Montag, 23. Februar 2015

Anders einsam

Für sich zu sein, also alleine, das ist nicht jedermanns Sache. Manche Leute sind gern allein. Sie brauchen das. Zeit für sich – ohne Reden und Lächeln und Konversation und so. Andere dagegen vermeiden es, allein zu sein. Sie fürchten sich regelrecht davor. Für viele ist die Stille ein Horror. Ihr erster Griff am Morgen gilt dem Radio, das sie dann den ganzen Tag über begleitet – zu Hause, im Auto, auf der Arbeit – überall. Nicht, dass sie die ganze Zeit aufmerksam zuhören. Aber das Dudeln im Hintergrund beruhigt sie irgendwie. Hauptsache, es ist nicht still. Hauptsache, sie haben nicht das Gefühl, allein zu sein.

Um das Alleinsein geht es heute auch in dem Text, den ich euch auslegen möchte. Einer, der ist gezwungenermaßen allein und wird aus diesem Alleinsein befreit. Und ein anderer, der sucht mitten im größten Trubel die Stille. Er will allein sein mit sich und mit Gott.

Wir gehen weiter in unserer Predigtreihe über das 5. und 6. Kapitel des Lukasevangeliums. In Kapitel 5, 12-16 heißt es:

12 In einer der Städte traf Jesus einen Mann, der am ganzen Körper aussätzig war. Als er Jesus sah, warf er sich vor ihm nieder und flehte ihn an: "Herr, wenn du willst, kannst du mich heilen!" 
13 Jesus streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: "Ich will es tun! Sei gesund!" Im selben Augenblick war der Mann von seiner Krankheit geheilt. 
14 Jesus befahl ihm, nicht über seine Heilung zu reden. "Geh sofort zum Priester, und lass dich von ihm untersuchen", forderte er ihn auf. "Bring ein Opfer dar für deine Heilung, wie Mose es vorgeschrieben hat. So werden die Priester sehen, dass ich im Auftrag Gottes handle." 
15 Aber das Verbot Jesu änderte nichts daran, dass immer mehr Menschen von seinen Wundern sprachen. In Scharen drängten sie sich um ihn. Sie wollten ihn hören und von ihren Krankheiten geheilt werden. 
16 Jesus aber zog sich zurück, um in der Einsamkeit zu beten.

Lukas 5,12-16 nach Hoffnung für alle © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.TM

Die ganze Heilung, von der Lukas hier erzählt, die wäre gar nicht passiert, wenn Jesus nicht Jesus wäre. „In einer der Städte“ (V. 12) traf Jesus den aussätzigen Mann. Jesus sucht die Menschen da auf, wo sie sind. Er geht in die Städte – auf die Marktplätze und Hauptstraßen genauso wie in die Siedlungen am Rand. Klar: Jesus lehrt auch in der Synagoge. Oft sogar wird davon erzählt, dass er das tut. Aber er wäre wohl nie auf die Idee gekommen, dass das (der Synagogengottesdienst oder das Gemeindeleben) das Entscheidende am Leben mit Gott sei. Nein, entscheidend für Jesus ist das Leben draußen in der Stadt. Da lebt sich der Glaube aus – nicht in der Kirche.

Mich regt das an, über unser kirchliches Leben heute nachzudenken. Setzen wir die gleichen Prioritäten wie Jesus? Nehmen wir mal als Beispiel die Erwartungen an einen Pastor. Was erwarten wir von dem? Zuerst doch, dass er die Gottesdienste gut vorbereitet, dass er möglichst interessante Predigten hält. Dann, dass er abwechslungsreiche Gemeindeveranstaltungen für die verschiedenen Generationen gestaltet. Dann, dass er kranke und einsame Gemeindeglieder besucht. Und vielleicht noch ein paar andere Sachen mehr. Was wir aber üblicherweise nicht von einem Pastor erwarten, ist, dass er das tut, was Jesus tat: dass er sich möglichst viel in der Stadt rumtreibt und mit den Menschen, besonders mit denen am Rand der Stadt, ins Gespräch kommt und sie auf Gott aufmerksam macht. Seltsam ist das. Findet ihr nicht?

Jesus jedenfalls hielt sich viel in den Städten auf (viel mehr als in der Gemeinde), und er suchte den Kontakt zu den Menschen – besonders zu den Verlorenen – dort, wo sie eben waren. Wenn du den Verlorenen was zu sagen hast, lerne ich daraus, dann musst du dahin gehen, wo die Verlorenen sind: auf die Straßen und in die Raucherecken, in die Kneipen und in die Cafes. So tat das zumindest Jesus.

Und so, nur so, weil Jesus dorthin ging, wo die Verlorenen waren, konnte er auf diesen Mann treffen, der (V. 12)  am ganzen Körper aussätzig war. Lepra war damals eine wirklich schreckliche Krankheit. Sie galt als unheilbar und war hoch ansteckend. Deshalb machte Lepra die, die an ihr litten, ungewollt einsam. Unberührbare waren sie. Es war ihnen streng verboten, sich in der Nähe von Gesunden aufzuhalten oder sie gar zu berühren. Leprakranke waren aussätzig, ausgestoßen und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Sie lebten in erzwungener Einsamkeit.

Wie das wohl sein muss – ohne jede Berührung mit anderen zu leben? Wenn alle zu dir auf Sicherheitsabstand gehen und dir bloß nicht nahe kommen, geschweige denn dich berühren wollen? Furchtbar.

Lepra gibt es bei uns hier heute nicht mehr. Gott sei Lob und Dank dafür. Aber Aussätzige, Unberührbare – die gibt es schon noch. Drogensüchtige zum Beispiel sind solche Aussätzige, oder Obdachlose. Viele, die arm sind, werden heute behandelt als hätten sie Aussatz. Andere wollen lieber nichts mit ihnen zu tun haben. Manchmal kommen sich auch alte Menschen bei uns wie Aussätzige vor, weil sie niemand besucht oder den Kontakt mit ihnen pflegt, weil sie das Gefühl haben, nichts mehr wert zu sein. Oder Menschen mit einer Behinderung spüren, wie andere ihnen aus dem Weg gehen oder peinlich berührt weggucken, wenn sie aufeinander treffen. Jesus hat besonders Menschen, die in diesem Sinn aussätzig waren, da aufgesucht, wo sie sich aufhielten. Die, die erzwungenermaßen einsam waren – ausgeschlossen und abgehängt.

