Montag, 22. August 2011

Gäste-Grundrechte

Gestern, am 21. August 2011, feierte die EmK-Gemeinde in Detmold Gottesdienst mit Superintendent Rainer Bath.

"Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt." Dieser Vers aus Hebräer 13,2 war Rainer Baths Predigtthema. Gastfreundlich - das wollen wir als Evangelisch-methodistische Kirche sein. Nicht nur, um ganz sicher zu gehen, dass wir keine Engel verpassen, sondern weil es zu unserem Auftrag gehört und weil es Spaß macht.

Viele Hinweise und Tipps, wie wir unsere Gastfreundschaft kultivieren können, hat Rainer Bath uns mit auf den Weg gegeben. Am meisten beeindruckt haben mich aber die drei Grundrechte der Gäste, die er am Ende seiner Predigt entwickelt hat:

  1. Jeder Gast hat das Recht, sich wohlzufühlen. Das ist die Grundlage der Gastfreundschaft. Wenn wir einem Gast dieses Recht nicht zubilligen, dann können wir die Sache mit der Gastfreundschaft gleich besser abblasen. Das leuchtet mir ein. Und hier, denke ich, macht Gastfreundschaft auch richtig Spaß: dafür sorgen, dass Gäste sich wohlfühlen, eine gute Atmosphäre schaffen, für nettes Essen und Trinken sorgen, es gemütlich machen...
  2. Jeder Gast hat das Recht, zu gehen. Wir wollen niemanden zwingen, unser Gast zu werden oder zu bleiben, wenn es ihm oder ihr nicht zusagt. Die Kirchentür bleibt offen: für alle, die kommen wollen, aber auch für die, die wieder gehen möchten, weil eine andere Gemeinde vielleicht besser zu ihnen passt. Vielleicht kommen sie a wieder...
  3. Jeder Gast hat das Recht, dazuzugehören. Das ist in der Gemeinde anders als zum Beispiel in einer Familie. In der Familie bleibt ein Gast ein Gast. In der Gemeinde freuen wir uns, wenn Gäste irgendwann wirklich dazugehören wollen. Rainer Bath hat davor gewarnt, Gästen zu signalisieren: Ihr seid als Gäste willkommen, aber wenn ihr zu uns gehören wollt, müsst ihr erst so werden wie wir. Im Gegenteil: Gäste, die anders sind, aber dazugehören wollen, bereichern uns. Gemeinde verändert Menschen, die durch sie für Jesus gewonnen werden, aber diese Menschen verändern auch das Gesicht der Gemeinde. Das ist gut so. 
Es wäre schön, wenn wir uns diese drei Grundrechte dick hinter die Ohren schreiben könnten. Und vielleicht, nein, ganz bestimmt, werden wir dann auch Engeln begegnen.

Donnerstag, 11. August 2011

"Dahinter liegende Ursachen"

Erschrocken, traurig und wütend sind wir alle über die Anarchie auf den Straßen Londons und mittlerweile auch anderer englischer Städte, über die blinde Zerstörungswut des dort tobenden Mobs, über Plünderungen, Gewalt, Raub, Brandschatzung. Manche von uns, vor allem, wenn sie Freunde dort haben, sind zusätzlich besorgt um deren Wohlergehen.

Bereits seit der ersten Krawallnacht in Tottenham beschäftigen sich die deutschen Medien auch mit der Frage nach den "hinter den Ausschreitungen liegenden Ursachen". Aber was heißt "mit der Frage"? Sie wird kaum gestellt. Eher wissen die Medienschaffenden immer schon ganz genau die Antwort. Zwei ganz schnelle Antworten werden uns, je nach politischer Präferenz, angeboten:
  • Die Krawalle sind die Folge der liberal-konservativen Sparpolitik und der sozialen Dissoziation. Es ist ein Aufstand der Armen, den wir erleben. Der Schuldige ist der Kapitalismus oder die Regierung, die ihn stützt.
  • Die Krawalle sind die Folge der ungezügelten Einwanderung und der multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft. Die Schuldigen sind die Einwanderer oder die Regierung, die sie ins Land holt.
Was mir auffällt, ist, dass kaum darüber geschrieben und gesprochen wird, was wir uns angesichts der Bilder, die uns aus England erreichen, meiner Meinung nach alle zusammen fragen sollten: 

Haben das offensichtliche Fehlen jeder Empathie, jedes Verantwortungsbewusstseins, jeden Maßes und jeder Mitte bei den brandschatzenden Jugendlichen nicht auch etwas damit zu tun, dass in unseren Gesellschaften seit Jahrzehnten Werte wie Selbstverantwortung, Rücksicht und Respekt, Achtung vor dem Eigentum anderer, Pflichtbewusstsein, Fleiß, Familiensinn und Höflichkeit als altertümlich, bürgerlich und nicht mehr zeitgemäß verächtlich gemacht und abgetan werden?

Und wenn das so ist, sind dann nicht wir alle, die Meinungsmacher in den Medien, aber auch wir Eltern, Nachbarn, Erzieher, Lehrer, Pastoren, Mitarbeiter in Gemeinden... mitverantwortlich?

Wilhelm Röpke, einer der Väter der sozialen Marktwirtschaft, warnte in seinem Buch "Jenseits von Angebot und Nachfrage" bereits 1958 vor Fehlentwicklungen, die schlussendlich zu einer Vermassung unserer Gesellschaft führen würden.

