Und genau deshalb, weil das so schwierig ist, brauchen wir kleinere Regeln und Übungen, Praktiken, die uns helfen. Eine der Schwierigkeiten unserer spirituellen Praxis ist, dass zu viele zu schnell aufgeben, wenn eine Übung Disziplin erfordert. Wesley wusste, wie schwer es ist, Jesus immer im Zentrum des Denkens und Lebens zu haben. Deshalb führte er die Allgemeinen Regeln ein, die Gemeinschaften, Klassen und Banden. Sie sollten helfen, auf Christus fokussiert zu leben - mitten im Chaos der Gegenwart.

Fragen zum Gespräch:

1.) Was denkst du: Sind Erwachsene wirklich so wenig anders als Kinder? Brauchen auch Erwachsene Leitung, Richtung und Ordnung?

2.) In diesem Kapitel werden die Allgemeinen Regeln verstanden als Hilfe, um zu sehen, ob jemand wirklich das Verlangen hat, von Sünden erlöst zu werden. Denkst du, dass sie das sein können? Gibt es andere Hilfen? Welche?

3.) Stimmst du zu, dass es für die meisten Christen heute angesagt ist, von einem nominellen Glauben zu tief verbindlichem Christsein fortzuschreiten? Warum? Was ist der Unterschied?

4.) Welche Rolle sollten Regeln im Leben eines Christen spielen?

5.) Ich übersetze die erste Regel mit: "Tue nichts, was dich von Gott entfernt." Wir würdest du sie in deinen eigenen Worten übersetzen?

6.) Was konkurriert mit Gott um deine Aufmerksamkeit oder lenkt dich von der Liebe zu Gott in deinem Alltag ab?


Typisch methodistisch (Teil 3)

(Übertragung des Buches "A Blueprint for Discipleship" von Kevin M. Watson aus dem Englischen)

Kapitel 3

Eine Methode - Der wesleyanische Bauplan der Jüngerschaft

John Wesley - der Organisator

Der Hauptgrund dafür, dass wir im 21. Jahrhundert über John Wesley reden, liegt nicht in den theologischen Ideen, die wir auf den vergangenen Seiten diskutiert haben. Wesleys Genie und der Grund, warum wir ihn heute wiederentdecken, lag darin, den Bauplan zu entwickeln und einzuführen, nach dem es den Methodisten möglich war, glaubwürdige Jünger Jesu und eine heilige Gemeinschaft zu werden. Wesleys Ziel war es nicht, so viele Leute wie möglich dazu zu bekommen, ein bestimmtes Gebet zu sprechen. Sein Ziel war es, so viele Leute wie möglich dazu zu bekommen, Christus zu vertrauen - nicht nur für einen Moment, sondern für ihr ganzes Leben und mit ihrem ganzen Leben.

Wesley war Realist genug, um zu erkennen, dass Menschen, die ihr Vertrauen in Jesus setzten, nicht von einem Moment auf den anderen zu reifen Christen wurden. Viele Prediger reden sehr überzeugend und brachten die Menschen dazu, ihr Vertrauen in Jesus zu setzen. Das war gut. Aber Wesley sah die Notwendigkeit, die Menschen nicht nur zur Bekehrung zu führen, sondern sie auch anzuleiten, ihre Entscheidung für Christus auch praktisch umzusetzen, indem sie ihr Leben ihm zur Verfügung stellten und seine Jünger wurden. Wesley nannte diesen Prozess des Auslebens des Glaubens "Heiligung" (sanctification). Deshalb wurde es zu Wesleys Leidenschaft, eine Methode zu entwickeln, die den christlichen Glauben ins Leben brachte und es den Menschen ermöglichte, in der Heiligung des Herzens und des Lebens zu wachsen. Er wollte, dass die Methodisten in ihrem Leben eine Beziehung zu Gott entwickelten, die sie ganz praktisch veränderte. Es gab Zeiten, in denen die methodistische Bewegung so stark wuchs, dass es ein organisatorischer Alptraum zu werden drohte. Es war die Methode, die es fertigbrachte, die Energie produktiv zu nutzen.

Hast du schon Leute getroffen, die eine tolle Idee nach der anderen entwickeln? Sie sind ständig mit neuen Ideen beschäftigt, eine beeindruckender als die andere. Manchmal haben diese Leute, die so tolle Ideen haben, unglücklicherweise nicht die Kraft, eine davon auch dauerhaft zu verfolgen und umzusetzen. Sie sind süchtig nach dem ständigen Wechsel, nach ständiger Veränderung. Wesley verstand, dass für die meisten Leute, die neu zum Glauben kamen, dies einen Moment der großen Aufregung und einen großen Energieschub auslöste. War es nicht förmlich umwerfend, die Erfahrung der Erlösung zu machen und von einem Moment auf den anderen zum Kind Gottes zu werden? In dieser Anfangszeit des Glaubens sind die neuen Christen bereit zu großen Veränderungen, dazu, bisher sicher für wahr gehaltenes neu zu überdenken. Traurigerweise verlieren viele neue Gläubige diese Energie nach einer Zeit. Die Welt und vielleicht äußerer Druck ziehen sie wieder in ihr altes Leben zurück. Sie verlieren ihren Elan in der Nachfolge und ihren Enthusiasmus. Wesley sah das zu oft geschehen. Und er beschloss deshalb, eine Umgebung für neue Christen zu entwickeln, die die Leute dabei unterstützte, in der Nachfolge zu bleiben und kontinuierlich im Glauben und in der Heiligung zu wachsen.

Wesley glaubte an eine disziplinierte methodische Stuktur der Jüngerschaft, nicht weil er ein Bürokrat war oder weil er gerne seinen Leuten Reifen hochhielt, durch die sie springen sollten, sondern, weil er überzeugt war, dass eine disziplinierte Methodik Frucht brachte. Seine Erfahrung lehrte ihn, dass wenn Christen ihre guten Absichten mit einem verbindlich strukturierten Leben verbanden, sie leichter zu einem Lebensstil der dauerhaften und nachhaltigen Nachfolge und Jüngerschaft gelangten.

Gieß kein Wasser ins Feuer

Kannst du erinnern, wann du zum ersten mal Gottes Liebe geschmeckt hast? Kannst du erinnern, wann du zum ersten mal Jesus vertraut hast? Welche Bedürfnisse hast du in diesem Moment gehabt? Gab es da Dinge, die du tun wolltest, die dein Herz in Brand gesetzt haben? Tust du diese Dinge heute? Oder hast du nach und nach die Leidenschaft des Momentes, in dem du zum ersten mal Gottes Liebe erfahren hast, wieder verloren?

Viele Dinge beeinflussen unser Leben, die uns davon abhalten, Gott zu lieben und zu dienen. Als junger Pastor hatte ich einmal ein Gespräch mit einem viel älteren Amtsbruder. Ich erzählte ihm, welche Stärken und Schwächen in meinem Dienst Gott mir gerade aufgezeigt hatte. Ich war erregt und voller Dynamik, weil ich das Gefühl hatte, gerade zu lernen, wie ich die Gaben, die Gott mir gegeben hatte, am besten einsetzen konnte. Er unterbrach mich und sagte: "Ich habe zu viele Pastoren sagen hören, dass sie begabt oder unbegabt für dieses oder jenes seien. Das ist Müll. Tu es einfach und mach weiter." Die Botschaft, die ich in seinen Worten hörte, war, dass alle Gemeinden doch am Ende gleich seien und dass mein Verständnis davon, wie Gott gerade a mir arbeitete, irrelevant sei. Ich hab auch von anderen Pastoren gehört, denen erfahrene Veteranen mit auf den Weg gegeben haben, sie sollten damit rechnen, im Laufe der Zeit desillusioniert zu werden.

Das, liebe Leute, sind Lügen! Wenn euch jemand sagt, ihr sollt davon ausgehen, dass ihr eure Leidenschaft, Gott zu dienen und ein verbindlicher Nachfolger Jesu Christi zu werden, verlieren werdet, dann sagt das mehr über seinen Mangel an Leidenschaft in der Beziehung zu Gott aus als über alles andere. Gott ruft uns nicht alle, in der gleichen Art und Weise zu dienen. Der Schöpfer hat uns alle individuell geschaffen, damit wir - jeder auf seine eigene Art - ein Geschenk für die Welt sein sollen.

Wir sind alle verschieden. Das ist kein Versehen. Manchmal verhalten Christen sich so, als seien ein Mangel an Leidenschaft, das Sich-Abfinden mit dem Status Quo und Apathie Kennzeichen gereiften Christseins. Dieser Glaube ist näher an der Gotteslästerung als an der Wahrheit. Jesus erwartet von seinen Nachfolgern, dass sie in ihrem Verständnis der Nachfolge wachsen, und er erwartet von seinen Nachfolgern, dass sie in der Fähigkeit wachsen, zu tun, was er lehrt. Das ist alles andere als Resignation oder Stagnation. Das ist Wachstum und Reifen in Jesus Christus.

Wesley weigerte sich, geistlichen Stillstand bei denen zu akzeptieren, die zur methdistischen Bewegung gehörten. Er bestand darauf, dass diejenigen, die Methodisten sein wollten, einem Lebensstil zustimmten, der ihnen helfen würde, vorwärtszukommen und mehr und mehr wie Christus zu werden (become more and more Christ-like). Er fragte die Leute nach ihrem geistlichen Leben, danach, wie Gott sie bewegte und wie sie antworteten auf die Gabe des Heiligen Geistes. Die frühen Methodisten hatten die feste Erwartung, dass ihre Beziehung zu Christus sie verändern würde.

