Montag, 10. März 2014

Wüstenzeiten

(Predigt in der EmK Detmold am 09.03.2014)

Um die Wüste geht es im Evangelium für den heutigen ersten Sonntag der Passionszeit. Ich lese Matthäus 4,1-11:

“(1) Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt. Dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. (2) Als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. 
(3) Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiel, dass aus diesen Steinen Brot wird. (4) Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. 
(5) Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel (6) und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab. Denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. (7) Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. 
(8) Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg. Er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht (9) und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. (10) Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. 
(11) Darauf ließ der Teufel von ihm ab und es kamen Engel und dienten ihm.” 

So weit der Bericht von Jesu Wüstenerfahrung. Es ist ja schon bemerkenswert, eine wie wichtige Rolle die Wüste in der gesamten Bibel spielt:


  • Denken wir zum Beispiel an Mose. In der Wüste begegnet er am Horeb Gott. Der beruft ihn und teilt ihm seinen geheimnisvollen Namen mit. 



  • Oder Israel. Nach der Befreiung aus Ägypten wandert das Volk Gottes 40 Jahre durch die Wüste, bevor es ins Gelobte Land einziehen darf. Hier ist die Wüste der Ort der Läuterung und der Erziehung des Volkes durch Gott, zugleich aber auch der Weg in die Freiheit. Beides gehört in Israels Geschichte zusammen: Es gibt keinen anderen Weg in die Freiheit als den durch die Wüste. Ohne Wüstenerfahrung kein gelobtes Land. 



  • Denken wir an Johannes den Täufer. Er bereitet dem Herrn den Weg, indem er die Menschen zur Umkehr und zum Neubeginn mit Gott aufruft. Und wie macht er das? Indem er sie in die Wüste ruft. Die Menschen sollen raus aus ihrem Alltag in die Wüste kommen, um umzukehren zu Gott. 



  • Oder als letztes Beispiel Paulus: Als er berufen wurde, die Botschaft von Jesus auch zu den nichtjüdischen Völkern zu bringen, da ging er als erstes - na wohin? - in die Wüste. Er zog sich zurück aus der Welt und ging in die Wüste. Allein mit sich und mit Gott, um sich seines Auftrags gewiss zu werden. 


Eigentlich kein Wunder also, dass Jesus, bevor er öffentlich auftritt, “vom Geist (Gottes) in die Wüste geführt” wird, wie Matthäus es schreibt. Die Einsamkeit, Kargheit und Abgeschiedenheit der Wüste ist ganz offenbar der bevorzugte Ort Gottes, wenn es darum geht, dass Menschen sich ihrer Berufung - oder Gottes oder des Sinns ihres Lebens bewusst werden. Bewusstwerdung - das findet in der Wüste statt.

Vielleicht ist das ein Trost für die, die gerade unfreiwillig eine Wüstenerfahrung machen. Vielen geht es ja so: Unfreiwillige Wüstenerfahrungen machen zum Beispiel viele Trauernde oder Kranke, die sich allein und einsam fühlen oder die schwermütig sind. Die sich mit Fragen nach dem Sinn ihres Lebens plagen, auf die sie keine rechte Antwort wissen. Das sind solche unfreiwilligen Wüstenerfahrungen. “Ich komme abends nicht in der Schlaf”, sagen die dann oft, “weil ich immer so viel grübeln muss.” Vielleicht ist das tatsächlich ein Trost, zu wissen: Es kann sein, dass Gott gerade die Wüstenerfahrung nutzt, damit du neue Klarheit gewinnst: Klarheit über dich selbst, über dein Leben und über deine Beziehung zu andern und zu Gott. Bewusstwerdung - das findet in der Wüste statt.

Was wir dann über die 40 abgeschiedenen Tage Jesu in der Wüste lesen, kennen wir unter dem Begriff “Versuchung”: Nach 40 Tagen des Fastens sieht sich Jesus dem Teufel, dem Bösen in Person also, ausgesetzt. Und der versucht ihn. Interessant ist der Vers 1. Da heißt es: “Dort (in der Wüste) sollte Jesus vom Teufel in Versuchung geführt werden.” Er sollte. Gott wollte das so. Deshalb wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt.

Sicher - das haben wir vorhin in der Lesung aus dem Jakobusbrief gehört: Gott will nicht, dass Menschen zum Bösen verführt werden. Gott ist keiner, der mit uns spielt. Aber Gott will diese Wüstenerfahrung Jesu - auch für uns. Er will, dass wir uns den zentralen Fragen des Lebens aussetzen, damit wir uns selbst und unsere Beziehung zu Gott finden.

Denn hinter den drei Versuchungen Jesu verbergen sich drei ganz zentrale Lebensfragen:

Die erste Frage in den Versen 3 bis 4 ist die Frage nach den Werten: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiel, dass aus diesen Steinen Brot wird. Mit andern Worten: Was im Leben ist dir wirklich wichtig? Diese Frage steckt hinter der Versuchung. Wovon lebst du? Woran hängt dein Herz? Wirst du am Ende aufgefressen von der ständigen Sorge um dein leibliches Wohlergehen? Bist du gefangen in Äußerlichkeiten und hast schon längst deine Seele daran verloren? Welche Werte zählen für dich? Was ist dir wirklich wichtig? Eine ganz entscheidende Lebensfrage - diese Frage nach den Werten, die sich Jesus - und uns - in der Wüste stellt.

Die zweite Frage in den Versen 5 bis 7 ist die Frage nach dem Glauben. Seinen Engeln befiehlt Gott, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Also stürz dich doch hinunter, meint der Teufel. Woran glaubst du? Worauf verlässt du dich im Leben? Bist du besessen von Angst und von dem Gedanken, für dich selbst sorgen zu müssen? Ist der Glaube für dich nur ein Spiel? Oder traust du dich, im Vertrauen darauf, dass Gott für dich sorgt, dich mutig von ihm führen zu lassen? Kann Glauben, Vertrauen zu deinem Lebensstil werden? Vertrauen auf Gott, auf deine Frau oder deinen Mann, auf deine Freunde? Die Frage nach dem Glauben - Worauf vertraust du? - stellt sich Jesus und uns in der Wüste.

Und die dritte Frage in den Versen 8-10 ist die Frage nach der Macht. Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Wie wichtig ist dir die Macht? Was bist du bereit, dafür zu tun? Zum Beispiel deine Macht in der Familie oder auch in der Gemeinde, am Arbeitsplatz und und und. Brauchst du Macht für dein Ego? Sehnst du dich danach? Gebrauchst du sie gerne? Gehst du verantwortungsvoll damit um und nutzt sie für andere? Oder nutzt du sie nur aus, um dich selbst durchzusetzen? Die dritte wichtige Lebensfrage, die sich in der Wüste stellt.

