Montag, 6. März 2017

Fasten mit John Wesley

Was ist Fasten?

Fasten bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch, für eine bestimmte festgelegte Zeit zu verzichten:
aufs Essen und Trinken oder
nur aufs Essen oder
nur aufs Essen bestimmter Speisen.

Christlich verstanden ist Fasten der Verzicht aufs Essen als geistliche Übung.

Für die meisten Christen gehören dabei Fasten und Beten zusammen. Fasten kann ein Weg sein, um ein tieferes, intensiveres und effektiveres Gebet zu erleben. Viele machen die Erfahrung, dass ihr spirituelles Erleben intensiver wird, wenn sie für eine begrenzte Zeit dem körperlichen Hunger widerstehen.

Fasten soll also zu kraftvollerem Gebet helfen und dazu, Gottes Stimme klarer zu vernehmen.

Was ist Fasten nach John Wesley?

Eine Zeit lang hat John Wesley dazu geraten, als geistliche Übung sowohl am Mittwoch als auch am Freitag einer jeden Woche zu fasten. Er wollte niemanden als Pastor ordinieren, der dazu nicht bereit war.

Mit der Zeit aber wurde Wesley sanfter: Er selbst fastete einen Tag in der Woche, nämlich freitags, was auch der Norm der Kirche von England entsprach. Er empfahl allen Methodisten, auf diese Weise an jedem Freitag zu fasten.

Wesley begann sein Fasten normalerweise am Donnerstagabend. Sowohl in der jüdischen als auch in der frühen christlichen Tradition beginnt ja der Tag nicht um Mitternacht, sondern mit dem Sonnenuntergang. Er beendete das Fasten normalerweise am Freitag gegen 15 Uhr.

Und so geht´s mit John Wesley:

1. Sei offen für und höre auf den Heiligen Geist. Lass dich vom Vorgang des Fastens innerlich nicht so in Beschlag nehmen, dass du vergisst, warum du es tust.

2. Entscheide, wie du fasten willst: völliges Fasten (nur Wasser erlaubt) oder Verzicht aufs Essen (Milch, Saft, Kaffee, Tee usw. sind erlaubt).

3. Nimm z.B. den Freitag als regelmäßigen Fastentag. Vielleicht möchtest du ergänzend dazu aber auch mal an einem anderen Tag zusätzlich fasten, um tiefer und intensiver zu beten. Der Freitag hat nichts „Magisches“ an sich; er ist einfach der Wochentag, an dem Jesus gekreuzigt wurde, und ist deshalb der traditionelle Fastentag der Kirche. Wenn ein anderer Wochentag aus irgendeinem Grund für dich als Fastentag besser geeignet ist, dann nimm diesen Tag.

4. Wenn du mehr als einen Tag fasten willst, berate dich zuerst mit einem Arzt, um sicher zu sein, dass du das gesundheitlich verkraftest.

5. Trink ausreichend Wasser, wenn du fastest.

6. Wesley fastete vom Donnerstagabend an (Sonnenuntergang) bis zum Freitagnachmittag (etwa 15 Uhr). Manche fasten auch bis zum Freitagabend, also 24 Stunden lang.

7. Es kann Wochen geben, in denen es angebracht ist, den Fastentag zu verschieben oder ausfallen zu lassen – z.B. eine Essenseinladung von jemandem, mit dem du schon lange ein Gespräch führen wolltest. In solchen Fällen handle nach Regel 1.


Mittwoch, 13. Januar 2016

Gutmenschen und besorgte Bürger

Zum Unwort des Jahres 2015 haben Sprachwissenschaftler soeben den Begriff "Gutmensch" gewählt, weil mit ihm häufig in diffamierender Absicht Menschen bezeichnet würden, die sich freundlich und hilfsbereit zum Beispiel um Flüchtlinge kümmern. Ich kann diese Entscheidung der Jury nur aus vollem Herzen unterstützen: Es nervt kolossal, wenn hilfsbereite Menschen mit dem Begriff "Gutmensch" in eine dümmlich-naive Ecke gestellt, dadurch mundtot gemacht und für nicht diskussionswürdig befunden werden.