Erwartest du, dass die Beziehung zu Christus dich verändert? Wann hat dich zum letzten mal jemand gefragt, wie Gott gerade in deinem Leben arbeitet oder wie es geistlich bei dir vorangeht? Einer der Gründe, warum die Methodisten nicht mehr wachsen, kann sein, dass wir die Erwartung verloren haben, dass Christus uns verändert. Aus mir unerfindlichen Gründen haben wir Christen in den letzten Jahrzehnten angefangen zu glauben, dass es möglich sei, Jesus nachzufolgen, ohne seinen Lehren oder seinem Lebensstil nachzufolgen. Kein Wunder, dass uns viele für Heuchler halten, oder?

Wir haben das Christentum gezähmt, sodass es uns nicht mehr herausfordert. Wir haben die Jüngerschaft verstummen lassen, sodass die Menschen in unserer Umgebung ihre Musik in unserem Lebensstil nicht mehr hören können. Aber wir können auch ganz anders, glaubt mir. Wir müssen anders. Jesus hat sein Leben für uns hingegeben, damit wir Leben haben und ein Zeichen in der Welt sein können - ein Zeichen seiner Herrschaft, die kommt. Wenn wir am Weihnachtsabend in der Kirche sitzen und aufgeregt vom Frieden hören, den Christus in die Welt bringt, und wenn wir am Ostermorgen die gute Nachricht hören, dass Christus auferstanden ist - wie können wir dann die Kirche verlassen und weiterleben wie bisher?

Ist da nicht mehr? Bist du bereit für mehr?

Wesley sah die Kirche seiner Zeit an, die Kirche von England, und der Mangel an Verbindlichkeit der meisten Leute, die sich Christen nannten, machte ihm Sorge. Einmal predigte er sogar an der Oxford University und beschuldigte dabei all die religiösen Leute, die ihm zuhörte, "Beinahe-Christen", aber keine "Ganz-und-gar-Christen" zu sein. Es ärgerte Wesley, dass die Leute das Beste, was Gott für sie bereithielt, verpassten. Es ärgerte ihn, dass Leute, die den Namen Christi angenommen hatten, das Christentum so irrelevant und langweilig aussehen ließen.

Nachdem Wesley die Erfahrung der Kraft Gottes in der Aldersgate Street gemacht hatte, begann er in einer Kraft zu predigen, die er vorher nicht hatte. Und viele, viele Menschen ließen sich von seinen Predigten zur Umkehr zu Gott bewegen. Aber das war noch nicht alles. Wesley begann auch, eine Struktur zu entwickeln, die uns darauf aufmerksam macht und die Aufmerksamkeit darauf nachhaltig erhält, dass Gott uns ganz für seine Herrschaft will. Gott möchte uns verändern und die Sünde in unserem Leben ganz real überwinden.

Die Methode der Methodisten

Wie sah die Methode der frühen Methodisten aus? Die Methode bestand aus zwei Schlüssel-Teilen. Der erste Teil war eine Struktur, die die Menschen in kleinen und kleineren Gruppen organisierte, sodass sie in einer Verbindung miteinander leben und sich gegenseitig Rechenschaft über ihr Wachstum im Glauben geben konnten. Der zweite Teil waren Richtlinien, die dem Einzelnen halfen, den Glauben praktisch im Alltag zu leben. Diese Leitlinien sind als "Allgemeine Regeln" bekanntgeworden. Noch heute stehen sie im Book of Discipline der United Methodist Church (in der Verfassung, Lehre und Ordnung der Evangelisch-methodistischen Kirche). Die Allgemeinen Regeln stellen dar, wie Christen durch Gottes Gnade zutiefst verbindliche Nachfolger Christi werden können. Die drei Regeln sind: 1.) Tue nichts Böses, 2.) Tue Gutes, so viel du kannst, und 3.) Gebrauche alle von Gott verordneten Gnadenmittel. In den nächsten drei Kapiteln werden wir uns ausführlich damit beschäftigen, was jede dieser drei Regeln für die frühen Methodisten bedeutete und was sie für uns heute bedeuten kann.

Der erste Teil der Methode Wesleys half, einzelne Menschen miteinander zu verbinden, damit sie nicht als isolierte Individuen in der Nachfolge leben mussten. Die Organisation bestand aus drei Stufen der Mitgliedschaft und Gemeinschaft: aus der Gemeinschaft, der Klasse und der Bande. Beim Treffen der Gemeinschaft (society-meeting) kamen alle zusammen, um Gottesdienst zu feiern, ganz ähnlich unserem Gemeindegottesdienst heute. Sie kamen zusammen, um zu singen, zu beten und eine Predigt zu hören, die üblicherweise darauf abgestimmt war, sie auf ihre Sünde und Angewiesenheit auf Gott aufmerksam zu machen. Das Treffen der Gemeinschaft war eine Art Weckruf.

Die Menschen, die eine Erweckung erlebten und mehr wissen wollten, wurden unmittelbar auf der nächsten Organisationsstufe in Klassen zusammengefasst. Zu einer Klasse gehörten sieben bis zwölf Leute. Die Klasse traf sich wöchentlich, um miteinander zu teilen, wie es den Mitgliedern geistlich ging. Jede Person wurde bei den Treffen gefragt: "Wie geht es deiner Seele?" "Wie kommt deine Seele voran?" Diese Formulierungen würden wir heute vielleicht nicht mehr benutzen. Aber dahinter stehen doch so wichtige Fragen wie: "Wie sieht dein geistliches Leben zurzeit aus? Wie arbeitet Gott gerade in deinem Leben?" Diese wöchentliche Praxis des class-meetings half den Menschen, es sich zur Gewohnheit zu machen, darauf aufmerksam zu sein, wie Gott gerade in ihrem Leben am Werk war. Und sie erwarteten dann auch, dass Gott in ihrem eben am Werk war.

Das class-meeting war im frühen Methodismus eine Anforderung an alle. Jeder Methodist gehörte zu einer Klasse und sollte an den Treffen der Klasse auch teilnehmen. Das Tolle daran war, dass wirklich jeder einzelne Methodist regelmäßig mit einer Gruppe Menschen, die er mochte, über sein Leben im Glauben sprach. Schade, dass die Klassen und class-meetings im Methodismus heute weitgehend verschwunden sind.

Die höchste Stufe der Organisation war das Treffe der Bande. Im band-meeting bekannten die Mitglieder der Bande einander ganz konkret ihre Sünden und erzählten, wo sie versagt hatten. Und sie sprachen einander ebenso konkret die Vergebung Jesu Christi zu. Zu einer Bande gehörten etwa 6 Personen. Weil es um so persönliche Dinge ging, waren die Banden nach Geschlechtern getrennt. Und: Zu einer Bande zu gehören, war freiwillig und keine Anforderung für jeden.

Also: Der erste Teil der Methode war die Organsiation der Menschen in Gemeinschaften, Klassen und Banden, sodass sie sich gegenseitig persönlicher kennenlernten und miteinander verbunden waren und die Freuden und Schwierigkeiten im Leben als Christ miteinander teilen konnten. Das letzte Ziel dieser Methode war es, ein Modell zu schaffen, das den Methodisten half, ihren Glauben wirklich zu leben und nicht nur dem Namen nach Christen zu sein, sondern verbindliche Nachfolger Jesu Christi.

Und die Allgemeinen Regeln bieten einen einfachen und geradlinigen Weg an, verbindliches Christsein praktisch zu leben. Wer ihnen folgt, widerlegt die Behauptung, Christen seien Heuchler, die selten leben, was sie reden. Er verpflichtet sich, es zu vermeiden, sich selbst oder anderen Böses zu tun. Er wird alles tun, was er kann, um seinen Mitmenschen zu helfen und ihnen Gutes zu tun. Und er verpflichtet sich, seinen Glauben diszipliniert durch Schriftstudium, Gebet und Gemeinschaft mit anderen Christen zu praktizieren.

Die Allgemeinen Regeln bieten einen Bauplan, der darstellt, wie Menschen, die ihr Vertrauen in Jesus setzen, zu seinen Jüngern werden können. Sie sind eines der Schlüsseldokumente, die den Methodismus einzigartig machen und ihn so erfolgreich darin gemacht haben, Jünger Jesu zu gewinnen.

Ein Plan zur Erneuerung

Vielleicht fragst du dich: Wozu die Geschichtsstunde hier? Zu oft hoffen wir auf gute Entwicklungen, ohne zu planen, wie diese guten Entwicklungen wirklich geschehen können. Wesley hoffte nicht einfach darauf, dass die Menschen, die von seinen Predigten angesprochen wurden, von allein zu reifen Christen werden würden. Stattdessen fügte er sie sofort zu Gruppen zusammen, damit sie sich gegenseitig in Liebe begleiten konnten ("to watch one another in love"). Wesley hoffte nicht nur auf gute Entwicklungen, er plante gute Entwicklungen.

Es ist wichtig, Basiskenntnisse über die Geschichte des Methodismus zu haben. Denn dann verstehen wir: Als die Methodisten die Methode aufgegeben haben, die ich gerade beschrieben habe, haben sie den Prozess aufgegeben, der nicht nur die Ursache dafür war, dass so viele Menschen durch den Methodismus eine Beziehung zu Jesus Christus bekommen haben, sondern auch dafür, dass so viele von ihnen zu reifen Christenmenschen geworden sind. Die Vergangenheit ist nicht nur deshalb wichtig, weil sie interessant ist, sondern in diesem Falle auch deshalb, weil sie immer noch einen wichtigen Beitrag für das Leben der Kirche heute leisten kann. Der Gründer unserer Tradition glaubte daran, dass der Methodismus seine geistliche Lebendigkeit nur so lange behalten würde, wie er diese Methode am Leben hielt. In Wesleys eigenen Worten:

Ich habe keine Angst davor, dass die Leute, die man Methodisten nennt, in Europa oder Amerika einmal zu existieren aufhören werden. Aber ich habe Angst, dass sie einmal nur noch als tote Sekte existieren werden, die zwar die Form der Religion hat, aber ohne die Kraft. Und das wird unzweifelhaft dann der Fall sein, wenn sie nicht festhalten an der Lehre, dem Geist und der Ordnung (doctrine, spirit and discipline), die sie hatten, als sie entstanden sind.

