Dienstag, 22. Juli 2014

Über das Gebet der Sammlung / die Meditation

1.) Warum wir meditieren

(Ich beziehe mich in diesem Artikel vor allem auf die Art der Meditation, wie sie von Thomas Keating und anderen als Centering Prayer gelehrt wird. Weitere Infos zum Beispiel auf der Website www.contemplativeoutreach.org)

Es gibt nicht nur eine Art zu beten, sondern viele, stimmt`s? Manche davon sind sehr verbreitet und werden häufig geübt, andere dagegen weit weniger.

Wir im Westen zum Beispiel kennen vor allem das gesprochene Gebet. Beten ist demnach der Ausdruck unserer Gefühle und Gedanken in Worten vor Gott. Oder einfacher: Beten ist Reden mit Gott (meistens dann doch relativ einseitig verstanden im Sinne von Reden zu Gott).

Das Beten als Stillsein und Sich-Versenken in Gott dagegen, das ich Meditation nenne, ist in den Kirchen des Westens jahrhundertelang gar nicht oder nur sehr wenig gelehrt und geübt worden. Es ist in unsern Gemeinden deshalb heute weitgehend unbekannt.

Dabei hat die Meditation im Christentum eine lange Geschichte. Sie geht zurück auf die Wüstenmütter und -väter des 3. und 4. Jahrhunderts nach Christus. Sie wollten der Lehre Jesu vom Gebet in der Bergpredigt folgen:

"Wenn du betest, dann geh in deine Kammer und schließ die Tür zu. Dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist." (Matthäus 6,6).

Und dort bete dann ohne "viele Worte", denn 

"euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet." (Matthäus 6,7f.)

Konsequent suchten deshalb die Wüstenmütter und -väter die Vereinigung mit Gott in der Stille und im Schweigen oder im beständigen Rezitieren eines einzigen einfachen und schlichten Gebetsrufes. Das, was sie dabei erstrebten, war Hesychia - griechisch für "Ruhe" oder "gelassene Stille" in Gott.

Im Westen jedoch, wie gesagt, blieb diese alte christliche Tradition lange Zeit verborgen. Erst im 20. Jahrhundert, als viele junge Menschen in der westlichen Welt sich in ihrem Hunger nach lebendiger Spiritualität östlichen Meditationspraktiken zuwandten, wurde auch die meditative Tradition des Christentums auf verschiedenen Wegen wiederentdeckt:

  • Das Jesusgebet der Ostkirche verbreitete sich auch im Westen immer mehr, im deutschen Sprachraum v.a. durch das Werk Emmanuel Jungclaussens. Heute beten viele Menschen täglich das "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner" oder den schlichten Ruf "Jesus Christus"
  • Die Bücher von Peter Dyckhoff über das Ruhegebet als Frühform des Jesus- oder Herzensgebetes erfreuen sich v. a. im katholischen Raum großer Beliebtheit. 
  • Das Herzensgebet wird von unterschiedlichen Schulen in Wochenendkursen und Exerzitien gelehrt und findet immer mehr Menschen, die es regelmäßig üben. 
  • Aus der "christlichen Meditation" von John Main, Laurence Freeman und der Weltgemeinschaft für christliche Meditation WCCM sind hunderte Gebetsgruppen in der ganzen Welt entstanden - eine überkonfessionelle Bewegung der Meditation als "Monastery without Walls"
  • Das Gebet der Sammlung oder Centering Prayer von William Menninger, Basil Pennington und heute v.a. Thomas Keating zieht weite Kreise und findet viele Menschen, deren Gebets- und Glaubensleben es bereichert, indem es sie mit dem kontemplativen Gebet vertraut macht. 
Alle diese Formen der Meditation haben im einzelnen unterschiedliche Ansätze. Aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie nehmen die Tradition des kontemplativen Gebetes der Wüstenmütter und -väter auf und entwickeln sie für die Menschen heute zu einer zeitgemäßen Form der christlichen Meditation weiter.

Denn viele von uns heute haben große Sehnsucht nach lebendigen und ganzheitlichen spirituellen Erfahrungen. Sehnsucht nach einer Beziehung zu Gott, die über das Reden und Denken hinausgeht, die auch das Herz und nicht nur den Kopf umfasst - Sehnsucht nach Freundschaft mit ihm, der die Quelle unseres Lebens selbst ist. Und viele von uns, in- und außerhalb unserer Gemeinden, haben Sehnsucht nach echter innerer Ruhe, die aus der Verbindung zu Gott fließt - nach tiefer Ruhe mitten in unserem von Hektik und schnellem Wandel geprägtem Leben. 

Der Glaube lehrt uns: Gott, der im Geist seines Sohnes in uns ist und in uns wirkt, streckt sich uns voller Sehnsucht entgegen. Er ist uns nahe - er ist überall um uns herum und er ist in uns -, uns näher als wir selbst es sind. Er ist tatsächlich erfahrbar und er will uns die Ruhe, nach der wir uns so sehnen, schenken - tiefe innere Ruhe in der Freundschaft zu ihm -, wenn wir nur still werden und lernen, auf unsere Gedanken und Worte zu verzichten und uns der Kraft der Liebe zu öffnen und anzuvertrauen, die von ihm ausgeht. "Sei still und erkenne, dass ich Gott bin," nennt das der Psalmbeter (Psalm 46,10) Genau darum aber geht es in der Meditation. 

