Dienstag, 7. Dezember 2010

Wenn Wohltätigkeit wehtut - Gedanken zur EmK-Weihnachtsaktion

Viele rufen uns in diesen Tagen hier im Missionsbüro an. Sie fragen: Was ist das besondere an der Weihnachtsaktion der EmK-Weltmission? Warum machen wir als kleine Kirche etwas eigenes und schließen uns nicht einer der großen Wohltätigkeits-Aktionen in der Weihnachtszeit an? Viele in den Gemeinden würden gerne praktisch etwas tun und Pakete zum Beispiel nach Übersee schicken mit Geschenken für Bedürftige.

Meine ganz persönliche Überzeugung ist: Wohltätigkeit ist wichtig und gut, aber sie kann auch wehtun. Ich habe großen Respekt vor allen, die Pakete packen. Ich finde das toll. Wohltätigkeit ist wichtig. Da gibt es nichts, aber auch wirklich nichts zu kritisieren oder zu belächeln. Aber: Sie kann auch (unbeabsichtigt) bevormundend und erniedrigend sein für diejenigen, die unsere Gaben empfangen. Was ich damit meine, wird am besten aus dieser Geschichte deutlich:

(Original in englischer Sprache: C. Neal Johnson, The Acton Institute Blog, 16. November 2010)

Ich hörte von einem Bergmann in der Apalachia Gegend. Die Kirchengemeinde an seinem Ort wollte einmal wirklich etwas Großes bewegen. Sie beschlossen, die ärmsten Familien am Ort zu besuchen und ihnen Weihnachtsgeschenke zu bringen. Und so taten sie es dann auch.

Sie besuchten auch die Bergmannsfamilie und brachten ihr Geschenke. Auch alle Kinder des Bergmanns bekamen schöne Geschenke und Süßigkeiten. Die Leute aus der Gemeinde waren sehr glücklich darüber, was sie getan hatten. Und dann gingen sie wieder.

Der Vater der Familie brach daraufhin völlig zusammen und fing an zu weinen. Er schluchzte: "Die zählen uns also zu den ärmsten Familien am Ort?" Er schämte sich fürchterlich wegen der Wohltätigkeit der Leute aus der Gemeinde, wegen all der Dinge, die sie ihm und seiner Familie mit den allerbesten Absichten geschenkt hatten. All das beschämte ihn. 

Sein Sohn hat mir die Begebenheit erzählt. Er sagte: "Das verstörte meinen Vater so, dass er sich so schämte vor den Leuten im Ort, dass sie ihn nicht für fähig hielten, selbst für seine Familie und sich selbst zu sorgen. Es machte seine Würde und Selbstachtung kaputt."


Noch einmal: Wohltätigkeit ist gut und wichtig, und ich finde jede Form der Nächstenhilfe - nicht nur - in der Adventszeit beeindruckend und schön: die Spende für "Ein Herz für Kinder", die Päckchen für "Weihnachten im Schuhkarton", die Lebensmittellieferung nach Albanien usw. Ohne Einschränkung: Prima.

Unsere Weihnachtsaktion soll auch nicht als eine Konkurrenz gegen all diese guten Hilfsprogramme gerichtet sein. Sie soll aber eine andere Form der Partnerschaft ermöglichen und in diesem Sinn durchaus eine Alternative sein. Deshalb sind uns drei Dinge besonders wichtig:
  1. Die Artikel, um die es geht (in diesem Jahr Schulrucksäcke und Lernmaterial für Kinder) werden im Partnerland selbst (in Brasilien) hergestellt.  Nicht wir bringen Waren dorthin, die wir nicht mehr brauchen oder von denen wir meinen, unsere Freunde dort benötigen sie, sondern unsere Partner selbst gründen ein kleines Unternehmen und stellen das her, was sie benötigen. Die finanzielle Starthilfe kommt von uns, aber die Durchführung des Programms, der Arbeitseinsatz, die Planung und Organisation usw. leisten unsere Partner selbst.
  2. Die Idee, was produziert und wie es verteilt wird, kommt von den Partnern selbst. Sie schlagen uns die Aktion vor und sie führen sie auch selbständig durch. 
  3. Die Aktion soll einen langfristigen Effekt haben: Menschen bekommen Arbeit, erlernen etwas Neues und können nach Abschluss der Aktion entweder weiter im gleichen Betrieb als Team zusammenarbeiten oder haben bessere Chancen, auf dem Arbeitsmarkt etwas anderes zu finden.  

Montag, 6. Dezember 2010

Könige und Schafhirten

Übersetzung der UpperRoom-Meditation vom 5.12.2010

"Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die da Gutes verkündigen." Jesaja 52,7

Wer spielt Maria? Joseph? Einen der Könige? Das sind die Fragen, die immer gestellt wurden, wenn wir das Krippenspiel in der Gemeinde vorbereiteten. Maria und Joseph waren die Rollen mit dem höchsten Prestige beim Krippenspiel, und die Könige hatten immerhin tolle Kostüme: mit Kronen und schönen Roben. Die Schafhirten dagegen schienen nicht so wichtig zu sein. Sie hatten nur Handtücher um ihre Köpfe zu binden und dazusitzen. Sie waren eine größere Gruppe - alle sahen gleich aus und so saßen sie eben da. Keiner wollte einen Schafhirten spielen.

Ich denke, den Schafhirten in der Weihnachtsgeschichte wird zu wenig Beachtung geschenkt. Immerhin sind sie die ersten, denen die Engel von der Geburt Jesu Christi erzählen. Sie gehören zu den ersten, die Jesus zu sehen bekommen. Und sie sind die ersten, die die gute Nachricht anderen weitererzählen. Kurz: Die Schafhirten, diese kleinen Leute, spielen in der Geschichte Jesu eine wichtige Rolle.

Genauso hat Gott für jede und jeden von uns eine wichtige Rolle. Ob Könige oder Schafhirten, wir sind alle aufgerufen, anderen von unserem Retter zu erzählen und die gute Nachricht zu verkündigen.

Original in englischer Sprache von Xavia Arndt Sheffield (Maryland, USA)

Gebet: Gott aller Völker, hilf uns heute, wie die Schafhirten zu sein, dich zu ehren und zu preisen und anderen von Jesus Christus zu erzählen. Amen

Gedanke für den Tag: Wo auch immer wir im Leben stehen, wir können Zeugen der guten Nachricht von Gottes Liebe werden.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Du sollst nicht stehlen - Vom Wohlstand

(Predigt in der EmK Recklinghausen)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

„Viel Glück und viel Segen
auf all deinen Wegen
Gesundheit und WOHLSTAND
sei auch mit dabei“.

Wohlstand? Heißt das nicht „Gesundheit und Frohsinn“? Ja, so singen wir das immer. Aber überraschenderweise heißt es eben eigentlich nicht „Gesundheit und Frohsinn“, sondern „Gesundheit und Wohlstand“. Zumindest im ältesten erhaltenen Text dieses Liedes aus dem „Jungbrunnen-Liederbuch“ von 1937. Erstaunlich, was?

Da stellt sich die Frage: Wie und warum ist aus dem Wohlstand der Frohsinn geworden? Das Lied, das wir gerne zu Geburtstagen singen, ist ein echtes Volkslied. Wir finden es heute nicht mehr in Liederbüchern, sondern es wird von Mund zu Mund überliefert und von einer Generation an die nächste weitergegeben. Vor allem in kirchlichen Kreisen ist es beliebt. Und genau da, vermute ich, liegt der Hase im Pfeffer:

Christinnen und Christen haben ein gebrochenes, um nicht zu sagen gestörtes Verhältnis zum Wohlstand. Der scheinbar nur allzu menschliche und bürgerliche Wunsch nach Wohlstand für sich selbst und die Familie ist uns ein bisschen ungeheuer oder zumindest peinlich. Da macht sich Frohsinn schon besser, oder? Also haben wir im Verlauf der letzten 70 Jahre das Lied spiritualisiert und wünschen uns nun lieber Frohsinn als Wohlstand.

Das skeptische Verhältnis der Christen zu Wohlstand und Eigentum kommt nicht von ungefähr. Es ist gut und biblisch begründet. Man muss sich nur an die bekannte Geschichte vom „reichen Jüngling“ erinnern (Mt. 19, 16-26). Der kommt zu Jesus und fragt ihn, was er Gutes tun kann, um bei Gott etwas zu sein und ewiges Leben zu erhalten. Die beiden einigen sich auf die 10 Gebote als gute Richtschnur: „Du sollst nicht stehlen“, steht da unter anderem. Als der wohlhabende junge Mann sich darauf einlässt, fordert Jesus ihn auf: Verkaufe dein Eigentum und gib den Erlös den Armen. Verschenke deinen Wohlstand, wenn du vollkommen sein willst. Darauf geht der junge Mann „betrübt“ weg. Er ist enttäuscht. Und Jesus sagt: „Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“

Oder denken wir an die Beschreibung der Urgemeinde in der Apostelgeschichte, Kap. 2, 44-45: „Alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ Von Liebeskommunismus sprechen die Ausleger an dieser Stelle gerne.

Es besteht also wirklich Anlass für Christen heute, skeptisch zu sein beim Wunsch nach Wohlstand. Christen und Eigentum oder Wohlstand – Wie geht das zusammen? Das soll unsere Frage sein heute morgen.

Wenn es in den 10 Geboten heißt „Du sollst nicht stehlen“, dann ist das ja eine Legitimierung des Eigentums. Gott, so haben wir gesagt, stellt uns in den Geboten Bereiche und Ordnungen vor Augen, die ihm wichtig sind und in denen wir unseren Glauben bewähren können: die Familie (Du sollst Vater und Mutter ehren), die Ehe (Du sollst nicht ehebrechen), das Leben (Du sollst nicht töten), das Recht (Du sollst nicht falsch Zeugnis geben) und hier eben auch das Eigentum.

Seltsam, oder? Auf der einen Seite diese Skepsis gegenüber dem Wohlstand in der Bibel, auf der anderen Seite das Eigentum als von Gott geschützte Ordnung.

Ich denke, unser Umgang mit Wohlstand, Eigentum, Besitz, Arbeit und Leistung kann ein ganz entscheidender Teil glaubwürdigen Christseins heute sein. Meine Gedanken dazu möchte ich in drei Abschnitten mit euch teilen, angelehnt an John Wesleys Predigt über den Umgang mit Geld mit seinen drei berühmten Überschriften: Erwirb so viel du kannst, spare so viel du kannst und gib so viel du kannst. Den Inhalt der drei Teile fülle ich in aller Freiheit so aus:

1.) Fleiß und Streben nach Wohlstand sind o.k. - „Erwirb so viel du kannst“

Wesleys Satz zum Umgang mit Geld „Erwirb so viel du kannst“ hat sicher damals viele überrascht. Das war doch der Typ, der so bescheiden lebte und dessen Anhänger genau wie er durch Bescheidenheit und Einfachheit auffielen. Der, der seine Leute anhielt, keinen Alkohol zu trinken, nicht zu prassen und sich einfach und schlicht anzuziehen. Der, der besonders viel Erfolg bei den Armen und einfachen Leuten hatte. Und der sagt nun, wenn es um den Umgang mit Geld geht, zuerst: „Erwirb so viel du kannst.“ Sei fleißig. Arbeite hart für dich und deine Familie. Tu das auf jeden Fall auf ehrliche Art und Weise, gewiss. Ohne Betrug, sicher. Aber eben doch: Versuche, durch ehrliche Arbeit Wohlstand zu erwerben. Erwirb, so viel du kannst.

Wesley steht mit dieser Aufforderung voll und ganz auf der Grundlage der reformatorisch-evangelischen Auffassung vom Beruf: Geld verdienen, für sich und seine Familie fleißig zu sein, sich Wohlstand zu erarbeiten, diese bürgerliche Lebenseinstellung ist für die Reformatoren nichts Negatives, Unchristliches, sondern ist erlaubt und geboten. Mit Paulus in 1. Thessalonicher 4, 11-12 sagen die Reformatoren: „Setzt eure Ehre darein, dass ihr das Eure schafft und mit euren eigenen Händen arbeitet, damit ihr ehrbar lebt und auf niemanden angewiesen seid.“

Das war vorher anders: In vorreformatorischer Zeit wurde streng zwischen weltlichem und geistlichem Stand und Beruf getrennt. Durch Teilhabe am geistlichen Stand, also als Pfarrer, Mönch oder Nonne konnte man sich besonderes Wohlwollen bei Gott erwerben. Andere Berufe waren dem gegenüber weniger wertvoll und hatten keine positive Bedeutung für das Leben als Christ. Ja, manche einfachen Berufe waren eher hinderlich. Auf jeden Fall aber hatte Gott kein Gefallen daran.

