Sonntag, 29. Januar 2012

Schöpfungslaube - Alles andere als naiv


(Predigt, gehalten in Detmold am 22.01.2012 und in Bielefeld am 29.01.2012)

Naivlinge sind wir, meinen manche. Naivlinge deshalb, weil uns die Schöpfungserzählungen am Anfang der Bibel wichtig sind. Wir glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat. Sind wir deshalb naiv?



In der letzten Woche haben wir in unserem Hauskreis über die Schöpfungserzählungen gesprochen. Wir hatten schon viele Hauskreisabende – aber noch nie ging es so hoch her wie an diesem Abend. Da prallten sie aufeinander, die scheinbar unversöhnlichen Gegensätze:

  • Ich glaube fest daran, dass es so geschehen ist, wie die Bibel es beschreibt. In sechs Tagen hat Gott die Himmel und die Erde erschaffen und am siebten Tag ruhte er. Die Naturwissenschaften können sagen, was sie wollen. Die Bibel hat ja doch Recht.“ Und auf der anderen Seite:
  • Ich bin ein Mensch von heute und nicht so dumm, die Bibel wörtlich zu nehmen. Wie die Welt entstanden ist, das lässt sich am besten und zuverlässigsten naturwissenschaftlich erklären. Die Bibel liefert nur Bilder. Die sind auch irgendwie wahr, aber eben nicht so.“



Eine richtig muntere Debatte ist da entstanden im Hauskreis. Das könnt ihr euch bestimmt vorstellen. Es war ein guter Abend.



Ich glaube, unser Problem liegt darin, dass wir die Erzählungen am Anfang der Bibel als Antworten auf Fragen verstehen, auf die sie gar nicht antworten wollen. Deshalb geraten wir immer wieder in diesen Widerspruch zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Zeit.



Die Naturwissenschaft sucht Antworten auf die Frage: Wie ist die Welt entstanden? Das ist gut so. Das ist ihre Aufgabe. Ich finde das prima, und ich möchte, dass meine Kinder in der Schule umfassend über die Antworten der Naturwissenschaft auf diese Frage aufgeklärt werden. Das ist mir wichtig.



Aber die Schöpfungserzählungen der Bibel sind mir auch wichtig. Nur: Meiner Meinung nach antworten diese Texte eben gerade nicht auf die Frage, wie – durch welche Prozesse – Himmel und Erde entstanden sind. Sie geben stattdessen Antworten – und zwar höchst bedeutsame und wichtige und hilfreiche Antworten – auf die Frage: Warum gibt es Himmel und Erde? Und vielleicht noch wichtiger: Warum gibt es mich? Warum bin ich da und warum bin ich so, wie ich bin?



Ich denke, der Widerspruch zwischen den Naturwissenschaften und der Bibel in Sachen Schöpfung ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Denn Naturwissenschaft und Bibel antworten auf völlig verschiedene Fragen. Beide sind deshalb in meinen Augen legitim, und niemand von uns muss sich zwischen ihnen entscheiden.



Warum also gibt es Himmel und Erde? Warum gibt es mich und warum bin ich so, wie ich bin? Auf diese Fragen kann die Naturwissenschaft nicht antworten. Sie will es auch gar nicht. Das ist nicht ihr Thema.



Die Bibel aber sagt:



Dass du bist, hat seinen Grund in Gott.



Anders gesagt: Gott ist der Grund dafür, dass es Himmel und Erde und dich und mich gibt. Gott hat das so gewollt. Und zwar deshalb, weil er nicht nur ewig ist, sondern weil er von Grund auf auf Beziehung aus ist.