2.) Was Meditation nicht ist

Meditation ist kein Ersatz für andere Formen christlicher Praxis. Sie will auch andere Formen des Betens nicht ausschließen, sondern im Gegenteil sie beleben und in neuem Licht erstrahlen lassen. Sie gehört ihrem Wesen nach immer in den Gesamthorizont christlichen Lebens und kann nur dann reifen und uns verwandeln, wenn sie begleitet ist vom Lesen und Bedenken der Bibel, von der Teilhabe an christlicher Gemeinschaft und am Gottesdienst und von tätiger Liebe zu unsern Mitgeschöpfen. Mit anderen Worten: Kontemplation, die Versenkung in Gott im Gebet der Sammlung, und Aktion als aktives Leben des Glaubens gehören notwendig zusammen. 

3.) Wie wir meditieren können

Meditation ist ihrem Wesen nach einfach. Jeder Mensch kann meditieren. Alles, was wir dazu brauchen, ist unser Wille, es regelmäßig zu tun - am besten täglich, wenn möglich einmal am Morgen und einmal am Abend für jeweils etwa 20 Minuten. 

Diese Zeit schenken wir Gott und der Vertiefung unserer Freundschaft zu ihm. Wir wollen in dieser Zeit nichts erreichen und nichts erbitten, sondern einfach bei ihm sein - in Liebe und Zuneigung mit ihm zusammensein und ihn in uns wirken lassen. Meditation heißt: sich selbst loslassen und sich Gott, der Quelle des Lebens, hinhalten, ohne etwas erreichen zu wollen. Das tun wir, indem wir sowohl an unserm Leib, als auch an unserm Geist still werden. 

a) Aufrecht dasitzen

Wir beginnen die Meditationszeit, indem wir uns aufrecht hinsetzen und, wenn wir wollen, uns bekreuzigen "im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Dann können wir Gott kurz mit einem freien Gebet ansprechen, zum Beispiel: "Lieber Vater, danke, dass du mir nah bist und in mir wirkst. Die nächsten 20 Minuten will ich ganz dir schenken. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Mache mit mir, was du willst. Amen."

Dann sitzen wir einfach still und mit aufrechtem Rücken da. Wir schließen sanft die Augen und legen buchstäblich die Hände in den Schoß. Jetzt müssen wir nichts leisten. Wir sind einfach da vor Gott. Einfach bei ihm, unserm guten Freund. So wird unser Leib still. 

b) Ein Gebetswort innerlich sprechen

Um ungeteilt bei Gott zu sein und nicht von Gedanken, Geräuschen oder anderen Dingen abgelenkt zu werden, nehmen wir ein einfaches und kurzes Gebetswort mit in die Meditation. Das kann zum Beispiel eine Anrede Gottes oder des Sohnes Gottes sein, die uns besonders zusagt: "Jesus", "Christus", "Jesus Christus", "Adonaj", "Vater" oder "Abba"... Wir entscheiden uns für ein Gebetswort. Indem wir es innerlich sprechen und wiederholen, richten wir unser Inneres während der Meditation immer wieder neu auf Gott aus.

Am Anfang unserer Praxis dürfen wir dabei ruhig ein wenig experimentieren, bis wir unser Gebetswort gefunden haben. Dann aber sollten wir dabei bleiben und es nicht allzuoft wechseln, damit es in unsern Herzen Wurzeln schlagen kann. 

Dabei müssen wir unser Gebetswort während der Meditation nicht mechanisch in einem bestimmten Rhythmus wiederholen, sondern dürfen es einfach innerlich sanft und liebevoll so sprechen, wie es zu uns passt. Am Anfang der Meditationszeit wird das vielleicht häufiger und in einem schnelleren Rhythmus sein, nach einigen Minuten vielleicht langsamer und mit größeren Pausen. Vielleicht entgleitet uns das Wort irgendwann auch für einige Zeit ganz und macht tiefer innerer Ruhe Platz. Wie auch immer. Wir überlassen uns unserm Wort und in ihm Gott selbst, und wir erleben, wie es uns in immer tiefere Ruhe führt.

c) Gedanken ziehen lassen

Wichtig ist nur: Immer dann, wenn uns Gedanken, Geräusche, Vorstellungen oder Gefühle ablenken, wenn wir also merken, dass wir irgendwelchen Ablenkungen nachgehen oder uns in sie verlieren, kommen wir einfach sanft zu unserm Gebetswort zurück und nehmen es wieder auf, indem wir es erneut innerlich sprechen.

Dass in der Stille Gedanken kommen, ist ganz natürlich und unvermeidlich. Wir sollten deshalb nicht gegen sie kämpfen oder versuchen, sie zu unterdrücken. Das wäre sinnlos und würde uns außerdem erst recht ablenken. Aber wir sollten uns eben auch nicht auf die Gedanken einlassen und ihnen nachgehen, sondern wir dürfen sie einfach ziehen lassen und uns erneut innerlich ganz Gott zuwenden. Das tun wir, indem wir immer dann, wenn wir uns in Gedanken vorfinden, wieder sanft zu unserm Gebetswort zurückkehren und es innerlich sprechen und wiederholen. 

So sitzen wir da - still und ruhig - nur wir mit unserem Gebetswort vor Gott. Immer, wenn wir abgelenkt werden, kehren wir zurück in die Stille vor Gott, indem wir unser Wort innerlich wieder aufnehmen. 

d) Die Meditation beenden

Am Ende der Meditation, also nach etwa 20 Minuten, lassen wir unsere Augen noch einen Moment geschlossen. Wir hören auf, innerlich unser Gebetswort zu sprechen, aber wir genießen noch einen Moment die Stille. Vielleicht wollen wir jetzt langsam und aufmerksam ein Vaterunser sprechen oder Gott in freien Worten danken für seine Gegenwart und Nähe. Vielleicht ist die Zeit nach der Meditation der richtige Moment, um die Losungen oder einen andern Bibeltext zu lesen und in uns aufzunehmen. Was auch immer unser Weg ist: Der Übergang von der Meditation zum tätigen Leben sollte nicht schlagartig und plötzlich erfolgen, sondern ruhig und langsam, um möglichst viel von der Ruhe der Meditation mit in den Alltag zu nehmen. 