Der leprakranke Mann erkennt sofort, wer da zu ihm kommt. 12 Als er Jesus sah, warf er sich vor ihm nieder und flehte ihn an: "Herr, wenn du willst, kannst du mich heilen!" Der Mann erkennt, dass Jesus anders ist als die andern. Dass dieser Rabbi ihm nicht aus dem Weg geht, sondern im Gegenteil seine Gesellschaft sucht. Dass er ihm nahe kommt. Und er setzt sein ganzes Vertrauen in Jesus. „Wenn du willst, kannst du mich heilen.“ Solches Vertrauen ist es, auf das Jesus aus ist. Dieses Vertrauen will er bei uns wecken. Von wem, wenn nicht von Jesus, können wir erwarten, dass er uns heilt: unsere Zerrissenheit und unsere Entfremdung, unsere Traurigkeit und unsere Angst, unsere Einsamkeit? Jesus kann uns heilen, und er wartet nur darauf, dass wir ihn voll Vertrauen darum bitten. Er sucht bei dir und mir das Vertrauen, das er damals bei dem Leprakranken gefunden hat. Bringen wir dieses Vertrauen auf? "Herr, wenn du willst, kannst du mich heilen!"

Und da geschieht das Unglaubliche: 13 Jesus streckte die Hand aus, berührte den Mann und sagte: "Ich will es tun! Sei gesund!" Im selben Augenblick war der Mann von seiner Krankheit geheilt. Jesus kann und er will den Mann heilen. Und er tut es. Jesus kann wirklich Wunder tun – auch heute. Jesus kann die, die ausgeschlossen und einsam sind, heilen. Ich weiß, dass es vielen von uns schwerfällt, an Wunder zu glauben. Ich glaube daran. Wunder, die geschehen nicht jeden Tag, nicht überall und nicht jedem. Aber sie geschehen.

Wichtig scheint mir vor allem, wie die Heilung des Leprakranken hier geschieht. Sie geschieht durch zwei Dinge: Erstens berührt Jesus den Mann. Jesus streckte die Hand aus und berührte den Mann. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes todesmutig. Es ist nicht nur streng verboten, sondern auch lebensgefährlich. Der Mann könnte Jesus ja anstecken. Und zweitens spricht Jesus mit ihm. "Ich will es tun! Sei gesund!" Er antwortet dem Mann, der ihm so eindrucksvoll sein Vertrauen ausgesprochen hat. Und genau dieses – dass Jesus ihn berührt, ihm die Hand hinhält und ihm nahe kommt, und dass er ihm antwortet und mit ihm spricht – das heilt den Leprakranken. Er ist nicht mehr allein. Er ist nicht mehr ausgeschlossen und nicht mehr unberührbar. Einer nämlich wollte ihn berühren und hat ihn berührt.

Das dürfen und sollen alle wissen, die sich ausgeschlossen, abgehängt und unberührbar vorkommen. Alle, die erzwungen einsam sind. Einer lässt dich nicht allein. Einer will auch dich berühren und ansprechen. Einer will dein Freund sein und dich auf diese Weise aus deiner Einsamkeit befreien und heilen.

Das, was dann kommt in unserm Text, das hat schon vielen Rätsel aufgegeben. 14 Jesus befahl dem Geheilten, nicht über seine Heilung zu reden. Er fordert ihn auf, sich den Priestern zu zeigen, damit die ihm seine Heilung bescheinigen können. Erst dann gehört er wieder zur Gemeinschaft dazu. Aber ansonsten soll er schweigen. Jesus will ganz ausdrücklich nicht, dass der Geheilte Werbung für ihn macht.

Warum ist das so? Warum fordert Jesus immer wieder in der Bibel Geheilte auf, nicht von ihrer Heilung zu erzählen, sondern das Wunder für sich zu behalten? Meine persönliche Antwort ist: Jesus ist unterwegs zum Kreuz - so wie wir auch in dieser Passionszeit -, und Jesus weiß das. Jesus will eben nicht als Wunderheiler bekannt werden. Er will nicht, dass die Leute ihm nachlaufen, weil es allen gutgeht, die er berührt. Jesus will, dass die Menschen ihm nachfolgen – dem nachfolgen, der leidet und ans Kreuz geht. Jesus will kein Superstar sein, den alle anhimmeln und von dem sich die Teens Poster ins Zimmer hängen, sondern er will unser Retter und Lehrer sein, der uns von unserm Erfolgsdenken und unserm Glückswahn befreit. Es ist der leidende und doch gerade darin über die alte Welt siegende Jesus, der uns als seine Jünger sucht.

Deshalb warnt er immer davor, ihm aufgrund seiner Heilungen und Wunder nachzulaufen. Die das tun, die werden am Ende enttäuscht. Denn dieser Retter hier, der wird kein Popstar und will das auch nicht werden, sondern er nimmt bewusst alles Leiden und alle Schuld der Welt auf sich, um uns davon zu befreien. Wenn du also zu Jesus kommst, dann bitte nicht um des Erfolges willen. Nicht, weil du zu den Siegern gehören willst. Sondern, weil du dich von der Siegerwelt gerade befreien lassen und an Gottes Reich der Liebe und Gerechtigkeit mitbauen willst – auch dann, wenn das Leiden mit sich bringt.

Bei Lukas hören wir aber auch, dass Jesu Verbot nichts bringt. Die Nachricht von der Heilung bleibt nicht geheim, sondern verbreitet sich und führt dazu, dass viele Menschen diesen Heiler selbst sehen, ihn hören und von ihm geheilt werden wollen. 15  Das Verbot Jesu änderte nichts daran, dass immer mehr Menschen von seinen Wundern sprachen. In Scharen drängten sie sich um ihn. Sie wollten ihn hören und von ihren Krankheiten geheilt werden. Verständlich ist das. Da ist einer, der die Unberührbaren berührt und der die Kranken heilt. Da ist einer, der dir deine Einsamkeit, in die du gezwungen wurdest, nehmen kann. Der dich befreit aus dieser Einsamkeit. Wer wollte den nicht sehen?