Was denkst du: Was würde Wesley von deiner Gemeinde heute halten? Würde er feststellen, dass sie festgehalten hat an der Lehre, dem Geist und der Ordnung, die der Schlüssel für den Erfolg des Methodismus waren? Ich befürchte, die meisten unserer Gemeinden haben alles drei schon längst über Bord geworfen. Aber meine Hoffnung ist, dass wir zu ihnen zurückkehren und darin Erneuerung und Gottes Segen erfahren.

In unserer Zeit sehnen sich viele Menschen nach einer tieferen und bedeutungsvolleren Beziehung zu Christus. Vielleicht bist du einer davon. Vielleicht ahnst du, dass es mehr gibt im Leben als Christ, als du bisher erfahren hast, aber du bist unsicher, wie du dieses "Mehr" findest. In den nächsten drei Kapiteln werden wir uns jede der Allgemeinen Regeln genauer ansehen. Ich bin überzeugt: Du wirst herausfinden, dass die Methode einfach ist. Die Frage ist nicht, ob wir den Prozess verstehen. Die Frage ist: "Haben wir die Diszilin, ihn in die Praxis umzusetzen?"

Im Johannesevangelium sagt Jesus: "Ihr seid wirklich meine Jünger, wenn ihr an meinem Wort bleiben werdet." (Joh. 8,31) Bleibst du an Jesu Wort? Ich hoffe, am Ende unserer gemeinsamen Zeit wirst du mir zustimmen, dass die Methode Wesleys hilft, Jesu Wort nicht nur zu hören, sondern es zu praktizieren. Meine Hoffnung und mein Gebet ist, dass wir Methodisten wieder zu einer Gemeinschaft des Glaubens werden, die vor allem bekannt dafür ist, dass sie aus Tätern des Wortes besteht.

Fragen zum Gespräch:

1.) Wie würdest du auf die Fragen antworten, die ich vorhin in diesem Kapitel gestellt habe: Ist dein geistliches Leben icht auf mehr ausgelegt als auf das, was du jetzt hast? Bist du bereit für mehr?

2.) Wen begleitest du und wer begleitet dich in deinem Glaubensleben in Liebe (Who do you watch over in love?) Gehörst du zu einer verbindlichen Kleingruppe? Falls ja: Begleitet ihr euch dort gegenseitig im Wachstum des Glaubens und wie geschieht das? Falls nein: Möchtest du gerne zu einer verbindlichen Kleingruppe gehören? Warum? Und: Wie schaffen wir das?

3.) Was denkst du, wie Wesley den heutigen Methodismus bewerten würde in Bezug auf die Aufgabe, an der Lehre, dem Geist und der Ordnung der Anfangszeit festzuhalten?

4.) Was behindert dich dabei, an Jesu Wort festzuhalten?

Sonntag, 22. April 2012

Das Weib schweige ? (Teil 1 von 3)


Predigt, gehalten in der EmK Detmold am 22. April 2012

„Das Weib schweige in der Gemeinde.“ „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn.“ Wer kennt diese Sätze von Paulus nicht? Sie haben sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und prägen nun ihrerseits unser Denken. Und so ist es kein Wunder, dass es in der Diskussion um Frauenrechte in der Gesellschaft, besonders aber in der Kirche und in der Familie bis heute im christlichen Diskurs zwei Positionen gibt, die sich diametral gegenüberstehen:

Da sind die einen, die sich als bibeltreu bezeichnen. Sie verteidigen die Bibel als letztgültige Autorität in der Kirche. Nach ihr, nach dem, was die Bibel sagt, soll sich die Gemeinde richten – auch dann, wenn es dem Zeitgeist widerspricht. Vertreter dieser Position zitieren dann gerne die bekannten neutestamentlichen Stellen aus 1. Korinther 11 und 14, 1. Timotheus 2 oder aus den Haustafeln der Briefe und sagen: In den Familien sollen sich die Frauen ihren Männern unterordnen und in der Gemeinde dürfen Frauen zwar dienen, nicht aber predigen, verkündigen oder leiten. So sieht es die biblisch bezeugte Schöpfungsordnung Gottes für alle Zeiten vor.

Die anderen nennen sich selbst gern modern oder zeitgemäß. Sie sagen: Mag ja sein, dass die Bibel so spricht, aber sicher ist das alles zeitbestimmt und kann so heute nicht mehr gelten. Auch die Kirche muss mit der Zeit gehen und sich anpassen. Heute sind Frauen gleichberechtigt, und deshalb sind sie ihren Männern keinesfalls irgendwie untergeordnet. Und in der Gemeinde dürfen sie selbstverständlich predigen, verkündigen und auch leiten, auch wenn das die Bibel anders sieht.

So die zwei Grundpositionen, die uns oft begegnen. Aber: Haben wir tatsächlich nur die Wahl zwischen diesen beiden Positionen? Nein, so ist es nicht. Meine These ist im Gegenteil: Gerade wenn wir die Bibel als letzte Autorität für uns ernstnehmen und ihr folgen, sollen und werden wir für die Gleichheit von Frauen und Männern in Begabungen und Diensten eintreten. Polemisch gesagt: Wer bibeltreu sein will, muss die gleiche Würde, gleiches Recht und gleiche Fähigkeit zu Leitung und Verkündigung bei Frauen und Männern vertreten. Ich komme jedenfalls, wenn ich die Bibel in ihrem Gesamtzeugnis lese und studiere, zu dem Schluss:
  • Männer und Frauen sind wohl verschieden, aber mit gleicher Würde zusammen als Gottes Ebenbild geschaffen. Keiner von beiden ist per se dem jeweils anderen untergeordnet oder soll sich unterordnen. Und
  • Männer und Frauen werden in gleicher Weise von Gott mit Gaben der Verkündigung und der Leitung beschenkt, die sie in der Gemeinde und in der Familie zum Bau des Reiches Gottes einsetzen können und sollen.

Bevor ich euch diese These begründe, braucht es einen kleinen Exkurs zum Lesen und Verstehen der Bibel. Die Bibel ist als Wort Gottes nicht vom Himmel gefallen, sondern in einem langen Zeitraum entstanden. Sie will von ihrer Mitte her – vom Bund Gottes zuerst mit Israel und dann in Christus mit Menschen aus allen Völkern her – gelesen und verstanden werden. Wir wollen mit ihr nicht so umgehen, dass wir eklektisch einzelne Verse oder Halbverse aus ihrem Zusammenhang reißen und uns dann gegenseitig um die Ohren hauen. Das wird der Bibel nicht gerecht. Sie ist kein Steinbruch für ewige Wahrheiten. Sondern wir wollen die Bibel im Zusammenhang und auf ihr Gesamtzeugnis hin lesen. So beachten wir sie als Gottes Wort und Autorität für uns heute. Wenn wir das tun, wollen wir besonders darauf achten, wo die Bibel etwas sagt im Widerspruch oder in Spannung zur eigenen Kultur der Autoren. Darauf also, wo die biblischen Autoren ihre Umwelt und ihre Kultur verändern wollen, statt ihr nur zu folgen. Wir können davon ausgehen, dass solche Stellen im Gesamtkontext der Bibel besonders wichtig sind.

Mit diesem Verständnis der Bibel möchte ich an den nächsten drei Sonntagen mit euch über die Frage, ob Frauen nach dem Zeugnis der Schrift in Gemeinde und Familie leiten und ob sie das Wort Gottes verkündigen und auslegen dürfen, nachdenken. Ich will das in drei Schritten tun: Heute wollen wir eine kleine Reise durch das Erste Testament antreten. Wie wird die Stellung der Frauen und ihre Mitwirkung in Gottes Heilsgeschichte mit den Menschen dort beschrieben? Am nächsten Sonntag sehen wir uns genauer an, in welcher Form Frauen im Umfeld Jesu eine Rolle gespielt haben. Wie ging Jesus mit Frauen um? Welche Rollen traute er ihnen zu? Und dann, am letzten Sonntag dieser Predigtreihe, wollen wir uns die klassischen Stellen aus den neutestamentlichen Briefen zum Thema genauer ansehen. Heute also geht es um Frauen im Ersten Testament – und dazu müssen wir buchstäblich bei Adam und Eva, also ganz vorne in der Bibel, anfangen.

