Mittwoch, 13. Januar 2016

Gutmenschen und besorgte Bürger

Zum Unwort des Jahres 2015 haben Sprachwissenschaftler soeben den Begriff "Gutmensch" gewählt, weil mit ihm häufig in diffamierender Absicht Menschen bezeichnet würden, die sich freundlich und hilfsbereit zum Beispiel um Flüchtlinge kümmern. Ich kann diese Entscheidung der Jury nur aus vollem Herzen unterstützen: Es nervt kolossal, wenn hilfsbereite Menschen mit dem Begriff "Gutmensch" in eine dümmlich-naive Ecke gestellt, dadurch mundtot gemacht und für nicht diskussionswürdig befunden werden.

Noch besser hätte ich es aber gefunden, wenn die Jury diesmal gleich zwei Begriffe zu Unworten des Jahres gekürt hätten: den Begriff "Gutmensch" und den mittlerweile ebenso weit verbreiteten Begriff "besorgte Bürger". Die Bezeichnung "besorgte Bürger" nämlich wird - vor allem in den sozialen Netzwerken - meiner Beobachtung nach ebenso diffamierend gebraucht wie die des "Gutmenschen" - nur eben von anderen. Als "besorgte Bürger" werden die betitelt, die sich eben Sorgen machen: um ihr Land, ihre Kultur, ihre Familie, ihre Kinder - und die auf Grund dieser Sorgen eine andere politische Haltung einnehmen: zum Beispiel bei Pegida mitgehen oder die AfD wählen.

Beide Begriffe - "Gutmenschen" und "besorgte Bürger" - werden in diffamierender Weise und mit ebensolcher Absicht gebraucht, um den politischen Diskurs mit Andersdenkenden zu beenden, um sich nicht mit ihren Argumenten auseinandersetzen zu müssen, indem man sie von vornherein für nicht diskussionswürdig erklärt.

Freitag, 1. Januar 2016

Mit Kraft, Liebe und Besonnenheit ins neue Jahr

Wie gehe ich ins neue Jahr? Mit welcher Einstellung beginne ich das Jahr 2016?

Der Monatsspruch für Januar fordert mich heraus, zu überprüfen, auf wen ich  in diesem Jahr blicke und auf wen ich mein Vertrauen setze:

"Gott hat uns keinen Geist der Furcht gegeben, sondern sein Geist erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit." (2. Timotheusbrief 1,7 nach Hoffnung für alle)

Blicke ich auf mich selbst - oder z.B. auf die Nachrichtenlage -, dann wird mir ganz schön mulmig zumute. Furcht bestimmt meinen Ausblick auf das neue Jahr:
  • Wie wird es in den Gemeinden weitergehen, in denen ich Dienst tue? Wird die Jugendgruppe in Altersbach wirklich funktionieren? Werden wir die Ladenkirche in Schmalkalden mit Menschen füllen und lebendig gestalten können? 
  • Wie wird es mit den Kindern in der Schule weitergehen? 
  • Und politisch: Werden in diesem Jahr erneut über eine Million Menschen aus anderen Kulturen - die meisten davon Muslime - in unser Land einwandern? Wie wird sich das Zusammenleben gestalten? Wie wird sich Deutschland und Europa dadurch verändern? 

Sorgen, Fragen, Furcht bstimmen meinen Ausblick auf das neue Jahr, wenn ich auf mich selbst blicke - oder auf unsere menschlichen Möglichkeiten.

Wie gut, dass unser Gott Wunder tun kann - und tut. Wie gut, dass ich ins neue Jahr gehen kann, indem ich Gott um seinen Geist bitte und meine Aufmerksamkeit auf ihn richte. Denn Gottes Geist erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit:
  • Kraft, um die Herausforderungen zu meistern, die auf uns zukommen. Ihnen mutig und nicht furchtsam entgegenzutreten. 
  • Liebe, um das Wesentliche am Leben nicht aus den Augen zu verlieren: die Menschen, mit denen wir leben und es zu tun haben.
  • Besonnenheit, um nicht in Panik zu verfallen, sondern sorgfältig die Situation zu analysieren und dann entschieden, aber angemessen zu handeln.  
Was brauche ich eigentlich mehr als diese drei Eigenschaften: Kraft, Liebe und Besonnenheit? Damit will mich Gottes Geist erfüllen, und darauf will ich im neuen Jahr blicken und mich verlassen.

Frohes neues Jahr. 

Freitag, 18. Dezember 2015

Eine Gemeinde mittendrin

Heute nun war es endlich so weit: Stühle, den Abendmahlstisch und unser Pult konnten wir in die "Ladenkirche" räumen, damit wir schon Weihnachten dort Gottesdienst feiern können. Aber der Reihe nach...

