Dienstag, 25. Dezember 2012

Weihnachtsansprache: Mach's wie Gott - werde Mensch


Liebe Freunde.

Es war der katholische Bischof Kamphaus, der vor einigen Jahren den Satz prägte, der uns heute am Weihnachtsfest beschäftigt: Mach's wie Gott – werde Mensch. Seitdem hat unser Satz eine ziemliche Erfolgsgeschichte erlebt. Heute ziert er zum Beispiel viele fetzige Weihnachtskarten und dient als Aufhänger von Radioandachten und – wie hier bei uns – Predigten.

Aber Bischof Kamphaus wollte mit seinem Satz nicht nur einen flotten Spruch loslassen. Er wollte ein Umdenken der Kirche provozieren – eine Kehrtwende unseres Denkens in Sachen Mission. „Das Wort Gottes wurde Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ - das sollte der Ausgangspunkt kirchlichen Handelns werden. Was das bedeutet, will ich euch in Form einer kleinen Geschichte erzählen und mit einigen Bildern untermalen. Ähnlichkeiten mit bestehden Personen oder Gemeinden sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Am Anfang der Kirche stand das Ereignis von Weihnachten: Gott wird Mensch. Oder anders ausgedrückt: Am Anfang der Kirche steht die Krippe. Die Menschen sind Gott nicht egal. Im Gegenteil: Sie sind ihm so viel wert und seine Liebe zu ihnen ist so groß, dass er sich nicht mit der Trennung der Menschen von ihm abgefunden hat und... deshalb selbst Mensch wurde in Jesus.

Und Mensch zu werden hieß für Gott wirklich Mensch zu werden – nicht nur scheinbar oder oberflächlich: Gott teilt in Jesus alles mit uns: Angst und Schmerz, Freude und Feiern, Sprache, Kultur, Denkweise – das ganze Leben und sogar Sterben. Gott wurde wirklich Mensch – ganz und gar. Das ist der Anfang. Und aus diesem Anfang entwickelte sich die Kirche: Menschen fühlten sich durch Jesus angezogen. Sie machten die Erfahrung: Er heilt, er bringt unser Leben zurecht, sein Lebensstil verwandelt uns. Mit diesem Gott, der Mensch wird, uns zuliebe, wollen wir leben. So enstand die Kirche: ein wunderbares Gebäude, so richtig schön und feierlich - mit einer Tür, die allerdings meistens geschlossen war, in dem die Jesus-Leute Gottes Menschwerdung sehr feierlich feierten.

Und natürlich wollten sie diese gute Botschaft, dass Gott Mensch wurde, nicht für sich behalten. Auch andere sollten daran teilhaben und die Erfahrung machen, die sie in der Kirche machten. Deshalb wollten sie alle Menschen zu sich in ihre schöne Kirche einladen. Ab und zu öffneten sie also die Tür zu den anderen und luden sie mit einem freundlichen Lächeln ein. Das war ihnen wichtig. Deshalb bemühten sie sich, ein attraktives Programm zu gestalten – so richtig schön:
  • Sie achteten darauf, dass ihre Musik immer perfekt war.
  • Sie engagierten einen gut aussehenden und ganz schön cleveren, anspruchsvollen und manchmal sogar unterhaltsamen Prediger, der immer freundlich predigte und niemandem weh tat.
  • Sie boten auch sonst ein tolles attraktives Programm mit vielen Veranstaltungen für ganz unterschiedliche Zielgruppen an.
  • Sie gaben einen professionellen Gemeindebrief heraus mit den neuesten Sensationen aus der freundlichsten Kirchengemeinde der Welt.
  • Sie alle luden Freunde und Bekannte ein und lernten wichtige Techniken, wie man am besten einlädt in „unsere tolle Kirche“.
Wäre doch gelacht, wenn die Menschen nicht kommen, oder?

Das Resultat war: Einige kamen wirklich. Nicht gerade viele, aber immerhin. Nur: Irgendwie... waren die, die kamen, alle denen sehr ähnlich, sie schon da waren. Sie hatten
  • die gleiche Kultur, zum Beispiel einen ähnlichen Musikgeschmack
  • die gleiche Erziehung und deshalb sehr ähnliche Manieren und Kleidungsstile und Ausdrucksweisen
  • das gleiche Millieau, ähnliche Berufe und einen ähnlichen gesellschaftlichen Status
  • ähnliche Hobbys, denen sie in ihrer Freizeit nachgingen und auch
  • ähnliche Meinungen

Befriedigend war das nicht. Irgendwie... blieben die Leute in der Kirche doch ziemlich unter sich, oder? Und ganz tief unten schlummerte die Erinnerung, dass Gott doch Mensch geworden war, um allen Menschen eine neue Bedeutung für ihr Leben zu geben.

Einige begannen bald, unangenehme Fragen zu stellen: Was ist mit den anderen? Wie erreichen wir die, die nicht so sind wie wir? Nur mit ihnen kriegen wir unsere schöne Gemeinde richtig voll. Und das ist es doch, was wir wollen, oder – dass unsere Kirche richtig voll wird?

Die meisten stimmten dem zu. Manchmal hatten sie zwar ein bisschen ein mulmiges Gefühl: Wie würde es werden, wenn auch Leute in die Kirche kämen, die ganz anders sind als sie – anders gekleidet, anders sprechend und singend und so? Aber schließlich rang sich die Gemeinde durch und verdoppelte ihre Anstrengungen, einzuladen. Drastisch erhöhten sie ihr Budget für attraktive und einladende Aktivitäten. Niederschwellig sollten sie sein. Sie verschickten professionelle Einladungen an das ganze Viertel – per Post und auch per Mail. In einem besonders verwegenen Moment beschloss der Gemeindevorstand, den Namen der Gemeinde zu ändern. Nicht mehr Evangelisch-methodistische Kirche sollte sie heißen, sondern „The cool and funky church“. Der professionelle Gemeindebrief wurde noch getoppt durch ein 1 a-Facebook-Profil. Bestimmt würden viele dort „Gefällt mir“ klicken. Und man beschloss: In diesem Jahr laden wir ein zu einem ganz besonderen Gottesdienst – dem weltgrößten Event aller Zeiten ein. Dem würde wirklich keiner widerstehen können, oder? Perfekt. Sogar einen Einladungszeppelin ließ man tagelang über der Stadt kreisen. Keine Kosten und Mühen waren zu viel.

Das Problem war: Die Gemeinde war damit ja nicht allein. Die Zeiten hatten sich geändert. Längst besaß die Gemeinde nicht mehr das Monopol auf tolle sinnstiftende Veranstaltungen – die liefen längst jeden Tag im Fernsehen. Bildlich ausgedrückt: Die Gemeinde stand gar nicht mehr mitten in der Stadt, wie sie dachte, sondern war unmerklich an den Rand gedrängt worden. Sie hatten das nur nicht mitgekriegt.

Da begann ein Bischof, umzudenken. Am Anfang, da stand doch, dass Gott Mensch wurde, oder? War dann nicht das ganze Gemeindeprogramm, so wie es jetzt aussah, ein riesiges Missverständnis? Mission war im Verständnis der Gemeinde identisch geworden mit Einladung. Man wollte möglichst viele Menschen einladen mit dem Ziel, dass sie kommen in die schöne Kirche und... werden wie wir.

Aber war das wirklich Gottes Programm? Gott wurde doch Mensch, um die Welt zu verändern. Er ließ sich dafür wirklich auf die Welt ein: auf ihre Sprache, Kultur, ihre Lebensweise, ihre Sorgen und Ängste, ihr Lachen und Weinen, ihr Feiern und Trauern, ihr Leben und Sterben. Er hat der Welt nicht aus der Ferne zugerufen: He, kommt zu mir. Sondern er ist selbst zu den Menschen gekommen und einer geworden wie sie. Sollten wir es da nicht genauso machen?

Mission hieß doch eigentlich nicht Einladung, sondern Sendung. Mach's wie Gott, dachte der Bischof, und werde Mensch. Und später dachte er's nicht nur, sondern sagte es auch: Mach's wie Gott, werde Mensch. Mission heißt Sendung, nicht Einladung.

Und langsam, ganz langsam, begann die Kirche tatsächlich umzudenken. Nicht mehr die Einladung stand im Mittelpunkt der Arbeit, sondern die Sendung. Wir wollen Menschen werden, wie Gott Mensch wurde.


Sie begannen, die Denkrichtung umzukehren. Die Kirche verstanden sie als Kraftzentrum, dass sie schult und sendet und stärkt, um dann rauszugehen und Menschen zu werden – wie Gott. Von der Kirche aus gingen die so Gesandten dann ins Büro, in die Schule, in ihre Nachbarschaften, in Cafes und Kinos und Vereine und... lebten dort mit den anderen. Nicht, um sie einzuladen, sondern um wirklich das Leben mit ihnen zu teilen: ihre Sorgen und Nöte, ihre Freuden, ihre Sprache, ihre Hobbys und und und, so wie Gott es getan hatte. Sie lernten dabei vieles Neue kennen – eine ganz neue Erfahrung für die Kirche: Lernen von anderen.

Und mit der Zeit änderte sich dann auch das Verhältnis der anderen zu den Leuten aus der Kirche. Dann nämlich, als sie merkten: Die kommen gar nicht nur, um uns möglichst geschickt einzuladen, damit wir werden wie sie, sondern die kommen, weil sie sich wirklich für uns interessieren. Die wollen wirklich mit uns leben.

Und dann, dann erzählten die Leute aus der Gemeinde davon, was sie antrieb: Gott ist Mensch geworden wie wir, erzählten sie, und das ist so toll, dass wir auch ganz neu Menschen werden wollen. Wir wollen mit euch leben nach Gottes Art.

Manche von den anderen kamen dann auch mal mit in die Kirche. Das war spannend und schön, aber gar nicht mehr soooo wichtig. Viel wichtiger war: Es bildeten sich an vielen anderen Orten kleine Zellen von Menschen, die angesteckt waren vom Programm des Gottes, der Mensch wurde, sozusagen kleine Kirchen ohne Tür: Eine Zelle traf sich regelmäßig in einem Szenecafe und diskutierte über Jesus und darüber, was sein Leben mit ihrem zu tun hatte. Eine andere Zelle ging zusammen ins Kino und sprach anschließend in der Kneipe gegenüber über den Film. In der Schule trafen sich manche jungen Jesus-Leute wöchentlich in der Pause, um zu beten. In einem Betrieb wurde in der Mittagspause nun oft debattiert über Gottes Willen für die Welt.

Und so ist unmerklich – angestoßen von dem Bischof, der meinte, wir sollten es wie Gott machen und Menschen werden – die Kirche wieder in die Mitte grückt – nicht weil alle ständig dorthin gingen, sondern weil die Leute aus der Kirche rausgingen und ausstrahlten – in die Büros, in die Fabriken, in die Nachbarschaften, Schulen, Unis, Cafes, Kneipen, Kinos, Konzertbühnen und und und.

Mach's wie Gott, werde Mensch – das ist mehr, viel mehr als ein cooler Spruch. Das ist ein Traum der Kirche der Zukunft, wie sie werden und leben könnte, wenn sie nicht bleiben will, was sie heute ist. 

Sonntag, 23. Dezember 2012

Wollt ihr meinen Traum hören?


(Predigt in der EmK Detmold am 23.12.2012)

So gerade eben noch Advent haben wir heute. Morgen schon ist Heiligabend. Wir stehen sozusagen auf der Grenze zwischen Advent, der Zeit des Wartens und Weihnachten, dem großen Fest der Menschwerdung Gottes in dem verwundbaren Kind Jesus.