Die Eva, die uns in den ersten drei Kapiteln der Bibel begegnet, ist ja so etwas wie die archetypische Frau schlechthin. In den Schöpfungserzählungen erfahren wir zweierlei: erstens wie der Mensch eigentlich von Gott gemeint und wozu er geschaffen ist und zweitens zugleich wie der Mensch faktisch auf Grund der Sünde, der Entfremdung von Gott heute ist und lebt. In Bezug auf Eva, also die Frau schlechthin, sind dabei drei Stellen besonders wichtig:

Gen. 1,27 (lesen!). Gott schuf den Menschen zu seinem Bild. Oder andersherum: Des Menschen Aufgabe ist es, Gottes Bild und Gegenüber zu sein. Das aber, diese Aufgabe leben, kann ganz offenbar der Mann nicht allein. Weil in Gott selbst liebende Gemeinschaft ist – wir drücken das aus in unserem Bekenntnis zu Gott als Vater, Sohn und Heiligem Geist -, kann der Mann allein nicht sein Bild, sein Gegenüber sein. Mann und Frau zusammen sind zu Gottes Bild geschaffen. Nur zusammen bilden sie ab, was Gott in sich selbst auch ist: liebevolle Beziehung in gegenseitiger Unterordnung. Eifersucht oder gar Streit um das rechte Herrschaftsverhältnis – wer wem über- oder untergeordnet ist – ist in diesem Zusammenhang gar nicht denkbar. Das gilt es festzuhalten. Mann und Frau in ihrer Verschiedenheit sind geschaffen, um gemeinsam Gottes Bild und Gegenüber zu sein, indem sie Gemeinschaft miteinander haben. Die zweite Stelle:

Gen. 2,18 (lesen!). Ganz entsprechend sagt die zweite Schöpfungserzählung: Ein Mensch allein, nur der Mann als Gottes Gegenüber – das funktioniert nicht. Es braucht die Zweiheit des Menschen. Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. Aber ist das nicht nun doch eine unterordnende Bestimmung der Frau: Gehilfin des Mannes? Hier gilt es, genau hinzusehen. Das Wort, das hier im Hebräischen steht, heißt „Esär“. Es kommt oft in der Hebräischen Bibel vor und wird übersetzt mit Hilfe oder Beistand. Besonders häufig wird es gebraucht für Gott. Psalm 33,20 zum Beispiel. (Lesen!) Da steht das gleiche Wort wie hier in Gen. 2 in Bezug auf Eva: Es meint aber ganz offensichtlich Hilfe aus einer Position der Stärke heraus, nicht untergeordnete Hilfe. Dass Eva als Adams Hilfe geschaffen wird, bedeutet also nicht, dass sie seine Dienstmagd ist. Es ordnet Eva dem Adam auch nicht unter. Betrachten wir es stattdessen so: Die Frau ist für den Mann in der Form eine Hilfe, wie Gott es für den Menschen ist. Ohne Frau kann der Mann die Bestimmung des Menschen, in Beziehung zu Gott zu leben, nicht erfüllen. Der Mann braucht dazu Hilfe. Und der dritte Vers:

Gen. 3,16: Hier doch spätestens legitimiert die Bibel doch die männliche Überordnung oder Herrschaft über die Frau, oder? Nein, das tut sie nicht. Im Gegenteil. Was wir hier lesen, ist Beschreibung des Fluches Gottes, unter dem wir leben, weil und seitdem die Sünde, die Entfremdung von Gott in der Welt ist. Die Herrschaft des Mannes über die Frau entspricht gerade nicht dem Schöpferwillen Gottes, sondern sie wird in der Bibel beschrieben als Fluch und Folge der Sünde, der Entfremdung von Gott. Geschlechterkampf und Herrschaft des Mannes kommen erst durch die Abwendung des Menschen von Gott in die Welt. Christus kam in die Welt, so glauben wir, um uns vom Fluch der Sünde zu befreien und um unsere ursprüngliche Bestimmung wiederherzustellen. Folgerichtig heißt es in Galater 3,28: Hier ist nicht Jude und Grieche, nicht Sklave und Freier, nicht Mann und Frau, sondern ihr seid allesamt eins in Christus Jesus.

Halten wir also zu Eva, der archetypischen Frau schlechthin fest: Das Verhältnis von Mann und Frau ist von Gott gemeint als Gemeinschaft, Beziehung, gegenseitige Ergänzung und Unterordnung, nicht aber als Herrschaftsverhältnis oder Überordnung des Mannes über die Frau. Erst durch die Sünde, die Abwendung von Gott kommt die Geschlechterherrschaft in die Welt. Sie entspricht nicht dem Schöpferwillen Gottes. Und zugleich wissen wir: In Christus kam Gott zur Welt, um uns vom Fluch der Sünde, und damit auch vom Kampf der Geschlechter zu befreien.

Unsere nächste Station auf unserer Reise durch das Erste Testament ist Mirjam, die Schwester Aarons. Von ihr lesen wir direkt nach der Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei und dem Durchzug durchs Schilfmeer in Ex. 15,20-21 (lesen!). Als Prophetin wird uns Mirjam vorgestellt, also als Verkünderin des Wortes Gottes. Gott wählt also für die Verkündigung nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Und nicht nur das: Ganz offensichtlich leitet Mirjam zusammen mit den anderen Frauen den Dankgottesdienst für die Befreiung aus Ägypten. Nicht ein Mann tut das, sondern Mirjam. Später in Num. 12, lesen wir von Mirjams dunkler Seite: von ihrer Eifersucht auf Mose und ihrem Geltungsstreben. Sie wird dafür von Gott zurechtgewiesen und auch bestraft: mit Aussatz. Interessant ist, dass das Volk dann mit dem Weiterziehen so lange wartet, bis Mirjam wieder rein ist und mitkommen kann. So wichtig ist sie für das Volk. Ohne sie geht es buchstäblich nicht weiter. In Mirjam begegnet uns also eine Verkünderin des Wortes Gottes, eine Prophetin und eine vollmächtige Leiterin des Volkes Israel.

Nächste Station: Debora. Wir erfahren von ihr in Ri. 4,4-5 (lesen!). Wir befinden uns in einer Zwischenzeit. Die charismatischen Leiter des Volkes wie Mose und Josua sind nicht mehr da. Aber es gibt noch kein Königtum in Israel, noch keinen wirklichen Staat. In dieser Zeit wird das Volk von geistlichen und politischen Führungspersonen, den sogenannten Richtern, geleitet. Eine dieser Personen ist Debora. Wir hören von ihr, dass sie gleichzeitig Richterin und Prophetin ist, dass sie also sowohl politisch als auch geistlich eine Führungsrolle inne hat.

Zuletzt und für mich am beeindruckendsten ist die Prophetin Hulda, von der wir in 2. Kön. 22,11-17 lesen (noch nicht lesen!). Der Reformkönig Josia hat das verlorene Gesetzbuch wiedergefunden, gelesen und ist darüber erschaudert, wie weit entfernt der Lebensstil des Volkes von dem ist, was Gott in der Thora als seinen Willen Israel offenbart hat. Daraufhin lesen wir... (lesen!). In Hulda begegnet uns eine Prophetin, die vollmächtig Gottes Wort und Beschluss verkündet. Ihre Autorität ist so groß, dass König und Priester sich ihr unterordnen. Eine wirklich starke Frau, die uns hier begegnet.

Bei alledem stellt sich dann schon die Frage: Wenn es denn Gottes ewige Ordnung sein sollte, dass Frauen sich Männern unterordnen und in der Familie und der Gemeinde nicht leiten und schon gar nicht Gottes Wort verkünden sollen: Warum hält sich Gott selbst in seiner Geschichte mit Israel dann nicht an diese Ordnung?

Unsere Reise durchs Erste Testament macht klar: Mit dem ersten Teil der Bibel lässt sich die hierarchische Sicht, dass Frauen in der Gemeinde keinen Verkündigungs- und Leistungsdienst versehen dürfen und dass sie sich in der Familie ihren Männern unterordnen sollen, jedenfalls nicht begründen.

Im Gegenteil: Die hebräische Bibel bezeugt, dass
  • Mann und Frau zusammen zu Gottes Bild erschaffen und von ihrem Schöpfer mit gleicher Würde ausgestattet sind, dass
  • erst die Frau den Mann zum Menschen im eigentlichen Sinne macht, dass
  • die Geschlechterherrschaft des Mannes über die Frau nicht Gottes ewige Schöpfungsordnung, sondern Fluch und Folge der Sünde ist, die zu überwinden Christus in die Welt gekommen ist, dass
  • Männer und Frauen gleichermaßen von Gott mit der Gabe der Leitung in der Gemeinde, in der Gesellschaft und in der Familie beschenkt und beauftragt werden können. Und dass
  • Frauen und Männer gleichermaßen von Gott mit der Gabe der Verkündigung seines Wortes beschenkt und beauftragt werden können.

Der Blick ins Erste Testament legt uns nahe: Bei der Frage, wer in der Familie die Leitungsrolle übernimmt, wer in der Gemeinde leitet und wer das Wort Gottes verkündigt und auslegt, sollte nicht das Geschlecht, sondern die Begabung durch Gott im Zentrum der Überlegungen stehen. Und die entsprechenden Begabungen Gottes finden wir in der Bibel bei Frauen genauso wie bei Männern. Warum sollte das heute anders sein? Von Israel können wir lernen: Wo immer wir die Gaben der Verkündigung oder Leitung entdecken – bei Frauen wie bei Männern - sollten wir sie nicht hindern, sondern sie dankbar dazu ermutigen, diese Gaben zu kultivieren und beim Bau des Reiches Gottes einzusetzen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.
(Die Predigt basiert auf dem Buch "Die Frau Schweige?" von John Ortberg, erschienen im Haenssler-Verlag)

Samstag, 21. April 2012

Typisch methodistisch (Teil 2)

(Übertragung des Buches "A Blueprint for Discipleship" von Kevin M. Watson aus dem Englischen)

Kapitel 2

Mitwirkung beim Wachstum als Jünger
Das Ziel der Gnade

Vor etwa fünf Jahren verliebten sich ein Mann und eine Frau ineinander. Es dauerte nicht lange, und der Mann fand sich selbst kniend vor seiner Liebsten. Er hielt um ihre Hand an. Mit Tränen in den Augen sagte sie Ja. Und dann schien es fast so, als verlöre das Paar die Kontrolle. Die Planung der Hochzeit nahm Monat um Monat in Anspruch. Alles sollte schließlich perfekt werden. Viel Arbeit wartete darauf, getan zu werden. Manchmal schien es fast so, als dauerte es ewig bis zum großen Tag. So aufgeregt waren sie. Irgendwann war dann endlich alles geschafft. Die Hochzeit kam, und sie wurde wirklich wundervoll.

Bald schon fanden sich die Zwei auf der Hochzeitsreise wieder und lagen nebeneinander an einem wunderschönen Strand. Morgens schliefen sie lange aus und erholten sich rasend schnell vom Hochzeitsstress. Die Sonne schien, und das jung vermählte Paar beobachtete die Wellen, wie sie an den Strand brandeten - eine nach der anderen. Sie waren vollkommen sorgenfrei. Sie hatten es geschafft. Sie waren verheiratet! Und das Beste daran war: Beide wussten, dass sie das Schwierigste in ihrem Leben hinter sich gelassen hatten. Alles, was sie nun noch tun mussten, war, den Rest ihres Lebens gemeinsam glücklich und zufrieden als Mann und Frau zu leben.