Am 1. September begann mein Dienst als Pastor der EmK Schmalkalden - und einen Tag vorher, am 30. August, wurde das Gemeindehaus verkauft. Nach zwei Gottesdiensten und einer Handvoll Kleingruppentreffen stand also Ausziehen auf dem Programm.

Die Gemeinde war entsprechend traurig - und ich natürlich auch. Dank der guten ökumenischen Beziehungen in Schmalkalden gelang es, Übergangslösungen zu organisieren: Mit unsern Kleingruppen konnten wir in der örtlichen Baptistengemeinde und mit den Gottesdiensten in einem evangelischen Gemeindehaus unterkommen. Es war aber klar, dass all das nur Zwischenlösungen sein konnten.

Wir dachten viel nach, beteten viel und dann... Dann bot uns die städtische Wohnungsbaugesellschaft ein leerstehendes Ladenlokal mitten in der Fachwerk-Altstadt von Schmalkalden zur Miete an.

Gemeindeleben in einem Laden? Zuerst waren nicht alle begeistert, aber nach und nach gewöhnten wir uns an den Gedanken. Ist eine "Ladenkirche" nicht auch eine Chance, Gemeinde ganz neu zu definieren - neu zu lernen, Gemeinde für andere zu sein? 

Und heute nun ist es so weit: Die Nebenräume sind zwar noch nicht fertig, wohl aber der große Hauptraum, in dem wir zukünftig unsere Gottesdienste feiern werden. Am Heiligabend um 5 ist Premiere.

Einige Freiwillige trafen sich heute Morgen schon und brachten alles das, was man für Gottesdienste so braucht, in den "Laden". Jetzt kann es also losgehen.

Ich habe in diesen vier Monaten Vertrauen gelernt und bin heute der festen Überzeugung, dass Gott auf diesem Weg mit uns ist. Er hat mit uns noch einges vor und führt uns auf neue Wege, Gemeinde zu sein - näher bei den Menschen, da, wo ihr Alltag stattfindet und wo sie zu hause sind. Gute Nachbarn wollen wir sein und Leben und Glauben mit den Menschen in Schmalkalden teilen.

Unser neues Gemeindezentrum werden wir also mit Leben füllen - Gottesdienste, Kleingruppen, Gebetstreffs und Lobpreisabende dorthin verlegen, unsern neuen Nachbarn gut zuhören und mit ihnen ins Gespräch kommen - um Gemeinde "mittendrin" zu sein.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Der König auf dem Esel

(Grundgedanken der Predigt vom 29.11.2015 in der EmK Altersbach und der EmK Schmalkalden)

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel.“ (Sacharja 9,9)

Der 1. Advent stellt Jesus als den erwarteten König in die Mitte.

Was aber sage ich damit aus, wenn ich Jesus meinen König nenne?

1. Dieser König will dir dienen

Jesus ist anders, als alle andern Könige, die wir kennen: Er kommt, um zu dienen, nicht, um sich bedienen zu lassen.

Die einzige Krone, die Jesus je getragen hat, war eine aus Dornen. Und genau wie Sacharja es verheißt, reitet er auf einem Esel in Jerusalem ein – Zeichen eines demütigen Königs.

Jesus ist also der dienende König, und er will dir - gerade dir! - dienen. Wie will er dir dienen?

a) Jesus ist vollkommen gerecht.
Er erfüllt den Willen Gottes für seine Geschöpfe, der sich im Doppelgebot der Liebe ausdrückt, bis zum Schluss.

b) Dieser Gerechte will aber seine Gerechtigkeit nicht für sich behalten, sondern er will sie dir schenken. Er ist nicht nur der Gerechte schlechthin, sondern auch der Helfer schlechthin.

Lässt du dir von diesem König dienen? Lässt du dir seinen Dienst gefallen?

2. Dieser König will regieren

Schon klar, das will jeder König…

Aber dieser König will dein persönlicher König sein. Er regiert nicht über ein äußerliches Reich. Das ist seine Sache nicht.

Der König Jesus will keinen Staat erobern, sondern dein Herz. Das unterscheidet ihn zum Beispiel von Mohamed. Als die Leute ihn einmal zum irdischen König machen wollten, da „entzog er sich ihnen“.

Der König Jesus sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Mein Reich ist anders als andere Königreiche.

Nein, Jesus will keinen Staat erobern, sondern dein Herz. Unsere Herzen. Die aber will er im Sturm einnehmen, um durch uns die ganze Welt zu verändern.

Lässt du dein Herz von Jesus einnehmen? Lässt du ihn, durch seinen Geist in dir wohnen?

Wenn du das zulässt und ja dazu sagst, dann bist du ein Königskind. Du kannst ein Königskind sein. Jeder von uns kann ein Königskind sein. Du kannst es werden, wenn du dein Herz Jesus hinhältst, damit er als König darin regiert.