Noch besser hätte ich es aber gefunden, wenn die Jury diesmal gleich zwei Begriffe zu Unworten des Jahres gekürt hätten: den Begriff "Gutmensch" und den mittlerweile ebenso weit verbreiteten Begriff "besorgte Bürger". Die Bezeichnung "besorgte Bürger" nämlich wird - vor allem in den sozialen Netzwerken - meiner Beobachtung nach ebenso diffamierend gebraucht wie die des "Gutmenschen" - nur eben von anderen. Als "besorgte Bürger" werden die betitelt, die sich eben Sorgen machen: um ihr Land, ihre Kultur, ihre Familie, ihre Kinder - und die auf Grund dieser Sorgen eine andere politische Haltung einnehmen: zum Beispiel bei Pegida mitgehen oder die AfD wählen.

Beide Begriffe - "Gutmenschen" und "besorgte Bürger" - werden in diffamierender Weise und mit ebensolcher Absicht gebraucht, um den politischen Diskurs mit Andersdenkenden zu beenden, um sich nicht mit ihren Argumenten auseinandersetzen zu müssen, indem man sie von vornherein für nicht diskussionswürdig erklärt.

Freitag, 1. Januar 2016

Mit Kraft, Liebe und Besonnenheit ins neue Jahr

Wie gehe ich ins neue Jahr? Mit welcher Einstellung beginne ich das Jahr 2016?

Der Monatsspruch für Januar fordert mich heraus, zu überprüfen, auf wen ich  in diesem Jahr blicke und auf wen ich mein Vertrauen setze:

"Gott hat uns keinen Geist der Furcht gegeben, sondern sein Geist erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit." (2. Timotheusbrief 1,7 nach Hoffnung für alle)

Blicke ich auf mich selbst - oder z.B. auf die Nachrichtenlage -, dann wird mir ganz schön mulmig zumute. Furcht bestimmt meinen Ausblick auf das neue Jahr:
  • Wie wird es in den Gemeinden weitergehen, in denen ich Dienst tue? Wird die Jugendgruppe in Altersbach wirklich funktionieren? Werden wir die Ladenkirche in Schmalkalden mit Menschen füllen und lebendig gestalten können? 
  • Wie wird es mit den Kindern in der Schule weitergehen? 
  • Und politisch: Werden in diesem Jahr erneut über eine Million Menschen aus anderen Kulturen - die meisten davon Muslime - in unser Land einwandern? Wie wird sich das Zusammenleben gestalten? Wie wird sich Deutschland und Europa dadurch verändern? 

Sorgen, Fragen, Furcht bstimmen meinen Ausblick auf das neue Jahr, wenn ich auf mich selbst blicke - oder auf unsere menschlichen Möglichkeiten.

Wie gut, dass unser Gott Wunder tun kann - und tut. Wie gut, dass ich ins neue Jahr gehen kann, indem ich Gott um seinen Geist bitte und meine Aufmerksamkeit auf ihn richte. Denn Gottes Geist erfüllt uns mit Kraft, Liebe und Besonnenheit:
  • Kraft, um die Herausforderungen zu meistern, die auf uns zukommen. Ihnen mutig und nicht furchtsam entgegenzutreten. 
  • Liebe, um das Wesentliche am Leben nicht aus den Augen zu verlieren: die Menschen, mit denen wir leben und es zu tun haben.
  • Besonnenheit, um nicht in Panik zu verfallen, sondern sorgfältig die Situation zu analysieren und dann entschieden, aber angemessen zu handeln.  
Was brauche ich eigentlich mehr als diese drei Eigenschaften: Kraft, Liebe und Besonnenheit? Damit will mich Gottes Geist erfüllen, und darauf will ich im neuen Jahr blicken und mich verlassen.

Frohes neues Jahr. 

Freitag, 18. Dezember 2015

Eine Gemeinde mittendrin

Heute nun war es endlich so weit: Stühle, den Abendmahlstisch und unser Pult konnten wir in die "Ladenkirche" räumen, damit wir schon Weihnachten dort Gottesdienst feiern können. Aber der Reihe nach...