Er sah in dem sich aus seiner Sicht immer weiter ausweitenden modernen Subventions- und Wohlfahrtsstaat die Tendenz zur Entwertung des Individuums und zur "Zerstörung echter Gemeinschaften" (Seite 78). Er warnte davor, dass sich die so zur Masse degradierten Menschen daran gewöhnen, den Staat als Versorger und sich selbst als Anspruchsteller zu betrachten und dass dieses Selbst- und Gesellschaftsverständnis an die Stelle individueller Verantwortung und echten Gemeinschaftssinns treten könne. Marktwirtschaft, schrieb er, "schöpft aus sittlichen Reserven, setzt sie voraus und verbraucht sie, aber erzeugt sie selber nicht". (Seite 169)

Für diese sittlichen Reserven aber ist nicht der Staat zuständig, sondern wir alle. Erleben wir heute die Folgen ihres Fehlens?

Dienstag, 9. August 2011

Na dann auf nach OWL

Genau heute in einer Woche geht es also los nach Detmold. Neue Stadt und - ab 1.10. - dann auch neuer Beruf.

Was mir fehlen wird:
  • Die EmK-Weltmission: Es war immer toll, im internationalen Kontext zu arbeiten und ganz praktisch die EmK als weltweite Kirche zu erfahren. Da sind tolle Leute hier im Missionsbüro, da sind Freunde in Sierra Leone, Liberia und anderswo. Ich hatte hier immer das Gefühl, einen kleinen Beitrag zur vielfältigen Reich-Gottes-Arbeit der Kirche zu leisten. Und das tat immer gut. Ich bin allen dankbar, die hier in den vergangenen Jahren mit mir zusammengearbeitet haben. 
  • Die EmK Recklinghausen: Sie zu verlassen fällt richtig schwer. Ich könnte aus dem Stehgreif eine Menge Leute aufzählen, die ich richtig vermissen werde. Zu unserer Gliederaufnahme sagte die damalige Laienvertreterin der Gemeinde, Irmgard Baltuttis: "Nun werdet ihr Teil der Familie." Und das war kein leeres Wort und keine Floskel. Diese Gemeinde ist wie eine Familie - nur mit dem Unterschied, dass sie immer darauf angelegt ist, dass andere dazukommen. In dieser Gemeinde zu leben und mitzuarbeiten, war richtig toll, und entsprechend schwer fällt es mir, davon zu lassen: von den Schwestern und Brüdern, den Gottesdiensten, den Hasukreisabenden, den Bibelstudien und und und.
  • Die räumliche Nähe zu Familie und den besten Freunden: "Schnell mal auf einen Kaffee rüberkommen." Das wird nun schwierig. Natürlich werden wir den Kontakt zu unseren Liebsten halten, so gut es eben geht. Aber vermissen werden wir die Nähe zu ihnen. 
  • Das Ruhrgebiet: Vor einigen Wochen saßen wir als Familie in einem Eiscafe' - oder besser davor, denn dieser Tag war der, auf den in diesem Jahr der Sommer fiel. Wir saßen dort und ließen es uns gut gehen: die Kinder mit einem Eis, Dani und ich mit einem richtig guten Espresso. Und als ich mich da so umsah und wahrnahm, wer da noch alles saß, kam mir der Gedanke: Diesen Typ Mensch werde ich vermissen. Das Ruhrgebiet ist keine Metropole im eigentlichen Sinn, es ist nicht "schön", aber es hat einen Typ Mensch hervorgebracht, den ich vermissen werde: offen, geradeheraus, ein bisschen grob, einfach (im positiven Sinn)... Schwer zu beschreiben, aber manche werden vielleicht verstehen, was ich meine.
Worauf ich mich freue:
  • Detmold ist eine richtig schöne Stadt. Punkt. Das ist Grund, mich zu freuen. Wir - und die Kinder - werden dort in einem schönen Umfeld leben. Wer's nicht glaubt, ist herzlich willkommen, uns zu besuchen. 
  • Die EmK Detmold: Einige Glieder der Gemeinde habe ich schon kennengelernt. Und - um nochmal das Bild von oben aufzugreifen - es war wie das Kennenlernen eines bisher unbekannten Zweiges der Familie an einem anderen Ort. Wir werden, da bin ich ganz sicher, warmherzig aufgenommen. Und: Die Gemeinde ist spannend. Sie hat eine ganz eigene Prägung, fleißige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, klasse Leute, auf die ich mich freue.
  • Meine Arbeit: So lange Zeit nach dem Studium und Examen ist es eine tolle Erfahrung, doch noch in den Dienst als Pastor gerufen zu sein. Manchmal macht Gott in seinem Wirken ganz schöne Umwege, aber ich bin sicher, dass die sich im Nachhinein gelohnt haben. Und die Erfahrungen, die ich machen durfte - im Marketing, im Vertrieb, bei der Weltmission -, will ich nicht missen. Wenn ich nach meinem Beruf gefragt wurde, hab ich immer auch gesagt: Ich bin Theologe. Nun kann ich endlich auch als solcher arbeiten. Ich freue mich auf die Arbeit in der Gemeinde und mit ihr zusammen in Detmold und ich bin gespannt, was wir miteinander alles erleben werden, wenn wir gemeinsam darangehen, unserem Auftrag in der Stadt nachzukommen.
Im Moment geht es mir - und uns als Familie - vielleicht ein bisschen so wie den vielen Leuten im Neuen Testament, die Jesus getroffen haben, von ihm angesteckt wurden und denen er dann sagte: Komm mit, folge mir nach. So ganz genau wussten die wohl auch nicht, was auf sie zukommt und wie ihre Zukunft aussieht. Aber dass es eine Zukunft in Seiner Nachfolge und Nähe sein wird, das wussten sie genau.