Ja, Gott selbst ist nach den Erzählungen der Bibel in sich schon Beziehung. Deshalb lesen wir da, dass Gott sprach: Lasst uns Menschen machen. Gott ist keine Monade, einsam in sich selbst ruhend, sondern er ist in sich schon Beziehung. Viele haben dieses „Lasst uns...“, das Gott spricht, als erste Andeutung der Trinität ausgelegt. Schon hier zeige sich, dass Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist sei. Ich denke, da ist was Wahres dran. Ich würde das nicht so dogmatisch ausdrücken wollen, aber: Erinnert ihr euch an die Zeilen aus dem Kolosserbrief, die wir vorhin gehört haben? Wunderbare Zeilen sind das (Kap. 1,13-18). Und sie sagen: Jesus war von Anfang an dabei. Gott war nie ohne Jesus. Er war nie anders – und wird nie anders sein -, als er sich in Jesus gezeigt hat. Tröstlich ist das. Es gibt keinen Grund, zu befürchten, dass Gott je anders sein könnte als in Jesus.



Also: Die Welt ist geworden – du und ich auch -, weil Gott in sich schon Beziehung ist. Und die Bibel erzählt: Das reicht Gott nicht. Gott ist nicht zufrieden damit, für sich zu sein, sondern er will eine Beziehung haben zu einem echten Gegenüber, das nicht er selbst ist. Deshalb schafft er Himmel und Erde und die Natur und die Tiere und uns: dich und mich. Ist das nicht wunderbar?



Wenn wir von dieser elenden Scheinalternative Wissenschaft oder Bibel einmal loskommen und die biblische Geschichte wirklich wahrnehmen, dann erfahren wir das: Gott, der Grund der Welt, ist in sich selbst Beziehung. Und: Er hat die Welt erschaffen – und in ihr uns, die Menschen – weil er sie und uns wollte als lebendiges Gegenüber, und weil er auch mit uns eine Beziehung haben und leben will. Das ist das, was die Schöpfungserzählungen wirklich sagen.



Du bist Gottes Ebenbild



Deshalb schafft Gott sich in uns ein lebendiges, freies und beziehungsfähiges Gegenüber. Wir sind da, um Gottes Partner zu sein, um ihm als lebendiges Gegenüber zu begegnen und in Beziehung mit ihm zu leben. Die Bibel nennt das „Ebenbild“. Als sein Ebenbild hat Gott uns geschaffen. Großartig.



Deshalb sind wir Mann und Frau – nicht alle gleich. Auch wir sollen nicht nur in einer Beziehung mit Gott leben, sondern auch untereinander lebendige Beziehungen haben. „Zu seinem Bilde schuf er den Menschen, und schuf sie als Mann und Frau.“



Hier liegt der Grund, dass wir als Christen leidenschaftlich für die Freiheit und für die unveräußerliche Würde jedes Menschen eintreten – und für jedem Menschen zukommende Rechte. Unsere Grundrechte haben ihren Grund in der antiken Philosophie und in der Aufklärung – gewiss. Aber eben auch und unverzichtbar in dem, was wir auf den ersten Seiten der Bibel lesen: dass der Mensch von Gott zu seinem Bild geschaffen ist.



Und hier liegt der Grund, warum wir es unerträglich finden, dass in unserer Gesellschaft so viele Menschen abgetrieben werden, weil sie eine Behinderung haben. Wir protestieren dagegen und geben damit keine Ruhe, weil wir wissen: Jeder Mensch, wirklich jeder, ist von Gott gewollt als sein Gegenüber, zu dem er eine Beziehung haben will. Als sein Ebenbild.



Als Gottes Gegenüber, zu dem Gott eine lebendige Beziehung haben will, sind wir also geschaffen. Darum sind wir da. Aber



Wir sind der Schöpfung entfremdet.



Die Bibel ist zutiefst realistisch. Sie weiß darum, warum wir da sind. Sie weiß um diese wunderbare Bestimmung des Menschen, Gottes Gegenüber, sein Ebenbild zu sein und untereinander und mit Gott in enger Beziehung zu leben. Aber sie weiß eben auch darum, dass das faktisch nicht gelingt. Deshalb erzählt die Bibel vom sogenannten Sündenfall.

Der Mensch ist seiner Schöpfungsbestimmung faktisch entfremdet. Du uns ich – wir leben faktisch eben nicht so, wie Gott es für uns gewollt hat. Wir erleben häufig eben nicht die heilsame enge Beziehung der Verschiedenen – Mann und Frau – und überhaupt von Menschen untereinander. Und wir erleben häufig eben nicht die enge liebevolle Beziehung zu Gott als unserem gegenüber, für die uns Gott geschaffen hat. Der Mensch – ich und du – ist der Schöpfung entfremdet. Die Bibel weiß darum und erzählt das.