Am 1. September begann mein Dienst als Pastor der EmK Schmalkalden - und einen Tag vorher, am 30. August, wurde das Gemeindehaus verkauft. Nach zwei Gottesdiensten und einer Handvoll Kleingruppentreffen stand also Ausziehen auf dem Programm.

Die Gemeinde war entsprechend traurig - und ich natürlich auch. Dank der guten ökumenischen Beziehungen in Schmalkalden gelang es, Übergangslösungen zu organisieren: Mit unsern Kleingruppen konnten wir in der örtlichen Baptistengemeinde und mit den Gottesdiensten in einem evangelischen Gemeindehaus unterkommen. Es war aber klar, dass all das nur Zwischenlösungen sein konnten.

Wir dachten viel nach, beteten viel und dann... Dann bot uns die städtische Wohnungsbaugesellschaft ein leerstehendes Ladenlokal mitten in der Fachwerk-Altstadt von Schmalkalden zur Miete an.

Gemeindeleben in einem Laden? Zuerst waren nicht alle begeistert, aber nach und nach gewöhnten wir uns an den Gedanken. Ist eine "Ladenkirche" nicht auch eine Chance, Gemeinde ganz neu zu definieren - neu zu lernen, Gemeinde für andere zu sein? 

Und heute nun ist es so weit: Die Nebenräume sind zwar noch nicht fertig, wohl aber der große Hauptraum, in dem wir zukünftig unsere Gottesdienste feiern werden. Am Heiligabend um 5 ist Premiere.

Einige Freiwillige trafen sich heute Morgen schon und brachten alles das, was man für Gottesdienste so braucht, in den "Laden". Jetzt kann es also losgehen.

Ich habe in diesen vier Monaten Vertrauen gelernt und bin heute der festen Überzeugung, dass Gott auf diesem Weg mit uns ist. Er hat mit uns noch einges vor und führt uns auf neue Wege, Gemeinde zu sein - näher bei den Menschen, da, wo ihr Alltag stattfindet und wo sie zu hause sind. Gute Nachbarn wollen wir sein und Leben und Glauben mit den Menschen in Schmalkalden teilen.

Unser neues Gemeindezentrum werden wir also mit Leben füllen - Gottesdienste, Kleingruppen, Gebetstreffs und Lobpreisabende dorthin verlegen, unsern neuen Nachbarn gut zuhören und mit ihnen ins Gespräch kommen - um Gemeinde "mittendrin" zu sein.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Der König auf dem Esel

(Grundgedanken der Predigt vom 29.11.2015 in der EmK Altersbach und der EmK Schmalkalden)

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel.“ (Sacharja 9,9)

Der 1. Advent stellt Jesus als den erwarteten König in die Mitte.

Was aber sage ich damit aus, wenn ich Jesus meinen König nenne?

1. Dieser König will dir dienen

Jesus ist anders, als alle andern Könige, die wir kennen: Er kommt, um zu dienen, nicht, um sich bedienen zu lassen.

Die einzige Krone, die Jesus je getragen hat, war eine aus Dornen. Und genau wie Sacharja es verheißt, reitet er auf einem Esel in Jerusalem ein – Zeichen eines demütigen Königs.

Jesus ist also der dienende König, und er will dir - gerade dir! - dienen. Wie will er dir dienen?

a) Jesus ist vollkommen gerecht.
Er erfüllt den Willen Gottes für seine Geschöpfe, der sich im Doppelgebot der Liebe ausdrückt, bis zum Schluss.

b) Dieser Gerechte will aber seine Gerechtigkeit nicht für sich behalten, sondern er will sie dir schenken. Er ist nicht nur der Gerechte schlechthin, sondern auch der Helfer schlechthin.

Lässt du dir von diesem König dienen? Lässt du dir seinen Dienst gefallen?

2. Dieser König will regieren

Schon klar, das will jeder König…

Aber dieser König will dein persönlicher König sein. Er regiert nicht über ein äußerliches Reich. Das ist seine Sache nicht.

Der König Jesus will keinen Staat erobern, sondern dein Herz. Das unterscheidet ihn zum Beispiel von Mohamed. Als die Leute ihn einmal zum irdischen König machen wollten, da „entzog er sich ihnen“.