Als sie so nebeneinander lagen, schloss er seine Augen, fühlte die Wärme der Sonne auf der Haut, lächelte und gab sich seinen Gedanken hin. Er wusste: Ihr gemeinsames Leben würde genauso werden, wie er es sich von seiner Ehe immer erträumt hatte. Er freute sich schon auf das selbstgekochte Essen, das sie ihm immer kochen würde. Er war glücklich, dass er sich nicht mehr um die Wäsche werde kümmern müssen. Das machte ihn so zufrieden, dass er begann, an Kinder zu denken, die er mit dieser wundervollen Frau auf die Welt bringen werde. Zwei sollten es sein - wie auch seine Eltern sie hatten. Das Leben war schön.

Währenddessen träumte auch sie vor sich hin, mit einem Lächeln im Gesicht und den Blick versonnen über das weite Meer gerichtet. Nie war sie glücklicher als jetzt. Sie freute sich darauf, nun alles mit ihrem Mann gemeinsam zu machen: kochen, putzen, alle Räume neu dekorieren und liebevoll gestalten. Und wie er konnte sie ihr zukünftiges Familienleben förmlich sehen vor ihrem inneren Auge. Alle fünf Kinder sah sie schon vor sich, die sie immer schon haben wollte, so, wie auch ihre Eltern sie hatten. Das Leben war schön.

Ja, es scheint, als warten auf unsere zwei Frischvermählten einige Überraschungen, nicht wahr? Es mag seltsam erscheinen, dass zwei Menschen heiraten, ohne sich je ernsthaft über ihre Zukunftspläne unterhalten zu haben. Aber wenn du selbst verheiratet bist oder wenn du jemanden kennst, der verheiratet ist, dann kennst du vielleicht selbst auch den etwas geschickten Gesichtsausdruck, wenn man realisiert: Meine Träume sind ganz andere als die meines Ehepartners.

Das ist erst der Anfang

Manchmal machen wir einen verhängnisvollen Fehler: Wir halten den Anfang einer Sache schon für ihr Ende. Das Paar in unserer Geschichte dachte, es sei nun im Gelobten Land angekommen. Jeder, der selbst verheiratet ist, weiß: Die beiden haben gerade erst angefangen - mehr nicht. Natürlich werden sie großartige und freudige Tage miteinander erleben. Aber auch harte und schwierige Zeiten stehen ihnen bevor.

Nicht nur in Sachen Ehe verwechseln wir Anfänge und Endziele miteinander. Vielleicht haben wir sogar insgesamt die Tendenz, große Entscheidungen zu treffen und dabei Anfänge für Endzustände zu halten: Was will ich mal werden, wenn ich erwachsen bin? Möchte ich Kinder zur Welt bringen? Soll ich umziehen? Soll ich meinen Job wechseln? Wir treffen in all diesen Fällen wichtige Entscheidungen, die uns das Gefühl der Erledigung, des Abhakens, der Befreiung von einer Frage geben. Wir haben dann das Gefühl, die Antwort gefunden zu haben, nach der wir suchten. Aber oft stellt uns dann die neue Situation vor ganz neue Fragen. Die getroffene Entscheidung ist nicht das Ende, das Ziel, sondern der Anfang eines Prozesses.

Zu heiraten ist der einfachste Teil der Übung. Es macht Spaß. Man bekommt Geschenke und steht im Mittelpunkt. Aber in einer erfolgreichen Ehe müssen beide irgendwann verstehen, dass auch Arbeit notwendig ist, damit beide in Liebe zueinander für den Rest ihres Lebens wachsen können.

Unglücklicherweise machen auch Christen diesen Fehler, den Anfang bereits für das Ende zu halten. In den vergangenen Jahren ist eine verkürzte Form des Christseins sehr populär geworden. Dieses verkürzte Christsein lässt sich am besten so beschreiben: "Ich bin gerettet." Immer, wenn ich jemanden das sagen höre, zucke ich zusammen.

Der Grund, weshalb dieser Satz nicht angemessen ist, ist folgender: Er setzt voraus, dass alles, worauf es im geistlichen Leben eines Menschen wirklich ankommt, eine einzelne bedeutsame Erfahrung ist. Man muss "gerettet werden." Nichts, was man vorher oder nachher tut, ist demgegenüber irgendwie von Bedeutung. Wenn die Kirche diese Haltung übernimmt, dann fragt sie die Menschen vor allem das Eine: Hast du Jesus Christus als deinen Herrn und Erretter angenommen? Wenn die Antwort auf diese Frage "Ja" lautet, ist alles o.k. und wir können diese Person von unserer To-do-Liste streichen. Wenn die Antwort "Nein" lautet, dann richten wir alle unsere Anstrengungen darauf, diese Person dazu zu bringen, ein einziges Gebet zu sprechen: das Bekehrungsgebet eines Sünders, der Jesus Christus als seinen Erlöser annimmt.

Wozu das alles?

Als ich noch im Studentenwohnheim wohnte, klopfte es einmal unerwartet an der Tür, während ich gerade mit der Hausarbeit beschäftigt war. Als ich öffnete, sah ich in die Gesichter von zwei Typen, denen ich nie zuvor begegnet war. Beide hielten Clipboards in der Hand und sahen ziemlich ernst aus. Mein erster Gedanke war: Was hab ich angestellt?

Einer von ihnen murmelte etwas, woher sie kamen und bat mich, mir ein paar Fragen stellen zu dürfen. "Sicher," sagte ich, aber ich gebe zu, eigentlich meinte ich: "Nein." Ich kann mich an ichts mehr erinnern, was er mich gefragt hat, außer an diese eine Frage: Er zeigte mir ein Chart, auf dem eine Skala zwischen 0 und 100 aufgezeichnet war und fragte: "Wenn Sie heute sterben müssten, was denken Sie, wie hoch Ihre Chance wäre, in den Himmel zu kommen? Geben Sie eine Zahl zwischen 0 und 100 an." Ich sagte: "100 %." Das war meine ehrliche Antwort. Sie war begründet in meiner Beziehung zu Gott und der Heilsgewissheit, die ich erfahren hatte. Ich war ein Kind Gottes.

Ich hatte erwartet, dass die beiden sich über meine Antwort freuten. Wenn ich eine Antwort kleiner als 100 % gegeben hätte, hätten sie mich sicher gefragt, ob ich interessiert an Informationen wäre, die es mir ermöglichten, ganz sicher in den Himmel zu kommen. Aber irgendwie schienen die beiden nun wegen meiner Antwort etwas enttäuscht zu sein. Ich hatte ihnen gerade offenbart, dass ich ein erretteter und wiedergeborener Christ war - und die beiden Missionare waren offensichtlich enttäuscht darüber, anstatt sich zu freuen, dass sie einen Bruder im Glauben gefunden hatten. Sie bedankten sich höflich für meine Geduld und Kooperation und ließen mich allein.

Vielleicht argumentiere ich hier etwas zu einseitig. Um nicht missverstanden zu werden: Die Evangelisch-methodistische Kirche und die meisten anderen evangelischen Kirchen auch haben noch viel Möglichkeit nach oben, wenn es darum geht, das Evangelium mit anderen zu teilen. Ich empfinde 1. Petrus 3,15 da als echte Herausforderung an uns: "Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist." Wir sollten bereit sein, das Evangelium zu teilen und Menschen dazu einzuladen, Jesus in ihr Leben zu lassen. Rettung gibt es nur durch Gnade. Aber: Diese eine Entscheidung für Jesus ist noch lange nicht alles!

Die Entscheidung für Jesus ist nicht das Endziel des christlichen Lebens, sondern sein Anfang. Die Erfahrung der Gnade Gottes machen zu dürfen, ist nicht alles, was Gott für uns bereit hält. Sie ist noch nicht die Fülle dessen, was Gott und anbietet. Wenn wir über das "Gerettet werden" reden, dann sind wir manchmal wie das etwas naive Paar, das gerade geheiratet hat und meint, es sei nun am Ziel der Ehe. Sie werden schnell erkennen, dass die Hochzeit der Anfang der Ehe ist und nicht ihr Endziel. Genauso: Das Empfangen der Vergebung unserer Sünden, die Wiedergeburt macht uns zu Christen. Das ist eine großartige Veränderung unserer Person, aber sie ist erst der Anfang eines völlig neuen Lebens.

Gerettet für etwas

Wofür und wozu werden wir wiedergeboren, wenn wir unser Leben Jesus geben? Dies ist eine der Schlüsselfragen, bei der wir Methodisten aus unserer Tradition heraus sehr viel dazu beitragen können, eine wirklich geistliche Antwort zu finden. Wir kommen aus einer Tradition, die sehr viel Wert darauf legt, dass es nötig für jeden Menschen ist, zum Glauben an Christus zu kommen und wiedergeboren zu werden. Und wir kommen gleichermaßen aus einer Tradition, die sagt, dass wir "in einen neuen Lebensstil hinein" wiedergeboren werden. Wir werden wiedergeboren, damit wir für Gott leben können. Es ist eine Verkürzung des Evangeliums, wenn wir bei der Wiedergeburt stehenbleiben. Die Schrift sagt, dass Jesus kam, damit wir das Leben in Fülle haben. Wesley verkündete, dass Jesus gestorben ist um uns aus der Hölle zu retten und um uns für etwas zu retten.

Einer der besonderen Akzente wesleyanischer Theologie ist die Balance von Glaube und Werken  bei John Wesley. Für ihn ist Gnade entscheidend, aber auch unsere Beteiligung an der Gnade Gottes (participation with God's grace). Die Gnade, die uns rechtfertigt, macht uns auch fähig, Gottes Liebe zu antworten und anzufangen, unsere Rettung in unserem Lebensstil auszudrücken.