Dich heute morgen kann ich nur einladen zu diesem Jesus. Niemand kann dich zwingen, wie die Menschen damals zu ihm zu kommen. Aber einladen will ich dich doch. Wie den geheilten Leprakranken treibt es auch mich, dir zu erzählen: Da ist einer, der dich heilen kann. Mich hat er geheilt. Mir hat er meine Schuld vergeben, und ich kann aufatmen, weil ich von ihr frei bin. Mir hat er Selbstvertrauen gegeben und mich aufgerichtet. Mir hat er eine Lebensaufgabe gegeben und das sichere Wissen, das ich wertvoll bin – trotz meiner Fehler und Schwächen. Er kann mich brauchen für sein Reich. Und all das kann er auch für dich und mit dir tun. Er sucht dich. Er will dich zum Freund und zum Schüler haben. Du bist ihm wichtig. Also komm wie die Leute damals in dieser Stadt und sprich ihn an. Bitte ihn darum, dich zu heilen und dein Herr zu werden. Er wird nicht nein sagen. Und wenn es dir schwerfällt, diesen Schritt allein zu tun, dann sprich jemanden an, der schon mit Jesus geht. Er wird dir helfen und mit dir zusammen beten.

Jesus also kann dich befreien aus der erzwungenen Einsamkeit – und er will das auch tun. Und dann, dann bist du frei für die andere Form der Einsamkeit – für die heilsame Jesus-Einsamkeit, die nicht erzwungen ist, sondern frei. 16 Jesus aber zog sich zurück, um in der Einsamkeit zu beten. Es gibt also auch eine andere Einsamkeit. Eine, die nicht erzwungen ist, sondern freiwillig. Eine, die nicht bedrohlich ist, sondern wohltuend. Eine, die keine Angst macht, sondern Kraft gibt. Eine, die dich nicht ausschließt, sondern dir Wert verleiht. Diese andere Einsamkeit, die will Jesus uns zeigen. Er selbst hat sie immer wieder gesucht und selbst im allergrößten Trubel darauf bestanden, sich diese regelmäßigen Auszeiten zu nehmen: Zeiten der Stille und Einsamkeit, um zu beten, um beim Vater zu sein. Zeiten allein mit Gott. Aus diesen Zeiten freiwilliger Einsamkeit schöpfte Jesus seine Kraft und Energie. Nichts konnte ihn von diesen Stillezeiten abhalten, denn er wusste, wie wichtig sie sind.

Was also bleibt von unserm Text? Einsamkeit ist nicht gleich Einsamkeit. Das habe ich gelernt. Aus der erzwungenen Einsamkeit will und kann Jesus uns befreien. Er kann uns heilmachen wie den leprakranken Mann. Er ist auch heute in der Stadt unterwegs - und das sollten wir auch sein -, um die zu suchen, die durch Alter, Krankheit, Behinderung, Armut, Angst oder was auch immer erzwungen einsam sind. Er hört ihr Rufen und er heilt sie. Er heilt auch dich, wenn du ihn darum bittest. Was er uns aber schenken will, das ist eine andere Einsamkeit. Eine freiwillige. Die Möglichkeit, immer wieder Zeiten der Stille mit Gott zu pflegen. Mit ihm, dem Schöpfer, zusammenzusein, zu beten, zu schweigen, und so Kraft und Energie zu schöpfen für das Leben als Kinder Gottes.

Das verleihe Gott uns allen.

Amen.  

Angelst du noch oder fischst du schon?

(Predigt über Lukas 5,1-11. Gehalten in der EmK Detmold am 5.2.2015)

Kennt ihr das? Ihr telefoniert gerade mit jemandem per Festnetz, es ist ein wichtiges Gespräch, das eigentlich eure volle Aufmerksamkeit erfordert, und mitten im Gespräch klingelt das Handy, und ihr seht aus dem Augenwinkel die Nummer eines nicht weniger wichtigen Gesprächspartners. Parallel dazu schreit euch vom Bildschirm aus die lange Latte der Mails an, die unbedingt heute noch bearbeitet werden müssen, während – natürlich ohne anzuklopfen – plötzlich eure Tochter im Zimmer steht und eine Frage zu ihren Hausaufgaben hat, ohne deren Klärung sie tatsächlich nicht weiterarbeiten kann. Kennt ihr, oder? So oder so ähnlich kennt ihr das bestimmt.

Vergleichbar stelle ich mir die Situation vor, von der Lukas in Kapitel 5 erzählt. Jesus hatte sein öffentliches Wirken in Galiläa gerade begonnen und durch vollmächtige Predigten und viele Heilungen Aufmerksamkeit bei den Leuten erregt: Da ist einer, der predigt anders, als wir es bisher kannten. Er spricht, als sei er mit Gott vertraut, ganz eng mit ihm befreundet, als kenne er ihn persönlich. Der rechnet wirklich mit Gott und spricht nicht nur allgemein-philosophisch von ihm. Und: Viele Kranke und Ausgestoßene hat er geheilt. Er legt ihnen die Hände auf und heilt sie. Ob er der Messias ist?

Alle Leute in Galiläa wollten diesen seltsamen Prediger und Heiler persönlich sehen. Aus allen Ecken und Enden strömten sie zu ihm. Menschenmassen, ungeordnet, chaotisch – davon schreibt Lukas in Vers 1 seines 5. Kapitels:

1 Eines Tages drängte sich am See Genezareth eine große Menschenmenge um Jesus. Alle wollten hören, was er von Gott erzählte. 

Und wie reagiert Jesus auf dieses Chaos? Ganz anders als ich in der Situation, die ich gerade beschrieben habe: Jesus wird nicht sauer und ranzt die Leute an, und er seufzt auch nicht: „Boah, warum müssen immer alle auf einmal kommen? Können die nicht warten, bis ich Zeit habe?“ Nein, so wie ich reagiert Jesus nicht.

2 Am Ufer lagen zwei leere Boote. Die Fischer hatten sie verlassen und arbeiteten an ihren Netzen. 3 Da stieg Jesus in das Boot, das Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück auf den See hinauszurudern. Vom Boot aus sprach Jesus dann zu den Menschen. 