Der König Jesus sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Mein Reich ist anders als andere Königreiche.

Nein, Jesus will keinen Staat erobern, sondern dein Herz. Unsere Herzen. Die aber will er im Sturm einnehmen, um durch uns die ganze Welt zu verändern.

Lässt du dein Herz von Jesus einnehmen? Lässt du ihn, durch seinen Geist in dir wohnen?

Wenn du das zulässt und ja dazu sagst, dann bist du ein Königskind. Du kannst ein Königskind sein. Jeder von uns kann ein Königskind sein. Du kannst es werden, wenn du dein Herz Jesus hinhältst, damit er als König darin regiert.

Als Königskind bin ich herausgefordert, alle Lebensbereiche meinem König zu unterstellen: die Religion, aber auch mein politisches Denken und Handeln, meine Finanzen, meine Liebe und Ehe, die Erziehung meiner Kinder, mein berufliches Engagement…

3. Dieser König war schon da und wird zugleich noch kommen. 

Über unsern König heißt es: Er ist es, der da war, der da ist und der da kommen wird. Um sein Kommen geht es im Advent.

Der König herrscht, aber er herrscht derzeit noch im Verborgenen.

Manchmal spüren wir seine Macht:
Heilungen geschehen.
Die Befreiung von Schuld wird wirklich erlebt.
Aber oft ist uns nur allzu deutlich, dass seine Königsherrschaft eine verborgene ist.
Oft siegt die Krankheit am Ende doch.
Krieg und Gewalt überall auf der Welt.

Auch wenn der König schon da ist, müssen wir doch auf ihn warten. Sein Reich ist schon da, es hat schon begonnen, aber es ist noch nicht vollendet, noch nicht endgültig offenbar.

Der Advent erinnert uns daran, dass wir Wartende sind: Königskinder, die darauf warten, dass die Herrschaft ihres Königs sich endgültig und für alle durchsetzen wird. Dass seine Werte alles durchwirken.

Siehe, sagt Sacharja, siehe, dein König kommt zu dir.
Biblisches Sehen ist Sehen mit dem Herzen.
Mit den Augen sehen wir Jesu Königsherrschaft heute oft noch nicht. Nur, wenn wir lernen, statt mit den Augen mit dem Herzen zu sehen, dann erkennen wir, wie er verborgen jetzt schon sein Reich baut,
indem er dient und
indem er die Herzen von Menschen erobert, um durch sie die Welt zu verwandeln.

Wir als Königskinder dürfen ein Teil dieser Bewegung des Königs sein und an seinem Reich mitbauen.

Montag, 2. November 2015

Ganz schön verrückt: Vergebung

(Predigt, gehalten in der EmK Altersbach und der EmK Schmalkalden am 1.11.2015)

Wenn einer mir Unrecht tut - immer wieder - , soll ich ihm dann immer wieder vergeben?, fragt Petrus Jesus. Und Jesus antwortet: Ja, das sollst du. Du sollst ihm nicht nur einmal oder ein paar mal, sondern immer und immer wieder vergeben. Und um zu verdeutlichen, was er damit meint, erzählt Jesus dann ein Gleichnis:

23 Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte.  4 Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. 25 Da er's nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. 26 Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's alles bezahlen. 27 Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch.

28 Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! 29 Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir's bezahlen. 30 Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.

31 Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. 32 Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; 33 hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? 34 Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war. 35 So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.  (Matthäus 18,23-35)

Was für ein verrückter König… 

Hab ich recht? Eigentlich ist das doch unvorstellbar. Verrückt eben. Der Knecht schuldet seinem König 10.000 Zentner Silber, heißt es in Vers 24. Eine Riesensumme ist das. Heute wäre das wohl einer mit einem großen Schwarzgeldkonto in irgendeinem Steuerparadies. Der „Knecht“ in unserer Geschichte ist jedenfalls kein kleiner Gauner, sondern einer, der richtig was auf dem Kerbholz hat.

Und was macht dieser König? Zuerst macht er das, was man erwartet: Er will die ganze Familie für die Schulden des Knechtes haftbar machen, um wenigstens einen kleinen Teil seines Geldes zurückzubekommen. So weit, so normal in der Welt. Aber dann, als der Knecht ihn anfleht, ihn um Gnade bittet, da wird das Herz des Königs unerwartet weich. Vers 27: Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch.