Gerade deshalb ist die Gnade so wichtig, weil sie uns befähigt, selbst etwas zu unserem Wachstum in der Heiligung beizutragen. Wesley betont, dass das Leben als Christ nicht vorbei ist, wenn wir eine Beziehung zu Christus gewonnen haben. Stattdessen befähigt uns die Nachfolge Jesu, aktiv teilzuhaben an Gottes Erneuerung unseres Lebens zu seinem Bild. Das ist der Weg, auf dem wir teilhaben am Werk des Heiligen Geistes, der uns heilig macht.

Das Ziel des Lebens als Christ kann mit den Worten zusammengefasst werden, die Jesus sprach, als ein Pharisäer ihn einmal fragte, was denn das größte Gebot im Gesetz sei. "Jesus antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten." (Mt. 22,37-40)

Das Ziel des Christseins ist es nach Wesley nicht zuerst, bestimmte äußerliche Dinge zu tun, obwohl solche äußeren Handlungen oft der sichtbarste Aspekt wesleyanischer Spiritualität sind. Das wichtigste Ziel des Christseins ist es, völlig erneuert zu werden zum Bild Gottes, also vollkommen in der Liebe zu werden. Wesley definierte das als Erfüllung des Doppelgebotes der Liebe, das Jesus lehrt.

Wir kennen das wohl alle: Manchmal verhalten wir uns jemandem gegenüber ganz anders, als wir ihm innerlich gesonnen sind. Wir verhalten uns jemandem gegenüber freundlich, obwohl wir in unserem Inneren etwas gegen ihn haben oder ihm gegenüber bitter sind. Das ist die Art heuchlerischer Frömmigkeit, die Wesley ablehnt und vor der er uns warnen will. Er will, dass Christen nicht nur äußerlich nett und freundlich sind, sondern dass sie Menschen werden, die Gott und die Menschen, mit denen sie in Berührung kommen, wirklich lieben.

Das unterscheidet verbindliche Christen von solchen, die nur Namens-Christen sind. Wir neigen dazu, verbindliche Christen auf einen Podest zu stellen und deutlich zu machen, dass "normale Leute" so nie werden leben können. Wir denken vielleicht an Mutter Theresa und sagen: "Ich könnte nie leben wie sie: in den Slums von Kalkutta zusammen mit den Armen. Schließlich habe ich hier meine Familie." Aber statt auf diese Art andere "Heilige" auf einen Podest zu stellen und ständig zu denken "So kann ich nie werden" sollten wir uns vielleicht besser einmal umsehen und uns fragen: "Was kann ich denn tun?" Der Unterschied zwischen verbindlichen Christen und Namens-Christen ist vielleicht einfacher, als wir denken. Verbindliche Christen sind Leute, die ihr Leben ganz und gar Gott übergeben haben. Es sind Leute, die ihren Willen zusammen mit der Gnade Gottes dazu einsetzen, Jesus zu folgen - in allem, was sie tun. Manche führt dieser Weg nach Kalkutta. Manche dazu, genau da zu bleiben, wo sie gerade sind und dort die Menschen zu lieben, die Gott ihnen vor die Füße stellt und unzählige ungesehene Stunden auf den Knien im Gebet für sie zu verbringen.

Das ganze Haus Gottes erforschen

Es gibt wohl nur wenige Erwachsene, die einen Siebenjährigen Piano spielen sehen und denken: "Ich wünschte, ich könnte so spielen wie er." Aber wir bewundern wohl alle das Talent und die Fähigkeiten der großen Konzertpianisten. Nur: Auch die Konzertpianisten müssen irgendwo anfangen, oder? Bei ihrem ersten "Konzert" haben sich vielleicht noch nicht viele Köpfe voller Bewunderung umgewandt. Vielleicht haben sich manche sogar die Ohren zugehalten. Genau so werden unsere Versuche, den Glauben zu leben, nicht sofort dazu führen, dass andere Loblieder auf uns singen oder überhaupt nur auf uns aufmerksam werden. Unser Glaube sagt uns, dass auch die kleinste Tat, die wir tun aus dem Bedürfnis heraus, Gott zu gefallen, nicht unbemerkt bei unserem Vater im Himmel bleibt.

Das Ziel der Gnade ist es nicht nur, uns zu retten, sondern auch, uns zu befähigen, eine tiefer und tiefer werdende Beziehung zu Gott einzugehen, aus der heraus wir mehr und mehr in der Lage sind, Gott und unsere Mitmenschen zu lieben. Wesley beschrieb die verschiedenen Wirkweisen der Gnade in unserem Leben im Bild von Gottes Haus. Gottes "vorlaufende Gnade" bwahrt uns davor, uns weiter von Gottes Haus zu entfernen. Die vorlaufende Gnade weckt uns auf und lässt uns darauf aufmerksam werden, dass wir Rettung oder Hilfe brauchen. Sie führt uns zur Buße oder Umkehr. Wesley verglich die vorlaufende Gnade mit dem Vordach des Hauses Gottes. Indem die vorlaufende Gnade uns zur Buße drängt, bringt sie uns zum Vordach des Hauses Gottes.

Wenn wir uns nun dort vorfinden, arbeitet Gottes Gnade an uns, um uns durch die Tür zu bringen. Die "rechtfertigende Gnade" Gottes befähigt uns, an Christus zu glauben und Vergebung der Sünden bei ihm zu finden. In dem Moment, in dem wir die Vergebung persönlich erfahren, werden wir wiedergeboren. Unser altes Leben ist zuende, gestorben, und wir erstehen auf zu einem neuen Leben. Wir sind nun in Gottes Haus, sozusagen durch die Tür gegangen. "Der Geist Gottes bezeugt unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind." (Röm. 8,16) Wir können unserer Rettung, unseres Heils zu 100 % gewiss sein.

Aber Wesleys Bild des Hauses Gottes hilft uns, zu begreifen, wie viel mehr noch zum Leben as Christ gehört als Glaube, Vergebung der Sünden und Wiedergeburt. Stell dir vor, Gott hätte wirklich ein solches Haus. Wenn er mich einladen würde, sein Haus kennenzulernen: Ich würde bestimmt nicht darauf bestehen, für den Rest meines Lebens nur an der Haustür stehenzubleiben. Du? Aber ist es nicht genau das, was so viele von uns tun? Wir denken: "Ich hab es bis hinein ins Haus geschafft. Toll. Nun kann ich mich wieder den anderen wichtigen Dingen im Leben zuwenden." Viele von uns, zu viele, wenn sie über hren Glauben Zeugnis geben, erzählen von einem Menschen, der durch die Tür gegangen, aber dann stehengeblieben ist.

Wesley erinnert uns daran, dass, wenn wir einmal in Gottes Haus sind, Gott uns einlädt, darin zu leben. Gott will nicht, dass wir uns nur umsehen wie in einem Museum und die schöne Einrichtung seines Hause bewundern. Nein! Gott lädt uns nicht nur ein, zu kommen und zu sehen, wo er lebt. Gott lädt uns wirklich ein, bei ihm einzuziehen. Wir sind eingeladen, mit Gott zu leben. Gottes "heiligende Gnade" arbeitet daran, uns zu verwandeln von Menschen, die aus eigener Kraft in ihren Hütten gelebt haben, zu solchen Menschen, die nun in liebevoller Beziehung zu Gott und ihren Mitmenschen unter einem Dach leben.

Zu oft wollen wir nur unseren kleinen Zeh durch die Tür hindurch in Gottes Haus stecken, aber ansonsten lieber in unserem alten Leben zurückbleiben. Die Fragen, die Wesley uns ermutigt, uns selbst zu stellen, sind: Wieso sind wir zufrieden mit weniger als dem, was Gott aus unserem Leben machen will? Warum geben wir uns zufrieden damit, den Prozess der Rettung zwar zu beginnen, aber nicht zum Ziel zu kommen?

Die Schrift lehrt, dass Jesus uns verwandeln will. Wenn wir wiedergeboren sind, sind wir nicht am Ende unserer geistlichen Entwicklung, sondern wir haben gerade erst begonnen. Wenn wir unser Leben Christus geben, dann beginnen wir einen neuen Lebensstil, denn Jesus will, dass wir ihm mit unserem ganzen Leben folgen.

Wesley war so überzeugt von diesem Konzept des ganzheitlichen Lebens in Christus, dass er engagiert dafür gearbeitet hat, die, die Christen geworden waren, dazu zu ermutigen, in Gottes Haus einzuziehen. Er tat alles, was er nur konnte, die Methodisten dazu zu ermutigen, in der Heiligung zu wachsen. Er war so überzeugt, dass Gott uns einlädt, verbindlich den Glauben zu leben, dass er eine Methode erarbeitete, um das in die Tat umzusetzen.

Wesley wusste, dass die Leute nicht automatisch vom Bekenntnis des Glaubens zu einem völlig verwandelten Leben gelangen. Im Gegenteil: Alleingelassen entwickelten sich viele zurück zu dem alten Lebensstil, den sie hatten, bevor sie zum Glauben gekommen waren. Deshalb entwickelte Wesley
  • eine Struktur, die die Leute zusammenbrachte, um einander in Liebe zu beobachten und zu ermutigen. Diese Struktur der gegenseitigen Rechenschaft fand in der großen Versammlung des Gottesdienstes und in kleineren Gruppen statt. Und Wesley entwickelte auch 
  • eine besondere Anleitung für neue Christen, die darstellte, wie sie in ihrer Beziehung zu Gott wachsen konnten. Diese "Allgemeinen Regeln" bestanden aus drei einfachen Leitlinien, von denen Wesley sicher war, dass sie helfen, im Glauben und in der Heiligung zu wachsen. 
Diese gemeinschaftliche und individuelle Struktur für die Praxis des Glaubens wurde zum methodistischen Bauplan dafür, wie junge Christen Jünger werden konnten. Wesley war überzeugt davon, dass diese Methode die Menschen in eine tiefer und tiefer werdende Beziehung mit Gott führen würde, damit sie mit ihrem ganzen Leben in Gottes Haus einziehen und mehr und mehr Jesus ähnlicher werden könnten. 