Als Königskind bin ich herausgefordert, alle Lebensbereiche meinem König zu unterstellen: die Religion, aber auch mein politisches Denken und Handeln, meine Finanzen, meine Liebe und Ehe, die Erziehung meiner Kinder, mein berufliches Engagement…

3. Dieser König war schon da und wird zugleich noch kommen. 

Über unsern König heißt es: Er ist es, der da war, der da ist und der da kommen wird. Um sein Kommen geht es im Advent.

Der König herrscht, aber er herrscht derzeit noch im Verborgenen.

Manchmal spüren wir seine Macht:
Heilungen geschehen.
Die Befreiung von Schuld wird wirklich erlebt.
Aber oft ist uns nur allzu deutlich, dass seine Königsherrschaft eine verborgene ist.
Oft siegt die Krankheit am Ende doch.
Krieg und Gewalt überall auf der Welt.

Auch wenn der König schon da ist, müssen wir doch auf ihn warten. Sein Reich ist schon da, es hat schon begonnen, aber es ist noch nicht vollendet, noch nicht endgültig offenbar.

Der Advent erinnert uns daran, dass wir Wartende sind: Königskinder, die darauf warten, dass die Herrschaft ihres Königs sich endgültig und für alle durchsetzen wird. Dass seine Werte alles durchwirken.

Siehe, sagt Sacharja, siehe, dein König kommt zu dir.
Biblisches Sehen ist Sehen mit dem Herzen.
Mit den Augen sehen wir Jesu Königsherrschaft heute oft noch nicht. Nur, wenn wir lernen, statt mit den Augen mit dem Herzen zu sehen, dann erkennen wir, wie er verborgen jetzt schon sein Reich baut,
indem er dient und
indem er die Herzen von Menschen erobert, um durch sie die Welt zu verwandeln.

Wir als Königskinder dürfen ein Teil dieser Bewegung des Königs sein und an seinem Reich mitbauen.

Montag, 2. November 2015

Ganz schön verrückt: Vergebung

(Predigt, gehalten in der EmK Altersbach und der EmK Schmalkalden am 1.11.2015)

Wenn einer mir Unrecht tut - immer wieder - , soll ich ihm dann immer wieder vergeben?, fragt Petrus Jesus. Und Jesus antwortet: Ja, das sollst du. Du sollst ihm nicht nur einmal oder ein paar mal, sondern immer und immer wieder vergeben. Und um zu verdeutlichen, was er damit meint, erzählt Jesus dann ein Gleichnis:

23 Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte.  4 Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. 25 Da er's nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. 26 Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's alles bezahlen. 27 Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch.

28 Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! 29 Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's bezahlen. 30 Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.

31 Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. 32 Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; 33 hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? 34 Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. 35 So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.  (Matthäus 18,23-35)

Was für ein verrückter König… 

Hab ich recht? Eigentlich ist das doch unvorstellbar. Verrückt eben. Der Knecht schuldet seinem König 10.000 Zentner Silber, heißt es in Vers 24. Eine Riesensumme ist das. Heute wäre das wohl einer mit einem großen Schwarzgeldkonto in irgendeinem Steuerparadies. Der „Knecht“ in unserer Geschichte ist jedenfalls kein kleiner Gauner, sondern einer, der richtig was auf dem Kerbholz hat.

Und was macht dieser König? Zuerst macht er das, was man erwartet: Er will die ganze Familie für die Schulden des Knechtes haftbar machen, um wenigstens einen kleinen Teil seines Geldes zurückzubekommen. So weit, so normal in der Welt. Aber dann, als der Knecht ihn anfleht, ihn um Gnade bittet, da wird das Herz des Königs unerwartet weich. Vers 27: Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch.

Was für ein verrückter König. Er verzichtet auf das, was ihm zusteht, zugunsten seines Knechtes. Er verzichtet, obwohl er die Macht und die Möglichkeit hat, es einzufordern. Er verzichtet, allein deshalb, weil der Knecht ihn darum bittet. Verrückte Gnade ist das. Und genau so, sagt Jesus, ist Gott, unser Vater. So ist Gott, wenn es um das geht, was wir ihm schuldig bleiben: unsere ungeteilte Liebe, unsere Hingabe, unsern Gehorsam. So ist Gott, wenn es um unsere Bosheit geht – unsern Jähzorn zum Beispiel, unsere gebrochenen Versprechen, uns zu bessern, unsere Gier, unsern Egoismus, unsere Lieblosigkeit. So ist Gott – ein verrückter König.

Denn Gott macht das, was der verrückte König in unserer Geschichte tat: Wenn wir ihn um Vergebung bitten, dann hat er Erbarmen mit uns und lässt uns frei und unsere Schuld vergibt er uns auch. Gott, der verrückte gnädige König.

Das erste, was wir an unserer Geschichte lernen können, ist also: So ist Gott. Gott, wie Jesus ihn uns nahebringen will, ist positiv verrückt – verrückt vor Liebe zu uns. Gott ist verrückt in dem Sinn, dass er uns tatsächlich alle unsere Schuld vergibt, wenn wir ihn darum bitten. Er verzichtet uns zugute auf das, was ihm eigentlich zusteht – worauf er ein Recht hat.