Drei zentrale Lebensfragen kommen also dort - in der Wüste - hoch: die Frage nach den Werten (Was ist dir wirklich wichtig in deinem Leben?) , die Frage nach dem Glauben (Worauf und auf wen vertraust du?) und die Frage nach der Macht (Wozu lebst du?). Jesus findet auf alle drei Fragen Antworten, die seine Verkündigung und sein ganzes Leben anschließend, wenn er aus der Wüste zurückkehrt, prägen werden und für die er schließlich leiden und sterben und auferstehen wird. Jesus findet durch die Auseinandersetzung mit den entscheidenen Lebensfragen in der Wüste zu sich selbst. Also auch hier: Bewusstwerdung in der Wüste.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass wir die Wüste brauchen, um uns über die entscheidenden Lebensfragen bewusst zu werden. Sogar Jesus ging das so. Wie war das? Ohne Wüste kein Weg in die Freiheit. Ohne die Erfahrung der Einsamkeit, des Alleinseins, des Leerwerdens keine Bewusstwerdung meiner selbst und Gottes und des Lebens. Wir brauchen die Wüste als Ort der Bewusstwerdung.

Genau deshalb mag ich die Passions- und Fastenzeit. Nicht als Zeit des Verzichts um seiner selbst willen, sondern als Chance auf eine Wüstenerfahrung. Ich möchte die Passionszeit nutzen, mich den Lebensfragen zu stellen, denen ich sonst gerne ausweiche: Was ist mir wirklich wichtig? Worauf vertraue ich? Woran hängt mein Herz? Wo erliege ich ungesunden und schädlichen Abhängigkeiten? Und vor allem: In welchen Lebensbereichen wäre eine Umkehr gut für mein Leben und für meine Beziehungen zu Gott und zu den Menschen? Wo brauche ich Umkehr? Von dieser Frage möchte ich mich in den 40 Tagen der Passionszeit begleiten lassen. Wo brauche ich Umkehr?

Eine Hilfe, um Antworten auf diese Frage zu finden, kann dann tatsächlich das Fasten, der Verzicht sein: 7 Wochen ohne - wie es viele in der Passionszeit tun. Oder auch das Neulernen des Fastens, wie es in der Bibel beschrieben wird: einmal in der Woche einen Tag lang ganz auf feste Nahrung verzichten, um leer zu werden für Gott, um mir meiner Abhängigkeit von Gott neu bewusst zu werden - und sich an diesem Tag sozusagen in die Wüste führen zu lassen. Dahin, wo die Fragen sind, an den Ort der Bewusstwerdung.

Mittwoch, 5. März 2014

Eine Frau voller Liebe

"Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll kostbarem wohlriechendem Öl zu ihm und goss es über sein Haar. Die Jünger wurden unwillig, als die das sahen, und sagten: Wozu diese Verschwendung? Man hätte das Öl teuer verkaufen und das Geld den Armen geben können. Jesus bemerkte ihren Unwillen und sagte zu ihnen: Warum  lasst ihr die Frau nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer. Als sie das Öl über mich goss, hat sie meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat." (Matthäus 26,4-13)

Gewalt, Vernichtung, Verrat und Machmissbrauch. Darum geht es in Matthäus 26 und auch in der heutigen Tagesschau. Die Mächtigen wollen Jesus aus dem Weg haben - diesen Störenfried - , ihn endlich zum Schweigen bringen. Dazu wird am Ende Blut fließen müssen - so viel scheint schon jetzt klar. Die Mächtigen nehmen das bewusst in Kauf.

Aber mitten darin, zwischen all der Gewalt, lesen wir von verschwenderischer Liebe, von Zuneigung und Zärtlichkeit. Die einzige Frau, von der in Matthäus 26 die Rede ist, sorgt für diesen Bruch im Text. Zärtlich salbt sie Jesus mit wohlriechendem Öl. Sie ahnt wohl, dass er sterben muss, weil die Mächtigen das so wollen - weil sie seine unkonventionelle und radikale Liebe nicht ertragen. Deshalb bringt sie ihm ihre ganze Zärtlichkeit. Vor all den Männern um ihn herum salbt sie ihn. Was für eine mutige, zärtliche und ganz buchstäblich liebe-volle Frau. Liebevoll - voll mit Liebe.

Wie dankbar ich bin, dass von ihr in der Bibel eben auch die Rede ist. Aus Liebe tut sie, was sie tut. Voller Hingabe, voller Zärtlichkeit - und ohne irgendwelche Worte. Sie wehrt sich nicht, als sie angefeindet wird von den Männern um Jesus herum.

Für wen steht diese Frau? Sie steht für all die, die auch heute der Gewalt und dem Hass ihre Zärtlichkeit und Liebe entgegensetzen. Ohne große Worte zu machen. Sie steht für all die, die sich nicht anstecken lassen von der Hysterie und Machtgeilheit derer, die das Sagen haben. Sie steht für all die, die versuchen, die Liebe mitten in all dem Hass einfach zu leben. Sie steht für all die, die den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen und für die “Erfolg” eben nicht die entscheidende Kategorie ist. Für all diese Menschen steht diese eine Frau mit ihrer Geschichte in der Bibel.


Und deshalb ist es gut, was Jesus über sie sagt: “Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an diese Frau erinnern und erzählen, was sie getan hat.” (Vers 13, Einheitsübersetzung)

Sonntag, 2. März 2014

... und zog in unsere Nachbarschaft

"Und das Wort Gottes wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut und zog in unsere Nachbarschaft"
(Johannes 1,14 - The Message, ins Deutsche übertragen)

(Predigt, gehalten in der EmK Detmold am 02. März 2014)