4.) Was Meditation bewirkt

Meditation, wenn wir sie täglich üben, kann uns verändern. Sie kann uns ruhiger und gelassener werden lassen und sie kann dazu beitragen, dass uns Gottes Gegenwart in unserm Leben und seine Freundschaft immer bewusster wird. Gott kann unser Stillhalten in der Meditation nutzen, um an uns zu arbeiten und uns zu prägen, uns immer mehr mit seiner Liebe zu durchdringen. Die Verbundenheit mit der Quelle des Lebens, die wir in der Meditation erfahren, wirkt sich in unserem Leben aus. Aber all das braucht Zeit - Zeit regelmäßiger Übung. 

Wir sollten die Meditation deshalb nicht nach einer Übung oder nach ein paar Tagen auswerten und beurteilen, sondern eine Zeit lang einfach regelmäßig üben und warten, was Gott durch sie mit uns macht. Meine Erfahrung ist: Ganz von allein sprechen uns nach einer Weile Menschen an, die bemerken, dass wir uns verändert haben - ruhiger geworden sind oder gelassener oder liebevoller, weniger reizbar oder ähnliches. Versuch es einfach, hab Geduld mit dir und vertraue auf die Kraft der Stille, in der Gott an dir handelt. 

Freitag, 30. Mai 2014

Über das Gebet der Sammlung - Von Basil Pennington

Von Basil Pennington, übersetzt von Uwe Hanis
Quelle: http://imagodeicommunity.ca/on-spiritual-issues/on-centering-prayer-by-fr-basil-pennington/

Das Gebet der Sammlung ist ein sehr einfacher Gebetsweg. Er kann von allen Menschen gegangen werden, die mit Gott zusammensein und seine Liebe und Gegenwart erfahren wollen. Das Beten führt uns auf einen Weg vom Verlangen nach Gemeinschaft mit Gott zur Erfahrung Seiner Gegenwart.

Als erstes setzen wir uns ruhig hin. Die meisten von uns können am besten im Sitzen beten. Es ist dir aber freigestellt, die Gebetshaltung zu wählen, die dir zusagt. Der Rücken sollte dabei möglichst gerade aufgerichtet sein. Wenn wir dann sanft unsere Augen schließen, beginnen wir sofort, ruhiger zu werden. Eine große Menge psychischer Energie verbrauchen wir nämlich normalerweise beim Sehen.

Wenn wir so sitzen und etwas ruhiger geworden sind, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Herrn, der in uns gegenwärtig ist. Wir wissen, dass Er in uns ist, weil wir es glauben. Wir wissen es, weil Er es gesagt hat. In Liebe wenden wir uns Ihm zu. Für zwanzig Minuten gehören wir allein Ihm. Er kann mit uns tun, was Er will. Dieses Gebet ist reines Geschenk: Wir schenken Ihm uns selbst in Liebe.

Um ruhig und aufmerksam bei unserem Geliebten verweilen zu können, gebrauchen wir ein Wort der Liebe, ein einfaches Gebetswort. Es soll unser Verlangen danach, mit dem Herrn zusammen zu sein, unsere Liebe zu Ihm ausdrücken. Dazu eignet sich gut der Name des Herrn, der uns am liebsten ist: Jesus, Herr, Vater, Liebe... - der Name, der uns am bedeutsamsten ist. Wir lassen das Wort einfach innerlich da sein, um unsere Aufmerksamkeit bei Ihm zu halten. Nicht als angestrengtes Rufen oder krampfhaft wiederholtes Mantra, sondern mehr wie ein leiser Seufzer oder ein liebevolles Murmeln. Das Wort darf einfach da sein.

Wann immer während der Gebetszeit wir auf irgendetwas anderes aufmerksam werden, gebrauchen wir einfach unser Wort, um zum Herrn zurückzukehren. An manchen Tagen werden wir es fast ständig gebrauchen müssen, weil eine Menge Aufregung um uns herum oder in uns ist. Das macht nichts. Wann immer wir unser Wort gebrauchen und zu Ihm zurückkehren, ist das ein vollkommenes Geschenk unser selbst an Ihn in Liebe. An anderen Tagen werden wir unser Wort kaum gebrauchen müssen. Auch gut. Das macht wirklich keinen Unterschied. Diese zwanzig Minuten gehören ganz einfach Ihm, um damit zu tun, was Er will. Wir suchen darin nichts für uns selbst und erwarten nichts. Das Gebet ist reines Geschenk. Wir wollen in diesen zwanzig Minuten nichts erleben. Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt Ihm. Außerhalb der Gebetszeit werden wir den Unterschied sehen. Wir werden sehen, wie die Früchte des Geistes wie Liebe, Frieden, Freude und Freundlichkeit beginnen, sich in unserem Leben auszubreiten.

Am Ende unserer zwanzig Minuten wollen wir nicht hektisch in unsere Aktivitäten zurückspringen. Unser Gebet hat uns in die Tiefe geführt, auch wenn wir das vielleicht gar nicht deutlich gemerkt haben. Deshalb wollen wir es möglichst sanft beenden. Ich schlage vor, innerlich ganz langsam das Vaterunser zu beten. Sprich jedes Wort langsam und aufmerksam und mach dir seine ganze Bedeutung bewusst. Der Herr kann uns mit dem Vaterunser eine Menge lehren. Und der tiefe Frieden des Gebets der Sammlung wird sich in unser aktives Leben hinein ausbreiten.