Jesus behält den Überblick und er behält die Ruhe. Er erkennt, dass er die Menschenmassen so nicht erreichen kann. Er würde ihnen gerne von Gottes Liebe und Gottes Reich erzählen, aber in dem Chaos, das da gerade herrscht, ist das unmöglich. Nur: Statt rumzunörgeln oder sich ausgiebig zu ärgern, statt sich in Selbstmitleid zu ergehen, sucht und findet Jesus eine kreative Lösung für das Problem. Jesus weist die Masse nicht ab, sondern findet einen Weg, zu ihnen von Gott, seinem Reich, seiner Vergebung und seiner Liebe zu sprechen: Er sieht die zwei Fischerboote und bittet einen der Fischer, Simon, den er später Petrus nennen wird, mit ihm ein Stück vom Ufer wegzufahren. So baut sich Jesus sein Rednerpult, seine Kanzel. So können ihn alle sehen und gut hören. So kann er den vielen Menschen von Gott erzählen, davon, dass Gott sie liebt und heilen möchte.

Aber Jesus hat nicht nur die Masse im Blick. Sie auch, er will sie alle erreichen, aber nicht sie allein. Zugleich mit ihr hat er von Anfang an einen Einzelnen im Sinn: diesen Simon, den Fischer. Mit ihm hat er Besonderes vor, und ihm wendet er sich deshalb besonders zu.

Darin ist mir Jesus Vorbild. Er weist niemanden ab, auch dann nicht, wenn alle auf einmal kommen. Er lässt sich von den Menschen unterbrechen. Er nimmt sich der Leute an und wendet sich ihnen zu – ihnen allen. Uns allen. Er sucht und findet eine kreative Möglichkeit, allen von Gott zu erzählen. Und doch hat er eben auch den Einzelnen und die Einzelne dabei im Blick. Mit andern Worten: Du bist für Jesus nicht nur eine Fallnummer, sondern er sieht dich als einzigartige Persönlichkeit. Er hat offene Ohren und ein offenes Herz gerade für dich. Und er hat einen Plan gerade mit dir. Du als Person und eben nicht nur als Teil einer Gruppe zählst für ihn. Er ist bei allen, aber zugleich ganz bei dir.

Was Jesus nun mit diesem Simon im Sinn hat, erfahren wir in den nächsten Versen:

4 Anschließend sagte er zu Simon: "Fahrt jetzt weiter hinaus auf den See, und werft eure Netze aus!" 5 "Herr", erwiderte Simon, "wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Aber weil du es sagst, will ich es wagen." 6 Sie warfen ihre Netze aus und fingen so viele Fische, dass die Netze zu reißen anfingen. 7 Deshalb winkten sie den Fischern im anderen Boot, ihnen zu helfen. Bald waren beide Boote bis zum Rand beladen, so dass sie beinahe sanken. 

Jedes Mal, wenn ich diese Verse lese, staune ich. Jesus weiß genau, was er von Simon will. Er will sein Vertrauen. Echtes und vollkommenes Vertrauen. Seine Anweisung ist nahezu widersinnig. Der Zimmermannssohn will dem gestandenen Profifischer erklären, wie man Fische fängt. Eigentlich ein Witz, eine Zumutung. Wenn man am See Genezareth Fische fangen will, das weiß Simon natürlich, dann muss man nachts rausfahren und in der Nähe des Ufers die Netze auswerfen. Keinesfalls aber am Tag und keinesfalls in der Mitte des Sees. Das wäre aussichtslos. Nur: Genau dazu fordert Jesus Simon auf. Fahr hinaus auf den See und wirf deine Netze aus: Da und jetzt.

Ich stelle mir vor, wie Simon nachdenkt: „Ist der Typ vielleicht einfach nur irre? Macht er sich über mich lustig? Oder ist er wirklich Gottes Sohn, ist er wirklich der Messias?“ Genau das wollte Jesus herausfordern: Simon muss ich entscheiden. Und Simon entscheidet sich, zu vertrauen. Er entscheidet sich, Jesus zu vertrauen. Er setzt ganz auf ihn: „Weil du es sagst, will ich es wagen.“ Tatsächlich fängt er dann Fische. Viele Fische. Unglaublich viele Fische. Zusammen mit seinen Kollegen schafft er es kaum, sie an Land zu bringen. So viele sind es. Der Zimmermannssohn, der weiß, wie man Fische fängt. Irre.

Wie ist das bei dir? Kann es sein, dass Jesus auch dich vor die Entscheidung stellt, ihm zu vertrauen oder lieber dir selbst? Kann es sein, dass er dich heute vor die gleiche Entscheidung stellt wie damals den Simon? Dass er dich heute genau wie ihn damals fragt: „Bin ich für dich ein Irrer oder bin ich dein Messias, dem du dich voll und ganz anvertraust? Entscheide dich.“ Ich wünschte, dass du diese Frage Jesu tatsächlich heute hörst (oder sie neu hörst) und: ich wünschte, dass du die gleiche Entscheidung triffst (oder sie neu triffst) wie Simon: „Weil du es sagst, Jesus, will ich es wagen. Ich will es wagen, dir zu vertrauen, mich dir anzuvertrauen und dich in mein Leben zu lassen.“ Simon hat diese Entscheidung laut und deutlich ausgesprochen und sie so fest gemacht. Und du?

Für Simon hat sich durch diese Begebenheit alles verändert – sein ganzes Leben.

8 Als Simon Petrus das sah, fiel er erschrocken vor Jesus nieder und rief: "Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!" 9 Er und alle anderen Fischer waren fassungslos über diesen Fang, 10 auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die Simon bei der Arbeit geholfen hatten. Aber Jesus sagte zu Simon: "Fürchte dich nicht! Du wirst jetzt keine Fische mehr fangen, sondern Menschen für mich gewinnen." 11 Sie brachten die Boote an Land, verließen alles und gingen mit Jesus.

Simon bekommt Klarheit über zwei Dinge:

Das eine: Ich bin ein Sünder. Ich hab Jesu Freundschaft nicht verdient.
Das andere: Jesus ist Herr. Er geht eben nicht weg von mir, sondern er wendet sich mir zu. Er sagt: Fürchte dich nicht. Jesus ist Gnade und Vergebung.