“Dass in unserer Gemeinde gerade etwas aufbricht, merke ich,” sagt sie, als wir uns gegenübersitzen. “Ich spüre, dass da gerade was Neues entsteht, dass sich was bewegt. Aber ich weiß noch nicht so richtig, wohin uns das führt. Mir ist nicht nicht klar, wohin Gott mit uns geht.” Ich höre ihr zu und stelle fest: Mir geht es ganz ähnlich. Gott ist mit uns unterwegs. Wir spüren, dass er uns an die Hand nimmt und uns einen Weg zeigen will, den Menschen in Detmold zu dienen. Aber wie dieser Weg genau aussieht, das wissen wir noch nicht. Ein paar Tage später hab ich am Schreibtisch gesessen und auf der Website von Fresh Expressions gestöbert. Eine Menge Mutmachgeschichten gibt es da - deshalb besuche ich diese Website sehr gerne. Und eine davon hat mich an diesem Tag besonders angesrochen, weil sie fast sowas wie eine Antwort ist auf das Gespräch ein paar Tage vorher. Es ist die Geschichte aus der englischen Stadt Cirencester. Dort gibt es ein Programm der örtlichen anglikanischen Kirchengemeinde, das sich UpperRoom nennt – das obere Zimmer also. Ich möchte in dieser Predigt vom „Cafe Hinterzimmer“ sprechen. Gegründet wurde das „Cafe Hinterzimmer“ im Jahr 2008 von Leuten aus der Kirche. Die Geschichte auf der Website stammt von Kim Hartshorne, der Leiterin des Programms. Sie erzählt, was das “Cafe Hinterzimmer” für die Mitarbeitenden und vor allem für die Menschen in der Stadt bedeutet. Für mich war die Geschichte von Kim so ermutigend und bestärkend, dass ich beschlossen habe, sie ins Deutsche zu übersetzen und zu einem Brief an uns hier in der EmK Detmold umzuformulieren. Hört also den Brief von Kim Hartshorne an uns: „Liebe Detmolder Geschwister. Ich habe gehört, dass ihr euch aufgemacht habt zu den Menschen in eurer Stadt, um dem Ruf Jesu zu folgen. Ihr probiert eine Menge aus - unter anderm einen “Offenen Donnerstag”, an dem ihr eure Kirche für Ruhe-Suchende öffnet und zusammen mit allen, die das wollen, zu Abend esst, spielt und betet. Und ihr seid unsicher, wohin euch dieser Weg noch führt. Stimmts? Deshalb schreibe ich euch. Ich möchte euch erzählen von unserem “Cafe Hinterzimmer”, um euch Mut zu machen und euch zu stärken. Das Ziel des “Cafe Hinterzimmer” ist es, Menschen, die sonst nichts mit der Kirche zu tun haben, mit der Liebe Gottes in Verbindung zu bringen. Die Leute kommen ja nicht mehr selbstverständlich in die Kirche. Also müssen wir mit der Liebe Gottes eben zu ihnen gehen. Bei uns im „Cafe Hinterzimmer“ gibt es eine Regel. Und die heißt: Jeder ist willkommen und wird so akzeptiert, wie er ist. Punkt. Darüber gibt es keine Debatten. Das gilt. Unsere Gesellschaft hat sich ja in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Sie entwickelt sich immer schneller und schneller – und viele Menschen leben isoliert von diesen Entwicklungen. Sie werden nicht gehört und haben nicht teil an der Gesellschaft. Besonders vielen Armen geht das so. Sie sind abgehängt. Wir in der Gemeinde hatten das Gefühl, dass Jesus gerade diese Leute willkommen geheißen hätte. Und so beschlossen wir, seine Hände und Füße zu sein. Wir versuchen also, wie Jesus den Menschen Gottes Liebe zu zeigen, indem wir ihnen deutlich machen, dass jeder von ihnen einzigartig ist, wertvoll, schön und dazu geschaffen, Gottes Ebenbild zu sein. Über einem Laden in der Marktstraße - mitten im Ort - haben wir eine leere Wohnung gemietet und darin unser „Cafe Hinterzimmer“ eröffnet. Immer montags bis freitags haben wir am Vormittag offen und heißen jeden und jede mit einem Pott Kaffee oder Tee willkommen. Bezahlen muss man dafür nichts. Außerdem bieten wir nachmittags Meditationskurse an, essen zusammen und unterstützen Bürgerinitiativen am Ort, indem wir ihnen unsere Räume für ihre Versammlungen zur Verfügung stellen. Viele, die den Weg zu uns finden, um bei uns einen Kaffee zu trinken oder an einem Kurs teilzunehmen, haben keinen kirchlichen Hintergrund. Wenn sie ein Problem haben und mit uns darüber sprechen, bieten wir ihnen natürlich an, für sie oder mit ihnen zu beten. Wir erklären, dass Jesus sich für die kleinen Dinge des täglichen Lebens tatsächlich interessiert. Wir reden auch über das, was die Bibel sagt, und über unsern Glauben, aber wir legen Wert darauf, dass die Atmosphäre es erlaubt, auch ganz anderer Meinung zu sein oder eine skeptische Haltung zu Gott insgesamt zu vertreten. So versuchen wir, den Leuten zu helfen, sich auf den Weg des Glaubens zu machen – nicht von oben herab, sondern als Weggefährten – auf Augenhöhe. Auf manche kleine und große Gebete hin haben wir schon Antworten erlebt – manchmal beeindruckende Antworten. Trotzdem fällt uns auf, dass sich die persönliche Situation vieler unserer Gäste in Bezug auf ihr finanzielles Auskommen, ihre Familienprobleme und ihre psychische Verfassung in den letzten Jahren verschlechtert hat. Begonnen hat 2008 alles damit, dass einige aus unserer Gemeinde sich getroffen haben, um miteinander zu beten. Für unsere Stadt haben wir gebetet und darauf gehofft, Wege zu finden, als Gemeinde auf die Straße zu gehen und in die Stadt hinein zu wirken. Wir hatten Sehnsucht danach, dienend für die Menschen in der Stadt und mit ihnen unterwegs zu sein – und von dieser Sehnsucht haben wir Gott in unsern Gebeten erzählt. „Wie und wo willst du, Gott, dass wir den Menschen in unserer Stadt dienen?“ Irgendwann erfuhren wir von einigen leeren Räumen direkt in der Marktstraße. Wir besorgten uns die Schlüssel vom Eigentümer und trafen uns dort, um direkt vor Ort zusammen zu beten. 12 Leute waren wir, und wir spürten sehr deutlich Gottes Gegenwart, als wir dort zusammenkamen. Das schien der richtige Ort für unsere Mission zu sein. Und so fingen wir dann einfach an. Unser „Cafe Hinterzimmer“ wird angenommen von Leuten, die oft mit der traditionellen Kirche nichts anfangen können. „Kirche,“ denken sie, „das ist nichts für Leute wie uns. Das ist mehr was für saubere und adrette Leute in schicken Klamotten, aber nichts für uns.“ Viele unserer Gäste sind Obdachlose oder Süchtige oder psychisch Kranke. Ich glaube, die traditionelle Kirche funktioniert für diese Menschen zu sehr über den Kopf, über das Denken. Sie aber müssen das Evangelium nicht nur hören, sondern sehen und vor allem anfassen können, damit sie es glauben. Also kommen sie vorbei, um einen Kaffee oder Tee zu trinken und mit uns über das zu reden, was gerade in ihrem Leben passiert. Wir bieten ihnen an, mit ihnen zu beten, aber wir helfen ihnen auch zum Beispiel bei Briefen an Ämter, die sie schreiben müssen oder gehen mit ihnen zusammen hin, um sie zu unterstützen und ihnen den Rücken zu stärken. Diese praktischen Dinge gehören für uns zum Evangelium dazu. Wenn Jesus zu jemandem kommt, dann dürfen wir erwarten, dass sich etwas ganz praktisch in seinem Leben verändert. Also versuchen wir, herauszufinden, wo Jesus anfangen will, den Menschen, die zu uns kommen, zu dienen. Und dann machen wir eben mit. Deshalb haben wir zum Beispiel einen Alphabetisierungskurs begonnen. Einige unserer Gäste konnten nämlich nicht lesen. Jetzt können sie es im “Cafe Hinterzimmer” lernen. Die Message-Bibelübersetzung sagt in Johannes 1,14: „Das Wort wurde Fleisch und zog in unsere Nachbarschaft.“ Das ist eine gute Übersetzung. Jesus verändert die Nachbarschaft, wenn er kommt. Deshalb arbeiten wir auch zusammen mit Initiativen und Vereinen und andern Gemeinden und eben allen, die auch versuchen, Brücken für die Menschen ins Reich Gottes zu bauen. Was ist das „Cafe Hinterzimmer“ heute, nach 5 Jahren? Ich denke, es ist eine Art Mini-Sozialberatung, kombiniert mit einer kleinen Volkshochschule, einem Gebetsraum und einem Café. Es ist eine Fortsetzung der Kirche mit anderen Mitteln, die heute einfach dran sind – so wie die Methodisten in der Viktorianischen Zeit Schulen eingerichtet und die Sklaverei bekämpft haben. Es ist eine Form von Kirche, die aufgehört hat, die Menschen immer und immer wieder vergeblich zu sich einzuladen. Stattdessen haben wir angefangen, zu den Menschen hinzugehen und uns mit ihnen – da, wo sie leben – aufzumachen in die neue Welt Gottes. „Das Wort wurde Fleisch und zog in unsere Nachbarschaft.“ Die ganze Welt gehört ja Gott – alles. Deshalb sind wir Kirche mitten in der Welt. Bisher haben wir kein Treffen am Sonntag – keinen eigenen Gottesdienst. Aber es scheint, dass Gottes Geist uns gerade dahin drängt, darüber nachzudenken. Wir beten und warten, wohin Gott uns führt. Ich bin sicher, dass sich da etwas entwickelt. Wir wissen noch nicht, wie das aussehen wird – unser Team wartet noch, aber Gott ist unterwegs mit uns und hat einen Plan. Unsere Leute entwickeln mehr und mehr ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie freuen sich, einander und uns zu begegnen und haben das Gefühl, dazuzugehören. Manchmal höre ich Sätze wie: „Warum gehen wir nicht mal zusammen ins Kino?“ oder „Sollen wir den Geburtstag von … nicht hier zusammen feiern?“ Zu Ostern habe ich deshalb beschlossen, alle zu mir nach Hause zu einem Grillnachmittag einzuladen. Wir wollen feiern, dass wir zusammengehören - und dass wir zu Jesus gehören. Dazugehören – das ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft heute. Viele werden von den Entwicklungen in der Gesellschaft abgehängt und haben eben nicht mehr das Gefühl, dazuzugehören. Im „Cafe Hinterzimmer“ erfahren sie etwas anderes. Da gehören sie dazu. Wenn wir Menschen helfen können, teilzuhaben und dazuzugehören, sich sicher zu fühlen und Teil einer Gemeinschaft zu sein, dann sind wir mitten auf dem Weg des Evangeliums hinein in die Welt, in die Nachbarschaft, mitten auf dem Weg der Mission Gottes. Liebe Geschwister in Detmold. Ich schreibe euch das nicht, um euch neidisch auf unser Programm zu machen. Und auch nicht, damit ihr das gleiche macht wie wir. Das “Cafe Hinterzimmer” scheint das zu sein, was zu uns passt. Das, womit wir den Menschen hier in unserer Stadt dienen können. Bei euch kann es ähnlich sein - oder auch was ganz anderes. Ich schreibe euch das, um euch Mut zu machen. Ihr habt euch aufgemacht in die Nachbarschaft, aber ihr wisst noch nicht, wohin euch Gott damit führt. Ihr habt noch kein Bild vor Augen, wie eure Mission am Ende genau aussehen wird. Vertraut darauf, dass Gott euch führt, und bringt ihm eure Fragen. Betet darum, dass er euch zeigt, wie ihr am besten den Menschen dienen könnt. Er wird es tun, denn sein Weg heißt: “Das Wort Gottes wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut und zog in unsere Nachbarschaft.” Herzlich eure Kim Hartshorne” (Der Originalbericht über das Programm UpperRoom findet sich auf der Website: https://www.freshexpressions.org.uk/stories/upperroom)