Gott, sagt Jesus, ist immer bereit zu einem neuen Anfang mit dir, und vielleicht ist heute genau der richtige Moment, um wie der Knecht im Gleichnis, Gott genau darum zu bitten: Ja, ich weiß, dass ich dir schuldig geblieben bin, was dir zusteht. Ich weiß, dass du zornig auf mich bist. Ich hab viel falsch gemacht. Bitte vergib mir. Fang mit mir neu an. Vielleicht, wie gesagt, ist gerade heute der Tag, an dem das für dich dran ist.

Jesus jedenfalls lädt uns alle dazu ein und sagt: Auch wenn du richtig viel auf deinem Kerbholz hast, wird Gott dir vergeben – er wird dir alles vergeben. So ein verrückter König ist Gott. Verrückt vor lauter Liebe zu dir. Er vergibt dir, wenn du ihn darum bittest, und er fängt heute wirklich ganz neu mit dir an.

Aber dann der nächste Abschnitt unseres Gleichnisses:

Was für ein verrückter Knecht…

Da ist dieser Mann gerade eben befreit worden von unvorstellbar hohen Schulden. Eine Millionensumme wurde ihm einfach so erlassen. Man sollte meinen, er weiß gar nicht, wohin mit seinem Glück.

Aber was passiert? Auf der Straße begegnet er einem Nachbarn, der ihm ein paar Euro schuldet. Mehr ist das nicht.  Und was macht der Knecht? Er geht diesem Nachbarn ganz buchstäblich an die Wäsche. Er würgt ihn (Vers 28) und fordert das Geld, das er ihm geliehen hat, unbarmherzig und ohne jede Gnade zurück.

Gerade eben noch hatte der Knecht selbst den König um Gnade angefleht. Jetzt bittet ihn sein Nachbar: Hab doch Geduld mit mir, gib mir noch etwas Zeit, ich will ja bezahlen. Aber der Knecht bleibt hart, unbarmherzig, kalt. Vers 30: Er wollte aber nicht, sondern… warf seinen Schuldner ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte. Er wollte nicht. Das ist alles. Mehr Gründe braucht er nicht.

Was für ein verrückter Knecht. Alles, sein Leben, seine Familie, seine Freiheit, verdankt er ausschließlich der Barmherzigkeit des verrückten Königs, der ihm seine Millionenschulden großmütig erlassen hat. Aber statt nun seinerseits dem Nachbarn die paar Euro gutzuschreiben, die er ihm geliehen hat, bleibt er hart und unnachgiebig und bringt seinen Schuldner sogar ins Gefängnis. Verrückt – diesmal nicht im positiven, sondern im negativen Sinn des Wortes. Verrückt vor Rechthaberei ist der Knecht.

Und genau so, sagt Jesus, so sind wir oft auch. Und er meint damit uns Fromme. Alles verdanken wir der Gnade Gottes: unser Leben, unsern Glauben – einfach alles. Wenn Gott uns nicht gnädig wäre, uns nicht vergeben hätte, dann wäre es aus mit uns. Wenn Gott nicht für uns auf alles verzichtet hätte, was ihm zusteht, dann wären wir für ewig von ihm und vom Leben getrennt.

Und was machen wir? Wie der Knecht im Gleichnis bestehen wir auf unser Recht, anstatt selbst auch gnädig mit andern zu sein. Gott ist so verschwenderisch mit seiner Güte und Vergebung – so verschwenderisch, dass er sogar mich angenommen hat, dass ich aufrecht leben darf trotz aller Schuld, die ich getan habe. Und was mach ich? Ich trag den andern ihre Fehler nach und werf sie ihnen manchmal noch nach Jahren vor. Gnadenlos sehe ich auf die Schwächen der andern, statt sie – wie Gott es mit mir tut – aufzurichten und stark zu machen. Eigentlich müsste ich doch vor Glück kaum laufen können: Gott hat mir vergeben, hat mich angenommen und will was mit mir anfangen. Ich müsste doch nun eigentlich rumlaufen und selbst auch vergeben und nachsehen und andere aufrichten, was das Zeug hält. Verrückt, dass ich so oft nicht bereit bin, zu vergeben und stattdessen auf mein Recht bestehe. Ich scheine wirklich nicht mehr zu retten zu sein.

Aber unsere Geschichte geht ja noch weiter:

Was für ein verrückter Jesus...