Beides gehört zusammen. Wie gnädig Jesus ist, das erfasse ich erst, wenn ich mich als Sünder erkenne. Wenn ich also aufhöre, allgemein über Sünde und Schuld zu plaudern und stattdessen anfange, MICH selbst zu erkennen als Sünder – als Menschen, der ohne Jesu Hilfe sein Leben verfehlt. Wenn ich mich dieser Selbsteinsicht aber in ganzer Radikalität stelle, dann ist Hilfe und Heilung nicht weit. Jesus geht nicht weg. Im Gegenteil: Er wendet sich mir zu, um mich zu heilen. Er sagt auch zu mir: „Fürchte dich nicht. Bei mir ist Vergebung. Mit mir kannst du neu anfangen. Dein Vertrauen ist der erste Schritt zu deiner Heilung.“

Simon erfährt Vergebung seiner Schuld durch Jesus. So, wie wir alle Vergebung erfahren können, wenn wir uns voll Vertrauen an Jesus wenden und ihm bekennen, dass auch wir Sünder sind. Alle können Vergebung erfahren, wie groß ihre Schuld auch sei. Auch du. Auch heute.

Für Simon bedeutet dieser Neuanfang mit Jesus zugleich Beauftragung zu einem besonderen Dienst. „Fürchte dich nicht“, sagt Jesus: „Du wirst jetzt keine Fische mehr fangen, sondern Menschen für mich gewinnen.“ Ich will dich zum Menschenfischer machen.

Simon hört den Ruf, Nachfolger Jesu zu werden. Und Nachfolge, das ist ein Vollzeitjob. Er soll nicht Menschen angeln, sondern er soll Menschen fischen. Angeln, das ist ein Hobby oder ein Sport – etwas, das man nach Feierabend macht oder mal am Wochenende. Aber das ist nicht der Auftrag, den Jesus für Simon hat: „Am Wochenende oder nach Feierabend sollst du Menschen für mich gewinnen. Wenn du gerade nichts anderes zu tun hast, dann kannst du dich ja mit mir und mit Gottes Reich beschäftigen.“ Das sagt Jesus nicht. Jesus ist radikal: „Menschenfischer sollst du werden.“ Fischen ist kein Hobby wie Angeln. Fischen ist ein Lebensinhalt. Eine Profession, der man nur mit ganzer Leidenschaft und ungeteiltem Engagement nachgehen kann oder gar nicht. Ein Fischer, der mit halbem Herzen bei der Sache ist, bleibt ein Angler. Petrus und seine Kollegen wagen es tatsächlich: „Sie verließen alles und folgten Jesus.“ In bemerkenswerter Radikalität widmen sie ihr ganzes Leben von nun an diesem Rabbi vom See Genezareth. Sie lernen von ihm und werden einmal das tun, was er tat: Menschen heilen, die Botschaft von Gottes Liebe weitersagen und neue Menschen gewinnen für Jesus. Das wird ihre Lebensaufgabe.

Und wir? Wenn wir uns Christen nennen – meinen wir dann Angler oder Fischer? Hobbychristen oder Nachfolger Jesu, die mit ganzer Leidenschaft und ungeteilter Liebe zu ihrem Rabbi unterwegs sind. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass Jesus uns alle in die Nachfolge ruft, so, wie er Simon gerufen hat. Egal, welchem Beruf wir nachgehen, ob wir in einer Familie leben oder allein, egal, ob wir wohlhabend sind oder arm, ob wir schon alt sind oder noch jung: Jesus ruft uns in seine Nachfolge als Fischer, nicht als Angler. Wir dürfen wie Simon von ihm lernen, uns von ihm ausbilden lassen, Menschenfischer zu werden und so neue Menschen für ihn zu gewinnen. Neue Menschen für Gottes Liebe und Vergebung zu gewinnen. Neue Menschen, die geheilt werden zu Freundinnen und Freunden Gottes.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Trainingslager für Ungeduldige

Vorfreude sei die schönste Freude, sagen manche. Ein beliebtes Sprichwort, das man oft hört. Für mich gilt das nicht. Geduld ist keine meiner herausragenden Gaben, und das Warten auf etwas, auf das ich mich freue, ist für mich kein Vergnügen, sondern oft eine Qual. Warten, das ist für mich im Normalfall nicht Vorfreude, sondern Sehnen, dass das Warten endlich ein Ende hat.

Überhaupt ist Geduld in unserer Gesellschaft ziemlich unmodern geworden. Alles soll schnell gehen und schnell fertig werden. Die Post klagt darüber, dass viel weniger Briefe und Postkarten als früher geschrieben werden. Wir schreiben E-Mails oder Whats-App-Nachrichten. Das geht einfach schneller. Statt „Gute Nacht“ schreib ich dann Gute N8, weils eben schneller geht, und manchmal tuts auch einfach ein Smily, sodass die Nachricht ganz ohne Worte auskommt. Ein Klick, und ich hab mitgeteilt, wie es mir geht. Schade, finde ich: Mit den Briefen, in Handschrift verfasst, also ganz persönlich, zum Anfassen und Aufbewahren in irgendeiner Kiste geht uns was verloren. Ein Stück Kultur, ein Stück Persönlichkeit. Aber diese Entwicklung ist typisch für unsere Zeit: Geduld ist unmodern geworden.

Jakobus allerdings ermahnt die Jesusleute im 5. Kapitel seines Briefes zu genau dem: zur Geduld. Er schreibt: So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“ (Jak 5,7-8)

Mit seinem Beispiel trifft Jakobus ins Schwarze: Ein Landwirt muss in der Tat schon von Berufs wegen geduldig sein. Auf keinen Fall darf zu früh gemäht, Heu eingeholt oder geerntet werden. Davon hängt viel ab. Ein Landwirt braucht Geduld.

Daran, sagt Jakobus, sollen wir uns ein Beispiel nehmen, und geduldig auf den Herrn warten. Jesus hat ja versprochen, dass er wiederkommen wird. Er hat versprochen, dass Gott sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufrichten wird, dass alle Tränen getrocknet und alles Leid ein Ende haben wird.  Da sollen wir, sagt Jakobus, nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen, sondern wie der Bauer geduldig sein. Geduldig warten und hoffen und das unsere dafür tun, dass diese große Vision des Friedens und der Heilung Wirklichkeit wird.

Um so zu leben wie Jesus, um zu vergeben und Frieden zu stiften, um gewaltlos und sanftmütig Unrecht zu überwinden und Gottes Nähe zu allen Geschöpfen zu leben, braucht es Geduld. Es braucht den freiwilligen Verzicht auf schnelle sichtbare Erfolge, es braucht die durchgehaltene Hoffnung gegen allen Augenschein. Vielleicht ist die Adventszeit eine Art Trainingslager für so ungeduldige Leute wie mich. Eine Zeit des Wartens und der Vorfreude auf Weihnachten. Eine Zeit, in der wir lernen können, auch insgesamt adventlicher zu leben – geduldiger und zufriedener mit den langsamen Fortschritten, die Zeit und einen langen Atem brauchen.

