Dienstag, 7. Dezember 2010

Wenn Wohltätigkeit wehtut - Gedanken zur EmK-Weihnachtsaktion

Viele rufen uns in diesen Tagen hier im Missionsbüro an. Sie fragen: Was ist das besondere an der Weihnachtsaktion der EmK-Weltmission? Warum machen wir als kleine Kirche etwas eigenes und schließen uns nicht einer der großen Wohltätigkeits-Aktionen in der Weihnachtszeit an? Viele in den Gemeinden würden gerne praktisch etwas tun und Pakete zum Beispiel nach Übersee schicken mit Geschenken für Bedürftige.

Meine ganz persönliche Überzeugung ist: Wohltätigkeit ist wichtig und gut, aber sie kann auch wehtun. Ich habe großen Respekt vor allen, die Pakete packen. Ich finde das toll. Wohltätigkeit ist wichtig. Da gibt es nichts, aber auch wirklich nichts zu kritisieren oder zu belächeln. Aber: Sie kann auch (unbeabsichtigt) bevormundend und erniedrigend sein für diejenigen, die unsere Gaben empfangen. Was ich damit meine, wird am besten aus dieser Geschichte deutlich:

(Original in englischer Sprache: C. Neal Johnson, The Acton Institute Blog, 16. November 2010)

Ich hörte von einem Bergmann in der Apalachia Gegend. Die Kirchengemeinde an seinem Ort wollte einmal wirklich etwas Großes bewegen. Sie beschlossen, die ärmsten Familien am Ort zu besuchen und ihnen Weihnachtsgeschenke zu bringen. Und so taten sie es dann auch.

Sie besuchten auch die Bergmannsfamilie und brachten ihr Geschenke. Auch alle Kinder des Bergmanns bekamen schöne Geschenke und Süßigkeiten. Die Leute aus der Gemeinde waren sehr glücklich darüber, was sie getan hatten. Und dann gingen sie wieder.

Der Vater der Familie brach daraufhin völlig zusammen und fing an zu weinen. Er schluchzte: "Die zählen uns also zu den ärmsten Familien am Ort?" Er schämte sich fürchterlich wegen der Wohltätigkeit der Leute aus der Gemeinde, wegen all der Dinge, die sie ihm und seiner Familie mit den allerbesten Absichten geschenkt hatten. All das beschämte ihn. 

Sein Sohn hat mir die Begebenheit erzählt. Er sagte: "Das verstörte meinen Vater so, dass er sich so schämte vor den Leuten im Ort, dass sie ihn nicht für fähig hielten, selbst für seine Familie und sich selbst zu sorgen. Es machte seine Würde und Selbstachtung kaputt."


Noch einmal: Wohltätigkeit ist gut und wichtig, und ich finde jede Form der Nächstenhilfe - nicht nur - in der Adventszeit beeindruckend und schön: die Spende für "Ein Herz für Kinder", die Päckchen für "Weihnachten im Schuhkarton", die Lebensmittellieferung nach Albanien usw. Ohne Einschränkung: Prima.

Unsere Weihnachtsaktion soll auch nicht als eine Konkurrenz gegen all diese guten Hilfsprogramme gerichtet sein. Sie soll aber eine andere Form der Partnerschaft ermöglichen und in diesem Sinn durchaus eine Alternative sein. Deshalb sind uns drei Dinge besonders wichtig:
  1. Die Artikel, um die es geht (in diesem Jahr Schulrucksäcke und Lernmaterial für Kinder) werden im Partnerland selbst (in Brasilien) hergestellt.  Nicht wir bringen Waren dorthin, die wir nicht mehr brauchen oder von denen wir meinen, unsere Freunde dort benötigen sie, sondern unsere Partner selbst gründen ein kleines Unternehmen und stellen das her, was sie benötigen. Die finanzielle Starthilfe kommt von uns, aber die Durchführung des Programms, der Arbeitseinsatz, die Planung und Organisation usw. leisten unsere Partner selbst.
  2. Die Idee, was produziert und wie es verteilt wird, kommt von den Partnern selbst. Sie schlagen uns die Aktion vor und sie führen sie auch selbständig durch. 
  3. Die Aktion soll einen langfristigen Effekt haben: Menschen bekommen Arbeit, erlernen etwas Neues und können nach Abschluss der Aktion entweder weiter im gleichen Betrieb als Team zusammenarbeiten oder haben bessere Chancen, auf dem Arbeitsmarkt etwas anderes zu finden.  