Auf der Grenze, genau da steht auch Johannes der Täufer. Auf der Grenze zwischen den beiden Teilen der Bibel, die wir Altes und Neues Testament nennen. Auf der Grenze zwischen prophetischer Ankündigung des Messias, des Gesandten Gottes und der Erfüllung dieser Ankündigung in Jesus. Auf der Grenze, genau da steht Johannes.

Im Johannesevangelium lesen wir von ihm:
Aus Jerusalem sandten die jüdischen Behörden Priester und Leviten zu Johannes. Sie sollten ihn fragen: „Wer bist du eigentlich?“ Er antwortete frei heraus und wahrheitsgemäß. Er bekannte: „Ich bin nicht der Christus.“ Da fragten sie ihn: „Wer dann? Bist du Elija?“ Er sagte: „Nein, das bin ich nicht.“ „Bist du der erwartete Prophet?“ Wieder antwortete er: „Nein.“ Sie fragten ihn weiter: „Wer bist du? Wir müssen doch denen, die uns geschickt haben, Auskunft geben. Was sagst du selbst denn über dich?“ Er antwortete: „Ich bin, was der Prophet Jesaja vorausgesagt hat - die Stimme, die in der Wüste ertönt: Macht den Weg bereit für den Herrn.“
Unter den Abgesandten waren auch Pharisäer. Sie fragten ihn: „Warum taufst du überhaupt, wenn du weder der Christus bist noch Elija oder der Prophet?“ Johannes antwortete ihnen: „Ich taufe nur mit Wasser. Aber mitten unter euch steht schon einer, den ihr noch nicht kennt. Er kommt nach mir. Ich bin nicht einmal wert, die Riemen seiner Sandalen aufzuschnüren.“ (aus Johannes 1)

Wort Gottes für das Volk Gottes. Amen.

Das Johannesevangelium ist nicht nach dem Täufer Johannes benannt, sondern nach dem Jünger gleichen Namens. Trotzdem hat Johannes der Täufer hier, im vierten Evangelium, eine ganz besonders wichtige Rolle. Vor einigen Wochen habe ich schon darüber gesprochen: Die ersten Jünger Jesu im Johannesevangelium, unsere ältesten Geschwister sozusagen, sind ursprünglich Johannesjünger, die von ihrem Rabbi Johannes dem Täufer auf Jesus aufmerksam gemacht werden.

Johannes der Täufer ist der erste Zeuge Jesu im Johannesevangelium. Er ist der erste, der bekennt und anderen bezeugt: „Dieser Mann ist der Messias, der Christus. In ihm begegnet uns Gott selbst.“ Johannes ist der erste in der langen Reihe von Menschen - bis heute -, die Zeugnis geben von Jesus Christus und dem Heil, das Gott uns in ihm schenkt.

Viele von uns sind in diesen Tagen noch wie gelähmt. Der Amoklauf in einer Grundschule im amerikanischen Newtown hat uns wieder vor Augen geführt, wozu Menschen fähig sind. Das Leid, das wir sehen, die ermordeten Kinder, die trauernden Familien, macht uns traurig und wütend.

Und doch: Das Zeugnis, das Johannes der Täufer als erstes gegeben hat, das gilt bis heute. Bis heute stimmen Menschen überall auf der Welt in sein Zeugnis ein. Auch ich glaube fest daran: In Jesus begegnet uns Gott selbst, der Schöpfer der Welt. In diesem einen Menschen, wenn wir ihn annehmen und ihm folgen, liegen Heilung, Erneuerung und Verwandlung der ganzen Welt begründet. Jesus kann diese verrückte Welt heilen. Was es dazu braucht, sind viele Menschen, die sich von ihm berühren und hineinnehmen lassen in seine Bewegung, die sich von ihm beschenken lassen mit der Liebe Gottes und die von ihm seinen Lebensstil der Barmherzigkeit und Wahrhaftigkeit und Liebe lernen. Das, nur das, kann und wird die Welt heilen.

Johannes jedenfalls hat die religiösen Führer seines Volkes, die frommen Autoritäten, ganz offensichtlich ziemlich nervös gemacht. Sie waren überhaupt nicht begeistert von dem Prediger Gottes in der Wüste, der die Menschen zur Umkehr zu Gott eingeladen hat. Auch heute sollten wir nicht damit rechnen, dass echtes Jesuszeugnis und authentische radikale Nachfolge immer auf Zustimmung und Beifall der Frommen oder der Kirchenführer stößt. Schminkt euch das lieber gleich ab. Johannes hat die religiösen Führer so nervös gemacht, dass sie eine Abordnung zu ihm sandten. Sie sollten herausfinden, was das für einer ist, der da tauft und so viele Menschen anzieht.

Johannes, selbst Sohn eines Priesters, wusste ganz genau: Das waren richtig wichtige Leute, die da zu ihm kamen. Eine Delegation aus Priestern und Leviten – also Priesterhelfern. Echte Autoritäten in Sachen Lehre und Gottesdienst. Wer bist du?, fragen sie ihn streng – und wohl ziemlich misstrauisch. Und sie selbst geben zwei mögliche Antworten vor. Bist du Elija? Oder bist du der angekündigte Prophet?

  • Von Elija, dem beeindruckenden Propheten, von dem die hebräische Bibel erzählt, wird gesagt: Er wird wiederkommen und Versöhnung bringen, bevor der jüngste Tag kommt. Elija wird dem jüngsten Gericht nach der jüdischen Tradition vorausgehen.
  • Und mit dem angekündigten Propheten ist der „neue Mose“ gemeint, den 5. Mose 18,15 ankündigt. Da sagt Mose zu Israel: Einen Propheten wie mich wird die der HERR, dein Gott, erwecken...; dem sollt ihr gehorchen.“

Man kann sich gut vorstellen, wie die Tempelautoritäten von Johannes und dem großen Zulauf, den er hatte, gehört haben, wie sie das misstrauisch gemacht hat und wie sie beraten haben. Das wird doch nicht etwa... Und wahrscheinlich sind sie zu dem Schluss gekommen: Entweder ist dieser Prediger ein großer Scharlatan und Verführer oder er ist wirklich ein Mann Gottes, so einer wie Elija eben oder der angekündigte Prophet. Also schickten sie diese Delegation zu ihm, um ihn zu fragen.

Johannes aber... sagt: Nein, das alles bin ich nicht – weder Elija noch der Prophet. Und dann sagt er drei ganz bemerkenswerte Dinge:

1. Ich bin nicht der Christus.

Dieser Satz ist viel wichtiger, finde ich, als es zunächst den Anschein hat. Ich bin nicht der Christus, das heißt: Ich kann mich nicht selbst erlösen, ich kann mich nicht selbst heilen. Ich bin nicht unfehlbar, nicht ohne Sünde. Mit Johannes dürfen wir uns das immer mal wieder bewusst machen: Wir selbst sind nicht der Christus. Wir sind und bleiben angewiesen auf Vergebung, Heilung, Erneuerung durch ihn, der allein helfen kann. Und er allein gibt uns das, was wir uns nicht selbst geben können: Vergebung, Heilung und Verwandlung. Ich bin nicht der Christus.

2. Ich bin Wegweiser auf Christus hin.

„Ich bin die Stimme, die in der Wüste ertönt: Macht den Weg bereit für den Herrn.“ Soll ich euch einen Traum verraten, den ich manchmal träume? Der geht so: Die Leute, die man Methodisten nennt, in Detmold, werden ein bisschen so wie Johannes. Ihr Lebensstil mitten im Alltag, von Jesus angeregt, ist so aufregend anders, der Umgang, den sie untereinander haben, ist so liebevoll und ihr Dienst an anderen, besonders an Bedürftigen, so heilsam, dass sie zum Gesprächsthema in der Stadt werden. Wie kommt das, dass die so sind, wie sie sind? Was ist dran an diesen Leuten? Und dann kommen die Menschen und fragen: Wer seid ihr? Was macht euch so anders, und sie antworten: Das sind nicht wir, das ist Jesus. Wir sind seine Leute, wir weisen nur auf ihn hin. Das ist mein Traum. Träumt ihr ihn mit? Und noch ein drittes sagt Johannes:

3. Christus wirkt schon unter euch, auch wenn ihr es jetzt noch nicht seht.

„Mitten unter euch steht schon einer, den ihr noch nicht kennt.“ Daran glaub ich ganz fest: Jesus wirkt schon – auch in unserer Stadt. Er ist schon an der Arbeit, auch wenn wir bisher nur davon träumen, wie Johannes ans Werk zu gehen. Jesus wirkt bereits in dieser Stadt, auch ohne uns, an Menschen und durch Menschen, die ihn vielleicht noch gar nicht kennen. Wo jemand ehrlich ist und das zu viel ausgezahlte Wechselgeld der Kassiererin zurückgibt, wo Leute sich nach einem bösen Streit versöhnen und sich wirklich vergeben, wo einer sich erbarmen lässt und einem Armen überraschend großzügig Hilfe leistet, wo eine ihrem einsamen Nachbarn eine Freude macht und ihn zum Tee einlädt – überall da ist Jesus schon bei der Arbeit – als der, den „ihr noch nicht kennt.“ Dass sie ihn kennenlernen, dazu braucht es dann nicht mehr als ein paar mutige Jünger, die ein bisschen sind wie Johannes, die ansteckend leben und dann frei und offen bezeugen, wer sie so leben macht. Menschen also, die Wegweiser sind auf Christus hin.

Und der Friede Gottes, der unseren Intellekt weit übersteigt, der heile und stärke eure Herzen und Hände. Amen.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Wer ist der König?


(Eine ungehaltene Adventsandacht)

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.

Wer ist der König der Ehre?

Philipp ist Ingenieur. Genau gesagt: Straßenbau-Ingenieur. Der Firma, in der Philipp arbeitet, geht es gut. Nun bauen wir in Deutschland ja kaum noch neue Straßen. Aber im Ausland, da sieht das ganz anders aus, in Afrika zum Beispiel. Und die Zuverlässigkeit, Phantasie und Tatkraft deutscher Ingenieure – die ist dort sehr gefragt.

Deshalb arbeitet Philipp für seine Firma zurzeit in Liberia. Im Auftrag der Regierung dieses armen westafrikanischen Landes bauen sie dort Straßen quer durch das kaum erschlossene Land. Bezahlt wird seine Arbeit von der Europäischen Union – also von unseren Steuergeldern.

Als Philipp am Flughafen in Monrovia aus der Maschine aussteigt, wird er vom Bauminister Liberias begrüßt. In einer Limousine wird er zu seinem Hotel gefahren. Ein gutes Hotel mit allem Comfort und Klimaanlage in allen Zimmern, mitten in Monrovia. Die Fahrt führt vorbei an den Slums, an dem regen Treiben auf den Straßen, an Wellblechhütten und zahllosen Feuern aus Autoreifen, in denen die Bürger Monrovias ihren Müll verbrennen. Der Eingang des Hotels wird streng bewacht von Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag. Philipp, sagt der Bauminister, soll sich erstmal vom Flug erholen – immerhin saß er 8 Stunden im Flieger. Abends dann würden sie sich wiedersehen zum Dinner im hoteleigenen Restaurant.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.

Wer ist der König der Ehre?

Am Abend im Restaurant wird Philipp von einem Kellner im Frack höflich begrüßt. Der Bauminister wartet schon am Tisch direkt am großen Außenfenster auf ihn. Philipp setzt sich und studiert die Karte. Er ist beeindruckt: Auf der Karte findet er alles, aber wirklich alles, was sein Gourmet-Herz so begehrt.