Eigentlich sind wir doch alle hoffnungslose Fälle. Gott vergibt uns alles, er opfert seinen eigenen Sohn, um uns zu vergeben, und wir sind nicht in der Lage, einander unsere Fehler und Schwächen nachzusehen. Gott ist unglaublich barmherzig uns gegenüber, und wir gehen so ungnädig miteinander um. Eigentlich hoffnungslose Fälle…

Aber nicht für Jesus. Jesus gibt einfach nicht auf. Er warnt und mahnt und lockt und ermutigt und kämpft um uns – um dich und mich – wie ein Löwe. Für Jesus gibt es definitiv keine hoffnungslosen Fälle. Er stellt uns die Frage: Was wäre denn, wenn Gott dir gegenüber so unbarmherzig wäre wie du es andern gegenüber bist? Jesus setzt darauf, dass sogar wir es lernen können, Vers 35, einander zu vergeben, ein jeder seinem Bruder.

Der Jesus, der unser Gleichnis erzählt, das ist ja der, der noch am Kreuz für seine Folterer gebetet hat: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das ist der Jesus, dem wir nachfolgen, dessen Jünger wir sind und von dem wir lernen dürfen und wollen. Und er macht uns Mut, dass das wirklich geht.

Ein Freund, der von sich selbst meint, dass er nicht glaubt, hat mit vor kurzem, als wir zusammensaßen, gesagt: Weißt du, was mich wirklich beeindruckt hat, war, dass Erich Honecker damals, als er entmachtet war, ausgerechnet von einem Pastor bei sich zuhause aufgenommen wurde. Das hat mich beeindruckt. Da stand einer, Pastor Uwe Holmer ist sein Name, demonstrativ ein für Vergebung und Versöhnung, für Gnade. Ganz offenbar hatte er unser Gleichnis gründlich gelesen und verinnerlicht. Pastor Holmer begründete sein Verhalten nämlich so: „Ohne Vergebung gibt es kein Leben.“ Auch wenn das schon 25 Jahre her ist, erinnern sich noch viele an diese Demonstration der Vergebung.

Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass es wirklich geht. Vergebung kann man lernen und Vergebung kann man leben. Jesus jedenfalls ist so verrückt, gerade uns das zuzutrauen.

Und mal ehrlich: Wie würde unsere Welt wohl aussehen, wenn wir Christen damit endlich ernstmachten und mit Vergebung so großzügig und verschwenderisch umgingen wie unser Herr es tut. Es wäre bestimmt eine andere Welt – davon bin ich überzeugt.

Für einen kurzen Moment der Stille nach der Predigt möchte ich euch einladen, an jemanden zu denken, der euch Unrecht getan oder euch verletzt hat. Jemanden, über den ihr euch geärgert habt oder auf den ihr sauer seid. Bestimmt gibt’s da wen. Und dann lasst uns in der Stille vor Gott diesen Menschen vergeben. Fangen wir einfach damit an.

Donnerstag, 30. April 2015

Nicht immer, aber immer öfter: Collarhemd

Bis vor gar nicht langer Zeit war die Sache für mich klar: Das Collarhemd steht für ein "High Church"-Kirchenverständnis und für ein priesterliches Selbstverständnis dessen, der es trägt. Pastoren, die Collar tragen, betonen den Abstand ihrer selbst zur Gemeinde und halten sich möglicherweise sogar für "was besseres". Das war mein Bild, und mein Misstrauen war Collarträgern deshalb stets gewiss.

Irgendwann hab ich mich dann mal länger mit einem der Kollegen unterhalten, die man fast immer mit Collar sieht. Der Kollege hat erzählt, wie es ihm damit ergeht. Wir haben viel gelacht und: Es ist ihm gelungen, mich neugierig zu machen. Bis dahin hatte ich selbst Collarhemden - wenn überhaupt - im Gottesdienst getragen. Aber nun wollte ich es einfach mal probieren, das auch außerhalb zu tun.

Gesagt, getan: Am nächsten Tag saß ich also mit Collarhemd in meinem Stammcafe, ging damit durch die Fußgängerzone und nahm bewusst den Bus auf dem Weg zu einem Hausbesuch. Und was soll ich sagen? Die Erfahrungen, die ich machte, waren bemerkenswert:

  • Ich war für die Menschen erkennbar als Vertreter der Kirche. Das Collarhemd ist eine Art Signal: Ja, ich komme von der Kirche. Und: Ja, ich bin darauf auch ansprechbar, wenn du das willst. 
  • Im Cafe setzte sich jemand zu mir. "Darf ich Sie was fragen?" Schnell entwickelte sich ein Gespräch über den Glauben. 
  • Im Bus sprach mich ein Flüchtling an, der erst seit kurzem hier in der Stadt lebt. Zuhause habe er immer in einem Neuen Testament gelesen, das er aber nach Deutschland nicht mitnehmen konnte. Ob ich ihm vielleicht... Nichts leichter als das.
Als ich am Abend dieses Experimentes Bilanz zog, konnte ich nicht umhin, festzustellen: So einfach und unkompliziert war ich noch nie mit mir fremenden Menschen über den Glauben ins Gespräch gekommen. 