Montag, 6. Dezember 2010

Könige und Schafhirten

Übersetzung der UpperRoom-Meditation vom 5.12.2010

"Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die da Gutes verkündigen." Jesaja 52,7

Wer spielt Maria? Joseph? Einen der Könige? Das sind die Fragen, die immer gestellt wurden, wenn wir das Krippenspiel in der Gemeinde vorbereiteten. Maria und Joseph waren die Rollen mit dem höchsten Prestige beim Krippenspiel, und die Könige hatten immerhin tolle Kostüme: mit Kronen und schönen Roben. Die Schafhirten dagegen schienen nicht so wichtig zu sein. Sie hatten nur Handtücher um ihre Köpfe zu binden und dazusitzen. Sie waren eine größere Gruppe - alle sahen gleich aus und so saßen sie eben da. Keiner wollte einen Schafhirten spielen.

Ich denke, den Schafhirten in der Weihnachtsgeschichte wird zu wenig Beachtung geschenkt. Immerhin sind sie die ersten, denen die Engel von der Geburt Jesu Christi erzählen. Sie gehören zu den ersten, die Jesus zu sehen bekommen. Und sie sind die ersten, die die gute Nachricht anderen weitererzählen. Kurz: Die Schafhirten, diese kleinen Leute, spielen in der Geschichte Jesu eine wichtige Rolle.

Genauso hat Gott für jede und jeden von uns eine wichtige Rolle. Ob Könige oder Schafhirten, wir sind alle aufgerufen, anderen von unserem Retter zu erzählen und die gute Nachricht zu verkündigen.

Original in englischer Sprache von Xavia Arndt Sheffield (Maryland, USA)

Gebet: Gott aller Völker, hilf uns heute, wie die Schafhirten zu sein, dich zu ehren und zu preisen und anderen von Jesus Christus zu erzählen. Amen

Gedanke für den Tag: Wo auch immer wir im Leben stehen, wir können Zeugen der guten Nachricht von Gottes Liebe werden.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Du sollst nicht stehlen - Vom Wohlstand

(Predigt in der EmK Recklinghausen)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

„Viel Glück und viel Segen
auf all deinen Wegen
Gesundheit und WOHLSTAND
sei auch mit dabei“.

Wohlstand? Heißt das nicht „Gesundheit und Frohsinn“? Ja, so singen wir das immer. Aber überraschenderweise heißt es eben eigentlich nicht „Gesundheit und Frohsinn“, sondern „Gesundheit und Wohlstand“. Zumindest im ältesten erhaltenen Text dieses Liedes aus dem „Jungbrunnen-Liederbuch“ von 1937. Erstaunlich, was?

Da stellt sich die Frage: Wie und warum ist aus dem Wohlstand der Frohsinn geworden? Das Lied, das wir gerne zu Geburtstagen singen, ist ein echtes Volkslied. Wir finden es heute nicht mehr in Liederbüchern, sondern es wird von Mund zu Mund überliefert und von einer Generation an die nächste weitergegeben. Vor allem in kirchlichen Kreisen ist es beliebt. Und genau da, vermute ich, liegt der Hase im Pfeffer:

Christinnen und Christen haben ein gebrochenes, um nicht zu sagen gestörtes Verhältnis zum Wohlstand. Der scheinbar nur allzu menschliche und bürgerliche Wunsch nach Wohlstand für sich selbst und die Familie ist uns ein bisschen ungeheuer oder zumindest peinlich. Da macht sich Frohsinn schon besser, oder? Also haben wir im Verlauf der letzten 70 Jahre das Lied spiritualisiert und wünschen uns nun lieber Frohsinn als Wohlstand.