Während Philipp und der Bauminister die Karte studieren, sammelt sich vor dem Fenster, an dem die beiden sitzen, eine große Menge Kinder. Die meisten von ihnen barfuß und mit freiem Oberkörper. Manche haben ein schmutziges und zerfetztes T-Shirt übergeworfen. Sie tanzen vor dem Fenster hin und her und sehen durch das Glas Philipp und den Baumnister mit flehendem Blick an. Philipp ist irritiert und kann sich nicht recht auf die Speisekarte konzentrieren. Er kann dem flehenden Blick der Kinder nicht ausweichen. Dem Bauminister geht das anders. Erst nach einer ganzen Weile bemerkt er die Kinder überhaupt, sieht kurz auf, lächelt Philipp an und sagt zu ihm: Don't be bothered. They are just begging for something. Lassen Sie sich nicht stören. Die betteln nur. Dann winkt er dem Kellner, dem mit dem altmodischen Frack, tuschelt ihm etwas ins Ohr, woraufhin der den großen dunklen Vorhang zuzieht, damit seine Gäste die Kinder nicht mehr sehen müssen.

Philipp kämpft mit sich. Sein Appetit ist ihm vergangen. Irgendwann nimmt er all seinen Mut zusammen. Er weiß, dass er sich damit in den Augen des Bauministers und der Hotelangestellten zum Idioten machen wird. Er weiß, dass alle denken werden: Jaja, diese sentimentalen Europäer, diese sozialen Weicheier. Und doch muss er es einfach tun: Er steht auf und schiebt die Vorhänge zur Seite. Dann setzt er sich wieder hin. Den Kindern kann er im Moment nicht helfen. Er kann ihnen nichts geben. Das Fenster trennt sie voneinander. Und doch: Es verbindet sie auch. Philipp will sich dem Blick der Kinder aussetzen, er will das Elend aushalten und nicht vor ihm fliehen.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.

Wer ist der König der Ehre?

Im Advent denken wir daran, das Christus kommt.
  • Wir erinnern uns daran: In Bethlehem kommt er – und in ihm Gott selbst – zur Welt in einem Stall.
  • Wir halten die Hoffnung wach, dass er wiederkommt und Gottes neue Welt der Vergebung, des Rechts und des Friedens vollendet.
  • Wir nehmen wahr, wie er jetzt in unser Leben kommt: mit seinem Geist uns anspricht, anrührt, heilt und verwandelt.

All das ist gut.

Aber Jesus selbst hat noch von einer ganz anderen Art gesprochen, in der er zu uns kommt. Er kommt zu uns in den Hungernden, Dürstenden, Kranken und Obdachlosen.

  • Christus kommt zu uns in Gestalt des immer etwas angetrunken wirkenden jungen Mannes, der sonntags in unseren Gottesdienst geht, weil er das kleine bisschen Freundlichkeit, das wir für ihn aufbringen, für nicht weniger als ein Wunder hält.
  • Christus kommt zu uns in Gestalt der verzweifelten Frau, die den Glauben an das Gute gerade verloren hat, nicht mehr aus noch ein weiß und nicht mehr von uns erwartet als eine liebevolle Umarmung und ein bisschen Freundschaft.
  • Christus kommt zu uns in Gestalt des langhaarigen und schlecht riechenden Bettlers, der in der Kälte zusammengesunken an der Fensterscheibe des Buchhauses am Markt lehnt und um Almosen bettelt, so lange, bis ihn die Angestellten des Buchladens wegjagen.

Auch so kommt Christus zu uns, in Gestalt derer, die er in besonderer Weise seine geringsten Brüder und Schwestern genannt hat. Und wir haben die Wahl: Wollen wir Vorhang-auf-Christen oder Vorhang-zu-Christen sein? Wollen wir eine Vorhang-auf-Gemeinde oder eine Vorhang-zu-Gemeinde sein? Ich wünsche uns den Mut, den Philipp hatte – den Mut, den Vorhang aufzuziehen.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe.

Wer ist der König der Ehre?

Lasst uns beten:

Der du in tiefster Nacht erschienen bist,
wir danken dir für das Licht deiner neuen Welt,
das seit Jesus scheint mitten in der Finsternis.
Oft ist es kaum mehr als der schwache sanfte Schein einer Kerze in der Nacht.
Aber es ist da, dieses Licht,
es leuchtet und wärmt uns.
Hilf uns, dein kleines Licht nicht zu übersehen,
nicht achtlos daran vorbeizugehen und einen Lichtschalter zu suchen.
Hilf uns, dein Licht wahrzunehmen, zu genießen,
uns von ihm wärmen zu lassen.
Mit deinem sanften schwachen Licht willst du unsere Hoffnung stärken.
Der du in tiefster Nacht erschienen bist,
gibst uns Hoffnung und Mut,
dass unsre Nacht nicht endlos sein kann.
Amen.   

Sonntag, 2. Dezember 2012

Jünger wird man unterwegs


(Predigt in der EmK Detmold am 1. Advent 2012)

Ein ganz schön bunter Haufen sind wir, oder? Müsste man uns beschreiben, dann könnte das zum Beispiel so klingen: Wir, die EmK in Detmold, sind zwischen 1 und 105 Jahren alt, wir sind mehr Frauen als Männer. Wir singen gerne, deshalb haben wir einen Chor und einen Männerchor und ein Musikteam, aber manche von uns können und wollen auch gar nicht singen. Manche von uns leben von Hartz IV, manche sind Arbeitnehmer, manche sind Lehrer (gut, Lehrer haben wir ein paar mehr), manche Hausfrau, manche Rentner, Unternehmer, Freiberufler... Wir haben Menschen mit Behinderung unter uns und solche ohne. Es gibt eigentlich nichts, was es bei uns nicht gibt. Manche machen sich für den Sonntagsgottesdienst gerne schick, andere kommen lieber in Alltagskleidung. Und unsere Frömmigkeit? Wie können wir die beschreiben? Naja, wir sind evanglikal-charismatisch-konservativ-liberal-links-bibeltreu-politisch.

Ein ganz schön bunter Haufen. Wären wir keine Gemeinde, dann kämen viele von uns wahrscheinlich nicht auf die Idee, sich mal zum Kaffee zu treffen oder was zusammen zu unternehmen. Aber: Wir sind eine Gemeinde. Wir haben etwas, oder besser jemanden, der uns, gerade uns, zusammenbringt: Jesus. Wir sind begeistert von Jesus. Und der, Jesus, der bringt das fertig, was sonst wohl keiner schafft, noch nicht mal „Wetten dass?“: Er macht aus so unterschiedlichen Leuten, wie wir es sind, eine echte liebevolle Gemeinschaft.

Wie er das macht, davon erzählt der Predigttext, über den ich heute mit euch nachdenken will. Es ist die Erzählung des Johannesevangeliums darüber, wie Jesus seine ersten Jünger beruft. Johannes erzählt davon ein bisschen anders als die anderen Evangelien der Bibel. Aber hört selbst (Johannes 1, 35ff):

Am nächsten Tag stand Johannes der Täufer abermals da, und zwei seiner Jünger, und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und gingen Jesus nach.

Die ersten also, die es mit Jesus zu tun bekommen und die bald nicht mehr Johannes', sondern Jesu Jünger sein werden, sind Suchende, Neugierige, die diesem fremden Rabbi einfach mal nachgehen, weil Johannes etwas an ihm findet. Johannesjünger, das sind Leute, die ein Gespür dafür haben, dass das Leben, wie es ist und die Welt, wie sie ist, nicht in Ordnung sind. Ihr Weg, Jünger Jesu zu werden – das ist mir wichtig – beginnt nicht erst damit, dass sie Jesus begegnen und ihn annehmen, sondern er beginnt bereits damit, dass sie Sinn und echtes Leben und Gott suchen. Dafür steht Johannes der Täufer in unserer Erzählung.

Das gilt auch heute noch. Ich halte überhaupt nichts davon, es abzuwerten oder geringzuachten, wenn jemand von sich sagt: Ich bin auf der Suche nach Gott. Ich sehne mich nach echtem Leben mit Sinn, oder: Ich möchte so gerne glauben. Wenn jemand von uns zu denen gehört, die sich so sehen, dann sagt das Johannesevangelium hier: Das ist gut. Du bist auf dem richtigen Weg. Die methodistische Tradition nennt das „vorlaufende Gnade“, und das meint: Die Gnade Gottes ist nicht erst bei denen am Werk, die glauben, sondern schon da, wo Menschen sich aufmachen, zu suchen, wo Menschen unzufrieden sind und spüren: Es gibt mehr als das Leben, das ich zurzeit führe. Schon da ist Gottes Gnade bei der Arbeit. Aber wie geht es nun weiter? Wie werden die beiden Suchenden zu Jesusleuten, zu Jüngern?

Jesus aber wandte sich um und sah sie, wie sie ihm nachgingen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt Lehrer -: Wo wohnst du? Jesus sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen es und blieben diesen Tag bei ihm.

Diese Zeilen sind so wichtig, dass ich sie nochmal lesen will:

Jesus sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi: Wo wohnst du? Jesus sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen es und blieben diesen Tag bei ihm.

So also werden die beiden Suchenden zu Jüngern. Nicht durch einen Vertrag, den sie unterschreiben – unten rechts bitte und gut durchdrücken - , auch nicht, indem Jesus ihnen ganz genau erklärt, wie Gott ist und wie ein Leben in seiner Nachfolge aussieht, auch nicht, indem sie sich Jesus vorstellen, vor ihm auf die Knie fallen und die Entscheidung treffen, von nun an ganz ihm zu gehören. Nein, nichts von alledem geschieht hier. Die beiden Suchenden werden zu Jüngern durch, ja durch was? Dadurch, dass sie es, von Jesus ermutigt, einfach versuchen – nur für einen Tag versuchen, mit ihm zu leben.

Die Schlüsselworte spricht Jesus selbst: Kommt und seht! Probiert es einfach aus, mit mir zu leben, macht Erfahrungen mit mir. So beginnt im Johannesevangelium Jüngerschaft. Was muss ich tun, um durch das große Becken zu schwimmen? Jesus erklärt nicht genau, wie die Schwimmbewegungen funktionieren oder wie du am besten atmest. Jesus sagt: Was du tun musst ist nur dies: Stoß dich vom Rand ab und bewege dich. Den Rest übernehme ich.

Ist das nicht großartig? Für mich gehört dieser kurze Dialog zwischen Jesus und den zwei Suchenden zu den schönsten Stellen der Bibel. Jünger wird man unterwegs. Jüngerschaft entsteht, indem mutige Suchende es einfach versuchen, sich vom Rand abstoßen – mehr nicht. Und siehe... sie schwimmen.

Jesus stülpt ihnen nicht ein Glaubensbekenntnis über als kurze Zusammenfassung der Wahrheit. Die Wahrheit, sagt Jesus, die kann man gar nicht zusammenfassen und objektiv beschreiben. Die Wahrheit ist nämlich ein Geheimnis. Deshalb spricht Jesus davon so viel in Bildern. Ich bin das Brot das Lebens, sagt er dann oder: Ich bin der Weg, oder: Ich bin das Licht der Welt. Die Wahrheit über Gott und die Welt und den Menschen, über dich als Person – die kann man nicht objektiv-sachlich beschreiben, die kann man nur bezeugen und einladen, sich auf sie einzulassen, denn die Wahrheit erschließt sich in der Begegnung mit Jesus selbst: Kommt und seht. Esst vom Brot des Lebens, macht euch mit mir auf den Weg, lasst euch vom Schein meines Lichtes erleuchten. Und sei es erstmal nur für einen Tag.

Die beiden Suchenden jedenfalls haben den Mut und bleiben bei Jesus. Sie probieren es einfach aus, wie es ist, seine Jünger zu sein. Ohne Garantien blieben sie diesen einen Tag bei ihm.