Seitdem trage ich nicht immer, aber immer öfter Collarhemden - nicht so sehr innerhalb der Gemeinde, sondern am liebsten gerade dann, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Im Alltag. 

Natürlich gibt es dabei auch negative Erlebnisse. Einmal hat ein junger Mann aus einer Gruppe Jugendlicher, die an mir vorbeigingen, demonstrativ ausgespuckt. Das kann passieren. Aber das wars dann auch schon. 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Zum Hochkirchler werde ich sicher nicht mehr. Schon gar nicht durch ein Hemd. Und zu einem Pastor, der ein priesterliches Bild von sich selbst hat und das in der Gemeinde lebt, hoffe ich auch nicht. Aber gerne bin ich in der Stadt erkennbar als ein "Mann der Kirche", den man ansprechen kann auf den Glauben und die Zweifel, die man hat, und der sich Zeit nimmt für ein Gespräch über Gott und die Welt und das Leben. 

Und wenn ich heute ohne Collar unterwegs bin, dann kann es passieren, dass ich mich abends darüber wundere, dass heute gar nichts Besonderes vorgefallen ist und ich niemanden besser kennengelernt habe. Schade eigentlich, oder? 

Sonntag, 26. April 2015

Projekt Weinstock

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.
2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.
3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.


Johannes 15,1-8

Das Ziel der Jüngerschaft: Frucht


Auch wenn selbst die letzten bunten Eier jetzt erfolgreich vertilgt wurden und der Osterschmuck schon wieder im Keller verstaut ist: Wir befinden uns vom Kirchenjahr her immer noch in der österlichen Freudenzeit. Jeder Sonntag zwischen Ostern und Himmelfahrt hat dabei sein eigenes österliches Thema, seinen ganz besonderen Fokus, und heute geht es um das neue Leben, das der Auferstandene denen schenkt, die an ihn glauben. Neues Leben. Neue Schöpfung. Wie sieht das aus? Was kennzeichnet einen Jünger Jesu – also einen, der sein Leben mit dem Auferstandenen teilt?

Der erste Hinweis, den unser Text auf all diese Fragen gibt, heißt: Das neue Leben der Jünger Jesu, derer also, die sich Christen nennen, ist ein Projekt Gottes, des Vaters. Um ihn geht es am Anfang und am Ende unseres Gleichnisses: in Vers 1 und in Vers 8. Jesus stellt sich selbst als Weinstock und uns als Reben, die mit ihm verbunden sind, ganz in den Dienst des Vaters. Er ist der Weingärtner, der ganze Weinstock ist sein Projekt.

Und dieser Weingärtner – Gott, der Vater – hat eben was ganz Bestimmtes im Sinn mit seinem Projekt: Er will wie jeder Winzer, der was auf sich hält, am Ende Trauben sehen. Das Ziel des ganzen Projektes Weinstock ist die Frucht. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt. Ein Winzer verwendet viel Mühe und Arbeit auf seinen Weinstock. Das ist ein richtig harter Job. Geduldig und fleißig arbeitet er das ganze Jahr über an seinem Weinstock. Er tut das, damit er im Herbst viele und vor allem gute Trauben trägt, damit er also Frucht bringt.

Unsere Freundschaft mit dem auferstandenen Jesus, unser Glaube, ist ein Teil dieses Projektes Weinstock und hat als solches ein klares Ziel: Der Glaube soll uns so prägen, dass wir Frucht bringen. Paulus beschreibt diese Frucht des Glaubens in Galater 5 genauer: „Wenn der Heilige Geist unser Leben beherrscht“, schreibt er, dann „wird er Frucht in uns wachsen lassen: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“ (Galater 5,22-23) Eine beeindruckende Liste, oder? Das ist die Frucht, die der Weingärtner Gott von uns erwartet und die er in uns wirken will. Das sind sozusagen die 9 Rebsorten des Glaubens: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.

Im Grunde geht es hier um ein urmethodistisches Anliegen: Wenn ein Mensch zum Glauben an Christus kommt, dann ist seine Geschichte mit Gott nicht zu Ende, so nach dem Motto: "Hurra, ich bin gerettet und komme in den Himmel, und das wars jetzt." Nein, meine Bekehrung zum Glauben ist nicht das Ende meiner Geschichte mit Gott, sondern im Gegenteil: sie ist ein neuer Anfang. Jetzt kann Gott durch seinen Heiligen Geist anfangen, mich zu verwandeln, mein Leben neu zu machen und so zu gestalten, wie er es will. Jetzt beginnt die Zeit des Wachsens im Glauben und in der Liebe, damit mein Glaube Frucht bringt für die Menschen um mich herum und für die Welt, in der Gott sein Reich baut. Unsere methodistische Tradition nennt diese Frucht des Glaubens kurz und einprägsam Heiligung. In Gottes Projekt Weinstock geht es um die Frucht des Glaubens, und das ist unsere Heiligung.