In einer Zeit wie heute, in der die Welt auf das Zeugnis von verbindlichen Christen, die ihren Glauben auch praktisch leben, sehnlichst wartet, ist dieser Bauplan mindestens so relevant wie er es damals war. Alle, die den Namen Christi angenommen haben, indem sie sich selbst  als Christen bezeichnen, können profitieren, indem sie diesen einfachen Bauplan anwenden.

Fragen zum Gespräch

1. Hast du schon mal den Anfang einer Sache mit ihrem Ende verwechselt? Hast du schon mal gedacht, du seist am Ziel, um dann festzustellen, dass du gerade am Anfang einer (neuen) Entwicklung stehst? Beschreibe deine Erfahrung.

2. Was löst die Bemerkung, dass Jesus nicht nur gestorben ist, um uns von der Hölle zu erlösen, sondern auch, um uns zu etwas zu erlösen, in dir aus? Was denkst du: Was sind solche Dinge, zu denen Jesus dich erlöst hat?

3. Ist Gottes Gnade in deinem Leben heute gegenwärtig? Wie? Wächst du im Glauben?

4. Im nächsten Kapitel sehen wir uns die Methode der frühen Methodisten genauer an. Diese Methode setzt eine grundlegende Bereitschaft und den Willen voraus, Jesus nicht nur mit dem Mund als Herrn und Retter zu bekennen, sondern den Glauben an ihn auch mit dem eigenen Lebensstil praktisch auszudrücken. Bist du bereit, auf diese Art Jesus nachzufolgen? Denke darüber nach, vielleicht bete darüber, und schreibe deine Antwort dann am besten auf.

Donnerstag, 19. April 2012

Typisch methodistisch (Teil 1)

(Übertragung des Buches "A Blueprint for Discipleship" von Kevin M. Watson aus dem Englischen)

Kapitel 1

Gnade - Das Fundament des Glaubens

Was ist Gnade?

Was würdest du tun, wenn dich ein Fremder darum bäte, das Wort "Gnade" zu definieren? Würdest du auf der Stelle weglaufen? Würdest du murmeln: "Weiß ich doch nicht"? Hättest du eine Definition aus dem Theologischen Wörterbuch auf Lager, die du einmal auswendig gelernt hast? Oder würdest du eine Geschichte davon erzählen, wie du selbst Gottes Gnade in deinem eigenen Leben erfahren hast?

Als ich studiert habe, ging ich immer am Freitag Morgen völlig unausgeschlafen und übermüdet in das Evangelisations-Seminar. Die drei Stunden Seminar am Freitag waren für mich nicht mehr als das letzte Hindernis, das mich noch vom Wochenende trennte. Was mich dann eines Freitags schlagartig weckte, besser als jede Tasse Kaffee es hätte tun können, war die Ankündigung des Professors: Heute gehen wir in die Stadt und stellen den Menschen dort drei einfache Fragen zu ihrem spirituellen Leben.

Ich muss ehrlich sein: An die ersten beiden Fragen kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Aber ganz sicher an die dritte. Die lautete nämlich: Was ist Gnade? Ich erinnere mich so gut an diese dritte Frage, weil ich die ganze Zeit Angst davor hatte, dass jemand antworten könnte: "Keine Ahnung. Was ist Gnade?" Ich weiß nicht, wie ich damals darauf reagiert hätte. Als wir uns später im Seminar über die Ergebnisse unserer Befragung austauschten, stellten wir fest, dass die meisten Leute keine Ahnung hatten, was Gnade ist. Die Menschen hatten eine Meinung zu Christen, zum Christentum, zu Jesus, aber über Gnade wussten sie nichts weiter zu sagen. Was würdest du sagen, wenn dich jemand fragt: "Was ist Gnade?"

Diese Frage ist deshalb so wichtig, weil Gnade das Fundament des Lebens als Christ ist. Nach der Schrift spielt Gnade eine herausragende Rolle bei unserer Rettung. "Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen." Eph. 2, 8-10 Gnade ist die Quelle unserer Rettung. Gnade ist der Grund unserer Hoffnung, wenn wir zu verstehen beginnen, wie groß der Graben ist, den wir selbst zwischen uns und Gott errichtet haben. Nach dem Epheserbrief sind wir aus Gnade durch Glauben gerettet. Deshalb bestehen Wesley und viele andere christliche Leiter darauf, dass auch unsere Fähigkeit zu glauben aus der Gnade kommt. Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass Gnade jeden einzelnen Schritt auf dem Weg christlichen Lebens erst ermöglicht.

Bevor wir uns also darüber unterhalten, wie wir unseren Glauben zur Praxis werden lassen können, müssen wir über die Gnade reden.

Also: Was ist Gnade? Die Schrift sagt: "Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet." 2. Kor 8,9 Gottes Gnade streckt sich nach unten aus, um uns zu sich heraufzuheben. Gnade ist Gottes Arbeit um unsertwillen, um uns zu retten, die wir uns nicht selbst retten können. Gnade ist Gottes Liebe, die nach uns sucht, um uns wiederherzustellen, die wir uns selbst nicht wiederherstellen können noch es verdienen, wiederhergestellt zu werden.

Um ehrlich zu sein: Gnade ist ein viel radikaleres Konzept, als wir es gerne hätten. Viele Theologen haben schon mit diesem Konzept der Gnade zu kämpfen gehabt. Auch Paulus kämpfte mit dem Konzept der Gnade. Im 2. Korintherbrief schreibt er von einem "Stachel im Fleisch". Mehrmals habe er Gott gebeten, ihn von diesem Stachel zu befreien. Und Paulus berichtet, Gottes Antwort habe nicht darin bestanden, den Stachel herauszuziehen, sondern ihn - Paulus - daran zu erinnern, dass er sich auf die Gnade verlassen soll. "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." Hier wollen wir starten: Gnade ist Gottes Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Gnade heißt: Gott tut für uns, was wir selbst nicht für uns tun können. Wir sehen Gnade in der Bestimmung Jesu während seiner Zeit auf Erden, die Verlorenen zu suchen und zu retten. Ebenso in der Zeit seiner Kreuzigung und Auferstehung. Und wir erfahren Gnade in unserem eigenen Leben in der Bestimmung Jesu, auch heute noch die Verlorenen zu suchen und zu retten.

Eingedenk der zentralen Bedeutung der Gnade im Neuen Testament ist es nicht verwunderlich, dass eines der Hauptthemen der Verkündigung John Wesleys unsere Rettung aus Gnade durch den Glauben war. "Gnade ist der Grund (the source), Glaube die Bedingung (the condition) der Erlösung."

Wesley predigte: "Die Gnade oder Liebe Gottes ist nicht abhängig von einer menschlichen Fähigkeit oder einem Verdienst des Menschen."

Es wird essentiell für unsere weiteren Überlegungen sein, dass wir die Gnade im Zentrum unserer Konversation behalten, wenn wir über das Wachstum des christlichen Lebens reden. Gnade ist die Kraftquelle, die uns mit Energie versorgt für unsere Bemühung, im Glauben zu wachsen.

Wesleys Erfahrung der Gnade

Für John Wesley war die Rede von der Gnade mehr als ein theologischer Sport oder das Sprechen von einer Idee. Auf kraftvolle Art und Weise hatte er die Bedeutung der Gnade in seinem eigenen Leben erfahren. Er erfuhr die Wahrheit, dass die Rettung nicht aus Werken, sondern aus Gnade geschieht, am eigenen Leib. Denn lange Zeit hat Wesley versucht, sich seine Rettung selbst zu verdienen - so entschieden und ernst wie es ihm möglich war. In den ersten 35 Jahren seines Lebens versuchte er, aus eigener Kraft zu leben. Auch nachdem er 1725 die Entscheidung getroffen hatte, Pastor in der Anglikanischen Kirche zu werden, versuchte er ganz entschieden, sich Gottes Zuwendung durch eigene Bemühungen zu verdienen.

Während seiner Zeit an der Oxford University bildete er mit anderen zusammen eine Gruppe mit dem Namen "Holy Club". Schnell wurden sie bekannt für ihren rigorosen und disziplinierten Lebensstil. Gegenseitig spornten sie sich an, viel Zeit mit Bibellesen und Beten zu verbringen. Und sie verantworteten sich voreinander darüber. Sie begannen, regelmäßig Gefangene zu besuchen und Arme in der Stadt zu speisen und zu kleiden. Bald jedoch sollte Wesley merken, dass ihm trotz alledem etwas Zentrales fehlte.

1735 beschloss Wesley, nach Georgia zu reisen. Er ging nach Amerika, um denen das Evangelium zu verkünden, die es bisher noch nicht gehört hatten. Wesleys Schiffsreise nach Georgia wurde immer wieder durch schwere Stürme und Unwetter unterbrochen, die das Schiff zu versenken drohten. Wesley war furchtbar erschrocken. Ihm wurde klar, dass er Angst vor dem Tod hatte und sich nicht sicher war, was nach dem Tod mit ihm geschehen würde. Nach 10 Jahren, in denen er jeden Tag hart und aufopfernd daran gearbeitet hatte, ein guter Christ zu sein, wusste er immer noch nicht, ob Gott ihn liebte. Er wusste nicht, ob er gut genug war. Das Problem war: Wenn seine Erlösung davon abhing, dass er gut genug war, dann würde er immer Zweifel an seinem Heil haben. Denn er würde immer irgendetwas finden, das im Licht des Gerichtes Gottes nicht standhalten könnte.