Und was finden sie bei ihm? Sie werden bleiben – nicht nur für diesen einen Tag, sondern für immer. Und später werden sie in Worte fassen, was sie bei Jesus gefunden haben:

Wir haben den Messias gefunden (V. 41)

sagt der eine. Mit anderen Worten: Wir haben in Jesus den gefunden, der uns rettet, der uns das wahre Leben in Einklang mit Gott zeigt und uns befähigt, es zu leben. Jesus ist unser König, Priester und Prophet.

Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben (V. 45)

sagt der andere. Jesus ist der, der uns zeigt und lehrt, was Gott will und welche Pläne Gott mit uns und mit der Welt hat. Jesus lässt uns die Bibel verstehen und damit auch unser Leben, heißt das.

Und einer wird sagen:

Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel.

Was für ein Bekenntnis: In dir begegnet uns Gott selbst in Person. Was du uns schenkst, ist nicht weniger als lebendige Gemeinschaft mit dem Höchsten selbst.

Mich beeindruckt, wie unterschiedlich diese Bekenntnisse sind. Jesus begegnet diesen mutigen Leuten, die sich auf ihn einlassen, ganz unterschiedlich. Er schert sie nicht alle über einen Kamm, sondern nimmt sie als Person wahr und ernst und begegnet jedem einzelnen von ihnen auf besondere Weise. Für alle wird er bedeutsam und lebenswendend wichtig. Er wird zum Inhalt ihres Lebens, aber alle beschreiben das je anders, weil sie Jesus auf unterschiedliche Art und Weise als Christus erfahren.

Deshalb, liebe Freunde, sind wir zusammen eine Gemeinschaft als so bunter Haufen. Jesus kennt uns als Person und er nimmt jeden einzelnen und jede einzelne von uns individuell wichtig. Aber für uns alle wird er – auf unterschiedliche Art und Weise – zum Christus. Die Christuserfahrung ist es, die uns eint, aber bei verschiedenen Leuten drückt sie sich auf verschiedene Art und Weise aus.

Einer erfährt in Christus vor allem die Vergebung seiner Sünde und Schuld, die andere die Befreiung von einer Sucht. Eine findet in der Stille mit Jesus die Kraftquelle für ihren aufreibenden Alltag, für einen anderen ist sein politisches Engagement Folge der Nachfolge Jesu.

Deshalb auch feiern wir unseren Gottesdienst so bunt und vielfältig, wie wir ihn feiern. Christus feiern, das heißt für uns als bunte Gemeinschaft von Jesus-Leuten, dass wir Lobpreislieder miteinander singen und dabei aufstehen und (manche vielleicht) auch die Hände zur Anbetung erheben und dass wir Freude an evangelischen Chorälen von Paul Gerhard haben und ihren Tiefgang betend nachsingen. Das heißt für uns, dass ruhige, feierliche Liturgie mit alten schönen Worten ihren Platz hat und das spontane Zeugnis in der Zeit der Gemeinschaft gleichermaßen. Das heißt, dass wir lebendige und freie Gebetsgemeinschaften erleben und rhythmisch formulierte Fürbittgebete. Und so weiter und so fort. Die Buntheit unseres Gottesdienstes bedeutet eben gerade nicht, dass wir aus der Not unserer Verschiedenheit eine Tugend machen, sondern dass wir die vermeintliche Not selbst als Tugend, oder besser als Geschenk Gottes erleben. Christus macht aus ganz verschiedenen Menschen Geschwister – Schwestern und Brüder, weil und indem er sie zu Jüngern macht.

Und nun wird im Rest des Johannesevangeliums erzählt, was diese Jünger mit ihrem Rabbi alles erleben: Sie werden ihm zuhören und ihn verstehen (manchmal auch nicht), sie werden ihn bewundern und ihn vieles fragen, sie werden ihn begleiten und unterstützen als Schüler und Helfer und sie werden viele große Dinge von ihm lernen. Und in all dem werden sie in ihm dem Christus Gottes begegnen, der ihr Leben heil macht und ihnen Sinn und Richtung und wahres Glück schenkt.

Auch wir sind – auch du bist – dazu eingeladen, Jesu Jünger zu sein. Es braucht dazu nicht viel: Du musst kein Glaubensbekenntnis unterschreiben und keine Voraussetzungen mitbringen, du musst keine Leistungen vorweisen und keine Lehre verstehen. Alles, was es braucht, ist ein bisschen Mut, es, wie die zwei Neugierigen in Johannes 1 zu versuchen für einen Tag. Jesus sagt: Komm und sieh. Alles andere wird sich geben.

Übrigens... Eine Bemerkung am Schluss: Das erste, was die neuen Jünger Jesu im Johannesevangelium tun, noch bevor sie irgendwelche großen Dinge mit Jesus erlebt haben, ist es, andere einzuladen: Andreas läuft zu Petrus und führt ihn zu Jesus, Philippus zu Nathanael und so weiter. Ich habe gerade erzählt, wie sehr ich den Gottesdienst mit euch schätze: seine Buntheit und Vielfalt, in der wir auf unterschiedliche Art und Weise Christus begegnen und ihn feiern. Und ich weiß, dass viele von euch ihn genauso schätzen. Manche sagen mir das, und mich freut das sehr. Was ich mir wünsche, ist dass wir nun das machen, was Andreas und Philippus getan haben: hingehen und andere einladen, damit diese Bänke hier mal wieder voll werden. Kommt und seht selbst. Wir müssen niemanden bekehren und auch niemandem den Glauben erklären. Kommt und seht und vielleicht begegnet ihr Christus, das reicht. Wäre das was, wenn wir die Adventsgottesdienste nutzten, um das zu tun?

Donnerstag, 22. November 2012

Zwei Themen fehlen...

... meiner Meinung nach im neuen "Wort zur sozialen Lage" (hier klicken) der Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland.

Darf ein Pastor auf Probe in der lippischen Provinz sich überhaupt kritisch äußern zu einem "Wort zur sozialen Lage" der Zentralkonferenz "an die Gemeinden der Evangelisch-methodistischen Kirche"? Manche werden das vielleicht nicht ganz so gerne sehen. Trotzdem will ich es tun, weil das Thema - bzw. die zwei Themen, die im Sozialwort meiner Meinung nach fehlen - mir wirklich am Herzen liegt bzw. liegen. Und ich hoffe - und bin überzeugt davon -, dass meine Kirche mit solch kritischen Anfragen nicht nur leben kann, sondern eine offene und ehrliche Diskussion über das Sozialwort eigentlich ja auch wünscht.

Zunächst: Ich freue mich über das Sozialwort. Besonders freue ich mich über die glasklare biblische Begründung des Einsatzes für Gerechtigkeit. Wir setzen uns deshalb für Gerechtigkeit ein, weil wir von der Gerechtigkeit Gottes leben, von "Gottes Zuwendung und Leben schenkender Macht, die allen Menschen bedingungslos gilt." Und diese Gerechtigkeit Gottes prägt unser Verständnis von politischer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Wir haben dieses Verständnis nicht aus irgendwelchen anderen Quellen, sondern aus unserer Erfahrung, dass Gott in Christus jedem bedingungslos Gerechtigkeit schenkt, der sich im Vertrauen danach ausstreckt.

Wir werden uns also hüten vor Selbst-Gerechtigkeit und davor, politisch oder wirtschaftlich so zu sprechen oder zu handeln, als wäre eine "perfekte", völlig gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung in dieser Welt möglich und als wüssten wir, wie sie aussähe. Das Leben aus und die Bindung an Gottes Gerechtigkeit in Christus macht uns misstrauisch gegen alle Heilsversprechungen ideologischer Art und gegen die Überhöhung von Wirtschaft- und Gesellschaftssystemen zu Götzen.

Vieles in dem Dokument ist es wirklich wert, in den Gemeinden gelesen, studiert und diskutiert zu werden - vor allem, aber nicht nur diese biblisch-theologische Begründung der Gerechtigkeit am Anfang.

Was mich allerdings wundert, ist, dass zwei Themenbereiche in dem Sozialwort komplett fehlen, die meiner Meinung nach doch für ein solches "Wort zur sozialen Lage" hier und heute unentbehrlich sind:
  • Da ist zunächst der ganze Themenbereich Arbeit und Wirtschaft. Der Text beschäftigt sich fast ausschließlich mit Verteilungsfragen: Wer bekommt wie viel vom erwirtschafteten Reichtum ab? Wie kann es gelingen, möglichst allen einen gerechten Anteil an den erwirtschafteten Gütern zu geben - in Form von Teilhabe, Bildung, Einkommen, Rente usw.? Sicher sind diese Fragen ungemein wichtig, aber in dem Sozialwort bleibt die Frage völlig außen vor, wie diese Güter, um deren Verteilung wir uns sorgen, produziert werden. Unternehmer, die phantasievoll und risikobereit gesellschaftlich wichtige Güter und Dienstleistungen produzieren, Arbeitnehmer, die fleißig, flexibel und ebenso phantasievoll Tag für Tag dafür arbeiten, dass es etwas zum Verteilen gibt, kommen in dem Text kaum oder gar nicht vor. Ob das daran liegt, dass an der Formulierung des Sozialwortes nur wenige Unternehmer oder Arbeitnehmer, die nicht im öffentlichen oder kirchlichen Dienst beschäftigt sind, mitgewirkt haben? Ich weiß es nicht. Lediglich einmal im Text gibt es einen Verweis auf ein "Wirtschaften im Dienst des Lebens", wobei in einer Fußnote dann gleich betont wird, dass es dabei keineswegs nur um "ökonomische Faktoren" gehen dürfe. Ein klein wenig Berücksichtigung "ökonomischer Faktoren" hätte ich mir dann aber doch gewünscht. 
  • Das zweite, vielleicht noch wichtigere Thema, das unberücksichtigt bleibt, ist die Schuldenkrise der Wohlfahrtsstaaten, in der wir uns befinden und sind die katastrophalen Auswirkungen, die unser bisheriges Verständnis des Wohlfahrts-, Subventions- und Verteilungsstaates auf die Lebensbedingungen unserer Kinder und Enkel hat. Das Sozialwort wird in einer Zeit veröffentlicht, in der die Wohlfahrtsstaaten des Westens in der wohl größten Krise ihrer Geschichte sind. Jahrzehnte lang haben wir eben nicht gehandelt, wie der weise Josef, der in guten Jahren Erträge des Wirtschaftens zurücklegte, um in schlechten Jahren von ihnen zehren zu können, sondern haben den Staat stetig ein Füllhorn von Leistungen, Wohltaten und Subventionen für alles und jedes und für alle und jeden ausschütten lassen und dieses scheinbar, aber eben wirklich nur scheinbar, nie enden wollende Mehr-und-Mehr an Wohlstand für alle finanzieren lassen mit Schulden zu Lasten der nächsten Generationen. Die einfache (ökonomische!) Regel, nicht mehr auszugeben als wir erwirtschaften können, haben wir dabei ignoriert. Heute sind unsere Staaten deshalb dermaßen überschuldet, dass sie teilweise bereits nicht mehr in der Lage sind, auch nur die Zinsen ihrer Schulden zu bedienen. Wir überlassen die Lasten und Folgen dieser Lebensweise deshalb großzügig unseren Kindern und Enkeln. Auch ein Gerechtigkeitsthema, oder? Vielleicht das wichtigste unserer Zeit. Das Thema Staatsschulden bzw. Krise des Wohlfahrts- und Verteilungsstaates fehlt im Sozialwort aber völlig, genau wie die unverantwortliche Belastung unserer Kinder und Enkel mit den Lasten und Folgen staatlicher Ausgabenfreude heute.
Nochmal: Das Sozialwort ist gut und wichtig zu lesen. Es enthält eine verständliche und nachvollziehbare biblische Begründung unseres Einsatzes für Gerechtigkeit, es enthält viele Vorschläge bzw. Forderungen zu Fragen der gerechten Verteilung, die zu diskutieren und darüber nachzudenken absolut lohnt, und es enthält die wichtige Erinnerung und Ermutigung, als Gemeinden in unserem eigenen Umfeld eine "Kultur der Solidarität und Gerechtigkeit einzuüben". Was mir fehlt, ist die Berücksichtigung ökonomischer Fragen des Wirtschaftens und der Arbeit und - vor allem - das Thema Generationengerechtigkeit und Schuldenstaat. 