Wenn wir über die Schöpfungserzählungen nachdenken, dann gehört das zwingend dazu, damit wir uns über uns selbst nicht täuschen. Ja, es ist großartig, dass und warum uns Gott geschaffen hat. Wir haben eine großartige Bestimmung. Aber wir sind ihr faktisch entfremdet. Wir erfahren sie immer nur stückweise, und wir scheitern oft an ihr.



Und so wie die Rede von der Ebenebildlichkeit politische Konsequenzen hat – das Eintreten für das Lebensrecht aller, für Menschenrechte und Freiheit - , so hat auch diese Erkenntnis der Entfremdung des Menschen von Gott und von seiner Bestimmung zur Gottebenbildlichkeit ganz praktische politische Konsequenzen.



Hier liegt der Grund, dass wir gegen alle Versprechungen eines Himmels auf Erden, gegen Heilsideologien und totalitäre Gesellschaftsentwürfe, gegen den Glauben an ein politisch zu erreichendes Paradies, eine heile Welt, zutiefst misstrauisch sind. Wir wissen darum, dass der Mensch eben immer zugleich gut und gescheitert ist. Wir wissen darum, dass wir verführbar sind und Fehler machen. Gegen alle -ismen sind wir deshalb misstrauisch und treten dafür ein, Macht zu begrenzen – auch zeitlich – Gewalten zu teilen und immer auch zu kontrollieren. Der Staat ist wichtig und hat wichtige Aufgaben. Aber er darf nicht überhöht werden und muss immer kontrolliert und in seiner Macht begrenzt sein.



Der Mensch ist also weder an sich gut noch an sich böse. Oder besser: Der Mensch ist immer zugleich gut und böse: gut geschaffen als Gegenüber Gottes, dazu, dass er mit anderen Menschen und mit Gott in einer heilsamen liebevollen Beziehung lebt. Zugleich dieser Bestimmung entfremdet, verführbar und an ihr scheiternd. Wie realistisch die Bibel ist.



Weil der Mensch so ist, darum stehen die Schöpfungserzählungen zurecht am Anfang der Bibel. Sie sind ja keineswegs die ältesten Teile der Bibel. Aber sie eröffnen das, was die Bibel sonst noch zu sagen hat: über die Geschichte Gottes mit uns, mit den Menschen. Davon, dass Gott sich nicht damit zufrieden gibt, wie die Welt ist und wie wir sind, sondern dass er darangeht, uns einzuholen, zurückzuholen in die Beziehung, die er mit uns leben will: durch sein Handeln mit Israel, seinem Volk für die Welt und schließlich dadurch, dass er sich selbst ganz gibt in Jesus. All das, wovon die Bibel anschließend erzählt, tut Gott, weil er uns liebt und mit uns leben will, weil er unsere Entfremdung überwinden und uns mit offenen Armen zurückholen will in die Liebesbeziehung zu ihm, zu der er uns geschaffen hat, in die Ebenbildlichkeit als sein Gegenüber.



Sind wir also Naivlinge, weil uns die Schöpfungserzählungen wichtig sind? Nein, das sind wir nicht. Ganz im Gegenteil. Wir sind zutiefst realistisch und lassen uns von der Bibel aufklären über uns selbst: 
  • geschaffen als Gottes Gegenüber, dazu, untereinander und mit ihm in einer lebendigen Beziehung zu leben, 
  • immer aber auch scheiternd an dieser Bestimmung, sie verfehlend, ihr entfremdet. 
  • Zum Glück so geliebt von Gott, dass er uns nicht aufgibt, dass er sich nach uns ausstreckt und alles dafür tut, ja sich selbst in Jesus dafür hingibt, um diese Entfremdung zu überwinden und uns zurückzuholen zu sich. 
 