Das skeptische Verhältnis der Christen zu Wohlstand und Eigentum kommt nicht von ungefähr. Es ist gut und biblisch begründet. Man muss sich nur an die bekannte Geschichte vom „reichen Jüngling“ erinnern (Mt. 19, 16-26). Der kommt zu Jesus und fragt ihn, was er Gutes tun kann, um bei Gott etwas zu sein und ewiges Leben zu erhalten. Die beiden einigen sich auf die 10 Gebote als gute Richtschnur: „Du sollst nicht stehlen“, steht da unter anderem. Als der wohlhabende junge Mann sich darauf einlässt, fordert Jesus ihn auf: Verkaufe dein Eigentum und gib den Erlös den Armen. Verschenke deinen Wohlstand, wenn du vollkommen sein willst. Darauf geht der junge Mann „betrübt“ weg. Er ist enttäuscht. Und Jesus sagt: „Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“

Oder denken wir an die Beschreibung der Urgemeinde in der Apostelgeschichte, Kap. 2, 44-45: „Alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ Von Liebeskommunismus sprechen die Ausleger an dieser Stelle gerne.

Es besteht also wirklich Anlass für Christen heute, skeptisch zu sein beim Wunsch nach Wohlstand. Christen und Eigentum oder Wohlstand – Wie geht das zusammen? Das soll unsere Frage sein heute morgen.

Wenn es in den 10 Geboten heißt „Du sollst nicht stehlen“, dann ist das ja eine Legitimierung des Eigentums. Gott, so haben wir gesagt, stellt uns in den Geboten Bereiche und Ordnungen vor Augen, die ihm wichtig sind und in denen wir unseren Glauben bewähren können: die Familie (Du sollst Vater und Mutter ehren), die Ehe (Du sollst nicht ehebrechen), das Leben (Du sollst nicht töten), das Recht (Du sollst nicht falsch Zeugnis geben) und hier eben auch das Eigentum.

Seltsam, oder? Auf der einen Seite diese Skepsis gegenüber dem Wohlstand in der Bibel, auf der anderen Seite das Eigentum als von Gott geschützte Ordnung.

Ich denke, unser Umgang mit Wohlstand, Eigentum, Besitz, Arbeit und Leistung kann ein ganz entscheidender Teil glaubwürdigen Christseins heute sein. Meine Gedanken dazu möchte ich in drei Abschnitten mit euch teilen, angelehnt an John Wesleys Predigt über den Umgang mit Geld mit seinen drei berühmten Überschriften: Erwirb so viel du kannst, spare so viel du kannst und gib so viel du kannst. Den Inhalt der drei Teile fülle ich in aller Freiheit so aus:

1.) Fleiß und Streben nach Wohlstand sind o.k. - „Erwirb so viel du kannst“

Wesleys Satz zum Umgang mit Geld „Erwirb so viel du kannst“ hat sicher damals viele überrascht. Das war doch der Typ, der so bescheiden lebte und dessen Anhänger genau wie er durch Bescheidenheit und Einfachheit auffielen. Der, der seine Leute anhielt, keinen Alkohol zu trinken, nicht zu prassen und sich einfach und schlicht anzuziehen. Der, der besonders viel Erfolg bei den Armen und einfachen Leuten hatte. Und der sagt nun, wenn es um den Umgang mit Geld geht, zuerst: „Erwirb so viel du kannst.“ Sei fleißig. Arbeite hart für dich und deine Familie. Tu das auf jeden Fall auf ehrliche Art und Weise, gewiss. Ohne Betrug, sicher. Aber eben doch: Versuche, durch ehrliche Arbeit Wohlstand zu erwerben. Erwirb, so viel du kannst.