Anders Luther und seine Freunde: Sie legten die verschüttete Botschaft des Neuen Testamentes frei, dass wir nicht durch unsere Werke – auch nicht durch die eines Pfarrers, einer Nonne oder eines Mönches – vor Gott gerecht werden und gut dastehen können. Im Gegenteil: Unsere vermeintlichen guten Werke können uns stolz machen und gerade dadurch weiter von Gott wegtreiben. Denn Gott will, dass wir uns allein, wirklich allein, ganz und gar auf ihn verlassen. Er spricht uns um Jesu willen unverdient gerecht, wenn wir ihm ganz vertrauen.

Und einmal so von Gott gerecht gesprochen wird unser ganzes Leben zum Tummelplatz der Liebe. JEDER Beruf kann dann zum Ausdruck der Liebe werden, mit der wir, von Gott gerecht gesprochen, ihm und unseren Mitmenschen dankbar dienen: Wenn wir als Bäcker Brot backen, das andere essen, als Fernfahrer Lebensmittel zu den Menschen bringen, als Hausfrau und Mutter die Familie zusammenhalten und versorgen und die Kinder erziehen, als Sekretärin ein Büro organisieren und dem Chef den Rücken freihalten, als Unternehmer Handel treiben oder Güter produzieren, als Polizist das Recht schützen, wenn wir uns ehrenamtlich für die Gemeinde oder einen Verein engagieren oder was auch immer: Alles dies – gleichermaßen – bekommt dann eine neue Bedeutung: Es ist gut und sinnvoll, wenn wir so für uns selbst und unsere Familie sorgen und unseren Lebensunterhalt verdienen. Wir dürfen unsere Arbeit als Gottesdienst und zugleich Dienst an unseren Mitmenschen verstehen.

Das ist das erste, was zu sagen ist zum glaubwürdigen Umgang der Christen mit Wohlstand und Eigentum: Es ist o.k., es ist erlaubt und geboten, dass du durch deine Arbeit für dich und deine Familie Wohlstand erwerben willst. Es ist o.k., dass du dafür sorgen willst, dass es dir und den Deinen gut geht. Nicht nur sogenannte geistliche oder soziale Berufe sind sinnvoll und Gott wohlgefällig, sondern jede Arbeit - hauptamtlich, nebenamtlich und ehrenamtlich - kann Gottesdienst sein.
Erwirb so viel du kannst. Das Streben nach Wohlstand durch ehrliche Arbeit ist nichts Anrüchiges, sondern es ist erlaubt und geboten.

2.) Gott schenkt dir Freiheit – „Spare so viel du kannst“.

Die Grundlage und Voraussetzung für die reformatorische Wertschätzung des Berufes und des ehrlichen Strebens nach Wohlstand ist die Erkenntnis und das Vertrauen darauf, dass Gott uns um Jesu willen gerecht spricht, dass er uns – umsonst und unverdient – frei macht von Sünde und Schuld und dass wir uns das selbst nicht verdienen können, ja dass unsere Versuche, selbst gerecht zu sein, uns nur weiter von Gott weg und in die Sünde hineintreiben statt zu ihm hin. Wenn du dieses Vertrauen zu Gott hast - Er vergibt mir meine Schuld und spricht mich gerecht – dann kannst du ruhig, gelassen und fröhlich die Arbeit tun, die dir vor die Füße fällt und darfst ohne schlechtes Gewissen für dich und die Deinen sorgen.

Und das gleiche Vertrauen, das ist der zweite Punkt, macht dich frei von dem Aberglauben, dass es Wohlstand, Erfolg und Reichtum sind, die dich zu einem wertvollen Menschen machen. Für Gott, bist du schon wertvoll, bevor du überhaupt irgendetwas leisten oder haben kannst, so wertvoll, dass er in Jesus selbst Mensch geworden ist, dass er also dein Leben mit dir geteilt hat, dass er für dich am Kreuz gestorben ist, für dich, und dass er für dich auferstanden ist und dem Tod seinen Schrecken genommen hat. So wertvoll bist du für Gott, ohne etwas zu leisten, ohne etwas zu haben oder zu besitzen.

Das Streben nach Wohlstand ist o.k., das ist wahr. Aber Wohlstand, Arbeit, Besitz ist nicht alles. Wohlstand kann uns, die wir mit Jesus leben und ihn als unseren Herrn angenommen haben, nun nicht mehr versklaven. Wir sind frei von ihm. Für uns gibt es keinen Konsumzwang mehr, auch nicht zu Weihnachten. Wir müssen nicht mehr protzen mit tollen Klamotten, brandneuen Autos und mit unseren tollen Jobs. Das haben wir nicht nötig. Wir sind frei davon. Frei, weil wir wissen, dass wir ohne all das und jenseits alles dessen unendlich wertvoll sind, von Gott geliebt, so sehr, dass er sich in Jesus für uns hat hinrichten lassen. Wahnsinn, oder? Wir sind frei.

In Deutschland gibt es zwar weniger, aber immerhin noch fast drei Millionen arbeitslose Menschen. Die meisten von ihnen würden liebend gerne einer Erwerbsarbeit nachgehen, etwas erwerben und durch ihre eigenen Hände für sich selbst sorgen. Sie haben aber keine Chance dazu. Zum Glück leben wir in einer Gesellschaft, in der es in diesem Fall Hilfe zum Lebensunterhalt gibt. Niemand muss hungern und für das Nötigste wird von der Gemeinschaft gesorgt. Das ist gut. Aber der Schmerz bleibt: der Schmerz, nicht selbst für sich sorgen zu dürfen, es gerne zu wollen, aber nicht zu können.
Nicht nur, aber auch für diese Menschen ist es wichtig, dass wir das immer wieder sagen: Gott gibt jedem Menschen Würde und liebt jeden Menschen unendlich, ohne alle und jenseits aller Leistung und allen Wohlstandes.

Ja, wir wissen, Wohlstand und Reichtum, Konsum und Eigentum können auch gefährlich werden, sie können zum Abgott werden und Menschen versklaven: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ hat Jesus gesagt (Mt. 6,24). Das ist die dämonische Macht des Wohlstands: Er macht sich selbst zu Gott und versklavt Menschen. Aber Jesus macht uns davon frei, er nimmt dem Wohlstand diese dämonische Macht: Wir brauchen ihn nicht, um etwas wert zu sein, um etwas zu gelten, weil wir schon alles wert sind, weil wir geliebt sind von Gott.

Daran hängt, auch an diesem zweiten Punkt alles: an der Gewissheit, dass Jesus dich liebt, dass er für dich zur Welt gekommen ist, gelebt hat, gestorben und auferstanden ist, dass er dir alle deine Schuld vergeben will und nur darauf wartet, dass du Ja zu ihm sagst und ihn als deinen Herrn, ganz persönlich, in dein Leben lässt. Wenn du das tust, bist du frei von allen Abgöttern, auch vom Abgott Mammon. Du brauchst sie nicht mehr, um etwas wert zu sein. Du bist frei vom Zwang des Immer-mehr-konsumieren-und-haben-müsssens und darfst befreit aufleben. Du kannst es dir sparen, weil Gott dich frei gemacht hat.

3.) Die Königsdisziplin des Vertrauens – „Gib so viel du kannst“.

„Du sollst nicht stehlen“, das heißt nach Luthers Auslegung zweierlei:
1. Nimm niemand etwas weg. Und
2. Fördere und unterstütze andere und hilf ihnen, wo du nur kannst.
Das Geben an andere, die es brauchen und in Not sind, das Teilen, gehört von Anfang an zum Christsein dazu. Und auch für uns ist ein Gottesdienst ohne Kollekte schwer vorstellbar, oder?

Das Anstößige an Wesleys Satz „Gib so viel du kannst“ ist ja nicht das „Gib“. Das ist uns schon klar. Selbstverständlich. Das Anstößige ist das „soviel du kannst.“ Wow. Er sagt eben nicht: Gib was du übrig hast. Gib so viel du willst. Oder gib was du nicht brauchst. Nein, er sagt: Gib so viel du kannst.

Ich glaube, anstößig ist das nicht deshalb, weil wir es nicht wollen. Viele wollen das schon. Anstößig ist es, weil wir uns nicht trauen.

Wie viel traust du dich zu geben? Das ist die entscheidende Frage.

Meine These ist: Wir können das lernen. Wir können lernen, uns zu trauen oder besser: ihm, Jesus, so zu vertrauen, dass wir geben, so viel wir können.

Anders gesagt: Wie viel wir uns für andere zu geben trauen, hängt davon ab, auf wen wir sehen:
Die Witwe, von der Jesus in Lukas 21,1-4 erzählt, die sieht – so stelle ich es mir vor – auf Gott. Sie ist erfüllt von dem Wert, den Gott ihr schenkt. Sie ist erfüllt davon, dass Gott sie liebt und sie sieht auf ihn, nicht auf sich selbst in ihrer Armut. Deshalb hat sie, bekommt sie von Gott, die Freiheit, „alles“ zu geben, „was sie zum Leben hatte.“
Der reiche Jüngling aus Matthäus 19 dagegen sieht auf sich selbst. „Was muss ich tun?“ ist seine Frage. Und er sagt: „Das habe ich alles gehalten.“ Ich. Er sieht auf sich selbst, und deshalb traut er sich nicht, zu geben wie die Witwe und geht traurig und enttäuscht davon.

Wie viel wir uns zu geben trauen, hängt davon ab, auf wen wir sehen. Auf uns oder auf Gott. Das Ende der Geschichte vom reichen Jüngling ist die Frage der Jünger: Ja wer kann dann selig werden? Wisst ihr, was Jesus antwortet? Er sagt: „Bei den Menschen ist's unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.“

Auf wen also siehst du?
Siehst du auf dich selbst? Willst du durch deine Arbeit, deine Leistung und deinen Wohlstand Wert haben, dir Selbst-Wert geben und ein Jemand sein? Dann läufst du immer Gefahr, vom Wohlstand versklavt zu werden, ihm dein Leben lang hinterherzulaufen und nicht zur Ruhe zu kommen.
Oder siehst du auf Jesus, der dich so sehr liebt, dass er für dich Mensch geworden ist, der will, dass du nicht auf deine Leistung pochst, um etwas zu sein, sondern dass du dich ganz auf ihn verlässt, auf das, was er schon für dich getan hat, der will, dass du heute Ja zu ihm sagst und ihn zu deinem Herrn machst.

Auf wen siehst du? Es ist deine Entscheidung. Heute.

Wenn du dich für ihn entscheidest, dann hat das Folgen. Glaubs mir, er krempelt dein ganzes Leben um. Folgen auch für dein Verhältnis zu Wohlstand, Arbeit und Besitz:
Du kannst
1.) fröhlich und mit befreitem Gewissen deiner Arbeit nachgehen, für dich und deine Familie sorgen und mit deiner Arbeit (beruflich und/oder im Ehrenamt) Gott und anderen Menschen dienen. Erwirb so viel du kannst.
2.) gewiss sein und aus dieser Gewissheit leben, dass du vor aller Leistung und unabhängig davon unendlich wertvoll bist. Du musst dich nicht mehr selbst beweisen durch deinen Schick, deinen Besitz, deinen Wohlstand oder deine Leistung. Du bist frei von diesem Abgott. Du kannst dir das alles sparen. Spare, so viel du kannst.
3.) zu einem fröhlichen Geber werden, der Gott so vertraut, seiner Liebe und Fürsorge, dass er sich traut, mehr zu geben als er übrig hat. Gib so viel du kannst.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Montag, 29. November 2010

Trost, der überspringt

Übersetzung der UpperRoom-Andacht vom 26. November 2010.

"Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus." (2. Korinther 1,5)

Manchmal leite ich Gottesdienste in einer Obdachlosenunterkunft. Jeff, ein neuer Bewohner, schien ziemlich ängstlich zu sein. Vor Beginn unseres Gottesdienstes stellte er zwei Fragen: Warum passiert das gerade mir? Und: Was mache ich hier? Trotz seines Glaubens war Jeff unsicher, ob es Antworten auf seine Fragen gibt. Einige aus unserer Runde teilten ihre eigenen Erfahrungen und ihre Gedanken zu dem Vers aus dem 2. Korintherbrief miteinander und mit Jeff, um ihn zu ermutigen und ihm neu zu versichern, dass er für Gott wertvoll ist.