Das Gebet der Sammlung ist ein Gebet der Erfahrung. Wir können es nur durch Erfahrung kennenlernen. Triff am besten eine Vereinbarung mit dir selbst, dass du das Gebet treu, zweimal am Tag, dreißig Tage lang übst. Dann frage dich ehrlich, ob das Gebet Frucht in deinem Leben trägt. Vielleicht nimmst du einen Freund dazu, denn andere sehen manchmal mehr als wir selbst. Wenn die Art und Weise, in der du vorher gebetet hast, mehr Frucht getragen hat, dann kehre zu ihr zurück. Aber wenn das einfache Gebet des Hörens, der aufmerksamen Liebe einen guten Einfluss auf dich hat, dann mach damit weiter. Wichtig ist, dass wir regelmäßig beten und Gott erlauben, das zu sein, was er sein will: die Quelle der Liebe, des Lebens, des Friedens und des Glücks für jeden von uns.

Donnerstag, 1. Mai 2014

Christliche Meditation nach John Main - Teil 2

(Aus dem Buch "Radical Simplicity" von John Main - übersetzt von Uwe Hanis)

Die Berührung mit deinem Geist

Mehr und mehr Männer und Frauen in unserer Gesellschaft beginnen, zu verstehen, dass unsere persönlichen Probleme, genau wie die, denen wir als Gesellschaft gegenüberstehen, im Kern spiritueller Natur sind. Sie sehen, dass der menschliche Geist in materiellem Erfolg oder materiellem Wohlstand allein keine Erfüllung findet. Materieller Erfolg und Wohlstand sind nicht schlecht an und für sich, aber sie reichen einfach nicht aus, um den Menschen die Antworten zu geben, die sie brauchen. 

Viele empfinden, dass der Materialismus, in dem wir leben, ihren Geist förmlich erstickt. Viele sind frustriert, weil sie genau fühlen: Wir leben für Besseres als das. Wir wurden für Größeres erschaffen als dazu, nur zu überleben. 

Um uns selbst kennenzulernen, um uns zu verstehen, um dadurch fähig zu werden, unsere Probleme wirklich anzugehen, müssen wir in Berührung mit unserem Geist kommen. Erst wenn wir uns als spirituelle Wesen verstehen, verstehen wir uns selbst. Nur die Berührung mit unserem Geist kann uns die Tiefe und die Breite geben, die wir brauchen, um die Bedeutung unserer Erfahrungen zu verstehen. Erfahrung ist nur dann nützlich und hilft uns weiter, wenn wir sie auswerten können. Aber oft genug machen wir Erfahrungen, die uns eigentlich helfen könnten, aber können sie nicht auswerten und fruchtbar machen. 

Die monastische Tradition hat dazu etwas zu sagen: Wenn wir uns selbst verstehen und wissen wollen, wer wir wirklich sind, dann müssen wir in Kontakt mit unserem inneren Zentrum kommen. Solange wir nicht auf diesem Weg zu unserem Zentrum sind, bleiben alle Erfahrungen nur oberflächlich.

Der Weg  in unsere Mitte ist nicht schwer. Er ist sogar sehr leicht. Er braucht nur unser ernsthaftes Wollen und Engagement. Der Weg der Meditation ist einfach. Alles, was von uns verlangt wird, ist mit Leib und Geist so still wie möglich zu sein. 

Den Leib bringen wir in die Stille, indem wir einfach still dasitzen. Also: Wenn du mit der Meditation beginnst, nimm die einen Moment Zeit, um dich bequem hinzusetzen. Nur halte deinen Rücken dabei so aufrecht wie möglich. Dann beginnt der Weg zur Stille des Geistes, indem du lernst, innerlich, in der Tiefe deines Geistes dein Wort oder deinen kurzen Vers zu sagen. 

Die Kunst der Meditation liegt einfach darin, dass du lernst, dein Wort immer und immer wieder zu sagen. Bewege dabei nicht deine Lippen, sondern wiederhole es rein innerlich. Es ist wichtig, dass du dein Wort von Anfang bis Ende der Meditation wiederholst. 

Meditieren lernen heißt lernen, die eigenen Gedanken, Ideen und Vorstellungen gehen zu lassen und in der Tiefe deines Seins zu ruhen - wach, aber still. Versuche, dir das immer zu merken. Denke nicht nach und gebrauche keine anderen Wörter als dein Gebetswort. Stell dir nichts vor. Sprich einfach sanft dein Wort in der Tiefe deines Geistes und höre ihm zu. Richte d eine ganze Aufmerksamkeit auf dein Wort. 

Warum hat das so viel Kraft? Weil es uns den Raum gibt, den unser Geist braucht, um zu atmen. Es gibt uns den Raum, indem wir wir selbst sein können. Wenn du meditierst, musst du dich für dich selbst nicht entschuldigen und du musst dich nicht rechtfertigen. Du kannst einfach du selbst sein. 

Mittwoch, 30. April 2014

Christliche Meditation nach John Main - Teil 1

(Aus dem Buch "Radical Simplicity" von John Main - übersetzt von Uwe Hanis)

Wie du meditieren kannst

Um zu meditieren, musst du lernen, still zu sein. Meditation ist absolute Stille in Leib und Geist.