Sonntag, 18. November 2012

Mutig für Menschenrechte

(Predigt in der EmK Detmold im Bittgottesdienst für den Frieden am 18.11.2012)


Habt ihr auch solche Texte in der Bibel, mit denen ihr scheinbar nie fertigwerdet? Texte, die ihr schon hunderte Male gelesen habt, aber die in euch immer noch und immer wieder mehr Fragen wecken als Antworten?

Einer der Texte, die für mich zu dieser Kategorie gehören, wurde vom Vorbereitungskreis der Friedensdekade 2012 als Predigttext für diesen Gottesdienst ausgewählt. Ausgerechnet dieser Text. Ich lese Worte aus Markus 7:

Und Jesus stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben,
sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Und sie kam und fiel zu seinen Füßen.
- die Frau war aber eine Griechin aus Syrophönizien – und bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe.
Jesus aber sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder satt werden, Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.
Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja Herr, aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder.
Und Jesus sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin. Der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren.
Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren.

„Mutig für Menschenrechte“ heißt das Motto der Friedensdekade – und ich denke: Na ja, so besonders mutig muss man in unserem Land ja nicht sein, um für Menschenrechte einzutreten. Ja, im Iran und in Nordkorea und auf Guantanamo – immer noch: Da werden die Menschenrechte mit Füßen getreten. Aber hier?

In gewisser Weise stimmt das: Die Menschen- und Bürgerrechte sind in erster Linie Schutzrechte gegenüber dem Staat. Die Macht des Staates wird durch sie begrenzt. Und in der Tat leben wir in einem Staat, der an das Recht gebunden ist, der nicht machen kann, was er will, sondern der die Menschen und Bürgerrechte achtet.

Aber trotzdem stehen Menschenrechte auch in unserem Land jeden Tag aufs Neue auf dem Spiel – nicht so sehr durch den Staat, sondern durch Fanatiker, Extremisten und Fundamentalisten verschiedenster Art und Weise. Und es braucht deshalb Menschen – auch hier -, die mutig für sie eintreten. Beispiele?
  • Ist euch schon aufgefallen, dass wir auf unseren Straßen nur noch ganz wenigen Menschen mit Downsyndrom begegnen? Warum ist das so? Weil das Downsyndrom heute mit Hilfe vorgeburtlicher Diagnostik schon bei Föten im Mutterleib erkannt werden kann. 90 % der ungeborenen Kinder, bei denen das Downsyndrom diagnostiziert wird, werden straffrei abgetrieben. Wir nehmen ihnen das Recht, ihr Leben zu leben, weil sie eine Behinderung haben. Meiner Meinung nach ist das ein Skandal und ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft: Gilt denn die Würde des Menschen für sie nicht?
  • Menschen mit fremdländischem Aussehen, besonders Farbige, sind immer noch Tag für Tag, missbilligenden Blicken, entwürdigenden Schmähungen und immer wieder auch nackter Gewalt ausgesetzt – nicht nur durch Terrorzellen wie die jüngst aufgeflogene NSU, sondern tagtäglich in weniger extremer Form auf Schulhöfen, in Fabrikhallen und Fußgängerzonen.
  • Dass auf Grund unseres Verständnisses der Menschenrechte auch Muslime das Recht haben, Gotteshäuser zu bauen und sich darin zum Gebet zu versammeln, muss immer wieder gegen wütende Proteste von Anwohnern und islamophoben Aktivisten durchgesetzt werden. Gilt denn für sie die Religionsfreiheit nicht?
  • Immer häufiger kommt es vor, dass Lesungen von Buchautoren mit SA-Methoden verhindert oder gesprengt werden, weil die Haltung der Autoren politischen Aktivisten nicht passt. Schon mal was von Meinungsfreiheit gehört?, möchte ich dann rufen.
  • Und so sehr ich die Religionsfreiheit auch für Muslime in unserem Land verteidige, geben manche von ihnen auch heftigst Anlass zur Sorge: solche, die kein anderes Rechtssystem als die Scharia anerkennen und die offen davon sprechen, die Scharia früher oder später auch hier als politische Ordnung durchzusetzen.

Die Beispiele ließen sich fortführen. Was ich sagen will, ist: Die Menschenrechte stehen auch hier bei uns jeden Tag neu auf dem Spiel – vielleicht nicht so sehr wie anderswo durch den Staat, aber doch in unserem Alltag. Sie brauchen Menschen, die sie verteidigen und mutig für sie eintreten.

Warum sollen Jesus-Leute solche Menschen sein? Warum sollten wir Christen in unseren Gebeten, in unserem politischen Handeln und Reden, aber auch in unserem Alltag in den Schulen, Fabriken, Büros und Vereinen, in denen wir leben, mutig für Menschenrechte eintreten?

Der Predigttext gibt auf diese Frage eine überraschende Antwort: Weil wir mit und wie Jesus von den Opfern der tagtäglichen Menschenrechtsverletzungen herausgefordert werden, unsere Grenzen zu überschreiten.

Denn das ist ja das Anstößige für uns an unserem Text: Jesus muss von der Frau aus Syrien mühsam überzeugt werden, seine Grenzen mutig zu überschreiten und anzuerkennen, dass seine eigene Botschaft von Gottes neuer Welt auch für sie, die Nicht-Jüdin, heilsam und bedeutend ist.

Jesu erste Antwort auf die Bitte der Frau um Heilung für ihre Tochter ist mir – und euch vielleicht auch – anstößig. „Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.“ Das passt so gar nicht zu dem Jesus, den wir kennen, oder? Ich bin von Jesus begeistert und liebe ihn dafür und ich folge ihm nach, weil er für Gottes neue Welt steht, sie verkündet und lebt – für die unglaublich großartige Botschaft, dass Gott Gemeinschaft mit allen sucht und um alle wirbt, um das Vertrauen der Frommen und der Sünder, der Gebildeten und der Ungebildeten, der Kranken und der Gesunden, der Behinderten und der Nichtbehinderten, der Prostituierten und der Finanzmarktjongleure und und und. Sie alle lädt Jesus in Gottes neue Welt ein. Ihnen allen spricht er zu: Gott will dich annehmen aus lauter Liebe. Vertraue ihm einfach. Wie großartig.

Aber dann das: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde.“ Nur weil die Frau, die ihn anspricht, keine Jüdin ist, sondern eine Heidin, will sie Jesus abweisen. Für mich ist und bleibt das unbegreiflich.

Aber diese Frau: Was für eine Frau! Welche Liebe zu ihrer Tochter, welches Vertrauen zu Jesus, welche Demut und Treue und Hartnäckigkeit. Sie reagiert nicht so, wie man es erwarten würde. Sie geht nicht enttäuscht weg – enttäuscht von diesem Mann, in den sie so viel Hoffnung gesetzt hatte. Nein, sie bleibt dran – mit den unglaublichen Worten: „Ja Herr, aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder.“ Eine faszinierende Frau. Sie spricht nicht nur das aus – als Heidin -, was so wenige begreifen: dass Jesus der Herr ist, der Kyrios. Sondern sie bringt Jesus dazu, seine Antwort zu revidieren, indem sie ihn lehrt – unglaublich, aber wahr – dass Gottes Reich wirklich für alle da ist, dass wirklich alle in Gottes neue Welt eingeladen sind – auch sie, die Jesus so demütigend mit einem Hund verglichen hat. Was für eine phantastische, im Wortsinn wunderbare Frau das ist.

Und Jesus, das versöhnt mich ein wenig, lernt von ihr. Später, nach seinem Tod und seiner Auferstehung, wird er seine Jünger in alle Welt und zu allen Völkern schicken, um Menschen in Gottes neue Welt einzuladen. In der Zeit seines Lebens auf Erden war er überzeugt, nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt zu sein. Hier aber scheint, mitten in Jesu irdischem Leben, herausgefordert von der mutigen wunderbaren Frau, erstmals auf: Gottes Liebe gilt allen, wirklich allen Menschen gleichermaßen. Quasi geschuppst von ihr überschreitet Jesus seine Grenzen. Die Einladung in Gottes neue Welt der Liebe an alle, die lebt Jesus nun, herausgefordert durch diese Frau, auch über Israel hinaus, indem er die Tochter der Frau heilt. Fast möchte man in abgewandelter Form die Worte der ersten Mondlandung zitieren: Ein kleiner Schritt für Jesus, aber ein großer Schritt für die Menschheit.

Und so wie Jesus sich von der Frau aus Syrien daran erinnern ließ, dass Gottes Liebe allen, wirklich allen, gleichermaßen gilt und sich von ihr ermutigen ließ, seine Grenzen zu überschreiten, indem er die Einladung zu Gott auch den Nichtjuden gegenüber lebte und verkörperte, so sind auch wir als seine Jünger eingeladen, unsere Grenzen zu überschreiten und mutig für das gleiche Recht und die gleiche Würde aller einzutreten, wo und von wem immer sie in Frage gestellt wird.

Thorsten Leißer hat Recht, wenn er schreibt:
„Das Beispiel der syrophönizischen Frau macht Mut, sich für den Schutz der Menschenwürde einzusetzen, besonders da, wo diese Würde mit Füßen getreten wird... Die Liste der Verletzungen der Menschenwürde reicht weit und wird immer bedrängender... Flüchtlinge und Arme, Kranke und Entrechtete, Fremde und Fremdgemachte – für sie alle wirft sich die verzweifelte fremde Frau Jesus zu Füßen. Für sie alle ringt sie ihm eine Würde ab, die nicht mit Geld erworben oder durch … Leistungen verdient werden kann.
Christinnen und Christen tun gut daran, sich immer wieder einmal gegenseitig daran zu erinnern, dass Würde keine Frage der Ehre ist, sondern ein Geschenk Gottes. Unverfügbar und doch einklagbar. Der Syrophönizierin sei Dank!“   

Sonntag, 4. November 2012

Das Gute woll'n, das Böse tun - ein Naturgesetz?

Predigt in der EmK Detmold am 04. November 2012


Ich hab es doch nur gut gemeint... Ziemlich bedeppert steht er da, der sonst so coole, nie um einen lockeren Spruch verlegene Mick Briskau. Kennt ihr Mick Briskau, den „Letzten Bullen“ (so heißt die Serie) aus Essen? Klasse Typ, fast schon kultig im Fernsehen. Ich finde ihn höchst amüsant mit seinen Cowboystiefeln und dem 80er-Jahre-Macho-Outfit und -Gehabe. Aber diesmal hat es ihn erwischt bzw.: Seine Freundin hatte es erwischt. Sie wurde angeschossen, hat aber glücklicherweise überlebt. Während ihrer Zeit in der Reha hat Mick all das getan, was ein Macho wie er eben tut für die Frau, die er liebt. Er hat – wie er es ausdrückt – „Verantwortung für sie“ übernommen und 50 Sitzungen beim Psychotherapeuten seiner Wahl für sie gebucht, damit sie ihr Trauma überwinden kann. Er hat, ziemlich liebenswert, eine große Überraschungsparty in seiner Stammkneipe für den Tag ihrer Entlassung organisiert. Und er hat auch gleich mit ihrem Chef gesprochen und mit ihm ausgehandelt, dass sie nach ihrer Entlassung nicht sofort wieder arbeitet, sondern noch ein paar Wochen Auszeit bekommt, um sich zu schonen.