Montag, 24. Februar 2014

Bibellesen im Dialog mit Gott: Die Lectio Divina

(Predigt in der EmK Detmold am 23.02.2014)

Habt ihr den Wochenspruch noch im Ohr, liebe Schwestern und Brüder? “Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.” So die Mahnung aus Hebräer 3,15. Wenn ihr Gottes Stimme also wahrnehmt, dann folgt ihr auch und stellt euch nicht taub.


Ich habe meine Schwierigkeiten mit dieser Ermahnung. Nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil ich den Eindruck habe, sie trifft nicht so richtig unser Problem heute. Das Wort setzt ja voraus, dass wir Gottes Stimme hören und sagt dann: Wenn ihr sie hört, dann folgt ihr auch. Aber stimmt diese Voraussetzung für uns überhaupt noch? Hören wir denn Gottes Stimme? Spricht er überhaupt zu uns? Und wenn ja: Nehmen wir seine Worte wahr? Spricht er unsere Sprache?


Besonders beim Lesen der Bibel scheint mir das unser Problem heute zu sein: Wir vernehmen dabei nur selten, wenn überhaupt, Gottes Wort an uns. Ich höre das zumindest oft so: “Mit der Bibellese tu ich mich im Moment sehr schwer. Die Texte sagen mir nichts.” Oder jemand anders: “Das ist ganz schön weit weg von mir, was ich da lese. Was hat das mit mir zu tun?” Und ein dritter: “Ich geb mir wirklich Mühe, jeden Tag in der Bibel zu lesen, aber dass mir das was bringt, kann ich nicht sagen.”


Das ist die Problemanzeige heute: Wir hören in der Bibel nicht oder nur selten Gottes Wort an uns. Wir lesen die Worte zwar, aber sie treffen uns nicht. Ich glaube, deshalb tun sich viele mit dem täglichen Lesen in der Bibel so schwer.


Ich möchte euch heute eine Technik des Bibellesens vorstellen, die mir persönlich geholfen hat, aus dieser Falle rauszukommen. Es gab Zeiten in meinem Leben, da hab ich morgens schnell die Losungen gelesen, weil man das eben so macht - und 20 Minuten später hatte ich sie wieder vergessen. Dann hab ich mir vorgenommen: Das muss anders werden. Und ich hab mir einen Bibellesekalender gekauft, der der ökumenischen Leseordnung folgt und jeden Tag das kurze Stück Bibel erklärt. Aber wirklich verändert hat das nichts: Jeden Tag las ich das kleine Stück in der Bibel, klappte dann die Bibel zu, las den Kommentar und vergaß dann alles. Mit meinem Leben, mit meinen Fragen und Sorgen und Problemen hatte das alles nichts zu tun. Gottes Wort an mich? Das hörte ich in all dem nicht.


Die Form, Bibel zu lesen, die ich euch heute vorstellen möchte, hat das verändert. Mir hat sie geholfen, mit der Bibel zu leben statt sie nur zu lesen. In ihr nicht immer, aber oft Gottes Wort an mich zu hören, über das Lesen der Bibel mit Gott ins Gespräch zu kommen und mich von ihm verändern zu lassen.