Gott hat jeden von uns mit einzigartigen Gaben und mit einem Ziel ausgestattet. Trotzdem bringt unser Leben Prüfungen mit sich. In der Nachfolge Jesu werden wir ganz sicher auch an seinen Leiden teilhaben. Aber wir haben auch Anteil an seinem Trost. Und dann, wenn Jesu Trost unser Leiden erleichtert, kann dieser Trost wiederum aus unserem Leben überspringen auf andere.

Als bei mir eine Krebserkrankung festgestellt wurde, schenkte mir Gott viele Menschen, die mich vor meiner Operation ermutigt haben. Als ich mich dann später erholte und es mir besser ging, kreuzten einige Menschen meinen Weg, die gerade voller Angst auf eine ähnliche Operation warteten. Ich konnte mit ihnen den Trost teilen, den ich zuvor selbst von anderen erfahren hatte.

Auch in Zeiten des größten Schmerzes kann uns Gott eine Botschaft zeigen, die wir weitergeben können und zugleich Menschen, die gerade diese Botschaft dringend brauchen.

Guter Gott, hilf uns zu erkennen und zuzulassen, wenn du durch uns andere trösten willst, gerade in unseren schweren Zeiten.

Engl. Original von Dan Nelson (North Carolina, USA)

Donnerstag, 25. November 2010

In einem Jahr durch die Bibel - Wer macht mit?

Hast du Lust, die Bibel erstmals oder auch neu als Ganzes kennenzulernen und die Texte im Zusammenhang zu lesen? Willst du dich bald gut in der Bibel auskennen und mit ihr wachsen? Dann mach doch 2011 zu deinem persönlichen Jahr mit der Bibel.

Wir wollen von Januar bis Dezember in der EmK Recklinghausen die ganze Bibel einmal durchlesen. Jeder für sich in täglichen überschaubaren Portionen. Du bekommst als Unterstützung für dein Lesen
  • für jeden Monat einen Leseplan, der für jeden Tag 3-5 Kapitel umfasst (Zeitbedarf: etwa 30-45 Minuten pro Tag),
  • eine Gruppe von anderen Leuten, die das gleiche wie du tun und mit denen du dich einmal im Monat austauschen kannst,
  • zu jedem biblischen Buch Lesehilfen und eine Einführung bei den monatlichen Treffen. 
Wann du liest und welche Übersetzung du benutzt, ist egal. Wichtig ist, dass du (weitgehend) täglich liest.

Zu den monatlichen Treffen im Gemeindezentrum an der Limperstraße 34 in Recklinghausen kannst du deine Fragen mitbringen, die Stellen, die dir Schwierigkeiten gemacht haben oder die, die dich besonders ansprechen. Neben dem Austausch über das Gelesene gibt es dann bei den Treffen immer eine Einführung in den Leseplan des folgenden Monats.

Was brauchst du?
Eine Bibel und Lust, sie zu lesen
Jeden Tag etwas Zeit

Wann treffen wir uns?
Sonntag, 5. Dezember nach dem Gottesdienst zum Kickoff. Hier gibt’s den ersten Leseplan.
An folgenden Samstagen des Jahres 2011 jeweils um 10.30 Uhr zu Kaffee, Croissant und Austausch über unsere Erfahrungen (wenn du Lust hast) und
um 11.30 Uhr zum Besprechen offener Fragen und des Leseplans für den nächsten Monat: 22. Januar, 19. Februar, 19. März, 30. April, 21. Mai, 18. Juni, 16. Juli, 20. August, 24. September, 22. Oktober, 26. November und 10. Dezember.

Alle sind willkommen. Biblische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Rückfragen an:
Uwe Hanis, Longbentonstr. 86, 45739 Oer-Erkenschwick,
Tel. 02368-890398, E-Mail: uwe.hanis@emk.de

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Mutig und ausdauernd beten

Deutsche Übersetzung der Upper-Room-Andacht vom 26. Oktober 2010
Autorin des Originals: Janey L. DeMeo (California, USA)

Zum Bibeltext: Matthäus 15,21-28

"Lasst uns also voller Zuversicht vor den Gnadenthron treten. Dort werden wir Mitleid empfangen und Gnade finden. Und wir werden Hilfe bekommen,
wann immer wir sie brauchen." (Hebräer 4,16 Basisbibel)

Der schrille Schrei meines Babys ließ mich rennen. Als ich ankam, hatte es aber scheinbar schon aufgehört zu atmen. Voller Panik eilten mein Mann und ich mit dem Baby ins Krankenhaus. Das Kind, das wir trugen, sah aus wie tot.

Voller Sorge und Angst betete ich laut. Es war, als würde das laut gesprochene Gebet mein Vertrauen stärken. Die Angestellten im Krankenhaus sahen mich an, als hielten sie mich für verrückt. Ich betete immer noch, voller Ausdauer, und bat Gott, mein Baby zu retten. Ich war verzweifelt und es war mir egal, was die Leute dachten. Als der Arzt schließlich sagte, dass unser Baby entgegen dem Augenschein noch lebte, dankte ich Gott.

Die kanaanäische Mutter in Matthäus 15 bat Jesus auch, ihr Kind zu retten. Aber Jesu Antwort auf ihre Bitte war verblüffend. Zuerst ignorierte er sie, dann wies er sie zurück. Aber die verzweifelte Mutter kümmerte sich nicht darum. Sie hörte nicht auf, Jesus um Heilung für ihr Kind zu bitten. Sie hatte Ausdauer, und ihr Kind wurde schließlich heil.

Gott ist souverän und weiß mehr über diese Welt und das Leben als wir. Und Gott heilt nicht immer, wenn wir ihn um Heilung bitten. Aber doch können wir immer mutig mit unseren Nöten zu ihm kommen. Gott hört uns immer. Unser Vertrauen gefällt Gott, egal was andere darüber denken und egal was am Ende passiert.

Gebet: Jesus, bitte hilf uns, mutig zu sein, unsere Bitten auszusprechen und uns nicht davon zurückhalten zu lassen, was andere denken mögen. Amen

Gedanke zum Mitnehmen: Bete mutig und vertraue Gott.

Fürbitte: Kinder, die krank sind.

Dienstag, 19. Oktober 2010

Müssen Christen Pazifisten sein?

Predigt über das 5. Gebot "Du sollst nicht töten" am 15.08.2010 in der EmK Recklinghausen

(An dieser Stelle biete ich nur einen Aufriss der Predigt, nicht den Wortlaut.)

I Einstieg mit zwei Zitaten
  • "Nichts ist gut in Afghanistan." Margot Käßmann in ihrer Neujahrspredigt 2010. Prägung durch den Pazifismus der Friedensbewegung der 80er-Jahre. Christlicher Pazifismus in Anlehnung zum Beispiel an Matthäus 5, 39-41.
  • "Thank you for serving your country. I pray for you." Ein Flughafen-Angestellter am Flughafen Atlanta, USA zu einem Soldaten.
Ich will mir selbst Rechenschaft geben über die Frage: Müssen Christen, die das 5. Gebot ernstnehmen, Pazifisten sein?

Meine ganz persönliche Antwort, die ich mit euch teilen möchte, besteht aus drei Teilen:
1. Als Christen wollen wir von und mit Jesus gewaltfrei leben lernen.
2. Wir wissen jedoch darum, dass wir in der noch nicht erlösten Welt um des Rechtes und des Friedens willen ein begrenztes Maß an staatlicher Gewalt brauchen. 
3. Was das konkret in der Afghanistan-Frage bedeuten kann. 

II In der Nachfolge Jesu gewaltfrei leben lernen.
  • Jesus legt in der Bergpredigt das fünfte Gebot vollmächtig aus. Matthäus 5,21-22. Das Töten beginnt im Kopf, mit dem, was wir über andere denken und sagen. 
  • Jesus ermutigt zu einer ernsthaften Einstellung der Gewaltlosigkeit. Wir lernen sie von ihm in der Nachfolge - immer mehr. 
  • Die Bibel nennt diese Einstellung Feindesliebe. Beispiele: gegenüber dem Nachbarn, der keine Kinder mag; gegenüber dem Supermarkt-Rowdy, der mit seinem Einkaufswagen in meine Hacken fährt, um an der Kasse zu drängeln; gegenüber dem mobbenden Arbeitskollegen.
  • Gewaltlosigkeit/Feindesliebe ist alles andere als einfach. Wir können sie nur lernen a) an und von Jesus, b) Schritt für Schritt in der Nachfolge.
  • Dieses Lernen wirkt sich auch aus, wenn es um politische Fragen geht. Wir können es nicht ablegen, wie ein Kleidungsstück, wenn wir über Politik nachdenken und reden. Deshalb treten wir ein a) für den Vorrang gewaltfreier Konfliktlösung, b) für Versöhnungsbereitschaft, c) für die Beschränkung staatlicher Gewalt auf ein Minimum. 
III Die noch nicht erlöste Welt
  • Aber dieses Minimum ist eben notwendig.
  • Lies Barmer Theologische Erklärung These V und Römer 13.
  • Der Staat hat ein begrenztes Recht und eine ebenso begrenzte Pflicht zur Androhung und Ausübung von Gewalt um des Rechtes und des Friedens willen, also um die Menschen zu schützen. 
  • Dieses Recht/diese Pflicht nimmt er wahr a) gegen Bedrohungen im Inneren durch die Polizei und die Gerichte und b) gegen Bedrohungen von außen durch das Militär. Die Begrenzung der staatlichen Gewalt soll sich in der Rechtssetzung wiederfinden. 
  • Auch diese begrenzte, nach Barmen V rechtmäßige Gewalt bedeutet Schuld. Der Staat wird / wir werden schuldig am Leib und Leben anderer. 
  • Trotzdem ist diese Gewalt in den genannten Grenzen rechtmäßig. Wer wenn nicht wir Christen, die aus der Vergebung der Schuld leben und von ihr herkommen, sollte in der Lage sein, diese Schuld zu tragen?
Müssen also Christen Pazifisten sein, wenn sie das 5. Gebot ernstnehmen? Meine persönliche Antwort lautet "Nein".
  • Ich will dafür eintreten, jede Chance auf Versöhnung und Frieden zu nutzen. 
  • Ich will auch im politischen Bereich der gewaltlosen Konfliktlösung unbedingten Vorrang geben. 
  • Ich will sorgsam und gewissenhaft prüfen, wann begrenzte Gewalt um des Rechtes und des Friedens willen gerechtfertigt und nötig ist. 
  • Mir ist klar: Wenn ich staatliche Gewalt - auch in engen Grenzen - befürworte, trage ich Mit-Schuld für die Folgen. (Ich werde aber unter Umständen auch schuldig, wenn ich sie ablehne und damit den Status Quo befürworte.) Diese Schuld will und kann ich bewusst tragen, weil ich um die Vergebung der Sünden weiß und aus ihr lebe. 
IV Was das konkret in der Afghanistan-Frage bedeuten kann
  • Mitglieder der von der afghanischen Talibanregierung unterstützen Al Qaida griffen am 11. September 2001 das WTC in New York an. Wir alle erinnern uns an diese furchtbaren Anschläge.
  • Am 12. September 2001 traten viele nationale sowie internationale Gremien rund um den Globus zu Krisensitzungen zusammen. Bedeutsam unter völkerrechtlicher Perspektive ist dabei die einstimmige Verurteilung des Geschehenen durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im Rahmen der Resolution 1368.
  • Darüber hinaus rief die NATO ebenfalls am 12. September 2001 erstmals seit ihrem Bestehen den „Bündnisfall“ aus. Damit stellte sie fest, dass die Terroranschläge ein kriegerischer Angriff auf das Staatsgebiet eines NATO-Mitgliedsstaates gewesen seien, der nach Artikel 5 des NATO-Vertrages als Angriff auf alle Vertragspartner zu werten sei und deren militärischen Beistand erfordere.
  • Im Oktober 2001 griff die US-geführte Koalition Afghanistan an und erreichte Sturz der Talibanregierung. 
  • Im Rahmen des Petersberger Prozess wurde eine neue Verfassung ausgearbeitet und der Weg zu einer erstmals seit 1964 demokratisch legitimierten Regierung geebnet.
  • Seitdem liefern sich die Koalitionstruppen und die Kräfte des neuen afghanischen Staates auf der einen Seite und die von den mittlerweile wieder erstarkten Taliban gestützten Oppositionsgruppen auf der anderen Seite einen Krieg. 
  • Der Einmarsch in Afghanistan erfolgte aus meiner Sicht zurecht, denn er hatte drei Gründe: a) Selbstverteidigung nach dem Terrorangriff auf New York und Verhinderung weiterer Anschläge, b) Schutz der eigenen Bevölkerung und c) Herstellung einer Rechtsordnung für die afghanische Bevölkerung. 
  • Mir ist bewusst, dass diese Rechtfertigung des Krieges in Afghanistan mit Schuld verbunden ist: Schuld an den Opfern des Krieges, sowohl den militärischen Opfern als auch den zivilen Leidtragenden. Ich bin aber überzeugt, dass auch eine Nicht-Beteiligung an diesem Krieg Schuld bedeuten würde: Schuld an den Opfern eventueller zukünftiger Terroranschläge und Schuld an den unter dem Taliban-Regime leidenden Menschen in Afghanistan. 
  • Politisch und strategisch wurden in Afghanistan nach dem Sturz des Taliban
  • Deshalb ist es schwer, den Krieg zu beenden. Um so stärker sollten wir uns für den Dialog - auch mit den Taliban -, die Stärkung des Rechts und die konsequente Verfolgung einer Strategie einsetzen, die einen Rückzug ermöglicht und das Land in die Lage versetzt, selbst eine Ordnung des Rechts zu gewehrleisten. 
Anders als Margot Käßmann - das wird vielleicht am Beispiel des Afghanistan-Krieges deutlich - bin ich der Meinung, dass Krieg gerechtfertigt sein kann und es in diesem Fall auch ist. Gemeinsam mit ihr möchte ich mich für Frieden, Dialog und Versöhnung einsetzen, ohne jedoch die Anwendung von Gewalt auszuschließen. 