Sonntag, 15. Januar 2012

Von Opium und Verwandlung

(Predigt zum Abschluss der Allianz-Gebetswoche, gehalten am 15.01.2012 in der EFG Detmold)


„Religion ist Opium für das Volk.“ So kritisierte Karl Marx in seiner Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ allen religiösen Glauben. Was er meint, ist: Der Glaube vertröste die Menschen durch die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnen, auf ein Jenseits und betäube sie damit – wie Opium. Deshalb sei der Glaube mit schuld an den ungerechten Verhältnissen in der Welt. Er schläfere die Menschen ein, sodass sie sich nicht um ein anderes, gerechteres Leben bemühen, sondern Unrecht ertragen und auf eine bessere Welt von Gott warten. Nochmal Karl Marx: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. ...Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“

Hat er Recht? Schläfert uns unser Glaube ein? Ist er unsere Droge, die es uns ermöglicht, das Jammertal der Welt apathisch und stumm zu ertragen? Verhindert er damit, dass wir anfangen, die Welt umzugestalten – anders, echt, authentisch zu leben?

Als Predigttext für diesen letzten Tag der Allianz-Gebetswoche ist uns ein Vers aus der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel aufgegeben. Dort, in Kapitel 3,15-21 lässt Jesus der Gemeinde von Laodizea ausrichten: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärst! Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts. Und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören und die Tür auftun wird, zu dem werde ich hineingehen. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe.

Ihr, die ihr an mich glaubt, sagt Jesus, werdet am Ende mit mir und dem Vater auf dem Thron sitzen. Euch gilt in der Tat die Verheißung: Ihr werdet den neuen Himmel und die neue Erde sehen, in welchen Gerechtigkeit wohnt, und ihr werdet auch darin wohnen. Kein Leid, kein Geschrei wird mehr sein. Eine wunderbare Verheißung. Aber ich behaupte: Dieser neue Himmel und diese neue Erde sind alles andere als ein billiger Trost. Alles andere als Opium für das Volk. Im Gegenteil. Meine These ist: Gerade die Hoffnung auf die Vollendung, die Jesus verspricht, befähigt uns, authentisch, kraftvoll, echt und zuversichtlich zu leben. Karl Marx hatte Unrecht. Warum?

1. Jesus deckt unsere Sünde auf. Ich stehe vor deiner Tür und klopfe an, sagt Jesus. Die entscheidende Frage ist: Machst du mir auf? Mit anderen Worten: Jesus kann dein und mein Leben verändern. Er kann uns verwandeln. Aber er tut das nicht, ohne dass du „Ja“ sagst. Er tut das nicht, ohne dass du ihm die Tür öffnest und ihn hereinbittest in dein Leben. Ich finde dieses Bild toll. Sieh doch, sagt Jesus, ich stehe vor deiner Tür und klopfe an. Was machst du?

Jesus lässt die Menschen eben nicht in Ruhe ihren Weg gehen. Er ist eben kein Opium, das uns einschläfert oder uns Illusionen bietet, uns die Welt schöner vorstellen lässt als sie ist. Jesus klopft an: an deiner und meiner Tür. Er sagt: Dein Leben ist nicht in Ordnung, so, wie es ist. Jesus stört. Er zeigt uns unsere Sünde.

Es gibt in der Tat eine Religion, die Opium ist. Da hatte Marx völlig Recht. Das ist die, die von Sünde nicht mehr spricht. Die Religion, die nur noch den lieben Gott kennt, aber nicht mehr den über die Sünde zornigen Gott. Das ist nicht die Religion Jesu. Jesus klopft an deine Tür und sagt: Kehre um. Er spricht Sünde offen an: sexuelle Unreinheit, Jähzorn, Richtgeist, Habsucht und Gier, Gewalt, Gottlosigkeit, Lieblosigkeit. Und er sagt: Kehre um. Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts. Und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß Mach mir die Tür auf. Lass mich in dein Leben. Er weckt uns eben auf aus unseren Illusionen und macht Schluss damit, dass wir uns vormachen: Bei uns ist alles in Ordnung.