Es geht um die Lectio Divina. Ein lateinischer Name, der nur schwer ins Deutsche zu übersetzen ist. “Göttliche Lesung” müsste man da wohl sagen, wenn man`s wörtlich nimmt. Aber was ist damit gemeint? Mir gefällt als deutsche Übersetzung von Lectio Divina am besten “Betend Bibellesen”. Denn darum geht es: Bibellesen als Gespräch, als Dialog mit Gott.


Die Lectio Divina ist eine sehr alte Methode des Bibellesens. Sie ist in der Alten Kirche entstanden, etwa im 4.Jahrhundert zur Zeit der Wüstenväter und -mütter. Gepflegt und angewandt wurde sie immer in den Klöstern von Nonnen und Mönchen. Aber auch evangelische Theologen wie August Herrmann Francke haben sie praktiziert und für sie geworben. In den letzten Jahren gewinnt sie immer mehr Anhänger - vielleicht deshalb, weil wir eben nicht allein sind mit unserm Problem: dass wir so selten Gottes Wort an uns persönlich vernehmen, wenn wir in der Bibel lesen. Wir teilen dieses Problem mit vielen Menschen unserer Zeit. Und die Lectio Divina ist eine Möglichkeit, Hilfe zu finden.


Was schlägt die Lectio Divina also vor? Wie rät sie mir, die Bibel zu lesen.


Als erstes raten die Alten: Wenn du wirklich Gott hören willst, dann musst du vorher erst einmal zur Ruhe kommen. Still werden. Stell Radio und Fernseher aus, mach das Handy lautlos und setz dich still hin. Gönn dir ein paar Minuten, um zur Ruhe zu kommen. Manchen hilft es, bewusst auf ihren Atem zu achten. Manche schließen eine Weile die Augen. Eine gute Vorbereitung auf das Lesen der Heiligen Schrift ist die Meditation oder zum Beispiel das Jesusgebet. Anleitungen dazu könnt ihr gerne von mir bekommen. Wie auch immer: Wichtig ist, dass du erstmal zur Ruhe kommst, bevor du liest. Denn wie war das bei Elia, als er Gottes Stimme nicht mehr hörte? Gott lud ihn ein, sich auf den Berg zu stellen. Dann kam ein großer Sturm und zog vorbei - aber Gott war nicht im Sturm. Dann kam ein Erdbeben - aber Gott war nicht im Erdbeben. Dann kam ein Feuer - aber Gott war nicht im Feuer. Und erst dann kam Gott - nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern als sanftes, leises Säuseln. (1. Könige 19,10-13) So redet Gott, so sanft und leise. Wenn wir ihn hören wollen, dann müssen wir zuerst ruhig, ganz still werden.


Und dann, wenn wir still sind, dann schlagen uns die Alten in der Lectio Divina 4 Schritte vor, um über das Lesen der Bibel mit Gott ins Gespräch zu kommen:
1. die Lectio - das Lesen
2. die Meditatio - das Besinnen
3. die Oratio - das Beten und
4. die Contemplatio - das Schauen als Beginn des neuen Handelns


Erstens also: Lectio - Lesen.


Das ist einfach, denkt ihr jetzt vielleicht. Also schnell weiter zum zweiten Schritt. Das ist ein Irrtum. Denn die Lectio, die die Alten vorschlagen, hat nichts mit dem Tempolesen zu tun, das wir uns angewöhnt haben. Es geht nicht um ein schnelles Überfliegen und Aufnehmen der wesentlichen Informationen des Textes, sondern um echtes, aufmerksames, langsames Lesen. In Psalm 85,9 heißt es: “Ich will hören, was der Herr spricht.” Das ist die Haltung, mit der wir lesen.


Welchen Text du dabei liest, ist ganz offen. Das kann der Abschnitt sein, aus dem die Tageslosung oder der Lehrvers des Tages stammt, das kann die Lesung nach dem Kirchenjahr sein (zu jedem Tag unten links im Losungsbuch) oder die fortlaufende Bibellese (unten rechts im Losungsbuch) oder auch auch ein ganz anderer Text. Ich empfehle gerne die fortlaufende Bibellese, der auch die Bibellesehilfen folgen, die wir zum Jahreswechsel hier verkauft haben. Warum? Erstens, weil sie einem ökumenischen Leseplan folgt. Ich lese also jeden Tag mit vielen Christen aus verschiedenen Kirchen den gleichen Text. Und zweitens, weil sie in 4 Jahren in kleinen Portionen durch fast die ganze Bibel führt. Alle Bücher der Bibel, auch die schwierigen, lernst du kennen, wenn du ihr folgst. Aber das ist nur eine Empfehlung.


Wichtig ist, dass du wirklich aufmerksam liest. Schlage den Text auf und lies ihn langsam und aufmerksam - am besten sprichst du beim Lesen mindestens halblaut mit. Dann lies ihn nochmal von vorn - ebenso langsam, und dann nochmal. Wenn du ihn dreimal gelesen hast, dann solltest du langsam vertraut mit dem Text werden. Versuch aufzunehmen, was der Text sagt, und beim dritten Lesen frage dich, welches Wort oder welcher Satz dir besonders ins Auge fällt. An welchem Wort oder Satz bleibst du persönlich hängen. Was spricht zu dir?


Denn dann kommt der zweite Schritt: die meditatio - das Bedenken.


Dieser zweite Schritt hat besondere Bedeutung. Er ist besonders wichtig. Das Lesen war geprägt von der Frage: Was sagt der Text? Das Meditieren folgt der Frage: Was sagt der Text mir?


Die Wüstenväter und -mütter raten: Nimm das Wort oder den Satz, der dich besonders angesprochen hat und “ruminiere” ihn. “Ruminare” heißt “wiederkäuen”. Schließe die Augen und lass das Wort oder den Satz auf dich wirken. Wiederhole den Satz still immer wieder, lass ihn auf dich einwirken, in dir nachlingen und denke über ihn nach. Mach ihn dir zueigen. Was hat der Satz mit deinem Leben zu tun? Was bedeutet er dir? Was bringt er in dir zum Schwingen? Fordert er dich heraus? Was könnte Gott dir ganz persönlich mit diesem Satz heute sagen wollen?
Nimm dir etwas Zeit für diesen zweiten Schritt - einige Minuten mit geschlossenen Augen nur für dich und deinen Satz oder dein Wort. Hier kann es geschehen, dass du tatsächlich - wie damals Elia - Gottes leises Reden zu dir vernimmst. Meditatio - Bedenken.


Wir dürfen bei diesem zweiten Schritt darauf vertrauen, dass der Heilige Geist in uns am Werk ist. Wir dürfen uns vom Heiligen Geist leiten lassen, durch den Jesus gegenwärtig ist. Vertrauen wir einfach darauf. Als, wie Lukas 24 erzählt, einmal zwei Jünger unterwegs waren und der auferstandene Jesus, ohne dass sie ihn erkannten, ihnen den Sinn der Schrift erklärte, da bezeugten sie hinterher: “Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?” (Lukas 24,32) Darauf dürfen auch wir hoffen, dass Jesus uns durch seinen Geist den Sinn der Schrift erschließt.