V Schluss

Müssen Christen Pazifisten sein?

Nein, das müssen sie meiner Meinung nach nicht. Sie
a) lernen mehr und mehr von und mit Jesus ein gewaltfreies Leben
b) setzen sich - auch im politischen Bereich - gegen Gewalt und für Frieden und Verständigung ein
c) wissen um die Notwendigkeit und zugleich die Begrenzung des staatlichen Rechtes und der staatlichen Verpflichtung zur Gewaltausübung um des Rechtes und des Friedens willen
d) beurteilen nach bestem Wissen und Gewissen politische Fakten und entscheiden sich gewissenhaft, ob und wann sie im Einzelfall militärische Gewalt befürworten können (für mich ist das in Afghanistan der Fall)
e) tragen bewusst mit an der Schuld und beten für die Regierenden und die Regierten. 

Montag, 18. Oktober 2010

Die Ehe - alles andere als ein Auslaufmodell

Predigt über das sechste Gebot "Du sollst nicht ehebrechen" in der EmK Recklinghausen am 17.10.2010

(An dieser Stelle biete ich einen Aufriss meiner Predigt, nicht den Wortlaut.)

I Einstieg


  • Arno Backhaus: Früher hatten Eltern durchschnittlich vier Kinder. Heute haben Kinder durchschnittlich vier Eltern. 
  • Zum Normalfall in unserer Gesellschaft scheint mehr und mehr die zeitlich befristete Patchworkfamilie zu werden. Die dauerhafte Bindung von Mann und Frau in der Ehe wird mehr und mehr zum Auslaufmodell.
II Das Gebot in seiner Zeit

  • Sesshaftwerdung Israels
  • Patriarchalische Landverteilung
  • Schutz der Frauen vor Verarmung durch Entlassung aus der Ehe
  • Das lange Zeit hindurch praktizierte Benutzen des Gebotes, um Frauen, die in der Ehe von ihren Männern unterdrückt und misshandelt wurden, davon abzuhalten, sich zu trennen, ist ein Missbrauch des Gebotes, der dem ursprünglichen Sinn - Schutz der Frauen - gerade widerspricht. 
III Jesu Auslegung des Gebotes

Lies Matthäus 19, 3-12

  • Rabbinisches Streitgespräch, typisch für das antike Judentum.
  • Zu verstehen als echtes und ernsthaftes Ringen um die angemessene Auslegung der Gebote. 
  • Beide Seiten haben ein Stück weit recht, also hier zum Beispiel auch die Pharisäer: a) Ehescheidung kann manchmal unausweichlich sein. Sie ist einfach da. b) Wenn Sie unausweichlich ist, miss sie fair geregelt werden (Scheidebrief). 
  • V.12: Jesus gibt (auf Nachfrage seiner Jünger hin) zu, dass die Ehe kein Modell für alle Menschen sein muss. Interessant dabei sind seine Beispiele. Es gibt Menschen, die a) von Geburt an, also von Natur aus nicht für die Ehe geschaffen sind (Dürfen wir dabei auch an Homopsexuelle denken?), die b) aus Erfahrung besser keine Ehe (mehr) führen und c) ganz für Gottes Reich da sein wollen (wie Paulus und wohl auch Jesus selbst) und deshalb keine Ehe führen. Jesus respektiert diese anderen Lebensentwürfe. 
  • VV 4-5: Zugleich stellt Jesus die Ehe als das bevorzugte Lebensmodell Gottes für die meisten Menschen heraus. Die Ehe ist von Gott gewollt, mit anderen Worten: Die Ehe ist heilig. Sie gehört zu den Ordnungen, die durch die zweite Tafel der 10 Gebote besonders geschützt sind: Leib und Leben (Du sollst nicht töten), Eigentum (Du sollst nicht stehlen), Elternschaft und Regierung (Du sollst Vater und Mutter ehren) und eben Ehe (Du sollst nicht ehebrechen).
Ich möchte die zwei Seiten der Haltung Jesu zum 6. Gebot so zusammenfassen:  Die Ehe ist nicht mehr wert als andere Lebensformen, aber sie ist etwas ganz besonderes, sie ist heilig. Für diese Aussage ließen sich viele Begründungen finden, zum Beispiel politische oder wirtschaftliche. Ich möchte - anknüpfend an den Text aus Matthäus 19 - drei biblische Begründungen anführen:

  • Jesus verweist seine Gesprächspartner auf die erste Schöpfungserzählung. Gott hat den Menschen als Gegenüber von Mann und Frau erschaffen, und als solches Gegenüber (1. Mose 1,27) ist er Ebenbild Gottes. Dass der Mensch erst als Gegenüber von Verschiedenen Ebenbild Gottes wird, symbolisiert in wunderbarer Weise das Gegenüber, das Gott in sich selbst ist. Die Ehe als Gegenüber von Mann und Frau repräsentiert damit das Gegenüber in Gott selbst. 
  • Jesus zitiert den Satz aus der zweiten Schöpfungserzählung "Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen und die zwei werden ein Fleisch sein." Das Leben, zu dem Gott uns geschaffen hat, ist von vornherein auf Beziehungen angelegt. Die unmittelbarste Beziehung aber, die ich mir vorstellen kann, ist die Ehe, denn sie ist Beziehung Tag für Tag und sie gründet auf verbindlicher Liebe (mehr als ein Gefühl) und Treue. Die Ehe repräsentiert damit das Leben in Beziehung. 
  • Lies Epheser 5,21.32-33: Dieser Text wird wenig gelesen und noch weniger gepredigt, weil er sehr stark von einer patriarchalischen Sicht des Verhältnisses von Mann und Frau geprägt ist. Für mich persönlich gebe ich gerne zu, dass ich weite Teile dieses Textes für sehr zeitbedingt halte und in meinem persönlichen Leben nicht befolgen kann und will. Aber die genannten Verse am Anfang und Ende des Textes sind großartig. Paulus beschreibt, wie die gegenseitige Unterordnung in der Ehe, die verbindliche Liebe und der Dienst aneinander sie zu einem wundervollen Symbol des neuen Lebens in Christus machen. Die Ehe repräsentiert als Mikrogemeinde das neue Leben, das Jesus uns schenkt. Ehe bedeutet auch ständigen Neuanfang, Bereitschaft zur Vergebung und Annahme auch der Fehler des Partners. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Ehe nicht nur zu zweit, sondern zu dritt führen. Jesus, von dessen Vergebung wir leben, muss dabei sein. 
Aus diesen biblischen Gründen können wir sagen: Ja, die Ehe ist nicht mehr wert als andere Lebensformen, aber sie ist heilig, etwas ganz besonderes.

IV Unsere Stellung zur Ehe

Aus all dem ergeben sich vier Wünsche, die ich habe. Ich wünsche mir, dass meine Gemeinde und meine Kirche sich zur Ehe so verhält:

  1. Weil wir Jesus nachfolgen wollen, werden wir jeden Menschen, unabhängig von seiner Lebensform, wertschätzen: Verheiratete, Ledige, Singles, Witwen und Witwer, Hetero- und Homosexuelle.
  2. Wir werden lehren und leben, dass die Ehe nicht mehr wert ist als andere Lebensformen, aber etwas ganz besonderes und heiliges. Wir werden deshalb die Ehe feiern, zur Ehe ermutigen und unsere Kinder zur Ehe anhalten.
  3. Wir werden immer wieder zur Vergebung der Sünden einladen. Auch heute will ich das jetzt tun. Das ist unser wichtigstes Thema als Gemeinde Jesu aus vielen Gründen, eben auch deshalb, weil das Leben aus der Vergebung eine gute Grundlage dafür ist, selbst anderen vergeben zu können. Und das wiederum braucht es für eine gelingende Ehe. 
  4. Wir können nicht alle Eheberater sein, aber wir werden so gut wir können in Ehekrisen praktische Hilfe leisten. Wir vermitteln den Kontakt zu Profis, die helfen und beraten und wir laden ein, unsere Fürbitte für Eheleute in Anspruch zu nehmen. 

Freitag, 17. September 2010

Eine tolle Idee - Eltern-Erholsonntag

Was kann eine Kirchengemeinde ganz praktisch für Eltern und junge Familien tun? Wonach sehnen sich diese Familien? Solche Fragen stellten sich einige engagierte Menschen in unserer Gemeinde vor einiger Zeit.

Und dann hatten sie eine Idee: Ist es nicht so, dass auf Grund der Veränderungen in der Arbeitswelt unserer Zeit (Stichwort Flexibilisierung) viele Eltern darunter leiden, dass sie kaum noch Zeit für sich als Paar haben? Wie wäre es, wenn die Gemeinde diesen Eltern etwa einmal im Monat einen kompletten Nachmittag zu zweit ermöglichen würde?

Gesagt, getan. Am kommenden Sonntag ist es wieder so weit. Nach dem Gottesdienst unternehmen die Freiwilligen aus der Gemeinde mit den Kindern bis 18 Uhr einen schönen Ausflug und wir Eltern sind mal wieder "einfach nur ein Paar". Klasse. Und vor allem: Danke.

Donnerstag, 1. Juli 2010

EmK-Weltmission Infomail Nr. 133

  1. Hebamme für Sierra Leone;
  2. Dennis Bangalie in Pforzheim;
  3. Wie Praktikanten die Liebe Gottes weitergeben;
  4. Glaube und Gesundheit in Kenia;
  5. »Rudelgucken« für den Ziegler-AIDS-Fonds;
  6. Keine Sommerpause im Missionsbüro

1.) Wieder eine Hebamme in Jaiama, Sierra Leone

Viele von Ihnen waren, genau wie wir, im März sehr enttäuscht über die Meldung, dass die Entsendung Helen Rehrs als Hebamme an die Gesundheitsstation in Jaiama beendet wurde. Nun freuen wir uns umso mehr, dass es gelungen ist, mit Kanie Turay eine ausgebildete einheimische Hebamme für Jaiama zu finden. Ab dem 1. Juli verstärkt Kanie Turay das Team in Jaiama.
Die qualifizierte Arbeit einer Hebamme dort ist bitter nötig, denn noch immer liegt die Säuglingssterblichkeit in Sierra Leone bei erschreckenden 158 pro 1.000 Geburten und die Müttersterblichkeit bei 21 pro 1.000 Geburten. Nur 43 % der Geburten in Sierra Leone werden überhaupt medizinisch betreut. Wie schon in der Vergangenheit unterstützen wir die Jaiama Clinic weiterhin durch die Finanzierung der Gehälter aller Angestellten.
Bitte beten Sie für das ganze Team in Jaiama und besonders für Kanie Turay in ihrem wichtigen Dienst.

2.) Dennis Bangalie »live« beim Lauf für das Leben in Pforzheim

Dennis Bangalie, Projektkoordinator für die Projekte der EmK-Weltmission in Sierra Leone, wird beim Lauf für das Leben am 17. Juli teilnehmen. Auch im Gottesdienst am Sonntag, 18. Juli, im Enzauenpark wird er zu erleben sein: Im Interview steht er Rede und Antwort zu der Arbeit in Sierra Leone und er wird auch die Predigt im Gottesdienst halten. Hier können Sie ihm persönlich begegnen. Natürlich können Sie auch selbst am Lauf für das Leben teilnehmen. Mit dem Sponsorenlauf werden in diesem Jahr die Gesundheitsprojekte und die Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen sowie ehemaligen Kindersoldaten in Sierra Leone unterstützt.