2. Jesus tritt an unsere Seite. Wenn er uns unsere Sünde deutlich macht und uns den Zorn Gottes darüber vor Augen führt, dass wir so sind, wie wir sind, dann lässt er uns nicht allein damit. Wenn du mir die Tür öffnest, sagt er, wenn du mein Klopfen nicht überhörst, dann komme ich zu dir herein.

Jesus tritt an die Seite des Sünders. Er macht sich mit ihm – mit dir und mir – gemein. Ja, er selbst trägt den Zorn Gottes über unsere Sünde mit allen Konsequenzen. Er tut das für uns, an unserer Stelle. Das ist das große Wunder, von dem die Bibel erzählt.

Wenn du Jesu Klopfen hörst und ihm die Tür öffnest, dann gilt das auch für dich. Wenn du ihn in dein Leben hineinlässt, dann kommt er auch. Dann gilt dir sein Satz: Dir sind deine Sünden vergeben. Ich habe den Zorn Gottes über deine Sünde für dich getragen: den Zorn Gottes über deine sexuelle Unreinheit, über deinen ewigen Jähzorn, über deinen Richtgeist, deine Gier, deine Gewalt, Gott- und Lieblosigkeit. Dich trifft Gottes Zorn nicht mehr, weil ich ihn für dich schon ausgehalten habe.

Wow. Ist das eine gute Botschaft? Ja, das ist es. Und ist das etwa Opium? Ist das eine Illusion? Nein, das ist es nicht. Jesus ist genau das Gegenteil von Illusion. Er öffnet uns gerade die Augen dafür, wie es um uns wirklich steht. Dafür, dass wir, so weit es auf uns ankommt, verloren sind. Dass wir Sünder sind und vor Gott nicht bestehen können. Und indem er an unsere Seite tritt, verschafft er uns Vergebung, macht uns rein. Er bewirkt unseren Freispruch und streicht unsere Sünde durch, indem er ihre Folgen selbst trägt.

3. und letztens: Jesus will deine Entscheidung: Lauwarm baden ist Jesu Sache nicht. Wie heißt es in unserem Predigttext? Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärst! Es gibt keinen lauwarmen Glauben, der Glaube an diesen Jesus ist es jedenfalls nicht. Wenn es um Jesus geht, dann gibt es nur Heiß oder Kalt, aber kein Lauwarm.

Heißt: Es kommt auf deine Entscheidung an. Denke nicht, du kannst ein bisschen Christ sein. Jesus will klare Verhältnisse. Er will dein entschiedenes Ja oder dein entschiedenes Nein. Ich wünsche mir, dass wir alle hier zu denen gehören, die entschieden Ja sagen: Ja, du hast mir gezeigt, dass ich wirklich ein Sünder bin. Du hast mir gezeigt, dass mein Leben eben nicht o.k. ist, dass ich von mir aus eben nicht bestehen kann vor dem, der unser Leben einmal richten wird. Ja, ich will umkehren. Ich will da raus, aus der Sackgasse der Gott-Entfremdung. Ich will ein Leben, das dem entspricht, was mein Schöpfer für mich will. Und ja, ich verstehe, dass ich das allein nicht schaffe. Ich, von mir aus, kriege das nicht hin. Aber ich glaube dir, Jesus, dass du schon alles für mich getan hast – da, am Kreuz. Ja, ich glaube, dass Gott mich annimmt, mich gerechtspricht, weil er deinen Gehorsam mir zurechnet. Ja, ich glaube, dass du Vergebung schenken kannst und ja, ich will dich darum bitten. Vergib mir meine Schuld. Streich sie durch und mach mich neu. Du hast die Macht dazu, du allein.