Wesley schrieb seine Erfahrungen auf und erzählte dabei von einem Moment, als die Stürme besonders schwer waren. Er bemerkte einen starken Kontrast zwischen dem Verhalten der englischen Christen auf dem Schiff und einer Gruppe deutscher Christen (Herrnhuter). Nach dem Sturm schrieb er in sein Tagebuch:

Mitten in dem Psalm, mit dem ihr Gottesdienst begann, stürmte es los. Das Hauptsegel brach entzwei, Trümmer lagen auf dem ganzen Schiff, als wenn die große Tiefe uns schon verschluckt hätte. Ein grausiges Schreien begann unter den Englischen. Die Deutschen sangen ruhig weiter. Später fragte ich einen von ihnen: Hattet ihr keine Angst? Er antwortete: Ich danke Gott, nein. Ich fragte: Aber hatten eure Frauen und Kinder keine Angst? Er entgegnete mild: Nein, unsere Frauen und Kinder haben keine Angst, zu sterben. 

Diese Erfahrung bedrückte Wesley und ließ in ihm viele Fragen über seine Beziehung zu Gott zurück. Er stellte in Frage, ob er wirklich ein Christ sei! Ist das nicht seltsam, dass dieser Mann, dessen spätere Arbeit von Gott dazu gebraucht wurde, eine Bewegung zu entfachen, die so viele Menschen in eine lebendige Beziehung mit Christus bringen sollte, daran zweifelte, dass er wirklich ein Christ sei? Der Frieden, den die Christen aus Deutschland so eindrücklich ausstrahlten, machte so einen starken Eindruck auf Wesley, dass er sich entschloss Deutsch zu lernen, um sich mit den Menschen unterhalten und von ihnen lernen zu können. Er begann, sie zu befragen nach dem Grund ihrer Zuversicht, die sie so sichtbar trug mitten in der Gefahr, das Leben zu verlieren.

Von einer dieser Unterhaltungen berichtet Wesley in seinem Tagebuch. Die Konversation verstärkte seinen Verdacht, dass ihm in seinem Leben als Christ etwas Entscheidendes fehlte. Er unterhielt sich mit August Spangenberg, einem der Leiter der Christen aus Deutschland:

Ich fragte ihn nach seinem Rat, mich selbst betreffend. Er antwortete: "Lieber Bruder. Zuerst muss ich dir einige Fragen stellen. Hast du Zeugnis in dir selbst? Gibt der Geist Gottes Zeugnis deinem Geist, dass du ein Kind Gottes bist?" Ich war überrascht und wusste keine Antwort. Das beobachtete er und fragte mich: "Kennst du Jesus Christus?" Nach einem Moment antwortete ich: "Ich weiß, dass er der Retter der Welt ist." "Das stimmt," antwortete er, "aber weißt du auch, dass er dein Retter ist?" Ich sagte: "Ich hoffe, dass er gestorben ist, um mich zu retten." Er ergänzte nur noch: "Weißt du das selbst?" Ich sagte: "Ich weiß." Aber ich fürchte, das waren nur leere Worte. 

Wesley wurde klar, dass sein Glaube nicht vollständig war. Er glaubte, dass Christus der Retter der Welt ist, aber Gottes Liebe zu ihm persönlich kannte er nicht. Er glaubte, dass Jesus für die Sünden der Welt gestorben ist, aber er wusste nicht, dass Jesus für ihn gestorben ist. Später verließ er Amerika wieder in geistlicher Unordnung und suchte verzweifelt nach Antworten auf seine Fragen. In sein Tagebuch schrieb er 1736:

Ich ging nach Amerika, um die Indianer zu bekehren. Aber ach, wer soll mich bekehren? Wer kann das böse Herz des Unglaubens in mir überwinden? Ich habe einen Schönwetter-Glauben. Wenn keine Gefahr nahe ist, hab ich gut Reden und kann glauben. Aber wenn der Tod mir ins Gesicht sieht, ist mein Geist verzagt. Ich kann nicht sagen: Sterben ist mein Gewinn.

Kannst du Wesleys Frustration und Sorge spüren? Seine geistliche Reise zeigt uns, dass er nicht nur über Gnade geschrieben hat wie über ein wissenschaftliches Objekt. Gnade hat er ganz persönlich verzweifelt gebraucht. Er erkannte, dass er sich nicht selbst retten konnte. Er bemühte sich stärker als die meisten anderen darum und erfuhr doch, dass er sich den Weg in den Himmel nicht verdienen konnte. Es ist erstaunlich: Dieser Mann, der unzählige Stunden mit dem Studieren der Bibel verbracht hatte, mit Beten, mit dem Speisen von Hungrigen, dem Bekleiden der Nackten, dem Besuchen von Gefangenen, hatte solche überwältigenden Zweifel, ob er von Gott geliebt ist.

Viele Methodisten kennen den Bericht Wesleys über sein berühmtes Aldersgate-Erlebnis am 24. Mai 1738. Dies war der Moment, an dem Wesley Gewissheit bekam, dass Christus ihn gerettet hat, aus Gottes Gnade. Sorgsam beschrieb Wesley in seinem Tagebuch diese lebensverändernde Begegnung mit der Gnade Gottes. Er erzählt von der Vergebung der Sünden und der lang erwarteten Gewissheit seiner Rettung, die er plötzlich geschenkt bekam:

Am Abend ging ich sehr unwillig in eine Versammlung in der Aldersgate Street. Einer las gerade Luthers Vorrede zum Römerbrief vor. Ungefähr um viertel vor Neun, während er die Verwandlung beschrieb, die Gott im Herzen durch den Glauben an Christus wirkt, fühlte sich mein Herz seltsam erwärmt an (my heart felt strangely warmed). Ich fühlte, dass ich Christus vertraute, Christus allein für meine Rettung, und eine Sicherheit wurde mir gegeben, dass er meine Sünden weggenommen hatte, gerade meine, und mich gerettet hatte vom Gesetz der Sünde und des Todes. 

Dieser Tagebucheintrag macht nur Sinn, wenn wir ihn im Licht alles dessen verstehen, was vorher passiert war. Wesley hatte sich mehr als 12 Jahre zuvor selbst zu einer höchst disziplinierten Praxis des Glaubens verpflichtet. Seit mehr als zwei Jahren litt er an schweren inneren Kämpfen wegen seiner Erkenntnis, dass ihm wirklicher Glaube fehlte. Wenn wir daran denken, können wir erahnen, welche Freude und Erlösung Wesley in diesem Moment gefühlt haben muss.

Seit Jahren wollte er Christus vertrauen. In dieser Nacht entdeckte er, dass er es tat und gerettet war. Er erfuhr die Gewissheit, dass seine Sünden vergeben waren und dass er frei war von den Konsequenzen dieser Sünden.

Gnade am Anfang, mittendrin und am Ende

Wir würden Wesleys Verständnis von Jüngerschaft großes Unrecht tun, wenn wir nicht darauf bestehen würden, am Anfang, mittendrin und am Ende der Gnade ihren Ort zu geben. Nur durch Gottes Gnade können wir unser Leben als Jünger Jesu beginnen. Gnade ermöglicht unsere Bekehrung und bewirkt Wachstum in unserer Beziehung zu Gott.

Wesley benötigte mehr als 12 Jahre, um das zu begreifen. Aber am 24. Mai 1738 machte er die Erfahrung, dass egal wie hart er arbeitete, wenn er versuchte, aus eigener Kraft heilig zu sein, es nie reichen würde. So diszipliniert seine geistliche Praxis auch war, wusste er doch, dass etwas fehlte. Er studierte eifrig die Bibel, betete viel, fastete einmal, oft zweimal pro Woche. Nicht dass er nicht eifrig gewesen wäre. Er arbeitete so hart an seinem Heil, wie es nur möglich war. Aber niemand wird gerettet aus eigener Kraft oder durch eigene Bemühungen. Er erkannte, dass er nur durch Glaube an Christus mit Gott ins Reine kommen konnte. Er erkannte die Vergebung, die durch Christus gekommen war.

Für Wesley wurde Gnade zu dem, was jeden Teil des christlichen Lebens durchdringt. Wir werden aufmerksam darauf, dass wir Gott brauchen, durch Gnade. Uns wird vergeben und wir werden neu gemacht durch Gnade. Und wir werden befähigt, zu unserer Heiligung etwas beizutragen durch Gnade. Wenn wir darüber nachdenken, wie christliches Leben praktisch aussieht, ist es wichtig, dass wir uns vergegenwärtigen: Gnade ist es, die dieses Leben erst ermöglicht bei jedem Schritt, den wir gehen. Gottes Gnade wird uns frei und umsonst gegeben. Diese Gnade ist die Energie, die uns antreibt, im Leben mit Gott zu wachsen. 

Fragen für das Gespräch:

1. Was ist Gnade? Wie antwortest du, wenn dich das jemand fragt?
2. Was löst die Schilderung der geistlichen Entwicklung Wesleys in diesem Kapitel bei dir aus? Welche Gefühle, Gedanken hast du dazu?
3. Wann hast du die Kraft der Gnade Gottes in deinem leben erfahren? Wie erfährst du sie heute?
4. Wie würdest du August Spangenberg auf seine Fragen antworten, wenn e sie an dich richten würde: Bezeugt der Geist Gottes mit deinem Geist, dass du ein Kind Gottes bist? Kennst du Jesus Christus? Weißt du, dass er dich gerettet hat?
5. Bist du bereit, deine eigene Gerechtigkeit aufzugeben, um Gottes Liebe und Gnade zu finden? Was bedeutet es für dich, auf deine eigene Gerechtigkeit zu verzichten?
6. Zur Vorbereitung auf das zweite Kapitel: Lies noch einmal Epheser 2,8-10. Wie verändert Vers 10 dein Verständnis dieser Passage?