Aus diesem zweiten Schritt folgt fast natürlich der dritte: die Oratio.


Oratio heißt Beten. Gemeint ist: Wir antworten Gott auf das, was er uns in der Meditatio gesagt hat. Wir treten mit Gott in den Dialog. Wir formulieren unsere Fragen zu dem Wort oder Satz, den wir meditiert haben, wir sagen, was uns bewegt, was wir uns vielleicht vornehmen wollen, was wir erwarten und erhoffen oder wofür wir dankbar sind. Betend antworten und so im Gespräch mit Gott sein.


Wir sind es gewohnt, zu reden. Viel zu reden. Deshalb besteht heute die Gefahr, dass wir zu früh, zu schnell von der Meditatio, in der wir den Satz oder das Wort, das uns besonders anspricht, auf uns wirken lassen zur Oratio, zum Antworten, übergehen. Also: Bremsen wir uns da ein wenig. Erst hören, dann antworten.


Aber dann auch wirklich antworten - beten. Es hilft, wenn wir das, was uns bewegt an dem Text, was uns herausfordert oder wichtig ist, auch in Worte fassen und Gott zurückspiegeln. Das Formulieren hilft - auch wenn es nur ein Stammeln  und alles andere als druckreif ist. Das ist gar nicht schlimm.


Wenn wir so unsere Antworten an Gott formuliert und ausgesprochen haben, dann sagen die Alten: Steh jetzt noch nicht auf und geh los, sondern gönn dir den vierten Schritt: die Contemplatio - das Ruhen in Gott.


Bleib noch ein wenig sitzen, lass die Augen geschlossen und schweige. Sage nichts und erwarte nichts, sondern schweige einfach in dem Bewusstsein, dass Gott da ist. Genieße diese Gegenwart vor Gott.


Wir müssen wissen, dass die Kontemplation, dieses schweigende Ruhen in Gott, für die Alten kein Gegensatz zur Aktion, zum aktiven Handeln war. Im Gegenteil: Die Alten waren der Meinung: Kontemplation ist die Voraussetzung für zielgerichtetes Handeln. Nur wer die Ruhe vor Gott genießt und auskostet, der kann danach auch losgehen und aus seiner Beziehung zu Gott heraus leben und handeln.


Also gönn sie dir ruhig, diese Zeit des Ruhens und Schweigens und Schauens und des Genießens der Gegenwart Gottes.


Gott hören beim Lesen der Schrift - Gottes Wort an mich persönlich vernehmen beim Bibellesen - das ist möglich. Vielleicht ist es heute schwerer geworden, als es zu früheren Zeiten war, aber es ist immer noch möglich. Eine Hilfe dabei kann die Lectio Divina sein, mit der wir anknüpfen an die Art und Weise, in der unsere Mütter und Väter im Glauben die Bibel gelesen haben: sehr alt und doch sehr tauglich für unsere Zeit:


Komm zur Ruhe und dann tritt über den Bibeltext ein in einen Dialog zu Gott in vier Schritten:
1. Lectio - Lies den Text laut und langsam und aufmerksam mindestens 3 mal.
2. Meditatio - Nimm das Wort oder den Satz, der dich besonders anspricht, und meditiere ihn. Lass dir Zeit, die Worte in dich aufzunehmen, wiederhole sie immer wieder, sinne ihnen nach, lass sie in Ruhe auf dich wirken. Was haben sie mit deinem Leben heute zu tun? Was könnte Gott dir mit ihnen sagen wollen?
3. Oratio - Antworte Gott, indem du ihm deine Gedanken sagst. Sprich mit ihm. Und
4. Contemplatio - Steh jetzt nicht sofort auf und geh, sondern gönn dir einige Augenblicke der Stille vor Gott, des Ruhens in ihm. Dieses Ruhen bereitet dich auf dein - durch Gottes Wort erneuertes Handeln - vor.


Vielleicht probiert ihr es ja mal aus. Ich wünsche mir, dass ihr so gute Erfahrungen mit dieser alten Methode macht wie ich.

Amen.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Eine kurze Anleitung zur Meditation


(von Uwe Hanis, zusammengestellt aus Material der Weltgemeinschaft für christliche Meditation WCCM)

1.) Warum wir meditieren

Die Praxis der christlichen Meditation geht auf Jesus selbst zurück. Jesus lehrt uns in der Berg­predigt, wie wir beten sollen. Dabei lehrt er:

a) die Innerlichkeit des Betens. „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden.“ Stattdessen: „Wenn du aber betest, geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“ (Mt. 6,5f.)

Der lebendige dreieinige Gott ist in uns – in jedem von uns. Er lebt und ist uns nah – näher als wir selbst uns sind. Deshalb geschieht rechtes Beten innerlich. Jesus lehrt

b) die Bedeutung der Stille beim Beten. „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Hei­den; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Mt. 6,7f.)

Viele unserer Gebete sind voll von Bitten und Fürbitten. Wir bitten Gott wortreich um dieses oder jenes. Aber wenn Gott doch immer schon weiß, was wir brauchen, dann geht es im Gebet nicht darum, Gottes Aufmerksamkeit für unsere Wünsche und Nöte zu gewinnen. Stattdessen lehrt uns das Gebet in der Stille, jenseits der Worte, wie wir aufmerksam für Gott sein kön­nen. Jesus lehrt,

c) dass es möglich ist, im Gebet die eigenen Ängste und Sorgen hinter sich zu lassen. „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anzie­hen werdet.“ (Mt. 6,25)

Wir verschwenden so viel Zeit damit, Essen und Trinken und Kleidung und allerhand anderes zu kaufen und darüber nachzudenken. Jesus sagt: Lasst euch von diesen Dingen nicht auffressen. Er sagt nicht, wir sollen uns um diese Dinge nicht kümmern – um unser physisches Wohlergehen und, vielleicht noch wichtiger als das, um das Wohlergehen anderer. Aber wir sollen uns davon nicht auffressen lassen.

Stattdessen: „Seht die Vögel unter dem Himmel an.“ Und „schaut die Lilien auf dem Feld an.“ (Mt. 6,26 ff.) Betrachtet die Schönheit der Welt, in der ihr lebt. Die Schönheit und Bedürfnislosig­keit der Blumen auf dem Feld und der Vögel am Himmel. Diese Schönheit aufmerksam wahrzu­nehmen, kann uns helfen, von der Besessenheit durch unsere Begierden frei zu werden. Und Jesus lehrt

d) die Bedeutung der Sammlung, der Aufmerk­samkeit für Gott beim Beten. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerech­tigkeit, so wird euch alles andere zufallen.“ (Mt.6,33) Richtet eure Aufmerksamkeit ganz auf Gott. Er ist die ultimative Realität. Aufmerksam­keit und Sammlung, darum geht es beim Beten.