3.) Wie PraktikantInnen die Liebe Gottes weitergeben

Die Erfahrungen von PraktikantInnen sind vielfältig und bunt. Auf unserer Homepage finden Sie jetzt einen interessanten Bericht Thimna Buntes vom letzten Treffen ehemaliger und zukünftiger Freiwilliger in Esslingen. Deutlich wird in dem Bericht, dass es bei den Einsätzen immer um zweierlei geht: Die jungen Menschen, die sich in einem Partnerland engagieren, erweitern ihren eigenen Erfahrungsschatz durch die Begegnung mit einer anderen Kultur. Und gleichzeitig nehmen sie aktiv teil an der Arbeit der Kirche in diesem Partnerland und helfen mit, die Liebe Gottes weiterzugeben.

4.) Glaube und Gesundheit in Maua, Kenia

Die Liebe Gottes weitergeben, dieses Ziel steht auch bei der Arbeit des Methodistischen Krankenhauses in Maua, Kenia im Mittelpunkt. Nun ist diese Arbeit von der amerikanischen Methodist Healthcare Foundation durch einen Preis für Glaube und Gesundheit ausgezeichnet worden. Wir freuen uns mit der Leitung und allen Mitarbeitenden in Maua über diese Würdigung ihres Dienstes.

5.) »Rudelgucken« für den Ziegler-AIDS-Fonds

Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht in diesen Tagen allerorten die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Aber anders als noch vor wenigen Jahren sehen viele von uns sich die Spiele nicht mehr im heimischen Wohnzimmer an, sondern gemeinsam mit anderen auf öffentlichen Plätzen, in Gaststätten oder eben auch in Gemeinden.
Dieses »Public Viewing« oder »Rudelgucken« in ihren Räumen nutzen einige EmK-Gemeinden auch dazu, über Land und Leute in Südafrika und über die Arbeit der Kirche dort zu informieren. Manche haben bei uns Bilder für Fotowände oder Info-Prospekte über den Ziegler-AIDS-Fonds bestellt und sammeln Spenden für den Kampf gegen HIV/AIDS. Wir finden diese Idee toll, bedanken uns für diese Unterstützung und empfehlen sie gerne für die spannende Endphase der Weltmeisterschaft zur Nachahmung.

6.) Keine Sommerpause im Missionsbüro

Wenn Sie Material für Ihre Gemeinde bestellen möchten, Fragen zu unserer Arbeit haben oder aus einem anderen Grund mit uns in Kontakt treten möchten, ist es gut zu wissen: Auch wir machen Urlaub, aber nicht gleichzeitig. Auch über den Sommer bleibt das Missionsbüro immer besetzt und für Sie per Mail an weltmission@emk.de oder telefonisch unter (0202) 7670190 erreichbar.

Dienstag, 29. Juni 2010

Die Jaiama-Clinic hat eine neue Hebamme

Seit vielen Jahren unterstützt die EmK-Weltmission das Gesundheitszentrum der United Methodist Church in Jaiama, Sierra Leone. Wie wichtig die Arbeit ist, die dort getan wird, kann man hier nachlesen.

Im Jahr 2009 haben wir - erfolglos - versucht, aus Deutschland eine Hebamme nach Jaiama zu entsenden. Bisher war dort keine Hebamme tätig, obwohl die Geburtshilfe zu den wichtigsten Aufgaben des Gesundheitszentrums gehört. Die Mütter- und Kindersterblichkeit unter der Geburt ist in Sierra Leone sehr hoch, besonders in den ländlichen Bereichen, in denen Jaiama liegt. Die Enttäuschung bei allen Beteiligten war groß, als die Entsendung der Hebamme aus Deutschland abgebrochen werden musste.

Doch nun gibt es Hoffnung, denn am 1. Juli nimmt Kanie Turay ihre Arbeit im Jaiama Health Center auf. Kanie Turay ist eine der wenigen einheimischen Hebammen in Sierra Leone. Sowohl die Dorfältesten in Jaiama als auch die regionale Gesundheitsbehörde haben ihrer Einstellung in der Clinic bereits zugestimmt.

Bischof Yambasu schreibt: "Alle sind sehr glücklich, dass wir Kanie Turay gefunden haben. Ich bin guter Hoffnung, dass sie genau die Frau ist, die wir in Jaiama brauchen."

Die EmK-Weltmission wird auch weiterhin die Gehälter der Angestellten in der Jaiama Clinic bezahlen, wozu nun auch Kanie Turay gehört, und so der Kirche in Sierra Leone helfen, die wichtige Arbeit dort fortzuführen.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Gerechtigkeit ist Mission

Die Mission der Kirche ist nach methodistischem Verständnis ganzheitlich. Alles tun, um Menschen mit der Liebe Gottes in Berührung zu bringen, das ist gemeint. Dazu gehören Worte und Taten, Evangelisation als Einladung zur Jüngerschaft, praktische Hilfe und soziale Arbeit - und eben auch der Einsatz für Gerechtigkeit, für Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

Immer wieder kommt es vor, dass ich auf die Arbeit der EmK-Weltmission angesprochen werde: Ist das denn Mission?, lautet dann die kritische Frage, wenn es um manche Projekte geht, die wir fördern und die sich dem Einsatz für Gerechtigkeit widmen. Ja, unbedingt, so lautet meine Antwort, denn die Einladung zur Nachfolge und die praktische Zuwendung zum Nächsten kann man nicht trennen. Schon bei Jesus war das so. Er "ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte... und predigte das Evangelium vom Reich und heilte..." (Matthäus 8,35)

Das Evangelium predigen und heilen - beides gehört zusammen und ist untrennbar, wenn unsere Sendung die Sendung Jesu ist.

Die EmK-Weltmission hat deshalb jetzt einen Flyer herausgegeben, der sich in besonderer Weise dem Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung widmet. Vielleicht ist er manchen eine Hilfe, wenn auch sie mal gefragt werden: Und das soll Mission sein? Der Flyer kann auf der Homepage heruntergeladen werden.

Dienstag, 1. Juni 2010

Afrika und Horst Köhler

"Ich bleibe dabei: Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas." Horst Köhler

Krieg darf weder ein Mittel der Politik sein, noch eines zur Erreicherung oder Sicherstellung wirtschaftlicher Interessen. Das ist meine Position, und deshalb teile ich die Kritik, die von vielen Seiten an den Interview-Äußerungen Horst Köhlers geübt wurde. Man muss kein Pazifist sein, um diese Kritik an ihm zu unterstützen.

Und Politiker(innen), auch der Bundespräsident, müssen in einer lebendigen Demokratie mit Kritik nicht nur leben können, sondern sie fördern und herausfordern. Deshalb wundere ich mich über Horst Köhlers Rücktritt und verstehe ihn nicht wirklich.

Trotzdem finde ich es schade, dass er nun weg ist, und zwar aus zwei Gründen:

  • Erstens hat er gerade in den letzten Monaten, in denen viele ihm ja vorwarfen, er sei zu still geworden, aus meiner Sicht wichtige Beiträge zur politischen Diskussion aus der Sicht der christlichen Soziallehre geliefert. Ich fand es schon beeindruckend, wie er sich vom Vertreter freier Märkte gewandelt hat zu jemandem, der ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Freiheit und Kreativität der Märkte einerseits und sozialer und ökologischer Regulierung als Voraussetzung dafür andererseits gefordert hat.
  • Und zweitens war Horst Köhler in meinen Augen einer der wenigen, ganz sicher aber einer der wichtigsten Fürsprecher(innen) Afrikas in der politischen Debatte in Deutschland. Diese Stimme, die um Interesse für Afrika geworben und versucht hat, Dialoge nicht nur über Afrika, sondern mit Afrianer(inne)n zu initiieren, wird nun fehlen.
Schade.


Montag, 31. Mai 2010

Mamaweh

Eine Woche lang war meine Frau Daniela also zur Fortbildung auf Langeoog und ich allein mit unseren drei Töchtern zu hause.

Am vergangenen Donnerstag kam dann abends unsere Jüngste - Jael - zu mir und weinte. Auf meine Frage, was los sei, antwortete sie schniefend: Papa, erstens hab ich mir hier wehgetan (und zeigte auf ihre Schulter) und zweitens hab ich Mamaweh.

Natürlich tat sie mir Leid und ich hab sie getröstet, aber heimlich musste ich schmunzeln und wurde dann nachdenklich: Mamaweh. Was für ein schönes Wort. Wie Heimweh, und das Heim, das Zuhause, ist eben für dieses (nur für dieses?) Kind nicht nur das Haus, in dem sie lebt, dieser bestimmte Ort, sondern auch die Person, die Mama.

Ganz schön schlau, und ich hab wieder was gelernt: Zuhause, Heimat, das sind keine (oder zumindest nicht nur) Orts- sondern Personenbezeichnungen. Ist was dran, oder?

Gott hält sie fest an der Hand

Mich begeistert die heutige Tageslosung aus Psalm 37, 23-24: "Von Gott kommt es, wenn die Schritte der Menschen fest werden. Gott hat Gefallen an ihrem Weg. Fallen sie, so stürzen sie doch nicht. Denn Gott hält sie fest an der Hand."

Wunderbare Worte, oder?
  • Gott hat Gefallen an unserem Weg. Er/Sie interessiert sich für uns, wir sind für Gott nicht unwichtig, uninteressant.
  • Das zu wissen und dessen ganz sicher zu sein, lässt unsere Schritte fest werden. Mich beeindrucken Menschen mit festem Schritt sehr, wenn ich sie sehe. Auch sie machen Fehler, auch sie haben Fragen und müssen sich immer wieder klar machen, in welche Richtung sie gehen wollen. Aber dann gehen sie mit festem Schritt. Das will ich lernen.
  • Das heißt nicht, dass wir dann nicht mal hinfallen. Wir werden hinfallen, immer wieder. Wir werden weiter Fehler machen, uns auch mal verrennen, die Übersicht verlieren. Aber trotzdem wissen wir: Gott hält uns an der Hand, interessiert sich für uns, gibt uns festen Schritt. Da lohnt es sich doch, wieder aufzustehen, oder?

Donnerstag, 20. Mai 2010

Das 4. Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren - Alt und Jung

Predigt in der EmK in Recklinghausen am 23.05.2010

Die Zuwendung unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Wohl kaum ein Thema ist so konflikt-geeignet wie das Verhältnis von Töchtern und Söhnen zu ihren Eltern oder das Verhältnis der Generationen (Alt und Jung) zueinander. Ich vermute, das ist so, seit es Menschen gibt auf dieser Erde. Schon Sokrates sagte vor rund 2.400 Jahren: "Die Jugend hat schlechte Manieren. Sie verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wenn sie arbeiten sollte. Die Jungen stehen, nicht auf, wenn Ältere den Raum betreten. Sie schlingen ihr Essen herunter und legen die Beine übereinander. Sie widersprechen ihren Eltern und tyrannisieren ihre Lehrer." Seltsam, wie sich die Dinge über die Zeit hinweg gleichen.

Verschärft hat sich der Konflikt der Generationen speziell in Deutschland in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die sog. 68er protestierten gegen ihre Eltern, ja sie verachteten sie, denn in ihren Augen standen sie für die Täter der Nazi-Diktatur. Die Kinder standen fassungslos der Tätergeneration ihrer Eltern gegenüber und empfanden nichts als Abscheu und Wut.

Und heute? Die Schärfe der 68er-Auseinandersetzung ist nicht mehr da. Aber an ihre Stelle ist nicht ein neues Verständnis und neuer Respekt von Alt und Jung getreten, sondern vielfach Sprachlosigkeit und Fremdheit.

Meiner Ansicht nach stehen wir mitten in einer Zeitgeistwende, die sich nicht nur, aber auch an Alt und Jung festmacht.
  • Die Älteren sind ganz und gar Kinder der Moderne: Sie sind geprägt vom Zeitalter des stetigen technischen und wissenschaftlichen Fortschritts, der großen politischen und gesellschaftlichen Entwürfe, des wirtschaftlichen Wachstums, der Sicherheit und manchmal auch der großen Glaubensgewissheit.
  • Die Jungen aber sind bereits postmodern geprägt, sie misstrauen all diesen Verlässlichkeiten. Ihr Glaube zum Beispiel lebt viel weniger von Glaubensbekenntnissen und Sicherheiten, als vom Wagnis, vom Fühlen, von der Emotion. Sie können mit dem Begriff "Nachfolge Jesu" viel mehr anfangen als mit dem "Glauben an" irgendetwas. Fragen wie "Was glaubst du?" oder "Welches Bekenntnis / welche Konfession hast du?" sind für diese Jungen unwichtig geworden. Wichtiger sind ihnen Fragen wie "Wie lebst du?" oder auch "Was spürst du?" Sie glauben auch nicht mehr daran, dass ein politischer Entwurf die Menschen zum Glück führen könnte oder dass die Welt durch den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt etwa immer besser werden könnte.