Wesley steht mit dieser Aufforderung voll und ganz auf der Grundlage der reformatorisch-evangelischen Auffassung vom Beruf: Geld verdienen, für sich und seine Familie fleißig zu sein, sich Wohlstand zu erarbeiten, diese bürgerliche Lebenseinstellung ist für die Reformatoren nichts Negatives, Unchristliches, sondern ist erlaubt und geboten. Mit Paulus in 1. Thessalonicher 4, 11-12 sagen die Reformatoren: „Setzt eure Ehre darein, dass ihr das Eure schafft und mit euren eigenen Händen arbeitet, damit ihr ehrbar lebt und auf niemanden angewiesen seid.“

Das war vorher anders: In vorreformatorischer Zeit wurde streng zwischen weltlichem und geistlichem Stand und Beruf getrennt. Durch Teilhabe am geistlichen Stand, also als Pfarrer, Mönch oder Nonne konnte man sich besonderes Wohlwollen bei Gott erwerben. Andere Berufe waren dem gegenüber weniger wertvoll und hatten keine positive Bedeutung für das Leben als Christ. Ja, manche einfachen Berufe waren eher hinderlich. Auf jeden Fall aber hatte Gott kein Gefallen daran.

Anders Luther und seine Freunde: Sie legten die verschüttete Botschaft des Neuen Testamentes frei, dass wir nicht durch unsere Werke – auch nicht durch die eines Pfarrers, einer Nonne oder eines Mönches – vor Gott gerecht werden und gut dastehen können. Im Gegenteil: Unsere vermeintlichen guten Werke können uns stolz machen und gerade dadurch weiter von Gott wegtreiben. Denn Gott will, dass wir uns allein, wirklich allein, ganz und gar auf ihn verlassen. Er spricht uns um Jesu willen unverdient gerecht, wenn wir ihm ganz vertrauen.

Und einmal so von Gott gerecht gesprochen wird unser ganzes Leben zum Tummelplatz der Liebe. JEDER Beruf kann dann zum Ausdruck der Liebe werden, mit der wir, von Gott gerecht gesprochen, ihm und unseren Mitmenschen dankbar dienen: Wenn wir als Bäcker Brot backen, das andere essen, als Fernfahrer Lebensmittel zu den Menschen bringen, als Hausfrau und Mutter die Familie zusammenhalten und versorgen und die Kinder erziehen, als Sekretärin ein Büro organisieren und dem Chef den Rücken freihalten, als Unternehmer Handel treiben oder Güter produzieren, als Polizist das Recht schützen, wenn wir uns ehrenamtlich für die Gemeinde oder einen Verein engagieren oder was auch immer: Alles dies – gleichermaßen – bekommt dann eine neue Bedeutung: Es ist gut und sinnvoll, wenn wir so für uns selbst und unsere Familie sorgen und unseren Lebensunterhalt verdienen. Wir dürfen unsere Arbeit als Gottesdienst und zugleich Dienst an unseren Mitmenschen verstehen.

Das ist das erste, was zu sagen ist zum glaubwürdigen Umgang der Christen mit Wohlstand und Eigentum: Es ist o.k., es ist erlaubt und geboten, dass du durch deine Arbeit für dich und deine Familie Wohlstand erwerben willst. Es ist o.k., dass du dafür sorgen willst, dass es dir und den Deinen gut geht. Nicht nur sogenannte geistliche oder soziale Berufe sind sinnvoll und Gott wohlgefällig, sondern jede Arbeit - hauptamtlich, nebenamtlich und ehrenamtlich - kann Gottesdienst sein.
Erwirb so viel du kannst. Das Streben nach Wohlstand durch ehrliche Arbeit ist nichts Anrüchiges, sondern es ist erlaubt und geboten.

2.) Gott schenkt dir Freiheit – „Spare so viel du kannst“.

Die Grundlage und Voraussetzung für die reformatorische Wertschätzung des Berufes und des ehrlichen Strebens nach Wohlstand ist die Erkenntnis und das Vertrauen darauf, dass Gott uns um Jesu willen gerecht spricht, dass er uns – umsonst und unverdient – frei macht von Sünde und Schuld und dass wir uns das selbst nicht verdienen können, ja dass unsere Versuche, selbst gerecht zu sein, uns nur weiter von Gott weg und in die Sünde hineintreiben statt zu ihm hin. Wenn du dieses Vertrauen zu Gott hast - Er vergibt mir meine Schuld und spricht mich gerecht – dann kannst du ruhig, gelassen und fröhlich die Arbeit tun, die dir vor die Füße fällt und darfst ohne schlechtes Gewissen für dich und die Deinen sorgen.