Was für ein verrückter König. Er verzichtet auf das, was ihm zusteht, zugunsten seines Knechtes. Er verzichtet, obwohl er die Macht und die Möglichkeit hat, es einzufordern. Er verzichtet, allein deshalb, weil der Knecht ihn darum bittet. Verrückte Gnade ist das. Und genau so, sagt Jesus, ist Gott, unser Vater. So ist Gott, wenn es um das geht, was wir ihm schuldig bleiben: unsere ungeteilte Liebe, unsere Hingabe, unsern Gehorsam. So ist Gott, wenn es um unsere Bosheit geht – unsern Jähzorn zum Beispiel, unsere gebrochenen Versprechen, uns zu bessern, unsere Gier, unsern Egoismus, unsere Lieblosigkeit. So ist Gott – ein verrückter König.

Denn Gott macht das, was der verrückte König in unserer Geschichte tat: Wenn wir ihn um Vergebung bitten, dann hat er Erbarmen mit uns und lässt uns frei und unsere Schuld vergibt er uns auch. Gott, der verrückte gnädige König.

Das erste, was wir an unserer Geschichte lernen können, ist also: So ist Gott. Gott, wie Jesus ihn uns nahebringen will, ist positiv verrückt – verrückt vor Liebe zu uns. Gott ist verrückt in dem Sinn, dass er uns tatsächlich alle unsere Schuld vergibt, wenn wir ihn darum bitten. Er verzichtet uns zugute auf das, was ihm eigentlich zusteht – worauf er ein Recht hat.

Gott, sagt Jesus, ist immer bereit zu einem neuen Anfang mit dir, und vielleicht ist heute genau der richtige Moment, um wie der Knecht im Gleichnis, Gott genau darum zu bitten: Ja, ich weiß, dass ich dir schuldig geblieben bin, was dir zusteht. Ich weiß, dass du zornig auf mich bist. Ich hab viel falsch gemacht. Bitte vergib mir. Fang mit mir neu an. Vielleicht, wie gesagt, ist gerade heute der Tag, an dem das für dich dran ist.

Jesus jedenfalls lädt uns alle dazu ein und sagt: Auch wenn du richtig viel auf deinem Kerbholz hast, wird Gott dir vergeben – er wird dir alles vergeben. So ein verrückter König ist Gott. Verrückt vor lauter Liebe zu dir. Er vergibt dir, wenn du ihn darum bittest, und er fängt heute wirklich ganz neu mit dir an.

Aber dann der nächste Abschnitt unseres Gleichnisses:

Was für ein verrückter Knecht…

Da ist dieser Mann gerade eben befreit worden von unvorstellbar hohen Schulden. Eine Millionensumme wurde ihm einfach so erlassen. Man sollte meinen, er weiß gar nicht, wohin mit seinem Glück.

Aber was passiert? Auf der Straße begegnet er einem Nachbarn, der ihm ein paar Euro schuldet. Mehr ist das nicht.  Und was macht der Knecht? Er geht diesem Nachbarn ganz buchstäblich an die Wäsche. Er würgt ihn (Vers 28) und fordert das Geld, das er ihm geliehen hat, unbarmherzig und ohne jede Gnade zurück.

Gerade eben noch hatte der Knecht selbst den König um Gnade angefleht. Jetzt bittet ihn sein Nachbar: Hab doch Geduld mit mir, gib mir noch etwas Zeit, ich will ja bezahlen. Aber der Knecht bleibt hart, unbarmherzig, kalt. Vers 30: Er wollte aber nicht, sondern… warf seinen Schuldner ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte. Er wollte nicht. Das ist alles. Mehr Gründe braucht er nicht.

Was für ein verrückter Knecht. Alles, sein Leben, seine Familie, seine Freiheit, verdankt er ausschließlich der Barmherzigkeit des verrückten Königs, der ihm seine Millionenschulden großmütig erlassen hat. Aber statt nun seinerseits dem Nachbarn die paar Euro gutzuschreiben, die er ihm geliehen hat, bleibt er hart und unnachgiebig und bringt seinen Schuldner sogar ins Gefängnis. Verrückt – diesmal nicht im positiven, sondern im negativen Sinn des Wortes. Verrückt vor Rechthaberei ist der Knecht.