Die Stille des Leibes erreichen wir einfach dadurch, dass wir still sitzen. Wenn du also mit der Meditation beginnst, nimm dir zuerst einen Moment Zeit, um dich bequem hinzusetzen. Die einzige unverzichtbare Regel dabei ist, dass du mit aufrechtem Rücken sitzt. Das erste, was du zu lernen hast, ist, völlig still zu dazusitzen. Deine Augen sollten dabei sanft geschlossen sein.

Dann die Stille des Geistes. Der Weg zu dieser Stille besteht darin, innerlich, in der Tiefe deines Geistes, ein Wort oder einen kurzen Vers zu sprechen und fortwährend und treu zu wiederholen. Das Wort, das ich dir dafür empfehle, ist das aramäische Wort "Maranatha". (1)

Sprich es rein innerlich, d.h. bewege dabei nicht deine Lippen. Wiederhole dein Wort von Anfang bis Ende der Meditation. Lass all deine Gedanken, Ideen und Vorstellungen einfach gehen. Folge deinen Gedanken nicht. Gebrauche keine anderen Wörter als nur dein eines Wort. Sprich einfach sanft dein Wort - in der Tiefe deines Geistes - und höre ihm zu. Richte deine Aufmerksamkeit ganz auf dein Wort. "Ma-ra-na-tha." Das ist alles, was du tun musst.


(1) Anmerkung UH: Andere Möglichkeiten aus der christlichen Tradtition sind z.B. Gebetsworte wie Abba, Jesus Christus, Jesus Messias, Jesus, Jeschuah, Immanuel oder Amen. Du kannst auch einen kurzen Psalmvers wählen, der dir besonders wichtig ist oder ein einprägsames Bibelwort wie "Mein Herr und mein Gott". Ich selbst meditiere mit dem Jesusgebet, das uns aus den orthodoxen Kirchen überliefert wurde: "Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner." Dieses kurze Gebet begleitet mich jeden Tag und hilft mir, meine Freundschaft mit Christus mehr und mehr zu vertiefen. Zum Jesusgebet siehe auch eine Predigt von mir hier.

Montag, 21. April 2014

Hoffnung für Loser

(Predigt, gehalten im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Detmold gpz am Ostermontag 2014)

Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Meine Lieblings-Satirezeitschrift „Der Postillon“ titelte in dieser Woche: 97 % aller Deutschen sind dankbar dafür, dass Jesus für ein extralanges Wochenende gestorben ist. Das klingt zunächst mal ziemlich blasphemisch und einigermaßen geschmacklos. Ich weiß. Aber irgendwie stellt es mich auch in Frage: Was bedeutet mir denn Ostern wirklich? Was ist Ostern denn mehr als ein extralanges Wochenende?

Für mich ist Ostern mehr. Für mich ist Ostern - zusammen mit Weihnachten - das wichtigste Fest des Jahres. Warum das so ist und was Ostern für mich bedeutet, das kann ich am besten anhand der Ostergeschichte erklären, die wir gerade in der Lesung gehört haben.

„Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht. Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat.“ (Matthäus 28)

1.) Ostern ist ein Fest der Bewegung

Zwei Frauen sind es, die das leere Grab entdecken. Zwei Frauen, die nicht frustig zuhause gesessen haben, weil Jesus gestorben war, sondern die sich aufgemacht haben zum Grab, um „nach dem Gab zu sehen“. Zwei Frauen also, die in Bewegung, die aktiv geblieben sind.

Für mich ist Ostern wichtig, weil es mich in Bewegung hält und weil es die Bewegung in meinem Leben widerspiegelt. Ostern besteht ja nicht nur aus einem Sonntag und einem Montag, sondern ist eine Kirchenjahreszeit, die eigentlich schon mit dem Aschermittwoch in den Blick kommt. 7 Wochen lang denken wir über unser Leben nach. Wir fasten und fragen uns selbst: Wo läuft mein Leben gerade schief? Wo täte mir eine Umkehr gut? Es ist gut, dass wir solche Zeiten des Nachdenkens, solche Auszeiten haben.

Und dann kommt die Karwoche. In den englischsprachigen Ländern heißt sie „Holy Week“ - die heilige Woche. Wir stellen uns dem Leiden Jesu und erblicken in ihm auch unser eigenes Leiden und sehen ihm ins Auge: unsere Krankheiten, unsere Schuld, unsere Ängste, unsere Einsamkeit und unsere Gottverlassenheit. Die Karwoche mitfeiern heißt: dem Leiden und Sterben nicht aus dem Weg gehen, sondern es aushalten, in Bewegung aushalten – wie Jesus es ausgehalten hat.

Und dann erst kommt das eigentliche Osterfest – das Fest der Auferstehung. Ja, Jesus ist auferstanden. „Er ist nicht hier im Grab“, wie der Engel sagt. Das Leiden und der Tod haben eben nicht das letzte Wort, sondern das Leben siegt.

Ostern mag ich, weil es diese Bewegung nacherzählt, die ja letztlich die Bewegung meines Lebens ist. Ostern stellt mich vor die Frage: Wo stehe ich in alledem? Und wo stehst du? Wo stehen Sie? Stehen wir oder sind auch wir in Bewegung wie die beiden Frauen?. Mein Leben ist so ein Karsamstagsleben: Es ist noch nicht so richtig Ostern, aber ich hoffe doch, dass das Leben siegt. Ich bin noch gezeichnet vom Karfreitag – vom Leiden, von der Angst. Aber ich weiß doch, dass es auch in meinem Leben auf Ostern zugeht und dass am Ende das Leben siegen wird. Ostern – das ist das Fest der Bewegung.

2.) mag ich Ostern so, weil es ein Fest für Loser wie mich ist.