Wer das mit Entschiedenheit sagt, bei dem ist Schluss mit Lauwarm. Der wird heiß – brennend für den Glauben, für Jesus und für sein Reich in dieser Welt. Und den kann Jesus dann auch verwandeln. Und er tut es auch. Wer so Gottes brennende vergebende Liebe in Jesus erfahren hat, dem gibt Gott seinen Geist ins Herz, der beginnt, ihn neu zu machen, zu verändern. Der lernt selbst auch die Liebe zu leben. Der lernt, dass es möglich ist, Menschen zu lieben, die man nicht mag. Der lernt zu vergeben, auch und gerade denen, die keine Vergebung verdienen. Der lernt, ehrlich und offen Schuld anzusprechen, sie aufzudecken und zu heilen. Der lernt, zu teilen mit denen, die sonst nicht zurechtkommen, mutig und risikobereit abzugeben: Geld, Zeit, Kraft – für andere. Der lernt, für die Freiheit und das Recht einzutreten – überall und immer, besonders aber da, wo es riskant ist und erfordert, gegen den Strom der Masse, den Mainstream anzuschwimmen.

Jesus beginnt, diesen Menschen, der sich entschieden hat, zu verwandeln und neu zu machen, in sein Bild hinein zu verändern. Das ist nicht immer angenehm und erfordert manchmal Überwindung. Wie gesagt: Für Laubader ist das nichts. Oft wirst du ein Außenseiter sein. Oft wird man dich belächeln oder auch hart angehen. Du wirst als Spinner, als Moralisierer oder als religiöser Fanatiker hingestellt werden. Aber Jesus schreibt dir ins Stammbuch: Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen. Jesus wird sein Reich vollenden, dann nämlich, wenn der neue Himmel und die neue Erde da sein werden. Und du wirst dabei sein, wenn das geschieht.

Opium für das Volk? Religiöse Illusion über die Wirklichkeit? Billiger Trost im Jammertal? Wer so über Religion spricht, kann den Glauben an Jesus nicht meinen oder nicht verstanden haben. Denn dieser Glaube ist was ganz anderes. Er deckt Schuld und Sünde, das Leben im Jammertal, gerade auf gegen alle Illusionen darüber. Er verschafft Heilung durch die Vergebung, die Jesus für uns erstritten hat. Du bist teuer erkauft. Und er stellt uns vor die Entscheidung: Heiß oder kalt, Ja oder Nein. Und dann beginnt er die, die sich für ein Ja entscheiden, zu verändern, zu verwandeln bis zu dem Tag, an dem Gott sein Reich vollendet.

Ich kenne deine Werke, sagt Jesus. Ach, dass du kalt oder warm wärst! Sieh doch, ich stehe vor deiner Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören und die Tür auftun wird, zu dem werde ich hineingehen. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen.

Das schenke uns Gott. Amen.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Das Fest der Suchenden


(Andacht, gehalten in der EmK Detmold am 04. Januar 2012)

Das Fest der Heiligen Drei Könige steht vor der Tür. Es schließt am 6. Dezember die Weihnachtszeit ab.

Liest man im Matthäusevangelium nach, dann fällt auf, dass wir wenig über die Heiligen drei Könige wissen. Ihre Namen – Kaspar, Melchior und Balthasar – finden wir dort nicht. Sie sind Legende - ebenso wie die Zahl 3. Es können mehr oder auch weniger gewesen sein, die da kamen. Und waren es überhaupt Könige? Der griechische Urtext spricht von „Magiern“. Luther übersetzt „Weise“. Was wir also in der Bibel lesen, ist: Irgendwo aus dem Osten von außerhalb Israels kamen weise Leute, die auf der Suche nach dem Erlöser, nach Gott und nach dem Heil waren.

Und gerade das macht mir die Geschichte so lieb. Weihnachten ist unvollständig ohne diese Menschen, die sich von weit her aufgemacht haben auf der Suche nach dem Heil. Zu Weihnachten gehören nicht nur Jesus, Maria und Joseph, der Ochse und der Esel und die Krippe, die Hirten und die Schafe, sondern eben auch diese Leute, die auf der Suche nach Gott und nach dem Heil mutig genug waren, sich aufzumachen aus ihrer Sicherheit heraus und einem Stern zu folgen.