Und das gleiche Vertrauen, das ist der zweite Punkt, macht dich frei von dem Aberglauben, dass es Wohlstand, Erfolg und Reichtum sind, die dich zu einem wertvollen Menschen machen. Für Gott, bist du schon wertvoll, bevor du überhaupt irgendetwas leisten oder haben kannst, so wertvoll, dass er in Jesus selbst Mensch geworden ist, dass er also dein Leben mit dir geteilt hat, dass er für dich am Kreuz gestorben ist, für dich, und dass er für dich auferstanden ist und dem Tod seinen Schrecken genommen hat. So wertvoll bist du für Gott, ohne etwas zu leisten, ohne etwas zu haben oder zu besitzen.

Das Streben nach Wohlstand ist o.k., das ist wahr. Aber Wohlstand, Arbeit, Besitz ist nicht alles. Wohlstand kann uns, die wir mit Jesus leben und ihn als unseren Herrn angenommen haben, nun nicht mehr versklaven. Wir sind frei von ihm. Für uns gibt es keinen Konsumzwang mehr, auch nicht zu Weihnachten. Wir müssen nicht mehr protzen mit tollen Klamotten, brandneuen Autos und mit unseren tollen Jobs. Das haben wir nicht nötig. Wir sind frei davon. Frei, weil wir wissen, dass wir ohne all das und jenseits alles dessen unendlich wertvoll sind, von Gott geliebt, so sehr, dass er sich in Jesus für uns hat hinrichten lassen. Wahnsinn, oder? Wir sind frei.

In Deutschland gibt es zwar weniger, aber immerhin noch fast drei Millionen arbeitslose Menschen. Die meisten von ihnen würden liebend gerne einer Erwerbsarbeit nachgehen, etwas erwerben und durch ihre eigenen Hände für sich selbst sorgen. Sie haben aber keine Chance dazu. Zum Glück leben wir in einer Gesellschaft, in der es in diesem Fall Hilfe zum Lebensunterhalt gibt. Niemand muss hungern und für das Nötigste wird von der Gemeinschaft gesorgt. Das ist gut. Aber der Schmerz bleibt: der Schmerz, nicht selbst für sich sorgen zu dürfen, es gerne zu wollen, aber nicht zu können.
Nicht nur, aber auch für diese Menschen ist es wichtig, dass wir das immer wieder sagen: Gott gibt jedem Menschen Würde und liebt jeden Menschen unendlich, ohne alle und jenseits aller Leistung und allen Wohlstandes.

Ja, wir wissen, Wohlstand und Reichtum, Konsum und Eigentum können auch gefährlich werden, sie können zum Abgott werden und Menschen versklaven: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ hat Jesus gesagt (Mt. 6,24). Das ist die dämonische Macht des Wohlstands: Er macht sich selbst zu Gott und versklavt Menschen. Aber Jesus macht uns davon frei, er nimmt dem Wohlstand diese dämonische Macht: Wir brauchen ihn nicht, um etwas wert zu sein, um etwas zu gelten, weil wir schon alles wert sind, weil wir geliebt sind von Gott.

Daran hängt, auch an diesem zweiten Punkt alles: an der Gewissheit, dass Jesus dich liebt, dass er für dich zur Welt gekommen ist, gelebt hat, gestorben und auferstanden ist, dass er dir alle deine Schuld vergeben will und nur darauf wartet, dass du Ja zu ihm sagst und ihn als deinen Herrn, ganz persönlich, in dein Leben lässt. Wenn du das tust, bist du frei von allen Abgöttern, auch vom Abgott Mammon. Du brauchst sie nicht mehr, um etwas wert zu sein. Du bist frei vom Zwang des Immer-mehr-konsumieren-und-haben-müsssens und darfst befreit aufleben. Du kannst es dir sparen, weil Gott dich frei gemacht hat.

3.) Die Königsdisziplin des Vertrauens – „Gib so viel du kannst“.

„Du sollst nicht stehlen“, das heißt nach Luthers Auslegung zweierlei:
1. Nimm niemand etwas weg. Und
2. Fördere und unterstütze andere und hilf ihnen, wo du nur kannst.
Das Geben an andere, die es brauchen und in Not sind, das Teilen, gehört von Anfang an zum Christsein dazu. Und auch für uns ist ein Gottesdienst ohne Kollekte schwer vorstellbar, oder?