Was Mick ziemlich kalt erwischt, ist: Sie schätzt das alles überhaupt nicht. Klar freut sie sich über die Party – auch wenn sie selbst wohl nicht seine Lieblings-Raucherkneipe als Location dafür ausgewählt hätte -, aber alles andere ärgert sie fürchterlich. Sie ist eine Frau von heute – selbstbewusst und frei von alten Rollenklischees. Sie fühlt sich durch Micks Fürsorge und „Verantwortung“ übergangen, bevormundet. Und das sagt sie ihm auch und verlässt vorzeitig wütend die Party. Und Mick? Wie gesagt: Ziemlich bedeppert steht er da, der sonst so coole, nie um einen lockeren Spruch verlegene „letzte Bulle“. Ich hab es doch nur gut gemeint.

Kennt ihr das? Wir meinen es eigentlich gut, aber wir erreichen das Gegenteil. Oder: Wir wollen das Gute tun – und wir wissen auch ganz genau, was das Gute ist -, aber wir schaffen es nicht, es wirklich zu tun, sondern tun am Ende das Gegenteil. Gute Vorsätze lösen sich in Luft auf – trotz Aufbietung all unserer Willenskraft. Kennt ihr das?

Paulus jedenfalls kennt das ganz genau. Und er schreibt davon im 7. und 8. Kapitel seines Briefes an die Römer:
(12) So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.
(14) Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist, ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.
(19) Denn das Gute, das ich will, tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
(22) Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.
(23) Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde.
(24) Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?
(25) Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!
(8,1) So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
(2) Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Wollt ihr mal zählen, wie oft das Wort „Gesetz“ in diesen Versen von Paulus vorkommt? Es sind 8 mal. 8 mal „Gesetz“ in 9 Versen. Paulus kennt unsere Situation ganz genau. Er weiß, wie das ist: das Gute zu wollen, aber es nicht hinzukriegen und trotz aller guter Absichten nichts Gutes auf die Kette zu kriegen. Das kennt er – wie wir auch. Und er meint ganz offensichtlich, das alles hat etwas zu tun mit dem Gesetz. Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Dass das so ist, liegt, so meint Paulus, am Gesetz. Aber was ist das für ein Gesetz, das Paulus meint.

Ich denke, Paulus bezeichnet in unserem Text mit dem gleichen Wort Gesetz – nomos – drei unterschiedliche Dinge. Und es ist wichtig, damit wir Paulus nicht falsch verstehen, diese drei Arten von Gesetz zu unterscheiden.

Da ist zum Einen das Gesetz Gottes, die Thora. Gott findet sich nicht damit ab, dass wir Menschen ihm und dem Leben in Einklang mit ihm als unserem Schöpfer entfremdet sind. Er beginnt mit Israel seine Heilsgeschichte mitten in der ihm entfremdeten Welt, um uns – alle Menschen - liebevoll zurückzugewinnen. Und dazu, um das zu erreichen, gibt er Israel - durch Mose - und allen Menschen - durch ihr Gewissen - sein Gesetz. Uns begegnet dieses Gesetz Gottes zum Beispiel – und das in einzigartig schöner Weise – in den 10 Geboten Israels: Das Leben ist heilig, deshalb sollen wir nicht töten oder Menschen verletzen, sondern so leben, dass wir andere fördern, statt ihnen zu schaden. Wir wissen das, oder? Das Eigentum sollen wir respektieren – nicht nur unseres, sondern auch das der anderen – und deshalb nicht stehlen, sondern anderen helfen, wo immer wir können. Wir wissen das. Gott liebt die Wahrheit, und deshalb sollen wir wahrhaftig leben, statt falsches Zeugnis zu geben. Wir wissen das. Eine Ehe ist kein Spaß, sondern eine aus Liebe geschlossene und auf Dauer und Treue angelegte Lebensgemeinschaft. Deshalb sollen wir unsere Ehe und die anderer nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, sondern verantwortungsvoll mit Sexualität und Liebe umgehen. Das wissen wir. Und so weiter – ihr kennt die Gebote.

Dieses Gesetz Gottes, sagt Paulus, ist gut für uns. Es gehört zum Heilsplan Gottes für die Welt. Es soll uns nicht knechten oder überfordern, sondern uns die Weisungen Gottes für gelingendes Leben – Leben in Gemeinschaft mit Gott und miteinander – aufzeigen. Es soll Leben ermöglichen gegen den Tod und gegen alles, was gutes Leben verhindert. Deshalb nennt Paulus dieses Gesetz Gottes „heilig, gerecht und gut.“ Wir kennen das Gesetz Gottes und wir wissen: Es wäre gut, wenn wir nach seinen Maßstäben leben würden. Wir wollen so leben – integer, treu, wahrhaftig, heil. Stimmt's? Wir wollen „mit Gott wandeln“, wie es die Bibel nennt.

Was hindert uns daran? Was führt dazu, dass wir nicht das Gute tun, das wir wollen, sondern das Böse, das wir nicht wollen? Paulus sagt: Es gibt da noch ein anderes Gesetz „in unseren Gliedern“, also ein Gesetz, das unser alltägliches Handeln bestimmt und prägt: das Gesetz der Sünde. Dieses Gesetz mögen wir nicht und wir wollen ihm auch nicht folgen, aber es ist trotzdem da und es hat Macht über unser Handeln. Es widerstreitet dem guten Gesetz Gottes, seiner heilvollen Weisung, der wir folgen wollen. Und doch: Faktisch unterstehen wir diesem Gesetz und können nicht ausbrechen aus seiner Macht. Es „hält mich gefangen“, schreibt Paulus.

Das ist unsere Situation, die Paulus ganz realistisch beschreibt, und es gehört Mut dazu, sich ihr zu stellen und sie nicht zu leugnen: Wir sind faktisch gefangen in diesem anderen Gesetz. Und deshalb gelingt es uns nicht, unseren guten Absichten zu folgen und so integer und glaubwürdig zu leben, wie wir es wollen. Und: Wir haben nicht die Macht, uns von diesem anderen Gesetz selbst zu befreien.

Dieses andere Gesetz ist quasi ein Naturgesetz, so wie zum Beispiel das Gesetz der Schwerkraft. Diese Packung Tempos hier wird nach unten fallen – zwangsläufig. Das sagt das Gesetz der Schwerkraft. Ich kann die Packung nach oben werfen und damit dem Gesetz der Schwerkraft ein Schnäppchen schlagen. Aber trotzdem fällt die Packung nach ganz kurzer Zeit wie der nach unten. Da bin ich machtlos. Und selbst wenn ich all meine Kraft aufwende und sie so fest ich kann nach oben werfe – sie fällt wieder herunter. Ich kann die Tempos festhalten, stimmt's? Aber auch das geht nicht ewig. Irgendwann muss ich sie loslassen und dann – fallen sie nach unten. So ist das mit Naturgesetzen. Wir haben über sie keine Macht, wir können sie nicht dauerhaft durchbrechen. Jeder Versuch dazu ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Und so, sagt Paulus, ist das auch mit dem Gesetz der Sünde, dem anderen Gesetz in unsern Gliedern, das dazu führt, dass wir das Böse tun, obwohl wir das Gute tun wollen. Wir können es nicht durchbrechen. Jeder Versuch dazu ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wir können uns bemühen, das Gute zu tun, wir können es uns ganz fest vornehmen und alle unsere Kraft dazu aufwenden. Am Ende tun wir es nicht. Das andere Gesetz ist ein Naturgesetz, das wir nicht durchbrechen können. Wir sind ihm gegenüber vollkommen machtlos – so machtlos wie Mick Briskau oder wie die Alkoholikerin, die sich Abend für Abend vornimmt: Ab morgen bin ich trocken. Ihr Mann hat es ihr gesagt, ihre Kinder haben es ihr gesagt, und sie weiß es auch selbst: Der Alkohol ist Gift für sie. Sie ist abhängig davon, nicht mehr Herrin ihrer selbst. Ihre Leber ist krank, und Abend für Abend, wenn sie ihren Pegel erreicht hat, ist sie nicht mehr sie selbst. Die freundliche und ausgeglichene Frau, sie sie eigentlich ist, wird durch das Trinken zu einem jähzornigen, leicht erregbaren Nervenbündel. Sie weiß das alles – und wieder liegt sie im Bett neben dem Mann, der sie liebt, dämmert vor sich hin und denkt: Ab morgen... Und dieser Morgen kommt wie jeder Morgen – und bevor sie überhaupt gefrühstückt hat, hat sie das erste Glas Wein des Tages schon intus. So ist das mit dem anderen Gesetz in unseren Gliedern. Wir wollen das Gute, aber wir tun das Böse.

Wer sich diesem Naturgesetz stellt und den Mut hat, seiner Macht ins Auge zu sehen, der kann gar nicht anders, als mit Paulus auszurufen: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“

Ja, wer? Wer könnte das – uns von diesem Naturgesetz befreien? Einer kann es und tut es – und von dem schreibt Paulus auch. Er schreibt davon wieder, indem er das Wort „Gesetz“ gebraucht, aber diesmal meint er nicht das gute Gesetz Gottes und auch nicht das ihm widerstreitende andere Gesetz in unseren Gliedern, das Naturgesetz der Sünde, sondern er schreibt vom „Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus“. Dieses dritte Gesetz, das Gesetz des Geistes Jesu, das kann – anders als wir selbst, uns frei machen vom Gesetz der Sünde. Es ist stärker als dieses Naturgesetz. Wer sich dem Geist Jesu anvertraut, wer sich entschließt, mit Jesus zu leben, der erfährt, dass Befreiung vom Gesetz, immer nur Böses hinzukriegen, obwohl man das Gute will, wirklich möglich ist. Und wie geschieht das? Auf dreierlei Weise:

1. Jesus ermöglicht dir einen Neuanfang.

Das Problem mit dem Gesetz der Sünde ist, dass es uns festlegt auf unsere Vergangenheit: So wie wir sind, sind wir geworden, und so werden wir auch morgen sein. Die Handlungsmuster unserer Vergangenheit prägen unser Handeln jetzt und werden es auch morgen prägen. So flüstert es uns das Gesetz der Sünde ein. Mick Briskau kann nicht anders handeln, als er es tut. Aber Jesus schenkt Vergebung. Er sagt: Wenn du zu mir kommst und wirklich umkehren und neu anfangen willst - die Bibel nennt das Buße -, dann vergebe ich dir alle deine Schuld. Ich streiche sie durch. Du kannst neu anfangen, als sei alles Vergangene gar nicht geschehen. So ist die Vergebung, die Jesus schenkt. Sie ist nicht nur ein lasches und halbherziges „Lass mal gut sein“ oder ein „So bist du eben, da kann man nichts machen“, sondern sie ermöglicht dir einen echten Neuanfang. Denn Jesus weiß: So bist du eben nicht. Gott hat dich ganz anders gemeint und gewollt und geschaffen. Jesus sieht in dir nicht den, der du geworden bist, sondern immer schon den, der du sein könntest. Deshalb gibt es keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Und

2. Jesus macht aus dem „Ich muss“ des Gebotes ein „Ich darf.“

Jesus ist die personifizierte Gnade Gottes. So wie Gott dir in Jesus Vergebung schenkt, umsonst aus Gnade, so schenkt er dir in Jesus auch Veränderung und Erneuerung, umsonst aus Gnade. Die Gebote Gottes sind dann nicht mehr das, was du alles tun musst, sondern sie sind die Chancen, die Gott dir gibt, Veränderung wirklich zu erleben. Sie werden vom „Ich muss“ zum „Ich darf“.