Gott hat also ein klares Ziel mit uns: dass unser Leben Frucht bringe, nämlich Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung – das also, was Paulusuns im Galaterbrief als Früchte des Geistes vorstellt.

Was aber muss geschehen, damit das wirklich wird – damit unser Leben als Christen tatsächlich diese Frucht bringt? Seine Antwort gibt Jesus im Gleichnis aus zwei Perspektiven: die erste beschäftigt sich damit, was Gott tut, die zweite damit, was wir tun können (und sollen).

Was Gott tut, damit dein Glaube Frucht bringt: Abschneiden und Zurückschneiden

Erstens also: Was tut Gott, damit dein und mein Glaube Frucht bringt? Er ist ja schließlich der Weingärtner, und der Weinstock ist sein Projekt. Was also tut er als guter Winzer für gute Frucht? Jesu Antwort: Er schneidet die Reben, also uns, zurück und er schneidet faule Reben notfalls auch ab. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Und 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.

Ein guter Winzer macht das so: Er schneidet die Reben an seinem Weinstock immer und immer wieder zurück. Er lässt sie nicht wild wachsen und wuchern, sondern er formt sie, indem er sie stutzt. Wenn er das nicht konsequent genug tut, dann gibt es im Herbst zwar quantitativ viele Trauben, aber qualitativ schlechten Wein. Deshalb arbeiten gute Winzer nach der Regel: Lieber weniger, aber dafür qualitativ hochwertige Trauben. Nicht die Masse machts, sondern der Geschmack.

So auch Gott: Damit in uns die Früchte des Geistes wachsen - Liebe und Freundlichkeit und Güte -, schneidet er uns zurück, formt er uns – immer und immer wieder. Ich empfinde das als sehr wichtiges Bild, bei dem es sich lohnt, dass wir es uns ganz bewusst machen. Das Beschneiden ist ja zunächst mal durchaus schmerzlich: Gott stutzt uns zurecht. Das kann wehtun – wenn er mir zum Beispiel deutlich macht, dass ich immer noch süchtig bin: nach Nikotin oder Alkohol oder Geld oder Pornographie zum Beispiel, und dass diese Sucht der Freiheit, die er mir schenken will, im Weg steht. Nur ein Beispiel. Aber ich denke: Manche Glaubenskrise oder Lebenskrise, in der wir stecken und unter der wir leiden, bedeutet vielleicht, dass Gott gerade jetzt dabei ist, mich als Rebe an seinem Weinstock zu beschneiden – mich zurechtzustutzen. Das tut möglicherweise ganz schön weh, aber es muss sein, damit ich neue Frucht bringen kann. Gott will mir mit dem Beschneiden nicht wehtun, sondern er will, auch wenn das schmerzhaft ist, den Weg freimachen für die Früchte des Geistes in meinem Leben. Es ist gut, das zu wissen und es im Sinn zu behalten für Krisenzeiten.

Und im Ernstfall, sagt Jesus, da schneidet Gott nicht nur zurück, sondern er schneidet einzelne Reben auch ab. Es gibt auch Reben, die haben definitiv keine Perspektive, überhaupt jemals Frucht zu tragen. Und diese Reben schneidet der Winzer dann ab und wirft sie weg. Das klingt brutal, ist es aber nicht. Denn die Wahrheit ist: Diese faulen Reben nehmen, wenn sie nicht abgeschnitten werden, den andern, die durchaus Frucht bringen können, den Raum und die Energie, die sie zum Wachsen brauchen. Sie bringen nicht nur selbst keine Frucht, sondern sie stehen den andern, die durchaus Frucht bringen können, noch im Weg und halten sie auf. Gott muss diese Reben also wegnehmen, wenn er nicht das ganze Projekt Weinstock vor die Wand fahren will.

Seid mir nicht böse, aber an dieser Stelle habe ich auch an unsere Gemeinde gedacht. Viele von euch leiden im Moment an der vielen Veränderng, die der Gemeinde zugemutet wird. Viele sind sich nicht sicher, wie es weitergehen soll in der Immanuelkirche. Und manche fragen auch: Hat Gott die Gemeinde, uns, vielleicht aufgegeben? Ich verstehe euren Frust ganz gut. Aber nachdem ich über unsern Text nachgedacht habe, möchte ich euch fragen: Kann es sein, dass Gott diese Gemeinde keineswegs verlassen hat, sondern im Gegenteil sie gerade zurückstutzt, weil das mal nötig ist, um neu zu wachsen? Dass er sie ganz bewusst in eine Krise führt, weil er sie eben gerade nicht aufgegeben hat, sondern von ihr erwartet, dass sie noch viele gute Frucht bringen kann? Hätten wir denn Matze und Matthias und Birgit und Harry und Sergej und all die andern neuen Freunde gewonnen, mit denen wir so gerne zusammenleben, wenn Gott uns nicht so schmerzlich zurückgeschnitten hätte? Und kann es deshaolb auch jetzt so sein, dass die Schmerzen, die wir empfinden, notwendig sind, damit neue Frucht aufbrechen kann? Damit neues Wachstum entsteht?