Ganz im Jetzt und Hier sein. „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Sei­ne sorgen.“ (Mt.6,34) Im Gebet dürfen wir unse­re Sorgen, Ängste, Wünsche, Pläne und Gedan­ken loslassen und uns ganz in Gottes Gegenwart sammeln. Genau das aber ist Meditation.

2.) Die Wiederentdeckung christlicher Meditation

Jesus selbst lehrt uns also das kontemplative (schauende) Gebet. Er ist unser Lehrer.

Und doch war die Meditation viele Jahrhunderte lang im westlichen Christentum kaum verbreitet – ja, sie galt oft sogar als ausgesprochen ver­dächtig.

Meditation gibt es ja auf der ganzen Welt – in al­len Kulturen und Religionen. In allen großen Re­ligionen wird sie gelehrt und praktiziert. Sie ist ein einfacher Weg, durch Stille und ruhige Auf­merksamkeit über die Ebene des Verstandes hin­aus zum Herzen zu gelangen. Jeder Mensch kann meditieren!

Im westlichen Christentum wurde die Meditati­on als geistliche Übung erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt – obwohl sie in der frühen Kir­che weit verbreitet war. Das hing zusammen mit einer Wiederentdeckung der Lehren frühchristli­cher Mönche über das Gebet, der sogenannten Wüstenväter und -mütter. Sie hatten an die Leh­re Jesu angeknüpft und pflegten in der Wüste das kontemplative, also das innerlich schauende Gebet der Ruhe.

Eine wichtige Rolle bei dieser Wiederentde­ckung der kontemplativen Tradition des Chris­tentums spielte John Main. Er hat beschrieben, wie einfach wir die Meditation lernen können.

3.) Wie wir meditieren

Nach John Main ist Meditation bemerkenswert einfach. Alles, was wir tun müssen, ist:

  • Setze dich hin. Sitze ruhig da mit möglichst aufrechtem Rücken. Schließe sanft die Au­gen.
  • Dann beginne damit, innerlich und still ein Wort zu rezitieren – dein Gebetswort oder Mantra. Wir empfehlen das alte christliche Gebetswort „Maranatha“. Sprich es inner­lich in vier gleich langen Silben aus: Ma-ra-na-tha. Atme ganz normal und rich­te deine ganze Aufmerksamkeit auf das Wort, in­dem du es innerlich immer wieder sagst: ruhig, sanft, treu und vor allem ein­fach. Der Kern der Meditation ist Einfach­heit.
  • Bleibe bei dem glei­chen Gebetswort wäh­rend der ganzen Meditation und Tag für Tag. Stelle es dir nicht vor, sondern höre gleichsam das Wort, wenn du es innerlich sprichst.
  • Lass alle Gedanken (auch die guten!), alle Vorstellungen und alle anderen Worte bei­seite. Kämpfe nicht gegen Ablenkungen, sondern lass sie gehen, indem du treu, sanft und aufmerk­sam dein Wort sagst und deine Aufmerksamkeit immer wieder auf dein Wort richtest. Kehre einfach so­fort zu ihm zu­rück, immer wenn du merkst, dass du aufgehört hast, es innerlich zu wiederholen oder dass deine Aufmerksam­keit von etwas anderem abgelenkt wird.


Meditiere möglichst zweimal am Tag für 15, spä­ter 30 Minuten. Es braucht vielleicht einige Zeit, bis du dich an diese tägliche Übung gewöhnst. Sei geduldig mit dir selbst. Wenn du die tägliche Me­ditation einmal oder eine Weile lang versäumt hast, fange einfach von neuem damit an.

4.) Das Gebetswort

John Main und auch sein Schüler und Nachfolger in der Leitung der Weltgemeinschaft für christli­che Meditation Laurence Freeman empfehlen für die christliche Meditation das Gebetswort oder Mantra „Maranatha“. (1. Kor.16,22) Dabei handelt es sich um einen Gebetsruf in aramäi­scher Sprache, also in der Muttersprache Jesu, der in etwa „Komm, Herr“ bedeutet.

Welches Gebetswort du wählst, hängt aber ganz von dir ab. Es sollte ein Wort aus der christlichen Tradition sein, das zu dir passt und das für dich zum Symbol deiner Aufmerksamkeit für Gott werden kann. Eine Auswahl möglicher Gebets­worte für die Meditation findest du hinten am Ende dieses Artikels. 

5.) Der Zusammenhang der Meditation mit dem christlichen Lebensvollzug

Die Meditation sollte immer eingefügt sein in das gesamte Leben des Glaubens. Andere geistliche Übungen sollen keinesfalls ersetzt werden, sondern können und sollen im Gegen­teil im Licht der Meditation frischen Sinn bekom­men: das regelmäßige Lesen der Bibel, der Got­tesdienst, das Abendmahl und andere Formen des Gebetes. Christliche Meditation ist recht ver­standen immer ein Teil des gesamten christli­chen Glaubensvollzugs.

Wir meditieren, um unsere Aufmerksamkeit von uns selbst weg und auf Gott hin zu richten. Medi­tation ist also eine Tat der Liebe zu Gott und der Hingabe an ihn. Deshalb überrascht es nicht, wenn wir durch die regelmäßige Meditation mehr und mehr von der Liebe geprägt werden. Das wird sich mit der Zeit auf all unsere Bezie­hungen auswirken. Und es wird uns dazu führen, anderen zu dienen – vor allem denen, die in Not sind.

Und jetzt? Wähle dein Gebetswort und kehre dann einfach zu Punkt 3.) zurück und versuch es selbst. Fang einfach an.



Eine Auswahl möglicher Gebetsworte für die Meditation:

O Gott, komm mir zu Hilfe. Herr, eile mir zu helfen
Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner
Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner
Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner
Jesus Christus, erbarme dich meiner
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes
Jesus – Ich in dir und du in mir
Jesus, Messias, Sohn Gottes
Jesus Christus, Sohn Gottes
Jesus, erbarme dich meiner
Mein Gott und mein Alles
Dein Wille geschehe
Herr Jesus Christus
Herr, erbarme dich
Komm, Herr Jesus
Jesus Erbarmen
Christe eleison
Jesus Christus
Kyrie eleison
Jesus Liebe
Herr Jesus
Maranatha
Immanuel
Jesus, du
Christos
Adonai
Jesus
Abba


Probiere am Anfang ruhig einige Gebetsworte aus. Auf Dauer solltest du jedoch ein Wort fin­den, das zu dir passt und zu deinem ganz persön­lichen Gebetswort wird, und bei ihm bleiben.

Weitere Infos: www.wccm.org
www.wccm.de


Freitag, 31. Januar 2014

Jesus und die Meditation


Jesus – der Lehrer des Gebets (von Laurence Freeman)1

Lehrer. Mit diesem Namen wird Jesus in den Evangelien häufiger als mit jedem anderen angesprochen: Meister, Rabbi, Lehrer. Das ist die häufigste Bezeichnung Jesu in den Evangelien.

