Mittwoch, 2. Februar 2011

Die Nähe Jesu suchen

Kurzandacht in der Kommission Gemeindeleben der EmK-Recklinghausen am 02.02.2010

"Übrigens: In den Evangelien wird an keiner einzigen Stelle von jemandem erzählt, der umsonst die Nähe Jesu gesucht hätte." Mit diesen Worten endete eine Morgenandacht von Ako Harbeck in der letzten Woche in WDR 5.

Vielleicht denken einige von euch spontan wie ich an den reichen Jüngling, der nach seiner Begegnung mit Jesus enttäuscht weggeht. "Verkaufe alles was du hast und gib's den Armen", hatte Jesus von ihm verlangt. Dazu war er nicht in der Lage. So weit wollte er nicht gehen. Er hatte die Nähe Jesu gesucht, doch am Ende der Geschichte steht die Enttäuschung. Widerlegt das Harbecks These? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht, denn wir erfahren nicht, ob und wie sich das Leben des reichen jungen Mannes nach der Begegnung mit Jesus verändert hat. Ist es bei der Enttäuschung geblieben? Hat er veielleicht die Begegnung mit Jesus irgendwann verdrängt und wieder so gelebt wie vorher, als wenn gar nichts gewesen wäre? Oder hat die Begegnung in ihm nachgewirkt, ihn verändert, sein Leben, seinen Umgang mit Geld, seinen Glauben, sein Verhältnis zu anderen? Wir wissen es nicht. Es muss offen bleiben, aber die Worte Jesu, die die Erzählung von dem jungen Mann abschließen, lassen uns für ihn hoffen: "Bei Gott ist alles möglich."

Abgesehen von diesem reichen jungen Mann, bei dem wir nichts Genaues wissen, fällt mir in der Tat niemand ein, von dem die Evangelien erzählen, dass er vergeblich die Nähe Jesu gesucht hätte. Ob Pharisäer oder Zöllner, Hure oder Fischer, Kranker, Politiker oder Frau am Brunnen: Bei allen, die die Nähe dieses Mannes ernsthaft gesucht haben, geschah etwas: Heilung, Vergebung, Erneuerung, Veränderung.

Ich bin überzeugt: Seine Nähe sucht niemand umsonst. Auch heute. Also lasst uns Jesu Nähe suchen, hier in der Gemeinde und in unserem Alltag. Jesus selbst lädt uns dazu ein: Kommt her zu mir (Matthäus 11,28).

Aber wie geht das? Wie können wir praktisch Jesu Nähe suchen? Drei Dinge fallen mir dazu ein:

1. durch Bibellesen. Das klingt vielleicht platt. Aber erst gestern im Hauskreis hat einer erzählt, dass er jetzt angefangen hat, das Neue Testament zu lesen. Einfach so, von vorne nach hinten, gemütlich auf dem Sofa, jeden Tag ein paar Seiten. Und es beschäftigt ihn, bewirkt neue Fragen nach dem Lebensstil, nach dem Umgang mit anderen, vor allem mit schwierigen Leuten, nach dem Vertrauen... Wir haben den ganzen Abend über solche Fragen geredet, haben die Stellen nachgeschlagen, an denen sie sich entzünden, haben uns ausgetauscht. Es war ein guter Hauskreisabend. Und am Ende waren wir uns an einer Stelle einig: Wenn ich mich jeden Tag mit Pornos vollstopfe, dann prägt das auf Dauer mein Verhältnis zur Sexualität. Es wird roh, kalt, Sex wird zu einer Ware. Wenn ich jeden Tag Gewalt-Videos spiele oder mir ansehe, dann prägt das auf die Dauer mein Leben: Gewalt verliert ihren Schrecken, ich gewöhne mich daran und drohe, zu verrohen. Und genauso kann es auch mein Leben prägen, wenn ich mich jeden Tag mit der Bibel und darin mit Jesus beschäftige. Dann kann er mich verändern, anstecken mit seiner Liebe und Konsequenz. Eine Möglichkeit, Jesu Nähe zu suchen.

2. beten. Für die zwölf Jünger war es ganz einfach, Jesu Nähe zu finden. Sie waren ja jeden Tag mit ihm zusammen, gingen mit, lernten von ihm, hörten zu. Sie stellten ihrem Rabbi Fragen, die sie beschäftigten und bekamen Antwort. Mein Gebet - hab ich mir vorgenommen - soll sich an diesen Zwölf orientieren. Kein Plappern, keine langen Reden, keine Routine, sondern ernsthaftes Suchen der Nähe Jesu. Wie die Zwölf möchte ich ihm meine Fragen stellen, von ihm lernen, auf Antwort warten, still sein und zuhören. Jeden Tag beten, mit Jesus reden, ihn fragen, das ist das zweite, was mir einfällt, wie ich Jesu Nähe suchen kann. Und das

3.: Jesus in den Armen finden. "Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, habt ihr mir getan", sagt Jesus in Matthäus 25, 40. Wenn wir ernsthaft Jesus suchen, seine Nähe, dann sollten wir bei denen nachsehen, die er seine geringsten Brüder und Schwestern nennt. Wir können denen, die es nötig haben, zuhören, Zeit für das Gespräch mit denen investieren, mit denen sich sonst keiner lange aufhält oder überlegen, ob wir mehr abgeben können an die Armen, als wir es bisher getan haben. Ich weiß, dass viele von euch das jeden Tag tun und sich für andere engagieren. Ohne großes Aufeben darum zu machen. Und ich bin überzeugt: Wenn wir darauf achten und aufmerksam dafür sind, dann können wir dabei Jesu Nähe erleben. Und dann wird er uns - durch diese anderen Menschen - verändern.

Niemand sucht umsonst die Nähe Jesu. In den Evangelien nicht und auch heute nicht. Das ist Verheißung, sein Versprechen. Kommt her zu mir. Jesu Nähe verändert. Also lasst sie uns in unserem persönlichen Leben und auch hier in der Gemeinde suchen: durch regelmäßiges Lesen in der Bibel, durch aufmerksames ehrliches Beten - mit ihm sprechen wie ein Jünger mit seinem Rabbi - und durch Hingabe an die, die unsere Hilfe nötig haben, an seine geringsten Brüder und Schwestern. Lasst uns seine Nähe suchen. Umsonst sein wird nicht sein - ganz bestimmt.