In den Augen der Älteren sind diese jungen, postmodern geprägten Leute scheinbar vor allem bindungslos und entscheidungsunfähig, sie treiben hin und her ohne Gewissheiten und Sicherheiten, ohne Verlässlichkeit. Die Jungen selbst aber legen viel mehr Wert darauf, dass sie Suchende sind, weil Suchen in ihren Augen wichtiger ist als die Gewissheit, die Wahrheit schon gefunden zu haben. Zu oft, so sehen es die Jungen, haben sich solche Wahrheiten nämlich im Nachhinein schon als falsch, ja katastrophal herausgestellt.

Diese Auseinandersetzung zwischen Moderne (dafür stehen hier die Älteren) und Postmoderne (dafür stehen die Jüngeren), die ich mit diesen Bemerkungen nur andeuten kann, ist weit weniger kämpferisch als frühere Generationenkonflikte. Aber sie ist nicht weniger tiefgreifend. Und sie führt eben nicht zu kämpferischen Auseinandersetzungen (wie noch bei den 68ern und ihren Eltern), zu einem befreienden Streit zwischen Jung und Alt, sondern eher zu gegenseitiger Verständnis- und Sprachlosigkeit. Jung und Alt haben die gemeinsame Sprache, auf deren Grundlage man sich überhaupt erst streiten kann, weitgehend verloren. Sie verstehen einander nicht mehr.

Vor diesem Hintergrund geht es mir heute um das Verhältnis von Alt und Jung.

Die 10 Gebote wollte ich in dieser Predigtreihe verstehen und auslegen als Hinweise für ein authentisches Leben als Christ heute. Nicht so sehr als einzelne Bestimmungen also, sondern als Eröffnung von Feldern, in denen dieses Leben als Christin oder Christ gelebt werden kann. Im ersten Gebot haben wir als ein solches Feld - und als das grundlegende - unser Verständnis von uns selbst in Beziehung zu Gott erkannt. Im zweiten Gebot ging es um die Sprache: Im Umgang mit Sprache haben wir die Chance, unser Leben in der Nachfolge praktisch werden zu lassen. Im dritten Gebot ging es um unser Verhältnis zur Zeit, und wir wurden eingeladen zu einem befreiten Umgang damit, der auch ungenutzte Zeit kennt. In den nächsten Predigten wird es dann um die Heiligkeit des Lebens, um das Eigentum, die Ehe und um andere Felder der Nachfolge gehen. Alle diese Bereiche oder Felder sind Ortsanweisungen: Hier, sagen die 10 Gebote, ist authentischer christlicher Lebensstil gefragt und möglich.

Das 4. Gebot, um das es mir heute geht, weist uns hin auf das Verhältnis der Generationen zueinander als ein wichtiges solches Feld, in dem wir unser Christsein praktisch werden lassen können. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Zuerst möchte ich dabei sagen, wie ich das Gebot nicht verstehen will: Es ist
1. nicht nur an die Söhne und Töchter, sondern auch an die Eltern gerichtet und es ist
2. keine Aufforderung zu blindem Gehorsam und zur geduckten Unterordnung Autoritäten gegenüber.

Zu 1.: Das Gebot richtet sich nicht einseitig an die Töchter und Söhne, sondern - im Gesamtzeugnis der Bibel - an alle Generationen. (Lies: Epheser 6,1-4) Das Verhältnis der Generationen untereinander als Feld, authentisch in der Nachfolge zu leben, das ist eine Platzanweisung nicht nur für die Jüngeren, die Töchter und Söhne, sondern für alle.

Im antiken Israel ging es vor allem darum, die Jüngeren und Kräftigen daran zu erinnern, dass sie Verantwortung tragen für ihre Elterngeneration, die nicht (mehr) für sich selbst sorgen konnte. Und dem Alter mit besonderem Respekt zu begegnen, das kann - und sollte in meinen Augen - auch heute noch eine wichtige Aufforderung an die Jüngeren sein. Aber die Verantwortung für ein gelingendes Zusammenleben von Alt und Jung, die liegt bei beiden. Ein Verständnis der Generationen hängt nicht nur vom Respekt der Jungen den Alten gegenüber ab, sondern vom gegenseitigen Respekt beider.

Und zu 2.: Wenn hier von "ehren" die Rede ist, dann sollten wir das nicht als blinden Gehorsam vor der elterlichen Obrigkeit verstehen. Lange Zeit ist das Gebot ja so ausgelegt worden, und das mit einer verhängnisvollen Wirkungsgeschichte, weil der bedingungslose Gehorsam bald nicht nur den Eltern, sondern auch den Lehrern, den Polizisten und dem Staat gegenüber gefordert wurde. Da zog sich dann eine gerade Linie vom Hausvater bis zum Landesvater und mit diesem Gebot wurde begründet, dass es den Untertanen nicht zusteht, diesen Vätern auch nur zu widersprechen, geschweige denn gegen sie aufzubegehren, weil sie stellvertretend für den Vater im Himmel mit harter Hand herrschen sollen und dürfen (siehe zum Beispiel Luthers Großer Katechismus). Selbst der Gehorsam gegenüber dem faschistischen Unrechtsstaat ist von mancher Kanzel herab mit dem 4. Gebot begründet worden. Nein, so will ich und wollen wir das 4. Gebot nicht mehr verstehen. Schon Jesus war ein solcher unkritischer Untertanensinn gegenüber seinen Eltern fremd. (Lies Johannes 2,3-4)

Wie können wir das Gebot aber dann auslegen? Wie kann es uns helfen, über die Generationen hinweg sprachfähig zu werden und zu einem respektvollen und gelingenden Umgang miteinander zu finden, der uns alle bereichert? Wie kann die Bibel uns helfen im Umgang von Alt und Jung miteinander?

Ich glaube, diese Hilfe besteht in drei Einsichten:

1. und grundlegend: Die gemeinsame Begeisterung für Jesus macht uns sprachfähig füreinander.

Wir haben heute Pfingsten und haben gerade den Text aus Apostelgeschichte 2 gehört. Dass sich Menschen von Jesus begeistern lassen, so wird dort erzählt, führt dazu, dass sie Sprachgrenzen überwinden. Plötzlich verstehen sie einander, obwohl sie unterschiedliche Sprachen sprechen. "Und ein jeder hörte sie in seiner Sprache reden."

Ich habe vorhin deutlich gemacht, dass sich meiner Meinung nach der Konflikt der Generationen heute vor allem in Sprach- und Verständnislosigkeit zeigt und weniger in offenem Streit. Nach dem Hören von Apostelgeschichte 2 frage ich nun: Wer, wenn nicht wir, die von Jesus begeistert sind, soll denn diese Sprachlosigkeit überwinden? Das Pfingstfest ist doch die Verheißung, dass das möglich ist.

Und ich erlebe das auch, zumindest machmal, hier in der Gemeinde. Dann zum Beispiel, wenn wir hier im Gottesdienst beides zulassen: die (moderne) Herangehensweise der Alten mit biblischer Lehre, vielen Texten und Bekenntnisliedern und die (postmoderne) Form der Jungen mit offenen Zeiten der Stille, der Bewegung, der Körperlichkeit, der persönlichen Gebete und des Lobpreises. Da erlebe ich dann, dass wir einander nicht nur zuhören, sondern auch verstehen. "Und ein jeder hörte sie in seiner Sprache reden." Ich möchte uns ermutigen, da weiterzumachen und das immer mehr mutig einzuüben, damit die Gemeinde ein Ort wird, an dem die Sprachlosigkeit zwischen Alt und Jung überwunden ist. Wir sind seit Pfingsten eingeladen, die Begeisterung von Jesus zu spüren und auszuleben, auf unterschiedliche Art und Weise. Und vielleicht fragen auch wir dann manchmal überrascht: "Was will das werden?" Dann hoffe ich, dass einer von uns aufsteht und - wie Petrus - erklärt und daran erinnert: "Diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, sondern begeistert von Jesus."

Ich bin überzeugt: Wenn wir es schaffen, unsere Begeisterung von Jesus in den Mittelpunkt unserer Gemeinde und unserer Gottesdienste zu stellen und uns unvoreingenommen zuzuhören, wenn wir den Mut aufbringen, uns einzubringen und wenn wir es schaffen, uns gegenseitig auch dann zu ertragen, wenn uns der Stil und die Sprache der anderen fremd erscheint, dann können auch wir die Pfingsterfahrung machen, dass wir uns plötzlich wirklich verstehen und dass Alt und Jung ihre Sprachfähigkeit wiederentdecken. Dann wird die Gemeinde wirklich ein Modell für die ganze Gesellschaft.

2.: Die Begeisterung für Jesus schenkt uns Respekt füreinander.

Wenn wir, Alte und Junge, so sprachfähig miteinander werden, dann werden wir schnell merken, dass uns etwas Grundlegendes eint: Alles, was oben gesagt wurde über den tiefen Graben zwischen Moderne und Postmoderne, stimmt nach wie vor. Und es ist und bleibt wahr: Das Denken der Generationen, ihr Fühlen, ihre Kultur, ihr Lebensstil, ihre Sprache usw. trennt heute Alt und Jung mindestens so stark, vielleicht noch grundsätzlicher und stärker als in früheren Zeiten. Aber dass wir begeistert sind von diesem Einen, von Jesus, davon, wie er gelebt hat und lebt, dass wir uns von ihm anrühren und verändern lassen, das eint uns über alle diese Grenzen hinweg.

Wir drücken das in unterschiedlichen Worten, Liedern, Gesten, Gottesdienst- und Gebetsformen aus, das stimmt. Aber es ist der gleiche Jesus, mit dem wir leben und der uns begeistert. Und deshalb können wir einander mit Respekt und Achtung, ja mit Liebe begegnen. Jesus spricht Alte wie Junge mit der gleichen Botschaft von Gottes Liebe und Herrschaft an und wir dürfen uns darauf verlassen, dass seine Ansprache auch wirkt. Dieses Wirken drückt sich bei Alten und Jungen ganz unterschiedlich aus, aber es ist das gleiche Wirken.

Lasst uns darauf achten, hier in der Gemeinde, in unseren Familien, auf der Arbeit und wo auch immer, dass wir das immer im Sinn behalten: Alte und Junge ticken in vielerlei Hinsicht unterschiedlich, aber Jesus wirkt an beiden und kann beide für sich begeistern. Lasst uns wachsam, mit offenen Augen und mit weitem Herzen zu entdecken versuchen, wo Jesus in den anderen wirkt. Dann, da bin ich sicher, entsteht ein neuer Respekt von Jungen den Alten gegenüber und auch umgekehrt. Und

3. und letztens: Die Begeisterung für Jesus macht uns verantwortlich füreinander.

Ich habe schon darüber gesprochen, dass Jesu Beziehung zu seinen Eltern alles andere als spannungsfrei war. Besonders in seiner Pubertät, aber auch später, ist es da zu ganz schön heftigen Verwerfungen gekommen. Denkt nur an den 12-jährigen Jesus im Tempel, der seinen Eltern ausreißt, den sie lange suchen müssen und der sie dann, als sie ihn endlich gefunden haben und heilfroh darüber sind, anblöfft: Warum habt ihr mich gesucht? Denkt an sein grobes Wort: Frau, was geht's dich an, was ich tue? Oder an seinen Satz: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun. Ganz schön heftig. Sicher sollte uns das mahnen, in der Familie nicht zu viel zu erwarten. Konflikte zwischen Jung und Alt, zwischen Töchtern und Söhnen und Eltern sind normal und wohl auch notwendig. Die Ablösung der Kinder von den Eltern, das Selbstständig-Werden, Selbst-Denken, Selbst-Verantworten sind Voraussetzungen dafür, dass es zu einer reflektierten, erwachsenen Form des Respekts, der Achtung und des Verständnisses füreinander kommen kann. So manche psychische Erkrankung hat ihre Ursache darin, dass es im Leben des oder der Erkrankten nie zu einer solchen Loslösung aus der elterlichen Autorität gekommen ist.