Das schenke uns Gott, dass wir wachsen in seiner Liebe, im Vertrauen und in der Geduld.

Montag, 8. Dezember 2014

Sterben und Auferstehen in der Meditation

An excerpt from John Main OSB, “Death and Resurrection,”
MOMENT OF CHRIST (New York: Continuum, 1998), pp. 68-69. Übertragen ins Deutsche.

"Habt den Tod immer vor Augen", lehrte der Benedikt seine Mönche. In der modernen Welt verdrängen wir meist den Gedanken an den Tod, aber die christliche Tradition lehrt uns, dass, wenn wir weise werden wollen, wir uns bewusst werden müssen, dass wir "hier keine bleibende Stadt haben" und also sterben müssen.

Wir müssen darauf hören, was die Weisen der Gegenwart und der Vergangenheit uns zu sagen haben: Um das Leben zu verstehen, müssen wir den Tod verstehen. Die Notwendigkeit, über den Tod nachzudenken und zu reden ist für die "Kinder der Welt" schwer zu verstehen. Die Weisheit der Welt will uns nämlich ständig weismachen, wir seien unsterblich. Sie verführt uns dazu, unsere Augen vor unserer Sterblichkeit und der Endlichkeit unseres Leibes zu verschließen. Benedikt und die ganze christliche Tradition dagegen lehren, dass das Bewusstsein unserer körperlichen Endlichkeit uns hilft, auch unsere spirituelle Verletzlichkeit zu verstehen.

In uns allen - auch in Ihnen - schlummert, wenn auch oft verdrängt und verschüttet, das Wissen, dass wir, um wahrhaft Menschen zu sein, in Beziehung kommen müssen mit der Quelle des Lebens. Wir müssen mit der Kraft Gottes in Beziehung kommen, sozusagen unsere "irdenen Gefäße" öffnen für die ewige Liebe Gottes, die nie erlischt.

Das Ruhegebet, die christliche Meditation, ist ein Weg, unsere Sterblichkeit zu begreifen. Meditation rückt uns unsern Tod in den Blick, denn Meditation führt uns in eine Bewegung über unsern Tod hinaus zur Auferstehung, zu neuem und ewigem Leben, das aus der Einheit mit Gott erwächst.

Das Evangelium lädt uns ein, jetzt und heute diese Erfahrung zu machen. Wir alle sind eingeladen, unser altes Selbst, unser Ego sterben zu lassen: unsere Selbstbezogenheit, unsere Begrenztheit. Wir sind eingeladen, zu sterben und zugleich zu neuem Leben zu erstehen: zu einem Leben der Gemeinschaft, der Vereinigung, zur Fülle des Lebens ohne Furcht.

Wenn wir uns hinsetzen zum Ruhegebet, zur Meditation, begeben wir uns in die Bewegung von Tod und Auferstehung hinein. Wir tun dies, indem wir uns über unser Leben und all seine Begrenzungen hinaus ausstrecken auf das Geheimnis Gottes hin. Wir erleben, jeder von uns in eigener Erfahrung, das Geheimnis Gottes als das Geheimnis der Liebe, der unendlichen Liebe, die alle Furcht austreibt.

(Das englische Original des Textes findet sich hier:
http://us4.campaign-archive1.com/?u=c3f683a744ee71a2a6032f4bc&id=f3bdc5f6ff)


Dienstag, 4. November 2014

Vor 25 Jahren

Es war unser erster gemeinsamer Urlaub als Paar. Vor ziemlich genau 25 Jahren ging es los. In Danis altem R4 brachen wir auf. Unser Ziel: Mücheln (Geiseltal) in der damals noch existierenden DDR - nahe Halle an der Saale. Nachts um 12 passierten wir reichlich nervös die Grenze bei Herleshausen.

Uns erwarteten 10 ungeheuer spannende Tage, die wir bei unsern Verwandten in Mücheln erleben durften. Wir besuchten zusammen wunderschöne Städte: Halle, Leipzig, Naumburg und und und. Überall, wo wir auch hinkamen, wurde diskutiert: über Demokratisierung, über Freiheit, über die Zukunft, über Veränderungen - und auch über Befürchtungen und Ängste. Die politischen Fragen des Landes waren allgegenwärtig - und es roch nach Revolution.

Mitten in unserm Urlaub dann der 9. November: die Grenzöffnung. Waren wir auf dem Hinweg an der Grenze noch streng kontrolliert und ins Verhör genommen worden, wurden wir 10 Tage später von nunmehr beschäftigungslosen Grenzpolizisten nur noch durchgewinkt - zusammen mit vielen Bürgern der DDR, die unterwegs waren zu IHREM Urlaub - in Hessen, Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Tage waren das, die Dani und ich wie so viele andere auch niemals vergessen werden.

Mit diesen Erinnerungen im Sinn lese ich heute die Tageslosung: "Ich, spricht Gott, will euch mehr Gutes tun als je zuvor, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin." Hesekiel 36,11

Montag, 3. November 2014

Schaffet, dass ihr selig werdet - Über geistliche Übungen

(Predigt in der EmK Detmold am 2. November 2014)

Der Predigttext für den Reformationstag, den wir vorgestern gefeiert haben, irritiert mich. Am 31. Oktober erinnern wir uns ja an Martin Luther und die andern Reformatoren und vergewissern uns, was denn an unserer Art zu glauben und mit Jesus zu leben, evangelisch ist. Da geht es dann inhaltlich meistens vor allem um die Rechtfertigung aus Glauben. Also darum, dass wir, um von Gott angenommen zu sein und gerechtgesprochen, nichts bringen müssen: keine guten Werke, keine Frömmigkeit oder Anständigkeit, keine Verdienste. Gott nimmt uns allein um des Glaubens willen an. Das ist die evangelische Kernbotschaft, die normalerweise am Reformationstag im Mittelpunkt der Predigten steht.