Was aber bedeutet das? Was lehrt uns denn Jesus? Lehrt er uns Regeln und Gesetze? Oder lehrt er uns die besten Methoden, um die Gebote Gottes zu halten?

Mehr als alles andere ist Jesus ein Lehrer der Kontemplation2. Sie ist eines seiner wichtigsten Unterrichtsfächer. Das will ich in diesem Aufsatz zeigen, und das scheint mir sehr wichtig zu sein. Und doch wird diesem Thema häufig wenig Bedeutung beigemessen, wenn wir über Jesus nachdenken oder sprechen oder schreiben.

Wenn du die Evangelien aufmerksam liest, und darin besonders auf das achtest, was Jesus über das Gebet sagt, dann erkennst du ganz deutlich, dass und wie er uns das kontemplative Gebet lehrt. Nehmen wir zum Beispiel Jesu Worte in der Bergpredigt in Matthäus 5-7:

1. Innerlichkeit
Als erstes warnt uns Jesus vor äußerlicher Religion. Äußerliche Religion kann einfach Eitelkeit sein. Jesus sagt: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden.“3 Betet also nicht äußerlich, für die Leute, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, um euer Ansehen oder euren Ruhm bei ihnen zu steigern. Stattdessen: „Wenn du aber betest, geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“4 Geh in dein Inneres und bete zu deinem himmlischen Vater, der an diesem geheimen Ort ist. Geheim – geheimnisvoll – mystisch5.

In der Meditation können wir lernen: Wir selbst sind ein Geheimnis, Gott ist ein Geheimnis, und die Tiefen unseres Geheimnisses, wenn wir in sie hineingehen, öffnen uns für das Geheimnis Gottes.

Also: Das erste Element der Lehre Jesu über das Gebet ist Innerlichkeit. Im Gebet geht es um Innerlichkeit statt äußerlicher Religion.

2. Stille 

Dann lehrt uns Jesus die Stille: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.“6 Das ist sehr wichtig für das christliche Verständnis des Gebetes. Wir neigen nur allzu oft dazu, unglaublich viele Worte zu machen. Wir füllen unsere Gottesdienste mit schier unendlich vielen Worten – und oft auch mit wunderschönen Gebeten. Aber wir verlieren dabei die Stille. Jesus dagegen betonte sehr klar die Bedeutung der Stille im Gebet.

Und Jesus sagt, der Grund dafür ist: „Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“7 Gott weiß schon, was ihr braucht, bevor ihr es ihm erzählt. Viele unserer Gebete sind voll von Bitten und Fürbitten. Wir bitten Gott wortreich darum, dieses oder jenes zu tun. Aber wenn Gott doch immer schon weiß, was wir brauchen, bevor wir ihn bitten, verändert das die Art und Weise, in der wir unsere Bitten und Fürbitten vor Gott bringen.

Wir müssen nicht durch unser Beten Gottes Aufmerksamkeit gewinnen. Wir müssen Gott nicht dazu bewegen, seine Meinung zu ändern. Wir müssen Gott nicht dazu bringen, zu unseren Gunsten zu handeln.

Denn Gott weiß schon, was wir brauchen, bevor wir ihn bitten. Das zu lernen kann uns ungeheures Vertrauen geben, um still vor Gott zu sein, um im Gebet einfach still ganz in seiner Gegenwart zu sein. Statt dass wir Gottes Aufmerksamkeit für uns gewinnen, geht es dann im Gebet darum, dass wir lernen, aufmerksam für Gott zu sein.

3. Loslassen 

Das nächste Element der Lehre Jesu über das Gebet handelt davon, Ängstlichkeit und Sorgen hinter sich zu lassen. Jesus sagt: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.“8
Wir verwenden so viel Zeit darauf, Essen und Trinken und Kleidung und allerhand anderes zu kaufen und darüber nachzudenken. Jesus sagt: Lasst euch von diesen Dingen nicht auffressen. Er sagt nicht, wir sollen uns um diese Dinge nicht kümmern – um unser physisches Wohlergehen und, vielleicht noch wichtiger als das, um das Wohlergehen anderer. Aber wir sollen uns davon nicht auffressen lassen. Lasst euch nicht vom Kunsumterror gefangen nehmen - davon, immer das neueste und beste haben zu müssen.

Jesus lehrt uns: „Seht die Vögel unter dem Himmel an.“9 Und „schaut die Lilien auf dem Feld an.“10 Betrachtet die Schönheit der Welt, in der ihr lebt. Die Schönheit und Bedürfnislosigkeit der Blumen auf dem Feld und der Vögel am Himmel. Diese Schönheit zu betrachten und aufmerksam wahrzunehmen, kann uns helfen, von der Besessenheit durch unsere Begierden frei zu werden.

4. Aufmerksamkeit 

Jesus lehrt uns: Seid aufmerksam – gesammelt. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“11 Richtet eure Aufmerksamkeit auf Gottes Reich, das die ultimative Realität ist, mehr als auf alles andere. Aufmerksamkeit. Also nicht unentwegt von einem Gedanken zum nächsten springen oder von einer Aktivität zur nächsten, sondern aufmerksam sein für das Reich Gottes unter uns und in uns. Aufmerksam sein – darum geht es im kontemplativen Gebet.

5. Ganz da sein

Und zuletzt lehrt Jesus: Seid ganz im Jetzt. „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“12 Seid ganz im Jetzt, seid aufmerksam und lernt im Gebet, eure Sorgen und Ängste und Gedanken loszulassen.

Über das Wortemachen hinausgehen in eine vertrauende liebende Aufmerksamkeit hinein. Den inneren Raum finden, in dem unser Herz offen ist für das Geheimnis Gottes in uns. Darum, so lehrt uns Jesus, geht es im Gebet.

Wie kann diese Lehre Jesu über die Kontemplation zu unserer Praxis werden? Durch Meditation empfangen wir das Geschenk der Kontemplation. Meditation ist ein Weg, zur Kontemplation zu gelangen. Ein einfacher Weg, zu dem jede und jeder von uns in der Lage ist. Wenn du mit einem sechsjährigen Kind meditierst, dann merkst du, wie einfach und natürlich die Meditation ist.

Lernen zu meditieren heißt, lernen zu sein. Es heißt, ganz zu leben, in Beziehung zu mir selbst und in Beziehung zur Welt um mich herum. Es heißt, mir selbst zu erlauben, das Geheimnis Gottes zu berühren, in dem wir jeden Tag und jeden Moment sind und leben und uns bewegen. 

1Übertragung ins Deutsche eines Videos von Laurence Freeman, das hier zu finden ist: http://www.youtube.com/watch?v=4ZYxN6dK-ZM
2Von lat. contamplare = anschauen, betrachten meint die mystische Schau Gottes in Ruhe und sanfter Aufmerksamkeit.
3Mt 6,5
4Mt 6,6
5Griechisch mystikos = geheimnisvoll
6Mt 6,7
7Mt 6,8
8Mt 6,25
9Mt 6,26
10Mt 6,28
11Mt 6,33
12Mt 6,34