Der Mensch ohne Christus ist wie ein Hamster in seinem Rad. Er strampelt sich jeden Tag ab, ein guter Mensch zu sein – integer zu leben, aber er merkt jeden Tag neu: Ich krieg das nicht hin. Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Der Mensch, der Jesus vertraut und mit ihm lebt, der erfährt: Alles ist Gnade. Nicht ich muss strampeln wie der Hamster in seinem Rad, sondern Jesus nimmt mich aus dem Hamsterrad heraus und verändert mich durch seinen Geist. So wie die Vergebung als Neuanfang, den mir Jesus ermöglicht, ein Geschenk ist, echte Gnade, so ist es auch die Verwandlung. Jesus verändert mich - Schritt für Schritt -, indem ich von ihm lerne, wie gutes Leben wirklich funktioniert – aber eben nicht durch mein tägliches Kämpfen und Mich-Abmühen, sondern durch seinen Geist. Jesus schreibt mir keine To-do-Liste mit Geboten: Das musst du tun und das und das und das. Sondern er wartet jeden Tag neu auf mich in seinem Wort, um mich durch das Leben zu begleiten und mir Chancen aufzuzeigen, mich von seinem Geist verwandeln zu lassen. Und das heißt

3. Jesus macht dich wirklich frei

Jünger Jesu sind freie Menschen. Sie sind frei von den Festlegungen ihrer Vergangenheit. Jesus hat sie davon befreit durch seine Vergebung. Und sie sind frei vom Naturgesetz der Sünde. Auch in ihrem Leben passiert das, dass sie nicht das Gute hinkriegen, das sie tun wollen, sondern nur das Böse, das sie nicht wollen. Aber sie wissen dann: Mir ist vergeben. Das Gesetz der Sünde hat keine Macht mehr über mich. Es kann mich nicht festlegen, sondern Jesus arbeitet schon an mir und verwandelt mich. Seine Gnade ist bei mir schon am Werk, sein Geist prägt meinen Geist und – langsam, ganz langsam – erneuert und verwandelt er mich – jeden Tag ein bisschen. Und manchmal, vielleicht zunächst nur selten, aber dann doch mehr und mehr erleben Jünger Jesu dann mitten in ihrem Alltagsleben auch, wie das wirklich passiert: Nicht das Böse, das ich nicht will, tue ich, sondern das Gute, das ich will, das gelingt mir auch – aus Gottes Gnade.

Montag, 22. Oktober 2012

Gott sei Dank - es ist Sonntag

(Grundgedanken der Predigt in der EmK Detmold am 21.10.2012)

  • Habt ihr vor dem Gottesdienst gut gefrühstückt? Und: Gab es dazu frische Brötchen? Was habt ihr heute noch vor? Wir wollen heute ins Ziegeleimuseum nach Lage - ein schöner Familienausflug. Aber der funktioniert natürlich nur, weil wir frei haben - und andere, die da arbeiten, eben nicht. 
  • Wie hältst du es mit dem Sonntag? 
  • In den Allgemeinen Regeln schreibt J. Wesley, dass Methodisten Leute sind, die am "Tag des Herrn" nicht "kaufen oder verkaufen". 
  • Jesu Haltung zum Sabbat ist eine Hilfe für einen befreiten Umgang mit dem Sonntag heute. 
Lies Markus 2,23-28

(23) Und es geschah, dass er am Sabbat durch die Saatfelder ging; und seine Jünger fingen an, im Gehen Ähren auszuraufen. (24) Und die Pharisäer sagten zu ihm: Sieh doch: Warum tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist?
(25) Und er sagte zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte samt denen, die bei ihm waren?
(26) Wie er in das Haus Gottes ging zur Zeit Abjathars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und er gab davon auch denen, die bei ihm waren?
(27) Und er sagte zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. (28) So ist der Sohn des Menschen Herr auch über den Sabbat. 

Jesus löst den Sabbat nirgendwo auf
  • Nirgendwo sagt Jesus: Der Sabbat hat nun keine Bedeutung mehr. Er löst ihn nicht auf und ruft uns nicht dazu auf, das Gebot der Sabbatheiligung nicht zu respektieren oder nicht mehr zu beachten. Jesus respektiert den Sabbat.
  • Das entspricht Jesu Umgang mit der Thora und Gottes Gebot insgesamt: Er löst Gottes Gebot nicht auf, sondern er versteht und interpretiert es von Gottes neuer Welt, die mit ihm selbst angefangen hat neu. Gerade dadurch nimmt er es ernst und erfüllt es. (Mt. 5,17-20)
Jesus befreit den Sabbat von Gesetzlichkeit
  • Jesus geht mit dem Gebot Gottes nicht auf "gesetzliche" Art und Weise um. Gottes Wille muss - um recht verstanden zu werden - immer interpretiert und aktualisiert werden. 
  • Exkurs: Wie verstehen wir die Bibel? Gottes Wort steht nicht da - eingezwängt zwischen zwei Buchdeckeln -, sondern Gottes lebendiges Wort geschieht, wenn wir die Bibel (gemeinsam) lesen, auslegen, interpretieren. Das ist Jüngerschaft: Gemeinsam mit Jesus (siehe oben Vers 23) umherziehen, mit ihm reden, von ihm lernen und so die Bibel in unser Leben hinein auslegen.
  • Zum Sabbat sagt Jesus: Nehmt euch Davids Freiheit gegenüber dem Gebot als Beispiel (Verse 25-26). Gottes Wille soll uns nicht knechten, sondern uns befreien. Gottes Gebot ist dazu da, in unserem Leben Freiräume für die neue Welt Gottes zu schaffen. 
Jesus stellt den Sabbat in das Licht der neuen Welt Gottes
  • Jesus legt die Bibel und Gottes Gebote nicht willkürlich aus, sondern von seiner grundlegenden Botschaft her: Er stellt sie in  Beziehung zu Gottes neuer Welt, die nun anbricht und in die Gott alle Menschen einladen will. Von daher beleuchtet, wertet und interpretiert er die Gebote. Seine Grundannahmen sind: 
    • Alle werden von Gott in seine neue Welt eingeladen. 
    • Gott will Menschen verwandeln und ihre Beziehung zu Gott und zu ihren Mitmenschen heilen. 
  • In diesem Licht kommt es zu Jesu beeindruckender Freiheit gegenüber dem Sabbatgebot. Der Sabbat (Verse 27-28) ist für den Menschen gemacht, d.h. er ist ein Vorschein der neuen Welt Gottes mitten im Alltag. Am Sabbat können wir Ruhe und Entspannung finden, haben wir Zeit für Gott und füreinander. Der Sabbat schafft im Alltag Raum für Gottes Liebe. 
Wie hältst du es mit dem Sonntag?
  • Für mich ist der Sonntag ein besonderer Tag. Ich freue mich auf ihn: auf den Gottesdienst, das gemeinsame Singen und Beten und Auf-Gott-hören; auf die Gemeinschaft mit lieben Menschen, die zusammenkommen - Junge und Alte; auf das Sonntagsessen, das Dani macht und die Zeit, die wir als Familie füreinander haben; auf gemeinsame Unternehmungen. Der Sonntag ist ein besonderer Tag. 
  • Befreit durch Jesu Haltung zum Sabbat erfahre ich den Sonntag nicht als eine Last, die mich zu bestimmten Dingen verpflichtet, sondern als Geschenk: als Raum der Freiheit Gottes, um Christus im Gottesdienst zu begegnen, Zeit mit lieben Menschen zu verbringen und wie die Jünger in Markus 2 mit Jesus durch das Leben zu streifen. 

Sonntag, 9. September 2012

Der Glaube Jesu (Teil 1 von 3) - Gott ist der Eine

Predigt in der EmK Detmold am 9. September 2012

Erinnert ihr euch: Vor einigen Wochen haben wir uns hier im Gottesdienst ausgetauscht über die Frage: Was bedeutet Jesus dir persönlich? Was glaubst du, wer Jesus ist? Wir haben uns gegenseitig erzählt, was unser Glaube an Jesus beinhaltet. Ich war beeindruckt, wie unterschiedlich unsere Antworten waren: Vom Retter war da die Rede und vom König und vom Vorbild und vom Lehrer. Ganz unterschiedlich sind unsere Christuserfahrungen. Und das ist gut so. Mein Vorschlag war: Lasst uns (neu) lernen, uns gegenseitig und anderen Menschen zu erzählen, was Jesus für uns ist, wie wir ihn erfahren und glauben.

Bei all den unterschiedlichen Antworten auf die Frage, was Jesus uns bedeutet, stellt sich natürlich automatisch die Frage nach dem Kriterium. Gibt es etwas, an dem sich unsere Antworten messen lassen müssen? Gibt es so was wie einen Rahmen, innerhalb dessen sich unsere Christuserfahrungen bewegen und der uns hilft, zu beurteilen, ob es wirklich Jesus ist, von dem wir da reden?

Ich meine: Ja. Es gibt einen solchen Rahmen. Und das ist der Glaube Jesu selbst. Unser Glaube an Jesus kann nur dann echt sein, wenn er dem Glauben Jesu nicht widerspricht, sondern mit ihm übereinstimmt und sich aus ihm speist. Dass wir so unterschiedliche Christuserfahrungen haben, ist  toll. Es ist kein Mangel, sondern Reichtum. Jesus begegnet unterschiedlichen Menschen unterschiedlich. Aber alle unsere Christuserfahrungen, wenn sie wirklich Erfahrungen Christi sind, stimmen darin überein, dass die dem Glauben Jesu selbst entsprechen. Der Glaube an Jesus ist gebunden an den Glauben Jesu!

Was aber ist der Glaube Jesu? Jesus hat uns ein Bekenntnis seines Glaubens hinterlassen - eine Zusammenfassung dessen, was er für das Wichtigste hält. Wir lesen davon in Markus 12 ab Vers 28. Ein Schriftgelehrter, der viel von Jesus hält und ganz offenbar so von ihm beeindruckt ist, dass er von ihm lernen will, fragt ihn: Welches von allen Geboten ist das wichtigste? Mit anderen Worten: Was zählt wirklich im Leben? Woran glaubst du, Jesus? Und Jesu Antwort lautet:

Das Wichtigste ist dies: Höre, Israel. Der HERR, unser Gott, ist der einzige Herr. Und du sollst den HERRn, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft lieben. Das zweite ist ebenso wichtig: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Kein anderes Gebot - nichts - ist wichtiger als diese beiden.

In wenigen Worten - Zitaten aus der Thora, der Heiligen Schrift Israels - schafft es Jesus, klar darzustellen, was für ihn das Wichtigste ist, worum es für ihn beim Glauben geht.

Ich möchte in einer Predigtreihe dieses Glaubensbekenntnis Jesu mit euch auslegen und bedenken. Immer mit Gedanken im Hinterkopf: Das, was wir glauben, unser Glaube an Jesus, soll mit dem, was Jesus selbst glaubt, übereinstimmen, davon geprägt und inspiriert sein. Denn davon bin ich überzeugt: Diese Worte Jesu können uns wirklich inspirieren zu einem authentischen, lebendigen, mit Jesus verbundenen Glauben. Heute will ich mit euch über den ersten Satz des Glaubensbekenntnisses Jesu nachdenken: Höre Israel: Der HERR, unser Gott, ist der einzige Herr. “Der Glaube Jesu - Gott ist der Eine.” In zwei Wochen ist dann der zweite Satz unser Thema: das Gebot, Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen Gedanken und aller Kraft. “Der Glaube Jesu - Gott ist die Liebe.” Und heute in vier Wochen, am Erntedankfest, beschäftigen wir uns mit dem dritten Satz: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. “Der Glaube Jesu - Gott ist der Andere.”