In diesem Jahr aber stammt der vorgeschlagene Predigttext aus dem 2. Kapitel des Philipperbriefes. Da schreibt Paulus in den Versen 12 und 13: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“

Ja, denke ich: In dem zweiten Satz, da steckt die reformatorische Botschaft deutlich drin: „Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ Verlass dich also auf Gott – auf ihn allein. ER selbst spricht dich gerecht um Christi willen und ER nimmt dich an, ohne dass du dafür etwas leisten müsstest. Zu ihm kannst du so kommen, wie du bist. Vertraue ihm. Das ist 'ne gute Botschaft. Aus meiner Sicht die beste Botschaft überhaupt. Du bist wertvoll und von Gott geliebt. Und du musst keine frommen Klimmzüge machen dafür, dass Gott dich liebt. Er liebt dich so, wie du bist. Und so, wie du bist, nimmt er dich an.

Was mich irritiert an unserm Predigttext, ist der erste Satz: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ Schaffet! Geht es nicht in der reformatorischen Botschaft gerade darum, das eigene Schaffen mal beiseite zu lassen und Gott machen zu lassen? Ja, darum geht’s, aber...

Unser Text sperrt sich gegen eine Verabsolutierung der reformatorischen Grundbotschaft. Es gilt, und es bleibt dabei: Gott liebt dich ohne fromme Werke, die du vorher tun müsstest. Er liebt dich voraussetzungslos. Das darfst du einfach glauben und dich darauf verlassen, dass er dich annimmt. Punkt. Nur: Damit ist der Glaube eben noch nicht zu Ende. Dass du glaubst allein, ist nicht das Ziel Gottes mit dir. Gott will mehr. Er will dich verwandeln in das Bild Jesu hinein und er will mit dir die Welt verwandeln.

Auf der Welt gibt es schätzungsweise 2,3 Milliarden Christinnen und Christen. 2,3 Milliarden Menschen, die mit Jesus leben. Da fragt man sich doch: Warum sieht die Welt so aus, wie sie ist? Warum gelingt es uns nicht, den Lebensstil Jesu – seine Gewaltlosigkeit und Feindesliebe und Vergebung und Barmherzigkeit – der Welt aufzuprägen? Diese Frage stellte sich auch der amerikanische Philosoph und geistliche Schriftsteller Dallas Willard, der 2013 verstorben ist und den ich sehr schätze. Ich kann jedem nur empfehlen, mal was von Dallas Willard zu lesen. Das lohnt sich. Warum ist die Welt, wie sie ist, obwohl es so viele Christinnen und Christen gibt? Dallas Willards Antwort ist: Weil wir das Evangelium auf die Hälfte verkürzt haben. Weil wir in den evangelischen Kirchen oft nur ein halbes Evangelium lehren und leben.

Wir lehren und leben sozusagen nur den zweiten Satz unseres Predigttextes: Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen, während wir den ersten Satz unterschlagen:  Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Die frühen Christen, die Männer und Frauen, die an Jesus geglaubt haben, nannten sich Jünger. Schüler also. Sie glaubten an Jesus, daran, dass er der Messias, der Weg zu Gott ist. Aber das war nicht alles. Sie wollten als Jünger nun auch von ihm lernen, sich was bei ihm abgucken und ihr Leben so gestalten, wie er es tat. Das ist ein Jünger: jemand, der seinem Meister hinterherläuft und von ihm lernt, um so zu werden wie er. Und diese zweite Hälfte des Evangeliums, so meint Dallas Willard, die genauso wichtig ist wie die erste, die haben wir in den evangelischen Kirchen zumindest teilweise vergessen. Denn Jünger sein und als Jünger leben, das bedeutet systematisch und geplant daran arbeiten – eben zu schaffen - , so zu leben wie der Meister.

Vielleicht kennt ihr das: Auf der Straße oder auf dem Bolzplatz sind ein paar Kinder zusammen und kicken. Einer ruft : Ich bin Mario Götze. Er imitiert dessen Laufstil und Ballbehandlung, weil er so werden möchte wie er. Ein anderer ruft: Ich bin Mezut Özil. So wie der möchte er nämlich mal werden. Als er das letzte Mal beim Frisör war, hat er ein Foto seines Idols mitgenommen und gesagt: So möchte ich meine Haare auch haben. Er will so werden wie Mezut Özil. Er imitiert ihn, so gut er kann.

Die unangenehme Wahrheit ist: Alleine dadurch, dass dieser Junge so werden will wie sein Idol und sich die Haare so kämmt wie er, wird er es wahrscheinlich nicht werden. Wenn es dabei bleibt, wird er wie ich ein bestenfalls mittelmäßiger Fußballer bleiben.

Wenn der Junge es aber ernst meint und wirklich ein Fußballstar wie Mezut Özil werden will – was braucht es dann dazu? Zwei Dinge:

Erstens: Talent.

Ohne Talent wird niemand ein Fußballstar. Daran ist es bei mir schon gescheitert, und ich wollte doch so gern werden wie Klaus Fischer. Ohne Talent läuft nichts.

Übertragen auf das Evangelium: Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. Das ist die gute Nachricht: Gott schenkt jedem und jeder das Talent, selig zu werden. Heil zu werden. Von Schuld und Angst frei zu werden. Jedem Mann und jeder Frau schenkt Gott dieses Talent nach seinem Wohlgefallen. Gott nimmt dich an, weil er dich liebt. Er vergibt dir deine Schuld, und dafür musst du nichts bringen. Du darfst einfach glauben. Vertrauen auf das, was er in Christus für dich tut.

Aber die zweite Seite gilt eben auch: Talent alleine macht aus dem kleinen Jungen auf dem Bolzplatz noch keinen Fußballstar. Talent kann verkümmern und blass werden, wenn es nicht gepflegt und ausgebaut wird. Schon mancher Mensch, der das Talent hatte, ein großer Pianist oder eine große Schriftstellerin oder eben ein Fußballstar zu werden, ist es dann doch nicht geworden, weil er nichts aus seinem Talent gamacht hat. Denn um ein Fußballstar zu werden braucht es

Zweitens: Systemtisches geplantes Training und viel Übung.

Mich beeindruckt das, was viele Sportler da auf sich nehmen: Sie richten ihre Ernährung, alle ihre Gewohnheiten, ihr ganzes Leben auf ihren Sport aus. Sie trainieren nicht nur hart, sondern auch außerhalb der Trainingszeiten ist alles auf ihren Sport ausgerichtet. Sie verzichten auf Alkohol und Drogen und Partys, weil sie in ihrem Sport weiterkommen wollen. Ungeheuer diszipliniert arbeiten sie an ihrem Ziel.