Diese Fragen will ich uns als Gemeinde stellen, aber auch mir selbst und allen, die als Einzelne gerade eine Krise im Glauben durchleben. Kann es sein, dass Gott uns gerade zurückstutzt, damit es zu neuem Wachstum und neuer Frucht kommen kann? Wenn du beim Projekt Weinstock dabeibist, weil du mit Christus lebst, dann kannst du dich jedenfalls felsenfest auf eines verlassen: Der Weingärtner Gott tut seinen Job als ein guter Winzer. Er tut alles, was nötig ist, damit die Reben am Weinstock Frucht bringen. Wenn dir das gerade richtig weh tut, dann darfst du wissen, dass er dich damit nicht quälen, sondern reinigen will, damit du neue und gute Frucht bringen kannst.

Was du tun kannst, damit dein Glaube Frucht bringt: In Christus bleiben

Die zweite Perspektive, die Jesus einnimmt, ist der Blick auf uns – auf die Reben. Was können und sollen denn wir tun, damit unser Glaube Frucht bringt?

Um mal im Bild zu bleiben: Reben am Weinstock, die müssen, um Frucht zu bringen und Trauben zu tragen, eigentlich nichts weiter tun als ganz buchstäblich in der Sonne rumzuhängen. Das ist gute Botschaft, finde ich. Reben strampeln sich nicht ab, damit Trauben an ihnen wachsen, sondern die Trauben wachsen einfach, weil Gott es regnen und die Sonne scheinen lässt. Das liegt in der Natur der Sache. Übertragen auf uns: Dass die Früchte des Geistes in unserm Leben als Christen wachsen, das müssen wir nicht machen.  Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung - die 9 Rebsorten des Glaubens – sie wachsen einfach – ganz natürlich.

Was wir tun können, um Gott bei seiner Arbeit an uns zu unterstützen, ist: bleiben. Am Weinstock Christus bleiben und uns auf diese Weise die Sonne des Heiligen Geistes so richtig auf den Pelz scheinen lassen. Das ist alles. Jesus nennt das Wort „Bleiben“ 7 mal in unserm Gleichnis. So wichtig ist ihm das: Alles, was wir tun müssen, ist bleiben: an und in ihm bleiben. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Und wie geht das - Bleiben? Das Wort hört sich erstmal ziemlich passiv an, ist es aber gar nicht. Es gibt nämlich zwei ganz aktive Dinge, die ich tun kann, um in Christus zu bleiben. Jesus nennt sie in Vers 7: Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. In Jesus bleiben kann ich, wenn ich mich immer wieder an Jesu Worten orientiere und wenn ich die Freundschaft mit ihm pflege, indem ich bete.

Wenn ich also den Weingärtner Gott bei seiner Arbeit unterstützen will, damit Früchte des Glaubens in meinem Leben entstehen, dann wirft mich Jesus auf zwei ganz elementare geistliche Übungen zurück: Lies die Bibel, sagt er mir, und beschäftige dich besonders mit meinen Worte in den Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes), und zweitens bleib in Kontakt mit mir, indem du wagemutig betest und dabei wirklich was von Gott erwartest. Dann wirst du Wunder erleben, und dann werden die Früchte des Geistes tatsächlich in dir wachsen: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.

Wie sieht also das neue Leben aus, das der auferstandene Christus uns schenkt? Es ist Gottes Projekt: das Projekt Weinstock. Gott arbeitet an seinem Weinstock, indem er ihn hegt und pflegt und - wenn das nötig ist - auch zurückschneidet und stutzt - auch wenn das manchmal ganz schön schmerzhaft für uns ist. Wir aber können und sollen Gott in seiner Arbeit an uns unterstützen, indem wir in Christus bleiben, und das heißt seine Worte lesen und uns danach richten und aufrichtig und wagemutig beten. Dann, durch dieses Zusammenwirken von Gott, dem Weingärtner, Christus, dem Weinstock und uns, den Reben, wachsen in uns die Früchte des Glaubens: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.

Und sie wachsen ganz organisch, ganz natürlich, ohne dass wir uns plagen und abrackern müssen. Sie wachsen durch den Heiligen Geist, mit dem Gott uns beschenkt und in dem er in uns wirken und uns verwandeln kann. Jesus beschreibt hier kein Sein, keinen Zustand, sondern ein Werden. Jesus verlangt nicht von uns, dass wir all das schon sind, sonderner er vertraut uns und traut uns zu, dass wir es werden: 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. Das schenke uns Gott.

Amen.