Der Engel nennt Jesus „den Gekreuzigten“ - auch nach seiner Auferstehung. Jesus bleibt „der Gekreuzigte“, der Loser. Der da auferstanden ist, das ist kein mächtiger Herrscher, der nach langem und erfülltem Leben, in dem er viel bewegt hat, alt und lebenssatt gestorben ist und nun dafür von Gott mit der Auferstehung belohnt wurde. Das wäre langweilig. Und Langeweile mag der Gott Israels gar nicht. Nein, der Auferstandene ist ein ausgemachter Verlierer, der Auferstandene ist der Gekreuzigte.

Der da hingerichtet wurde, weil er als Gottes Sohn galt, der bespuckt und ausgelacht und niedergemacht wurde – der ist auferstanden, der ist wirklich Gottes Sohn. Er wurde von Gott zum Herrn der Welt gemacht. Und er wird einmal alle Menschen richten – aufrichten nämlich wird er sie mit seiner abgrundtiefen Liebe, die ihn ans Kreuz gebracht hat.

Das macht mir Mut: Die Welt bleibt nicht, wie sie ist. Gott hebt buchstäblich unsere Welt aus den Angeln. Er liebt eben das Kleine, das Unscheinbare, das Schwache und die Schwachen. Gott hat ein großes Herz für alle Loser dieser Welt, sogar für mich. Sie werden leben – mit Jesus, dem Ersten von ihnen. Deshalb sagt der Engel als erstes: „Fürchtet euch nicht.“ Ostern heißt: Fürchtet euch nicht.

Und 3.) und letztens ist mir Ostern so wichtig, weil es mich herausfordert.

Beweisen kann man es ja nicht. Und es gibt ganz sicher gute Gründe dafür, anzunehmen, dass die Auferstehung ein Mythos ist und so, wie sie erzählt wird, gar nicht stattgefunden hat. Gelegentlich versucht mal jemand, mit mir über diese Frage zu diskutieren. Glaubst du wirklich, dass das Grab leer war, dass Jesus tot war und auferstanden ist?

Ich sag es Ihnen ganz ehrlich: Ich lass mich auf diese Diskussion nicht ein. Für die Wahrheit von Ostern gibt es keine Argumente. Ich glaube und ich weiß ganz sicher, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist und dass er lebt – auch heute. Ich glaube und ich weiß ganz sicher, dass er mein Freund und auch Ihr Freund sein möchte. Dass er sich sehnlich die Freundschaft mit ihnen wünscht. Aber argumentieren kann ich dafür nicht.

Die Wahrheit der Auferstehung, die Wahrheit der Aussage, dass Jesus tatsächlich lebt und unter uns unterwegs ist, die liegt auf einer ganz andern Ebene als auf der von Argumenten. Wie sagt der Engel zu den Frauen: „Kommt her und seht selbst.“ Einen andern Weg, die Wahrheit der Auferstehung zu erfahren, gibt es nicht. Nur den einen: Kommt her und seht. Nehme ich – und nehmen Sie – diese Herausforderung an?

Kommt her und seht, das heißt: Ihr müsst es schon ausprobieren, wenn ihr wissen wollt, ob Jesus wirklich lebt. Sucht ihn, dann werdet ihr ihn finden, denn er sucht schon lange nach euch. Bittet ihn ernsthaft darum, sich euch zu zeigen als der, der euch helfen und heil machen kann, dann wird er es tun.

Jesus als den Lebendigen zu erfahren – das kann man nicht erzwingen oder sich rational irgendwie erklären. Aber man kann sich öffnen für ihn und für seine Gegenwart. Indem man zum Beispiel die Stille des Gebetes sucht. Indem man die Evangelien langsam und aufmerksam liest und die alten Geschichten auf sich wirken lässt, sich ihnen stellt. Wie überraschend und provozierend sie oft sind. Oder indem man Gottesdienst feiert mit einer Gemeinde. Oder indem man die Nähe der Armen sucht, in denen Jesus uns ganz besonders gegenwärtig ist.

Kommt her und seht, sagt der Engel. Probiert es aus. Wenn ihr nach dem lebendigen Jesus sucht, dann wird er sich euch zeigen, dann werdet ihr ihn auch finden.

97 % der Deutschen, schreibt die Satirezeitschrift Postillon, sind Jesus dankbar dafür, dass er für ein extralanges Wochenende gestorben ist. Vielleicht kommt das der Wahrheit erschreckend nahe. In Wirklichkeit aber ist da mehr, denn Ostern ist ein ganz besonders Fest. Für mich das wichtigste überhaupt, weil es ein Fest der Bewegung ist, weil es Losern wie mir Hoffnung macht, dass das Leben siegt und weil es mich herausfordert, den lebendigen Jesus heute zu suchen und ihn zu entdecken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.


Montag, 10. März 2014

Wüstenzeiten

(Predigt in der EmK Detmold am 09.03.2014)

Um die Wüste geht es im Evangelium für den heutigen ersten Sonntag der Passionszeit. Ich lese Matthäus 4,1-11:

“(1) Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt. Dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. (2) Als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. 
(3) Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiel, dass aus diesen Steinen Brot wird. (4) Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. 
(5) Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel (6) und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab. Denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. (7) Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. 
(8) Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg. Er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht (9) und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. (10) Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. 
(11) Darauf ließ der Teufel von ihm ab und es kamen Engel und dienten ihm.” 

So weit der Bericht von Jesu Wüstenerfahrung. Es ist ja schon bemerkenswert, eine wie wichtige Rolle die Wüste in der gesamten Bibel spielt:


  • Denken wir zum Beispiel an Mose. In der Wüste begegnet er am Horeb Gott. Der beruft ihn und teilt ihm seinen geheimnisvollen Namen mit. 