Übertragen auf das Evangelium: Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern. Gott nimmt dich an, und dafür musst du nichts tun. Du darfst einfach glauben. Aber weil er dich annimmt, will er dich nun auch verwandeln in das Bild Jesu hinein. Er freut sich, wenn du ein Jünger sein und damit so werden willst wie Jesus. Aber so werden wollen alleine hilft dir nicht, es tatsächlich zu werden. Dazu braucht es neben dem Talent, also Gottes Gnade auch, sytematische geplante Übung.

Wie ein Sportler geht es darum, dass wir unser ganzes Leben darauf ausrichten, als Jünger Jesu unserm Meister nachzueifern, von ihm zu lernen und mehr und mehr tatsächlich so zu werden wie er.

So wie der Sportler bestimmte Übungen immer wieder macht und ganz diszipliniert auf sich nimmt, so gibt es auch für Jünger Jesu Übungen, die wir immer wieder tun können. Geistliche Übungen. Wenn wir in den Evangelien lesen, dann lesen wir davon, dass unser Meister selbst auch mit geistlichen Übungen gelebt hat. Um einige Beispiele zu nennen:

a) die Stille.

Jesus ist durch die Dörfer gezogen und hat gepredigt und geheilt. Aber immer wieder und wieder hat er – oft nächtelang – die Stille gesucht. Stille und Einsamkeit sind wichtige geistliche Übungen. Von Jesus können wir sie lernen. Allein sein mit Gott, ihn spüren und sich ihm aussetzen, ihm sozusagen stillhalten damit er wirken kann. Regelmäßige Meditation, Ruhegebet – das sind Instrument für die geistliche Übung der Stille.

b) Bibelstudium.

Jesus konnte zumindest große Teile seiner Bibel auswendig. Er zitiert sie oft. Ganz offensichtlich hat er viel Zeit damit verbracht, seine Bibel zu studieren und ihm wichtige Stellen auch auswendig zu lernen. Sie zu verinnerlichen. Das Studieren und Lernen der Bibel als geistliche Übung.

c) Essen.

Ja, ihr habt ganz richtig gehört. Essen ist eine geistliche Übung. Und zwar: Essen in Gemeinschaft. Jesus lud sich gerne selber zu Essen bei andern ein. Beim Essen kam er andern näher und entdeckte in ihnen Gottes Bild. Und das wichtigste Zeichen seiner Gegenwart, das er uns hinterließ, ist nicht nur zufällig ein Mahl – das Abendmahl oder das Mahl des Herrn. Gemeinsames Essen kann eine geistliche Übung sein.

d) Fasten und Enthaltsamkeit.

Jesus hat gefastet. 40 tage lang in der Wüste. Erst dieses Fasten hat ihn befähigt, dann so aufzutreten und zu leben, wie er gelebt hat. Und er ist ganz selbstverständlich davon ausgegangen: Wenn ich mal nicht mehr auf der Erde sein werde, dann werden meine Jünger auch fasten. Stille, Bibelstudium und Fasten kann man gut miteinander verbinden. Verzichten und Sich-Enthalten – zum Beispiel zeitweise auf Alkohol oder auf Fleisch oder auf Fernsehen verzichten – kann eine hilfreiche geistliche Übung sein.

e) Anbetung.

Immer und immer wieder betet Jesus. Er nennt Gott Abba, seinen lieben Vater und empfiehlt das auch seinen Jüngern. Lobpreis ist ihm wichtig: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ Was für ein Lobpreis Gottes. Oft bittet er Gott ganz einfach und mit kurzen Worten um Hilfe. Sein Lieblingsgebetswort scheint mir „Dein Wille geschehe“ gewesen zu sein. Dieses Wort gab ihm Kraft für seinen Weg ans Kreuz. Gebet - allein und mit andern gemeinsam - , Lobpreis und Anbetung, auch gesungen, Stoßgebete im Alltag und Gebetsworte, die man mitnimmt in die Stille, können wichtige geistliche Übungen sein.

Nur eine kleine Auswahl an geistlichen Übungen, die man bei Jesus beobachten kann in den Evangelien: die regelmäßige Stille und Einsamkeit, das Studieren und Lernen der Bibel, das gemeinsame Essen mit andern, das Fasten und die Enthaltsamkeit, das Beten und Lobpreisen in unterschiedlichen Formen.

Solche geistlichen Übungen gaben Jesus die Kraft, sein Leben zu leben. Für ihn waren sie ganz offensichtlich selbstverständlich. Sind sie das für uns auch? Und wenn nicht: Sollte es uns dann wirklich wundern, wenn wir im Glauben wenig wachsen und wenig Ähnlichkeit mit Jesus an uns spürbar ist?

Unser Predigttext – gerade am Reformationstag – sagt: Das Evangelium hat zwei Seiten, die beide gleich wichtig und bedeutsam sind: Das, was nur Gott tun kann und tut. Er spricht dich gerecht und nimmt dich an ohne Werke und ohne Voraussetzungen. Darauf darfst du dich verlassen und einfach glauben. Gott wirkt in dir beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite aber ist: Das was du tun kannst. Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Werde ein Jünger Jesu, der von ihm lernt und ihm nacheifert. Nutze dein Talent, das Gott dir schenkt und praktiziere regelmäßig die geistlichen Übungen, die du dir bei Jesus abgucken kannst – die regelmäßige Stille, das Forschen in der Schrift, das gemeinsame Essen, das Fasten und die Enthaltsamkeit, das Beten und Gott lobpreisen – mit oder ohne Noten. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam solche geistlichen Übungen neu entdecken und miteinander lernen.

Amen.

Freitag, 17. Oktober 2014

Domführung in Paderborn - Noch Plätze frei

Am kommenden Mittwoch, den 22. Oktober, besuchen wir mit einigen Leuten aus der EmK Detmold den Hohen Dom zu Paderborn. Wir haben eine Führung durch den Dom gebucht, für die noch einige wenige Plätze frei sind. Die Führung beginnt um 15 Uhr 15 und wird pro Teilnehmer(in) etwa 4 bis 5 Euro kosten.

Interessiert? Dann melde dich bei Uwe Hanis, detmold@emk.de oder 05231-23297