Die Weisen stehen stellvertretend im Matthäusevangelium. Stellvertretend für alle, die auf der Suche nach Heil, nach echtem Leben und nach Gott sind. Und sie sagen: Gib nicht auf. Lass dich nicht entmutigen. Wenn du gerne glauben möchtest, wenn du wirklich Gott und das Heil finden möchtest, aber manchmal verzweifelt bist, weil du – aus welchen Gründen auch immer – noch keine wirkliche Erfahrung der Nähe Gottes machen konntest, dann gib nicht auf. Bleib auf dem Weg und suche weiter. Folge dem Stern. Der Weg mag weit sein und du weißt nicht, wohin er führt. Aber suche weiter. So machen die Weisen den Suchenden von heute Mut. Gut, dass Matthäus ihre Geschichte aufgeschrieben hat.

Der Stern führt die Weisen zur Krippe. Sie suchen Gott und das Heil, sie suchen einen König - und sie finden Jesus, das Kind. Sicher waren sie überrascht, vielleicht auch schockiert, stelle ich mir vor. Das soll der sein, der die Welt rettet? Das soll der sein, der mich heil machen kann? Aber dann scheinen sie zu begreifen. Jedenfalls erzählt Matthäus, dass sie niederfallen vor diesem Kind in der Futterkrippe und es anbeten.

Die Weisen begreifen: Ihre Suche ist nun zu Ende. Sie müssen nicht mehr nach Gott suchen, denn Gott ist zu ihnen, zu uns gekommen in diesem einen Menschen Jesus. Sie müssen nicht mehr nach heilem, echtem und vollem Leben suchen, denn Jesus, dieses Kind, kann ihnen Leben in Fülle schenken. In ihm begegnen sie – und begegnen wir – Gott selbst. Also fallen sie auf die Knie und beten ihn an.

Hast du ihn schon so gefunden? Hast du schon die Erfahrung der Weisen gemacht? In Jesus ist deine Suche zu Ende. Du kannst bei ihm zur Ruhe kommen und musst nicht weiter suchen nach Gott, nach wirklichem Leben, nach Heil. Er ist Gott für dich und er kann dir das, wonach du suchst schenken: Leben in Fülle. Grund genug, bei ihm stehenzubleiben, vor ihm niederzufallen, ihn anzubeten und ihm dein Leben anzuvertrauen.

Deshalb mag ich das Fest der Heiligen drei Könige – auch wenn wir ihre Namen nicht kennen, wenn es vielleicht gar nicht drei waren und sicher keine Könige. Ich mag sie. Und ich freue mich, dass Matthäus von ihnen geschrieben hat. Denn sie machen uns Mut – uns heute. Sie machen uns Mut, indem sie sagen:

  • Wenn du auf der Suche bist und Gott finden willst, dann sei nicht frustriert, wenn der Weg länger ist als gedacht. Halte durch. Bleib dabei, zu fragen, zu gehen, zu probieren, zu suchen. Es ist o.k., wenn du noch ein Suchender, Fragender, auch Zweifelnder bist. Nur: Gib bitte nicht auf. Und sie sagen:
  • Wenn du Gott wirklich finden willst, dann musst du zu diesem Kind in der Krippe kommen, zu Jesus. In ihm ist Gott selbst zur Erde gekommen. In ihm handelt und spricht Gott selbst. Wenn du ihn findest, ihm wirklich begegnest, dann kommt deine Suche an ihr Ziel und ihr Ende. Und dann gilt: Lauf jetzt nicht vorbei, suche nicht weiter nach vielleicht mächtigeren, beeindruckenderen, einfacher zu verstehenden, angenehmeren oder bequemeren Heilsbringern. Hier, in diesem Kind, kannst du alles haben: Gottes Nähe, echtes, überfließendes Leben, Gewissheit des Heils. Wenn du vor ihm stehst, dann ist es Zeit, deine Suche zu beenden und niederzufallen und ihn anzubeten, ihm dein Leben zu geben.

    Ich wünsche euch allen diese Erfahrung der Weisen aus dem Osten, der Heiligen drei Könige.

Montag, 2. Januar 2012

Wenn einer stirbt...