  • Oder Israel. Nach der Befreiung aus Ägypten wandert das Volk Gottes 40 Jahre durch die Wüste, bevor es ins Gelobte Land einziehen darf. Hier ist die Wüste der Ort der Läuterung und der Erziehung des Volkes durch Gott, zugleich aber auch der Weg in die Freiheit. Beides gehört in Israels Geschichte zusammen: Es gibt keinen anderen Weg in die Freiheit als den durch die Wüste. Ohne Wüstenerfahrung kein gelobtes Land. 



  • Denken wir an Johannes den Täufer. Er bereitet dem Herrn den Weg, indem er die Menschen zur Umkehr und zum Neubeginn mit Gott aufruft. Und wie macht er das? Indem er sie in die Wüste ruft. Die Menschen sollen raus aus ihrem Alltag in die Wüste kommen, um umzukehren zu Gott. 



  • Oder als letztes Beispiel Paulus: Als er berufen wurde, die Botschaft von Jesus auch zu den nichtjüdischen Völkern zu bringen, da ging er als erstes - na wohin? - in die Wüste. Er zog sich zurück aus der Welt und ging in die Wüste. Allein mit sich und mit Gott, um sich seines Auftrags gewiss zu werden. 


Eigentlich kein Wunder also, dass Jesus, bevor er öffentlich auftritt, “vom Geist (Gottes) in die Wüste geführt” wird, wie Matthäus es schreibt. Die Einsamkeit, Kargheit und Abgeschiedenheit der Wüste ist ganz offenbar der bevorzugte Ort Gottes, wenn es darum geht, dass Menschen sich ihrer Berufung - oder Gottes oder des Sinns ihres Lebens bewusst werden. Bewusstwerdung - das findet in der Wüste statt.

Vielleicht ist das ein Trost für die, die gerade unfreiwillig eine Wüstenerfahrung machen. Vielen geht es ja so: Unfreiwillige Wüstenerfahrungen machen zum Beispiel viele Trauernde oder Kranke, die sich allein und einsam fühlen oder die schwermütig sind. Die sich mit Fragen nach dem Sinn ihres Lebens plagen, auf die sie keine rechte Antwort wissen. Das sind solche unfreiwilligen Wüstenerfahrungen. “Ich komme abends nicht in der Schlaf”, sagen die dann oft, “weil ich immer so viel grübeln muss.” Vielleicht ist das tatsächlich ein Trost, zu wissen: Es kann sein, dass Gott gerade die Wüstenerfahrung nutzt, damit du neue Klarheit gewinnst: Klarheit über dich selbst, über dein Leben und über deine Beziehung zu andern und zu Gott. Bewusstwerdung - das findet in der Wüste statt.

Was wir dann über die 40 abgeschiedenen Tage Jesu in der Wüste lesen, kennen wir unter dem Begriff “Versuchung”: Nach 40 Tagen des Fastens sieht sich Jesus dem Teufel, dem Bösen in Person also, ausgesetzt. Und der versucht ihn. Interessant ist der Vers 1. Da heißt es: “Dort (in der Wüste) sollte Jesus vom Teufel in Versuchung geführt werden.” Er sollte. Gott wollte das so. Deshalb wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt.

Sicher - das haben wir vorhin in der Lesung aus dem Jakobusbrief gehört: Gott will nicht, dass Menschen zum Bösen verführt werden. Gott ist keiner, der mit uns spielt. Aber Gott will diese Wüstenerfahrung Jesu - auch für uns. Er will, dass wir uns den zentralen Fragen des Lebens aussetzen, damit wir uns selbst und unsere Beziehung zu Gott finden.

Denn hinter den drei Versuchungen Jesu verbergen sich drei ganz zentrale Lebensfragen:

Die erste Frage in den Versen 3 bis 4 ist die Frage nach den Werten: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiel, dass aus diesen Steinen Brot wird. Mit andern Worten: Was im Leben ist dir wirklich wichtig? Diese Frage steckt hinter der Versuchung. Wovon lebst du? Woran hängt dein Herz? Wirst du am Ende aufgefressen von der ständigen Sorge um dein leibliches Wohlergehen? Bist du gefangen in Äußerlichkeiten und hast schon längst deine Seele daran verloren? Welche Werte zählen für dich? Was ist dir wirklich wichtig? Eine ganz entscheidende Lebensfrage - diese Frage nach den Werten, die sich Jesus - und uns - in der Wüste stellt.

Die zweite Frage in den Versen 5 bis 7 ist die Frage nach dem Glauben. Seinen Engeln befiehlt Gott, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Also stürz dich doch hinunter, meint der Teufel. Woran glaubst du? Worauf verlässt du dich im Leben? Bist du besessen von Angst und von dem Gedanken, für dich selbst sorgen zu müssen? Ist der Glaube für dich nur ein Spiel? Oder traust du dich, im Vertrauen darauf, dass Gott für dich sorgt, dich mutig von ihm führen zu lassen? Kann Glauben, Vertrauen zu deinem Lebensstil werden? Vertrauen auf Gott, auf deine Frau oder deinen Mann, auf deine Freunde? Die Frage nach dem Glauben - Worauf vertraust du? - stellt sich Jesus und uns in der Wüste.

Und die dritte Frage in den Versen 8-10 ist die Frage nach der Macht. Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Wie wichtig ist dir die Macht? Was bist du bereit, dafür zu tun? Zum Beispiel deine Macht in der Familie oder auch in der Gemeinde, am Arbeitsplatz und und und. Brauchst du Macht für dein Ego? Sehnst du dich danach? Gebrauchst du sie gerne? Gehst du verantwortungsvoll damit um und nutzt sie für andere? Oder nutzt du sie nur aus, um dich selbst durchzusetzen? Die dritte wichtige Lebensfrage, die sich in der Wüste stellt.