Das Anstößige an Wesleys Satz „Gib so viel du kannst“ ist ja nicht das „Gib“. Das ist uns schon klar. Selbstverständlich. Das Anstößige ist das „soviel du kannst.“ Wow. Er sagt eben nicht: Gib was du übrig hast. Gib so viel du willst. Oder gib was du nicht brauchst. Nein, er sagt: Gib so viel du kannst.

Ich glaube, anstößig ist das nicht deshalb, weil wir es nicht wollen. Viele wollen das schon. Anstößig ist es, weil wir uns nicht trauen.

Wie viel traust du dich zu geben? Das ist die entscheidende Frage.

Meine These ist: Wir können das lernen. Wir können lernen, uns zu trauen oder besser: ihm, Jesus, so zu vertrauen, dass wir geben, so viel wir können.

Anders gesagt: Wie viel wir uns für andere zu geben trauen, hängt davon ab, auf wen wir sehen:
Die Witwe, von der Jesus in Lukas 21,1-4 erzählt, die sieht – so stelle ich es mir vor – auf Gott. Sie ist erfüllt von dem Wert, den Gott ihr schenkt. Sie ist erfüllt davon, dass Gott sie liebt und sie sieht auf ihn, nicht auf sich selbst in ihrer Armut. Deshalb hat sie, bekommt sie von Gott, die Freiheit, „alles“ zu geben, „was sie zum Leben hatte.“
Der reiche Jüngling aus Matthäus 19 dagegen sieht auf sich selbst. „Was muss ich tun?“ ist seine Frage. Und er sagt: „Das habe ich alles gehalten.“ Ich. Er sieht auf sich selbst, und deshalb traut er sich nicht, zu geben wie die Witwe und geht traurig und enttäuscht davon.

Wie viel wir uns zu geben trauen, hängt davon ab, auf wen wir sehen. Auf uns oder auf Gott. Das Ende der Geschichte vom reichen Jüngling ist die Frage der Jünger: Ja wer kann dann selig werden? Wisst ihr, was Jesus antwortet? Er sagt: „Bei den Menschen ist's unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.“

Auf wen also siehst du?
Siehst du auf dich selbst? Willst du durch deine Arbeit, deine Leistung und deinen Wohlstand Wert haben, dir Selbst-Wert geben und ein Jemand sein? Dann läufst du immer Gefahr, vom Wohlstand versklavt zu werden, ihm dein Leben lang hinterherzulaufen und nicht zur Ruhe zu kommen.
Oder siehst du auf Jesus, der dich so sehr liebt, dass er für dich Mensch geworden ist, der will, dass du nicht auf deine Leistung pochst, um etwas zu sein, sondern dass du dich ganz auf ihn verlässt, auf das, was er schon für dich getan hat, der will, dass du heute Ja zu ihm sagst und ihn zu deinem Herrn machst.

Auf wen siehst du? Es ist deine Entscheidung. Heute.

Wenn du dich für ihn entscheidest, dann hat das Folgen. Glaubs mir, er krempelt dein ganzes Leben um. Folgen auch für dein Verhältnis zu Wohlstand, Arbeit und Besitz:
Du kannst
1.) fröhlich und mit befreitem Gewissen deiner Arbeit nachgehen, für dich und deine Familie sorgen und mit deiner Arbeit (beruflich und/oder im Ehrenamt) Gott und anderen Menschen dienen. Erwirb so viel du kannst.
2.) gewiss sein und aus dieser Gewissheit leben, dass du vor aller Leistung und unabhängig davon unendlich wertvoll bist. Du musst dich nicht mehr selbst beweisen durch deinen Schick, deinen Besitz, deinen Wohlstand oder deine Leistung. Du bist frei von diesem Abgott. Du kannst dir das alles sparen. Spare, so viel du kannst.
3.) zu einem fröhlichen Geber werden, der Gott so vertraut, seiner Liebe und Fürsorge, dass er sich traut, mehr zu geben als er übrig hat. Gib so viel du kannst.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.