Und genau so, sagt Jesus, so sind wir oft auch. Und er meint damit uns Fromme. Alles verdanken wir der Gnade Gottes: unser Leben, unsern Glauben – einfach alles. Wenn Gott uns nicht gnädig wäre, uns nicht vergeben hätte, dann wäre es aus mit uns. Wenn Gott nicht für uns auf alles verzichtet hätte, was ihm zusteht, dann wären wir für ewig von ihm und vom Leben getrennt.

Und was machen wir? Wie der Knecht im Gleichnis bestehen wir auf unser Recht, anstatt selbst auch gnädig mit andern zu sein. Gott ist so verschwenderisch mit seiner Güte und Vergebung – so verschwenderisch, dass er sogar mich angenommen hat, dass ich aufrecht leben darf trotz aller Schuld, die ich getan habe. Und was mach ich? Ich trag den andern ihre Fehler nach und werf sie ihnen manchmal noch nach Jahren vor. Gnadenlos sehe ich auf die Schwächen der andern, statt sie – wie Gott es mit mir tut – aufzurichten und stark zu machen. Eigentlich müsste ich doch vor Glück kaum laufen können: Gott hat mir vergeben, hat mich angenommen und will was mit mir anfangen. Ich müsste doch nun eigentlich rumlaufen und selbst auch vergeben und nachsehen und andere aufrichten, was das Zeug hält. Verrückt, dass ich so oft nicht bereit bin, zu vergeben und stattdessen auf mein Recht bestehe. Ich scheine wirklich nicht mehr zu retten zu sein.

Aber unsere Geschichte geht ja noch weiter:

Was für ein verrückter Jesus...

Eigentlich sind wir doch alle hoffnungslose Fälle. Gott vergibt uns alles, er opfert seinen eigenen Sohn, um uns zu vergeben, und wir sind nicht in der Lage, einander unsere Fehler und Schwächen nachzusehen. Gott ist unglaublich barmherzig uns gegenüber, und wir gehen so ungnädig miteinander um. Eigentlich hoffnungslose Fälle…

Aber nicht für Jesus. Jesus gibt einfach nicht auf. Er warnt und mahnt und lockt und ermutigt und kämpft um uns – um dich und mich – wie ein Löwe. Für Jesus gibt es definitiv keine hoffnungslosen Fälle. Er stellt uns die Frage: Was wäre denn, wenn Gott dir gegenüber so unbarmherzig wäre wie du es andern gegenüber bist? Jesus setzt darauf, dass sogar wir es lernen können, Vers 35, einander zu vergeben, ein jeder seinem Bruder.

Der Jesus, der unser Gleichnis erzählt, das ist ja der, der noch am Kreuz für seine Folterer gebetet hat: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das ist der Jesus, dem wir nachfolgen, dessen Jünger wir sind und von dem wir lernen dürfen und wollen. Und er macht uns Mut, dass das wirklich geht.

Ein Freund, der von sich selbst meint, dass er nicht glaubt, hat mit vor kurzem, als wir zusammensaßen, gesagt: Weißt du, was mich wirklich beeindruckt hat, war, dass Erich Honecker damals, als er entmachtet war, ausgerechnet von einem Pastor bei sich zuhause aufgenommen wurde. Das hat mich beeindruckt. Da stand einer, Pastor Uwe Holmer ist sein Name, demonstrativ ein für Vergebung und Versöhnung, für Gnade. Ganz offenbar hatte er unser Gleichnis gründlich gelesen und verinnerlicht. Pastor Holmer begründete sein Verhalten nämlich so: „Ohne Vergebung gibt es kein Leben.“ Auch wenn das schon 25 Jahre her ist, erinnern sich noch viele an diese Demonstration der Vergebung.

Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass es wirklich geht. Vergebung kann man lernen und Vergebung kann man leben. Jesus jedenfalls ist so verrückt, gerade uns das zuzutrauen.