Drei zentrale Lebensfragen kommen also dort - in der Wüste - hoch: die Frage nach den Werten (Was ist dir wirklich wichtig in deinem Leben?) , die Frage nach dem Glauben (Worauf und auf wen vertraust du?) und die Frage nach der Macht (Wozu lebst du?). Jesus findet auf alle drei Fragen Antworten, die seine Verkündigung und sein ganzes Leben anschließend, wenn er aus der Wüste zurückkehrt, prägen werden und für die er schließlich leiden und sterben und auferstehen wird. Jesus findet durch die Auseinandersetzung mit den entscheidenen Lebensfragen in der Wüste zu sich selbst. Also auch hier: Bewusstwerdung in der Wüste.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass wir die Wüste brauchen, um uns über die entscheidenden Lebensfragen bewusst zu werden. Sogar Jesus ging das so. Wie war das? Ohne Wüste kein Weg in die Freiheit. Ohne die Erfahrung der Einsamkeit, des Alleinseins, des Leerwerdens keine Bewusstwerdung meiner selbst und Gottes und des Lebens. Wir brauchen die Wüste als Ort der Bewusstwerdung.

Genau deshalb mag ich die Passions- und Fastenzeit. Nicht als Zeit des Verzichts um seiner selbst willen, sondern als Chance auf eine Wüstenerfahrung. Ich möchte die Passionszeit nutzen, mich den Lebensfragen zu stellen, denen ich sonst gerne ausweiche: Was ist mir wirklich wichtig? Worauf vertraue ich? Woran hängt mein Herz? Wo erliege ich ungesunden und schädlichen Abhängigkeiten? Und vor allem: In welchen Lebensbereichen wäre eine Umkehr gut für mein Leben und für meine Beziehungen zu Gott und zu den Menschen? Wo brauche ich Umkehr? Von dieser Frage möchte ich mich in den 40 Tagen der Passionszeit begleiten lassen. Wo brauche ich Umkehr?

Eine Hilfe, um Antworten auf diese Frage zu finden, kann dann tatsächlich das Fasten, der Verzicht sein: 7 Wochen ohne - wie es viele in der Passionszeit tun. Oder auch das Neulernen des Fastens, wie es in der Bibel beschrieben wird: einmal in der Woche einen Tag lang ganz auf feste Nahrung verzichten, um leer zu werden für Gott, um mir meiner Abhängigkeit von Gott neu bewusst zu werden - und sich an diesem Tag sozusagen in die Wüste führen zu lassen. Dahin, wo die Fragen sind, an den Ort der Bewusstwerdung.

Mittwoch, 5. März 2014

Eine Frau voller Liebe

"Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll kostbarem wohlriechendem Öl zu ihm und goss es über sein Haar. Die Jünger wurden unwillig, als die das sahen, und sagten: Wozu diese Verschwendung? Man hätte das Öl teuer verkaufen und das Geld den Armen geben können. Jesus bemerkte ihren Unwillen und sagte zu ihnen: Warum  lasst ihr die Frau nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer. Als sie das Öl über mich goss, hat sie meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat." (Matthäus 26,4-13)

Gewalt, Vernichtung, Verrat und Machmissbrauch. Darum geht es in Matthäus 26 und auch in der heutigen Tagesschau. Die Mächtigen wollen Jesus aus dem Weg haben - diesen Störenfried - , ihn endlich zum Schweigen bringen. Dazu wird am Ende Blut fließen müssen - so viel scheint schon jetzt klar. Die Mächtigen nehmen das bewusst in Kauf.

Aber mitten darin, zwischen all der Gewalt, lesen wir von verschwenderischer Liebe, von Zuneigung und Zärtlichkeit. Die einzige Frau, von der in Matthäus 26 die Rede ist, sorgt für diesen Bruch im Text. Zärtlich salbt sie Jesus mit wohlriechendem Öl. Sie ahnt wohl, dass er sterben muss, weil die Mächtigen das so wollen - weil sie seine unkonventionelle und radikale Liebe nicht ertragen. Deshalb bringt sie ihm ihre ganze Zärtlichkeit. Vor all den Männern um ihn herum salbt sie ihn. Was für eine mutige, zärtliche und ganz buchstäblich liebe-volle Frau. Liebevoll - voll mit Liebe.

Wie dankbar ich bin, dass von ihr in der Bibel eben auch die Rede ist. Aus Liebe tut sie, was sie tut. Voller Hingabe, voller Zärtlichkeit - und ohne irgendwelche Worte. Sie wehrt sich nicht, als sie angefeindet wird von den Männern um Jesus herum.

Für wen steht diese Frau? Sie steht für all die, die auch heute der Gewalt und dem Hass ihre Zärtlichkeit und Liebe entgegensetzen. Ohne große Worte zu machen. Sie steht für all die, die sich nicht anstecken lassen von der Hysterie und Machtgeilheit derer, die das Sagen haben. Sie steht für all die, die versuchen, die Liebe mitten in all dem Hass einfach zu leben. Sie steht für all die, die den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und für die “Erfolg” eben nicht die entscheidende Kategorie ist. Für all diese Menschen steht diese eine Frau mit ihrer Geschichte in der Bibel.


Und deshalb ist es gut, was Jesus über sie sagt: “Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an diese Frau erinnern und erzählen, was sie getan hat.” (Vers 13, Einheitsübersetzung)