Heute also wollen wir uns ganz konzentrieren auf den ersten Satz des Glaubensbekenntnisses Jesu: Das wichtigste, sagt Jesus, ist dies: Höre, Israel. Der HERR, unser Gott, ist der einzige Herr.

Zunächst ist hier zu sagen: Jesus spricht hier ganz und gar als Jude. Die Kirche hat viele Jahrhunderte lang das Jude-Sein Jesu viel zu wenig bedacht und in ihren Glauben an Jesus einbezogen. Aber Jesus, das wird hier bei seinem eigenen Glaubensbekenntnis ganz deutlich, war ganz und gar Jude. Er zitiert, gefragt nach seinem eigenen  Glauben, das Glaubensbekenntnis Israels, das Sch’ma Jisrael. Für fromme Juden ist der erste Teil des Glaubensbekenntnisses Jesu von jeher Bestandteil ihres täglichen Gebetes: Höre Israel, Adonaj, unser Gott, ist der einzige Herr. Und du sollst Adonaj, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft lieben. Jesus teilt dieses Glaubensbekenntnis Israels. Und: Wenn er seinen eigenen Glauben bekennt, verändert er es nicht, sondern zitiert es wortwörtlich.

Wir werden im zweiten und dritten Teil der Predigtreihe sehen, dass Jesus das Sch’ma Jisrael zwar nicht verändert, aber bemerkenswert vollmächtig neu versteht, revolutionär lebt und ergänzt. Aber zuerst sehen wir und sollten festhalten: Jesus verändert das Glaubensbekenntnis Israels nicht, sondern spricht seinen Glauben als Jude aus: ohne jegliche Abstriche.

Das zu verstehen hat Folgen: Wenn unser Glaube an Jesus sich am Glauben Jesu messen lassen und orientieren muss, dann kann uns als Jüngern Jesu Israel als Volk Gottes nicht gleichgültig sein. Wer mit Jesus geht und lebt und ihm nachfolgt, muss geradezu selbstverständlich an Israels Seite stehen.

Und das sind keine theologisch-abstrakten folgenlosen Überlegungen. Jünger Jesu, die sich dieses Zusammenhangs bewusst sind und mit Jesu Glaubensbekenntnis leben, werden ganz praktisch an der Seite der Juden stehen und die Verbundenheit und Solidarität mit ihnen leben - gerade dann, wenn das unbequem ist.

Ihr wisst, dass ich zurückhaltend bin mit tagespolitischen Meinungsbekundungen in meinen Predigten. Manche von euch begrüßen das, manche kritisieren das. Heute will ich das tun: Wenn in unserem Land der Schutz von Kindern gegen die Möglichkeit von Juden, ihren Glauben inklusive der Beschneidung offen zu leben, gegeneinander ausgespielt werden, dann werden Jünger Jesu, der ja selbst beschnitten war, dem energisch widersprechen und sich für das Recht der Juden, ihren Glauben zu leben, einsetzen. Die Beschneidung ist für lebendiges jüdisches Leben konstitutiv und nicht verzichtbar. Für mich ist es undenkbar, widerspruchslos zuzusehen, wenn mit dem Verbot der Beschneidung jüdisches Leben in Deutschland wieder kriminalisiert oder unmöglich gemacht wird. Als Gemeinde Jesu müssen wir hier widersprechen und für unsere jüdischen Geschwister einstehen.

Jesus als war Jude und teilt in vollem Umfang das Sch’ma, das Glaubensbekenntnis Israels. Und das heißt zuerst: Höre Israel, der HERR, unser Gott, ist der einzige Herr. Gott ist der Eine.

Die Einzigkeit Gottes ist Israels Grunderfahrung. Israel lebt - wie wir - in einer Welt voller Götter bzw. voller Mächte, die behaupten, Götter zu sein. Jesus glaubt - mit seinem Volk - daran, dass Gott der Eine ist, neben dem es keine anderen Götter gibt. Das hieß zu seiner Zeit auf der Erde zum Beispiel: Die Macht Roms ist nicht die höchste Macht. Der Cäsar ist nicht Gott. Gott ist nur Einer: Adonaj.

Jesu Predigt vom Reich Gottes, von Gottes neuer Welt, meint: Gott beansprucht nicht nur einen Bereich der Welt für sich - etwa den Tempel oder heute die Kirche, sondern Gott will die ganze Welt verwandeln und erneuern. Warum? Weil Gott der Eine ist.

Wer erfährt, dass Gott der Eine ist und dass dieser eine ein Projekt hat - die neue Welt Gottes - und uns einlädt, bei diesem großen Projekt mitzumachen, dessen Leben wird verwandelt. Jesus lädt uns ein, Gott als den Einen zu entdecken und uns auf eine lebenverändernde Reise zu machen, die in einer lebendigen Beziehung zu diesem Einen gründet. Ich will zwei Bereiche nennen, in denen das für mich wichtig geworden ist:

1. der Bereich der Politik

Wenn Gott der Eine ist und die ganze Welt verwandeln will, dann macht mich das misstrauisch gegen alle möglichen politischen Ideologien. Meist fangen ihre Namen mit irgendwas an und hören mit -ismus auf: Nationalismus, Sozialismus, Kapitalismus... Wo immer sich Menschen selbst im Namen einer solchen Ideologie zu Gott aufschwingen, werden wir als Christen widersprechen: egal ob es um das vermeintliche Recht auf Abtreibung geht, um einen ungerechten Krieg oder um eine Ideologie, die uns weismachen will, eine Gruppe von Menschen - Behinderte, Ausländer, Bänker - sei schuld an allen Problemen.

Politik ist wichtig, und ich freue mich über jeden, der sich einmischt und engagiert, um die Welt ein bisschen friedlicher, gerechter, freier und schöner zu machen.

Aber wenn Gott, dem wir dienen und von dessen Zuwendung wir leben, der Eine ist, wie Jesus sagt, dann verlieren politische Ideologien für uns ihre Macht und haben nur noch relative Bedeutung. Wir leben vielleicht in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die Vorteile und Nachteile hat. Darüber können wir streiten. Aber vergöttern werden wir weder diese Ordnung, wie sie ist, noch eine andere, die wir vielleicht als Alternative zu ihr erstreben. Und für das “Ende der Geschichte” werden wir sicher keine politische oder Wirtschaftsordnung halten. Warum? Weil Gott der Eine ist.  Und im Zweifel werden wir auch in politischen Fragen ihm, dem Einen,  mehr gehorchen als den Menschen.

2. der persönliche Bereich

Weil Gott der Eine ist, erleben wir Gottes Reich, seine Herrschaft, mit Jesus nicht dualistisch, sondern messianisch. Das klingt kompliziert, ich will es aber erklären:

  • Ein dualistisches Verständnis des Reiches Gottes sagt: Es gibt bestimmte Bereiche, da geht es um Gott und in denen will Gott wirken und herrschen und seine neue Welt durchsetzen.
    • Sonntags geht es um Gott, Montags bis Freitags um Arbeit und Freizeit und Geld.
    • Im Gottesdienst geht es um Gott, danach um die Familie.
    • In der Stillen Zeit geht es um Gott, danach gelten andere Maßstäbe.
Das ist ein dualistisches Verständnis des Reiches Gottes. Es trennt zwischen heiligen und profanen oder weltlichen Bereichen, in denen andere als Gottes Maßstäbe gelten. Aber dieses Verständnis wiederspricht dem Reichtum des Glaubens an den einen Gott.
  • Wenn Gott einer ist, dann erfasst seine neue Welt alle Lebensbereiche - nicht nur den Tempel. Das ist messianisch. Das hat Jesus gelebt. Er hat die Grenzen zwischen dem, was heilig und dem, was profan ist, zwischen dem, was rein und dem, was unrein ist, zwischen Tempel und Alltag, aufgehoben. Der eine Gott will diese Grenzen nicht.

Mit Jesus leben heißt dann nicht zuerst, am Sonntag in die Kirche zu gehen und auch nicht, jeden Tag eine halbe Stunde zur “heiligen” Zeit zu erklären und ansonsten nach anderen Maßstäben und Werten zu leben, sondern mit Jesus leben heißt, Gott in allen Lebensbereichen zu erfahren und seiner neuer Welt immer auf der Spur zu sein: in der Familie, auf der Arbeit, in der Freizeit, im Stadion, beim Fernsehen...

Beispiele:
  • Einem dualistisch verstanden Gott wäre es egal, was wir fernsehen, wenn noch Raum für unsere Stille Zeit davor oder danach bleibt, der eine Gott interessiert sich dafür und fragt, wie wir unsere Freizeit verbringen.
  • Einem dualistisch verstandenen Gott wäre es wurscht, wie wir unsere Karriere organisieren, solange wir am Sonntag in den Gottesdienst gehen, der eine Gott will uns helfen, auch in der Arbeitswelt heile Beziehungen zu leben und zu erleben und durch unsere Arbeit an seinem Reich mitzubauen.
  • Ein dualistisch verstandener Gott interessiert sich nicht dafür, wie wir unsere Kinder erziehen, solange wir sie dazu anhalten in die Gemeinde zu kommen und in der Bibel zu lesen, der eine Gott hilft uns, mit ihnen die Liebe und seine neue Welt im Alltag zu leben.
  • Einem dualistisch verstandenen Gott wäre es egal, wie wir mit unserem Geld umgehen, solange wir etwas für die Kirche übrig haben, der eine Gott ermutigt uns, jeden einzelnen Euro als Geschenk anzusehen, das wir so gebrauchen können und sollen, dass es seiner neuen Welt dient.   

Versteht ihr? Glaube an Gott, der sich an Jesu Glaube orientiert, verträgt sich nicht mit Dualismus, mit der Trennung von Heilig und Profan, sondern geht aufs Ganze. Glaube an Gott, das ist die abenteuerliche Reise, auf die wir uns machen, durch die Gott unser ganzes Leben verwandeln will. Warum? Weil Gott der Eine ist, der mit seiner neuen Welt alle Lebensbereiche erfassen und durchdringen und heil machen will.

Jesus lädt uns ein, mit ihm gemeinsam den Glauben an den einen Gott zu leben. Die dualistische Trennung von Rein und Unrein, von heiligen und profanen Orten und Zeiten hebt Jesus auf. Er macht sich selbst unrein - durch seine Gemeinschaft mit Zöllnern und Sündern - und macht die Unreinen rein. Er verkündet und lebt Gottes neue Welt mitten im Alltag und nicht nur am Sabbat, auf den Straßen und nicht nur im Tempel. Und er ermutigt uns dazu, uns anstecken zu lassen von seinem Glauben an den Einen, der die Welt verwandeln will.

Im Abendmahl, das wir gleich miteinander feiern, will uns Jesus seine Gegenwart schenken, nicht als heiligen Moment, der schnell vergeht, und danach leben wir wieder nach ganz anderen Maßstäben, sondern als Kraftquelle für unsere Reise mit dem einen Gott. Ich wünsche uns allen, dass wir den Reichtum und die verwandelnde Kraft, die im Glauben Jesu an den Einen liegen, heute erfahren und mitnehmen.


(Die Predigtreihe "Der Glaube Jesu" basiert auf Gedanken nach dem Lesen des Buches "The Jesus Creed" von Scot McKnight.)