Dienstag, 10. Mai 2011

Beten - ganz anders


Viele Jahre lang habe ich die beneidet, die ein erfülltes Gebetsleben haben. Bei mir hat das nicht funktioniert. Ich hab mir vorgenommen, jeden Abend im Bett den Tag mit einem Gebet abzuschließen, aber meistens bin ich dabei eingeschlafen. Ich hab mir Gebetspläne gemacht: Montags für die Familien, Dienstags für die Politik, Mittwochs …, aber schon nach wenigen Tagen war es vorbei mit meiner Disziplin. Ich hab meine Stille Zeit so organisiert, dass ich immer 10 Minuten habe, mit Gott zu reden, aber habe diese 10 Minuten dann doch als Zwang empfunden.

Ein Text, den ich schon viele Male gelesen hatte, neu entdeckt, hat mein Gebetsleben dann verändert. Es sind Worte Jesu aus der Bergpredigt: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden, denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. … Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Matthäus 6,7-8)

Verwechselt beten nicht damit, Gott vollzutexten, sagt Jesus. Beten heißt nicht, auf Gott einzureden, sondern vor ihm still zu werden. Gott weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet. Er ist nicht darauf angewiesen, dass ihr ihn daran erinnert.

Direkt danach gibt Jesus seinen Jüngern ein Beispiel, wie ein Gebet - so verstanden - aussehen kann: das Vaterunser. Und wie wohltuend unterscheidet es sich von der Art des Betens, mit der ich mich Jahre lang gequält habe - schlichte Worte des Vertrauens, des Sich-Einlassens auf Gott: dein Name, dein Wille, deine Fürsorge, deine Vergebung, deine Kraft, dein Reich.

Mein Gebet hat sich verändert durch diesen Text aus der Bergpredigt. Ich bin reich geworden durch das, was Jesus hier sagt. Keine Gebetspläne mehr, keine Aufzählungen von Anliegen, keine Angst, in der Fürbitte jemanden zu vergessen, kein zwanghaftes Plappern. Stattdessen: Still werden vor Gott, ruhig sein dürfen, warten darauf, von ihm angerührt zu werden. Ich empfinde das als Befreiung, und ja: Ich bete heute gern und viel, aber eben ganz anders als früher.

Oft habe ich die Bibel beim Beten in der Hand und lese einen Text – immer wieder. Ich merke, wie ich die Worte mehr und mehr verstehe, wie sie in mir wirken. Manchmal lerne ich einen Vers auswendig, sage ihn mir eine Weile wiederholt vor, atme ihn ein und aus, meditiere ihn. Manchmal seufze ich meine Not heraus und bin dann still, warte auf Antwort und spüre, wie Vertrauen wächst. Natürlich Dank, natürlich Bitte und Fürbitte. Aber nicht genormt, nicht gezwungen, sondern so, wie es kommt, wie es raus muss.

Ich bin Jesus dankbar für seine Worte, auch wenn sie zuerst wie eine schroffe Zurechtweisung klingen: Beten heißt nicht plappern, nicht viele Worte machen. Beten heißt still werden, sich einlassen auf Gott. Einfach sagen können, was mich bewegt und dann hören.

Sonntag, 8. Mai 2011

Hirtensonntag

Heute ist Hirtensonntag. Wer in einem evangelischen Gottesdienst war, hat als Wochenspruch das Wort Jesu "Ich bin der gute Hirte" gehört. Predigttext wird in vielen Gemeinden Hesekiel 34 gewesen sein:

"Wehe den Hirten, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe weiden wollt ihr nicht. So spricht Gott: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind. Ich will meine Schafe erretten. Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen." (in Ausschnitten)


Viel ist in Predigten nachgedacht und gesprochen worden von der Verantwortung der Hirten, vom Versagen vieler, vom Leiden derer, die ihnen anvertraut sind und (hoffentlich) von der Chance, die uns der eine gute Hirte Jesus gibt, der sein Leben lässt für die Schafe: die Chance auf ein anderes, befreites Leben im Vertrauen auf diesen Hirten.

Vielleicht bietet der Hirtensonntag uns Christen ja auch die Gelegenheit, das zu tun, wozu wir in 1. Timotheus 2 aufgerufen werden: "Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit." Für Hirten/Führungspersonen - in den verschiedensten Zusammenhängen - beten, das ist doch eine tolle Aufgabe für heute:
  • für die Hirten in der Gemeinde und in der Kirche, für alle, die haupt- oder nebenberuflich Verantwortung übernehmen in der Verkündigung des Evangeliums und im Leben der Gemeinde,
  • für die Hirten im Staat, also für die, die sich politisch eingagieren, die am Wettstreit der Ideen für ein gelingendes Zusammenleben teilnehmen, die in der Regierung oder in der Opposition politische Verantwortung wahrnehmen,
  • für die Hirten in Schulen und Kindergärten, die Lehrer und Erzieher, die uns bei der Erziehung unserer Kinder unterstützen und für ihre Bildung arbeiten,
  • für die Hirten in der Wirtschaft: die Unternehmer, die Selbstständigen, die Führungskräfte und Manager, die hart arbeiten für den Erfolg ihrer Unternehmen und für den Wohlstand aller,
  • für die Hirten in den Familien, die Mütter und Väter (schön, dass der Hirtensonntag gleichzeitig Muttertag ist), die ihre ganze Kraft einsetzen, damit ihre Kinder fröhlich, gesund und glücklich aufwachsen und zu verantwortungsbewussten und freien Persönlichkeiten werden.
Hirtensonntag - neben vielem anderen auch eine gute Gelegenheit, einmal für all die Hirten, für alle, die Verantwortung für andere übernehmen, zu danken und zu beten.