Aber am Ende seines irdischen Lebens, am Kreuz, zeigt Jesus noch etwas anderes: Er übernimmt Verantwortung und er gibt diese Verantwortung weiter an die Alten für die Jungen und an die Jungen für die Alten. Frau, das ist jetzt dein Sohn, sagt er zu seiner Mutter in Bezug auf seinen Lieblingsfreund. Er vertraut ihn ihr sozusagen als Adoptivsohn an und bittet sie, ihm Mutter zu sein, ihn zu begleiten, zu beraten und ihm ins Leben zu helfen. Siehe, das ist deine Mutter, sagt er dann zu seinem Freund. Er bittet ihn damit, Maria ein Sohn zu sein, einer, der Verantwortung für sie übernimmt, der sie herausfordert, so wie Jesus das immer wieder getan hat.

Für mich ist diese Geschichte sehr wichtig, weil sie zeigt: Jesus bringt Alte und Junge zueinander und bittet sie, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Das gilt für die Familie, aber nicht nur für sie.

  • Wenn wir von Jesus begeistert sind wie sein Freund und Jünger es war, dann haben wir Verantwortung für unsere Mütter und Väter im Glauben. Wir dürfen und sollen ihnen wie Söhne und Töchter sein: hilfreich-kritisch, herausfordernd, liebevoll-streitbar.
  • Und wenn wir schon fast ein ganzes Leben lang mit Jesus unterwegs sind wie Maria es war, dann haben wir Verantwortung für die Jungen im Glauben. Wir dürfen und sollen ihnen Vater und Mutter sein: ebenso hilfreich-kritisch, herausfordernd, liebevoll-streitbar.
Das setzt voraus, dass wir nicht unter Unseresgleichen bleiben wollen, sondern das Gespräch miteinander suchen. Ich glaube, wir alle profitieren davon, wenn wir uns einander auch mitteilen und gegenseitig wahrnehmen: die Alten von den Jungen, die Jungen von den Alten. Die Voraussetzungen dafür sind nirgendwo so gut wie hier in der Gemeinde, denn die Begeisterung für Jesus macht uns sprachfähig füreinander, sie schenkt uns Respekt füreinander und sie lässt und füreinander verantwortlich werden.

Diese Begeisterung, nicht nur zu Pfingsten, wünsche ich uns allen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft und unsere Zweifel, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem gemeinsamen Herrn, Amen.


Samstag, 27. März 2010

Poverty and Justice Bible

Endlich ist sie da. Ich hab lange darauf gewartet, und nun liegt sie neben mir: die Poverty and Justice Bible. Schon lange fand ich das ein tolles Projekt: eine Bibel in - auch für Zweitsprachler - leicht lesbarer englischer Übersetzung (Contemporary English Version) mit dem Ziel, besonders die Leidenschaft Gottes für Arme und für Gerechtigkeit in der biblischen Botschaft klar zur Sprache zu bringen. Nun kann ich selbst prüfen, wie das gelungen ist.

Mein erster Eindruck: Wirklich klasse. Tatsächlich liest sich die Bibel gut und ich brauche kein Wörterbuch. Es ist ein einfaches, gut lesbares und durchaus schönes Englisch. In der Bibel sind insgesamt über 2.000 Stellen farblich markiert (wie mit einem orangenen Textmarker), in denen es um Armut geht, um Recht und Gerechtigkeit, um Solidarität. Ich empfinde das beim Lesen nicht als Bevormundung, sondern als wohltuendes Aufmerksam-Machen auf dieses Thema. Manchmal ist das vielleicht unbequem, aber das darf und soll ja auch so sein. Und schon beim ersten Blättern wird klar: Der Gott, von dem hier erzählt wird, ist leidenschaftlich engagiert für Gerechtigkeit.

Dazu enthält die Bibel in der Mitte eine Art Studienteil mit richtig vielen kleinen Bibelarbeiten bzw. biblischen Impulsen zum Nachdenken oder auch für Kurzandachten oder Hauskreisabende. Sie laufen unter dem Titel 3D, denn zu jedem Thema gibt es neben einem Bibeltext einen Abschnitt "Discover", der Anregungen gibt, den Text auszulegen und zu reflektieren, einen Abschnitt "Dream", der kurze Fragen zum Weiterdenken stellt und einen Abschnitt "Do" mit praktischen Anregungen zum Beten und Handeln.

Es macht Spaß, mit dieser Bibel umzugehen. Und bestimmt entdecke ich dabei noch viel Neues und werde herausgefordert. Ich freu mich drauf.

Freitag, 12. März 2010

Die Macht der Zunge - Das zweite Gebot

Aufriss einer Predigt, gehalten in der EmK Recklinghausen am 14. März 2010

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei und bleibe mit euch allen. Amen.
Heute also Teil 2 unserer Predigtreihe über die 10 Gebote. Ihr erinnert euch noch an die Auslegung des ersten Gebotes? Falls nicht, hier eine kurze Zusammenfassung der zentralen Gedanken:

  • Das erste Gebot richtet sich nicht gegen fremde Religionen oder gegen den Atheismus, sondern fragt uns, auf wen oder was wir unser Vertrauen richten.

  • Gott bietet uns an, dass wir uns ganz an ihn hängen, nicht an Gut oder Geld, nicht an Ehre und Ansehen, sondern allein an ihn.

  • Gott bietet uns an, dass er uns gerecht macht: frei und umsonst. Wir müssen nicht selbst-gerecht nach seinen Maßstäben sein und wir können das auch nicht. Er macht uns gerecht, indem er uns die Gerechtigkeit Jesu zuspricht.

  • Dem ersten Gebot folgen heißt: mein Herz ganz an Gott hängen und ihm vertrauen. Es ist deshalb nicht nur Gebot, sondern zugleich – und zuerst – An-Gebot.
Die neun Gebote, die nun folgen, sind nichts anderes als Auslegung dieses ersten Gebotes. Sie wollen Antwort geben auf die Frage: Was heißt das konkret: Gott allein vertrauen und mein Herz an ihn hängen? Wie zeigt sich das in meinem Leben? Da geht es dann um ganz unterschiedliche Lebensbereiche: um mein Zeitmanagement, um mein Sexualleben, um mein politisches Engagement, um meine Arbeit und meinen Besitz usw. Jedes Gebot widmet sich einem anderen Thema, aber immer geht es dabei um diese eine Frage: Gott vertrauen und ihm folgen - so wie es das erste Gebot fordert und zugleich anbietet-, wie sieht das konkret aus?
Und heute? Heute geht es um die Beantwortung dieser Frage im Hinblick auf das gefährlichste Körperteil, das wir als Menschen haben. Nein, damit ist kein Sexualorgan gemeint und nein, damit ist auch nicht unsere Faust gemeint, obwohl die bei manchen von uns schon ganz schön gefährlich sein kann. Das gefährlichste Körperteil, das wir haben, ist unsere Zunge. Um sie geht es deshalb zuerst. Und in Bezug auf sie heißt es: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.
An unserer Zunge, an dem, was wir sagen, entscheidet sich also zuallererst unsere Glaubwürdigkeit als Menschen, die mit Gott leben.
Warum ist das so? Jakobus erklärt, warum die Zunge so wichtig ist. Jak. 3,2-5. Mit der Zunge kann ich aufbauen, ermutigen, stark machen, loben, unterhalten, erfreuen, zum Lachen bringen und eben dadurch Gott bezeugen und glaubwürdig Jünger Jesu sein. Mit meiner Zunge kann ich aber auch unterdrücken, entmutigen, frustrieren, beschimpfen, beschämen, klein machen und klein halten, zum Weinen bringen und eben damit als Jünger Jesu völlig unglaubwürdig werden.
Gott aber hat nun im ersten Gebot gesagt, dass er der Herr sein will über unser ganzes Leben, dass er mit seiner Liebe und Befreiung, die er uns schenkt, alle unsere Lebensbereiche prägen und verändern will. Deshalb soll auch und zuerst das, was unsere Zunge tut, vom vertrauen auf ihn geprägt sein. Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen.
Es ist doch so: Wenn du als Christ leben willst, dann werden andere genau auf das achten, was du tust und zuallererst: was du sagst. Stimmts? Kennt ihr das? Von dem Moment an, in dem die Arbeitskollegin oder der Nachbar erfahren, dass du Christ bist und dich zur Gemeinde hältst, stehst du unter Sonderbeobachtung. Du bist sozusagen auf Bewährung. Jedes Wort, das du sagst, wird von deinen Mitmenschen abgewogen und beurteilt. Ist das echt? Passt das zu seinem Christsein? Und wenn du dann einmal ungerecht zu jemandem bist oder deine kleine Tochter anschreist oder eine sexistische Bemerkung machst oder oder oder, dann werden andere das nicht nur kritisieren, wie sie es bei jedem tun. Nein, zusätzlich werden sie dir zu verstehen geben: Du bist doch so fromm. Von dir als Christ hätte ich anderes erwartet.
Wir können das o.k. finden oder auch blöd, nur ändern können wir es nicht. Wir müssen so oder so damit leben. Wir sind immer Zeugen für Jesus, entweder glaubwürdige Zeugen oder unglaubwürdige. Entweder sehen unsere Mitmenschen an uns, dass der Glaube echt ist, dass es etwas mit ihm auf sich hat und dass er Menschen wirklich verändern und prägen kann, oder sie sehen an uns, dass der Glaube Quatsch ist.
Gott weiß das, und im zweiten Gebot gibt er zu verstehen: Er nimmt das auch ernst. Mit dem, was wir sagen und wie wir unseren Glauben damit bezeugen, machen wir nicht nur uns selbst als Jünger glaubwürdig oder eben unglaubwürdig, sondern auch ihn, unseren Herrn. Wir ehren seinen Namen oder wir missbrauchen ihn, je nachdem, wie wir mit unserer Zunge umgehen. Man könnte auch sagen: Es ist Gott schlicht und einfach peinlich, wenn das, was aus unserem Mund kommt, nicht zu ihm, zu seiner Liebe allen Menschen gegenüber und zu seinem Willen, alle Menschen frei zu machen und aufzubauen, passt.
Also zusammengefasst: Das zweite Gebot sagt uns zunächst dass, dass es wichtig ist, was aus unserem Mund herauskommt. Was wir sagen, soll zu unserem Glauben passen, es s authentisch sein und uns als Christen glaubwürdig sein lassen. Das ist Gott wichtig.
Aber hilft uns das wirklich weiter? Ich weiß nicht, ob es euch genauso geht wie mir, aber ich bin von diesem Gebot absolut angesprochen. Volltreffer, gewissermaßen. Eine meiner großen Schwächen war es immer, dass ich häufig Leute verletze mit dem, was ich sage. Leute, die ich eigentlich nicht verletzen wollte. Oft tat es mir hinterher Leid. Und auch heute noch geht mir das manchmal so, obwohl ich schon besser auf meine Worte aufpasse als früher. Ich tue das, weil ich weiß, wie gefährlich Worte sein können und weil ich um all die Zusammenhänge weiß, die ich gerade dargestellt habe. Und: Ich tue das, weil ich das ja will: glaubwürdig Christ sein, ein Mensch, bei dem Glauben, Reden und Handeln zusammenpassen. Nur das Wissen allein, dass Gott das will, hilft mir noch nicht, es zu schaffen. Jakobus hat ja ganz recht: Ein Mensch, der seine Zunge unter Kontrolle hat, ist selten, sehr selten.
Wie aber können wir es schaffen, das zu lernen? Wie gelingt es uns, unsere Worte besser zu kontrollieren? Wie schaffen wir das, Gottes Namen nicht zu missbrauchen, sondern so zu reden, dass wir Zeugen der Liebe Gottes sind und glaubwürdige Jünger Jesu? Gibt es ein Hilfsmittel, eine Technik, die uns helfen könnte?
Lasst und lesen, was Jesus zu diesem Thema sagt: In seiner Zeit galt es als besonders wichtig für fromme Leute, die mit Gott leben wollten, ganz genau aufzupassen, was man isst und trinkt. Einen Menschen, so sah man das damals in Israel, der mit Gott lebt, erkennt man daran, dass er sorgfältig darauf achtet, nichts Unreines zu sich zu nehmen. Und was sagt Jesus dazu? Matthäus 15, 10-11.17-20.
Was aus dem Mund herauskommt, sagt Jesus, kommt aus dem Herzen. Ich meine, hier liegt der Schlüssel für unsere Frage, wie wir unsere Zunge unter Kontrolle bekommen können. Wenn wir mit unserer Zunge Gott Ehre machen wollen und nicht Unehre, dann geht das nur so, dass wir unser Herz ändern. Es kommt darauf an, was wir im Herzen tragen. Da liegt der Schlüssel.
Ich möchte versuchen, das zu übersetzen in unsere Zeit und unsere Sprache. Das, was Jesus das Herz nennt, ist unser Autopilot. Wir alle haben so einen Autopiloten. Oft bemerken wir ihn nicht. Unser Autopilot ist das, was uns antreibt, wenn wir nicht darüber nachdenken, was wir gerade tun. Unser Autopilot, das meint unsere inneren Werte, unsere Überzeugungen von dem, was gut ist und richtig. Unser Autopilot ist das Bild, das wir in uns tragen, wie wir sein wollen. Nur selten handeln und reden wir ja gut überlegt. Wenn wir das immer täten, dann hätten wir sicher unsere Zunge auch besser unter Kontrolle. Aber allein schon die Zeit fehlt uns dazu im Alltag, immer erst zu überlegen: Was passt zu einem Jünger Jesu? Wie soll ich jetzt reagieren? Was kann ich sagen, was Jesus entspricht und Gott Ehre macht. Stimmts? Kein Mensch hat diese Zeit. Also sagt Jesus: Was ihr sagt, das was aus eurem Mund herauskommt, ist bestimmt von dem, was in eurem Herzen ist. Euer Autopilot ist es, der eure Zunge steuert.
Aber so ein Autopilot, und das ist die gute Nachricht, der steuert ja in die Richtung, in die ich ihn vorher einstelle. So ein Autopilot muss gefüttert werden mit Koordinaten, wohin die Reise gehen soll. Und wenn diese Koordinaten stimmen, dann stimmt auch die Richtung, in die der Autopilot uns führt. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. So ist das. Die Frage ist nur: Womit ist dein Herz denn angefüllt? Das kann, wie Jesus es beschreibt, eine Fülle von bösen Gedanken, Werten und Zielen sein. Das kann aber auch die Liebe Gottes sein.
Wir selbst haben es in der Hand, unseren Autopiloten mit den richtigen Daten zu füttern. Und das ist es, was wir tun können, um unsere Zunge zu kontrollieren und das zweite Gebot ernst zu nehmen. Unser Autopilot wird programmiert durch die Koordinaten, mit denen wir ihn füttern. Und wie tun wir das? Wir füttern unseren Autopiloten mit dem, womit wir uns beschäftigen, worüber wir nachdenken, was wir „verinnerlichen“. Die Tradition nennt das Meditieren. Meditation heißt, unabhängig von Techniken, die man dabei anwenden kann, sich Zeit zu nehmen, um gründlich und immer und immer wieder über etwas, was einem wichtig ist, nachzudenken. Maria, heißt es in der Bibel, bewegte diese Worte in ihrem Herzen. Das ist Meditation: etwas im Herzen bewegen. Sie fütterte ihren Autopiloten. Oder Psalm 1, 2-3.
Wenn wir also zugeben, dass wir nicht immer nur das aussprechen, worüber wir vorher gründlich nachgedacht haben - getreu dem Motto: Erst denken, dann reden -, dann heißt das: Unsere Zunge wird oft gesteuert durch unseren Autopiloten, durch die Werte und Ziele, die wir verinnerlicht haben. Gerade das, dass wir sie oft gar nicht bewusst gebrauchen, sondern spontan und unbewusst, das macht sie so gefährlich. Deshalb machen wir so oft Gott Unehre mit dem, was aus unserem Mund herauskommt. Auf diesen Autopiloten aber, der so oft das Ruder über unsere Zunge übernimmt, haben wir Einfluss. Das ist wichtig. Wir können ihm selbst die Koordinaten eingeben, die in die richtige Richtung führen.
Das ist nicht einfach, aber wir haben mächtige Waffen in der Hand, um das zu tun: um Gottes Werte zu verinnerlichen und unseren Autopiloten entsprechend zu programmieren. Zwei dieser Waffen will ich nennen:

  1. Die Meditation über die Bibel: Es kommt für Christen nicht darauf an, ein solides Bibelkundewissen zu haben. Es ist nicht wichtig, wie oft du die Bibel durchgelesen hast oder wie schnell du den 2. Johannesbrief findest, ohne im Inhaltsverzeichnis nachzusehen. Lass dir das nicht einreden. Was aber wichtig ist: Die Bibel enthält wunderbare Schätze, über die du meditieren kannst, die du wie Maria in deinem Herzen bewegen kannst. Du kannst sie lesen, aber nicht nur das. Du kannst sie durchbeten, sie auswendig lernen, sie dir vorsagen wieder und immer wieder, sie dir auf ein Zettelchen schreiben und in dein Portemonnaie legen, damit du immer wieder drauf siehst. Es kommt nicht darauf an, wie viel du liest, es kommt nicht auf Quantität an, sondern auf Qualität, also darauf, was du mit dem machst, was du liest, und wenn es nur ein einzelner Vers ist. Probier das mal mit dem Wochenspruch und meditiere ihn wirklich eine Woche lang immer wieder. Oder nimm die Tageslosung auf diese Weise mit auf die Arbeit, zum Einkaufen, zum Sport oder wohin auch immer. Das ist Meditation. Probier es aus, und du wirst merken, wie dich diese kleinen Schätze aus der Bibel prägen, mehr und mehr, wie du Gottes Werte mit ihrer Hilfe verinnerlichst und wie sie deinen Autopiloten programmieren und ihm die richtige Richtung geben. Du wirst merken, wie sie auch deine Sprache prägen, wie sie dir helfen, segensreiche Worte zu sprechen, die andere ermutigen und ihnen Gottes Liebe bezeugen. Und eine

  2. Waffe: Der Lobpreis Gottes. Unsere Anbetungslieder werden oft unterschätzt. Sie sind eine mächtige Waffe gegen die falschen Koordinaten unseres Autopiloten. Eine Schwester aus unserer Gemeinde erzählte einmal im Hauskreis bedauernd, dass es ihr schwerfällt, regelmäßig Stille Zeit zu halten und zu beten. Was sie aber kann und macht ist: Wenn sie Sorgen hat um ihre Kinder, um Geld oder ähnliches, oder wenn sie wütend ist und zornig, dann legt sie bei der Hausarbeit eine Feiert-Jesus-CD auf, dreht richtig laut auf und singt mit: beim Abtrocknen, Bügeln, Wäsche waschen. Und dann merkt sie nach einiger Zeit, wie die Sorgen verschwinden oder zumindest kleiner werden, wie der Zorn verraucht und verdrängt wird von der Freude an Gott. Großartig, dachte ich, und wirklich kein Grund, sich zu schämen. Was diese Schwester macht, ist: Sie programmiert durch den Lobpreis ihren Autopiloten. Sie singt ihm gewissermaßen seine Koordinaten ein: Gottes Werte. Und dann steuert der Autopilot sie in die richtige Richtung.
Zwei mächtige Werkzeuge, um unseren Autopiloten zu programmieren. Wie müssen sie nur benutzen.
Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen. Ich hab das so interpretiert, dass es bedeutet: Gott will, dass wir ihm mit unserer Zunge, mit dem was wir sagen, Ehre machen. Er will, dass wir authentisch sind als Jünger Jesu und dass er sich nicht für uns schämen muss, weil wir mit unseren Worten Unheil anrichten und unsere Sprache geprägt ist von anderen Werten als seinen. Sie soll geprägt sein von seiner Liebe gegenüber allen Menschen, sie soll andere aufbauen, sie stark machen, ermutigen, trösten, ihnen helfen, kurz: ihnen Gottes Liebe auf die verschiedenste Art und Weise zusprechen. Und: Sie kann das auch.
Dazu ist mehr nötig als Selbstkontrolle. Nötig sind neue Koordinaten unseres Autopiloten. Nötig ist, dass wir unser Herz füttern mit Gottes Werten und Zielen für uns. Um das zu tun, gibt uns Gott mächtige Werkzeuge in die Hand, die wir gebrauchen dürfen. Zwei habe ich genannt: die Meditation über die Bibel und den Lobpreis. Mit diesen Werkzeugen kann es uns gelingen, unserem Autopiloten, unserem Herzen die richtige Richtung zu geben und dadurch auch unsere Sprache zu prägen und zu gestalten zur Ehre Gottes.
Ich wünsche uns, dass der eine oder die andere von uns neue Erfahrungen macht mit diesen beiden Werkzeugen und sie einfach benutzt und ich würde mich freuen, wenn er oder sie uns dann demnächst von diesen Erfahrungen erzählt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Montag, 1. März 2010

Für seine Freunde - Einige Gedanken zum Monatsspruch

"Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt."

  • Jesus selbst spricht diesen Satz über sich und deutet damit seinen Tod als Hingabe seines Lebens für seine Freunde. Begleiten wird uns dieser Satz im Monat März bis zum Gründonnerstag am 1. April, also durch die gesamte Passionszeit.
  • Im letzten Jahr 2009 gab es auf Grund von Radioandachten eines Pastors aus der rheinischen Landeskirche eine weitreichende theologische Diskussion um die Frage, ob es heute noch sinnvoll ist, vom Opfertod Jesu zu sprechen. Welches Gottesbild steht hinter diesem Bild des Opfers?
  • Jesus selbst deutet hier seinen Tod nicht als Opfer für Gott, sondern als Hingabe für seine Freunde. Für mich ist Jesu Tod der Kern meines Glaubens: In ihm gibt Gott selbst sich hin. Nicht Gott wird ein Opfer gebracht, sondern Gott selbst opfert sich, um uns mit sich zu versöhnen, um unser Leben mit ihm ins Reine zu bringen.
  • Alle Schrecken, die der Tod für uns hat, alle unsere Angst, unsere Furcht, unser Versagen und unsere Schuld hat Gott schon für uns getragen. Es gibt keine Situation mehr, in der wir ohne Gott, also gottverlassen sein könnten. Alle Gottverlassenheit hat er selbst für uns getragen. Er, der am Kreuz ausruft: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.
  • Das ist seine große Liebe. Eine Liebe, die nicht größer sein könnte, denn wirklich: Er gibt sein Leben für uns hin. Für uns, die eben durch diese Hingabe zu seinen Freunden werden. Nicht mehr Knechte, sondern Freunde dürfen wir sein.
  • Interessant ist, dass Jesus den Satz im Zusammenhang mit dem Liebesgebot sagt. So wie er liebt, sollen, dürfen und können auch wir lieben.
  • Ich wünsche mir, dass mich durch den Passionsmonat März diese Gedanken begleiten: Das Staunen über Jesu Liebe, die Dankbarkeit für seine Hingabe, die Freude darüber, dass ich sein Freund sein darf und das Lernen von ihm, wie man liebt. Eine Liebe, die aus Fremden Freunde macht.

Dienstag, 23. Februar 2010

Fasten als Neubesinnung auf das Wesentliche

Fasten, wie viele Christinnen und Christen es in der Passionszeit tun, ist alles andere als Askese. Es ist eine große Chance: zur Umkehr, zur Neubesinnung auf das Wesentliche des Glaubens und des Lebens überhaupt.

"Herz, Sinne und Hände werden frei für Neues", schreibt Bischöfin Rosemarie Wenner, und weiter: "Die Passionszeit wird zur erfüllten Zeit, wenn wir Gewohntes durchbrechen und Raum schaffen, damit Gott Neues wirken kann."

Ganz in diesem Sinne stellt Judith Kubitscheck in einem Artikel viele Gemeinsamkeiten des Fastens bei christlichen, jüdischen und muslimischen Gläubigen fest. Sie zitiert Georg Kardinal Sterzinsky, den katholischen Erzbischof von Berlin: Beim Fasten geht es darum, "sich neu zu orientieren an dem Bild, das Gott entworfen hat. Es ist ein Einspruch gegen festgefahrenes, inhaltsleeres Leben." Ein jüdischer Grundschullehrer entdeckt im Fasten an Jom Kippur die Chance zum neuen Nachdenken über sich selbst und eine muslimische Studentin freut sich auf den Ramadan, weil sie dann viel Zeit mit ihrer Familie verbringen und auch den Koran im Zusammenhang lesen kann, um mehr von Gott zu verstehen.

Judith Kubitscheck schließt aus alledem: "In allen Religionen haben Fastenperioden ein ähnliches Ziel: Der Verzicht... soll Raum für geistliche Erfahrungen schaffen."

Das wäre doch toll, wenn der Verzicht, den wir üben, nicht ein singuläres Experiment bliebe, sondern wirklich Raum schaffen würde für neues Handeln Gottes an uns und so zum Einüben eines neuen, einfacheren Lebensstils werden könnte, der uns dauerhaft verändert.