Und mal ehrlich: Wie würde unsere Welt wohl aussehen, wenn wir Christen damit endlich ernstmachten und mit Vergebung so großzügig und verschwenderisch umgingen wie unser Herr es tut. Es wäre bestimmt eine andere Welt – davon bin ich überzeugt.

Für einen kurzen Moment der Stille nach der Predigt möchte ich euch einladen, an jemanden zu denken, der euch Unrecht getan oder euch verletzt hat. Jemanden, über den ihr euch geärgert habt oder auf den ihr sauer seid. Bestimmt gibt’s da wen. Und dann lasst uns in der Stille vor Gott diesen Menschen vergeben. Fangen wir einfach damit an.

Donnerstag, 30. April 2015

Nicht immer, aber immer öfter: Collarhemd

Bis vor gar nicht langer Zeit war die Sache für mich klar: Das Collarhemd steht für ein "High Church"-Kirchenverständnis und für ein priesterliches Selbstverständnis dessen, der es trägt. Pastoren, die Collar tragen, betonen den Abstand ihrer selbst zur Gemeinde und halten sich möglicherweise sogar für "was besseres". Das war mein Bild, und mein Misstrauen war Collarträgern deshalb stets gewiss.

Irgendwann hab ich mich dann mal länger mit einem der Kollegen unterhalten, die man fast immer mit Collar sieht. Der Kollege hat erzählt, wie es ihm damit ergeht. Wir haben viel gelacht und: Es ist ihm gelungen, mich neugierig zu machen. Bis dahin hatte ich selbst Collarhemden - wenn überhaupt - im Gottesdienst getragen. Aber nun wollte ich es einfach mal probieren, das auch außerhalb zu tun.

Gesagt, getan: Am nächsten Tag saß ich also mit Collarhemd in meinem Stammcafe, ging damit durch die Fußgängerzone und nahm bewusst den Bus auf dem Weg zu einem Hausbesuch. Und was soll ich sagen? Die Erfahrungen, die ich machte, waren bemerkenswert:

  • Ich war für die Menschen erkennbar als Vertreter der Kirche. Das Collarhemd ist eine Art Signal: Ja, ich komme von der Kirche. Und: Ja, ich bin darauf auch ansprechbar, wenn du das willst. 
  • Im Cafe setzte sich jemand zu mir. "Darf ich Sie was fragen?" Schnell entwickelte sich ein Gespräch über den Glauben. 
  • Im Bus sprach mich ein Flüchtling an, der erst seit kurzem hier in der Stadt lebt. Zuhause habe er immer in einem Neuen Testament gelesen, das er aber nach Deutschland nicht mitnehmen konnte. Ob ich ihm vielleicht... Nichts leichter als das.
Als ich am Abend dieses Experimentes Bilanz zog, konnte ich nicht umhin, festzustellen: So einfach und unkompliziert war ich noch nie mit mir fremenden Menschen über den Glauben ins Gespräch gekommen. 

Seitdem trage ich nicht immer, aber immer öfter Collarhemden - nicht so sehr innerhalb der Gemeinde, sondern am liebsten gerade dann, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Im Alltag. 

Natürlich gibt es dabei auch negative Erlebnisse. Einmal hat ein junger Mann aus einer Gruppe Jugendlicher, die an mir vorbeigingen, demonstrativ ausgespuckt. Das kann passieren. Aber das wars dann auch schon. 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Zum Hochkirchler werde ich sicher nicht mehr. Schon gar nicht durch ein Hemd. Und zu einem Pastor, der ein priesterliches Bild von sich selbst hat und das in der Gemeinde lebt, hoffe ich auch nicht. Aber gerne bin ich in der Stadt erkennbar als ein "Mann der Kirche", den man ansprechen kann auf den Glauben und die Zweifel, die man hat, und der sich Zeit nimmt für ein Gespräch über Gott und die Welt und das Leben. 

Und wenn ich heute ohne Collar unterwegs bin, dann kann es passieren, dass ich mich abends darüber wundere, dass heute gar nichts Besonderes vorgefallen ist und ich niemanden besser kennengelernt habe. Schade eigentlich, oder?