Ich weiß: Es sind alte Worte. Worte in einer Sprache, die uns fremd geworden ist. Aber trotzdem geben sie - die 1. Frage des Heidelberger Katechismus - in wunderschöner Form das wieder, was der Grund meines Glaubens ist und was mich getrost leben lässt:

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?

Dass ich mit Leib und Seele
im Leben und im Sterben nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland
Jesus Christus gehöre.

Er hat mit seinem teuren Blut
für alle meine Sünden vollkommen bezahlt
und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst;
und er bewahrt mich so,
dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel
kein Haar von meinem Haupt kann fallen,
ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.

Darum macht er mich auch
durch seinen Heiligen Geist
des ewigen Lebens gewiss
und von Herzen willig und bereit,
ihm forthin zu leben.

Aus der Gewissheit, dass das so ist, kann ich wirklich getrost leben. Und nur aus dieser Gewissheit heraus kann ich dann auch getrost sterben: Ja, Jesus hat für meine Sünden bezahlt. Sie sind mir vergeben. Und wenn wir einmal vor unserem Richter stehen werden, dann weiß ich: Ich bin angenommen. Nicht, weil ich gut gelebt hätte. Auf mein Leben kann ich mich dann sicher nicht berufen. Aber auf ihn, der sich selbst für mich gegeben hat. Ich darf im Vertrauen auf ihn des ewigen Lebens gewiss sein. 

Wie schön ist es, wenn Menschen sterben in dieser Gewissheit: um Jesu willen rein und ohne Sünde vor Gott zu stehen, heimzukommen zu dem Vater, der sie unendlich liebt, so sehr, dass er seinen Sohn für sie gegeben hat.

Wenn einer meiner Liebsten stirbt, so wie jetzt wieder geschehen, dann wünsche ich mir nichts so sehr, wie dass er getrost sterben durfte: in der Gewissheit, angenommen zu sein.

Aber manchmal - oft - weiß ich das nicht. Hat er geglaubt? Durfte er diese Erfahrung machen, dass ihm alle Sünden vergeben sind? Durfte er fröhlich und seines Heils gewiss sterben? Oder hatte er Angst vor dem Tod, vor der Ungewissheit, was dann kommt?

Und noch mehr Fragen: Habe ich als Zeuge für Jesus versagt? Hätte ich fröhlicher glauben, mutiger bekennen und eindringlicher zum Vertrauen auf Jesus einladen müssen, damit er Jesus annimmt als seinen Retter und so in der Gewissheit des Heils getrost leben und sterben kann? Diese Fragen quälen mich. Was für ein Zeuge Jesu bist du denn, wenn du noch nicht mal die, die dir wirklich nahe sind, für Jesus begeistern kannst?

Was mich dann tröstet? Erstmal wenig. Aber dann doch manche Gedanken:
  • Jesus kann in Menschen wirken, sie zu sich ziehen, auf Arten und Weisen, die mir und uns verborgen bleiben. Er kann Formen des Glaubens wecken - auch ohne uns -, die nicht zu einem offenen Bekenntnis führen - über unser Denken und Verstehen hinaus. Darauf kann ich vertrauen. 
  • Ich darf beten für meine Liebsten und auch für ihr Heil. Ich darf für sie eintreten vor Gott um Jesu willen. Von dem sagt man, er habe sogar "den Geistern im Gefängnis" noch "gepredigt". Warum sollte er dann diesen einen  Menschen nicht erreichen können - ganz ohne mein Zutun?
  • Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, hat Jesus zu Paulus gesagt, und: Lass dir an meiner Gnade genügen. Er ist es, der Glauben weckt und Menschen zu sich zieht. Nicht ich. Ich bin nur ein Zeuge - gewiss ein schwacher, aber ein Zeuge. Und vielleicht werde ich einmal staunend und voller Freude sehen, wen er alles erreicht hat.
Trotz aller Fragen, trotz des Schmerzes und trotz aller Ungewissheit - eines weiß ich: Gottes Gnade und Barmherzigkeit hat kein Ende. Sie ist groß und sie wirkt wahrlich Wunder. Ihr darf ich vertrauen - und ihr darf ich meine Lieben anvertrauen.